Archiv und Stadtgeschichte (Manfred Reinartz)

Gedanken zur Archivverwaltung —

Redaktionelle Vorbemerkung:

Dr. Manfred Reinartz, Stadtarchivar mit Dienstsitz in Schwenningen, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, hat 1989 vor dem Lions-Club Villingen einen Vortrag zum Thema „Stadtarchiv und Stadtchronik“ gehalten, den wir hier wegen der grundsätzlichen Bedeutung seines Inhalts auszugsweise veröffentlichen. Die Ausführungen über die Arbeiten im Schwenninger Archiv bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt.

Dr. Reinartz schreibt:

… Eine regelrechte Stadtgeschichte zu schreiben, das ist heute nurmehr schwer vorstellbar. Wenn man (z. B. hinsichtlich der Ereignisse der letzten 100 Jahre) auch nur die bescheidensten Ansprüche an die Objektivität stellte, käme man da schnell in Bedrängnis, vom Materialumfang und vom Zeitaufwand gar nicht zu reden.

Eine Stadtgeschichte zu schreiben, die der Wahrheit, d. h. den objektiven Geschehensabläufen wirklich nahe kommt, setzt die Kenntnis so vieler Einzelfakten, Aspekte, Zusammenhänge, übergreifender Bezüge, Bewertungsmaßstäbe etc. voraus, daß ein solches Unterfangen an Anmaßung grenzen würde. Nicht von ungefähr wählte Paul Revellio für das immer noch bedeutendste Buch über Villingen den Titel: „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“.

Unsere Kenntnis von der Geschichte der Stadt muß notwendigerweise ein Flickenteppich bleiben; aber wer weiß: vielleicht wird aus den vielen mehr oder weniger bunten Flicken doch einmal ein ganz ansehnliches Gewand.

Die Chancen, daß es dahin kommt, sind umso größer, je mehr es gelingt, ortsgeschichtlich interessierte Mitbürger durch die Erschließung von Quellenmaterial in die Lage zu setzen, selbst an der Erforschung der Stadtgeschichte ein Stückchen mitzuwirken. Mit anderen Worten: Förderung von Einzelarbeiten, die als Bausteine Teile eines Gesamtmosaiks sein können, in welchem die historische Rolle der Stadt erkennbar wird.

Ein Archivar wird erkennen müssen, daß es vermessen wäre zu meinen, er allein könne orts- und stadtgeschichtlich Gültiges erarbeiten. Vielmehr muß er bemüht sein, denen, die bereit sind, ihm hilfreich zur Seite zu stehen, seinerseits alle nur mögliche Hilfe angedeihen zu lassen, damit das riesige Feld, das es zu beackern gibt, von möglichst vielen mit Aussicht auf eine gute Ernte bestellt werden kann.

Ein Archiv „hat die Aufgabe, alle in der Verwaltung angefallenen Unterlagen, die zur Aufgabenerfüllung nicht mehr ständig benötigt werden, zu überprüfen und solche von bleibendem Wert mit den entsprechenden Amtsdrucksachen zu verwahren, zu erhalten, zu erschließen sowie allgemein nutzbar zu machen. Das Archiv sammelt außerdem die für die Geschichte und Gegenwart der Stadt bzw. Gemeinde bedeutsamen Dokumentationsunterlagen . . . Es kann auch fremdes Archivgut aufnehmen . . .“, so steht es in § 1 der Archivordnung, die der Deutsche Städtetag in Anlehnung an die entsprechenden Ausführungen des 1987 verabschiedeten Landesarchivgesetzes den Städten und Gemeinden zur Übernahme empfiehlt. Zu gegebener Zeit werden wir dem Gemeinderat diese Archivordnung zum Beschluß vorlegen.

Wenn man von dem Schriftgut spricht, das ein Archiv zu verwahren hat, so bezieht sich der Begriff heute auf alle denkbaren Text-, Daten-, Bild- und Tonträger, „er umgreift Urkunden und Akten, Register und Geschäftsbücher, Karteien und Blattsammlungen, Karten, Pläne und Zeichnungen, Druckschriften, Lichtbilder, Filme, . . . Magnetbänder sowie alle sonstigen Speichermedien, die im Geschäftsgang entstanden oder Bestandteil der Akten geworden sind“.

Als archivreif hat das Schriftgut zu gelten, wenn es für die Dienstgeschäfte nicht mehr ständig benötigt wird, archivwürdig ist es, wenn es auf unbestimmte Zeit erhalten werden muß, sei es für die Rechtspflege und die Verwaltung oder für Forschung und historisch-politische Bildung.

Ich zitiere aus einer offiziellen Veröffentlichung der staatlichen Archivverwaltung: „Läßt sich die Archivreife durch das Vereinbaren von Aufbewahrungsfristen verhältnismäßig einfach festlegen, ist das Ermitteln der Archivwürdigkeit die schwierigste und verantwortungsvollste Fachaufgabe der Archive. Denn was unkontrolliert oder unbedacht vernichtet wird, ist für amtliche wie nichtamtliche Zwecke unwiederbringlich verloren, wird künftigen Generationen an rechtsichernden Unterlagen und kulturellem Erbe vorenthalten.“

Die Archivwürdigkeit der vor 1945 entstandenen Archivalien ist kaum mehr in Frage zu stellen, weil wir es da mit vergleichsweise kleinen Mengen zu tun haben. Anders sieht es mit den seit dem Krieg aufgelaufenen Aktenbeständen aus, die man ob ihrer Menge nicht anders als mit dem Wort „Massenakten“ bezeichnen kann.

Dort liegt nun allerdings in dieser Stadt manches im argen. Denn abgesehen von zweifelhaften „wilden“ Ausscheidungen durch Nicht-Archivare hat in dieser Zeit hier praktisch keine Kassation — wie man die Aktenausscheidung auch nennt — stattgefunden.

Halten wir uns die letzten 40 bis 45 Jahre vor Augen: Wie viele Veränderungen hat es doch da gegeben! Was ist da nicht alles gegründet oder auf den Weg gebracht worden! Das alles ist Inhalt der riesigen Aktenberge, die unsere diversen Ämter, weil sie sie nicht mehr benötigen, an allen möglichen Stellen untergebracht hatten und haben: In Kellern, auf Speichern, in Bunkern und Verschlägen, in allen möglichen Ecken städtischer Gebäude.

Vor allem die in Villingen residierenden Ämter haben besonders große Aktenbestände angehäuft. Aber ich bin weit davon entfernt, sie deswegen zu schelten. Ganz im Gegenteil. Sie sind uneingeschränkt zu loben! Denn wenn ihnen schon seitens der hierfür zuständigen Dienststelle keine Hilfe zuteil wurde, so haben sie das Aktengut doch wenigstens nicht durch unsachgemäße, radikale Ausscheidung vernichtet, sondern — wie sie es eben konnten — für die Nachwelt erhalten.

Nach mehrmaliger Diskussion im Museums- und Archivbeirat wurde ich beauftragt, mich der Riesenaufgabe Kassation zu stellen; dabei hilft mir seit Januar 1988 ein als Historiker ausgebildeter Lehrer, der über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingestellt wurde und der hoffentlich dem Archiv erhalten bleibt.

Eine erste Ermittlung der Aktenbestände, die niemand mehr in den Ämtern gebraucht und die sofort ins Archiv abgegeben werden müßten, ergaben einen Bestand von rund zweieinhalb Kilometern Akten! Eine Entfernung von hier [Hotel Ketterer, Villingen] bis Marbach, oder in die andere Richtung bis hinter Nordstetten!

Und das ist nur ein Bruchteil der Bestände, die noch in großen Massen in den verschiedenen Ämtern — oft mehr schlecht als recht — aufbewahrt werden.

Wenn man sich also ein Mehrfaches der schon genannten zweieinhalb Kilometer Akten vor Augen hält und sich zugleich verdeutlicht, daß darin die gesamte Nachkriegsgeschichte der Stadt weitestgehend unerschlossen schlummert, dann kann man sich ausmalen, was es bedeuten mag, unverzagt dieser Riesenwelle zu begegnen. Es muß aber geschehen — und zwar bald. Denn von all den Geschehnissen dieses bald halben Jahrhunderts wird in 20-30 Jahren nicht mehr viel zu ermitteln sein —vor allem nicht, wenn wir nicht endlich anfangen, die Aktenbestände aus eben diesen Jahrzehnten gewissenhaft zu sichten und dann so zu ordnen, daß sich kommende Generationen hineinfinden können.

Die Kassation ist eine Daueraufgabe und als solche schon schwierig genug. Wenn aber Jahrzehnte aufzuarbeiten sind, so darf man nicht glauben, dies könne in wenigen Jahren geschehen. Bei der Inangriffnahme dieser umfangreichen und zeitraubenden Arbeit geht es in der Konsequenz letztlich um einen Neuanfang, der, wenn man die Sache wirklich ernst nimmt und nicht nur an Symptomen kurieren will, auf eine Neuordnung des städtischen Aktenwesens hinausläuft, selbstverständlich in Anlehnung an die entsprechenden — jetzt endlich einheitlich gefaßten — Landes-bzw. Bundesarchivgesetze. Denn — man beachte — es gibt in der Stadt ViIIigen-Schwenningen keinen für alle Ämter gültigen Aktenplan; jedes Amt kann seine Akten ablegen, wie es gerade will.

Die Archivverwaltung muß auf die Annahme eines einheitlichen Aktenplanes drängen, damit schon im Vorfeld der Übernahme ins Archiv eine durchgängige Ordnung zustande kommt.

Die in jahrzehntelangen Verzug geratene Kassation ist durch eine Person allein überhaupt nicht zu bewältigen. Das funktioniert nur, wenn die jetzt im zweiten Jahr eingearbeitete Fachkraft weiterbeschäftigt und zugleich das übrige vorhandene Personal an möglichst wenigen Plätzen in der Stadt konzentriert wird, was überdies den Vorteil hätte, daß vorhandene technische Ausstattungen, wie Sichtgeräte, Reader-Printer (d. h. kombiniertes Lese-und Kopiergerät), Photo-Ausrüstung, EDV, Schreibmaschinen usw. gemeinsam und effektiv genutzt werden könnten.

Für die sachgerechte Übernahme der durch die vielseitige und komplexe Arbeit der städtischen Ämter anfallenden Massenakten und deren zügige Bearbeitung, vor allem aber auch deren Wiedererschließung durch funktionierende Such- und Findsysteme, ist eine vorherige Zusammenführung der Bestände in einem sogenannten Zwischenarchiv notwendig, das keine schönen, aber unbedingt ausreichend große Räumlichkeiten bieten muß. Nicht nur, weil bei einem möglichen Katastrophenfall (z. B. Brand) eine sofortige und schnelle Evakuierung möglich sein muß, sondern auch, weil nur bei vorhandener Transparenz und Übersichtlichkeit praktikable Ordnungssysteme greifen können.

Die Ämter dürfen mit ihren Akten und den sich daraus ergebenden Raum-, Verwaltungs- und Ordnungsproblemen nicht alleingelassen werden, wie dies allzulange geschehen ist. Die von uns mit den Amtsleitern geführten Gespräche machen das ganz deutlich.

Es geht zunächst darum, die einzelnen Ämter rasch von nicht mehr benötigten Altakten zu befreien; es sollte aber—so äußern sich die Amtsleiter — möglichst zugleich versucht werden, mit dieser Maßnahme eine Basis für eine Neuordnung des gesamtstädtischen Archivwesens zu schaffen. Dies sei, so wird betont, überhaupt die Voraussetzung für eine sachgerechte und ordentliche Dokumentation der früheren, der gegenwärtigen und der künftigen Verwaltungsleistung.

Eine sachgerechte Ausscheidung ist— angesichts der großen Mengen an Altakten — in den Ämtern selbst ganz und gar unmöglich; man bedenke, in welchen Räumen diese Akten untergebracht sind! Ein Zwischenarchiv, in dem die Aktenmassen zusammengeführt, gesichtet und bewertet werden können, ist deshalb unverzichtbar.

In den Umbauplänen des Villinger Osianderhauses ist ein Kassationsraum von lediglich 33 qm vorgesehen und inzwischen auch baulich bereits fertiggestellt. Wie soll bei nur in Kilometern zu rechnenden Aktenbeständen da wohl die Kassation vonstatten gehen?

Das läßt sich nur in großen Räumen mit tragfähigen Decken, also eigentlich nur in Fabrikräumen oder in einem ähnlich stabilen Gebäude durchführen. Etwa einen Kilometer Akten haben wir inzwischen im ehemaligen Fabrikgebäude der Firma Kienzle-Uhren in Schwenningen unterbringen können. Hier werden sie nun gesichtet, verzeichnet, geordnet, bewertet.

Hier werden erste Schritte unternommen im Hinblick auf die Klärung der Fragen: Welche Akten kommen aus welchen Ämtern, sind nach welchen Aktenplänen abgelegt worden? Welche Akten sind einmalig, welche kommen vielfach vor? Welche sollten ihrer Bedeutung wegen noch einmal sicherungsverfilmt werden, bei welchen genügt eine Ersatzverfilmung?

Zuerst muß also eine Reihe verschiedenster Arbeitsprozesse ablaufen, ehe daran gedacht werden kann, irgendwelche Aktenbestände endgültig auszuscheiden und zu vernichten. Deswegen ist die Aktenausscheidung auch niemals im Hauruck-Verfahren durchzuführen. Vielmehr geht es um eine wohlüberlegte, sachgerechte, verantwortungsvolle und kontinuierliche Maßnahme, die langfristig nur in vertrauensvoller Zusammenarbeit von Verwaltung und Archiv funktionieren kann.

Wenn dann endlich bei den verschiedenen Beständen die Entscheidung gefallen ist, was bleibt und was nicht, dann ist die Arbeit damit noch keineswegs erledigt. Denn „würde das Archivgut nicht nutzbar gemacht, wäre seine Verwahrung wenig sinnvoll. Zu den wesentlichen Aufgaben des Archivars gehört daher, das Archivgut durch Ordnen und Verzeichnen zu erschließen.“ Das ist nur möglich, wenn leicht durchschaubare, praktikable Findsysteme Anwendung finden, die gewährleisten, daß den potentiellen Benutzern wie auch der Verwaltung die latenten Inhalte der Archivbestände möglichst kurzfristig zugänglich gemacht werden können. Damit nun dem Archivbenutzer künftig das gewünschte Material auch tatsächlich kurzfristig vorgelegt werden kann, ist in Bälde die Frage zu beantworten, wo, d. h. an welchem Ort in der Stadt, die Endablage der Akten zu erfolgen hat, die den Sichtungs- und Kassationsprozeß im Zwischenarchiv durchlaufen haben und zur Daueraufbewahrung bestimmt worden sind.

Meines Erachtens wäre es vernünftig, diese Endablage dort einzurichten, wo bisher schon die größeren Altarchiv-Bestände liegen und wo —das scheint mir besonders bemerkenswert — erfahrungsgemäß die größere Benutzerfrequenz zu erwarten ist. Und da spricht beides wohl eindeutig für den Stadtbezirk Villingen.

Zwar wird es, wenn die Archivbestände einmal durch Such- und Findsysteme ordentlich erschlossen sind, ohne weiteres möglich sein, sich Akten auch aus dem jeweils anderen Stadtbezirk vorlegen zu lassen. Aber das Herüberholen kostet ja Zeit und also auch wieder Personalaufwand. Da sollten wir uns die Arbeit nicht unnötig selbst erschweren. Wenn schon ein Neuanfang gemacht werden soll, dann mit Vernunft und mit Blick auf die alltägliche Praxis! Denn in ihr zeigt sich, ob eine Institution für den Bürger eingerichtet ist oder nicht.

Archivarbeit ist eine sehr mühsame Arbeit, für die man nur Mitarbeiter gebrauchen kann, die sich ganz in den Dienst der Aufgabe zu stellen bereit sind. Öffentlicher Applaus ist nicht zu erwarten. Die Motivation erwächst aus der Einsicht und Überzeugung, daß der hier geleistete Dienst Auswirkungen hat, die in Jahrzehnten, möglicherweise sogar in Jahrhunderten noch spürbar sind. Von der Gewissenhaftigkeit und der Arbeitsethik des Archivpersonals hängt es schließlich entscheidend ab, ob von den Erfolgen und Mißerfolgen, den Leistungen und dem Versagen der heute Lebenden, ihren Ängsten, Hoffnungen und ihrer Zuversicht, von ihren materiellen und sozialen Leistungen eine Spur erkennbar bleibt oder nicht, und wie sie zu deuten ist.

Und nicht nur das. Zur Arbeit des Archivars gehört ja nicht allein die Betreuung der am Ort aufbewahrten Archivalien sondern auch die Ermittlung von solchen für die Stadtgeschichte wichtigen Dokumenten, die dem Privatmann zwar zugänglich, in praxe aber doch oft zu schwer erreichbar sind.

Ich spreche von den Materialien, die in auswärtigen Archiven liegen, zuförderst in den Landesarchiven (Hauptstaatsarchiv Stuttgart und Generallandesarchiv Karlsruhe), den umliegenden Stadt-, Adels- und Kirchenarchiven, aber dann auch in ausländischen Archiven, etwa der Schweiz (St. Gallen, Basel, Zürich, Schaffhausen usw.), Österreichs (Wien, Innsbruck etc.: man bedenke, daß Villingen jahrhundertelang habsburgisch war; kaum zu glauben, wieviele Akten da in Wien und Innsbruck liegen und dringend einmal gesichtet werden müßten) und schließlich Frankreichs (Paris, Straßburg, Colmar usw.).

Insofern erschließt ein qualifiziertes Archivpersonal insgesamt bisher noch nicht bekannte Quellen für die Stadtgeschichtsforschung, bewirkt also, daß möglicherweise über Jahrhunderte schweigende Dokumente wieder zu reden beginnen.

Auch die historische Bedeutung der Stadt Villingen kann doch erst dann in ihrer ganzen Dimension richtig in Erscheinung treten, wenn — hier und andernorts — das bestimmt umfangreiche Urkundenmaterial endlich ganz intensiv ermittelt, erschlossen und für die Forschung zugänglich wird. — Die sachgerechte Erschließung aller jetzt schon bekannten Quellen, einschließlich des in der Stadt selbst vorhandenen Materiels, ist — darüber kann kein Zweifel sein — mit einem vertretbaren Zeitaufwand nur zu erreichen, wenn die in unserem Amt seit Jahren im Einsatz befindlichen modernen Hilfsmittel künftig gesamtstädtisch konsequent eingesetzt werden.

Die Mikroverfilmung beispielsweise bietet einen entscheidenden Vorteil: Die Originale werden geschont, und die Dokumente werden reduplizierbar. Wenn aber der Archivbenutzer die Dokumente in Kopie bekommen und mit nach Hause nehmen kann, dann reduziert sich der Archivaufenthalt auf das reine Ermitteln unter Zuhilfenahme der verschiedenen Findsysteme und das Ausfüllen der Bestellzettel. Das mühselige Lesen und Abschreiben im Archiv selbst entfällt und kann zuhause in aller Ruhe vonstatten gehen.

Wir haben inzwischen (in Schwenningen) mit der Mikroverfilmung eine Erfahrung von über 10 Jahren. Mittlerweile stehen auf Mikrofilm zur Verfügung: erhebliche Bestände des bis dato in ca. 2.000 voluminösen Aktenordnern untergebrachten Materials der Stadtchronik; 76 Bände der Schwenninger Inventur- und Teilungs-bücher 1649-1856; unzählige Bände der Gemeinderatsprotokolle, der Güterbücher, der Gebäudekataster, der Häusersteuerrolle, der Gewerbesteuerkataster usw., dazu alle wichtigen Kirchenbücher.

Auch die meisten der unsere Gegend betreffenden Urkundenbücher, die in den Landesarchiven und Landesbibliotheken im Original stehen, sind bei uns über Mikrofilm zu benutzen: Württembergisches Urkundenbuch, Fürstenbergisches Urkundenbuch, UB St. Gallen, UB Freiburg, UB Kloster Allerheiligen zu Schaffhausen, UB Kanton Schaffhausen, Codex Diplomaticus Salemitanus (Kloster Salem), UB Zürich Stadt und Land, UB    Basel Stadt und Land, UB Reichenau, Code \ Diplomaticus Alemanniae et Burgundiae Trans-Juranae, Monumenta Zollerana, Rottweiler Urkundenbuch usw. samt Indicibus.

Wichtig ist natürlich auch die Verfilmung alter Zeitungsbestände, weil deren Papier nach spätestens 100 Jahren anfängt zu zerfallen. So steht z. B. die seit 1880 in Schwenningen erscheinende „Neckarquelle“ komplett auf Mikrofilm zur Verfügung, und wir haben — auch das nur als Beispiel — gerade im letzten Jahr einen großen Teil I der alten Bände des längst nicht mehr erscheinenden „Villinger Volksblatts“ verfilmt, die sich in Villinger Privatbesitz (Hans-Peter Müller, Müller-Druck) befinden.

Ich brauche nicht besonders darauf hinzuweisen, wie unendlich wichtig es wäre, das Villinger Urkundenarchiv (Pergament-Urkunden) durch Verfilmung besser als bisher zugänglich zu machen und dabei gleichzeitig besser zu schonen — von der Sicherung für den Katastrophenfall ganz zu schweigen. Dr. Wilhelm Baum von der Universität Klagenfurt hat neulich erst im Jahresheft 1988/89 des Geschichts- und Heimatvereins Villingen mit Bedauern festgestellt: „Leider ist . . . die Geschichte Villingens im späten Mittelalter nur unzulänglich erforscht. Es fehlt vor allem eine Auswertung der Urkunden des Stadtarchivs aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Keine Frage, daß hier ganz erhebliche Schätze ungehoben schlummern, deren Hebung (und z. T. natürlich auch Edierung) um so selbstverständlicher sein sollte, als ja doch in Villingen im Vergleich zu Schwenningen ein erheblich größeres Potential an heimatkundlichen Forschern vorhanden ist, deren Aktivierung ein leichtes wäre, würde man ihnen nur die vorhandenen Bestände besser zugänglich machen. Dies muß eine der vordringlichsten Aufgaben der nächsten Jahre sein.

Für die Erschließung der Archivbestände gibt es inzwischen auch brauchbare EDV-Programme. Seit dem vorigen Jahr ist bei uns das von dem entsprechenden Unterausschuß des Deutschen Archivtags für die Anwendung in Kommunal- und Kreisarchiven empfohlene Archivprogramm (NIXAS der Firma Nixdorf) im Einsatz; zunächst noch mit aller Vorsicht, denn wegen der vielen verschiedenen in dieser Stadt verwendeten Aktenplan-varianten verbietet sich ein allzu hastiges Vorgehen.

Ich komme noch auf einen Bereich zu sprechen, dessen Bedeutung in der Vergangenheit lange verkannt worden ist, dem man aber in der historischen Forschung der letzten 10 Jahre immer mehr Aufmerksamkeit zuwendet: die sogenannte „Oral History“ oder „Oral Tradition“. Gemeint ist die Erfassung von mündlichem Quellenmaterial durch Befragung von „Zeitzeugen“, welche den von ihnen selbst bewußt erlebten geschichtlichen Zeitabschnitt in ihrer ganz subjektiven Sicht schildern und diese Aussagen dem Archiv zur Verfügung stellen. Die persönliche Färbung solcher mündlicher Quellen wird dadurch gewissermaßen neutralisiert, daß sie vergleichbaren Ausführungen anderer Personen an die Seite gestellt werden. Zwar sind diese mündlichen Darstellungen nicht wie amtliche Dokumente zu werten, aber gerade in ihrer von persönlicher Empfindung und individueller Auswahl geprägten Art vermitteln sie vieles von der Atmosphäre, vom „Klima“ einer Zeit, was schriftliche Dokumente nicht zu vermitteln vermögen. Von besonderem Wert sind solche Interviews mit Zeitzeugen dann, wenn schriftliche Unterlagen gar nicht oder doch nur lückenhaft zur Verfügung stehen, wie etwa aus der Zeit des letzten Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Wie für die Aufgabenstellung „Aktenausscheidung“, so ist nach entsprechender Beratung im Museums- und Archivbeirat auch für die gerade eben genannte Maßnahme „Neuere Stadtgeschichte“ Anfang vorigen Jahres eine wissenschaftlich ausgebildete Fachkraft im Zuge einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingestellt worden. Beide sind mir zwecks fachlicher Führung zugeordnet worden.

Was da mit Hilfe von Tonbandaufnahmen oder Interviews zusammengetragen wird, ist gewiß von beachtlichem historischen Wert, kann aber natürlich für eine kurzfristige Veröffentlichung nur bedingt in Frage kommen, weil die unter Zusicherung der Vertraulichkeit erhobenen Informationen den gesetzlichen Auflagen zum Schutze des Persönlichkeitsrechts unterliegen. Was dort zu Protokoll gegeben wird, findet Eingang ins Archiv und ist erst nach Ablauf der entsprechenden Sperrfristen und unter Wahrung der genannten Schutzbestimmungen, oft erst nach Jahrzehnten verwendbar.

Es versteht sich von selbst, daß ein Archiv das Gebot der Vertraulichkeit und des Persönlichkeitsschutzes ganz besonders strikt zu beachten hat.

Mit der Befragung der Zeitzeugen muß man jetzt, möglichst sofort, beginnen, weil leider schon allzuviele derer, die über die erste Hälfte unseres Jahrhunderts kompetent Auskunft geben könnten, den Weg alles Irdischen gegangen sind und für immer schweigen. Genaugenommen ist ja jeder einzelne Mensch mit seinem im Gedächtnis gespeicherten Wissen ein individuelles Archiv, das erschlossen werden kann.

So ist folgerichtig dem Archiv auch daran gelegen, private Nachlässe zu erwerben, ebenso Firmennachlässe, Vereinsakten und ähnliche nicht-behördliche Bestände; denn dieses Dokumentenmaterial hat anerkanntermaßen großen historischen Quellenwert und kann dort, wo Ereignisse im behördlichen Schriftgut keinen Niederschlag gefunden haben, diese Überlieferungslücken schließen helfen. Auch Plakate, Druckschriften und Zeitungen können in gleicher Weise hilfreich sein. Schließlich komme ich noch auf einige Aspekte zu sprechen, von denen man vielleicht glauben mag, sie seien von peripherer Bedeutung, die aber in Wahrheit schon jetzt von erheblichem Belang sind und uns künftig noch manche Sorge bereiten könnten. Ich meine einerseits die technischen Fragen um die sachgerechte langfristige Aufbewahrung der Archivalien im Archivalienmagazin und zum anderen die z. T. bedrängenden Fragen, die sich für das Archiv aus der Anwendung der EDV in der Verwaltung ergeben.

Zitat aus einer Publikation der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg zum Archivalienmagazin: „Es sichert die Archivalien gegen unberechtigten Zugriff und schützt sie gegen Feuer und Wasser sowie gegen schädliche Einflüsse von Licht, Wärme, Feuchtigkeit, Staubund Gasemissionen, deren nachweislich negative Einflüsse auf die Erhaltung der Dokumente erforderlichenfalls durch aufwendige technische Vorrichtungen wie Filter- oder Klimaanlagen vom Archivgut ferngehalten werden müssen.“

Das hört sich so selbstverständlich an: aber man übersieht leicht, was da bei uns noch alles fehlt. Gar nicht zu reden von den vielen Problemen, die durch Verwendung von Schreib- und Papiermaterialien entstehen, die eine dauerhafte Konservierung des Schriftgutes in Frage stellen; und auch bei den Aufbewahrungsmitteln (Ordner, Mappen und andere Archivbehälter aus chemisch möglichst neutralem Material) ist noch manches nicht so, wie es sein sollte.

Der zweite große Problembereich erwächst aus der rasanten Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in der Verwaltung. Ein Blatt Papier kann zweiseitig beschrieben werden, und damit ist Schluß: irgendwann wird es dann weggeworfen oder kommt ins Archiv. Anders dagegen Magnetbänder und Speicherplatten: sie sind wiederverwendbar.

Deshalb ist die Gefahr groß, daß vieles an Informationen, was auf konventionellem Wege ins Archiv gekommen wäre, gelöscht wird, sobald seine Erhaltungswürdigkeit von irgend jemandem, der sich ein Urteil darüber zutraut, nicht mehr als gegeben angesehen wird. Und im allgemeinen kann er sich des Wohlwollens seines Vorgesetzten sicher sein, hat er doch der Behörde durch die Wiederverwendung des Speichermediums Kosten erspart.

Ich möchte das hier nicht weiter ausführen, aber man kann sich leicht vorstellen, wieviel Spuren geschichtlicher Vorgänge auf diese Weise — oder auch nur durch irgend ein technisches Versagen — für immer gelöscht werden können.

Auch noch ein anderer Aspekt desselben Themas kann einem Sorge machen: die riesige Speicherkapazität, die bei der Benutzung des Computers zur Verfügung steht. Eben weil diese Kapazität schier unbegrenzt erscheint, wird man sich möglicherweise mit dem Löschen gar nicht lange aufhalten, denn das kostet ja nur Zeit; und außerdem: was kann es denn schaden, wenn man die Informationen noch zusätzlich hat? Vielleicht braucht man sie ja doch irgendwann einmal wieder. Zudem beantwortet sich die Frage nach der Wichtigkeit einer Information in dem Augenblick wieder anders, wenn verschiedene bestehende Datensammlungen miteinander vernetzt werden.

Was soll nun geschehen, wenn verschiedene Behörden Magnetbänder oder Speicherplatten, die bis an den Rand mit Millionen von Informationen voll sind, doch ins Archiv geben? Wie hätte dann eine Aktenausscheidung, wenn man sie denn überhaupt noch so bezeichnen kann, auszusehen? Welcher Archivar sollte sich dann — und wie lange — an den Computer setzten, um zu entscheiden, was von der ganzen Datenflut gespeichert bleiben soll und was nicht? Kann er das überhaupt entscheiden, oder ist die Entscheidung bereits bei dem abgegebenen Amt zu fällen?

Und wenn man schon die Software im Archiv hat, wie ist es dann mit der dazugehörigen Hardware, die man ja braucht, um die gespeicherten Daten wieder lesbar zu machen? Die Daten müssen logischerweise laufend auf die neuesten in Gebrauch befindlichen Datenträger kopiert werden, denn anderenfalls müßte sich das Archiv — bei der bekanntermaßen rasanten Entwicklung im Hardware-Bereich — für die verschiedenen Sorten von Disketten, Platten, Magnetbändern etc. ja einen ganzen Hardware-Park an Geräten, sozusagen ein funktionstüchtiges Hardware-Museum, zur Verfügung halten.

Dies sind keine theoretischen Überlegungen sondern bereits ganz aktuelle und dringende Fragestellungen, die von den Archivaren inzwischen auf sämtlichen Archivtagen und in der Fachliteratur diskutiert werden.

Abschließende Bemerkung:

Das Archiv in dieser Stadt sollte unbedingt aus dem Schattendasein heraustreten, das es bisher geführt hat. Es ist keine Nebensache sondern aktuelles Anliegen und auch für die Zukunft gleichermaßen wichtig. Eine moderne Stadt kann es sich heute nicht mehr leisten, ein verstaubtes, träge funktionierendes, für Außenstehende undurchschaubares, gar vermufftes Archiv zu haben. Vielmehr hat ein Archiv heute ein selbstverständlicher, genauso wie andere Ämter auf Effizienz ausgerichteter, integraler Bestandteil des Gesamtverwaltungsapparats zu sein; eine Einrichtung, die sich dem Dienst am Bürger verpflichtet weiß. Die Arbeit muß mit Sachverstand und Energie angegangen werden, und zwar von Leuten, die sich für diese schwere, aber außerordentlich wichtige Aufgabe ganz individuell und unter Zurückstellung aller persönlichen Eitelkeiten wirklich in Dienst nehmen lassen. Ohne ein in diesem Sinne hoch motiviertes Team müßte man an dem Umfang der Aufgabe verzweifeln. In Schwenningen hat sich — das darf man ohne Überheblichkeit sagen — in den letzten zehn, fünfzehn Jahren eine Menge bewegt; auch die Archive der kleineren Stadtbezirke, die uns, vor etwas mehr als 10 Jahren ebenfalls anvertraut wurden, sind von uns geordnet und für die ortsgeschichtliche Forschung inzwischen erschlossen worden.

Die meiste Arbeit muß künftig in Villingen getan werden. Es wird nötig sein, mindestens fünf bis zehn Jahre lang alle nur mögliche Energie darauf zu verwenden, daß dem so bedeutenden Villinger Stadtarchiv durch eine sachgerechte Neuordnung und Erschließung der Bestände der Rang eingeräumt wird, der ihm zusteht. Denn wer immer die zwölf Archive dieser Stadt zu betreuen hat (die Alt-Archive der elf Stadtbezirke und das Archiv der Stadt ViIIingen-Schwenningen) und dabei dem ViIIinger Stadtarchiv nicht einen ganz besonderen Rang einräumt, der verhält sich wie jemand, der eine Muschel hat und sich um die Perle darin nicht kümmert.

Die Bedeutung, die eine Stadt ihrem Archiv beimißt, ist ein zuverlässiger Gradmesser für ihr eigenes Identitätsverständnis. Daß dem so ist, „erhellt schlaglichtartig (George) Orwells Roman »1984«, wenngleich in der totalen und extremen Umkehrung der . . . Wertvorstellung: Durch die gezielte Manipulation der Quellen wird hier der Mensch aus seiner Vergangenheit vertrieben; durch das Auslöschen der Erinnerung werden ihm die konstitutiven Elemente zur Persönlichkeitswerdung entzogen, wird er seiner Identität beraubt.“ (Ottnad)

Ich hoffe, ich konnte durch meine Ausführungen einen Überblick über unseren Aufgabenbereich verschaffen, der sich besonders in den letzten 10 Jahren enorm ausgeweitet hat und sich inzwischen auf den gesamten Archivbereich der Stadt erstreckt — mit Ausnahme des Villinger Altarchivs. Und so ganz „nebenbei“ betreiben wir ja auch noch ein Museum und zwei Heimatstuben. Es erfüllt mich mit Zuversicht, zu sehen, wieviel Gutes möglich ist, wenn Menschen auf der Basis von Glaubwürdigkeit und Vertrauen zusammenwirken; nicht nur in unserem eigenen Team und innerhalb der Verwaltung konnte ich das erfahren, sondern vor allem auch im Umgang mit den engagierten Bürgern unserer Stadt. Archivar zu sein ist keine Solonummer, und schon gar kein Job wie jeder andere sondern bedeutet, sich zutiefst einbinden zu lassen in das Leben der Stadt und ihrer Menschen, deren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dem Archivar gleichermaßen am Herzen liegen müssen, weil diese Menschen ja in ihn die Hoffnung setzen dürfen, er werde dafür sorgen, daß von ihrem Erdendasein eine Spur über die Gegenwart hinaus erkennbar bleibt.

Sachverwalter ihrer Geschichte zu sein: das ist ganz gewiß eine der ehrenvollsten Aufgaben, die eine Stadt zu vergeben hat.