1989: Erneute archäologische Grabungen auf dem alemannischen Friedhof in Schwenningen (Werner Huger)

Im Jahresheft X, 1985/86, berichteten wir über den Abschluß einer zweijährigen Kampagne auf dem alemannischen Friedhof „Auf der Lehr“ in Schwenningen. Dazu bemerkten wir, daß mit weiteren Funden auf Jahre hinaus nicht mehr zu rechnen sei. Überraschenderweise kam es jedoch seit 31. Juli 1989 zu einer erneuten Untersuchung. Der Grund: Das Haus Mutzenbühlstraße 2 wird abgerissen werden. Im dahinter liegenden Garten-bzw. Hofbereich standen bis zur Gegenwart Gebäude ohne Fundamente, die zuerst niedergelegt wurden. Man wußte (vgl. Jahresheft X des Geschichts- und Heimatvereins), daß sich in der nördlich der alten Grabung anschließenden Fläche noch Gräber befinden würden. Tatsächlich lokalisierten die Archäologen in dem 1989 zu untersuchenden nödlichen Teil weitere 30 Gräber. Das Grabungsgelände umfaßte etwa 430 qm. Bis Grabungsende, 16. Oktober 1989, konnten 22 Gräber freigelegt werden. Es handelte sich bei den Bestatteten um zehn Männer, sechs Frauen und drei Kinder, wovon eines ein Junge war, während die anderen nicht identifiziert werden konnten. Wir bemerkten schon im Jahresheft X, daß die jetzt untersuchte Fläche insgesamt durch errichtete Gebäude stark gestört war. Dieser Befund gilt vor allem für drei Erwachsenengräber. Als Ergebnis der Grabungskampagne bleibt auch diesmal die Feststellung, daß die Mehrzahl der untersuchten Grablegen in die Kategorie „ärmlich““ einzustufen sind. Es gibt allerdings auch Gräber mit bemerkenswertem Inventar. Das allererste Grab, mit mittelmäßigem Erhaltungszustand enthielt ein Messer, eine Gürtelschnalle und möglicherweise eine Riemenzunge. Das zweite enthielt als Waffe einen Sax. Das dritte Grab, das gerade offenlag und geputzt war (vgl. Fotos), als wir am 23. August 1989 die Grabung besuchten, war das erste Frauengrab mit zwei Ohrringen und einem Unterarmreif links, vermutlich aus Bronze, jedoch nicht aus Edelmetall. Auch hier zeigte sich die Störung im Gelände durch moderne Eingriffe. So fehlte u. a., wie auf der Fotografie sichtbar, der Kopf der Bestatteten. Unabhängig von dem Inventar der Gräber wurde bis dahin als Lesefund ein Sax geborgen. Per 30. August 1989 waren weitere fünf Gräber ausgegraben. Bei Abschluß der Grabung (16. Oktober 1989) teilte der Grabungsleiter mit, hervorzuheben seien zwei besonders reich ausgestattete Frauengräber. Die eine Bestattung erfolgte in einem Baumsarg, die andere in einem Brettersarg. Das eine Grab enthielt zwei Perlenketten. Gezählt wurden mehr als 30 Stück Glasperlen (Fayence), darunter auch vier Bernsteinperlen. Auch diese Gräber lagen sehr flach unterhalb der Oberfläche und waren von dort her gestört. Des weiteren ist ein Männergrab zu vermelden, mit kleiner Grabkammer, vermutlich aus Bohlen gezimmert. Der Tote war in einem Holzsarg bestattet worden. Man hatte ihm eine Spatha, das germanische Langschwert, und einen Sax mitgegeben. Geziert war er mit einer Gürtelgarnitur, beigestellt war ein rädchenverzierter Knickwandtopf. Das Grab datiert um 600. Im übrigen reichen die Datierungen erneut bis ins späte siebte Jahrhundert. Wir wissen, daß danach die Belegung alemannischer Friedhöfe nach der Sitte der Germanen abbricht.

Addiert man die 1989 ausgegrabenen 22 Bestattungen zu den bisher bekannten 139 Gräbern hinzu, so kommen wir inzwischen auf die bemerkenswerte Zahl von 161 Grablegungen der Germanen. Die bisherigen Grabungen liegen nach wie vor im wichtigen Teil des Gesamtfriedhofs, so daß auf weitere Grabungsergebnisse im Jahre 1990 gewartet werden darf.

Anmerkung:

Die Grabung wird vom Landesdenkmalamt — Außenstelle Freiburg — durchgeführt. Zuständig ist der Leiter des Amtes, Oberkonservator Dr. Gerhard Fingerlin. Wir danken ihm für die Freigabe der Information.

Wir danken hier auch Herrn cand. phil. Gaetano Oehmichen, der uns als örtlicher Grabungsleiter vor Ort mündlich die obigen Mitteilungen gemacht hat.

Im Hofbereich hinter dem Hause Mutzenbühlstraße 2 in Schwenningen wurde in einer Grabungskampagne vom August bis Oktober 1989 durch die Archäologen eine Fläche von 430 qm des ehemaligen alemannischen Friedhofs untersucht.

 

Das erste Frauengrab, das dieses Jahr aufgedeckt wurde, barg eine Bestattung mit zwei Ohrringen (oben) und einem Unterarmreif, links. Die geringe Tiefe unter der Oberfläche hatte zur Folge, daß das Skelett modern gestört war. So fehlte z. B. der Kopf und ein Teil der linken Extremitäten.

 

Die Großaufnahme des Torso zeigt, daß der Frauenbestattung der Kopf fehlt. Die von der Oberfläche her erfolgte Störung hat lediglich die tieferliegenden Ohrringe der Toten übriggelassen.

 

Rechts oberhalb des querliegenden Metermaßes ist der gut erhaltene Armreif zu sehen. Vergleiche hierzu auch die Seitenaufnahme im Bild unten.

 

Eine sogenannte Steinkiste zeigt dieses Bild. Hier handelt es sich um gebrochene Natursteine des Keupers, die ohne Vermörtelung als Grabumwandung gesetzt sind. Zum Zeitpunkt der Aufnahme (30. August 1989) befand sich die Bestattung noch im Grab und ist leider nicht zu erkennen.