Servus! Schemme (Werner Huger)

 

Er war ein Original. Lange Jahre wollte er es nicht wahrhaben. Schließlich lebte er davon. Er legte seinen bürgerlichen Namen Erhard Fleig ab und ließ sich von jedermann „Schemme“ rufen. Im amtlichen Telefonbuch stand „Schemme, Goldgrubengasse 21“. So wollte er es. Er selbst machte sich zum Narr, der er in Wahrheit nie sein wollte. Noch in jungen Jahren — bald nach dem 2. Weltkrieg— ist er jedem über den Mund gefahren, der ihn einfach mit „Schemme“ ansprach. Man mußte sich herantasten, das Wort einmal wagen. Ließ er es geschehen, war man im inneren Kreis, gehörte man zu seinen Freunden. Schon damals hatte das Wort die Dimension, die ihm noch heute zukommt, wenn man sagt: „Mach doch ko so e Schemme“, gemeint ist ein fratzenhaftes Gesicht. Sei n’s hat tatsächlich so ausgesehen. Durch dieses Gesicht wurde er zur unverwechselbaren, einmaligen Type. Dieser Beiname war eines Tages einfach da; es ist Jahrzehnte her. Als „d’Schemme“ vor zwei Jahren ein Thema der Tagespresse wurde, hat er in einer Selbstdarstellung die Geburt seines „Zweitnamens“ verständlicherweise geschönt. Zu seinem Gesicht kam sein Wesen. Beide ergänzten sich. Er ließ keinen Zweifel daran, daß er es verstünde, aus einem 1/2 Pfund Rindfleisch und 1/4 Pfund Margarine einen Liter ausgezeichnete Soße zu machen.

Originale werden nicht erfunden. Sie werden durch ihr Aussehen, ihr Wesen und ihre Wirkung im Ansehen der Menschen zu solchen gemacht. Eigentlich sind sie immer irgendwie Opfer. Das ist hart. Sie werden zur Attraktion einer oberflächlichen Erlebbarkeit. Ihre Selbstverwirklichung als sehnendes, begehrendes oder liebendes Wesen bleibt am Vorurteil der Mitmenschen hängen. Das Signum des Originals ist die Karikatur. Originale bleiben einsam. Sie werden leicht zu Sektierern und Besserwissern.

Erika war ein auffallendes Mädchen. Sie hatte —fast— alles, um für Männer andere Mädchen vergessen zu machen. Allein schon ihre Figur . . Mit leichter Hand versunken über die flaumige Zartheit ihrer Haut zu streicheln waren Augenblicke des Glücks. Erhard Fleig, „de Schemme“, blieb die Ferne, die Unnahbarkeit. Daraus wurde sein schöner Foxtrott, der ihm ein paar Mark Tantiemen des Südwestfunks einbrachte, mit dem Text: „0 Erika, o Erika . . .“, an dessen Ende es heißt: “ . . . bitte, bitte, kleine Erika, komm und werde meine Frau“. Niemand wurde seine Frau. Er blieb Junggeselle. Und wenn er in der Tageszeitung sagen ließ „das bin ich aus Überzeugung“, dann war es zwar weniger als eine Lüge, aber es war die verdrängende Selbsttäuschung als Teil jener Theaterrolle, die es ihm auferlegte, das Leben auch zu spielen.

Der begabte Musikant komponierte und betextete auf diese Weise eine Fülle gefälliger sentimentaler Melodien, ohne jedoch das Niveau von seligen Heurigenliedern zu überschreiten. Zugegeben, welcher Feriengast würde sich nicht gelegentlich in die verzaubernde Illusion eines Weinabends im Garten einer Wiener Vorortschenke verlieren.

Doch d’Schemme konnte auch anders. Es war bei einem der Ausflüge irgendeines Schuljahrgangs zur Bodenseeinsel Mainau. Auch hier hatte man ihn, wie immer wieder bei Klassentreffen, angeheuert, damit er mit seinem Akkordeon unterhalte. Die kleine Schloßkirche auf der Insel war vor kurzem restauriert worden. Ihr Inneres leuchtete in den aufgefrischten Farben des Barocks. Die Putten an den Wänden schienen vor Freude davonfliegen zu wollen, hinaus durch die weitgeöffnete Tür, ins Licht der Sommersonne. Still traten Menschen herein, setzten sich, betrachteten oder beteten. Auf einer Kirchenbank saß d’Schemme, das Akkordeon auf den Oberschenkeln, es reichte ihm bis unter das Kinn. Plötzlich erklang ein zögerliches Präludium, das, kaum hörbar, durch den Raum perlte. Flötentöne gesellten sich hinzu, tanzten heiter bewegt auf den Lichtbahnen zu den Fenstern, kehrten zurück und vereinigten sich mit den in immer größerer Zahl aufsteigenden Akkorden, bis schließlich im kräftigen Appassionato die ganze Kirche angefüllt war mit dem jubilierenden Orgelschwall einer Musica sacra. Ganz langsam stiegen die Töne der freien Improvisation wieder herab, erreichten die Erde und verklangen in ebenso zarten Paraphrasen, wie sie aufgestiegen waren.

Erhard Fleig wurde am 2. Februar 1921 geboren. Einer Arbeit, im bürgerlichen Sinne, ist er selten nachgegangen. Seinen bescheidenen Lebensunterhalt verdiente er, wie angedeutet, als musikalischer Unterhalter. Er brauchte zum Leben nicht viel. Neben dem bißchen Essen ein paar Zigaretten, ein Glas Orangenlimonade. Manchmal spendierte ihm ein Freund eine Bratwurst mit Brot oder warf ihm ein paar Münzen in den aufgestellten Hut.

Daheim war er einst im elterlichen Haus in der Rosengasse. Man nannte ihn gelegentlich auch „de Rosegäßle-Fox“, hatte er doch einen Foxtrott komponiert und den Text unterlegt „im Rosegäßle ist es herrlich, im Rosegäßle ist es schön …“

Das Haus trug die Nummer 2 und war von der Brunnenstraße aus gleich das zweite Gebäude rechts. Es ist heute abgerissen und die Stelle Teil eines erweiterten Neubaues. Sein Vater war Architekt, das familiäre Umfeld rechtschaffen bürgerlich. Als der Vater gestorben war, sorgte die Mutter für ihn. Vorausschauend vermachte sie das Haus nicht ihrem Sohn sondern verkaufte es, sicherte ihm aber nach ihrem Tode auf Lebzeiten darin ein Wohnrecht. Als er eines Tages damit anfing, im Winter den Holzfußboden herauszureißen, damit er im Ofen wenigstens ein Feuer hatte, bot ihm der neue Eigentümer eine Abstandssumme. So landete er schließlich in einem städtischen Haus, in der Goldgrubengasse 21, im Herzen der Stadt, die für ihn an der Ringmauer endete. Er war endgültig zum Sozialfall geworden. Und noch eines hatte die Mutter besorgt: Auf dem Villinger Friedhof steht seit vielen Jahren in den Stein über dem Familiengrab eingemeißelt „Erhard Fleig, 1921 — „. Jetzt kommt hinzu „21. März 1989“. Am 23. März, um 9.00 Uhr, hat man ihn zu Grabe getragen; zur selben Stunde als diese Zeilen geschrieben wurden. Servus! Schemme —

WH