Ein bedeutender Villinger Forstmann: Oberförster Hubert Ganter (Ulrich Rodenwaldt)

geb. 12. 8. 1848 in Rippoldsau
gest. 21. 6. 1895 in Villingen

 

HUBERT GANTER Ehrenbürger der Stadt Villingen

 

Im Kurviertel Villingens gibt es eine „Oberförster-Ganter-Straße“, am Zusammenfluß von Brigach und Kirnach steht am Aufstieg des sogenannten Römer-Weges ein „Ganter-Stein“, der — wie eine kleine Tafel aussagt — einmal vom Villinger Verschönerungs-Verein aufgestellt worden ist, und auf dem städtischen Friedhof wird auf Gemeinderatsbeschluß sein Grab als Ehrengrab erhalten und gepflegt. Das Grab liegt an der östlichen, oberen Friedhofsmauer.

Aber wer weiß in Villingen jetzt—nach 100 Jahren—noch etwas von diesem bedeutenden Dienstvorstand des städtischen Forstamts (1876 — 1895), der über seinen eigentlichen forstlichen Tätigkeitsbereich hinaus — seiner Zeit weit voraus — die Wohlfahrtswirkungen des Waldes für Villingen und seine Einwohner erkannte und verwirklichte?

1872 war nach 43-jähriger Dienstzeit (seit 1829) der erste Dienstvorstand des städtischen Forstamts, Bezirksförster Hubbauer, in den Ruhestand getreten. Von Seiten der staatlichen Forstverwaltung wurde der Stadt Villingen nahe gelegt, auf ein eigenes Forstamt zu verzichten und die Bewirtschaftung des Stadtwaldes einem staatlichen Forstamt zu übertragen. Die Stadtverwaltung konnte sich aber nicht zu diesem weitreichenden Schritt entschließen, und so einigte man sich zunächst auf eine Übergangslösung, auf eine Dienstvertretung durch Abordnung eines staatlichen Forst-Praktikanten, heute würden wir sagen Forstassessor oder Diplom-Forstwirt. Der Nachteil dieses Kompromisses bestand darin, daß nach ein oder zwei Jahren dieser Dienstverweser ein staatliches Forstamt übernehmen konnte und so ein ständiger, fast jährlicher Wechsel stattfand. So wurde 1876 auch der Forstpraktikant Hubert Ganter auf seinen Wunsch nach Villingen abgeordnet.

Ganter stammte durch mehrere Generationen aus einer alten Forstfamilie. Sein Vater war Fürstlich Fürstenbergischer Forstverwalter (Forstamtsleiter) in Rippoldsau, sein Großvater war Fürstenbergischer Jäger im Unterhölzer Wald, sein Urgroßvater vermutlich Jäger oder Förster in Pfohren gewesen. Möglicherweise ließe sich diese Reihe forstlicher Ahnen im Fürstlichen Archiv in Donaueschingen noch weiter ergänzen und verfolgen. Sein Sohn war als Forstrat in Ottenhöfen tätig, sein Enkel wurde Forstdirektor in Hausach. (Immerhin ununterbrochen 6 Generationen Forstmänner)

Ein zweiter Sohn ist—wie eine Tafel auf seinem Grab aussagt— 1915 in Rußland gefallen.

Ganter besuchte das Gymnasium in Donaueschingen, später in Offenburg und hat in Karlsruhe Forstwissenschaft studiert. Darüber hinaus brachte er waldbauliche Ideen und Gedanken aus dem Forstamt seines Vaters (Naturverjüngung im Femelschlagbetrieb) mit.

1880 wurde Ganter die Möglichkeit geboten, in den Staatsdienst zurückzukehren und eine staatliche Bezirksforstei zu übernehmen.

Jetzt traf der Gemeinderat, nach zahlreichen Rückfragen bei anderen waldbesitzenden Gemeinden und nach leidenschaftlich geführten Diskussionen, die Entscheidung, eine staatliche Beförsterung abzulehnen und bot Ganter endgültig die Stelle als städtischer Forstamts-leiter an. Es gab aber bei der Wahl schon jetzt Gegenstimmen, weil er in den vergangenen vier Jahren seiner Tätigkeit als Dienstverweser durch seine zielstrebige, feste aber auch eigenwillige Art seiner Dienstführung, die dazu viel Geld gekostet hatte, aufgefallen war:

1879: „Die Stadtrechnung soll ein Verzeichnis der bis jetzt für den Wald gemachten Ausgaben vorlegen.“ Nachdem Ganter das Forstamt übertragen worden war, forderte er zunächst klare Verhältnisse und die Festigung seiner dienstlichen Position. Bis dahin konnte nämlich seit Jahrhunderten ein vom Gemeinderat aus seiner Mitte gewählter Waldmeister in allen Dienstgeschäften mitreden. Diesem war insbesondere der Holzverkauf übertragen, und so übte er eine unmittelbare, ständige Kontrolle auf den Ablauf des Forstbetriebes aus. Ganter aber wollte frei schaffen und die volle Verantwartung übernehmen. Er verlangte den uneingeschränkten Holzverkauf und lehnte eine ständige Beaufsichtigung seines Arbeitsgebietes durch einen Holzkontrolleur ab. Der Gemeinderat sah die Berechtigung dieser Forderung ein und übertrug ihm selbst (mit der für diese Arbeit vorgesehenen Vergütung) zusätzlich die Waldmeisterstelle. Und nun ging er ans Werk, mit einer — nachträglich besehen — Klarheit, Zielsicherheit und Tatkraft aber auch mit harter Rücksichtslosigkeit. Er ließ sich dabei weder von der vorgesetzten forstlichen Behörde, noch vom Bürgermeister oder Gemeinderat in seinem ungestümen Streben, bald etwas zu schaffen, beeinträchtigen, überschritt jährlich ohne Bedenken die ihm zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel und kümmerte sich weder um einen Verweis („z. d. A.“) noch um vielfältige Kritik oder Verwarnungen seiner städtischen Vorgesetzten. So mußte es in seiner ganzen Dienstzeit ständig zu Auseinandersetzungen mit seinen Oberen kommen. Er muß ein sehr unbequemer Untergebener gewesen sein. Um die Persönlichkeit Ganters voll zu würdigen, muß zunächst auf seine forstliche, waldbauliche Tätigkeit wenigstens skizzenhaft eingegangen werden, obwohl der Laie vielleicht wenig damit anzufangen weiß.

Mit dem Aufbau der badischen Forstverwaltung in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war für das Land Baden eine Naturverjüngung der Altholzbestände angeordnet worden, die sich seit vielen Jahrzehnten in Hessen für die Verjüngung von Buchenbeständen bewährt hatte (sog. Hartig’scher Groß-Schirmschlag). Es lagen ja hier noch keine eigenen praktischen Erfahrungen oder fundierte theoretische Erkenntnisse vor. Dieses Verfahren führte aber in der Baar, für die hier vorkommenden Nadelholzbestände von Fichte-Tanne-Kiefer großflächig zu katastrophalen Zuständen. Ursache waren die hier zur Vernässung neigenden Böden und die starken Eingriffe des Verfahrens (nur 3 Hiebe mit je 1/3 der Masse), die zu ständig steigenden Windwurf-Massen führten. Dazu kam, daß der Verjüngungszeitraum für die Tanne zu kurz war und diese, hier so wichtige Baumart, außerdem auf den entstehenden Kahlflächen durch Frost vernichtet wurde.

Auf einer forstlichen Tagung 1875 in Donaueschingen wurde dieses Thema eingehend behandelt und führte zur Entscheidung, daß in der Baar künftig im Kahlschlag-Verfahren unter Verzicht auf die Tanne zu wirtschaften sei.

Dieser Beschluß wurde dann auch zur bindenden Vorschrift im Einrichtungswerk für den Villinger Stadtwald. Ganter aber lehnte den Kahlschlag ab und begründete seine Einstellung in einer heute noch überzeugenden Denkschrift gegenüber dem Gemeinderat. Er begann sofort ohne Genehmigung der Forstbehörde die natürliche Verjüngung in dem ihm aus dem Forstamt seines Vaters wohl bekannten „Bad. Femelschlag-Verfahren“, eine langfristige Verjüngung durch löcherweise Hiebe, über die ganze Fläche einer Abteilung verteilt, die durch ständige Vergrößerung (Abrändelung) schließlich im Laufe von 40 Jahren ineinander überfließen sollten. Ein Verfahren, das hier auch in der ersten Phase zu bestechend schönen Waldbildern führt.

Diese Eigenmächtigkeit konnte natürlich nicht verborgen bleiben und führte nach einer Waldbegehung durch den zuständigen Großherzoglichen Inspektionsbeamten zu einem Verweis wegen eigenmächtigen Verstoßes gegen die Vorschrift des Einrichtungswerkes. In der Begründung heißt es darin u.a.: „Wir verkennen nicht den guten Willen des Oberförsters Ganter, etwas Besseres als seither zu leisten, wir setzen auch in seinen Fleiß nicht den geringsten Zweifel, ein richtiges Urteil aber über die Wirtschaft der Gemeindewaldungen in Villingen auf Grund einer zweijährigen Erfahrung müssen wir ihm entschieden absprechen und werden nimmer unsere Zustimmung dazu geben, daß der wertvolle Waldbesitz der Stadt zu einem Versuchsfeld für forstliche Anfänger werde. Dem Unterzeichneten ist der Gemeindewald jedoch seit 20 Jahren bekannt…“ usw. usw.

Nun, Ganter schrieb den Verweis „zu den Akten“ und nannte seine Hiebsführung künftig „Aushieb von Käfer-und Blitzbäumen“ und verfolgte unbeirrt seinen eingeschlagenen Weg. Er hat damit — im Gegensatz zu seinen Fachvorgesetzten und vielen Fachkollegen —bewiesen, daß in der Baar eine Naturverjüngung möglich ist und ihm ist es zu danken, daß die Tanne überleben konnte und wieder in angemessener Weise in den von ihm begründeten Beständen beigemischt ist.

Leider hat sich der von Ganter angewendete „Femelschlag“ auf die Dauer nicht bewährt. So wird hier die autochthone (griech.: an Ort und Stelle entstanden), wertvolle Schwarzwald-Höhenkiefer, eine Lichtholzart, bei diesem Hiebsverfahren (für Fichte-Tanne-Buche geeignet) „herausgedunkelt“, ein Fehler, den Ganter in späteren Jahren selbst erkannt hat. Auf einer Tagung des Badischen Forstvereins 1887 in Bonndorf hat er selbst hierauf hingewiesen und hat Vorschläge für eine Modifizierung des Verfahrens gemacht. Einen weiteren entscheidenden Nachteil des Verfahrens hatte er selbst noch nicht erkennen können: die Windwurfgefahr, sobald die Bestände so weit durch die Löcher-Hiebe aufgelockert sind, daß der Sturm einbrechen kann. Aus diesen Gründen mußte später nach neuen Wegen für eine erfolgreiche Fichten-Tannen-Kiefern-Verjüngung gesucht werden. Die Erkenntnisse und Verdienste Ganters werden dadurch aber in keiner Weise geschmälert.

Ein weiteres, noch völlig ungelöstes Problem, mit dem Ganter konfrontiert wurde, war die Erschließung des Waldes durch ein weites, sinnvolles Wegenetz als wichtigste betriebswirtschaftliche Aufgabe. Nur mit Hilfe befestigter Waldstraßen konnte Stammholz ausgehalten, abgefahren, verwertet und abgesetzt werden. Gerade in dieser Zeit vollzog sich ja die Wandlung von der Brennholzwirtschaft zur Nutzholzwirtschaft, und diese Möglichkeit, die die Konjunktur (Eisenbahnbau) jetzt bot, mußte genutzt werden. Ganter hat sie früh und rechtzeitig für die Stadt Villingen genutzt, die Voraussetzungen dafür geschaffen.

Aber Wegebau kostet auch Geld, und die Stadt war zu jener Zeit noch eine arme Ackerbürgerstadt. Zudem war es die Notzeit der Gründerjahre und die Zeit der dadurch bedingten Massenauswanderung nach Amerika. So kann man aus unserer Sicht und „hohen Warte“ die endlosen Auseinandersetzungen und gegenseitigen Vorwürfe, die uns in den alten Ratsprotokollen überliefert sind, verstehen. Es war nicht nur böser Wille beim Gemeinderat. Aber ein Beispiel — für viele — sollte hier doch wiedergegeben werden, um die Situation lebendig zu kennzeichnen:

1884: „Der Gemeinderat spricht seine Mißbilligung aus, daß statt einer Notbrücke von 400 Mark eine solche, welche inclusive Holz mindestens auf 2000 Mark zu stehen kommt, hergestellt und somit der Gemeinderat getäuscht wurde.

Der Weg nach dem Schreiberhof, sowie das Einsetzen von Gestück nach dem Gründle war nicht genehmigt.“ (Ganter hat wohl häufig die Geldmittel für den Wegebau erst angefordert, wenn er bereits fertiggestellt war.)

Weiter:

„Die von Oberförster Ganter eigenmächtig begonnene Arbeit wird nicht zur Zahlung auf die Stadtkasse übernommen. Der Gemeinderat macht den Herrn Oberförster Ganter für sämtliche, ohne unsere Ermächtigung unternommenen Arbeiten und deren Folgen verantwortlich, da ihm schon wiederholt aufgegeben wurde, ohne vorherige Einholung der Genehmigung keine Bauten zu unternehmen. Solche Handlungen müssen den Gemeinderat veranlassen, die Waldmeisterstelle von der des städtischen Försters wieder zu trennen.

Der Empfang der Zustellung wolle bescheinigt werden.“ Wie Ganter es fertig brachte, trotzdem unbeirrt weiter Wege zu bauen und schließlich doch immer wieder die benötigten Geldmittel locker zu machen, ist fast ein Rätsel. Es ist wohl nur einer so tatkräftigen und unnachgiebigen Persönlichkeit möglich gewesen, aber auch wohl seiner Überzeugungskraft.

 

Der Wald, einst Objekt der Aneignungswirtschaft, wurde im 19. Jahrhundert in die Nutzholzwirtschaft überführt. Die betriebswirtschaftliche Erschließung machte den Wegebau zur Abfuhr des Stammholzes erforderlich: ein Werk Ganters.

 

An dieser Stelle kann zu Ganters Rechtfertigung darauf hingewiesen werden, daß gerade seine so oft gerügten Wegebauten bei seinem frühen Tod (1895) als sein besonderer Verdienst gewürdigt wurden.

An seine forstliche Tätigkeit erinnern noch heute zahlreiche andere Teilgebiete, so z. B. Versuche mit dem Anbau amerikanischer Baumarten, von denen allerdings nur die starken Douglasien beim Ganter-Stein oder an der Kirnacher Straße bei Maria-Tann gelungen sind, ferner die Ablösung der die Wirtschaftlichkeit des Stadtwaldes so stark belastenden Brennholzrechte der Bauern von Unterkirnach. Er ging dabei von dem Grundsatz aus, daß jeder Berechtigte so viel Waldfläche erhalten sollte, daß diese bei geordneter Bewirtschaftung eine dem Recht entsprechende Brennholzmenge erhalten konnte. (Einzelheiten sind im Jahresheft XII, 1987/88, des Geschichts- und Heimatvereins Villingen behandelt worden.)

Betrachtet man heute die aller Orten im Walde noch sichtbaren Ergebnisse der Ganterschen Arbeit, so zeigen diese die große Waldverbundenheit und die Liebe dieses bedeutenden Forstmannes zu den Bäumen. Er gehörte zu den Forstleuten, die schon sehr frühzeitig die Auffassung vertraten, daß die Schönheit des Waldes ein wesentlicher Faktor im Leben des Menschen sei, der bei dem forstlichen Tun und Lassen gebührend in Rechnung gestellt werden müsse.

Der forstliche Klassiker Wilhelm Leopold Pfeil, Gründer und Professor der forstlichen Hochschule Eberswalde (1832), hatte seinen Studenten über die „Liebe zum Wald“ gelehrt:

„Es ist nicht die, welche in der Eitelkeit wurzelt, um schöne Bestände vorzeigen zu können, zu deren Erziehung oft derjenige, welcher sie vorzeigt, wenig oder gar nichts getan hat. Noch weniger ist es die eifersüchtige Liebe, welche alle anderen Menschen von der Mitbenutzung des Waldes ausschließen will, um ausschließlich darin zu herrschen. Die wahre Liebe zum Wald geht immer Hand in Hand mit derjenigen zu dem Menschen.“ Dies waren Gedanken, die Ganter bewegten und die er in seinem leider nur so kurzen Leben (47 Jahre) mit allen Mitteln zu verwirklichen suchte.

Sein Ziel war es, Villingen zu einem Höhenluftkurort zu entwicklen, zumal der große Wald in fast ebener Lage die besten Voraussetzungen für ein solches Vorhaben bot.

Aber der Weg zur Verwirklichung dieser Gedanken war noch weit und beschwerlich, noch viele Hindernisse —besonders finanzieller Art — mußten überwunden und beseitigt werden. Man muß hierauf hinweisen, weil all diese Dinge heute als selbstverständlich hingenommen werden.

Da war zunächst die Entfernung von der Stadt (mit rd. 5000 Einwohnern, die praktisch noch in den Mauern lebten) bis zum Walde zu überbrücken. „Der Wald muß näher an die Stadt herangezogen werden“, wie Ganter sich ausgedrückt hat. Aber wie?

Ein Strukturwandel kam ihm zu Hilfe. Es kam nur darauf an, diese Chance zu erkennen und zu nutzen. Zwischen Stadt und Wald lag die weite, große Feld-Allmend, die die Stadt im Laufe der Jahrhunderte erworben hatte und die als Weidefläche für die drei Viehherden (insgesamt etwa 1000 Stück Großvieh) der Ackerbürger (rd. je 2 Stück) diente. Die Viehhaltung aber ging im Laufe des 19. Jahrhunderts — z.B. durch Aufkommen der Industrie — zurück. Nun flammte in der Bürgerschaft ein jahrelanger, erbitterter Streit über eine bessere Nutzung der Allmend auf (alte Villinger werden sich vielleicht noch an die Begriffe „Schafwedler“ und „Kuhwedler“ erinnern). Die einen wollten die Allemend in private Parzellen unter die Bürger aufteilen, andere propagierten eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung ohne Aufteilung. Auch die Verpachtung an die Militärverwaltung als Remonte-Depot war einmal im Gespräch.

In diesen Streit mischte sich Ganter ein und propagierte die Aufforstung von etwa 400 ha dieser Allmendfläche. Nach langem Hin und Her und manchen Verunglimpfungen konnte er sich mit seinen Ideen durchsetzen und bekam vom Gemeinderat die Genehmigung.

Jetzt entstanden in kurzer Zeit, vom Wald ausgehend (Distrikt Neuhäuslewald), die stadtnahen Abteilungen, meist noch mit vorspringenden Zungen in Richtung Stadt. So erklärt sich, daß der Waldsaumweg sich heute mehrere hundert Meter weit im Walde als Seitenweg der Alten Vöhrenbacher Straße findet und der Name keinen Sinn zu haben scheint. Jedenfalls konnten jetzt die Villinger „durch den heranwachsenden Wald in den Wald“ nach den Vorstellungen Ganters spazieren gehen oder wandern. (Leider sind zwei Abteilungen dieser Aufforstungen nach dem II. Weltkrieg ein Opfer der Brennholz- und Franzosen-Hiebe geworden und sind nicht wieder aufgeforstet worden.)

Als zweite wichtige Aufgabe erschien ihm der Ausbau eines großen Netzes von Spazierwegen, die die schönsten Stellen des Stadtwaldes erschließen sollten. Das aber kostete Geld und für solche Spielereien oder Hirngespinste ihres Oberförsters konnte der Gemeinderat, der doch noch manche anderen wichtigen Aufgaben in der Stadt selbst finanzieren sollte, nun trotz besten Willens bei leerer Kasse kein Verständnis aufbringen. Wieder mußte nach einem Ausweg gesucht werden. Ganter mag die gleichen Gedanken erwogen haben, die 1885 v. Salisch in seinem Buch „Forstästhetik“ niedergelegt hat:

„Die dem Wald um seiner Schönheit willen zugewendete Neigung der Bevölkerung ist dem Walde in vieler Hinsicht nützlich. Die Schönheitspflege der Wälder befriedigt nicht nur ein ideales geistiges Bedürfnis des Menschen, sondern bildet geradezu auch ein Schutzmittel, weil ein gepflegter, ästhetisch schöner Wald das Interesse aller Menschen gewinnt und sich dadurch ganz von selbst in den Schutz der Mehrzahl seiner Besucher stellt, was sicher nicht unwesentlich zur Vermehrung der Sicherheit unserer Wälder beiträgt.“

Ganter handelte in diesem Sinne: Er gründete den Villinger Verschönerungs-Verein, (Eine Abhandlung darüber, die unsere Ausführungen ergänzt, findet sich in: Hubert Schieber, Aus der Geschichte einer Idee: Der Villinger Verschönerungsverein, vgl. Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Nr. VII, 1982, Seite 12 ff.), dem bald zahlreiche prominente Bürger beitraten. Der Verein wurde seine „Schutztruppe“, die ihm im Gemeinderat und in der Öffentlichkeit den Rücken stärkte und bei allen Gelegenheiten seine Arbeit propagierte und unterstützte. Noch wichtiger war es wohl, daß der Verein Geld sammelte und auch von der Stadtverwaltung jährlich Zuschüsse für seine Aufgaben erhielt, Gelder, die dem Oberförster nicht gegeben wurden, über die er aber nun verfügen konnte.

Der Verschönerungs-Verein übernahm nun auf eigene Rechnung — dies mag eine Tarnung der Ganterschen Wegebau-Maßnahmen gewesen sein — den Bau zahlreicher Spazierwege, so den Hangweg im Groppertal über den Uhustein zur „Forelle“, den Hangweg zum Salvest (mit Instandsetzung und Pflege der Ruine), den Kirnachtalweg nach Unterkirnach (am südlichen Ufer entlang), den Fußweg nach Pfaffenweiler oder die Erschließung des Wieselsbachtales als Wandergebiet usw.

Zu erinnern ist aber auch an die schönen, schattigen Ahorn-Eschen-Alleen zur Loretto-Kapelle in der Hammerhalde oder am Warenberg zum Laible hinauf (heute Feldbergweg) und insbesondere die Baumpflanzung auf dem zugeschütteten Stadtgraben, die Ring-Anlage. Diese schönen Wege waren in den 60er-Jahren der Gegenwart schwer gefährdet. Die paßten nicht in die am Schreibtisch gefertigten Bebauungspläne an der Hammerhalde oder dem Warenberg. Es bedurfte mancher Proteste, im ihre Beseitigung zu verhindern und zeichnerisch eine bessere Lösung zu finden. Sie wurde dann auch gefunden.

Besonders gefährdet aber waren die Ring-Anlagen, die sich ja als ein ideales, unbebautes, im Eigentum der Stadt befindliches Gelände anboten, mit dem die Parkplatznot der Innenstadt mit einem Schlag hätte behoben werden können. Wer wollte das einem Städteplaner verdenken? Aber die Planer hatten die Rechnung ohne den Villinger Bürger gemacht. Es bildete sich spontan eine Bürgerinitiative und mit Hilfe einer umfangreichen Unterschriftensammlung (6000 Unterschriften, Bürgerversammlung in der Tonhalle) konnte das Werk Ganters und seines Verschönerungs-Vereins gerettet werden. Die Stadt Villingen wäre um eine wertvolle, sehenswerte Grünanlage ärmer und unansehnlicher geworden.

Aber auch der Wegebau zur Erschließung des Waldes als Erholungslandschaft spielte für Ganter eine Rolle, so wie hier beim Uhustein als Teil des Hangweges zur „Forelle“.

 

Verloren gegangen ist aber leider die prächtige Allee besonders starker Pappeln im Warenbachtal, am Fuß des Laible. War das wohl nötig? Oder war es nur Gedankenlosigkeit statt praktischer Landschaftspflege?

Es sei in diesem Zusammenhang an den bekannten Spruch von E. Roth erinnert:

„Zu fällen einen schönen Baum

braucht’s eine halbe Stunde kaum.

Zu wachsen bis man ihn bewundert

braucht’s, bedenk es, ein Jahrhundert!“

v. Salisch prägte sogar den forstlichen Begriff „Schönheits-Zuwachs“.

Wenn man an das Werk Ganters erinnern will, so mögen zu seiner Rechtfertigung diese kritischen Gedanken erlaubt sein.

 

Die Ringanlagen, wo sich einst Gräben und Mauern befanden: das Werk Hubert Ganters.

 

In mehreren Schwarzwald-Städten hatten in den 1880er-Jahren naturbegeisterte Menschen Wandervereine gebildet, und diese hatten sich zum „Schwarzwald-Verein“ zusammengeschlossen. 1888 wurde auch in Villingen eine Ortsgruppe gegründet. Der Verschönerungs-Verein begrüßte diese Gründung und viele seiner Mitglieder traten sofort spontan dem neuen Schwarzwaldverein bei und haben der jungen Ortsgruppe Villingen ihren Idealismus, ihre Erfahrungen und Leistungen einbringen können. Der Schwarzwaldverein erhielt eine ältere, starke Wurzel und übernahm eine gute Tradition, auf die er stolz sein kann. Er feiert in diesem Jahr sein hundertjähriges Jubiläum.

Der von Gemeinderat Kienzler zu dieser Zeit geleitete Verschönerungs-Verein verfügte damals über 175 Mit

glieder. Die laufenden Einnahmen betrugen annähernd 900 Mark.

Der Verschönerungs-Verein blieb aber noch jahrelang neben dem Schwarzwaldverein bestehen und führte noch einige Jahre seine Arbeiten durch, wie wir aus alten Akten ablesen können:

1899: Erschließung des Dobels zwischen Täfeletanne und der Dold’schen Spinnerei (heute „Maria-Tann“). Herrichtung des Waldsees.

Ausbau einer Verbindung zwischen Loretto und dem Schwaigerweg.

Oder

1900: Bau eines Fußweges entlang der steilen Halde vom Wiedendobel zum Ganter-Denkmal.

Oder

1907: Die Anlage eines Fußweges von der Rietheimer Straße nach dem Laible (heute Feldbergweg).

Die Namen einiger Weggenossen und Mitstreiter Ganters im Verschönerungs- und Schwarzwald-Verein sind uns durch Benennung von Wegen und Bäumen überliefert, der „Heilmann-Weg“, die „Jakobs-Tanne“ und das Hüttchen „Würthenaus Ruh“ in Volkertsweiler. Zu einem Kurort gehören aber auch Hotels und Erholungsheime. So betätigte sich Ganter jetzt als Initiator für den Bau des „Wald-Hotels“ am Germanswald, nach wechselvoller Geschichte heute das Diakonissen-Erholungsheim ,Tannenhöhe“. Die Grundsteinlegung erfolgte allerdings erst nach seinem Tode im Jahre 1899. Dieses Wald-Hotel war vor dem I. Weltkrieg wohl das renommierteste Haus im Schwarzwald. Der Großherzog von Baden und seine Gemahlin sind hier mehrfach zur Erholung abgestiegen.

Der Ganterstein, den der einstige Villinger Verschönerungsverein seinem Gründungsmitglied und ersten Vorsitzenden setzte.

 

Eine von drei Alleen, entlang von Wegen, die den Wald führen: hier am heutigen Feldbergweg zum Laible.

 

Aber auch eine Attraktion mußte her: ein 30 m hoher Aussichtsturm, denn schon damals kam der Gedanke auf, daß man Gästen etwas bieten müsse, wir nennen es heute Freizeitgestaltung. Ganter brachte 1887 das Kunststück fertig, eine Aktien-Gesellschaft mit Anteilen von 200 Mark — damals ein gewaltiger Betrag — für einen solchen Bau zu gründen und auch zu verwirklichen. Gezeichnet wurden 7000 Mark. Die Aktien sollten durch Eintritts-Karten verzinst werden. Der Gebühreneinzug erfolgte durch den Gastwirt August Kuner im Gasthaus zum „Hohenzoller“, heute „Panorama“-Nightclub (im Volksmund: Vogelburg), der jeweils die Schlüssel ausgab.

Die Eisenkonstruktion wurde von der Glockengießerei Grüninger hergestellt (Arbeitsbeschaffung!).

Über die Feierlichkeiten bei der Einweihung wird uns berichtet:

„Die ganze Stadt ist in Bewegung gekommen, viele Gäste von auswärts sind eingetroffen, eine Völkerwanderung zieht zur Wanne hinauf, wo Konzert und Bewirtung auf die Gäste warten. Oberförster Ganter schildert in einer Ansprache die Beweggründe zum Bau des Turmes und die Fülle der Punkte der erschlossenen Fernsicht, hinunter zum Säntis und der Blümlisalp, hinauf zum Kniebis und zur Hornisgrinde, nach Osten zum Jura, gegen Westen zum Hochfirst und Feldberg. Villingen ist um eine weitere Sehenswürdigkeit bereichert, ein wirksamer Anfang ist gemacht, unser altehrwürdiges Villingen in einen besuchten Fremdenplatz umzugestalten.

Ein treffender Sinnspruch, Bau und Zeitverhältnisse

kennzeichnend, ist von Kappelrodeck, Sektion des

Schwarzwaldvereins, eingetroffen:

Eiserne Türme — Stählerene Panzer

Hochedele Fürsten — Eiserne Kanzler

Schutz unserm Hort — immerfort

Das walte Gott.

1988: Hundert Jahre Aussichtsturm

 

Ganter gründete 1887 die Aussichtsturmgesellschaft zur Finanzierung des Objekts.

Mit Beginn der Dämmerung wurde ein Freudenfeuer entflammt, das vom Hohenzollern, Dreifaltigkeitsberg, vom Wartenberg, von der Fuchsfalle und von dem Kandel erwidert wurde.“

Nun, die Einnahmen hatte man sicher überschätzt, und sie haben den Erwartungen wohl kaum entsprochen. 1908 wurde der Aussichtsturm der Stadtgemeinde übergeben. Die Anteilsscheine sollen zu 50% in drei Jahren von der Stadt eingelöst werden.

„Zum Ausgleich erhalten die Inhaber auf Lebzeiten unentgeltlich mit ihren Frauen und unverheirateten Kindern unter 21 Jahren das Recht, den Turm zu besteigen. Sie erhalten einen Schlüssel.“

Was will man mehr!

Abschließend ist zu vermelden, daß Ganter 1890 die ersten Ausgrabungen des großen Grabhügels eines keltischen Fürsten am Laible, dem Magdalenenbergle, angeregt, diese unterstützt und betreut hat.

Seine historischen Interessen gipfelten in einem Buch „Bezelin von Villingen“, das 1891 im Druck erschien und die Beziehungen des Geschlechtes der Zähringer zu der im Laible gelegenen Ruine Warenburg behandelte. Leider fehlen darin alle beweiskräftigen Quellenangaben.

Am 21. 6. 1895, nach langem, hoffnungslosen Leiden ist Hubert Ganter gestorben.

Der Verschönerungs-Verein ehrte ihn durch die Errichtung eines großen Gedenksteines im Stadtwald, eine über Generationen bleibende Erinnerung an diesen bedeutenden Forstmann.

 

… und das blieb übrig vom Ehrengrab auf dem Villinger Friedhof: ein Sockel ohne Kreuz.

 

Über die Feierlichkeiten der Einweihung dieses Gedenksteines ist uns überliefert:

1896: „In den Spätnachmittagsstunden an Peter und Paul findet in der feierlichen Ruhe des Waldes die Enthüllung des Ganter-Gedenksteines statt. Eine große Zahl Freunde und Anhänger des verstorbenen städtischen Oberförsters waren hierzu versammelt. Der Sängerbund eröffnete die Weihestunde mit dem Liede „Über allen Wipfeln ist Ruh“.

Der Vorsitzende des Verschönerungs-Vereins schilderte in bewegten Worten die Verdienste des vor einem Jahr in der Blütezeit seines Schaffens jäh vom Tode Ereilten, des Mannes, der weit über die Grenzen seines pflichtgemäßen Berufes hinaus seine Tätigkeit auf das allgemeine soziale Gebiet erstreckte, indem er die an Geist und Gemüt leidende Menschheit unermüdlich auf die Heilwirkung, die uns der Wald in seiner Schönheit, Stille und seinem Duft erschließt, hinwies. Im Waldparadies des Kirnachtals, in das man vor Jahrzehnten wegen seiner Weglosigkeit kaum eindringen konnte, habe man die Stelle ausgewählt, dem Freund des Waldes und der Menschen einen Denkstein zu setzen. Der Verschönerungs-Verein Villingen sei als Vollstrecker der Abtragung einer Dankesschuld an den Verstorbenen zugleich Willensäußerung der ganzen Gemeinde.“

Mit einer ausführlichen und sicher tief empfundenen Rede fand Bürgermeister Osiander — sein langjähriger Gegner — die rechten Worte der Anerkennung seiner Leistungen und verwies dabei gerade auf die so oft beanstandeten Wegebauten.

„Unbeirrt um Widerstände setzte er den Bau der langen Fluchten von Holzabfuhrwegen im städtischen Wald durch und hob damit die Wirtschaftlichkeit des Waldes. Was ihm einst spätere Generationen zum Verdienst anrechnen, mußte er nur zu oft den sparsamen Gemeindekollegien mühsam abringen.“

Er schloß mit den Worten:

„Er starb zu früh, um alle noch vorgefaßten Pläne in Erfüllung gehen zu sehen, zu früh, um noch die Erstellung eines Kurhauses erleben zu dürfen, zu früh für Villingen!“