SIE FRAGEN -WIR ANTWORTEN

Frau Dorothea Wirsig, geb. Schellenberg, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins, fragt:

Woher kommt das „o“ im Wort Narro?

Der Geschichts- und Heimatverein antwortet:

Über das „o“ im Wort „Narro“ gibt es nichts Sicheres.

Eine systematische wissenschaftliche Forschung im Sinne einer volkskundlichen Deutung des Ursprungs unserer heimischen Fas(t)nacht und der sie begleitenden Phänomene hat erst in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts richtig eingesetzt. Die Ergebnisse werden nach wie vor kontrovers diskutiert. Ergänzende germanistische Studien sind uns bisher überhaupt nicht bekanntgeworden. Unser angebotener Lösungsvorschlag muß deshalb hypothetisch bleiben.

Im Bereich der schwäbisch-alemannischen Fasnetorte wird das Wort „Narro“ in zweifacher Bedeutung verwendet:

Zum einen bezeichnet es eine närrische Figur.

Als solche kennen wir diese exemplarisch aus Villingen, Laufenburg, Oberndorf, Waldshut.

Zum andern ist es sowohl Zuruf als auch Ausruf oder Bestandteil von Aufsageversen, wo es entweder Ausruf ist oder die Narrenfigur meint.

Beispiele für Zurufe Villingen: Narri-Narro!, Radolfzell: Narri-Narro!, Konstanz: Ho Narro!, Stockach: Narro!

Beispiele für Aufsageverse und Ausrufe:

Narro, Narro, Lumpehund,

häsch nit g’wißt, daß d’Fasnet kunnt    (wird an mehreren Orten verwendet, wo auch andere Ausdrücke vorkommen können, wie z. B. Hanselema.)

Laufenburg:

Narro chridewiß

Het d’Chappe volle Lüs . .

Villingen:

Narro, Narro, Wießbrot

Gib mer e Stückli Schwarzbrot!

Villingen, Rottweil u. a. Orte in teilweise variierter Schreibweise:

Narro, Narro sibe Sih,

Sibe Sih sind Narro gsi.

Wolfach:

Wohlauf, wohlauf,

Im Namen des Herrn — hätt i’s g’wißt,

Der Narrotag erstanden ist.

Der Tag fängt an zu leuchten

Den Narro wie den Gscheiten,

Der Narrotag, der nie versagt,

Wünsch allen Narro e guete Tag!

Gengenbach:

Schelle Schelle sechse,

Alli alte Hexe!

Narro!

Im allgemeinen dominiert die Vokalendung „o“. Sie variiert gelegentlich im mundartlichen Reim auch nach „a“ oder „e“.

Donaueschingen:

Narra, Narra siebe si . . .

Oberndorf:

Kirch ischt aus,

Narra raus!

Es könnte eingewendet werden, daß die althochdeutsche Bezeichnung für Narr „Narro“ sei. Die heutige Verwendungsform daraus ableiten zu wollen, dürfte wegen der zu großen zeitlichen Distanz nicht zulässig sein, zumal schon im nachfolgenden mittelhochdeutschen Sprachgebrauch diese Form nicht mehr existiert. Dort finden wir „narre, tor, narr“.

Zu 1. Als die Bezeichnung einer Narrenfigur werden wir das Wort „Narro“ als eine romanisierte Form zu betrachten haben, die durch den italienischen Einfluß seit der Barockzeit entstanden ist. Dafür eine genaue Zeit anzusetzen ist nicht möglich. Der Villinger Benediktinerabt Georg Michael II. Gaisser kennt das Wort „Narro“ im 17. Jahrhundert noch nicht. In der Übertragung des lateinischen Textes seines Tagebuches durch OstD Stemm-ler ist mehrfach nur von „Narren“ die Rede; so z. B. 1644: „Narren in Weiberkleider“, 1648: „Zahl der Narren war groß“, 1649: „öffentliche Tänze Maskierter“ (choreae personatorum), 1650: „Die Narren in großer Anzahl“, 1653: „Die Jugend im Narrengewande“ (more Lupercorum personata).

Albert Fischer meint zwar 1922 in seiner Schrift „Villinger Fastnacht — einst und heute“: “ . . . der Narro hat seinen Namen erst seit ungefähr Mitte des 18. Jahrhunderts; …“ doch wird im Jahre 1770 in den Villinger Ratsprotokollen immer noch vom sogenannten „Narrenhäs“ gesprochen.

Die heutige Verwendungsform „Narro“ ist, wie gesagt, aus der Geschichte des Wortes nicht eindeutig ableitbar, außer daß das Ursprungswort sowohl etymologisch als auch ideengeschichtlich von Narr abstammt. Wahrscheinlich ist es —wie oben angedeutet, das transalpinische Lehen einer Endungsform, wie wir sie bei „Domino „, „Bajazzo“ oder „Pierrot“ antreffen.

Jedenfalls bildete sich, zumindest seit dem 19. Jahrhundert, für einen inzwischen entstandenen und ganz bestimmten Narrentyp die Bezeichnung „Narro“ heraus, eben unsere „historische“ Fastnachtsfigur. „Narro“ ist die umgestaltete Wortform, die zur Verwandlung des maskierten aber undifferenzierten fastnächtlichen Alltagsnarren in die heutige Form gehört und ihn als solchen definiert. Dabei haben die Endungen italienischer Bezeichnungen für komische oder possenhaft-närrische Personentypen oder Figuren der italienischen Commedia dell’arte mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit mitgewirkt.

In diesem Zusammenhang ist die Romanisierungswelle unübersehbar, die spätestens seit dem 18. Jahrhundert überkommt und ins 19. Jahrhundert ausläuft. Es ist die Zeit, wo das Wort „Carneval“ landesweit das seit dem hohen Mittelalter gebräuchliche Wort Fastnacht (Vasnacht, Fasnet u. a.) ablöst. Im 19. Jahrhundert regiert Prinz Carneval, dem wir als Einzelfigur noch heute im Umzug der Villinger Katzenmusik begegnen.

Zu 2. „Narro“ als Zuruf, Ausruf und Bestandteil von Aufsageversen. In diesen Zusammenhängen wird das Wort „Narro“ laut und vernehmlich gesprochen oder gerufen. Es hat hier also eine phonetische Dimension. Die Lautbildung durch einen Endvokal ist in der Klangwirkung einem Endkonsonanten überlegen, weil der erstere modulations- und dehnungsfähig ist.

Das „o“ bei „Narro“ hat deshalb den gleichen Charakter wie der endbetonte Imperativ, z. B. bei „hallo!“ oder „feurio!“ u. a. . Nachdem in Aufsageversen mit „Narro“ sowohl die Figur gemeint sein kann als auch ein Ausruf verbunden, darf man annehmen, daß beide Verwendungsformen sich entstehungsgeschichtlich ich wechselseitig bedingt haben. Ob dabei die Bezeichnung „Narro“, die die Figur meint, oder „Narro“ als Ausruf zuerst da war, bleibt offen. Hier kann man nur vermuten.

Abwegig erscheint uns allerdings ein Zusammenhang mit Namensendungen auf „o“, wie bei Bruno, Kuno und vielen anderen. Bei diesen liegt die Verkürzung einer Namensform vor. Beispiele: Agilo = Agilbert, Egilo = Egilbert, Reimo = Reinbert, Kuno = Kunibert, Heimo = Heimeran, Heino = Heinrich usw.; eine Ausnahme bildet Bruno = der Braune.

Namen mit der Vokabelendung „o“ dienen also regelmäßig als Kurzform. Das „o“, welches das kurzgesprochene Wort „Narr“ erweitert, hat abgesehen von seiner Sinnbedeutung reine Klangwirkung.

Werner Huger

 

 

Rätselhafte Felszeichnungen

Herbert Schmid aus Mannheim, unser Mitglied, schreibt:

Während meines Ferienaufenthalts in Villingen entdeckte ich neben der Landstraße, L 173, kurz vor Maria Tann, unterhalb der Ruine Kirneck, eine merkwürdige Felszeichnung. Es handelt sich um einen eingemeißelten Kopf im Profil, der wie eine Kinderzeichnung aussieht; darunter ist ein Kreuz mit gleichen Seitenlängen eingemeißelt. Soviel ich erfahren habe, soll vor langer Zeit hier ein Mord geschehen sein. Stimmt das?

Der Geschichts- und Heimatverein antwortet:

Es stimmt.

Vor bald 100 Jahren, genauer am 24. Oktober 1892, wurde hier eine junge Frau ermordet. Nachdem man schon einige Tage vorher auf der Straße bei der Ruine Kirneck einen Schirm und ein Körbchen gefunden hatte, entdeckte man am 1. November im Flußbett der Kirnach ein ertrunkenes Mädchen, welches sich nach den polizeilichen Ermittlungen als die ledige 24 Jahre alte Bertha Kaltenbach aus Vöhrenbach erwies.

Die Felszeichnung eines Unbekannten weist darauf hin, daß hier, neben der Landstraße L 173, bei Maria Thann, am 24. Oktober 1892 eine junge Frau ermordet wurde.

 

Der Vorgang war folgender: Die Bertha Kaltenbach ging am 24. Oktober 1892 zu Fuß nach Villingen, um den Mann aufzusuchen, von dem sie vor wenigen Monaten ein lediges Kind bekommen hatte. Sie wollte eine Unterstützung für ihr Kind erbitten, was dieser aber ablehnte. Sie ging darauf zum Bahnhof in ViIlingen, wo sie Verwandte erwartete, mit denen sie gemeinsam nach Vöhrenbach zurückgehen wollte. Sie wartete allerdings vergeblich und wurde bei dieser Gelegenheit von einem jungen Mann angesprochen, der sich anbot, sie zu begleiten. Die junge Frau ging daraufhin zur Gaststätte „Deutscher Hof“, später „Zähringer Hof“, heute das Haus des Neckar-Verlags, Klosterring 1. Sie war früher in dieser Wirtschaft beschäftigt gewesen und frug den Portier, den sie offensichtlich kannte, ob sich Leute aus Vöhrenbach in der Wirtsstube aufhielten und merkte wohl an, den Mann, der ihr nachliefe, kenne sie nicht. Nachdem sich keine Leute aus Vöhrenbach in der Gaststube befanden, nahm sie die Begleitung des jungen Mannes an. Dieser wurde ihr späterer Mörder. Bei der gerichtlichen Vernehmung gab der in Donaueschingen festgenommene Bartholomäus Ratzer aus Reiselfingen an, er habe an die Kaltenbacher ein unsittliches Ansinnen gestellt, worauf diese ihm gedroht habe, ihn anzuzeigen. Ratzer gab an, er sei daraufhin dermaßen zornig geworden, daß er ihr sogar mit der Faust auf den Kopf schlug, worauf sie die Straßenböschung hinuntergefallen sei. Wie den weiteren Aussagen zu entnehmen ist, ergriff er faustgroße Steine und warf nach der unterhalb von ihm Lioegenden. Er ging auf sie zu und versetzte ihr mit dem Stiefelabsatz mehrere Tritte auf den Kopf und als sie sich zu wehren begann, band er ihr ein Tuch um Mund und nase, damit sie nicht schreien konnte. Ratzer führte weiter aus, er habe, als er das Mädchen leblos liegen sah, sie in das Wasser der Kirnach geschleppt, wo sie noch einmal lautlos aufgestanden und in den Bach getaumelt sei. Als die Bertha Kaltenbach stürzte und ganz mit Wasser überflutet war, wälzte er einen großen Stein auf ihren Körper. Die gerichtlich angeordnete Obduktion ergab, daß sie noch lebend in das Wasser gefallen war. Dieser Bartholomäus Ratzer hatte kurz vor der Tat eine zweijährige Freiheitsstrafe in Freiburg verbüßt, nachdem er auf dem Hochfirst eine Frau überfallen und beraubt hatte; außerdem hatte er seinen Lehrherrn, einen Bäckermeister, bestohlen.

Es fragt sich, ob es sich bei dieser Tat um ein Sittlichkeitsverbrechen oder um einen Raubmord gehandelt hat. Auf alle fälle hat man auch den leeren Geldbeutel der Bertha Kaltenbach gefunden.

Ratzer wurde vom Schwurgericht in Konsttanz zum Tode verurteilt, schließlich aber zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe begnadigt.

Der Berichterstatter hat aus Vöhrenbach erfahren, daß Ratzer bei einem Ausbruchsversuch aus dem Zuchthaus in Bruchsal einen Wärter getötet habe und dabei selber erschossen worden sei.

Wer die Felszeichnungen wenige Meter seitlich der L 173 vor langer Zeit eingemeißelt hat, konnte leider nicht mehr festgestellt werden. Sie war inzwischen fast überwachsen, so daß die Beobachtung durch Herrn Schmid schon eine Entdeckung darstellt. Der Berichterstatter hat sie daraufhin freigelegt und mit weißer Farbe ausgemalt.

Hermann Preiser

Wiedergabe der Fahndungsanzeige aus dem Villinger Volksblatt vom 8. 11. 1892.