Das „neue“ Vesperbild in der Klosterkirche St. Ursula (Kurt Müller)

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist in der Klosterkirche St. Ursula im Mai 1991 unter dem aus dem Dominikanerinnenkloster stammenden Kruzifix an der linken Chorwand ein Vesperbild aufgestellt worden, das zu den wertvollsten mittelalterlichen Kunstwerken unserer Stadt gehört. Da ein so qualitätvolles Andachtsbild auch den besonderen Stellenwert der Leidensmystik in der Frömmigkeitsgeschichte der Ordensleute und Bürger Villingens markiert, ist es eine lohnende Aufgabe, im Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins darüber zu berichten.

Der neuere Name für eine Plastik Mariens mit dem toten Jesus auf den Knieen lautet „Pieta“ und kommt vom italienischen Wort „Mitgefühl“. Die ältere halb lateinisch und halb deutsche Bezeichnung „Vesperbild“ ist zutreffender und verweist zugleich auf die Herkunft dieser Darstellungsform.

Im Neuen Testament wird eine solche Szene nicht erwähnt. Kunstgeschichtlich beginnt der Bedeutungszusammenhang mit byzantinischen Darstellungen der Grab-legung Christi, aus der sich der Bildtyp der Beweinung Christi entwickelt hat. Italien übernimmt im 13. Jahrhundert das Beweinungsthema.

 

 

 

 

 

Ein frühes Beispiel (1305) dafür ist das Fresco von Giotto in der Arenakapelle zu Padua. Die mittelalterliche Mystik, die Versenkung in die Passion Christi, sucht Wege zur Identifikation mit den dargestellten Personen: Maria umarmt ihren toten Sohn, schmiegt ihr Gesicht an seines. Johannes, Maria Magdalena und die anderen Frauen, Joseph von Arimathäa und Nikodemus halten Jesu Hände und Füße und stehen in tiefer Trauer dabei. Ein in Holz geschnittenes Relief (um 1500) und ein Tafelbild (um 1520) ebenfalls im Kloster St. Ursula belegen diesen Bildtyp auch in Villingen.

Daß aus der Szene der Beweinung nun Maria mit dem Leichnam Jesu allein, von den anderen isoliert dargestellt wird, ist ein Brauch, der zu Anfang des 14. Jahrhunderts in deutschen Frauenklöstern entstanden ist. Der Name dafür „Vesperbild“ schließlich stammt aus der Vesper (kirchliches Abendgebet) des Karfreitags. Dabei wurde zwischen dem Gedenken an die Kreuzigung und an die Grablegung noch eine Betrachtung (Meditation) des toten Jesus auf dem Schoß seiner Mutter eingefügt. Das Primäre war die Meditation, die geistliche Beschäftigung mit der Trauer der Mutter Maria, aber auch mit der Tatsache, daß „es vollbracht“ und das Erlösungswerk nun vollendet ist. Das Zweite ist dann die Kreativität der Künstler, die den geistlichen Reichtum dieser Szene ins Holz geschnitzt und farbig gefaßt haben. Der Quellgrund, aus dem sich die Meditation in den Klöstern des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts nährte, war der geistige Reichtum der Mystik. Namen wie Meister Eckhart (1260 – 1328), Heinrich Seuse (1295 -1366) und Johann Tauler (1300 – 1361) sind uns aus der religiösen Geistesgeschichte, gerade unseres Raumes Basel – Straßburg – Konstanz, vertraut.

Zwei Zitate aus einer Predigt des Minoriten Johannes Pauli, die er um 1490 zu Lebzeiten der begnadeten Äbtissin Ursula Haider (1413 -1498) als „wirdiger Lesmeister“ des Villinger Franziskanerklosters vor den Klarissen von St. Ursula gehalten hat, belegen den Zungenschlag eines von der Mystik geprägten Predigers.

In plastisch realistischen Farben wird der Leidensmann geschildert: „Warlich disser suss miniklich opfel Jhesus hangent am pom des crutzes ist gantz rot uswendig durch sin schmertzklich rosenfarw blut vergiessen, daz allen sie-nen lib ubergossen und rotfarw gemacht hat, und er ist miniklich und gantz wiss inwendig durch sin unschuld, won unschuldiklich ist daz cospar blut Jhesu Christi vergossen.“ 1)

Nicht Zwang und Pflicht sondern Liebe „Devotion“ führen zur fruchtbaren Begegnung mit der Passion Christi: „Fürwar, es gat nit mit lachen zu. Die natur muss mengen pittren tod nemen, wilt du Christo nachfolgen; won er hat selb gesprochen: ,Qui vult venire post me abneget semet-ipsum et tollat crucem suam et sequatur me`. Wer nach mir wil komen…(Lk 9,23). Da zogt er dir, daz du daz crutz der gaischlichait gern und gutwilliklich solt tragen und nit bezwungelichen, also daz dich müsse mit bussen dazu zwingen, daz du ze metti ufstandist, ze kor gangist, fastist und andre ordnung der gaischlichait haltist; won soliche tragent daz crutz nit mit Christo sunder mit Simon Cire-neo. Den zwunget die Juden darzu, daz er must tragen uber sinen willen, und darumb hat er kain verdienen.“2) In diesem Zusammenhang ist auch das Entstehen einer besonderen Andacht zu den „Heiligen Fünf Wunden“ zu erwähnen. Daher ist bei den meisten Vesperbildern die Körperhaltung Jesu so gestaltet, daß alle fünf Wundmale an Händen, Füßen und der Seite zu sehen sind.

Die Frömmigkeit der Auftraggeber und die vom gleichen Geist geprägte Schöpferkraft der Künstler führten dann zu den auch moderne Menschen tief beeindruckenden Vesperbildern. Die älteren Werke zeigen Maria mehr als ältere Frau mit strengem, gramvollen Ausdruck. Vom fünfzehnten Jahrhundert an überwiegt der Typ der „schönen“ Vesperbilder, bei denen Maria jugendlich, fast aristokratisch, in stiller Trauer dargestellt ist.

Unser Vesperbild in St. Ursula neigt dieser Stilform zu, es zählt also nicht zu den ganz frühen Vesperbildern sondern wird auf die Wende vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert zu datieren sein.

Woher kam es ins Villinger Klarissenkloster? Wir kennen Werkstatt und Künstler nicht, aber wir wissen, daß die Äbtissin Ursula Haider die tiefe Verehrung des Leidens Christi geliebt und einen prägenden Einfluß auf die Spiritualität ihres Konvents ausgeübt hat. Es ist ihr geistliches Erbe, daß die wertvollsten Kunstwerke in St. Ursula vornehmlich mit der Passion in Zusammenhang stehen: Das Vesperbild, das Relief und das Tafelbild der Beweinung Christi, der Leidensmann im Chor, ein dem Nägelinkreuz sehr ähnliches Kruzifix, die geschnitzte Ölbergszene. Wenn nicht von Ursula Haider selbst erworben, so wurde das Vesperbild doch sicher bald nach ihrem vorbildlich zu Ende gegangenen Leben von den Klarissen aufgestellt. Die Nonnen waren arm, sie werden das Andachtsbild wohl von einem frommen Stifter erhalten haben. Wo in der Kirche oder im Kloster die Pieta die Jahrhunderte hindurch verehrt wurde, ist unbekannt.

Pieta vor der Restaurierung; Pieta nach der Restaurierung

Anfang der vierziger Jahre, also im Zweiten Weltkrieg, war sie im breiten Klostergang, der der Stadtmauer entlangführt, aufgestellt. Der um die Villinger Heimatgeschichte hochverdiente Dr. med. Johann Nepomuk Häßler betreute damals die Ordensfrauen in Krankheit und Alter. Aus Dankbarkeit für seine Treue zum Kloster und seine selbstlose Sorge für die Schwestern auch in der Zeit der klosterfeindlichen NS-Herrschaft schenkten sie ihm das Vesperbild. Sicher hat dabei auch der Gedanke eine Rolle gespielt, daß die Pieta im Haus des Doktors sicherer aufgehoben wäre als im bedrohten Kloster, das möglicherweise Lazarett oder Truppenunterkunft hätte werden können.

Bis zu seinem Tod am 27. Februar 1981 hütete Dr. Häßler das Vesperbild in seinem Haus. Im Mai 1989 haben seine Erben die Pieta dem Kloster zurückgegeben mit der Auflage, daß sie auf jeden Fall in Villingen verbleiben müsse und in angemessenem Umfang der Öffentlichkeit zugänglich bleiben soll.

Die Restaurationswerkstatt Rau in Ulm hat die Figur vorbildlich restauriert, das zeigt der Vergleich der Abbildungen. Auf einer dazu passenden, neu gefertigten Konsole wurde das Vesperbild dann im Mai 1991 an seinen jetzigen Platz aufgestellt. Kenner der Villinger Museen wissen, daß dort durch langjährige Bemühungen von Stadtarchivar Dr. Josef Fuchs zwei Vesperbilder restauriert werden konnten. Die kleinere Plastik stammt aus dem Hl. Geist Spital und die größere aus dem Franziskanerkloster, sie hatte dort ihren Platz bei der Leprosenbank. Außerdem ist das Nägelinkreuz an seinem ursprünglichen Ort in der Bickenkapelle immer zusammen mit einem „bekleideten“ Vesperbild verehrt worden, das zu ungewisser Zeit verloren gegangen ist. Die im Münster heute unter dem Nägelinkreuz aufgestellte Pieta stammt aus Villinger Museumsbesitz.

Aus der Anzahl und der Bedeutung der erwähnten Kunstwerke in Villingen wird auf eine beeindruckende Weise deutlich, welchen Stellenwert in den vergangenen Jahrhunderten die Verehrung gerade der Schmerzensmutter Maria mit ihrem toten Sohn gehabt haben muß. Es war ganz offenbar ein Bedürfnis der Menschen, in schweren Zeiten, bei Mißernten, Seuchen und Krieg bei denen Zuflucht zu suchen, die mit und für die Menschen gelitten hatten, bei Jesus und Maria.

Die Vesperbilder im Museum werden hoffentlich auch für kommende Generationen als Zeugnisse der Frömmigkeit und als Belege für den hohen Rang der religiösen Kunst in unserer Stadt gesichert und erhalten bleiben.

Das Vesperbild in St. Ursula aber ist dahin zurückgekehrt, wo der Stifter und der Künstler es wohl haben wollten: in das Gotteshaus als Meditations- und Andachtsbild zur Hilfe und zum Trost für Menschen, die schwere Tage zu meistern haben.

1) und 2) Robert G. Warnok „Die Predigten des Johannes Pauli“ Verlag C. H. Beck München 1970, Seite 55 und 62.

 

Kruzifix und Pieta in der Klosterkirche St. Ursula beim Bickentor in Villingen.