Villingen, Obere Straße 26: Das Haus Schilling und seine früheren Besitzer (Michael Tocha)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn man von der Stadtmitte auf das Obere Tor zugeht, so fällt rechterhand das Haus Schilling besonders auf: Es ist etwas höher als die umgebenden Häuser, vor allem aber hat es an seiner Front zur Hafnergasse hin an beiden Kanten eine markante Eckquaderung. Für den, der einen Blick für solche Einzelheiten hat, liegt damit nahe, daß das Haus nicht nur sehr alt ist, sondern daß es sich um einen ehemaligen Wohnturm handelt. Tatsächlich belegt die bekannte Federzeichnung der Stadt Villingen von 1685-1695 diese Annahme: Das Haus ist hier deutlich als Turm zu erkennen. Auch anderswo in Villingen gibt es noch solche ehemaligen Wohntürme, so in der Niederen Straße 10, in der Niederen Straße 28 und vor allem in der Färberstraße 1, das Haus von Werner Huger, dem Vorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins. Villingen gehört damit in die Reihe der Städte, die jenen hochinteressanten Bautypus in ihren Mauern beherbergen.

Was ist ein Wohnturm?

Wohntürme können wir heute noch in Städten erkennen, die im Mittelalter bedeutend waren und deren mittelalterliches Stadtbild, häufig wegen zurückgehender Wirtschaftskraft, durch neuzeitliche Um- und Neubauten nicht allzu stark verändert worden ist. In Deutschland wäre vor allen anderen Städten Regensburg zu nennen, ferner Esslingen, Schwäbisch Gmünd, Horb, Rottenburg, Schwäbisch Hall oder Konstanz, in der Schweiz Aarau, Basel, Rheinfelden, Schaffhausen und Zürich. Nicht bewiesen ist die Ansicht, die Wohntürme von Regensburg hätten die Geschlechtertürme Italiens, wie die von Rom, Bologna, Florenz oder San Gimignano, zum Vorbild. Der deutsche Bautypus hat sich wohl eher eigenständig und zeitgleich mit italienischen Beispielen entwickelt.

Wohntürme erinnern zwar an Verteidigungsbauten, aber der wehrhafte Ausdruck ihrer Architektur ist im Wortsinn nur bildlich gemeint; sie bilden die Bauformen der Adelsburg lediglich ab, sind also vor allem Statussymbole. Wie der Name sagt, dienen sie vor allem Wohnzwecken: In ihnen wohnt die städtische Oberschicht, das Patriziat und der Stadtadel. Sie haben einen quadratischen oder rechteckigen Grundriß und sind stets aus Stein gebaut. Ihre Fassaden besitzen Fenster, häufig Arkaden, manchmal sogar Schießscharten. Sie haben vier oder mehr Stockwerke. Je nach Geschoßzahl und Höhe unterscheidet man gelegentlich zwischen „Wohntürmen“, „Turmhäusern“ und „turmähnlichen Häusern“. Die Villinger Beispiele wären dann mit dem letzteren Begriff zu fassen. Die Steinbauten der Oberschichte dürfen nicht für sich allein gesehen werden, sie waren immer Teil eines größeren Gebäudekomplexes innerhalb einer gehöftartigen Anlage. In jedem Fall gehörte zum Turm ein Anbau als Wohntrakt. Das gilt auch für Villingen und das Haus Schilling, das in den schriftlichen Zeugnissen stets als „huß und thurn“ bezeichnet wird.

„Der Bollerin thurn“

Wer erbaute nun unseren Wohnturm in der Oberen Straße, wer waren seine Besitzer, welche Menschen wohnten in ihm? Über die Entstehung und die ersten Jahrzehnte seines Bestehens wissen wir nichts. Dann aber gibt es zwei Nachrichten, die uns aufhorchen lassen: 1323 überließ der Vi II inger Bürger Hermann der Bislinger dem bei Emmendingen gelegenen Zisterzienserkloster Tennenbach ein Haus. Es handelte sich um ein Steinhaus mit Ziegeldach „bi dem obern tor an dem orte an hern Brenningers hus.“ Dieses Haus wurde in der Folge der Tennenbacher Pfleghof in Villingen. Hier residierte der Pfleger oder „Schaffner“, wie er in den Villinger Quellen zumeist genannt wird. Ihm oblag die Verwaltung des Klosterbesitzes im Kirnachtal, der Einzug der Abgaben von den hörigen Bauern, der Transport ihrer Produkte nach Villingen und deren Verkauf auf dem städtischen Markt. Das sind recht anspruchsvolle Aufgaben, von deren gewissenhafter Erfüllung das materielle Wohl des Klosters mit abhängt. Deshalb konnten nur gebildete und umsichtige Mönche das Pflegeramt übernehmen. Später treffen wir dann Villinger Bürger als Klosterschaffner an: 1420 Hans den Jäger, 1470 Hans Mock und Martin Hug, 1505 Heinrich Hug. Auch an sie werden hohe Anforderungen gestellt; sie müssen Geschäftssinn und gute Rechtskenntnisse mitbringen. Man könnte sie, modern ausgedrückt, mit den leitenden Angestellten vergleichen, die für die Filiale einer bedeutenden Firma verantwortlich sind.

Zwischen 1494 und 1500 begegnet uns Paulinus Stahel als Tennenbacher Klosterschaffner in Villingen. Er stammte aus Zöschingen bei Dillingen und war mit der Villingerin Verena Boiler verheiratet. Diese wiederum mußte aus einer vornehmen Familie stammen: Ihre Schwester Elsbeth war Klosterfrau in Freiburg und als solche in der Lage, ihrem Schwager Paul einen Hof in Nordstetten zu Lehen zu geben. Frau Verena ihrerseits hatte bedeutenden Hausbesitz in der Stadt selbst. Dazu gehörte ein „Haus mit Turm“, also ein Wohnturm, den sie zusammen mit ihrem Mann um das Jahr 1500 herum dem Kloster Tennenbach schenkte. Wir wissen das, weil Tennenbach am 25. Juni 1506 seinen gesamten Besitz im Kirnachtal, in Volkertsweiler und Villingen an die Stadt verkaufte, mit Ausnahme eben jenes „hus und thurn, daz von Paulin Staheln und frow Veren Bollerin an ir gothaus kommen ist.“

Wo lag nun dieser Turm der „Bollerin“? Darüber gibt es keine Quellen. Aber aus den wenigen Nachrichten , die wir haben, lassen sich dennoch Schlüsse ziehen: Der Tennenbacher Pfleghof lag in der Oberen Straße, nahe beim Oberen Tor. Hier verwaltete also auch Paul Stahel sein Amt. Er und seine Frau Verena schenkten dem Kloster einen Wohnturm. Diese Besitzübertragung gibt dann am meisten Sinn, wenn sie zur Abrundung des schon vorhandenen Immobilienbesitzes des Klosters in der Oberen Straße führt. Verena Boiler und Paul Stahel sind diesem Gedanken jedenfalls gefolgt, als sie am 4. August 1511 dem Kloster noch einen Garten — beim Oberen Tor! — schenkten. Überhaupt spielt dieser Garten in unserer Indizienkette eine wichtige Rolle: Er lag ja doch wohl in der Nähe des Wohnhauses der Besitzer; man hat keinen Garten vor dem Obertor, wenn man am anderen Ende der Stadt wohnt. Also dürfte jener Turm ebenfalls in der Oberen Straße gelegen haben. Der einzige Wohnturm, den wir dort nachweisen können, ist aber das Haus Nr. 26. Daraus folgt: Das heutige Haus Schilling ist „der Bollerin Turm“!

Gewiß — bewiesen ist das nicht; aber die Annahme hat doch erhebliche Wahrscheinlichkeit für sich. Dieser Ansicht ist auch Max Weber, der den Tennenbacher Besitz im Villinger Raum mit äußerster Gründlichkeit erforscht hat. Er schreibt im Zusammenhang mit dem 1323 erworbenen Stadthaus, dem späteren Pfleghof: „Noch heute fällt das Haus Obere Straße 26, Ecke Hafnergasse, durch seine Eckquadern auf. Auch der ,Turm‘ ist noch erkennbar, der 1506 erwähnt wird. Damals wohnte Paul Stahel, Tennenbachs letzter Schaffner, hier.“ (Weber 1972, S. 180) Wie man bemerkt, will er sich zwar nicht so recht festlegen, ob das Haus Nr. 26 nun der Pfleghof öder der Turm war. Das läßt sich präzisieren: Wenn es Tennenbacher Besitz war, dann kann es als ehemaliger Wohnturm nur der Bollerin Turm gewesen sein.

Spätere Besitzer

Mit dem Verkauf seiner Liegenschaften in und um Villingen 1506 beendete das Kloster Tennenbach das lange und bedeutende Kapitel seiner Anwesenheit in unserem Raum. Seine Mönche und Laienbrüder hatten das Kirnachtal, das Gebiet des späteren Dorfes Unter-kirnach, erschlossen. Ihr Wirtschaftshof dort, die Grangie Roggenbach, war wichtig für die Versorgung der Stadt Villingen. Auf dieser Grundlage entwickelten sich auch andere Beziehungen zwischen Kloster und Bürgerschaft — fromme Stiftungen, Klostereintritte, Dienstverhältnisse. Diese Bindungen blieben auch nach dem Rückzug Tennenbachs von hier lebendig, ja im Jahre 1508 wird sogar der erste Villinger, Johannes Kinglin, zum Abt gewählt. Drei weitere sollten ihm folgen.

Haus und Wohnturm in der Oberen Straße konnte Tennenbach 1506 noch nicht verkaufen—Verena Boller und Paulinus Stahel wohnten ja noch dort. Aber ein halbes Menschenalter später wurde auch dieser Besitz veräußert: Am 27. Oktober 1544 verkaufte Jakob Stoll, Schaffner im Tennenbacher Hof zu Freiburg, auch er ein Villinger, im Auftrag von Abt und Konvent das „hus sampt dem thurn, genemt der Bollerin thurn, unnd garten zu Villingen“ an den Junker Konrad Ifflinger von Wellendingen. Mit ihm tritt uns nun ein weiterer bedeutender Besitzer des Hauses Obere Straße 26 entgegen. Das Freiherrengeschlecht der Ifflinger (später Ifflinger-Granegg) stammte ursprünglich aus Horb und spielte dann in Rottweil eine wichtige Rolle. Mit Hans Ifflinger, der 1483 hier seinen Wohnsitz nimmt, tritt eine bedeutende Linie auch in Villingen auf. Die Freiherren von Ifflinger sind in unserer Stadt bis ins 18. Jahrhundert nachweisbar. Konrad Ifflinger wohnte vorher in Rottweil. Nachdem er mit dem Turm der Bollerin einen standesgemäßen Wohnsitz erworben hatte, zog er 1547 nach Villingen und wurde 1549 mit Frau und Dienerschaft in das Dingbürgerrecht aufgenommen. Zwischen 1545 und 1556 siegelt er mehrfach städtische Urkunden.

Uns ist nicht bekannt, wie lange die Freiherren von Ifflinger das Haus in der Oberen Straße besessen haben. 1767 jedenfalls gehört es einem Junker Eichbeck. 1806 wird es als Kilianenturm bezeichnet, 1825 gehörte es dem Stadtrechner Anton Körner. Zwischen 1837 und 1838 wurde es gründlich renoviert, als Eigentümer erscheint 1842 der Müller Dominikus Kaiser.

Im Erdgeschoß des ehemaligen Wohnturms befindet sich heute das Posamenten-Geschäft Schilling, seit langem ein fester Bestandteil der städtischen Geschäftswelt. Hier deckt der alteingesessene Villinger und auch der Neubürger seinen Bedarf an Kurzwaren und Wäsche, aber auch der Villinger Narro findet hier, was zu seiner traditionsreichen Ausstattung gehört. Auf diese doch sehr ortstypische Weise ist das Haus Bestandteil des städtischen Wirtschafts- und Gesellschaftslebens, so wie stets in den Jahrhunderten seines Bestehens. Haus und Geschäft sind heute in Besitz von Frau Mechthilde Schaumann, geb. Schilling. Sie und alle Bewohner und Nutzer des Gebäudes verfügen über ein Haus, das mit seiner markanten äußeren Gestalt ein bedeutendes Baudenkmal und seit nunmehr rund fünfhundert Jahren ein Brennpunkt der Villinger Geschichte ist.

Literatur und Quellen:

Josef Fuchs: Zur Geschichte der Freiherren von Ifflinger-Granegg. In: Geschichts- und Heimatverein Villingen (GHV), Jahresheft IV 1978-1979, S. 32-36

Werner Huger: Wohntürme — die „Paläste“ des Hohen Mittelalters. In: GHV Jahresheft VI, 1981-1982, S. 14-33

Cord Meckseper: Kleine Kunstgeschichte der deutschen Stadt im Mittelalter. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1982; bes. S. 125134

Max Weber: Die Rodungen und Besitzungen Tennenbachs auf der Baar. Villingen: Wiebelt, 1937

ders.: Der Tennenbacher Besitz im Villinger Raum. In: Wolfgang Müller (Hrsg. ): Villingen und die Westbaar. Bühl, Konkordia, 1972

Hans-Josef Wollasch: Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Bd. I. Villingen: Ring-Verlag, 1971