Geschichte in Bewegung . . . Ein Stadtquartier verändert sein Gesicht: Rietstraße 27-31 — Rietgasse und Webergasse (Werner Huger)

Begrenzt von der Rietstraße, der Rietgasse und der Webergasse entsteht im Westteil der mittelalterlichen Stadt das sogenannte Rietzentrum. Die Maßnahme des Reinhard Bauer aus Villingen ist Teil einer Stadtquartiersanierung.

Im Frühjahr 1989 rückten die Bagger an. Das ehemalige Haus des Klosters St. Katharinental, Rietstraße 31, der Pfleghof, in dem zuletzt die Farbenhandlung Baeuerle untergebracht war, wurde innen völlig ausgekernt. Im Hofbereich standen immer noch die Garagen und Werkstätten aus der Zeit, als die Firma Opel-Mauch in dem Haus residierte. Im hinteren Bereich der Häuser Riet-straße 27 und 29 waren die ehemaligen Hofreiten ebenfalls überbaut, entlang der Webergasse standen alte Lagergebäude der früheren Gewerbetreibenden an der Rietstraße. Der Bagger legte sie nieder. In der Tat hatte der bisherige Baubestand mit der mittelalterlichen und nachmittelalterlichen Funktion der Fläche nichts mehr zu tun, war ein Schandfleck und Übernachtungsort für Penner geworden. Reinhard Bauer, dem dieses Areal seit Kindheit vertraut ist, hat in einem großen Entschluß den Plan gefaßt, hier das sogenannte Rietzentrum entstehen zu lassen. Bei dem Rietzentrum handelt es sich um eine gemischt genutzte Anlage, mit einer Vielzahl von Dienstleistungsbetrieben der unterschiedlichsten Art. Dabei sollen Einzelhandel, Büros, Praxen, Hotel und Gastronomie in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Insbesondere der Hotelbereich verdient hier Erwähnung, fehlen doch gerade in der Innenstadt seit Jahr und Tag die entsprechenden Betten nach Zahl und Qualität moderner Hotellerie. Vor allem seit das Franziskaner-Konzerthaus namhafte Orchester in die Stadt lockt, ist ein dringender Bedarf entstanden. So ist es passiert, daß eine ganze Besetzung nach dem Konzert im Omnibus nach Balingen aufbrach, um dort zu übernachten, weil auf diese Weise alle Personen in einem Hotel untergebracht werden konnten. Natürlich stellt sich der heimatverbundene Kritiker die Frage nach dem Verlust historischer Substanz. Hierzu ist anzumerken, daß derart vom wirtschaftlichen Standort begünstigte Lagen seit Jahrhunderten als erste das Aussehen und die Funktion der Gebäude veränderten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es für die Innenstadt nur noch ein Gewinn, wenn ein so heruntergekommenes Quartier sein Gesicht ändert und neuen Perspektiven weicht. Zudem erfolgt hier nicht Abriß, indem um jeden Preis Substanz zerstört wird. Gerade Reinhard Bauer verdient das Lob, das Aussehen der überkommenen Substanz nicht angetastet zu haben. Die alten Gebäude bleiben in ihrem Aussehen erhalten, die neuen folgen in der Dimensionierung den alten, der Stil bleibt dem Anspruch ans Ensemble angepaßt.

Im Frühjahr 1989 wurden zunächst die maroden Gebäudeteile an der Webergasse niedergelegt. In der Mitte ist bereits die hintere Fassade des ehemaligen Amtshauses des Klosters St. Katharinental abgebrochen. Das Haus mit der Vorderfront an der Rietstraße beherbergte zuletzt das Farbengeschäft Baeuerle, davor war es über viele Jahre Domizil der Autofirma Opel-Mauch. Ganz links die Nordostecke der ehemaligen Franziskanerkirche.

 

Die Vorderseite des Rietzentrums bleibt mit den Hausnummern 27-31 zur Rietstraße und damit zur Fußgängerzone hin orientiert. Zur Rietgasse, wo sich einst die Zufahrt zu den Opel-Werkstätten und den Garagen befand, ist das Rietzentrum mit angepaßter Fassade und Höhe unmittelbar dem Franziskaner-Komplex zugewandt. Hier befindet sich sinnigerweise auch der Eingang zum künftigen Hotel „Am Franziskaner“. Gleichzeitig verbindet sich damit ein Restaurationsangebot für den Konzertbesucher. Auch hier wird die Fußgängerzone zur verbindenden Brücke. Der rückwärtige Teil des Rietzentrums befindet sich entlang der Webergasse, die als verkehrsberuhigte Zone einen günstigen Standort für ein Stadthotel bietet. Die Sanierung des gesamten Areals, zu dem noch ein Teil der Rietstraße 25, mit den Gebäuden zum Hof und zur Webergasse, hinzukommt, bedeutet die Beseitigung eines städtebaulichen Mißstan-des, nicht zuletzt für die nachbarlichen Anwohner, die in ihrer Wohnqualität zwar von den dreigeschossig aufgeführten Gebäuden an der Webergasse eine gewisse Lichteinbuße hinnehmen müssen, andererseits durch sie eine Aufwertung erfahren. Durch die Zusammenlegung der Grundstücke Rietstraße 27, 29, 31 und der Mitbenutzung des Grundstücks Nr. 25 gelang Reinhard Bauer die Anpassung an modern dimensionierte Grundflächen des Verkaufs- und Dienstleistungsbereichs. In bester Geschäftslage wird eine der großen zusammenhängenden Flächen mit über 2 200 qm entstehen. Die Gesamtbrutto-Nutzfläche beträgt 10 600 qm, die Netto-Nutzfläche 9 500 qm. Das Rietzentrum wird zum Pendant für das ebenfalls in zwei Jahren fertiggestellte Einkaufszentrum am Benediktinerring auf dem Gelände der ehemaligen Kienzle-Uhrenfabrik, vormals C. Werner.

In der Aufteilung der Bruttoflächen entfallen auf den Einzelhandel 3 810 qm, auf das Hotel mit 100 Zimmern bzw. 200 Betten 4 227 qm, der Dienstleistungsbereich mit Praxen, Büros, Gastronomie u. a. umfaßt 2 558 qm. Neues bedeutet immer Abschied nehmen vom Alten, Vertrauten, das sich in der Seele eingenistet hat und nach Bewahrung verlangt. Neues verlangt Gewöhnung und wird schließlich wiederum zum Vertrauten. Reinhard Bauer hat, zusammen mit seinem Architekten, eine Lösung gefunden, die sich positiver Hoffnung und freudiger Erwartung öffnet.

 

Welch großes Gebäude das einstige St. Katharinentaler Amtshaus war, zeigt der Blick von der Rückseite des Gebäudes bis zur Fensterfront an der Rietstraße. Es wurde innen völlig ausgekernt. Das Haus trägt die Nummer Rietstraße 31 und wird künftig eine funktionale Einheit mit den Grundstücken Rietstraße 27 und 29 bilden. Die rückwärtige Überbauung reicht bis zur Webergasse im Süden und der Rietgasse im Westen.

 

 

Hier zeigen wir die Architekturzeichnungen das künftige Aussehen des „Rietzentrums“, einer gemischtgenutzten gewerblichen Anlage aus Hotel, Büros, Einzelhandelsgeschäften, Praxen und Gastronomie.