Buchbesprechung Antifaschist, verzage nicht … ! (Michael Tocha)

Ekkehard Hausen/Hartmut Danneck: Widerstand und Verfolgung in Schwenningen und Villingen 1933-1945. Neckar-Verlag Villingen, 1990

Dieses Werk ist eine der ganz seltenen Darstellungen der jüngsten Geschichte dieser Stadt – schon darin liegt Verdienst! Wie überall, so neigen auch die Villinger Heimatforscher dazu, sich auf Frühgeschichte und Mittelalter zu konzentrieren: Alemannengräber, 999, Zähringer, Habsburger – diese und ähnliche Themen werden ohne Zweifel häufiger bearbeitet als andere. Denn durch eine lange und auch bemerkenswerte Geschichte gewinnt die Stadt, in der man sich zu Hause fühlt, an Rang und Bedeutsamkeit. Daher erntet Wohlwollen und Anerkennung, wer zur Vertiefung dieser Dimension städtischen Selbstbewußtseins beiträgt. Überdies engen Fragestellung wie Quellen den Blick des Forschers manchmal so auf einzelne Gesichtspunkte ein, daß er die ganze Wirklichkeit aus den Augen verliert. Die Enge, die Krankheiten und der Hunger, die alltägliche Not des Mittelalters werden ausgeblendet; das Leben in der alten Stadt nimmt idyllische Züge und einen Glanz an, die der Wirklichkeit allenfalls eingeschränkt entsprechen. Die neuere und neueste Geschichte bieten nicht so viele Möglichkeiten der problemlosen Identifikation. Wer über Industrialisierung schreibt, muß von großartigen Leistungen, aber eben auch von Elend und Ausbeutung erzählen. Den Nationalsozialismus dann gar ließen viele am liebsten unberührt. Dieses Thema ist nur noch unerfreulich, bringt bohrende Fragen und Vorwürfe hervor, vielleicht auch gegen Menschen, die unter uns leben. Nur – Verdrängen löst nichts. Selbstbewußt, d. h. unserer selbst bewußt können wir nur sein, wenn wir unsere ganze Geschichte so, wie sie gewesen ist, annehmen und die richtigen Fragen und Antworten aus ihr herleiten: Wie konnte alles so geschehen? Und was können wir lernen?

Junge Leute stellen solche Fragen mit großem Ernst. Mit ihnen sind die Autoren, beide Lehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium am Hoptbühl, 1986 auf Spurensuche gegangen und haben zahlreiche Zeitzeugen befragt. Deren Erfahrungen werden durch das vorliegende Buch vor dem Vergessen gerettet. Man kann nur ahnen, welcher Aufwand notwendig war, um so viele Informationen zusammenzutragen. Dabei ist das Buch viel mehr als nur die geordnete Dokumentation von „oral history“ – die Befunde vor Ort werden vernetzt in Verstehenszusammenhängen und Fragestellungen der historischen Forschung, z. B.: Hätte eine einheitliche Arbeiterbewegung den Nationalsozialismus verhindern können? Welche Einstellungen bedingen Nähe und Distanz der Katholiken zu den braunen Machthabern? Damit sind zugleich die thematischen Schwerpunkte angesprochen. Wie der Titel erkennen läßt, enthält das Buch einen Schwenninger und einen Villinger Teil. In Schwenningen war die Spurensuche offenbar ertragreicher: den Vorgängen dort sind rund zwei Drittel der Seiten gewidmet. Jeder dieser beiden Hauptteile wird eingeleitet durch eine Darstellung der NS-Machtergreifung. Es folgen jeweils zwei große Kapitel, die den Widerstand der Arbeiterbewegung sowie der Kirchen (in Schwennin-gen der evangelischen, in Villingen der katholischen) behandeln.

Auch Villinger Lesern sei die Schilderung der Schwenninger Ereignisse ans Herz gelegt. An dieser Stelle sollen aber einige Bemerkungen zum Villinger Teil genügen. Aufschlußreich ist die Analyse des Villinger Sozialmilieus, das stark vom Katholizismus geprägt war. Die Arbeiterbewegung (SPD, KPD, Gewerkschaften) stellten hier nur eine Minderheit dar. Der Nationalsozialismus faßte nur allmählich in Villingen Fuß; zu einer braunen Hochburg wurde die Stadt keineswegs (S. 120). Um so bemerkenswerter ist, wie es den Nationalsozialisten trotz solch ungünstiger Voraussetzungen gelang, die Stadt zu beherrschen: durch brutale Machtausübung einerseits, andererseits aber auch durch die von bestimmten Grundüberzeugungen erleichterte Anpassung bürgerlicher Kreise. So bietet auch unsere Stadt Einblick in die Mechanismen, die immer und überall Diktaturen möglich machen. Geradezu spannend lesen sich die Berichte, wie kleine Gruppen im Untergrund unter großen Gefahren antinazistische Schriften aus der Schweiz hierher schmuggelten und verteilten (S. 135-137).

Im Vorwort legen die Verfasser dar, daß sie unter Widerstand „neben dem aktiven illegalen Kampf gegen das Regime auch die oppositionelle Haltung, die (passive) Verweigerung und den Willen zur Selbstbehauptung gegenüber einem totalen Staat“ verstehen (S. 7). Beabsichtigt ist also eine Geschichte des alltäglichen Widerstands „kleiner Leute“. Das ist angesichts der Sachlage der einzig sinnvolle Ansatz; denn herausragende Helden des Widerstands waren, wie überall in Deutschland, so auch in Villingen die Ausnahme. Der weit gefaßte Widerstandsbegriff trägt aber nicht das ganze Buch. Beim Lesen verstärkt sich der Eindruck, daß Widerstand in erster Linie verstanden wird als politisch motiviertes Handeln, das die Schwächung des Regimes zum Ziel hat. In dieser Kategorienbildung spiegelt sich die intensive Beschäftigung mit dem Widerstand in der Arbeiterbewegung. Ihn mit ins Zentrum der Darstellung zu rücken, ist die ausdrückliche Absicht der Autoren (S. 8). So sollen „fortschrittliche, obrigkeitskritische und demokratische Traditionslinien“ aufgespürt werden, die, wie die Autoren zu Recht betonen, im Zeichen des Kalten Krieges allzu oft verschwiegen worden sind.

Eignet sich ein politischer und handlungsorientierter Widerstandsbegriff auch, um die Rolle der Kirchen (oder sollte man besser sagen: von Christen?) zu untersuchen? Die Verfasser stellen selber fest, daß mit den Kategorien „Anpassung“ und „Widerstand“ das Verhalten der Villinger Katholiken nicht zu erfassen sei (S. 139). Sie deuten auch an, daß nicht deren Handeln, sondern zunächst ihre oppositionelle Haltung der geeignetere Gegenstand der Betrachtung sein könnte. Diese Linie wird aber nicht weitergezogen, vielmehr wird nun etwas unvermittelt die bekannte und ohne Zweifel bedenkliche Anpassung der Kirchenführung, vor allem des Freiburger Erzbischofs Gröber, an die nationalsozialistischen Machthaber dargestellt. Dabei enthält der Text keinerlei Hinweis auf den gegenwärtigen Streit um Gröber: War er übertrieben angepaßt oder ein mutiger Widerständler – oder beides? (In diesem Zusammenhang wäre es aufschlußreich gewesen zu ermitteln, was Gröber 1937 im Villinger Münster predigte: Wofür erhielt er Beifall, aus welchem Grund gab es im Anschluß Schlägereien zwischen Gottesdienstbesuchern und Nationalsozialisten? – vgl. 5.141) Es geht den Autoren darum aufzuzeigen, daß die Bedingungen für Widerstand aus dem katholischen Milieu heraus wenig günstig gewesen seien. Gerade dann aber erscheinen die vielen Zeugnisse von Verweigerung und Widerspruch, die sie in Villingen zusammengetragen haben, umso beachtlicher.

Solche Widersprüche werden leider nicht in eine gedankliche Beziehung zueinander gestellt. Das abschließende Fazit gelangt nicht von der Zusammenschau von taktischer Anpassung „oben“ und Bekennermut „unten“ zu einer differenzierten Würdigung dessen, was Menschen in Villingen durchgestanden und geleistet haben. Statt dessen werden völlig undialektisch Urteile nur „von oben“ hergeleitet. Haben Katholiken in Villingen den Nationalsozialismus wirklich nur wegen seiner „Dynamik, seine(r) rüden Methoden und v. a. seine(r) Angriffe auf kirchliche Besitzstände abgelehnt“ (5.144)? Ging es ihnen nur um ihr Vereinsleben und ungestörte Fronleichnamsprozessionen? Woher nahm ein Mann wie Ewald Huth die Kraft, so aufrecht in den Tod zu gehen? Weil der Widerstandsbegriff der Autoren Motivationen jenseits des Politischen gar nicht erfaßt, kommt es zu Feststellungen wie der, das katholische Milieu habe sich nicht als Bollwerk der Demokratie erwiesen (S. 144). Gewiß, das trifft zu für eine Kirche, die Autorität und Hierarchie manchmal bis zum Überdruß betont. Aber gerade deshalb ist es als Bilanz trivial nach allem, was die Autoren über „die Geradlinigkeit und Unbeugsamkeit vieler Villinger Katholiken“ zu berichten wußten.

Ihre Orientierung an politisch motiviertem Handeln verstellt den Verfassern den Blick auf wichtige Möglichkeiten von Widerstand. Wir wagen die Behauptung, daß der Umgang der Einheimischen mit den Tausenden von Zwangsarbeitern in Villingen der Bereich war, in dem Herrenmenschengehabe und Sadismus, aber auch Widerstand dagegen am häufigsten vorkamen: Jede menschliche Geste, jedes Gespräch, jedes Stück Brot war ein Protest gegen den Rassenwahn. Es gibt Hunderte von Villingern, die dazu berichten könnten. Vielleicht läge hier Stoff für eine eigene Darstellung. Selbst wenn man dem vorliegenden Werk zugesteht, daß es sich nicht ins Uferlose verlieren kann: Ein einziger Satz zu diesem wichtigen Thema (S. 138) reicht nicht aus.

Solche Einwände beziehen sich nur auf einzelne Passagen. Im Ganzen bleibt zu betonen: Das Buch von Hausen und Danneck ist ein notwendiges, ein überfälliges Werk. Es gründlich zu lesen und zu bedenken verhilft dazu, die eigene Lebenswelt und verantwortliches Handeln in ihr von der Geschichte her zu begreifen.