Gedanken zur Villinger Stadtmauer (Paul Naegele)

Text: Paul Naegele

Bilder: Hans Wenzel

Bei einem Spaziergang im grünen Anlagenring bietet sich die Stadtmauer zur näheren Betrachtung an. Wenn sie auch von der Innenseite her wenige öffentlich zugängliche Stellen besitzt, so erlaubt sie dennoch eine Gesamtübersicht.

Hier handelt es sich um die sogenannte Innere Stadtmauer, die ich aus meiner Architektensicht in ihrem baulichen Zusammenhang mit ihren An- und Aufbauten betrachte. So sehe ich meine Vermutungen lediglich als Vorstufe zu Annahmen, Thesen oder Fakten. Daher sind meine Überlegungen sicher ergänzungswürdig, eine Kontrolle durch Geschichtsquellen bis zu archäologischen Funden ist erforderlich. Insgesamt entsteht jedoch ein Zusammenhang, der sicher für weitere Überlegungen als Grundlage dienen kann.

I – Die ursprüngliche Innenmauer

A – Baugeschichte

B – Das Bauwerk Innenmauer

C – Tore und Türme

D – Verflechtungen mit der Innenstadt

II – Die Stadtmauer in ihrem heutigen Bestand

A -Geschichte

B – Die Innenmauer mit ihren Veränderungen

C – Tore und Türme mit ihren Veränderungen

D – Die heutige Bedeutung der Innenmauer

III – Die Innenmauer als Aufgabe

A – Funktion

B – Konstruktion

C – Gestaltung

D – Schluß

E – Nachbemerkung

 

Am mächtigsten zeigt sich die heutige Stadtmauer im Benediktinerring. Dort ist sie am höchsten. Hier hat sie in der einprägsamen Nordwestkurve mit ihrer Krümmung ihre ursprüngliche Stärke. Das kleine Fenster hochoben diente wie viele andere gereihten Fenster als Schießscharte.

 

I – Die ursprüngliche Innenmauer

A – Baugeschichte

Unklar ist, ob zunächst eine Palisade mit Wall errichtet wurde, unklar ist ebenso, wann diese Mauer gebaut wurde.

999 verleiht Kaiser Otto III dem Grafen Berthold für dessen Ort Villingen das Markt-, Münz- und Zollrecht, sowie den Gerichtsbann. Damit entsteht das Recht zum Bau einer Stadtmauer.

1037 setzt das Reichsgesetz die Erblichkeit der Lehen fest. Wenn Grundbesitz auch Lehen letztlich des Kaisers ist, so darf einmal erworbenes Lehen dennoch weitervererbt werden. Das Interesse an einem eigenen Lehen erleichtert Stadtgründung und Hausbau.

1086 wird das Benediktinerkloster St. Georgen gegründet, das wichtig ist als Hinterland für den Einzugsbereich Villingen.

1100 gilt als etwaiges Gründungsdatum (vermutlich eindeutig vor 1119) für die neue Stadtanlage rechts der Brigach durch die Herzöge von Zähringen.

1106 verleiht Kaiser Heinrich IV die Freiheiten an die Bürger von Köln. Hierdurch gibt es einen festen Begriff der bürgerlichen Freiheit und des Stadtrechts.

1118 gründet Berthold III die Stadt Freiburg. Die Bauart der Villinger Tore und ihrer Anlage weist darauf hin, daß Villingen zuerst und mit absehbarem zeitlichem Abstand vorher gebaut wurde.

1130 ist das Münster schon im Bau. Zu diesem Zeitpunkt muß also eine Sicherung der Befestigungsanlage sowie das Konzept des Stadtplanes und eine Mindestanzahl von Wohnhäusern vorhanden gewesen sein. Die Mauerwerkstechnik am Münster mit unregelmäßigen und regelmäßigen glatt gehauenem Schichtmauerwerk zeigt, auch wie am Turm der etwa 100 Jahre älteren Altstadtkirche, den damaligen Stand der Bautechnik.

1218 beginnt Schenk Konrad von Winterstetten nach dem Aussterben der Zähringer als Reichsvogt des Kaisers Friedrichs II die Stadtbefestigung mit Mauern und Türmen zu verstärken.

1225 wird der Ort Villingen mit dem Zusatz „civitas“ erwähnt, was ein mit Mauern umgebener Ort bedeutet, der gleichzeitig eine eigene Obrigkeit besitzt. Damit ist offensichtlich die Neugründung gemeint. Spätere Erwähnungen des Namens Villingen mit dem Zusatz „villa“ weisen entsprechend auf die mindestens nicht wesentlich befestigte Altstadt hin.

1236-1278 ziehen die Augustinerinnen, die Johanniter, die Franziskaner und die Klarissen nach Villingen. Hierbei bestanden schon Bauten an der inneren Stadtmauer, die ich als Wehrhäuser bezeichnen möchte. Nach Blessing können noch weitere Wehrhäuser bis 1806 angenommen werden4).

1271 legt der einzige große Stadtbrand die Stadt in Schutt und Asche. Durch den Wiederaufbau der Häuser wird sicher die weitere Befestigung der Stadtanlage eine Zeitlang zurückgestellt. Möglicherweise werden ab jetzt die neuen Häuser häufiger mit Steinwänden anstatt mit Fachwerk gebaut. Die erworbenen Kenntnisse beim Bau der Stadtmauer dürften hier eingeflossen sein.

1294 beschließt der Große Rat (Handwerker) und der Kleine Rat (24 Schultheiße) ohne Mitwirkung des Stadtherrn das Stadtrecht. In der Folge wird ab 1303 ein eigener Bürgermeister als Bürgervertreter bestimmt.

1324 wird die Mitregierung des Großen Rates (Zünfte) mit dem Kleinen Rat (24 Schultheiße) verbrieft. Das Selbstbewußtsein des Handwerks und damit der Bürger ist gestärkt. Villingen besitzt etwa 2500 Einwohner.

Im 14. Jahrhundert entsteht die erste Blütezeit der Stadt durch ihre Tuchherstellung und ihren Tuchhandel. Mit Ausgang des 13. Jahrhunderts muß also nach den äußeren Umständen zu schließen, die Innenmauer fertiggestellt gewesen sein.

Anscheinend hatten allerdings die Türme noch ein anderes Aussehen als heute. So waren die Tore nur etwa halb so hoch gemauert wie sie heute sichtbar sind und besaßen darüber einen Holzaufbau mit einem quergestellten Walmdach1).

 

Südansicht der Stadt aus dem Plan zur Verstärkung der Stadtbefestigung (1692) vom kaiserl. Festungsbauing. J. B. Gumpp.

1371 wird das Stadtrecht umfangreich kodifiziert. Hierin ist auch die Wasserführung der Stadtbäche genau beschrieben. Die Führung der Stadtbäche steht in engem Zusammenhang mit dem umgebenen Wassergraben und damit auch mit der Höhenlage der Stadtmauer. Die Bauordnung begünstigt das Bebauen freier Flächen an den Straßen, um die Häuserzeilen zu schließen. Der Schutz der Gärten wird ausdrücklich verbrieft.

Im 15. Jahrhundert geht die Wirtschaftskraft und die Einwohnerzahl zurück, nachdem die Pest seit Mitte des 14. Jahrhunderts die Einwohnerzahl stark verringert hatte. Die Zünfte sehen sich nicht mehr in der Lage, 48 Vertreter für den Großen Rat zu stellen. Einzelne Bürger Villingens führen Prozesse gegen ihre Stadt. Das Selbstbewußtsein des einzelnen Bürgers mit dem eigenen Anspruch auf sein Recht hat sich also verfestigt. Villingen wird in dieser Zeit in mehrere Kriege verwickelt.

Bis zum Dreißigjährigen Krieg erlebt die Stadt eine zweite Blütezeit durch ihren Fleiß und ihr Kunstschaffen.

1499 gibt die durch Rondelle (im Schweizer Krieg) und Torbastionen verstärkte Stadtmauer der Stadt genügend Schutz.

1633/34 belagerten die Schweden, Württemberger und Franzosen die Stadt erfolglos. Die eigentlich zu schwache Stadtbefestigung überstand mehrere Blockaden.

Mitte 16. Jahrhunderts werden die Tortürme umgebaut, um auf ihnen Geschütze aufstellen zu können13). 1660/70 werden die Mauern der Stadt stärker befestigt.

1688 bleibt der Überfall französischer Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg ohne größere Folgen.

1692 erstellt Festungsbaumeister Gumpp einen Plan zur stärkeren Befestigung der Stadt mit Vorwerken.

1704 muß der französische Marschall Tallard nach kurzer Belagerung erfolglos abziehen, da er unter Zeitdruck steht. Trotz fehlender Vorbefestigung und trotz einer 75-schrittbreiten Bresche südlich des Riettores ist ihm eine schnelle Eroberung nicht geglückt. Die Stadt hatte aber erheblichen Schaden erlitten.

1709 werden die Befestigungen weiter verstärkt. Die eingefallene Klosterschanze wird mit überdurchschnittlich großen Steinen erneuert. 1711 wird die beschädigte Mauer südlich des Riettores teilweise mit größeren Steinen als bisher neu erbaut.

1713 wird die Geschützrampe südlich des Franziskaner-klosters errichtet. Durch zwischenzeitliche Baumaßnahmen an den Toren und Türmen dürfte dann die Innenmauer mit ihrer Gesamtbefestigung das heutige noch verbliebene Ansehen erhalten haben2), 3). Da in der Folge offensichtlich keine weiteren entscheidenden Baumaßnahmen an der Stadtmauer getroffen wurden, kann dann auch der Stadtplan Blessing aus dem Jahre 18064) und auch die Rekonstruktion des mittelalterlichen Villingens von Karl Gruber5) als realistisch herangezogen werden. Das bedeutet, daß das Aussehen der Stadtmauer mit Toren und Türmen spätestens am Anfang des 18. Jahrhunderts entsprechend dem heutigen Aussehen bestand.

Der Innenstadtrand zeigt den Verlauf der inneren Stadtmauer und ihren Zusammenhang mit der Innenstadt.

B – Das Bauwerk Innenmauer

Nach dem Schleifen der äußeren Mauer mit Fülle, Gräben und Vorwerken verblieb nur noch die Innenmauer mit ihren Toren und Türmen. Auch das ursprüngliche Bild dieser inneren Mauer selbst ist zwischenzeitlich verändert. Im Benediktinerring ist noch am besten erkennbar, wie hoch die Mauer war, wie der Absatz für einen Wehrgang aussah, wo und wie die Schießöffnungen angeordnet waren und wie die Mauerabdeckung ausgebildet wurde.

1. Funktion der Innenmauer

Sicher war die Funktion Verteidigung vorrangig. Hier spielten Freiraum bis zur nächsten Mauer, die Höhe, Stärke und Anordnung der Schießöffnungen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig mußte die Zugänglichkeit von Innen auf kurzem Wege schnell gewährleistet sein. Mit sieben in etwa durchgängigen Ost-West-Achsen und vier Nord-Süd-Achsen wurde hierzu im Stadtgrundriß ein annähernd rechtwinkliges Straßensystem angeboten.

Mit Aushubmaterial war das Gelände an der Mauer oft innenseitig erhöht aufgeschüttet, während an der Außenseite sich ein Wassergraben mit Böschung zur Mauer befand. Die inneren Erhöhungen erlaubten einen leichteren Zugang zur Mauer und sind mit Ausnahme im Klosterring überall noch erkennbar. Durch Aufschüttung im 19. Jahrhundert entstanden falsche Höhen an den Außenseiten. So wurden die Höhen vor dem Zeughaus Oberes Tor, im Klosterring, beim Kaiserturm und im Bereich der unteren Gerberstraße höher als ursprünglich vorhanden angefüllt. Hier ist die Kenntnis von der ursprünglichen Topographie sehr wichtig, um Schwierigkeiten beim Bau der Stadtmauer besser erkennen zu können. So dürfte der Hochpunkt in der Nord-West-Kurve des Benediktinerrings keine Schwierigkeiten gebracht haben. Andererseits ist davon auszugehen, daß das relativ niedere Gelände geringfügig im Klosterring und verstärkt im Kaiserring, vor allem an der Süd-Ost-Kurve, Schwierigkeiten bei der Geländeformation mit sich brachte. Hier ist zu beachten, daß gerade das Bewässerungssystem mit Stadtinnen-bächen und äußerem Wassergraben eine sorgfältige Abstimmung mit der Topographie bedeutete. Daher kann sicher angenommen werden, daß mit der Anlage des Stadtgrundrisses auch gleichzeitig schon die Anlage des Gesamtbewässerungssystemes festgelegt wurde. Hier war eine vermessungstechnische Hochleistung gefordert.

Mit den Gräben und Mauern, mit Turm und Vorturm sowie mit den vorhandenen Bauten ergab sich auch vor dem Bickentor ein einmaliger räumlicher Zusammenhang.

Die folgende Tabelle beschreibt die bestehende Innenmauer in ihren einzelnen Abschnitten (ohne Tore):

Einzelfunktionen der ursprünglichen Innenstadtmauer und Maße (tatsächliche Länge der Mauer ohne Tore, ohne Rondellumfang) auch nach alten Plänen.

 

Es sind also 61% der ursprünglichen Mauerlänge noch vorhanden. Die Mauerhöhe ist im Benediktinerring am höchsten und im Klosterring am zweithöchsten.

Ein Mauerabsatz besteht im Benediktinerring und Klosterring. Damit kann hier auf Wehrgänge geschlossen werden, die vielleicht sogar noch überdacht waren. Im Romäusring und Kaiserring fehlen entsprechende Absätze. Hier weisen Wehrgassen auf die innere Zugänglichkeit der Mauer hin. So ist hier die Karzerturmgasse beim Romäusring und die Mauergasse beim Kaiserring als ehemalige Wehrgasse bekannt.

Weiterhin fällt auf, daß nördlich von Brunnengasse – Schlößlegasse mit einer Ausnahme noch zusätzlich Wehrhäuser bestanden, während im südlichen Bereich ausschließlich Wachttürme eine zusätzliche Sicherung brachten, neben dem Wehrturm Kaiserturm und dem Geschützturm Romäusturm.

Für die Stadt insgesamt war das Wassersystem sehr wichtig. Hierbei besitzt der Benediktinerring vier Zuflüsse, der Romäusring einen Zufluß und einen Abfluß und der

Kaiserring zwei Abflüsse. Die beste Wohnlage ist hierbei natürlich beim Zufluß, wodurch sich auch durch die Lage beim Abfluß sogenannte schlechte Lagen ergeben.

Die gesamte Innenstadtmauer zeigt sich als Einheit, einzelne Bauabschnitte oder eine erste Baustufe mit einer kleineren Ausführung sind nicht erkennbar. Insgesamt wird daraus geschlossen, daß die Mauer als ein zusammenhängendes Mauerwerk nach einem einzigen Konzept erbaut wurde.

Hierbei fällt jedoch auf, daß im Benediktinerring die beste und im Klosterring die zweitbeste Ausführung bestand. Überdachte Wehrgänge und Wehrhäuser erleichterten den Dienst an der Mauer auch bei schlechtem Wetter. Da die jeweiligen Mauerabschnitte immer von der dahinter-wohnenden Bevölkerung verteidigt wurden, wird hieraus geschlossen, daß aus der Ausführung auch auf die Sozialstruktur der direkt anwohnenden Bevölkerung geschlossen werden kann. Damit weist sich das Münsterviertel einschließlich der beidseitig bebauten Rietstraße und Obere Straße als sog. gehobenes Viertel aus.

2. Konstruktion der Innenmauer

Konstruktion ist das materialgerechte Zusammensetzen verschiedener Baustoffe und Bauteile zu einem Ganzen. Hierbei wird die Kenntnis der Baustoffe und deren Verbindungsmöglichkeiten vorausgesetzt.

a) Mauerwerksverband

Die Innenstadtmauer ist als Zyklopenmauerwerk mit Bruchsteinen aus Buntsandstein gebaut. Hierbei ergeben sich sehr unregelmäßige Fugen. Die in Steinbrüchen gewonnenen Bruchsteine sind in der Regel nicht bearbeitet und wurden mehr oder weniger recht in teilweise grob lagerhaften Schichten verlegt. Die hierbei zahlreichen entstehenden Lücken wurden mit Zwicken, teilweise auch mit Ziegelabfällen und Füllmörtel ausgefüllt. Dabei wurde auch an vielen Stellen eine größere Fläche außen einfach überputzt.

Mit ihrem Steinverband wirkt die Stadtmauer insgesamt einheitlich, obwohl sie teilweise vereinzelt verschiedene Verbände anwendet. So muß man schon genau hinsehen, um den Grundverband von den anderen Verbänden unterscheiden zu können. So muß man auch genau suchen, wenn Nahtstellen verschiedener Bauabschnitte gesucht werden. Möglicherweise bleibt eine solche Absicht letztlich ohne Erfolg.

Offensichtlich wurden die Bruchsteine unsortiert, so wie sie angeliefert wurden, eingebaut. Hier wurde eine einfachste Ausführung mit den vorhandenen Mitteln gewählt. Als Mörtel diente Kalkmörtel. Zu späteren Zeiten wurden beim Franziskaner und bei der Klosterschanze sehr große Steine verwendet.

Sicher mußten mit Rücksicht auf die Bodenpressung die Fundamente tiefer gegründet werden. Wie der Innenaufbau bei der relativ großen Dicke in der Regel aussieht, kann nur als zweischalige Bauweise mit Steinfüllung vermutet werden. Bei dem statischen Prinzip, der auf dem eigenen Gewicht fußenden steinernen Masse, nimmt der Querschnitt zur Mauerkrone ab.

Es bestehen zwei Mauerwerksprofile: Das Rechteckprofil tritt südlich der Achse Riet – Bickenstraße auf, während das abgestufte Profil für den Aufbau eines Wehrganges eigentlich nur nördlich dieser Achse auftritt.

Die Mauer ist einheitlich mit Biberschwänzen aus Ziegel in Kalkmörtelbett gedeckt.

 

Das Wehrhaus Bärengasse (links) und das Wehrhaus Hafnergasse (rechts) wurden mit ihren stadtabgewandten Seiten in einem Zug mit der Innenstadtmauer errichtet. Durchgehende Mauerwerksverbände und heute unlogisch erscheinende Öffnungen lassen hier auf eine wechselhafte Geschichte schließen. (Aquarell von Rudolf Heck).

 

Zeitlich verschiedene Reparaturen verwenden verschiedene Mörtelarten, die sich optisch leicht ablesen lassen. Im wesentlichen wirkt die Mauer durch ihre Steine. Sie besitzt heute noch davon, grob geschätzt mehr als 10 Millionen Stück. Hierbei unterscheiden sich die Steine untereinander durch ihre Zusammensetzung mit den entsprechenden Eigenschaften und darüber hinaus durch Struktur, Form und Farbe. Dadurch ist jeder Stein einmalig.

An der Mauerinnenseite neben dem Wehrhaus Bärengasse läßt sich der übliche Mauerwerksverband erkennen. Aus dem Verhältnis von Schießöffnung zu Mauerabsatz für den Wehrgang kann auf die wahre Höhe der Stadtmauer geschlossen werden (Die Aluminiumblende stört). Interessant ist hier die wahrscheinliche Verbindungstür zwischen Wehrhaus und Wehrgang.
Das sauber bearbeitete, schichtengerechte Mauerwerk aus Bossensteinen mit geradem Randschlag stellt eine wesentlich höhere Qualitätsanforderung als das übliche Mauerwerk.

b) Lagerstätten für das Baumaterial 11)

Ausreichend verfügbare Baustoffe aus der nächsten Umgebung bildeten die selbstverständliche Grundlage einer bodenständigen und heimischen Bauweise. Der Umgang mit immer dem gleichen Baumaterial führte zwangsläufig zur Beherrschung des Materials, zu einem großen Wissen über seine Verbindung mit anderen Baustoffen und seiner erkennbaren Stabilität. Die wirtschaftliche Bauweise verlangt auch nahegelegene Lagerstätten. So gibt es hauptsächlich auf der Linie St. Georgen bis Schramberg mit zwei Steinbrüchen westlich von Oberndorf Lagerstätten für Buntsandstein und Schilfsandstein. Das Mauerwerk zeigt in Farbe und Struktur die Vielfalt des verwendeten Sandsteines.

An Kies und Sand liegt das größte Vorkommen im Raum von Donaueschingen, wobei noch eine kleinere Lagerstätte südlich von Villingen liegt.

Schieferton und Lehm gibt es im Raum Villingen und Schwenningen sowie bei Hubertshofen und Wolterdingen, um Ziegel herzustellen.

Insgesamt sind die vorhandenen Lagerstätten an Grundstoffen für die Stadtmauer sehr günstig verteilt.

c) Anschlüsse an die Innenmauer

Vom Bauablauf wichtig und daraus für die Geschichte bedeutsam ist die Art und Weise, wie die Maueranschlüsse ausgebildet sind.

Das Mauerwerk der zurückgesetzten Tore scheint mit der Mauer im Verband errichtet worden zu sein. Sehr deutlich ist dies beim Bickentor zu erkennen. Dort sind noch bis auf etwa 2 m Höhe Anschlußsteine zur abgebrochenen Mauer erkennbar.

Soweit Absätze an der Mauer für die Wehrgänge ersichtlich sind, treppen sich diese zu den Toren hin hoch. Dies ist bei der Mauer erkennbar am Käferberg und neben dem Oberen Tor im Hafnerviertel.

Die Türme sind normalerweise auf die Stadtmauer im Verband bündig aufgesetzt (Kaiserturm, Elisabethen-turm). Der Pulverturm ist vor die Mauer ohne Verband davorgesetzt. Nur der Romäusturm ist zwischen die Stadtmauer gesetzt als Sonderfall, wobei dann die Stadtmauer an den Romäusturm beigemauert wurde.

Die drei alten Torbögen beim Kaiserturm mit der noch einseitigen anschließenden Treppe zu einer Art erhöhtem Wehrgang lassen darauf schließen, daß beidseitig des Kaiserturms ein Mauerweg bestand.

Beim Wehrhaus Bärengasse ist erkennbar, daß offensichtlich eine Verbindungstüre zum anschließenden Wehrgang bestand.

Bei den Neubaumaßnahmen ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde größtenteils die Mauer durch die Neubauaußenwand ersetzt und dann die Innenstadtmauer neu angeschlossen. Neben dem Kaiserturm wurde bei der entsprechenden Maßnahme ein Balkongeländer in der Mauerflucht errichtet. Hier entstand als einzige Maßnahme eine Loggia.

Spätere bauliche Maßnahmen setzten sich von der Stadtmauer ab. So sind die Bauten des Landratsamtes (1965) und der Sparkasse (1991) von der Mauer zurückgesetzt. Gerade die Anschlüsse gehören sorgfältig untersucht, um dann aus den zusammengesetzten Ergebnissen einen genauen Überblick zu bekommen.

Dieser Durchblick beim Kaiserturm entspricht wohl der ehemaligen Blickrichtung vom niedrigen zum höheren Mauerweg mit Zugang zum Kaiserturm. Ohne verteidigungstechnische Begründung lassen sich diese Tore wohl nicht anderweitig begründen.

 

Die Anschlußsteine der abgebrochenen Innenmauer am Bickentor beweisen, daß mindestens der unterste Torteil gleichzeitig mit der Innenmauer errichtet wurde.

 

3. Gestaltung der ursprünglichen Innenmauer

Es ist ein weiter Weg von der reinen Naturform der Landschaft zur reinen Kunstform der Architektur. Die Innenstadtmauer steht am Anfang eines solchen Denkens. Sie muß die Kunstform nicht erreichen, um wertvoll zu sein. Der erste Sinn ihrer Form ist die Veränderung des gegebenen Geländes, sie will Herrschaft setzen und Schutz gewähren.

Die Mauer muß sich im Gelände gegen das Gelände behaupten. Sie muß in Auseinandersetzung zwischen Bauwerk, Boden und der bewehrten Stadt die Überlegenheit sichern. Hierzu bestehen zwei Grundmöglichkeiten:

Die Außen- und Innenseiten der Mauer wurden offensichtlich gleich behandelt. Das später angebaute „Pulvertürmle“ erfüllte mit seinen Schießscharten sicher wichtige Verteidigungsaufgaben

 

Die Höhenfestung wie z. B. Rottweil oder die Wasserfestung wie z. B. Villingen. Die Wasserfestung muß zunächst Rücksicht auf den Wasserlauf nehmen. Damit trennt sie sich gleichzeitig technisch von der Landschaft ab und erreicht hierbei schneller eine eigene Gesetzmäßigkeit, die leichter einem bewegten Gelände aufgezwungen werden kann. Ein Idealplan läßt sich hier leichter verwirklichen.

Dennoch gliedert die Landschaft die Mauer. Dadurch wachsen der Mauer Werte zu, die im Grunde die Natur selbst geschaffen hat. Diese Werte sind keine künstlerischen Werte. Hier ist aber der Beginn zur künstlerischen Freiheit:

Das Feingefühl spürt die Windungen auf und nützt sie schmiegsam aus. Der Umriß wirkt auf die gewachsene Natur und wieder zurück.

Sicher ist nicht alles zufällig, zumal wenn eine Idee als Idealplan besteht. Dennoch wird der strenge Idealplan nicht aufgezwungen.

Letztlich bleibt die Mauer als beredter Ausdruck des ursprünglichen Wehrzweckes. Schöpferische Gedanken, verbunden mit wirtschaftlicher Vernunft, denken die Bewegung des Bodens zu Ende. Ein weiter übergeordneter Zusammenhang mit der Landschaft entsteht. Das Luftbild der Innenstadt verdeutlicht den Zusammenhang der Mauer mit der Gesamtstadt in der Landschaft. Die Stadt wird als Wahrzeichen zum Sinnbild.

Trotz späterer Umbauten ist auf der Innenseite östlich des Oberen Tores der Mauerabsatz für den Wehrgang erkennbar. Zum Oberen Tor hin (nach links) staffelt sich der Wehrgang nach oben. Mit Beginn der an die Mauer angrenzenden kleinparzellierten Grundstücke (ärmere Bevölkerung) endet der Mauerabsatz (rechts im Bild) und damit die Lage des ehemaligen Wehrganges.

 

Mit der derzeitig geplanten Neubebauung an diesem Stadt-mauerteil wird dieser geschichtlich wichtige Mauerabschnitt (mit ehemals zurückliegender Bebauung hinter dem Wehrgang) zusammenhanglos überbaut und versteckt.

C – Tore und Türme

Als sogenanntes wichtigstes Zubehör zur Mauer werden die Tore und Türme gesondert behandelt. Sie sind wesentlicher Teil der Verteidigungsanlage. Hierbei fällt auf, daß alle Tore auf beiden Seiten angebaute Häuser besitzen, die offensichtlich als Wehrhäuser die Verteidigung der Tore unterstützten. Die Bedeutung der Wehrhäuser allgemein und die Verbindung dieser besonderen Wehrhäuser mit den Toren bedarf wie die Türme und Tore selbst einer eigenen Untersuchung.

1. Funktion

Im Rahmen der Verteidigung erfüllen Tore und Türme verschiedene Aufgaben.

Es wird allgemein davon ausgegangen, daß die Tore einschließlich dem fehlenden Niederen Tor zuerst gebaut wurden und erst später Kaiserturm und Romäusturm folgten. Der Romäusturm liegt als einziger Turm leicht vorgeschoben. Diese Lage zur Mauer ist schon sehr früh bekannt und es ist nicht einzusehen, weshalb dieser Turm, vielleicht in anderer Ausführung, nicht von Anfang an hier vorgesehen wurde. Gerade das nahe Hubenloch erfordert dringend einen Turm zur Abwehr.

Die Sonderstellung des Romäusturmes zeigt sich auch an der besseren Mauerwerksausführung, außen und innen. Auffallend sind die außenseitig – gegenüber Innenseite (nächstes Bild) – kleiner bzw. schmaler ausgebildeten Schießscharten. Möglicherweise ist der Romäusturm wegen seiner Verteidigungsaufgabe nach Westen auch für die Verteidigung nach Osten überhöht ausgeführt worden.

 

2. Konstruktion

Gegenüber der Innenstadtmauer wird für Tore und Türme ein besserer Mauerwerksverband aufgeführt. Soweit sichtbar, besteht es als Mischung aus regelmäßigem Schichtenmauerwerk (waagerecht durchgehende rechtwinklige Steine in einer Schichthöhe) und unregelmäßigem Schichtenmauerwerk (mit wechselnden Schichthöhen in einer Schicht). Das Eckmauerwerk ist immer als Eckquaderung in regelmäßigem Schichtenmauerwerk ausgeführt. Entsprechend seiner doppelten verteidigungsstrategischen Bedeutung ist der Romäusturm der höchste Turm. Das Hubenloch ist in 100 m Enfernung etwa 15 m höher an der engsten Stelle. Der Kaiserturm liegt genau dieser engsten Stelle gegenüber und weist eine entsprechende Mehrhöhe auf. Mit seinen sehr großen Steinen, die zur Außenseite hin als regelmäßiges Schichtmauerwerk mit Bossen ausgebildet sind, besteht hier der stabilste Mauerwerksverband. So diente er auch der Sicherung nach Osten.

Die Dächer der Tore und Türme waren in der Regel als Zeltdächer ausgebildet. Die Geschütztürme besaßen hierbei zusätzlich einen Kniestock aus Holzfachwerk, der früher offene) war und heute mit Holz verschalt ist.

 

 

 

Die stadtseitig größeren Schießscharten weisen darauf hin, daß die Verteidigungsaufgabe des Romäusturmes nach Osten vielleicht wichtiger war als nach Westen zum Huben-loch. In der Federzeichnung zur Belagerung 1633 ist erkennbar, daß vom Romäusturm aus über die Stadt nach Osten (links und rechts am Kaiserturm vorbei)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Gestaltung

Gegenüber der reinen Mauer besitzen Tore und Türme mehr Möglichkeiten zur eigenen Gestaltung. So wurden vor allem die Tore leicht unterschiedlich gestaltet. Die Eckquaderung ist hierbei verschieden herausgearbeitet.

 

 

Die Innenmauer war verschieden hoch. Hier ist die Mauer beim Kaiserturm wie auch bei den Tortürmen gestaffelt. Gegenüber den Tortürmen ist der Kaiserturm gestalterisch bescheiden ausgebildet.

 

Trotz des nahen Hubenlochs wurde das Riettor verteidigungstechnisch schwach, wie das Bickentor, ausgebildet. Mit seinen Schießscharten wendete sich das Riettor eher gegen Norden.

 

Es fällt auf, daß die Innenseite der Tore den Straßen zugedreht wurden, unabhängig vom Richtungsverlauf der Innenmauer. Dadurch entstehen von den Toren zur Innenmauer schräge Ansätze. Das kann nur als gestalterische Absicht gedeutet werden, die die Innenseiten der Tore gestalterisch aufwertet. Dies zeigt sich auch an der reicheren Gestaltung der Innenfassaden.

Bei der Gesamtbetrachtung von Funktion, Konstruktion und Gestaltung zeigt sich, daß das Obere Tor eine Sonderrolle spielt. Als Rechteck besitzt es die größte Grundriß-fläche. Seine beiden seitlichen Wehrhäuser sind größer als die übrigen Wehrhäuser bei den anderen Toren. Auch besitzt das Obere Tor als einziges Tor einen Rundbogen gegenüber den übrigen Spitzbögen. Möglicherweise wurde das Obere Tor zuerst gebaut und war als verstärkte Verteidigung gegenüber dem Bickenberg gedacht.

Im Stadtbild steigern Tore und Türme die Mauer zur Stadtkrone. Durch Tore und Türme dokumentiert die Mauer die Macht der Stadt. Tore und Türme verbessern das Stadtbild entscheidend. Hierdurch wird der Bürger verstärkt angeregt, sich mit seiner Stadt zu identifizieren. Ein klar ablesbarer Stadtkern entsteht, der die freigewordene Bürgerschaft sichtbar darstellt.

Mit dem einzigen Bild (Kreuzigung) wurde das gestalterisch ursprünglich wohl bescheidener gedachte Riettor auf der Innenseite im Vergleich mit den anderen Tortürmen am stärksten aufgewertet. Das Obere Tor als mächtigster Torturm zeigt seine Verteidigungsaufgabe nach außen sehr kraftvoll. Diese farbigen Tormotive konnte man vor vielen Jahrzehnten beim Verlag E K Wiebelt als Postkarte kaufen.

D – Verflechtungen mit der Innenstadt9),12)

So wie die Innenmauer eine Grundfläche mit 23,5 ha erfaßt und so wie aus der Wehrhaftigkeit der Innenmauer durch Straßen und Wege ein Zusammenhang mit der Innenstadt entsteht, so wirkt ihrerseits die Innenstadt selbst auf die Innenstadtmauer zurück.

1. Politische Bedeutung

Im 12. Jahrhundert gestaltete das aufstrebende und immer selbstsicherer werdende Bürgertum die Städte überraschend weiträumig. Die Einwohner aus Patriziergeschlechtern, Handelsherren und Kaufleute sowie Handwerker und Ackerbürger, erhalten gesicherte Standorte für Handel, Gewerbe und Freiflächen für Nutzungsgrün, das später als Baureserve dient. – In der Regel gibt es nur die gewachsene Stadt, die in mehreren Baustufen sich den jeweiligen Anforderungen anpaßt (z. B. Nördlingen).

Zu dieser Zeit werden im Deutschen Osten Kolonialstädte gegründet nach einem regelmäßigen gestalteten Gesamtplan auf einem eigens dafür geeigneten Gelände. Hierbei stellen Befestigung und Bebauungsplan eine technische Einheit dar und werden gleichzeitig entworfen. Im Gegensatz zu den allmählich wachsenden Städten festigen die Zähringer durch „gegründete Städte“, vergleichbar zu den deutschen Ost-Kononialstädten, gezielt ihre Macht im südwestdeutschen Raum. Villingen diente der Erschließung der Baar und der Machtsicherung am Ostrand des Schwarzwaldes. Die etwas spätere Gründung Rottweil baute dann diese Position aus.

2. Großräumige Lage

Am Schnittpunkt der heutigen Marbacher Straße mit dem Weg zum Hoptbühl trafen sich drei alte Straßen, die nach Norden Richtung Rottweil und Offenburg, nach Westen über das Hubenloch nach Freiburg und nach Süden über die Donau nach Konstanz und Schaffhausen führten. Der Stadtgrundriß mit seinem Straßenkreuz sog im Laufe der Zeit diese Straßen in sich auf.

Mit der neuen Form von Stadtgründung wird die Wirtschaftskraft systematisch gestärkt. Die Zoll- und Marktabgaben dienen dem Stadtgründer als Geldquelle.

Die Entscheidung zur Wasserfestung legt die neue Stadt zwischen Brigachbogen und Hubenloch und nördlich der damals bestehenden Straße nach Freiburg. Offensichtlich waren beschränkte Befestigungsmöglichkeiten für die bestehende alte Stadt Villingen, die vielleicht nur als um-wehrtes Dorf bestand, der Hauptgrund dafür, den Standort der Stadt zu verlegen. Hierbei spielte sicher auch der Gedanke eine Rolle, mit einer Idealstadt als Neubau schneller und zügiger voranzukommen, als mit einem Umbau des vorhandenen Ortes.

 

Das Aquarell von R. Heck gibt den Raumeindruck hinter dem Elisabethenturm als Aufmarschfläche wieder. Sie spielt, wie die anderen Freiflächen der Innenstadt, eine wichtige Rolle für das Raumerlebnis und die Verflechtungen mit der Innenstadt.

3. Stadtplan 6) 7) 13) 

Marktstraßen bilden das Grundgerüst des Straßennetzes. Die Mauer schützt den Markt mit ihrem Marktfrieden (Gerichtsbann). Gleichzeitig bringt die Mauer auch Schutz gegen die damals oft übliche Willkür und das Faustrecht, was letztlich zur Freiheit und Selbstständigkeit der Bürger führte. Die Zugänglichkeit der Mauer war durch die Wehrwege entlang der Mauer, entsprechende Freiflächen und dem Straßenraster gegeben.

Mit dem Bewässerungssystem wurde Wert auf Gesundheit und Hygiene der Einwohner gelegt, die durch die Anordnung der Häuser in Nord-Süd- bzw. in Ost-West-Richtung mit der entsprechenden Besonnung unterstützt wurde. Die Ost-West-Richtung vieler Straßen und Gassen erlaubte eine bessere Durchlüftung der Stadt durch Wind. Die Stadt wurde auch sozial gegliedert. Das Münsterviertel mit beiderseitiger Bebauung der Rietstraße und Oberen Straße war beste Wohnlage. Hier liegen Rathaus, gräflicher Amtssitz, Kirche, Schule und Münze, hier sind die größten Parzellen und mehrere Freiflächen ausgewiesen, hier liegt der höchste Standort in der Stadt, hier kommt an vier Stellen frisches Wasser in die Stadt, hier wohnt man nah an den Marktstraßen. Die sichere Ausführung der Innenmauer entspricht der besseren Wohnlage.

 

 

 

4. Der Stadtbau 8)

Der Bau einer Stadt, zumal in dieser Größenordnung, setzt eine große wirtschaftliche Kraft voraus. So wird langfristig mit einem durchschnittlichen Sozialprodukt von 2,5 % allein für die Baustelle geschätzt. Hierbei ist berücksichtigt, daß die weiteren restlichen Sozialproduktmittel für Verwaltung und Militär zur Verfügung stehen müssen. Bei anfänglich geschätzten etwa 1000 Einwohnern ergibt sich dann eine Baustellenbesetzung mit 25 Mann jährlich.

 

Mit ihren späteren Reparaturen stellt die Mauer beim Franziskaner einen wichtigen Teil der Geschichte zur Stadtbefestigung dar. Im Bild ist klar die Ausmauerung einer Bresche (wahrscheinlich aus der Tallardschen Belagerung) zu erkennen. In der Berechnung für die Bauzeit der Mauer sind selbstverständlich die Reparaturzeiten nicht enthalten, die sicher auch in erheblichem Umfang angefallen sind.

Die Organisation der Baustelle könnte dann aus einem Baumeister bestanden haben, dem ein Steinhauermeister mit neun Steinhauern und ein Maurermeister mit sechs Gesellen, zwei Arbeitern und einem Kalkschläger (Mörtelbereiter) zur Seite standen. Weiterhin sorgten dann vier Fuhrwerke für den ständigen Antransport der Baumaterialien.

Der Terminplan erfordert bei dieser Besetzung für die Innenstadtmauer mit vier Toren und Romäusturm eine Bauzeit von mindestens zwanzig Jahren.

Hierbei wird davon ausgegangen, daß sogenannte vorbereitende Arbeiten nebenher laufen können. Hierzu zählen: Roden, Einmessen und Stadtgrundriß grob festlegen, Baustelle mit einfachen Häusern einrichten, Ringgraben und Stadtbäche als Test zur Topographie in einfacher Ausführung anlegen, Lagerstätten für Steine, Kalk, Sand suchen und Transportfragen klären.

Für einen Palisadenzaun mit entsprechenden Arbeiten müßten 25 Mann etwa ein Jahr lang tätig sein. Es bleibt offen, ob der Palisadenzaun eingespart wurde.

Die Idylle am weitgehend zugewachsenen Mauerende Gerberstraße verbirgt die große wirtschaftliche Leistung, die in der Stadtmauer steckt.

 

Wenn zum Vergleich für die Häuser in der Innenstadt von 200 000 m3 Mauerwerk für 1000 Einwohner (gesamt ca. 675 000 m3 Mauerwerk vorhanden geschätzt) ergibt sich als Bauzeit für diese Häuser bei 25 Bauarbeitern eine Bauzeit von 180 Jahren, wenn Eigenleistungen der Einwohner nicht berücksichtigt werden. Im Ergebnis kann also auf jeden Fall mit sehr langen Bauzeiten gerechnet werden, die auch bei einer doppelten Besetzung mit der halben Bauzeit immer noch beachtlich ist.

Die Innenstadtmauer mit ihren Toren und Türmen stellt eine große wirtschaftliche Leistung ihrer Zeit dar.

5. Stadtbild

Die Wohnhäuser ordnen sich der Stadtkrone unter. Den reichen kostbaren Rahmen der Stadt bildet die Befestigung. Stolze Tortürme, die oft von berühmten Meistern entworfen wurden, dienten nicht nur der Verteidigung, sondern stellten auch die Macht der Städte gestalterisch sichtbar heraus.

 

Das Mauerende Kronengasse wurde nach einem Wiederaufbau wohl nicht sachgemäß mit abgestuftem Mauerprofil aufgemauert. Mit seinen Abmessungen zeigt es dennoch eindrucksvoll den hohen Bauaufwand.

 

Gleichzeitig entstand von außen gesehen ein eigenes individuelles Stadtbild, das in seiner starken Wehrhaftigkeit inmitten der umgebenden offenen Landschaft einen un-vergeßlichen Eindruck machte. Das Stadtbild bezeugt Ursprünglichkeit und Bürgerstolz. So drückt das Stadtbild unbewußt die innere Gemeinschaftsordnung aus und ist der Beweis für die Bau- und Lebenskunst seiner Bürger.

II – Die Innenstadtmauer in ihrem heutigen Bestand

A – Geschichte

Entscheidend für die Stadtmauer ist nicht nur das, was sie einmal war, sondern auch das, was mit ihr gemacht wurde. Die nun folgende Zeit seit dem 18. Jahrhundert bis heute zeigt eine sehr wechselhafte Einstellung zur Stadtmauer.

1721 wird der Niedere-Tor-Erker gebaut, dem im Jahre 1737 der Bickentor-Erker folgt. Noch besteht Vertrauen in die Mauer und die Stadtbefestigung. Die Gesamtanlage wird noch verstärkt.

1744 ergibt sich die Stadt im Österreichischen Erbfolge-krieg der französischen Übermacht, um eine sinnlose Zerstörung der Stadt zu vermeiden. Durch die weiterentwickelte Kriegstechnik wurde die Verteidigungsanlage Villingens sinnlos. Die einzelnen Abschnitte der Stadtbefestigung gehen in den Besitz der Zünfte über.

Noch im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts beginnt der Abbruch der äußeren Vorwerke und der äußeren Mauer.

1789 war der Wall vor dem Graben bereits bepflanzt. 1785 beendet Kaiser Josef II. durch Anordnung über die Zehntabgabe die volle Eigenständigkeit der Villinger Bürgerschaft.

1790 scheitern die Zünfte erneut an Kaiser Josef II. 1802/06 kommt nach knapp 500jähriger Zugehörigkeit zu Österreich die Stadt Villingen nach mehreren Wechseln zum neuen Landesherrn: Großherzog von Baden. Gleichzeitig kommt durch ein neues Demokratieverständnis auch in Villingen bis zur Revolution 1848 ein verstärkt neues Denken auf.

1851 wird mit dem Abbruch des Niederen Tores und der Stadtmauer im Süden begonnen. Gleichzeitig wird auch die Altstadtkirche abgerissen, nur der Altstadtturm bleibt stehen. Die Bevölkerung umfaßt etwa 3 500 Einwohner und beginnt immer mehr, einen Druck auf eine Bebauung außerhalb der Mauern auszuüben.

 

Auf der Innenseite der Mauer liegt das Gebäude beim Käferberg etwa 3,0 m höher als außen. Die Rekonstruktion des Wehrganges gibt im Vergleich mit den anderen Rekonstruktionen den früheren Zustand am besten realistisch wieder.

 

1862 werden auch die Villinger Zünfte zwangsläufig durch den Erlaß der neuen Badischen Gewerbeordnung des Großherzog Friedrich I aufgelöst. Für das Handwerk müssen neue Organisationsformen gesucht werden.

1868 werden die Stadtgräben weiter zugeschüttet. Die Fülle wird eingeebnet. Die aufgefüllten Gräben werden bepflanzt. Durch das Verlegen der Stadtbäche in Kanäle wird das Fallen des Grundwasserspiegels erhofft, um weniger Bodenfeuchtigkeit zu haben10). Seit 1825 sind jetzt alle restlichen Vortore, der äußere Wall und alle Gräben beseitigt. 1868 erfolgt der Teilabbruch des Wehrhauses südlich vom Bickentor13).

1873 wird der Villinger Bahnhof fertiggestellt. Die Industrialisierung gewinnt hierdurch vermehrt an Bedeutung. Immer stärker werden außerhalb der Stadtmauer Bauten errichtet. Zwischen Kaiserring und Brigach entsteht die erste größere zusammenhängende Wohnbebauung. Bei knapp 6000 Einwohnern wird der Platz innerhalb der Stadtmauer zu eng13).

1876 wird durch den Widerstand des Klosters St. Ursula das Bickentor nicht abgebrochen 10).

1878 wird von der Mehrheit des Gemeinderates die alte innere Ringmauer mit allem was drum und danebenliegt als unschön angesehen10).

Bis zum 1. Weltkrieg wird die Stadtmauer an mehreren Stellen durch Bauten ersetzt.

Nach dem 2. Weltkrieg wird die Stadtmauer an zwei Stellen durch Neubauten ersetzt, wobei auch freiwillig Stadt-mauerteile erneuert werden.

1972 tritt das Denkmalschutzgesetz in Kraft. Zwischenzeitliche Reparaturen und Rekonstruktionen versuchen teilweise ungeschickt einen Teil der bisherigen Verluste vor allem an Wehrgängen – wiedergutzumachen.

1991 wird in einem Zeitungsartikel angeregt, weitergehende Überlegungen zur Stadtmauer und damit auch in Verbindung mit der Innenstadt anzustellen (Fall Obere-Tor-Bebauung). Die Bürgerkritik wird zumindest teilweise von der Stadtverwaltung anerkannt. Der Gemeinderat erläßt eine Gesamtanlagenschutzsatzung für die historische Innenstadt Villingen. Ein Konzept zur Stadtmauer und zum Stadtbild bis zur 1000-Jahrfeier im Jahre 1999 besteht noch nicht.

 

An der Außenseite der Mauer beim Käferberg lassen sich mehrere Umbauten schon aus früheren Zeiten erkennen. Die verschiedenen Formen der Schießscharten und das ehemalige Wohnfenster weisen auf mehrfache Veränderungen hin.

 

B – Die Innenmauer mit ihren Veränderungen

Aus den jeweiligen Veränderungen läßt sich die entsprechende Zeitkritik an der Mauer ableiten. Die Stadtmauer wird als Einschnürung empfunden. Es wird die Verbindung mit der umgebenden Stadterweiterung gesucht. Neben der räumlichen Enge bedeutet die Mauer selbst durch ihren Flächenanspruch zusätzlichen Platzverlust. Die Mauer verhindert, daß Licht und Luft in die angrenzenden Bauten gelangen. Im einzelnen ergibt sich folgender Überblick über die Veränderungen:

 

Bei der Klosterschanze sind zwei Veränderungen sichtbar: Neben dem erkennbaren Mauerprofil ist rechts die hochliegende Fensterreihe zu sehen, die einem ehemaligen Wehrgang entsprechen dürfte. Die Schanze selbst wurde vor die Innenmauer gesetzt (im Bild links des Mauerprofils). Die Klosterschanze besteht aus sehr großen Steinen, die bis zu 1,0 Tonne wiegen.

 

 

Die Sanierung Niederes Tor begann 1851 mit dem Abriß des Tores und insgesamt 311 m ersatzlos abgebrochener Mauer. Hierbei wurden folgende Vorteile durch Flächengewinn aus der Innenstadtseite erzielt:

Kinderspielplatz Romäusring-Schule: 80 m2

Gefängnishof:    260 m2

Amtsgericht:    950 m2

Ingesamt also wurden 1290 m2 Fläche aus dem Bereich innerhalb der Stadtmauer für Nutzungen im Grunde außerhalb der Stadtmauer gefunden. Dafür mußten sicher andere Nutzungen innerhalb der Stadtmauer zurückstecken.

Weiterhin wurde durch die Sanierung möglich, Stellplätze auf einer Tiefgarage zu errichten und die Führung der Romäusring-Straße bis zur Niederen Straße zu verändern (heute Sackgasse).

Vor dem Amtsgericht war ursprünglich ein Platz vorgesehen, wie er auch dem Sinn dieses Gebäudes entsprochen hätte. Das später gebaute Finanzamt/Gesundheits-amt engte dann diesen Platz vor dem Amtsgericht ein und hätte bei ursprünglich erhaltener Mauer auch ohne Mauerabbruch gebaut werden können.

Auch das Haus Gerberstraße 63 hätte an anderer Stelle z. B. am Platz der alten Grabenmühle oder leicht versetzt erbaut werden können, ohne durch die Stadtmauer gestört zu werden.

Der entscheidende Vorteil des Gesamtabbruchs wird in der Fortführung des Straßenrasters aus der Innenstadt heraus gesehen. Auch hier zeigt die zwischenzeitliche Weiterentwicklung, daß die erreichten Ziele auch ohne Abbruch der Innenstadtmauer möglich gewesen wären. Auch die jetzt abgeschlossenen neuen Baumaßnahmen zeigen, daß eine echte Sanierung auch heute noch nicht gelungen ist. So ist klar erkennbar, daß das Gemeindezentrum St. Fidelis wie das Amtsgericht und die Commerz-bank in die bestehende Situation eingezwängt wurden. Alle drei Projekte mußten bei ihren Baumaßnahmen schwere Nachteile in Kauf nehmen.

Beim Rundgang um die Innenmauer und damit durch dieses Sanierungsgebiet Niederes Tor fallen zwei Mauern auf, die man durchaus als Zufallslösung betrachten kann:

 

 

Irgendwie spielen beide Lösungen im Zusammenhang mit der abgebrochenen Mauer eine Rolle. Die Gefängnismauer bedeutet eine Umkehrung der Aufgabe einer Stadtmauer. Die Mauer an der Commerzbank, als gestalterisch eigene Lösung neben der Tiefgaragenabfahrt, besitzt zur Stadtmauer nur noch eine ferne Verwandtschaft. Wenn auch beide Mauern nicht die topografische Sensibilität der Ringmauer besitzen, so sind sie doch beide auch Aussagen jeweils ihrer Zeit.

Jede freiwillige Zerstörung an der Mauer ist ein Beweis dafür, daß sie als Hindernis gesehen wird. Zu den bereits aufgeführten Durchbrüchen gesellen sich zwei ausschließliche Straßendurchbrüche (Paradiesgasse und Hafnergasse) für Fahrverkehr und insgesamt 8 Torbogen-durchgänge für Fußgängerverkehr (davon sind heute zwei geschlossen). Außerdem kommen hierzu vier Durchbrüche beim Oberen Tor und Riettor für Fußgänger. Neben den jetzt mit Sicherheit abgeschlossenen Durchbrüchen für Fußgänger- und Fahrverkehr ist ein Mauerabbruch nur begründbar zur Belichtung und Besonnung von Räumen.

Die heutigen technischen und gestalterischen Möglichkeiten bieten zum Abbruch gleichwertige Alternativen. Damit kann die Mauer künftig sicher unangetastet weiter stehen bleiben.

C – Tore und Türme mit ihren Veränderungen

Bei den Toren erfolgte mit Ausnahme des Einbaues von Uhren im Grunde keine Änderung. Der Wunsch, das Niedere Tor wiederaufzubauen, beweist, daß der Abbruch des Niederen Tores auch aus heutiger Sicht nicht notwendig war.

Für den Romäusturm wurde bisher noch keine Nutzung gefunden. Der historisch falsche Wehrgang zur Eingangstüre des Romäusturms dient nur dem fastnächtlichen Brauchtum und hat keine weitere Funktion.

Der Kaiserturm wurde immer wieder auf verschiedene Arten genutzt. Durch fehlende Sanitäranlagen scheint eine solide Dauernutzung ausgeschlossen.

Der Elisabethenturm wurde schon früher umgebaut und wird heute durch die Narrozunft vollwertig genutzt.

Es ist auch hier durchaus schwierig, für die historischen Gebäude eine angemessene Nutzung zu finden. Die gefundenen Lösungen lassen nur langfristig auf einen Gesamterfolg hoffen.

Drei weitere Mauertürme bestehen nicht mehr13). Hierfür werden als ehemalige Standorte angenommen: südliche Zinsergasse, südliche Gerberstraße und vor der Benediktinerkirche.

 

Der Elisabethenturm bietet mit seinen vielen Fenstern eine gute Ausgangslage für sinnvolle Nutzungen. Die Geschützrampe mit dem darunterliegenden Keller wurde 1713, also erst nach der Tallardschen Belagerung, errichtet. Sie ist wohl die letzte Verstärkungsmaßnahme an der Innenmauer.

D – Die heutige Bedeutung der Innenmauer

Aus der vergangenen und gegenwärtigen Nutzung läßt sich die Bedeutung der Innenmauer ableiten.

Geschichte

Die Bedeutung Villingens als Machtfaktor der Zähringer und als geplante Stadt wurde aufgezeigt. Bis heute ist sie uns als noch eine gut erkennbare Einheit erhalten, mit einer einzigen großen Störung im Süden der Stadt.

Sie ist in der näheren Umgebung die einzige Stadtmauer, die einen Stadtkern – zumal in solcher Größe – so klar abgrenzt und ihn gleichzeitig auch herausstellt.

An der Stadtmauer selbst und ihren sogenannten Zubehörteilen lassen sich an vielen Stellen verschiedene geschichtliche Spuren nachweisen. Die Stadtmauer hat viel zu erzählen.

Stadtplanung

Die Stadtmauer ist eng verbunden mit ihrem Inhalt, mit dem was sie schützt. Gesundes Wohnen, verschieden strukturierte Wohnquartiere und Arbeitsbereiche, Straßenführung, sowie Be- und Entwässerung verbunden mit strategischen Aufgaben und Rücksicht auf die Sozialstruktur geben in einer Art Idealplan in einem einmaligen Zusammenhang das Planungsniveau der Gründungszeit wieder. Hier lassen sich wohl Ähnlichkeiten mit dem später gebauten Rottweil nachweisen, letztlich besticht aber Villingen durch ein klares, konsequentes, größeres und besser erhaltenes Stadtbild.

Architektur

Gute Architektur besteht aus einer geglückten Einheit von Funktion, Konstruktion und Gestaltung. Mit ihren Zubehörbauten, Toren und Türmen liegt die architektonische Qualität nicht auf der höchsten Stufe. Die Architektur ist aber doch soweit geglückt, daß sie einen aufgabengerechten, guten Standard darstellt, der sich – und vor allem auch aus seiner Zeit betrachtet – gut sehen lassen kann. Wenn auch hier nur die baulichen Qualitäten zählen, so sei an dieser Stelle doch noch auf die räumlichen Qualitäten der Innenstadt aufgrund der Stadtplanung verwiesen.

Symbolik

Im Jahre 1294 begann die Freiheit des Villinger Bürgers und der Handwerkerschaft im Stadtrecht sichtbar zu werden. In den Jahren 1785/90 und auch später, wurde di einmal gewonnene Freiheit immer stärker eingeschränk Die Bürger mußten für die Gestaltung ihrer Freiheit neu Wege suchen.

Die baugeschichtliche Bedeutung der Mauer als Verteidigungsbauwerk läuft anscheinend mit dieser Entwicklung der Freiheit mit. Mit großer Sicherheit war die Inneremauer etwa Mitte des 13. Jahrhunderts fertiggestellt. Vermutlich Ende des 18. Jahrhunderts wurde mit dem Abbruch der Vorwerke begonnen und 1851 wurde das Niedere Tor abgerissen.

Diese in etwa gleichzeitige Entwicklung scheint nicht zufällig zu sein. So ist die Geschichte der Mauer Symbol der Freiheit weniger Auserwählter und gleichzeitig auch Zeichen für ein neues Suchen für eine Freiheit alle Wenn auch dieses Suchen teilweise selbstzerstörerisch war, wurde doch im Laufe der Zeit immer mehr auch der Wert der Geschichte und der Geschichtlichkeit ihre Bauten erkannt.

Auch kulturell bleiben die Erinnerungen. Nach den weit bekannten Passionsspielen der Franziskaner erinnern heute Schauspiele im Kommödiengarten innerhalb der Stadtmauer an diese alte Tradition.

Während der Schwedenbelagerung gingen die Villinger in einer Prozession mit dem Nägelinkreuz auf der Stadtmauer um die Stadt über Wehrgänge und durch Wehrgassen. Die Verehrung des Nägelinkreuzes ist noch heute ein Beweis dafür, daß auch die überstandenen Belagerungszeiten dankbar in Erinnerung bleiben. Der damalige Prozessionsweg auf der Stadtmauer bleibt im Gedächtnis haften.

Funktion

Neben den geistigen Werten ist die praktische Bedeutung eigentlich entscheidend. Die tiefeingreifenden Veränderungen erweisen sich als unnötig. Als reine Mauer erfüllt sie heute noch wichtige Funktionen.

So trennt sie öffentliche, halböffentliche und private Nutzungen in allen vier Stadtvierteln. Im Romäusring trennt sie sogar verschiedene öffentliche Nutzungen voneinander.

Weiterhin dient sie sehr oft als Außenwand mit Fenstern als Baugrenze. Gelegentlich wird sie als geschlossene Grenzwand vorwiegend für Nebenbauten benützt. (Ein Vereinsgebäude und ein privates Wohnhaus wird hier nicht behandelt).

So erfüllt die bestehende Innenstadtmauer noch heute verschiedene Aufgaben, die sich sicher noch ausweiten lassen.

III – Die Innenmauer als Aufgabe

Wir leben aus der Geschichte, ob wir wollen oder nicht. Die Geschichte geht weiter, ob wir uns wehren oder nicht. Die Zukunft beginnt, ob wir zupacken oder nicht. Zwangsläufig gibt uns die Geschichte eine Aufgabe.

A – Funktion

Die Aufgabe der Stadtmauer hat sich geändert. Neue Aufgaben erfordern neue Lösungen.

Als direkte Nutzungen kommen Denkansätze wie Spielwand, Schallschutz, Windschutz und vielleicht auch Wärmespeicher bei Erneuerungen in Frage.

Als indirekte Nutzungen bieten sich innere Erschließungswege entlang der Mauer zu Privatgrundstücken an. Vielleicht ist sogar ein innerer Rundweg machbar, auch mit Rücksicht auf den Fremdenverkehr. In der Architektur wird immer wieder mit Zwischenraum als Abstandsraum gearbeitet, der eine eigene räumliche Qualität besitzt, was auch hier überdacht werden könnte.

Für die große Lücke im Süden muß eine Idee gesucht werden. Hier sollte ein Bebauungsplan aus der Innenstadt heraus sichtbar machen, was geschehen ist und was noch geschehen soll.

B – Konstruktion

Es gilt die materielle Einheit der Mauer wieder herzustellen, vor allem bei den Durchbrüchen. Hier ist ein Gesamtkonzept mit einfachen Grundsätzen gefordert.

Zeitgemäße, fantasievolle, sensible geistige Lösungen sind gefordert. Eine eigene Bruchsteindeponie ist erforderlich, die das notwendige Steinmaterial liefert.

C – Gestaltung

Wahrscheinlich ist die Mauer zwischen Glockenhäusle und Romäusturm noch ganz ursprünglich erhalten. Das typische Zyklopenmauerwerk besitzt ein eigenes charakteristisches Strukturbild, welches durch die verschiedenen Steinfarben des Buntsandsteines noch lebendiger wird. Was steht, sollte bewahrt werden, was fehlt, sollte neu gedeutet werden.

 

Die Gesamtanlagenschutz-Satzung ist Voraussetzung für eine sensible Architektur an der Innenmauer und für das Stadtbild.

Durch Freilegen ist das Stadtbild in bestimmten Perspektiven aufzuzeigen. Denkansätze hierzu sind die Sicht vom Aussichtsturm und der Schwenninger Straße und auch von der Donaueschinger Straße, Einfahrt Süd und vom Hubenloch.

Man könnte auch eine Toreingangssituation mit einzelnen baugeschichtlichen Zitaten und zeitgemäßen Mitteln anklingen lassen. Gerade das Umfeld eines jeden Stadteinganges wäre aufzuwerten.

Der vorhandene Wert der Villinger Stadtmauer ohne Tore, Türme und Zubehörbauten beträgt vorsichtig geschätzt mit Toleranzbreite 25 % rund 15 Millionen DM. Wenn bei einem normalen Haus max. für Wartung und Unterhaltung jährlich mit 1 % der Baukosten zu rechnen ist, dann sollte hier für die Stadtmauer für die nächsten zehn Jahre sicher ein Ansatz von 0,5 % des Wertes jährlich angemessen sein. Teilreparaturen und kleine Verschandelungen legen dies als Nachholbedarf dringend nahe.

D – Schluß

Die Aufgabe ist bedeutsam. Es bleibt nicht mehr viel Zeit bis 1999. Die Stadtmauer hat es verdient, mehr beachtet und besser herausgestellt zu werden. Daher sollten in dieser kurzen Zeit mindestens die entscheidenden Ansätze für eine gute Lösung geleistet werden.

Wer nicht mit der Zeit geht, den straft die Zeit. Das bedeutet auch, wer nicht mit der Geschichte geht, den bestraft die Geschichte.

Ein Spaziergang um die Mauer ist zu Ende. Die Erinnerungen an gestern führen uns zu Aufgaben von morgen und darüber hinaus zur Selbstbesinnung auf den eigenen Standort. Eine Bereicherung für jeden.

E – Nachbemerkung

Ein Spaziergang kann nicht das bringen, wozu sorgfältige Untersuchungen der Grundlagen und des Ortes notwendig sind. Hierbei müssen sogar jeweils die eigenen Gedankengänge immer wieder kritisch durchleuchtet werden. Mit den Gedanken zur Stadtmauer ist auf jeden Fall ein großer Teil zu einer Gesamtschau zusammengetragen, der nach Grundlagen und Überlegungen unbedingt ergänzt werden muß.

Ein Nivellement der ursprünglichen Innenstadt mit der ehemaligen Topographie ist hierbei ebenso wichtig, wie die Bedeutung des Wasserversorgungssystems und der Befestigungsanlage, jeweils in der Bedeutung seiner Zeit betrachtet.

Der ursprüngliche Stadtplan im Grundriß und Aufriß mit Straßennamen ist bis zu Grundstückszuschnitt sorgfältig zu untersuchen. So erscheinen gerade die Theorien zu Grundstücksgrößen anhand der heutigen Pläne nicht ganz realistisch.

Viele und vielseitige Einzeluntersuchungen vor Ort müssen mosaikartig zusammengesetzt werden. Turmartige Häuser und Mauern innerhalb der Stadt spielen hier ebenso eine Rolle, wie unbebautes Gelände.

Die bisher nicht sehr wirksame Öffnung der Stadt nach Süden seit Mitte 19. Jahrhundert ist auch Bestandteil der Stadtgeschichte. Gerade hier ist zu überdenken, wie die Nachteile verringert und die Vorteile besser aufgewertet werden können. Vielleicht ist sogar die Geschichtlichkeit dieser Situation im Zusammenhang mit der Stadtmauer eine eigene Aufgabe.

Der grüne Promenadengürtel steht im Konflikt mit dem Wunsch nach ursprünglichem Freiraum. Ungelöste Öffnungen (Gerberstraße, Färberstraße, Zinsergasse, Paradiesgasse, Kronengasse und Kanzleigasse) gehören neu durchdacht.

Die Quellen selbst müssen auf ihre Widersprüchlichkeit hin untersucht werden. Gerade die vorliegenden Pläne weisen teilweise untereinander erhebliche Widersprüche auf. Vielleicht läßt sich auch hier herausarbeiten, was von der Inneren Stadtmauer bereits abgetragen wurde an Mauertürmen, Wehrhäusern oder Mauerhöhe.

Der Begriff Wehrhaus wurde verwendet, um Häuser die als mögliche Teile der Stadtbefestigung betrachtet werden, zu kennzeichnen. Gerade hier fehlen Unterlagen. Die Bedeutung des Handwerks im Zusammenhang mit dem Bau der Stadt gehört näher durchleuchtet.

Als besterhaltene mittelalterliche Stadtbefestigung im Regierungsbezirk Freiburg sind Vergleiche mit anderen Anlagen unerläßlich.

Quellenverzeichnis

A: Pläne

1) Ansicht Villingen von Norden, ca. 1520 erste Stadt-Darstellung (früher fälschlicherweise ins 15. Jahrhundert datiert).

2) Stadt Villingen zwischen 1685 und 1695 nach einer Zeichnung im Generallandesarchiv Karlsruhe.

3) Lageplan Gumpp 1692 und 2 Ansichten hierzu.

4) Stadtplan Martin Blessing 1806

5) Rekonstruktion des mittelalterlichen Villingen von Nordwesten von Karl Gruber, 1937

6) Stadtplan Noack 19389)

7) Stadtplan Villingen 1:1000 (Vermessungsamt) Stadt ca. 1960

B: Literatur

8) „Kosten-Berechnungen für Hochbauten“, C. Schwatlo 1902 mit Zeitaufwandangaben.

9) „Die Stadtanlage von Villingen als Baudenkmal“, Artikel von Werner Noack, Freiburg i. Br., aus dem Jahresband 1938 „Die Baar“ von der Zeitschrift „Badische Heimat“.

10) „Villingen 1868 -1884“ Zusammengefaßte Ereignisse, 1940 Josef Honold.

11) Lagerstätte Schwarzwald-Baar-Heuberg (Gestein) nach Professor Dr. Sickenberg aus Beschreibung und Darstellungen der Planungsgemeinschaft Schwarzwald-Baar-Heuberg 1963.

12) „Villingen“ Artikel von Dr. Josef Fuchs aus „Die Chronik des Kreises Villingen“ ca. 1972.

13) Ortskernatlas Baden-Württemberg Stadt Villingen-Schwenningen (3.2.) 1991, bearbeitet von Peter Findeisen.