Das Schicksal der Villinger Benediktinerkirche (Hermann Preiser)

nach der Säkularisation bis zum Verkauf durch die Stadt an die katholische Kirchengemeinde im Jahre 1912

Die Grundsteinlegung der Benediktinerkirche erfolgte am 16. Mai 1688 durch den Abt Roman von St. Blasien. Die Kirche wurde erst im Jahr 1712 vollendet und war damals noch ohne Turm.

Im Preßburger Frieden vom 26. Dezember 1805 wurde Villingen Württemberg zugeschlagen, was durch ungenügendes Kartenmaterial und unklare Angaben des württembergischen Königs mitverursacht war. Obwohl die Württemberger sich nur wenige Monate des Besitzes der Stadt erfreuen konnten, so haben sie ihr während dieser Zeit doch großen Schaden zugefügt. Sie haben das Benediktinerkloster aufgehoben und den ganzen beweglichen Klosterbesitz nach Stuttgart weggeführt oder hier versteigert. Selbst die liturgischen Gewänder haben sie mitgenommen und die Kirche dadurch entehrt, daß sie den in den Klosterkellern vorgefundenen Wein während eines Gottesdienstes in der Kirche versteigert haben.

Kurze Zeit danach gelangte Villingen durch die Akte des Rheinbundes vom 12. und 16. Juli 1806 an das neugegründete Großherzogtum Baden. Das Benediktinerkloster übernahm nun der badische Fiskus. Der Klosterkirche wurde weiterer Schaden zugefügt: Die Silbermannorgel und das Glockenspiel wurden nach Karlsruhe verbracht zum Einbau in die evangelische Stadtkirche. Die wertvolle Klosterbibliothek wanderte zu Teilen nach Karlsruhe und in die Universitätsbibliothek Freiburg.

Einer der letzten Mönche des Klosters, Pater Schönstein, schrieb 1824 in seiner Geschichte des Stifts St. Georgen: „Die Klosterkirche, dieser herrliche Tempel, in dessen Hallen das Lob Gottes bei Tag und Nacht so herzerhebend erscholl, und ein so erbaulich und prachtvoller Gottesdienst gefeiert, wobei die heiligsten Religionsgeheimnisse dem herbei strömenden Stadt- und Landvolke bereitwilligst ausgespendet wurden; dieser Tempel ist nun aller Zierde entblößt, geschlossen, gegenwärtig aber zu Staatsbedürfnissen geeignet!“

Die Klosterkirche wird 1832 exsekriert und zwanzig Jahre lang als Salzlager für die Dürrheimer Saline verwendet. Anfangs der 1830er Jahre wurden Kirche und Klostergebäude für 6000 Gulden vom badischen Staat an die Stadt Villingen verkauft. Sie diente fortan mit einer kurzen Unterbrechung 1850-1852 nur noch weltlichen Zwecken. 1876 Große Schwarzwälder Gewerbe- und Industrieausstellung. Dazu wurde die Kirche außen und innen etwas restauriert.

1880 Festakt zum Schulabschluß des Realgymnasiums. 1882 Antrag des Realgymnasiums auf Überlassung der Kirche zur Abhaltung des Winterturnens. Der Stadtrat lehnte ab.

1882 Erstmals wurden die Benediktinerkirche sowie die Knaben- und Mädchenschule zur Unterbringung von Soldaten während der Manöverzeit in Anspruch genommen. In der Kirche wurden 376 Mann einquartiert, sie haben sich aber darin wenig respektvoll benommen. Sie hängten den Heiligenfiguren Uniformstücke um, stellten eine solche Figur auf die Kanzel mit einem Besen in der Hand und einem Schild um den Hals: »Petrus Stubendienst“. Auch sonst trieben sie in der Kirche groben Unfug, so daß sogar auswärtige Zeitungen wie der Karlsruher „Badische Beobachter“ sich mit dem Fall beschäftigten. Es wurde auch die Gruft aufgebrochen und alte Villinger erzählen, daß da unten mit Totenschädeln gekegelt worden sei. 1887 Vom 18. bis 24. August fand in der Kirche das 1. Sängerfest des Schwarzwaldgaues statt. Da weithin kein so großer Raum zu finden war und die Akkustik des Kirchenraumes sehr gelobt wurde, fanden viele weitere Konzerte in der Kirche statt.

Im gleichen Jahr wurde die Kirche auch als Schreinerwerkstatt benutzt. Unter Leitung eines Kasernenbau-inspektors wurde für Berlin eine große Probebaracke mit einer Länge von 26 m, einer Breite von 6 m und einer Höhe von 5 m hergestellt. Darin sollten 64 Betten Platz finden. Dach und Wände bestanden aus einer Masse gepreßt aus Holz, Stroh und Öl. Die Baracke konnte, um Transportraum zu sparen, in verschiedene Teile zerlegt werden, und sie war bestimmt für die Unterbringung der Wachen vor Festungen.

1890 fand in der Kirche ein großes Konzert der Villinger Gesangvereine, des Münsterchores und der Stadtmusik unter Leitung von Musikdirektor Häberle statt.

1893 wurde vom Münsterchor das Oratorium „Paulus“ aufgeführt.

1894 veranstalteten die Kapellen des Inf. Regt. 113 und 114 ein großes Militärkonzert in der Kirche.

1895 besuchte Prälat Kneipp die Stadt Villingen und hielt in der Kirche vor 800 bis 1000 Personen einen Vortrag über die Wasserheilkunde.

Schon kurz vor der Jahrhundertwende wurde mit der Restaurierung der Kirche begonnen. Nach einem lang gehegten Wunsch der Bürgerschaft sollte die Kirche wieder für den Gottesdienst, besonders für den Schülergottesdienst und die Christenlehre benutzt werden. Auch sollte die Kirche während der bevorstehenden Münsterrenovation der Gemeinde zur Verfügung stehen.

 

Richard Ackermann 1947

Der Außenputz wurde erneuert, neue Fenster wurden eingesetzt und die Kirchenbänke wieder aufgestellt.

1900 Am 8. September war der von der Firma Gebr. Metzger in Überlingen restaurierte Hochaltar eingetroffen. Die Kanzel wurde von Schreinermeister Armbruster und Holzschnitzer Moog ergänzt und ausgebessert und dann von Malermeister Schäfer dem Hochaltar entsprechend gefaßt.

1902 war die Kirche wieder in ordentlichem Zustand und konnte ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben werden, sie blieb aber noch im Eigentum der Stadt. 1910 Am 28. April kam beim Verkauf eines Anwesens der Kaplanei „St. Urban“ an die Stadt eine Vereinbarung zustande, nach der die Stadt den Katholiken die Benützung der Kirche bis zum 15. Oktober 1919 einräumte. 1911 standen Reparaturen mit Kosten von 12.000 Mark an, die die Stadt nicht bezahlen wollte. Sie wandte sich daher an den Stiftungsrat mit dem Wunsch, daß die Pfarrei die Kirche kaufen solle. Die Stadt stellte für den Verkauf noch andere Bedingungen: z. B. sollte der der Pfarrei gehörende Anteil des Friedhofes abgegeben werden. Der katholische Stiftungsrat erklärte sich daraufhin bereit, in Kaufverhandlungen einzutreten und bot der Stadt zunächst 10.000 Mark und das der Pfarrei gehörende Friedhofsgrundstück mit Ausnahme der Friedhofkapelle an. Der Gemeinderat aber verlangte 20.000 Mark, wenn er die Vorlage dem Bürgerausschuß unterbreiten solle.

Die Benediktinerkirche hat eine Grundfläche von 1088 m2 und einen Feuerversicherungswert von 155.000 Mark. Der abzugebende Friedhofsanteil mißt 60 Ar und 48 m2 und wird auf 10.000 Mark geschätzt. Das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg hatte den ausgehandelten Bedingungen zugestimmt unter der Voraussetzung, daß der Zugang zur Friedhofskapelle der katholischen Kirche vorbehalten bleiben soll.

Der Gemeinderat wollte nun die Verkaufssumme auf 25.000 Mark erhöhen. Der Stiftungsrat sah die hohen Instandsetzungskosten und lehnte ab. Er war auch der Meinung, daß die Stadt an der Abhaltung des Schülergottesdienstes selber auch Interesse haben müsse.

Gegen den Verkauf der Kirche an die Katholiken hatte schon am 1. Dezember 1911 die evangelische Gemeinde beim großherzoglichen Bezirksamt Einspruch erhoben, denn sie legte ebenfalls Wert auf die Benediktinerkirche, weil ihre Kirche zu klein erschien und die evangelische Gemeinde von der Stadt nicht benachteiligt werden wollte.

 

Auf diesem Bild aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg sind die erwähnten Häuser Ecke Kanzlei-/Kronengasse noch gut zu sehen.

Sie bot nun der Stadt für die Kirche am 13. Februar 1912 die Summe von 60.000 Mark. Der katholische Stiftungsrat erwiderte darauf, daß von einer Benachteiligung der evangelischen Christen keine Rede sein könne. Er erklärte sich aber bereit, nun auch die Friedhofkapelle an die Stadt abzutreten, wenn der Kauf der Kirche zustande käme. Der katholische Stiftungsrat brachte nun noch eine neue Variante in die Kaufverhandlungen. Er bot neben dem Geldbetrag noch den Tausch des an das Rathaus angebauten Pfarrhauses gegen zwei an der Nordseite des Münster-platzes gelegene Grundstücke an. Das Pfarrhaus mit dem Anbau und dem großen Garten (jetziger Rathausparkplatz) konnte sehr günstig für die Rathauserweiterung gebraucht werden, die dringend notwendig war. Der Wert des Pfarrhauses mit dem großen Garten wurde auf 82.000 Mark geschätzt. Mit dem Verkauf der Kirche eine Rathauserweiterung verbinden zu können, war eine so sicher nicht wiederkehrende Chance für die Stadt.

Die evangelische Gemeinde gab ihr Interesse an der Benediktinerkirche noch nicht auf. Sie erhöhte am 17. März 1912 ihr Angebot auf 80.000 Mark, oder 50.000 Mark und die Abgabe der Johanniterkirche.

In der liberalen von Adolf Görlacher geführten früheren Villinger Zeitung „Der Schwarzwälder“ war zu lesen:

„man könne die Kirche ja auch versteigern und dem Meistbietenden zuschlagen.“

Der katholische Stiftungsrat nannte nun am 3. April 1912 endgültig die gewünschten Tauschobjekte für das Pfarrhaus, nämlich: Das der Stadt gehörende Dold’sche Anwesen mit Scheuer und Hausgarten Ecke Kanzleigasse-Kronengasse. Die Stadt hatte es 1887 für 14.000 Mark auf Abbruch gekauft und nutzte es zeitweise als Polizeiwache. Ferner sollte zum Tausch das Grüninger’sche Anwesen in der Kronengasse gehören, das an das andere anschließt. Die nochmalige interessante Aussprache im Gemeinderat führte zur Abstimmung, bei der mit einer Stimme Mehrheit der Verkauf der Kirche an die Katholiken gebilligt wurde, jedoch mußte der Verkauf die Zustimmung des Bürgerausschusses erfahren.

Der Bürgermeister legte diese Vorlage dem Bürgeraus-schuß vor. Wir dokumentieren hier einige Diskussionsbeiträge der Ausschußmitglieder:

Uhrenfabrikant Hermann Werner wies darauf hin, daß der katholische Stiftungsrat noch sieben Jahre Zeit gehabt hätte bis zum Ablauf des Mietvertrages 1919 und er hält eine Verquickung des Verkaufs der Kirche mit dem Ankauf des Pfarrhauses nicht für günstig, denn das sei ja nur eine Verschleierung. Warum soll über den Kauf des Pfarrhauses gesprochen werden, wenn der Platz für ein neues Rathaus noch gar nicht feststeht.

Glockengießer Benjamin Grüninger sen. sagte, man wisse ja noch nicht, was die Zukunft bringe, und es könnte eintreten, daß die Kirche für immer für die Katholiken verloren ginge. Grüninger erläuterte den Kaufvertrag und wies darauf hin, daß für die Rathausfrage gar keine bessere Gelegenheit kommen könne. Wenn die Katholiken die Kirche nicht bekommen, dann würden sie ihr Pfarrhaus niemals mehr hergeben. Die katholische Pfarrei hat ein historisches Recht auf die Kirche, denn sie sei von Katholiken erbaut worden und von einer Benachteiligung der Protestanten könne gar keine Rede sein, weil dieselben von 1898 an verhältnismäßig weit größere Zuschüsse erhielten als die Katholiken. Er bat darum, im Interesse des Friedens die Vorlage anzunehmen.

Baunternehmer Häring führte aus, daß er ein Gegner des Verkaufs der Kirche sei und ein noch viel größerer Gegner des Tausches. Er sagte ebenfalls, daß man noch gar nicht wisse, wohin das neue Rathaus gebaut werden solle und vor allem sollte man kein altes Haus eintauschen. Der Vertrag mit der katholischen Kirchengemeinde könne ja auch nach den sieben Jahren wieder verlängert werden. Rektor Schüßler meldete sich anschließend zu Wort und sagte, daß auch er wünsche, daß der konfessionelle Friede bewahrt bleibe. Das Vermögen der Stadt sei aber das der ganzen Gemeinde. Er fragt, weshalb der Quadratmeter beim Pfarrhaus 14 Mark mehr wert sei als bei der Polizeiwache. Die politische Gemeinde zahlt für das Pfarrhaus 70.000 Mark, tritt aber die Kirche im Wert von 150.000 Mark ab; die Kirche sei verschenkt.

Schlossermeister Görlacher machte darauf aufmerksam, daß der Vorschlag zum Verkauf der Benediktinerkirche an die hiesigen Katholiken ja von der Stadt ausgegangen sei. Über den Tausch und den Wert könne man streiten. Das jetzige Rathaus sei aber viel zu klein, und es müssen größere Räume geschaffen werden. Auch das Zimmer des Bürgermeisters sei nicht mehr zeitgemäß, denn derselbe brauche unbedingt ein eigenes Zimmer. Bei der Berechnung müsse man vor allem an den ideellen Wert denken, denn es werde ja nicht Gelände gegen Gelände getauscht. Mit dem Kauf des Pfarrhauses habe man die Möglichkeit, nach allen Richtungen hin zu bauen, und er könne nur für die Vorlage stimmen.

Rektor Schüßler meldete sich nochmals und meinte, daß man auch im Kaufhaus Diensträume für die Rathausverwaltung unterbringen könne. Er müsse als evangelischer Stiftungsrat dessen Interessen vertreten und könne nur mit „nein“ stimmen.

Kaufmann Dold meinte auch, daß die Stadt einen gewaltigen Ausfall von über 50.000 Mark habe. Die Idee, den Pfarrhausplatz zu erwerben, hätte ihm schon gefallen, doch müsse er gegen die Vorlage stimmen.

Herr Hagmann machte darauf aufmerksam, daß noch verschiedene Unterlagen fehlen und beantragte, die Vorlage zu vertagen.

Rechtsanwalt Schloß rechnete der Stadt vor, daß sie mit dem Verkauf der Kirche ein schlechtes Geschäft mache, die Kirche sei verschenkt.

Benjamin Grüninger jr. und Nepomuk Kaiser baten um die Abstimmung.

Stadtbaumeister Seibert bemerkte, daß der Erwerber der Kirche große Opfer zu bringen habe, denn seit drei Jahren sei nichts mehr renoviert worden. Der Zugang zur Kirche müsse neu geregelt werden. Der Zustand der Gebäude in der Kanzlei- und Kronengasse sei ganz miserabel und dürfe nicht zu hoch angesetzt werden. Ferner könne das Kaufhaus nicht als Ersatz für das Rathaus angesehen werden. Außerdem betonte er, daß es nicht gut sei, den Rathausplatz zu verlassen.

Hierauf erfolgte die Abstimmung, wobei vorher die Liberalen und auch der liberale Protokollführer den Saal verließen. Trotzdem war aber der Ausschuß beschlußfähig und es stimmten 52 Mitglieder für die Vorlage, also für den Verkauf der Benediktinerkirche an die katholische Kirchengemeinde. Nur 4 Stimmen waren dagegen.

Vom großherzoglichen Ministerium in Karlsruhe traf die Kaufgenehmigung erst am 28. Juli 1912 ein und damit war der Wunsch der Villinger Katholiken erfüllt.

Die beiden Gebäude an der Kanzlei- und Kronengasse wurden später abgebrochen. Nach dem ersten Weltkrieg wurde auf beiden Grundstücken das heutige katholische Münsterpfarrhaus erbaut und 1926 vollendet. Anschließend wurden die Räume des alten Pfarrhauses für die Stadtverwaltung hergerichtet.

Seither dient die Benediktinerkirche mit unterschiedlicher Häufigkeit zu Gottesdiensten der Münsterpfarrei. Zeitweilig wurde auch in der Weststadt eine eigene Kuratie St. Georg (Kuratie ist ein selbständiger Seelsorgsbezirk ohne Pfarrrechte) eingerichtet, die ihre Gottesdienste in der Kirche feierte. Der letzte Kurat war Karl Eger, der die Kuratie St. Georg betreute bis er nach dem Neubau der Kirche am Goldenen Bühl Pfarrer von St. Bruder Klaus wurde.

Die Sorge um die Benediktinerkirche obliegt nun wieder der Münsterpfarrei. Die Kirche dient zu gelegentlichen Jugendgottesdiensten, zu Schulgottesdiensten der Karl-Brachat-Realschule, zu Hochzeiten, manchmal zu Sonntagsgottesdiensten mit besonderer musikalischer Gestaltung. Jeden Sonntag feiert die kleine italienische Gemeinde darin ihren Gottesdienst. Ihrer sehr guten Akustik wegen ist die Kirche auch zu geistlichen Konzerten sehr geschätzt.

Die Münsterpfarrei hat in den vergangenen Jahren über 700.000 DM aufgebracht für die Erneuerung des Daches und für Sandstein- und Blechnerarbeiten am Turm und an der Fassade. Eine große Aufgabe für die Zukunft sieht die Pfarrei in der Innenrenovation der Benediktinerkirche, die das altehrwürdige Gotteshaus sicher wieder zu einem wertvollen Schmuckstück unserer Stadt machen wird.