Die Hammerkapelle beim Villinger Kurpark (Walter K. F. Haas)

— Legende und Wirklichkeit —

Im Spanischen Erbfolgekrieg zog das französische Heer von 30000 Mann auf dem Marsch von Frankreich nach Bayern vor die Stadt Villingen, beschoß sie und belagerte sie mehrere Tage vergeblich. Neben zahlreichen Soldaten des Feindes seien auch zwei französische Generäle gefallen. Noch während der Belagerung im Juli 1704 sei der eine im abgegangenen „Rotkäppele“, südlich auf dem Berg gegenüber dem Kirnacher Bahnhöfle, der andere im „Hammerkäpelle“, also unserer Kapelle, begraben worden, daneben 24 Constabler.

Nehmen wir es vorweg: 1972 ließ der jetzige Eigentümer der Kapelle, Rechtsanwalt Wolfgang Blessing, aus Anlaß einer Renovation das gesamte innere Bodenarial des kleinen Gebäudes bis auf eine Tiefe von zwei Meter er-graben. Man fand weder ein Grab noch Anhaltspunkte für eine Bodenveränderung in früherer Zeit. Erwähnen wir nur noch eine der Phantasiegeschichten: Folgt man der neuen Trasse der B 33 in Richtung Bad Dürrheim, dann fahren wir an der zweifarbigen Gaskugel vorbei. Nach wenigen hundert Metern, noch vor der Waldschneise, links, d. h. nordöstlich an die Straße angrenzend, heißt ein Gewann „Beim Aasener Käppele“; tatsächlich verläuft die moderne Trasse der Bundesstraße auf der Linie eines uralten Feldwegs „nach Aasen“. In der Nähe stand einst das „Aasemer Käppele“. Wir befinden uns hier, einige Kilometer vom Standort der Hammerkapelle, geologisch im Übergangsbereich vom Oberen Muschelkalk zum Keuper. Nun erzählt die Geschichte, die Hammerkapelle beim Kurgarten sei die nach dort versetzte Aasemer Kapelle. Es gibt bei Legenden durchaus den historischen Bezug, der aber in der Regel durch unbewußte Verfälschung von Zusammenhängen ein unrichtiges Bild ergibt; so auch hier beim Aasemer „Kapellele“, wie wir noch sehen werden. Daß die Geschichte unrealistisch ist, mag schon daraus geschlossen werden, daß die Hammerkapelle aus Buntsandstein erbaut wurde, der als Bausandstein in der Umgebung ansteht, während man eine kleine Kapelle im Bereich des Muschelkalks bzw. Keupers nach aller Erfahrung, die wir heute noch an alten Häusern machen können, aus dem nächstliegenden Gestein errichtet haben dürfte. Im Bereich des Stallbergs und am Kopsbühl, also in der Nähe des „Aasemer Käppeles“ befanden sich alte Steinbrüche im Muschelkalk. Weiter östlich gab es einen bis zur Gegenwart ausgebeuteten und erst vor wenigen Jahren wieder rekultivierten Keupersteinbruch. Interessanterweise macht man im Kern der mittelalterlichen Stadt die Feststellung, daß Buntsandstein und Muschelkalksteine im Mauerwerk der alten Häuser gemischt vorkommen. (Mitteilung Werner Huger).

Die Hammerkapelle trägt auf dem Türsturz die Jahreszahl 1723. Geht man davon aus, daß es sich hier um das tatsächliche Baujahr handelt, wissen wir dennoch nicht, wer sie errichtet hat und aus welchem Anlaß. Sicher ist, daß zwischen der Kapelle und der Hammerschmiede „Unterer Hammer“ Beziehungen bestanden. Der „Untere Hammer“ befand sich etwa 100 Meter südlich der Kapelle, gewissermaßen in der Fallinie, an der Stichstraße, die zwischen Kurgarten und Kneippbad über die Brigach führt und in Sichtverbindung zu ihr. Steht man auf der schmalen Brücke über dem Bach, mit Blick nach Osten, dann sieht man noch die das Wasser ableitenden Kanalwände. Es dürfte sich beim „Unteren Hammer“ um eine der vier im Jahre 1704 in Villingen bestehenden Feilen- und Eisenhämmer gehandelt haben. Der Name ist schon lange verklungen» Als Besitzer des „Unteren Hammers werden genannt:

1667 Michael Grüninger, Kupferhammerschmied

1693 Jakob Grüninger

1713 Franz Grüninger

1 766 Joachim Grüninger

1 784 Joachim Grüninger

Aus welcher Linie die obigen Namen auch immer stammen, ihre Träger sind jedoch in der genealogischen Reihe nicht die Glockengießer selbst, vielleicht Brüder. 1767 ist es nämlich Josef Benjamin G., der die Glocken für den Benediktinerturm gießt.2) Die Familie der Grüninger tritt zum erstenmal 1645 ins Licht, als Joachim Grüninger die Glockengießerei in Villingen von seinem Schwiegervater Christoph Reble übernimmt. Er begründet die dreihundert Jahre in Villingen wirkende Glocken-gießerdynastie. 1672 ist er im Rat der Stadt vertreten. Sein Sohn, der ihm als Glockengießer nachfolgt, ist Matheus (Mathias), geb. 2 5. 6. 1653, gest 1710. (Der Bruder ist der Stadtsyndikus und -schreiber Johann Michael G., gest. 1710). Die Söhne des Matheus sind Jakob Pelagius, Hammerschmied, 6. 5. 1690 — 12. 6. 1772 und Meinrad Anton, Glockengießer, 1692 — 1750. Beide arbeiteten zusammen. Pelagius heiratete am 18. 4. 1712 die Tochter Maria Eva des Anton Josef Schupp, Bildhauer und vielleicht ebenfalls Ilgenwirt (= Lilienwirt), einem Angehörigen der bedeutenden Villinger Barockkünstlerfamilie, der unter anderem die 12 Apostel an den Hoch-schiffwänden im Villinger Münster geschaffen hat. 3) Die Brüder Pelagius und Meinrad Grüninger gelten als die Stifter bzw. Erbauer der Hammerkapelle.

Zwar wird der Nachweis, daß die beiden Brüder Pelagius und Meinrad Grüninger die Erbauer der Kapelle sind, nie gelingen, doch gibt es dafür ein wichtiges Indiz, das in der weiteren Verfolgung der Kapellengeschichte aufschlußreich ist. Es gibt einen Schenkungsvertrag, in dem die beiden Brüder einem Unbekannten mit Eintrag 1740 ins Kataster eine Zuwendung machen. Demnach hatten die Gebrüder Grüninger „zur Erhaltung der beim Hammer stehenden Kapelle zwei Jauchert Ackerland beim Aasener Käppele gestiftet“; dem Besitzer des „Hammer“ wird der ständige Gebrauch und Nutzen eingeräumt mit der Auflage, das Feld „darf weder verkauft noch verpfändet werden“. Der Stiftung liegen ursprünglich religiöse Motive zugrunde, doch die Brüder Grüninger wollten unter allen Umständen auch die Bausubstanz erhalten, was in der feudalistisch-agrarwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung des 18. Jahrhunderts in erster Linie über Grundbesitz erreicht wurde.

Der jetzige Eigentümer der Hammerkapelle, Wolfgang Blessing, vermutet nicht zu Unrecht, daß bei der Gestaltung des Holzaltares, den er renovieren ließ, der Villinger Künstler Anton Schupp Pate gestanden haben könnte, nachdem wir wissen, daß seine Tochter die Frau des Stifters Pelagius Grüninger war; sie starb allerdings schon 1717. (Es wäre die reizvolle Aufgabe für einen Kunsthistoriker, diese Feststellung einmal wissenschaftlich zu überprüfen.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am 6. Oktober 1808 verkauft der Baptist Walz die Unterhammerschmiede an den Kupferschmied Johann Krebs. Dieser wiederum verkauft die Hammerschmiede am 11. März 1818 an Ferdinand Freiherr von Uichtriz aus Gebhardsdorf zu Hausach im Kinzigtal. Dabei wurden auch zwei Jauchert Ackerfeld im Gewann „Beim Aasener Käppele“ verkauft, womit wir wieder an die obige Stiftung der zwei Brüder Grüninger anknüpfen. Im Vertrag von 1818 heißt es wörtlich „Diese Grundstücke in Masse der 2 Jauchert wurden von den Gebrüdern Pelargi und Meinrad Grüninger zur Erhaltung der beim Hammer stehenden Kapelle gestiftet, hiervon bezieht der Besitzer des Hammers den beständigen und unentgeltlichen Nutzen und Gebrauch, dürfen aber weder verkauft noch verpfändet werden, und wolle der gegenwärtige Käufer wie die Vorfahren verbunden sein, alle Freitag in der dabei stehenden Kapelle einen Rosenkranz für die Abgestorbenen durch ein oder mehrere Personen beten lassen und diese Kapelle immer und allezeit in baulichem Stand zu erhalten“.

Kapelle und der Hammer als Grundbesitz stellten ursprünglich eine eigentumsrechtliche Einheit dar. Wie bei zahlreichen heute noch existierenden Andachtskapel len von Schwarzwaldhöfen ist die Einheit von Grund und Boden zusammen mit der religiösen Bindung der Familie an die auf ihrem Grund stehende Kapelle und die in ihr sehr unmittelbar vollzogene Kommunikation mit Gott der eigentliche Auftrag an die nachfolgenden Generationen, die Kapelle zu erhalten. Diese Einheit besteht heute nicht mehr.

Eigentümer der Kapelle ist der „Oberhus-Bur“, Rechtsanwalt Wolfgang Blessing, Eigentümer des ehemaligen Hammergeländes ist die Stadt sowie die Kur- und Bad GmbH. Insofern ist es eine nicht ernst gemeinte Spitzfindigkeit des schlauen Rechtsanwalts, wenn er humorvoll am 26. August 1989 im Südkurier schreibt, da die obige Verpflichtung heute immer noch bestehe, müsse die Stadt sowie die Kur- und Bad GmbH als jetzige Eigentümer des heutigen Kurgartengeländes den allfreitäglichen Rosenkranz abhalten lassen und die bauliche Instandhaltung gewährleisten. Zwar würde letzteres auch eingehalten, doch habe er erhebliche Zweifel, ob jeden Freitag ein Rosenkranz gebetet würde.

Daß der clevere Rechtsanwalt tatsächlich recht hat, belegt eine Urkunde im Villinger Kontraktbuch, Band 20, Seite 111. Dort heißt es, „Johann Ev. Schleicher, Chorregent und Gemeinderat tauscht mit der Stadt unterm 28. Oktober 1879 zwei Jauchert Acker beim Aasener Käppele, und zwar drei Vierling rechts vom Weg neben Martin Ummenhofer und fünf Vierling links am Weg neben Spitalgut und erhält von der Stadtgemeinde zwei Jauchert Allmend bei der Dungmehlfabrik neben Schleicher selbst und Stadtgemeinde. Die auf dem von Schleicher vertauschten Ackerfeld ruhende Last der Unterhaltung der bei der Dungmehlfabrik befindlichen Kapelle geht auf die eingetauschten zwei Jauchert Allmendfeld über“. — Aus diesen zwei Jauchert Allmend entstand nach verschiedenen Eigentumswechseln in den Jahren 1935/37 der heutige Kurgarten im Rahmen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Dritten Reiches. Hinzu kam der Bau des Kneippbades.

1835 werden die Hammerwerksbesitzer Osiander & Schönecker genannt, von denen außer dem Unteren Hammer noch der Mittlere Hammer (Feldners Mühle) und der Obere Hammer (das erst vor kurzem abgebrochene ehemalige Kirneck beim Kirnacher Bahnhöfle) betrieben wurde, letzterer in Form einer Tuchwalke. (Hans Maier, vgl. Flurnamen a. a. 0., bezeichnet als „Oberen Hammer“ die nachmalige Kunstmühle des Feldner und die Tuchwalke beim Kirnacher Bahnhöfle nur als „Beim Hammer“, S. 62/63). Heinrich Osiander, geb. 1794, gest. 1856, betrieb die Hämmer später allein.

 

 

 

 

 

 

 

Im 19. Jahrhundert erweitert sich durch Grundstückstausch das Gelände „bei der Dungmehlfabrik, dem ehemaligen „Hammer“. Die von Johann Ev. Schleicher eingetauschte Fläche wird nach verschiedenen Eigentumswechseln in den Jahren 1935/37 in den heutigen Kurgarten umgewandelt.

Er ist der Vater des späteren Bürgermeisters von 1882-1903, Heinrich Osiander, geb. 1838, gest. 1924, dessen Grab als Ehrenbürger der Stadt heute noch direkt an der Ostwand des Friedhofs nahe der Kirche zu sehen ist. Aus dem Hammerwerk wurde um 1880 eine Stärkefabrik (Dungmehlfabrik). Zuletzt war es das Restaurant „Waldblick“ in der Südwestecke des heutigen Kurgartens, westlich begrenzt vom Fahrsträßle mit Brückle und südlich von der Brigach. Es wurde erst in den 1970er(?)-Jahren abgebrochen, der Platz steht heute leer und wurde in den Gartenbereich einbezogen.

Alle rechtlichen Verpflichtungen bieten keine Gewähr für die Erhaltung des Kleinods beim Kurgarten. Es bedarf des bewahrenden Sinns, des persönlichen Bezugs. 1972 hat Wolfgang Blessing das „Hammerkäpelle“ aus eigenen Mitteln umfassend restauriert und dabei auch den Altar in neuem Glanz erstrahlen lassen. Er, der auch als Mitglied des Vorstands des Geschichts- und Heimatvereins tätig ist, weiß um die Kraft der Tradition aber auch um die Geborgenheit in unserer Schwarzwälder Heimat.

Fußnoten

1) Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen, 1962, Seite 37 und Seite 63.

2) Hermann Preiser, Villinger Glockengeschichte von den Anfängen bis heute, Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft IX, 1984/ 85, S. 51.

3) a) Maria Eva Schupp (Schuppin): Als Frau des Pelagius Grüninger heiratete sie am 18. April 1712 und starb bereits am 29. November 1717. Sie hatte wiederholt geboren. Ihr Vater, der Bildhauer Anton Josef Schupp, wurde am 29. November 1664 geboren und starb nach seiner Tochter am 18. November 1729, also 65jährig. Die zeitliche Nähe zur Hammerkapelle läßt die Mitwirkung bei der Errichtung des Altars realistisch erscheinen.

b) Jacobus Pelagius Grüninger (Name so im Taufbuch):

Unter dem 6. oder 7. Mai 1690 erscheint er im Taufbuch. Der Vater: Mathias? Matheus? Grüninger, die Mutter: Maria Clara Lipp (Lippin), mit der er seit dem 23. September 1675 verheiratet war.

Bereits nach einem halben Jahr seit dem Tode der Maria Eva Schupp heiratet „Pelagius Grüninger“ die Catarina Baumänni am 24. Mai 1718, diese stirbt bereits am 18. Dezember 1724. Am 19. Februar 1732 heiratet dann „Pelagius Grieninger“ die Salome Fleigin. Als diese ebenfalls bald stirbt, heiratet schließlich am 10. September 1736 „Jacob Pelagi Grieninger“ die „Cunigundis Nizin“. Im Totenbuch erscheint unter dem 12. Juni 1772 als verstorben „Pelagius Grüninger conjux Cunegunde Nizin“, letzteres der Hinweis auf die überlebende Ehefrau.

In der „Glockenkunde“, bearbeitet von Karl Walter, Druck und Verlag Friedrich Pustet, Regensburg/Rom 1913, erscheint der Pelagius unter dem Todesdatum 1725. Nachdem im gesamten Jahr 1725 im Totenbuch der Name Grüninger nicht auftaucht, dürften die obigen Ausführungen den Beweis liefern, daß Jacobus Pelagius Grüninger tatsächlich das damals biblische Alter von 82 Jahren erreicht hatte und seinen Bruder um 22 Jahre überlebte. In der Glockengießerlinie folgen dann Johann Pelagius, 1721-1790, Josef Benjamin, 1735-1795, Nikolaus Mein-rad II, 1763-1818, Benjamin Severin, 1782-1840, Benjamin III Benedikt, 1821-1879, Josef Benjamin IV, 1844-1912, und sein Bruder Georg Adelbert, 1852-1918, Josef Benjamin V, 18731927, und schließlich als letzter Franz Josef Benjamin 19011963.

Quellen zu Schupp:

Eugen Bode, mündliche Auskunft zur Familiengeschichte sowie Ottmar Schupp, Die Barockmeister der Familie Schupp, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft X, 1985/86, S. 29.

Quellen zu Pelagius Grüninger bzw. Maria Eva Schupp und andere: Taufbuch 1690, Ehebuch 1712, Totenbuch 1717, Ehebuch 1718, Totenbuch 1724, Ehebuch 1732, Ehebuch 1736, Totenbuch 1772. Ferner mündliche Mitteilungen zur Familiengeschichte von Paul Grüninger, Obere Straße, Villingen, 13. September 1989.

Anmerkung:

Dem „Villinger Volksblatt“ vom 19. 8. 1909 entnehmen wir folgenden

Hinweis:

„Villingen, 18. Aug. Vor dem hiesigen Gr. Notariat I kam gestern nachmittag das Restaurant ,Waldblick‘ mit sämtlichen Gebäuden, Grundstücken und Zubehör (bisheriger Besitzer Hotelier Heinrich Rieland von Kreuzlingen) zur Zwangsversteigerung. Den Zuschlag erhielt mit einem Angebot von 43000 Mk. Oberhausbauer J. B. Blessing. Das Angebot blieb um 5 000 Mark gegen den Anschlag zurück.“

J. B. Blessing war der Großvater des jetzigen Eigentümers Wolfgang Blessing. Über ihn kam also der „Waldblick“ mit dem dazugehörigen Kapellchen in den Familienbesitz.