Der neue Brunnen auf dem Münsterplatz in Villingen

 

Aus Anlaß des 50. Geburtstages des Künstlers wurde am Sonntag, 6. August 1989, der Brunnen auf dem Münsterplatz eingeweiht. Klaus Ringwald aus Schonach im Schwarzwald hat ihn im Auftrag der Stadt in den Jahren 1986 bis 1989 geschaffen. Es ist der turmartige Aufsatz, der auf der flachen, achteckigen schalenartigen Basis aufsitzt. Ringwald ist im Grundriß seiner pfeilerartig nach oben strebenden Flächen der oktogonalen Vorgabe der in Naturstein gearbeiteten Basis gefolgt. Die Brunnenwände sind durch bortenlinige Unterbrechungen in plattenförmige Felder unterteilt. Diese tragen auf ihrer Oberfläche entweder eine erhabene Beschriftung, oder sie sind durch Fensterelemente mit sich darin befindlichen plastischen Figuren unterbrochen. In der Konzeption ist er den von ihm vor einigen Jahren geschaffenen Münstertüren gefolgt. Dort hatte er mit Einfühlung in die vorgegebene Architektur des Münsters und den Geist der romanischen Epoche auf entsprechend gestaltete Elemente zurückgegriffen. Sowohl das Material, nämlich die Bronze, im Guß verarbeitet, als auch die bildplatten-hafte Reihung der Felder korrespondieren auf diese Weise mit den Türen. Während es allerdings bei den Münsterportalen biblische Motive des Alten und Neuen Testaments waren, sind es diesmal zeitgeschichtliche Wiedergaben. Während die Bildplatten am Münster schriftarm an die Zeit erinnern, in der die Menschen in der Regel nicht lesen konnten, sind diesmal die Felder angehäuft mit schriftlicher Information über die Zeiten der Villinger Geschichte. Ringwald gestaltet die acht Seitenflächen seines Brunnenpfeilers stilistisch nach den Kunstepochen, mit denen sich jeweils die schicksalshaften Ereignisse verbinden. Er beginnt mit der Romanik, führt über die Gotik zur Renaissance und dem Barock, dann zum Klassizismus und Biedermeier und schließlich zum Jugendstil und, wie es der Künstler nennt, den Betonstil zur Moderne.

Bei den Bildelementen hat Ringwald für die Romanik im untern Wandteil eine Tür eingesetzt, die sich öffnen läßt, und so den Zugang zum Innern des Brunnenelements erlaubt; im oberen Teil bildet die Durchfahrt eines Stadttores eine fensterartige Öffnung, aus der sich der Oberkörper einer Frau herauslehnt. Die Frau kämmt sich ihr Haar, als Vorlage für den Kopf diente dem Künstler das Konterfei seiner eigenen Frau. Im gotischen Teil ist ein Erkerfenster eckförmig herausgeführt. Aus dem rechten Fensterteil schaut ein männlicher Kopf heraus, vor dessen Gesicht die Hand des Mannes eine Maske hält. Das Gesicht ist unschwer als das des amtierenden Oberbürgermeisters zu erkennen. Neben ihm schaut der Kopf einer Buldogge mit ihren stierigen Froschaugen über die Brüstung hinweg. Die scheinbar rätselhafte Zweideutigkeit einer Wechselbeziehung erweist sich in der Erläuterung des Künstlers als fast banal. Es ist der längst nicht mehr lebende Hund des Oberle-Seppl, der ebenfalls nicht mehr lebt, und dem als Nachbar das große Haus der Rabenscheuer gehörte. Beide schauten einst gemeinsam zum Fenster hinaus und inspirierten den vorübergehenden Klaus Ringwald. Im Wandteil der Renaissance betrachtet, die gekreuzten Unterarme auf der Brüstung aufgelegt, eine dekolltierte Dame, die Welt unter ihr. Hinter ihr, am Fensterkreuz sich festhaltend, steht ein kleiner Junge, der in seiner Nacktheit als „Männeken Pis“ gestaltet ist. Für das Barock hat sich der Künstler einen Gag ausgedacht. Dabei hat er auf die in den Vi II inger Ratsprotokollen mehrfach belegte Unsitte Bezug genommen, wonach zur finsteren Stunde da und dort gelegentlich der volle Nachttopf mit Schwung durchs offene Fenster entleert wurde und hin und wieder einen Vorübergehenden überschüttete, in unserem Falle unzweifelhaft den Ersten Bürgermeister Theo Kühn, der als Förderer des Brunnens manchen unangenehmen Guß über sich ergehen lassen mußte. Im Klassizismus ist es ein junges Mädchen, das, zum Fenster hinausgelehnt, aus einer kleinen Kanne die Blumen auf der Fensterbank gießt. Die Idylle der beiden Frauenporträts verbirgt die Tragik des wirklichen Lebens. Tatsächlich hat das Mädchen jene Frau im Fenster während deren unheilbaren Krankheit gepflegt, bis sie starb. Beiden hat Ringwald ein Denkmal gesetzt, waren es doch Freunde aus seinem Bekanntenkreis. An der ärmlichen Biedermeierfassade rankt sich ein zierlicher Rosenstrauch empor, an dessen Fuß sich eine Ratte bewegt. Ganz oben liest ein Knabe am Licht des Tages im Fenster ein Buch. Die Zeilen enthalten den Hinweis, daß Klaus Ringwald im Auftrage der Stadt diesen Brunnen in den Jahren 1986-1989 gestaltet hat, ferner die Namen derer, die am Text mitgewirkt haben. Der zweitletzte Wandteil ist mit Jugendstilmotiven ausgeschmückt. Klaus Ringwald hat dabei ein Fenster wiedergegeben, das so im Hause Tonolini, Niedere Straße 6, des Kurz-und Wollwarengeschäfts Grimm, zu finden ist. Es schaut Münsterpfarrer und Dekan Kurt Müller zum Fenster hinaus, die geliebte Zigarre in der Rechten, in der linken Hand hält er einen Becher für den gelegentlichen Schluck Whisky. Der Künstler bestätigt humorvoll auf dem Becher „twenty years old“. Die letzte Tafel hat Ringwald in der von ihm geschätzten Manier der Zeitkritik gestaltet, auf die wir weiter unten noch zurückkommen. —Der Brunnen ist in der bisher beschriebenen Form nicht Selbstzweck. Der Auftrag an den Künstler lautete, daß er damit u. a. ein Wasserspiel zu verbinden hat. Die Aufgabe wurde auf subtile Art gelöst, die dem herkömmlich Gewohnten eine durchaus neue Note gibt. Das Wasser fließt nicht in Kaskaden sondern im zarten Strahl aus unzähligen Öffnungen, die sich dafür schon immer geeignet haben: So in der Romanik vom Dach des Stadttores, in der Gotik aus den Wasserspeiern des Fenstererkers, in der Renaissance verrichtet das Büblein sein Geschäft, im Barock fließt es aus dem Nachttopf, im Klassizismus aus dem Blumenkännchen und einem Wasserspeicher und in der armseligen Zeit des Biedermeier verliert eine löchrige Dachrinne ihren gesamten Inhalt. Wasserspeier dienen auch im Jugendstil der Ableitung, und schließlich ist es in der Moderne das frei von Zimperlichkeit sich duschende junge Paar, dem der Künstler durch Weglassen der Köpfe die Anonymität gesichert hat. Bei Nacht von innen heraus angestrahlt, erhält die kurzweilige Vielfalt von Wasserableitungen einen beschaulichen Reiz.

Während die plastischen Bildelemente leicht verständlich und anschaulich den Blick auf sich ziehen, ist die Schrift verhältnismäßig schwer zu lesen. Sehr rasch ermüdet das angestrengte Auge und wendet sich ab. Wir haben deshalb auf den nachfolgenden Seiten die Texte zum jeweils dazugehörigen Bild in Verbindung gesetzt und vermitteln so ihren Inhalt. Die schriftlichen Mitteilungen der acht Seitenflächen wurden von Werner Huger entworfen und von Kurt Müller und Josef Fuchs redigiert. Wie sehr auch bei einer ausgesprochen guten Zusammenarbeit die Ansichten von Bildner und Schreiber auseinandergehen können, sei am Inhalt der letzten Fläche, dem Text für die Gegenwart, dargestellt. Seinem Wesen entsprechend liebt es Klaus Ringwald, seiner Zeit den Spiegel vorzuhalten. Er hat dort Texte eingefügt, die seiner eigenen Diktion entsprungen sind und die wir hier, statt auf der letzten der nachfolgenden Seiten wiedergeben. Plakativ hat er formuliert: „Beton, Asphalt, Kunststoffe, die goldenen Kälber unserer Zeit“, „Doppelte Nullösung, Nullwachstum“ sowie „Ohne Straßenbau weiter Streß und Stau“ und schließlich „Sie entschieden bevor sie begriffen — nun begreifen sie und können nicht mehr entscheiden“. Das Recht des Künstlers, ganz subjektiv zu werten, ist bei Ringwald wieder einmal zu einem Element seiner Gestaltungskraft geworden, mit der sein bildnerisches Werk ganz nach Wunsch zur Herausforderung werden kann. Er ist auf diese Weise bewußt nicht dem Vorschlag Werner Hugers gefolgt, für den letzten Teil des Flächentextes, soweit er die unmittelbare Gegenwart betrifft, außerhalb einer objektbezogenen Wertung zu bleiben, weil, so Huger, uns die zeitliche Distanz zu den Vorgängen fehle. Ringwald wählte Besinnung als Herausforderung, Huger wollte Besinnung in der Betrachtung. Er wollte eine äußerste Verkürzung des Textes und damit die intensivst verdichtete Aussage zu uns Lebenden in der Zeit. Danach hätte sein Text gelautet:

 

Die Gegenwart ist da —

Noch immer

richtet der Mensch

Geschichte wird

als Geschichten erlebt

Aber es blieb uns

die längste Dauer des

äußeren Friedens

und der Gleichmut

des fließenden Wassers

Die Brunnenwände und ihre Beschriftung

 

Romanik und Gotik

817 erste Nennung „ad filingas“ in St. Galler Urkunde durch Kaiser Ludwig den Frommen.

999 verleiht Kaiser Otto III.

Graf Berthold für seinen Ort „Filingun“ Markt-, Münz-,

Zollrecht und Gerichtsbann.

Diese Königsrechte begründen die Stadt.

Um 1100 wird von Herzog Berthold die Stadt im Brigachbogen angelegt. Die Ost-West-Hauptachse mit Ausgang zur Begräbnisstätte an der Pfarrkirche wird gebaut. Der Kirchplatz
für die Leutkirche „Johannes Baptista“, dem heutigen Münster, ist festgelegt.

1218: Die Zähringer Herzöge sterben aus.

Kaiser Friedrich II. „der Staufer“ wird neuer Herr. Die Ringmauer entsteht.

1225 beteiligt der Rat der Vierundzwanzig erstmals die Bürger an der Macht.

Zur „Leutkirch“ wird das Rathaus erbaut.

Ab 1254 führt Graf Heinrich von Fürstenberg die Stadt durch Klostergründung der Orden der Johanniter 1257 und Franziskaner 1268 zum Höhepunkt.

Nach dem Stadtbrand von 1277 leistet er den Wiederaufbau und erweitert das Münster durch den gotischen Chor.

Gräfin Agnes—die Witwe Heinrichs von Fürstenberg— stiftet das Spital. —Villingen ist nun wirtschaftlicher, politischer und geistiger Mittelpunkt der weiten Gegend.

1284 und 1324 wird die Verfassung der Zünfte geschrieben.

Seit 1326 regieren die Habsburger.

Die Pest 1349 löscht ganze Geschlechter aus. — 1456 im Franziskaner Gründung der Universität Freiburg mit Matthäus Hummel.

 

 

Renaissance und Barock

Im 15. und 16. Jahrhundert wählen die österreichischen Herzöge und deutsche Könige mehrfach diese Stadt zum Tagungsort habsburgischer Politik.

Auf allen Kriegsplätzen jener Zeit kämpfen Villinger Landsknechte unter ihrem blauweißen Fähnlein.

Als Held zahlreicher Legenden verklärt, fällt 1513 bei Novara in Italien der „Riese“ Remigius Mans, unser „Romäus“.

1525, im Bauernkrieg, wagen es die aufständischen Haufen nicht, die Stadt anzugreifen.

In Sicherheit und Wohlstand erwächst auf der Grundlage der Zünfte eine kulturelle Blüte. Der Töpfer und Ofenbauer Hans Kraut wird der bedeutendste Meister namhafter Villinger Künstler und Handwerker der Renaissance.

Drei Belagerungen im Dreißigjährigen Krieg.

1633 und 1634 werden gegen die württembergisch und schwedischen Verbündeten erfolgreich bestanden.

Im Spanischen Erbfolgekrieg belagert 1704 ein französisches Heer von 30 000 Mann mit Marschall Tallard die Stadt vergeblich.

Trotz schwersten Beschusses und großer Zerstörung halten die Villinger stand.

Dennoch gedeihen Kunst, Kultur und Religion. Im Barock entstehen die Klosterbauten der Benediktiner und Kapuziner.

Zahlreich sind die Künstler von Rang.

Die Bildhauer Anton Josef Schupp und Josef Anton Hops, die Goldschmiede Zacharias und Gottlieb Otto und Josef Neidinger, die Malersippe der Schilling, der Faßmaler Caspar, Tober, die Schreiner Martin Hermann und die Glockengießer

Reble — Grüninger.

Ab 1756 Magistratstreit um Eigenregierung der Stadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Klassizismus und Biedermeier

Als Festung veraltet, leidet die Stadt in der napoleonischen Zeit während und nach den Koalitionskriegen große Not.

Truppendurchmärsche, Einquartierungen, Proviantlieferungen, Rekrutierung von Soldaten, eingeschleppte Seuchen belasten die Bürger.

Um 1802 endet die österreichische Hoheit und mit ihr die landespolitische Bedeutung der Stadt.

1806 kommt die Stadt an den Rheinbund Baden. Ihrer Klöster beraubt, geistlich, künstlerisch und wirtschaftlich verarmt, verliert sie die letzten Rechte alter Freiheit.

Villingen wird großherzoglich-badische Bezirksamtsstadt.

Die Beteiligung von Stadt und Bürgern an der vergeblichen Revolutionsbewegung von 1848-49 bürden neue Sorgen und Opfer auf.

Neben Handwerk, Landwirtschaft und Kleingewerbe erwacht die industrielle Fertigung in zahlreichen neuen Kleinbetrieben für Textilwaren, Uhren und Orchestrionwerke.

Die „Fabrik“ bringt erhebliche Veränderungen in der soziologischen, sozialen als auch konfessionellen Struktur der Stadt. —Die Bevölkerung verdoppelt sich.

Der Krieg 1870-71 führt 125 Villinger an die Front und 6 davon in den Tod.

Der Eisenbahnverkehr nach Singen wird 1869 eröffnet. — Seit 1873 ist mit der Schwarzwaldbahn der Anschluß an die großen Verkehrsadern des jungen deutschen Reichs erschlossen.

 

Jugendstil und „Betonstil“

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wächst die Stadt über ihre Mauern hinaus.

Die heimische Industrie wird groß und mächtig.

Das Gymnasium wird gebaut und das Münster renoviert.

Hoffnungsfroh erleben die Menschen den „Fortschritt“, aber der Kaiser ruft zu den Waffen.

Der Erste Weltkrieg beendet eine Illusion und die Monarchie. Er bringt Trauer um 200 Tote und in den Jahren danach das schwere Ringen mit den Kriegsfolgen.

Parteienzwist, Weltwirtschaftskrise, Inflation, ein Heer von Arbeitslosen und Enttäuschten zermürben die junge Demokratie der Weimarer Republik.

1933 kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Es wird Nacht über Deutschland.

Die jüdische Gemeinde ist verjagt oder ausgerottet.

Das KZ bedroht die Freiheit der Gedanken, der Worte und der Gewissen.

Am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg, Europa brennt und blutet.

An den Fronten fallen 773 Bürger der Stadt. Luftangriffe zerstören die Bickenkapelle, die Luisenstraße und die Gutleuthauskapelle. 21 Zivilisten finden den Tod.

Am 21. April 1945 beendet der Einmarsch der französischen Truppen diese Gewaltherrschaft. Der Demontage folgt der Wiederaufbau und die Eingliederung der Heimatvertriebenen. Neue Stadtviertel, neue Schulen und Kirchen werden gebaut. Große Industrieanlagen und Verkehrswege verändern und verbrauchen die Landschaft.

Das neue Bundesland Baden-Württemberg begründet im Zuge der Reformen 1972 das Oberzentrum, die Doppelstadt Villingen-Schwenningen.

Sie entschieden, bevor sie begriffen — nun begreifen sie und können nicht mehr entscheiden.

’s Bächle und de Brunne