„Villingen 1643″ (Herbert Muhle)

— ein Kupferstich von Matthaeus Merian —

Wer kennt sie nicht: Die „Ansicht von Villingen a. d. Jahre 1643“, die uns von unendlich vielen Kopien auf Weinachts- und Grußkarten, Tischunterlagen, Schmucktellern, Humpen, Bierseideln, Schnapsflaschen (Buddele), Notizzettelblöcken und allerhand Dekorations- und Andenkenkitsch in unterschiedlichen Formaten bekannt ist? Manch einer weiß noch, daß es sich um eine Darstellung „nach Merian“ handelt.

So wollen wir uns hier ein wenig mit dem Hintergrund dieses Kupferstiches aus dem Jahre 1643 beschäftigen. Der Originalabdruck befindet sich im Format 17,7 x 7,5 cm neben Seite 216 in dem von Matthäus Merian, (1593-1650 „dem Älteren“) auf der Frankfurter Ostermesse 1643 herausgegenbenen Buche „Topographia Sueviae“ dem 2. Band einer insgesamt 30 Bände umfassenden „Topographia Germaniae“. Diese erschienen von 1642 bis 1688 nach dem Tode Matth. Merian d. Ä. (1650 in Bad Schwalbach b. Frankfurt) von dessen Söhnen und Erben Matthäus d. J. und Caspar fortgesetzt und enthalten — man höre und staune — insgesamt 2142 einzelne Ansichten und Darstellungen sowie 92 Landkarten. Die den Topographien (Landschaftsbeschreibungen) beigefügten, leider in den Bänden meist an anderer Stelle befindlichen verbalen Beschreibungen (im Falle Villingen auf Seite 199) stammen von Martin Zeiller, einem aus der Steiermark eingewanderten — heute würde man sagen — Sachbuchautor, der in Ulm lebte.

Wenden wir uns Matthaeus Merian d. Ä. näher zu, so erfahren wir, daß er am 22. September 1593 in Basel geboren wurde. Nach Lehre in Basel und Wanderschaft im Schwabenland übernahm Matth. Merian 1624 den Verlag und die dazugehörige Kupfer-stichwerkstatt seines Schwiegervaters J. T de Bruy in Frankfurt a. M. Von seiner Hand und unter seiner Leitung erschienen bekannte Bibeldrucke wie „Biblia Sacra“ (1625-27), „Theatrum Europaeum“ (1635), zoologische und biologische Werke sowie einige sehr bekannte, reich geschmückte Stadtpläne, z. B. von Basel, Köln und Frankfurt. Ab 1642 entstanden dann die berühmten Städteansichten, von denen die hier besprochene von Villingen eine ist. Man muß wissen, daß die Kunst des Kupferstiches als Buchillustration in der Technik des Tiefdruckes, um etwa 1400 erfunden, den Hochdruck in der Form des Holzschnittes — der seit dem Ende des 14. Jhdt. vorherrschend war — fast völlig abgelöst hatte. Die höhere „Standzeit“ der Kupferplatten gegenüber den hölzernen „Druckstöcken“ ermöglichte, trotz der leichteren Bearbeitbarkeit des Holzes, einen wesentlich längeren Gebrauch und eine häufigere Wiederverwendbarkeit.

Die erste Ausgabe der „Topographia Sueviae“ — also des uns interessierenden Bandes — besorgte der ältere Merian noch selber. Es gibt über die 2. Ausgabe von 1656 hinaus dann noch einen auf 1700-1720 datierten Spätdruck, der aber seiten- und annähernd druckgleich mit der 2. Ausgabe ist.

Ein besonderer Reiz geht von diesen alten Städteansichten aus. Für Künstler, Historiker und Liebhaber sind sie gleich anziehend. Gerade in unseren Tagen werden sie in mehrfacher Hinsicht zu bedeutsamen Zeugnissen einer untergegangenen Welt. Das Bild unserer Städte, das durch Jahrhunderte hindurch einen festen Bestand hatte, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Gefolge der industriellen und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Entwicklung in wenigen Jahrzehnten oft bis zur Unkenntlichkeit verändert, und im Feuersturm des letzten Krieges sanken auch viele Reste der Vergangenheit in Schutt und Asche.

Mitten im Dreißigjährigen Krieg entstand in Fortsetzung der Topographien des 16. Jahrhunderts ein überragendes und wichtiges Städtewerk, das viele Generationen hindurch grundlegend blieb. In seinen Blättern ist uns vieles im Bild erhalten, was der Krieg dann verschlungen hat. Jeder, der nach Bildern sucht, die auch die kleineren Ortschaften noch in der frühen Gestalt des 17. Jahrhunderts — oftmals die frühesten Wiedergaben überhaupt — ausweisen, greift heute nach diesen Länderbeschreibungen, die weit über die heutigen Grenzen hinaus ein Gesamtbild der mitteleuropäischen Lande bewahren, so wie es sich am Ausgang des Mittelalters dargeboten hat.

Wie üblich, nutzte Merian, wie sein „Texter“ Zeiller, für sein Werk alles aus, was er an brauchbaren Vorlagen fand. So hat er sehr viele Bilder unbeschwert älteren Quellen entnommen.

Natürlich muß man, wenn man einmal den Typus der Merianstiche erkannt hat, feststellen, daß ihnen im Vergleich miteinander eine gewisse Monotonie anhaftet, ja, daß besonders die späten Werke —wohl auch wegen der Menge des zu „fertigenden“ Plattenmaterials — weitgehend des Lebens entbehren und ein wenig steril wirken. Dennoch hat Merian sich die Mühe gemacht, den Vordergrund aller Blätter dadurch individuell zu gestalten, daß er Bäume, Baulichkeiten, manchmal auch Personen in demselben unterbrachte. Die offenbar angestrebte Gleichmäßigkeit der Titelschriften der Wappen (im Falle Villingen eigenartigerweise das alte Stadtwappen, nicht das seit 1536 geführte und von König Ferdinand verliehene mit Adler und Pfauenfedern —das alte war wohl einfacher zu gravieren), Vordergründe und Formate hat natürlich ebenfalls dazu beigetragen, den Blättern die Vitalität zu entziehen.

Und ein weiterer Gesichtspunkt sollte beachtet werden. Für das Einzelgebäude oder die topographische Genauigkeit kommt den Merianstichen kein absoluter Dokumentarwert zu. Man muß aber anerkennen, daß Merian das Städtebild in der Gesamtschau richtig erfaßt und in einer für die erste Hälfte des 17. Jhdt. erstaunlichen Genauigkeit auf das Blatt gebracht hat. Merian stand unter dem starken Einfluß der niederländischen Landschaftsmalerei seiner Zeit.

Auch bei unserem Villinger Stich treffen diese Bemerkungen zu. Der Gesamteindruck ist völlig richtig wiedergegeben. Man kann auch annehmen, daß es sich bei der im Vordergrund links gezeigten Ruine um den „Burgstall“ der Warenburg handelt, die Bickenbrücke zeigt ihre bis in die Zeit unserer Großväter vorhandene Gestalt, eine wegen der Kriegsläufte zerstörte Wassermühle steht an der Brigach, aber auf dem linken Brigachufer sehen wir eine Kirche und eine Kapelle. Letztere ist wohl mit Sicherheit die der „Siechen auf dem Felde“, die erst 1945 zerstört wurde. Bei der großen Kirche wird es sich wahrscheinlich um die alte Pfarrkirche handeln, die zu diesem Zeitpunkt (seit 1530) bereits die Todtencapel in der Altstatt“ war. Da es sich um ein wesentliches Gebäude handelte, wurde sie vermutlich ein bißchen näher an die Stadt gerückt. Die Stadt selbst ist in sich verzerrt, zeigt sich aber dennoch in ihrem noch heute gottlob erhaltenen Erscheinungsbild.

Es war dem Stecher auch wohl nicht möglich, jedem Ort eine große und bis ins Detail ausgestochene Platte zu widmen. So ist der Stich, der uns Villingen zeigt, zusammen mit Weissenstein und Wildberg auf eine Platte gestochen und gedruckt. Heute stellt aber gerade dieses Blatt eine besondere Rarität dar, weil in unserer Zeit die noch oder teilweise vorhandenen Bände von den Antiquitätenhändlern regelrecht ausgeschlachtet werden, sie ergeben natürlich als Einzelstücke einen viel höheren Erlös.

Merians Hauptautor — wir erwähnten ihn bereits — war Martin Zeiller in Ulm. Über die Qualität seiner Ortsbeschreibungen ist viel gestritten worden. Zeillers trockene Schreibart ist wohl dafür verantwortlich, daß man ihn lange Zeit sehr gering eingeschätzt hat. Aber er ist in der sehr wortreichen Zeit des Barock eine rühmliche Ausnahme. Er verzichtet, im Gegensatz zu den übrigen Chronikalwerken dieser Epoche, weitgehend auf die übliche Schilderung von Wundern und Abenteuern und wählt, um jegliche Sensationswirkung zu vermeiden, einfachste Worte. Alles wird betonungslos in die meist chronologische Abfolge der geschichtlichen Ereignisse eingeordnet. Man könnte versucht sein, Zeillers Texte sozusagen als Vorgänger des „Bädeckers“ zu sehen, tatsächlich nannte er seine ähnlichen Werke auch Reisebücher (Itenarium germaniae vov — antiquae oder Teutsches Reysbuch 1632-1640). Man kann aber die ungeheure, für die Zeit ganz ungewöhnliche Belesenheit Zeillers nur bewundern. Er zitiert eine geradezu unermeßliche Fülle von Quellen und Autoren, so daß man annehmen kann, daß ihm kein Buch der damaligen Zeit entgangen ist, das für seine Arbeit von Bedeutung war. Dabei kommt es dann auch vor, daß uns heute amüsierende Entfernungsangaben wie: „Bisaccioni rechnet von hinnen (d. i. von Villingen) 10 Meilen nach Basel/ungefähr/uund auch so viel gen Schafhausen“ zu lesen sind. Zeillers Text zu Villingen ist fast wörtlich übernommen aus einer Schrift, die 100 Jahre vor der Topographia Sue via“ erschienen ist, der „Cosmographia“ von 1544 des Sebastian Münster (1488-1552), jenes (ab 1529) Basler Gelehrten und Theologen, der in seiner Zeit einer der bedeutendsten Wissenschaftler und Autoren war. Aber Zeiller hat in einer Zeit, als es noch keinen Urheberrechtsschutz gab, ordentlich auf seine Quelle verwiesen und seine Ortsbeschreibung um die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges, der bei ihm der Teutsche Krieg“ heißt, einschließlich der Wasserbelagerung (1634, Schwedendamm) ergänzt.

Merian und Zeiller entschlossen sich, nur die Stätten für den Schwabenband zu berücksichtigen, die einmal im Bereich des Herzogtums Schwaben östlich und nördlich des Rheins gelegen waren und bezogen dann das Gebiet mit ein, das ältere Autoren, z. B. wieder Sebastian Münster (siehe oben), unter Schwaben erläutert hatten: Der Schwäbische Kreis, wie er bei der Kreiseinteilung des Reiches durch Maximilian I. (1500) entstanden war. Zeiller und Merian haben sich im allgemeinen an diese der Zersplitterung des Reiches entgegenwirkende Einteilung gehalten, wobei zwar die Markgrafschaft Baden Aufnahme in die Topographia Sueviae“ fand, nicht aber der rechtsrheinische Breisgau mit Freiburg als vorderösterreichisches Gebiet. Dieses wurde mit dem Band Elsaß in der Topographia Alsatiae“ behandelt. Nicht ganz konsequent wurde aber Villingen, die vorderösterreichische „Enklave“ in den Schwabenband aufgenommen.

Die zweite, bereits erwähnte Auflage der Topograhie von 1656 enthält 92 Kupferstiche als Ortsansichten und erwähnt insgesamt 380 Orte. Eigenartigerweise verwendeten Merians Erben das im übrigen sehr schön gestaltete Titelblatt von 1643, ohne die Jahreszahl zu ändern, auch für die 2. Auflage von 1656.