Die Kapuziner und das Kapuzinerkloster zu Villingen sowie baugeschichtliche und archäologische Erkenntnisse während der Umbauarbeiten 1987 (Werner Huger)

Gefährdungen und Bewährung des Ordenslebens im ausgehenden Mittelalter führen zu einer Erneuerung der bestehenden Orden und zu neuen Formen in der Nachfolge Christi.

In den Jahrzehnten um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, die gekennzeichnet sind von religiöser Verunsicherung, Verweltlichung von Kirche und Klöstern, Erschlaffung und Reformkämpfen, sind es eigentlich nur die Kartäuser, die verschont blieben, ja die sogar eine ausgesprochene Blüte erlebten. Vor allem sind es aber Ordensneugründungen, die das Zeichen der Lebenskraft und Heiligkeit der Kirche und der lauteren Nachfolge Christi durch ihre, der Franziskanerregel angepaßten Ordnung, in ihrem Gehorsam, der Buße, der Nächstenliebe und Demut sichtbar machen.

Während sich bei uns, dem Ursprungsland der Reformation, die Glaubensspaltung anbahnt, erwachsen in Altalien und Spanien eine ganze Reihe neuer fruchtbarer Ordensgemeinschaften mit apostolischer Zielsetzung, von denen nur drei zu erwähnen sind:

1528 die Kapuziner

1535 die Ursulinen, die wir in der Nachfolge der franziskanisch orientierten Clarissen noch heute in Villingen haben und

1540 die Jesuiten.

Die Kapuziner sind entstehungsgeschichtlich ein Beleg, wie in den Wirren der Reformation der Eifer für die Reform insbesondere die franziskanischen Gemeinschaften erfaßt.

Seit etwa 1525 aus verschiedenen Reformgruppen in Italien zusammengewachsen, erhalten die Kapuziner 1528 die päpstliche Bestätigung als selbständige Gemeinschaft. Ursprünglich stark vom Hang zum Einsiedlerleben geprägt — spitze Kapuze, langer Bart und Bettelsack als Zeichen dafür —, stellen sie sich jedoch bald in den Dienst innerkirchlicher Erneuerungen, so der Volksmission und der Soldatenseelsorge. Trotz innerer Krisen nimmt dieser Orden in wenigen Jahrzehnten um das Fünffache seiner Mitglieder und Niederlassungen zu. Die Kapuziner sind „in“, wie wir heute salopp sagen würden.

Als Variante des franziskanischen Ordenslebens, sie sind reformierte Franziskaner, besitzen die Kapuziner die franziskanische Ordensregel (Beachtung des Heiligen Evangeliums des Herrn Jesus Christus durch ein Leben in Gehorsam, ohne persönliches Eigentum und in Keuschheit), ferner das gemeinsame franziskanische Meßbuch und Brevier sowie im evangelischen Geiste der Nachfolge Christi die Nächstenliebe, die Schlichtheit und den Missionseifer.

Die Kapuziner werden neben den Jesuiten der zweite große Orden der Gegenreformation.

Während der Jesuitenorden mehr Theologen, Fürsten-beichtväter und Erzieher adliger Jugend stellt, gilt der ganze Dienst der Kapuziner vor allem dem schlichten Volk. Als Laurentius von Brindisi (er lebte von 1559 bis 1619) als Generalbeauftragter des Kapuzinerordens auf eine achtmonatige Missionsreise nach Deutschland geschickt wird, entstehen in rascher Folge an die 200 Kapuzinerklöster auf deutschem Boden. Weite Gebiete der Habsburger Lande, Süd- und Westdeutschlands, der Schweiz und der Niederlande verdanken die Erhaltung und Wiederbelebung des katholischen Glaubens derem eifrigen Wirken; ihre evangelische Lebensweise setzt der Ausbreitung der protestantischen Lehre Grenzen. Ein Beispiel dafür ist der Märtyrer für den Glauben an die heilige Eucharistie, Fidelis von Sigmaringen, der 1622 den Märtyrertod starb und den wir in Villingen schon deswegen kennen, weil er hier im Franziskanerkloster zur Zeit der Auslagerung Freiburger Fakultäten den Doktorhut in Jurisprudenz erhielt.

Die Ordensgründungen führten bei uns über die helvetische Ordensprovinz, von der sich später die schwäbische oder oberrheinische oder vorderösterreichische Provinz mit schließlich 32 Klöstern abtrennte. Sie war in drei sogenannte Kustodien — mit einem Kustos an der Spitze — unterteilt, wobei Villingen zu der Konstanzer Kustodie gehörte. Dazu zählten auch Überlingen, gegründet 1619, Radolfzell 1622, Rottenburg am Neckar 1622, Rottweil 1636 u. a.

Die Gründung des Kapuzinerklosters zu Villingen fällt in die Zeit bald nach der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges. Die Entwicklung zeigt, daß die Beziehungen zwischen Orden und städtischer Repräsentanz keineswegs immer so harmonisch verliefen, wie man meinen sollte.

Im Dezember 1653 gab das Ordenskapitel zusammen mit dem Ordensgeneral von Freiburg aus die Zustimmung zu einem Antrag des Bürgermeisters und des Rats der Stadt Villingen, die darin um die „Gnade“ baten, den Orden auch in ihre Stadt zu verpflanzen. —Von den zwei angebotenen Standorten entschieden sich die Kapuziner für den Platz bei der Kapelle des Heiligen Wendelin, innerhalb der Mauern, unweit des südlichen, des Niederen Tores. Er gehörte der Stadt. Zu ihm kamen mehrere anstoßende Hofstätten, die von Privatleuten erworben werden konnten. Vom Münster aus bewegte sich am 16. August 1654 erstmals eine Prozession an den Ort, der „von nun an dem Heiligen Franziskus gewidmet und die Hofstätte für den Bau eines Kapuzinerklosters bestimmt sei“; ein hölzernes Kreuz wurde zum Zeichen errichtet.

Eine weitere umfassende Prüfung ergab, daß es von keiner Seite Widerspruch gegen die Klostergründung gab, mit einer einzigen Ausnahme: Es waren ausgerechnet die Franziskaner in der Stadt, die sich durch eine Neugründung geschädigt glaubten. Deren Einwendungen blieben aber ohne Erfolg. Der Bau konnte beginnen. Das tannene Bauholz versprach die Stadt, das eichene die Fürstenbergische Herrschaft. Steine ließen sich aus den Ruinen einiger im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Gebäude und Kapellen vor der Stadt gewinnen, so z. B. von der rund 1/2 Stunde entfernten Konradskapelle zu Vockenhausen, Richtung Mönchweiler, unweit der heutigen Jugendherberge, an der B 33.

Am Fest Mariä-Himmelfahrt, am 15. August 1655, fand unter großer Feierlichkeit die Grundsteinlegung statt. Eine Abschrift der im bisher nicht auffindbaren Grundstein niedergelegten Urkunde befindet sich im Stadtarchiv.

Anfangs November 1655 zogen die ersten Patres in der Stadt ein und bewohnten in der Siechenschaffnei auf dem vorgesehenen künftigen Gelände des Klosters beim Niederen Tor zunächst einige dort hergerichtete Räume; doch es wollte nicht recht vorangehen. Es gab ein Hick-Hack und Streit. Die Kapuziner drohten sogar, Villingen zu verlassen, wenn sie keine wirksamere Unterstützung erhielten. Nach dem Erwerb der Gutleut-Schaffnei und vor allem dreier angrenzenden Hofstätten mit kleineren ruinierten Häusern, die 1661 abgerissen wurden und nachdem der für den Bau bestimmte Raum gesäubert worden war, konnte man 1662 beginnen.

1663 war der Klosterbau zum größten Teil fertiggestellt. Neuen Ärger mit dem Magistrat gab es wegen der unmittelbaren Nachbarschaft des Klosters zum Leprosorium (Gutleuthaus), von dem die Kapuziner in Zeiten ansteckender Krankheiten Gefahr befürchteten und wegen des gegen die Stadtmauer zu befindlichen öffentlichen Bades, das dem Johann Lemblin gehörte. Hier störte die Patres der häufige Lärm. Der Magistrat ließ durchblicken, man hätte ursprünglich sicher andere Entschlüsse gefaßt, hätte man gewußt, welche Schererein man sich einhandeln würde.

Sehr spät— nämlich erst 1693 — überließ dann Franz Karl von Fürstenberg, dem wir noch zweimal, darunter einmal in einem Dia begegnen werden, sein eigenes beim Franziskanerkloster gelegenes Haus den Kapuzinern, das diese gegen das Leprosorium umtauschten, worauf sie das ältere Gutleuthaus abbrechen und den Platz dem Klostergarten zuschlagen konnten.

Schließlich wurde das nahezu fertiggestellte Kloster 1664 eingeweiht.

Als erlauchte Gäste waren auch die Mitglieder der Fürstenbergschen Familie aus Donaueschingen erschienen; eine Prinzessin erhielt bei dieser Gelegenheit die Firmung.

Die Kirche selbst wurde dem Heiligen Wendelin, dem Nothelfer und Patron der Hirten und Herden geweiht, war es doch auch das Gelände der alten Wendelins-kapelle, auf der die Anlage des Klosters nunmehr stand. Die St. Wendelinsbruderschaft bestand in der neuen Kirche fort. Die drei Altäre fertigte ein Villinger Meister, Michael Heim.

Der Konvent der Kapuziner war jetzt fest begründet. Seine Wirksamkeit erstreckte sich hauptsächlich — wie es auch der Hauptaufgabe des Ordens entsprach — auf die Abhaltung von Missionen und auf die Aushilfe in der regelmäßigen Seelsorge sowohl zu Villingen als in der Umgebung mit den Flecken Donaueschinen, Bräunlingen, Triberg und etwa 30 Dorfschaften. In der Stadt selbst hatten die Patres gewöhnlich die Predigten an Festtagen und in der Fastenzeit zu halten. Zu Donaueschingen hielten sie den Gottesdienst an allen Monatssonntagen, Herren- und Marienfesten, ebenso zu Hüfingen. In Weilersbach hatten sie die Seelsorge von 1724 an ganz mit wenigen Unterbrechungen. Im Auftrage der Benediktiner pastorierten sie oft auch das benachbarte Pfaffenweiler und das zu diesem gehörige Herzogenweiler. Großes Vertrauen genossen die Kapuziner als Beichtväter; selten starb in der Stadt jemand, der sie nicht hätte an das Krankenbett rufen lassen. Sie waren die Gewissensräte der Fürstenbergischen Familie zu Donaueschingen, deren Gunst sie ganz besonders besaßen. Der schon erwähnte Landgraf Franz Karl sprach sogar den Wunsch aus, in ihrer Kirche zu Villingen seine letzte Ruhestätte zu finden, was ihm auch vom General in Rom mit Rücksicht auf seine vielen Verdienste um den Orden, mit einem Schreiben vom Oktober 1682 bewilligt wurde. Seine Beisetzung in dieser Kirche beim Taufstein, wie es heißt, geschah am 21. August 1698. Sein leider gestörtes Skelett anläßlich der archäologischen Grabung 1987 im Kirchenboden noch aufzuspüren, gehört zu den seltenen Glücksfällen dieser Wissenschaftsdisziplin. Es scheint die einzige Bestattung im Kirchenboden selbst gewesen zu sein, denn weitere wurden nicht gefunden.

Der besondere Gunstbeweis des Ordensgenerals macht es auch unwahrscheinlich, daß dort weitere Tote hätten bestattet werden können. Die Toten des eigenen Klosterkonvents bestattet man bis 1788 im Kloster selbst, und zwar seit 1716 in einer eigens zu diesem Zweck erbauten Totenkapelle. Diese Kapelle konnte bis heute nicht lokalisiert werden. Sie befand sich mit ziemlicher Sicherheit im Bereich des neueren überbauten Ladenteils der Firma Porzellan-Riegger, nahe der ehemaligen Klosterkirche. Die Zahl der Konventualen ist nie groß gewesen, da bloß zwanzig Zellen vorhanden waren; sie betrug durchschittlich 12 Patres und drei oder vier Brüder, Kleriker und Laien, 12 Konventuale mußten es mindestens sein, denn erst ab dieser Zahl erhielt die Niederlassung die Bezeichnung Kloster, davor wäre es ein Hospiz gewesen. Wir werden bei der Grundrißbetrachtung anderer Kapuzinerklöster feststellen, daß auch diese nicht größer waren. Genau wie bei allen übrigen Kapuzinerklöstern war auch in Villingen alles, sogar der Gottesdienst, vom Charakter möglichster Einfachheit. Da die Kapuziner keine Geldkapitalien und kein Grundeigentum außer dem Kloster besitzen dürfen, im übrigen nur von Almosen leben, kamen Vermächtnisse für sie nur selten vor und wenn, dann auch nur zur Bestreitung des Allernotwendigsten, z.B. zur Anschaffung von Kirchengeräten, wofür sie sogar die Genehmigung des Provinzials haben mußten. Glänzende Festlichkeiten, wie etwa bei den Benediktinern, sah man nie im Kapuzinerkloster. Am feierlichsten wurde 1746 die Heiligsprechung der Ordensmitglieder Fidelis von Sigmaringen, der, wie schon angedeutet, 1622 in Graubünden erschlagen worden war, und Josef von Leonissa, gest. 1612, begangen. Das Fest dauerte an die acht Tage und wurde in allen übrigen Kapuzinerklöstern ähnlich gefeiert.

Giebel des Wohn- und Geschäftshauses Niedere Straße 88 zu Beginn des Umbaus 1987 Hinter der Fassade befand sich bis zum Jahre 1820 der Kirchensaal des Kapuzinerklosters.

 

Welche—nennen wir es Breitenwirkung—die Kapuziner seelsorgerisch im Dienste der Volksfrömmigkeit aufzuweisen hatten, mag an einem Beispiel aus dem Protokollbuch der Guardiane — also der Klostervorsteher (Lokalobere) — anläßlich der soeben genannten Feierlichkeiten verdeutlicht werden: „Haben also wir alles Volk im ganzen Kloster herumlaufen lassen, auch genötigt worden, heilige Messen im Garten und Bogen mit zugerichtem Altar lesen zu lassen und die Leut zu kommunizieren; wie dann auch ein Pater vier ganze Stund ohnaufhörlich kommuniziert hat.“ 62 Guardiana des Villinger Klosters sind uns namentlich bekannt.

Darunter befanden sich — abgesehen vom Grad ihrer Frömmigkeit — umfassend gebildete, diplomatisch geschickte, angesehene, aufopferungsfreudige und mutige Männer. Nur einer mag erwähnt sein: Pater Fulgentius von Konstanz. Er wurde 1734 zur allgemeinen Freude der Villinger in sein Amt eingeführt, heißt es doch von ihm, er habe in der schweren Zeit, als er von 1700 bis 1713 dem Villinger Konvent angehörte, den Villingern die Villarische Berennung, die bayrisch-französische Plokkierung und die förmliche harte, extreme Tallardische Belagerung (1704) sehr wacker aushalten helfen, indem er als Feldgeistlicher auf dem Wahl (Wall) bei der geschossenen Breßen (Bresche) ihren blessierten Bürgern und Soldaten die heiligen Sakramente zu spenden usw. Tag und Nacht nicht müde wurde“. Schon zu Zeiten unserer Landesherrin, der Kaiserin Maria Theresia, wurden Änderungen der Ordensverfassung eingeleitet. Bedrückend wurden diese und andere Maßnahmen ab 1782 unter ihrem Sohn, Kaiser Josef II. Die Klöster der Bettelorden verloren nach und nach alle Lebenskraft. Immer kümmerlicher fristete man noch rund 25 Jahre sein Dasein, nachdem keine neuen Mitglieder mehr aufgenommen werden durften und die alten nach und nach verstarben. Unter dem letzten Guardian, Pater Heinrich von Ailingen, gab es 1796, als man die Seligsprechung des Ordensbruders Bernhard von Ofida feierte, noch sechs Patres von einstmals 14. Sie leisteten die ganze Arbeit, und noch war der Andrang des Volkes groß. So standen auch am zweiten Tag der Feierlichkeiten die Leute bis zwei Uhr nachmittags vor den Beichtstühlen und viele mußten unverrichteter Dinge umkehren.

Mit dem Anfall Villingens an Baden wurde das Kloster 1806 ganz aufgehoben. Der alte Guardian Heinrich, ein anderer Pater und zwei Brüder, lebten schließlich bis 1814 im Kloster. Als damals ein Militärspital ins Kloster verlegt wurde, starben sie kurz nacheinander an einer ansteckenden Krankheit. Die Klostergebäude samt dem Garten wurden 1820 durch den Staat an sechs Villinger Bürger um 2500 Gulden verkauft.

Diese rissen den größten Teil der Gebäude nieder und richteten in der Kirche eine Bierbrauerei ein. Das Kloster war endgültig zu einem Vermögensobjekt geworden. 1)

Das architektonische Programm des Klosters 2)

Wenn die Bettelorden auch nicht den strengen Geboten gefolgt sind, die, Franziskus von Assisi in seinem Testament niedergelegt hatte, so war die Armutsverpflichtung doch ein Kriterium, das architektonische und gestalterische Konsequenzen für den Bau ihrer Kirchen und Niederlassungen hatte. Ohne in Einzelheiten einzutreten, verwenden wir zum Verständnis das Schlagwort von der „gebauten Armut“ und verweisen als Anschauungsbeispiel auf das ehemalige Franziskanerkloster in der Stadt Villingen.

Die Kapuziner als reformierte Franziskaner nahmen in ihrem Selbstverständnis die bauliche Gestaltung ihrer Niederlassungen besonders streng, stellten sie doch ihre Reformbewegung unter das Motto „zurück zu den Ursprüngen“ ohne Kompromisse („regula sine glossa“).

Franziskus hatte einst den Brüdern Kirchen, ärmliche Wohnungen und alles was für sie gebaut wird erlaubt, wenn sie der heiligen Armut entsprechen. 1535 — 1536 erstmals kodifiziert und durchgängig in den verschiedenen Kapuzinerkonstitutionen (= Normen, die u.a. das Gemeinschaftsleben im Kloster regeln) eingehalten, war die Forderung, daß das Pilger- und Fremdlingsein nicht nur im bloßen Verzicht auf Eigentum, sondern auch in den Behausungen der Kapuziner deutlich sichtbar werden sollte.

„Die Armutsforderung schlug sich bei den Kapuzinern danach in sehr genauen Bauvorschriften mit präzisen Maßangaben nieder.“ Wenn z. B. für eine Zelle in der Länge und Breite nur höchstens neun Spannen gelten sollten, dann entspricht das im Mittelmaß einer Grundfläche von rd. 5 qm. Die Kirchen sollten klein, arm und sauber sein. Die Maxime ihres Missionseifers heißt: Lieber in fremden Kirchen predigen. Für den Bau wird das einfachste Material verlangt. Was in zahlreichen Städten, so auch in Villingen, allerdings nicht eingehalten wurde, ist die aus dem Hang zur Einsamkeit resultierende Vorschrift, das Kloster sollte etwa eineinhalb Meilen vor der Stadt liegen.

In Villingen lag es als Gesamtanlage im südlichsten Teil der Stadt, zwischen Färberstraße und Niedere Straße, mit südlicher Begrenzung bei der Ringmauer und nördlich bei der heutigen Kapuzinergasse. Das ehemalige Kirchengebäude beherbergte mit der Hausnummer Niedere Str. 88 in den letzten Jahrzehnten, etwa von 1935 —1960, im Erdgeschoß das alten Villingern wohlbekannte Cafe Harter (davor Nosch) mit Ladengeschäft, das übrige Gebäude war bis zur Gegenwart in Wohnungen aufgeteilt. Harter folgten im Ladengeschäft das Friseurgeschäft Wambach und im Kaffeeteil die Chemische Reinigung Häusler aus Meßkirch und schließlich das Bekleidungshaus Götz nach.

1986 erwarb Helmut W. Falk aus Fürstenfeldbruck die Gesamtanlage. Helmut W. Falk ist Inhaber einer Unternehmensgruppe in München, die sich vorwiegend mit Wirtschaft- und Unternehmensberatung und mit dem Projektmanagement von großen Immobilienvorhaben befaßt. Er ist zur Zeit dabei, das vom Kapuzinerkloster übriggebliebene Kirchengebäude mit kleiner Hoffläche in ein stilvolles Wohn- und Geschäftshaus modernen Zuschnitts umzugestalten. Helmut W. Falk ist in Villingen geboren und nahe dem Münster in der Innenstadt aufgewachsen. Er ist Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen. In seiner Verbundenheit zur Heimatstadt ist es ihm zu verdanken, daß das Landesdenkmal-amt umfangreiche archäologische Untersuchungen durchführen konnte. Er hat die kostenintensive Bauverzögerung durch seine finanzielle Großzügigkeit aufgefangen. In der Unterstützung des Landesdenkmalamtes gilt eine lobenswerte Erwähnung auch dem Architekten Falks, Elmar Fuhrer, der als Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins aktiv im Arbeitskreis Stadtbilderhaltung tätig ist. In ebenfalls anerkennungswürdiger Weise hat die Bauunternehmung Bisswurm GmbH & Co KG, Villingen, vertreten durch das Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins und Inhaber der Firma, Erwin Bisswurm, zeitlichen Aufwand, Kosten und direkte Hilfe auf sich genommen.

Zurück zu den Bauvorschriften der Kapuziner:

Die Bauaufsicht war den Provinzoberen übertragen. Die beteiligten Baufachleute des Ordens hießen Fabricatores oder Fabricerii. Sie sollten als Aufseher, gelegentlich als Architekten, die Beobachtung der Bauvorschriften sowie die Einheitlichkeit und Kontinuität der Kapuzinerbauten garantieren.

Entsprechend dem Grundriß und der Ausgestaltung bildeten sich drei große Gruppen von Bauten heraus: der italienische Typ, der niederländische und der schweizerisch-österreichische-süddeutsche Typ, die alle für sich „eine Einheitlichkeit und Gleichheit bis zur Gleichförmigkeit und Eintönigkeit“ besaßen. Zum letzteren Typ gehörte auch die Villinger Anlage. Obwohl heute der Baubestand bis auf die Kirche völlig verschwunden ist, erlaubt uns wenigstens der ehemalige Kirchenraum überkommene Merkmale aufzuspüren, sie im Bild zu zeigen und mit den Darstellungen im „Donaueschinger Musterbüchlein“ zu vergleichen. Diese Handschrift befindet sich in der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek (a.a.O.). In dieser „Architectura Capuzinorum“ finden sich eine Reihe gezeichneter Beispiele für die architektonischen, gestalterischen und die Regeln der Ausstattung. Leider ist unter den 13 Grundrissen keiner von der Villinger Anlage, obwohl die zeitliche Spanne, in der die Klöster errichtet wurden, von 1655 bis 1672 reicht.

Der Verfasser der Handschrift wird nicht genannt; er ist im Grunde auch unwichtig, weil es sich ja nicht um eine freie gestalterische Arbeit handeln konnte. Dennoch gibt es Anhaltspunkte, daß die Villinger Anlage unter der Bauleitung des Fabricators Bruder Probus Heine (Haine) aus Pfullendorf (Baden-Württemberg) gestanden haben könnte, der auch als Verfasser des Musterbüchleins zu vermuten ist. Für ihn ist die Bauleitung von Laufenburg/ Aargau bezeugt. Dieses Kloster gehört, wie die Anlage von Waldshut, in die Bauzeit zwischen 1655 und 1664, in die auch die Errichtung der Villinger Anlage fällt. Ab 1635 beginnt für Probus Heine eine lange und „auffallend unruhige Wanderzeit, die bis in die frühen sechziger Jahre anhält“.

Wenn man berücksichtigt, daß von ihr Laufenburg, Waldshut, Rottenburg und Haslach im Kinzigtal berührt werden, dann liegt Villingen zumindest geographisch im Einzuggebiet. Heine ist 1677 im Kloster zu Freiburg gestorben. — Für die Villinger Anlage können wir, soweit es den Kirchenbau betrifft, vergleichende Fotografien vorlegen, die anhand der Grundrisse aus dem Donaueschinger Musterbüchlein und den Originalaufnahmen der Kapuzinerkirchen in Haslach und Offenburg die Identifikation und Rekonstruktion von Raum und Funktion erlauben. Die Maßstäblichkeit ist aus der Zeichnung ablesbar, die wir für den archäologischen Teil dieses Beitrags abgebildet haben. Der Verfasser hat zwar das Hand- und Musterbüchlein „Architectura Capuzinorum“ schon in den Händen gehalten und durchgeblättert, es konnte aber nicht entliehen werden, so daß wir die dort niedergelegten Informationen aus der im Literaturverzeichnis genannten Quelle des Franziskaners Professor K. Suso Frank aus Freiburg, „Gebaute Armut“, als eine Bearbeitung des Musterbüchleins, bei der Wiedergabe von Grundrissen und Maßen verwenden. Soweit unser Bildmaterial in der Qualität mangelhaft ist, kann es sich um die Wiedergabe von Dia-Aufnahmen handeln oder um die Verwendung von Fotokopien für den Druck.

Das Klostergebäude der Villinger Kapuziner ist nur noch durch die Grundrisse der Klöster Waldshut und Laufenburg aus der „Architectura Capuzinorum“ bzw. durch die Fotografien des restaurierten Klosters Haslach rekonstruierbar.

Im Aufgehenden ist in Villingen nichts mehr erhalten, es fanden sich lediglich ein paar dürftige archäologische Hinweise vor. Der größte Teil des ehemaligen Klosters,
einschließlich ehemals nicht überbauter Flächen, ist modern überbaut.

Bei den Freilegungsarbeiten des Jahres 1987, d. h. beim Auskernen des Innern der ehemaligen Kirche, verschwanden zunächst alle nachklösterlichen Einbauten, wie Geschäftsräume und Wohnungen. Damit wurde der Blick auf die ursprüngliche Raumaufteilung frei. Der Ostgiebel der ehemaligen Kirche steht an der Niederen Straße. Die heute sichtbaren barockisierenden Voluten sind nicht historisch. Sie stammen aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.

Der originale historische Giebel ist ohne krönenden Schmuck (Vgl. das Foto von Haslach). Die jetzigen Kirchenfenster in der Fassade sind eine Rekonstruktion des Umbaujahres 1988. An der Niederen Straße war einst auch der Zugang für die Bevölkerung ins Oratorium, und hier waren später die Zugänge in die Geschäfte. Die historische Einteilung folgt der Regelung, daß der Zugang zum Kirchenraum sich immer in der dem Chor gegenüberliegenden Kirchenwand befindet, in Villingen also im Ostgiebel. Der Raum, den man von hier betritt, hat in West-/Ostlage einen Grundriß im lichten Maß von ungefähr 180 qm, wobei zu beachten ist, daß das Kirchenrechteck dennoch nicht geostet ist, denn der Chor mit dem Hauptaltar und dem Allerheiligsten sowie die Nebenaltäre in der Kirche liegen im Westen. Mit dieser Grundfläche ist der Gemeinderaum etwas kleiner als die Soll-Maße der historischen Bauanleitung es vorsehen; danach hätte er rund 250 qm haben sollen.

Es ist eine bescheidene Saalkirche, d. h. eine Kirche ohne Unterteilung in gleich hohe Seitenschiffe und Mittelschiff, wie es bei Hallenkirchen der Fall ist. Anschauungsbeispiel für die Form ist wieder einmal der Saal der ehemaligen Franziskanerkirche, der heutige Publikumsraum des Konzerthauses. Mit diesem Vergleich wird ein allgemeines Unterscheidungsmerkmal des Langhauses der Kapuzinerkirchen zu den großen Sälen oder den Hallen der mittelalterlichen Bettelordenskirchen, aber auch den großen Barocksälen der Jesuiten und den barocken Saalkirchen anderer Bettelorden deutlich: Das höchst einfache, kleine architektonische Gebilde ist als Gemeinderaum nicht an einer Symbiose von Bettelorden und städtischer Kommune interessiert, wie es etwa beim Villinger Franziskanerkloster der Fall war, wo öffentliche Veranstaltungen, z. B. Wahlen und Versammlungen, im Kirchenraum abgehalten wurden. Als Reformbewegung gehört es für die Kapuziner bei der baulichen Gestaltung ihrer Niederlassungen zu ihrem Selbstverständnis, die franziskanische Armut in ursprünglicher Form zum Ausdruck zu bringen.

Im Innern des Gemeinderaums findet sich die übliche Einteilung in zwei Bankreihen, dem „Männerstühl“ und „Weiberstühl“ (Vgl. Foto Haslach). Die Fenster liegen in Villingen an der Nordseite. An der westlichen Stirnseite des Langhauses, seitlich links und rechts des „Schwein-bogens“, also des Chorbogens, der den Raum zum Chor als Altarraum öffnet, befindet sich vor der Wand je ein Nebenaltar (Vgl. Foto Haslach). In der Bauanleitung ist die Kanzel nicht erwähnt, aber exemplarisch durch Schreinerrechnungen nachgewiesen (Vgl. auch Foto Haslach). Eine Empore ist nicht vorgesehen. (Sie war auch im Franziskaner vor der Herrichtung zum Konzerthaus nicht vorhanden.) Durch den Chorbogen, der, vermauert, 1987 wieder freigelegt wurde, betritt man den verkürzt-rechteckigen eingezogenen Chor als eigenen Baukörper, vor dessen plattgeschlossenem Abschluß in der Mitte der Hauptaltar steht. Am Übergang vom Gemeinderaum zum Chor durch den großen Bogen, hat man sich als Trennelemente der beiden Räume ein paar Stufen oder auch nur eine und ein hölzernes Chorgitter vorzustellen, über dem ein Kreuz mit den Begleiterstatuen der Gottesmutter und des Apostels Johannes hängt. (In der Barockzeit sind die mittelalterlichen Lettner aus Stein bereits durch Chorgitter ersetzt.) In der Quadratmetergröße liegt der Chorraum der Villinger Kirche ebenfalls unter den Richtwerten der kapuzinischen Bauanleitung. Er beträgt ungefähr 45 qm. Es ist der sogenannte „äußere“ Chor. Der von außen sichtbar vom Langhaus abgesetzte, eingezogene Chor — man beobachte die Villinger Anlage von der Kapuzinergasse aus — (Vgl. Foto) ist im Innern in Wahrheit ein Doppelraum. An die gerade Altarwand des Chorraums schließt sich ein weiterer fast quadratischer Raum, mit wiederum geringern Maßen als die Idealmaße, von rund 46 qm an, den man den „inneren“ Chor nennt (Vgl. Fotos).

Andere Bezeichnungen sind Singchor, Bethaus, Priesterchor oder Mönchschor. Er ist der Klostergemeinschaft vorbehalten und stellt damit die radikalste Lösung der Raumzuweisung dar, die bis dahin in den Klöstern immer wieder variiert wurde. Es ist nicht der langgestreckte Chorraum mit hoher, gelegentlich gewölbter Decke mittelalterlicher Bettelordenkirchen, wie wir ihn seit seiner Freilegung im Franziskaner wieder bewundern können. Vielmehr unterstreicht diese intime Chorlösung den eremitorisch-kontemplativen Charakter der betenden Kapuzinergemeinschaft: Man ist beim gemeinsamen Gebet unter sich. Das Chorgebet wird nicht im festlichliturgischen Zeremoniell entfaltet und will keine in der Kirche versammelte Gemeinde ansprechen.

Was sich im Villinger Baubefund, für jedermann erkennbar, wenigstens teilweise durch Augenschein nachweisen ließ, beschreibt K. Suso Frank (a.a.O.) so: „Diese zweiräumige Choranlage führt zu einigen Eigentümlichkeiten der Kapuzinerkirchen. Auf beiden Seiten neben dem Hochaltar sind (Anm.: in der Mauer) Türen angebracht, die in den inneren Chor führen. (Anm.: Sie wurden in der nachklösterlichen Zeit als Türen im Haus Niedere Straße 88 bis zum Umbau 1987 weiterverwendet, waren also noch vorhanden; s. Fotos.) Über den Türen befinden sich je eine Öffnung, die weitere Verbindungen mit den Chorräumen herstellen. Sie werden nicht durch Fenster verschlossen, sondern durch Holzläden, die während des Gottesdienstes geöffnet werden“. Diese Schallbrücken, die als Tafelbilder gestaltet waren, sind in den Fotos von der Haslacher Anlage zu sehen. In der Villinger Kirche war oberhalb der linken und rechten Chordurchgangstüre die Mauer zu Ende und kein Zwischeneinbau mehr vorhanden als man das Gebäude 1987 auskernte. — Die Villinger Klostergemeinschaft betrat den inneren Chor durch eine Tür an der Südwand, die die Verbindung zum Klostertrakt herstellte. Das obligatorische Tabernakelfenster, ein Durchbruch auf Höhe der Altartischplatte durch die Predella des Altars und die Mauerwand, wie wir es für Haslach im Bild zeigen können, und das die Sicht- und Schallverbindung vom inneren Chor zu dem am Altar vor dem Tabernakel im äußeren Chor zelebrierenden Priester ermöglichte, konnte in Villingen nicht mehr nachgewiesen werden. Es war wohl sorgfältig vermauert worden. Sowohl der äußere als auch der innere Chor der Villinger Anlage hatten an der Nordwand, gegen die Kapuzinergasse zu, je ein großes Barockfenster, dessen Leibung sich erhalten hat und die jetzt wieder freigelegt werden konnte. Die heutigen Kirchenfenster am ehemaligen Gemeinderaum, Nordseite, sind, wie die im Ostgiebel, eine Rekonstruktion der Neubaumaßnahmen von 1988. Die beiden Chorräume und das Langhaus hatten, folgt man der Idealbeschreibung des Chorbaues, eine einheitlich durchgehende Flachdecke. Nach der Idealzeichnung der kapuzinischen Bauanleitung sind Langhaus und Doppelchor von einem durchgehenden Dach bedeckt, das sich, einschließlich Dachstuhl, in der Villinger Anlage bis heute erhalten hat. Verschwunden ist allerdings der nach der Bauanleitung sechseckige kleine Dachreiter, mit knapp einem Meter Durchmesser und einem Kreuz auf seinem Helm, der als Glockentürmchen sich über dem Chor befand. Auf dem erhalten gebliebenen Gumppschen Plan, einer Federzeichnung der Jahre 1685 — 1695, zum Zwecke der fortifikatorischen Bestandsaufnahme, aufbewahrt im Generallandesarchiv in Karlsruhe, ist der Dachreiter zu sehen (Vgl. unsere Fotografie als Reproduktion).

Zum Klosterbau: K. Suso Frank (a.a.O.) stellt in der Analyse des Donaueschinger Musterbüchleins fest, daß alle Grundrisse des Klostertrakts mit zwei Flügeln und deren Giebel an die Kirche anschließen (Vgl. hierzu die Abbildungen aus dem Musterbüchlein in der Wiedergabe). Und er meint, „bei der angenommenen Normallage — Kirche im Norden, geostet — können wir von einem Ost- und Westflügel sprechen, die im rechten Winkel zur Kirche stehen und von einem Südflügel, der parallel zur Kirche verläuft. Aus seinen Ausführungen wird deutlich, daß diese Festlegung eigentlich nach einer geosteten Kirche verlangt. Geostet ist eine Kirche immer dann—um uns zu wiederholen —wenn der Chor mit dem Allerheiligsten im Ostteil der Kirche liegt. Obwohl die Villinger Kirche im Norden des Klostergebäudes liegt und außerdem in West-Osterstreckung, ist sie in Umkehrung des Chors nach Westen nicht geostet. Obwohl sich hier also die Verhältnisse umkehren, stimmen die von Frank erwähnten Gebäudezuordnungen nach den Himmelsrichtungen in Villingen überein. Was man in Ergänzung zu Frank erwähnen muß, ist ein Verbindungstrakt zwischen westlichem und östlichem Flügel des Klosters entlang der südlichen Kirchenwand, in dem sich u.a. das Krankenzimmer befindet, wie wir noch sehen werden. Die Bauanleitungen der Kapuziner sind für das Standortverhältnis Kirche — Kloster modifizierbar und richten sich nach den topographischen Verhältnissen und dem zur Verfügung stehenden Raum, der u.a. in Villingen durch bereits bestehende Gebäude und Straßenverläufe eine zweckmäßige Anpassung verlangte. Für die Wiedergabe von Grundrissen stehen uns, wie weiter vorne erwähnt, die von Laufenburg und Waldshut zur Verfügung. Der Laufenburger Plan entspricht der Villinger Anlage, ohne damit Einzelheiten vergleichen zu wollen, was gar nicht möglich wäre, weil es ja weder einen Villinger Plan noch eine erhaltene Anlage gibt.

Da wir aber für die Laufenburger Anlage nur über die Wiedergabe des Obergeschosses verfügen, müssen wir die Aufteilung des Erdgeschosses dem Waldshuter Plan entnehmen. Wir müssen dabei berücksichtigen, daß sich die Raumanlage bei der Villinger Einordnung drehsymetrisch auf der entgegengesetzten Seite der Kirche befindet. An der durchschnittlichen Zahl der Räume, ihrer Aufteilung und Funktionalität ändert sich grundsätzlich nichts. Im übrigen läßt sich am Waldshuter Erdgeschoßplan die Aufteilung der Kirche im Vergleich mit den abgebildeten Fotografien anschaulich zeigen. Wir ersparen uns an dieser Stelle eine nähere Beschreibung der Räume und verweisen auf die erläuternden Texte bei den Abbildungen. Es geht uns nur um das Verständnis durch Anschauung.

Auf eine Besonderheit, die Klosterbau und Kirche gleichermäßen berührt, müssen wir noch zu sprechen kommen: die „Löcher zum Messehören“.

Wer die Seiten dieses Jahresheftes durchblättert und bei den Bildern verweilt, dem wird auffallen, daß in einer der Wandseiten des äußeren Chores, also dem Altarraum (in Haslach und Offenburg restauriert, s. Fotos), in etwa drei Meter Höhe schießschartenähnliche Öffnungen die Wand durchbrechen. Man hat sie auch in der Villinger Anlage in der dem Klostertrakt zugewandten Südseite beim Ausräumen des ehemaligen Kirchenraums freigelegt (s. Foto).

Die kapuzinische Bauanleitung nennt sie „Löcher zum Messehören“ und „soll Achtung gegeben werden, daß die Fensterlein ihre rechte Schräge gegen den Altar bekommen“. In dem oben erwähnten Verbindungstrakt zwischen dem West- und dem Ostflügel des Villinger Klosters, entlang der Kirchenwand, befindet sich im ersten Obergeschoß (es gibt nur zwei Benutzergeschosse in den Klöstern der Kapuziner) auf Höhe des Altarraums die Krankenstube, die allgemein in zwei kleine Stuben unterteilt ist. Von hier aus soll in schräger Sicht- und Schallverbindung zum Altar der Kranke dem liturgischen Vorgang der Messe sehend und hörend beiwohnen können. Es fällt auf, daß in allen Beispielen ein Fensterchen etwas tiefer liegt als das andere. Das tiefer liegende befindet sich nur geringfügig über dem Fußboden der Krankenstube, so daß ein Schwerkranker liegend am Gottesdienst teilnehmen konnte; beim anderen Fensterchen war es sitzend von einem Stuhl aus möglich. Im Grundrißplan der Laufenburger Anlage ist die unterteilte Krankenstube mit den Fensterscharten ein gezeichnet, wobei als Besonderheit der ebenfalls eingezeichnete Ofen den Raum als beheizbar ausweist. Weitere Heizstellen befinden sich nur noch im „Pilger-stüblein“ des Erdgeschosses und dem im Obergeschoß darüberliegenden Gastzimmer, das man sich für den auf Reisen befindlichen Provinzialoberen reserviert vorstellen muß, sowie in der Küche des Erdgeschosses mit Verbindung zum Refektorium, das gleichzeitig als Konventsstube dient, regelmäßig im Süden der Anlage liegt und als kleiner Saal der doch größte und wichtigste Raum für die Gemeinschaft im Klosterbau ist.

Die auf den Fotografien aus Haslach und Offenburg im Erdgeschoß des Altarchores zu sehenden Fensterchen gleicher Größe und Anordnung wie die der Krankenstube sind nicht zu deuten. Man hat sie in Villingen auch nicht gefunden. Man hat schon darüber spekuliert, ob es sich um Totenkämmerchenfenster handeln könnte.

 

Auf dem Ausschnitt aus dem Gumpp’schen Plan (Ende 17. Jahrh.) ist zwischen dem Niederen Tor (Mitte) und den beiden Münstertürmen — links davon — der Dachreiter der Kapuzinerkirche sichtbar.

 

Unten: Dieser Ausschnitt des Gumpp’schen Plans zeigt die Lage der Kirche ohne Klostergebäude nahe der Ringmauer im Süden der Stadt beim Niederen Tor. Die Kirche ist west-östlich ausgerichtet, mit eingezogenem Chor im Westen.

 

„Idealplan“ eines Kapuzinerklosters wie ihn die Donaueschinger Handschrift „Architectura Capuzinorum“ aus dem 17 Jahrhundert vorsieht. (verkleinert)

 

Plan aus der „Architectura Capuzinorum“, 1 : 1, Waldshut, Erdgeschoß. Beachte hier: Klosterflügel rechts der Chorseite, im Gegensatz zu Villingen, wo sie sich links davon befanden; vergl. hierzu den Plan der Laufenburger. Der Plan der Waldshuter Anlage ist u. a. so auch beim Haslacher Kloster umgesetzt (siehe Abbildung nächste Seite). Außer der unterschiedlichen Symmetrie entspricht der Grundriß der Villinger Anlage, wie er zumindest im Kirchenteil noch vollständig architektonisch nachgewiesen werden konnte. (Funktionsbeschreibung im Textinnern.)

 

 

„Plan“ der Laufenburger Klosteranlage (Aargau) aus der „Architectura Capuzinorum“ im Maßstab 1 : 1. Das Laufenburger Kloster entspricht in der abgebildeten Form dem Standort und zweifellos dem Grundriß der Villinger Anlage. (Es wurde erst in den 1980er-Jahren abgerissen). Im stets einzigen Wohnobergeschoß befinden sich die Zellen der Mönche und Brüder. Für den Standort des Klosterteils gibt es keinen erkennbaren theologischen Hinweis, wohl aber einen praktisch-sinnvollen; bei allen von uns geprüften Grundrissen vor Ort: Villingen, Waldshut, Laufenburg, Stockach, Haslach, Offenburg, Neustadt im Schwarzwald, liegt der wichtigste Gemeinschaftsraum als Einheit aus Refektorium und Konventsstube im Süden oder Westen der Anlage. Die nach außen liegenden Zellen sind nach Süden und Westen ausgerichtet. Die wärmetechnischen Vorteile sind unverkennbar. — Im ersten Obergeschoß befindet sich in der Mitte des parallel an die Kirche angebauten Klosterteils die unterteilte Krankenstube mit den auf unserem Plan eingezeichneten zwei Fensterchen zum Altarraum, den sogenannten „Löchern zum Messehören“. (Vgl. hierzu die Fotografien von Offenburg, Haslach und Villingen.)

 

 

Der Klosterbau der Haslacher Anlage nach seiner Restaurierung. Vom Chor der Kirche, nach links wegführend, der Südflügel mit Refekto-rium und Küche im Erdgeschoß und den Zellen im Obergeschoß. Im Westflügel, der nach hinten abbiegt, befanden sich im OG Zellen, im EG weitere Funktionsräume. (siehe Text) Genauso hat man sich die Villinger Anlage vorzustellen, sie lag lediglich auf der entgegengesetzten Seite der Kirche.

 

Der original historische Frontgiebel der Villinger Klosterkirche ist ohne krönenden Abschluß und dürfte so ausgesehen haben wie hier in einer Gegenwartsaufnahme der Haslacher.

 

 

Auf dem Ausschnittsbild einer Lithographie, in Konstanz gedruckt— ohne Jahreszahl, ist neben dem „Bezirks-Strafgericht“, heute Amtsgericht, im Garten die zweigeschossige Südwestecke (mit niederem — späteren? —Anbau) zu sehen. Da das Gerichtsgebäude erst nach 1847 fertiggestellt wurde, ist das Bild ein Beleg, daß, lange nach der Profanierung, zumindest um die Mitte des 19. Jahrhunderts das Klostergebäude noch stand.

 

 

Das Innere der Saalkirche in Haslach mit „Männer- und Weiberstühl“, der Kanzel und zwischen den beiden Seitenaltären die Chorbogenöffnung, dahinter der Altarraum, der sogenannte äußere Chor.

 

Und so sah der ehemalige Kirchenraum in Villingen aus, als 1987 das Innere des derzeitigen Geschäfts- und Wohnhauses „ausgekernt“ war. Im Hintergrund ist der ehemalige Chordurchgang noch durch eine später eingebrachte Natursteinvermauerung geschlossen. Unterhalb des Fußbodens treten die ersten archäologischen Spuren zutage.

 

Dreht man sich um 180°, dann sieht der Haslacher Kirchensaal mit Blick aus dem Altarraum durch den Chorbogen hindurch heute so aus. Er ist ein anschauliches Beispiel für die Gestaltung der einstigen Villinger Kirche. Außerhalb der Rückwand mit den zwei Fenstern, Kruzifix und Tür führte in Villingen die Niedere Straße vorbei.

 

 

Der analoge Blick in der früheren Villinger Kirche nach dem Herausbrechen der Vermauerung im Chorbogen. Die links und rechts in den Raum vorspringenden Mauerteile sind die Reste des Chorbogens. Durch die Lichtöffnung der Wand im Hintergrund sieht man auf die Niedere Straße.

 

 

Wiederum vom Kirchensaal aus betrachtet, liefert die Haslacher Anlage eine Vorstellung von der Villinger Kirche, die den trostlosen Zustand einer Baustelle des Jahres 1987 zeigt; siehe hierzu das nächste Bild. — Links und rechts die Seitenaltäre, dann im äußeren Chor der Altar, neben dem links und rechts eine Türe in den inneren, den Mönchschor, führt. Über den Türen Schallöffnungen für den Gottesdienst, die als Bildtafeln gestaltet sind.

 

 

Vor dem Chorbogenfragment, vorne rechts, befand sich auch in Villingen der rechte Seitenaltar. Im Mittelpunkt, als Abschluß des Altarchors, die Trennwand zum inneren Chor der Klostergemeinschaft mit den beiden Türen links und rechts. — Im Vergleich der Bilder wird deutlich, daß die rechte Türöffnung der Villinger Anlage nach der Profanierung baulich mehr nach dem Wandinneren gerückt worden sein muß. Ein Altar, wie im Haslacher Beispiel, hätte so nicht Platz gehabt.

 

 

Altar der Haslacher Kirche. Links und rechts die Durchgänge zum „inneren“ Chor, dem Mönchschor. Darüber, als Bildtafeln gestaltet, Schallöffnungen.

 

 

Ein nach der „Architectura Capuzinorum“ allgemeinverbindliches Architekturmerkmal zeigt die restaurierte Haslacher Kirche: Auf Höhe des Altartisches befindet sich in der Mitte der Predella eine kleine, holzvergitterte rechteckige Öffnung. Sie führt durch die Mauerwand hinter dem Altar durch und erlaubte es so, der dahinter im inneren Chor befindlichen Klostergemeinschaft mit dem am Altar zelebrierenden Priester optisch und akustisch zu kommunizieren. — Bei der Villinger Anlage war die Öffnung nicht mehr nachweisbar, weil sie sorgfältig vermauert worden sein mußte.

 

Blick über den Altartisch durch das Wandfenster nach hinten in den Mönchschor.

 

Der „innere“Chor: Andachtsraum der Klostergemeinschaft (hier Haslach). Durch die Tür links betraten Patres und Fratres den Raum hinter dem Altar. Die beiden Türen links und rechts, mit den Schallöffnungen darüber, führen in den „äußeren“ Chor, den Altarraum. Durch das Fensterchen in der Altarwand sahen die Klosterinsassen auf den am Altar befindlichen Priester und hörten ihn.

 

 

 

Die Mittelwand mit dem obligatorischen Fensterchen im Zentrum warnach den Vorschriften der „Architectura Capuzinorum“ als innere Chorwand im Stile eines Altars gestaltet.

 

Bei der Villinger Anlage kamen die Mönche und Brüder durch die Tür der im Bild rechts befindlichen Wandseite zur Andacht in den inneren Chor, weil, wie erwähnt, die Klostergebäude im Gegensatz zu Haslach, aber auch Offenburg, auf der entgegengesetzten Kirchenseite lagen

 

 

Oberhalb der rechten Türöffnung der den Raum teilenden Mauer, ist im ersten OG eine lichthelle Türöffnung zu sehen, die später eingebaut wurde. Dicht daneben links ein länglicher heller Fleck: eines der sogenannten „Löcher zum Messehören“, damit die Schwerkranken in der Krankenstube an der Messe teilnehmen konnten.

 

 

 

Die „Löcher zum Messehören“ im Obergeschoß des äußeren Chores der Offenburger Kapuzinerkirche. —Wie die Perspektive zeigt, besteht unmittelbare Sichtverbindung Altar — Fensterchen. Üblich sind nur zwei solcher Scharten. Davon befindet sich die eine —für den schwerkrank Liegenden — etwas tiefer als die andere. Das Lichtfenster darunter ist ebenso wie die zwei weiteren, vermauerten Öffnungen im Erdgeschoß nicht zu deuten. Im unteren Bild — dem Chor in Haslach — ist die Ausrichtung der Blickverbindung mit dem Altar durch die Schräganordnung der inneren Fensterleibung unverkennbar; der Kerzenleuchter steht genau auf der Altarecke.

 

 

Der Raum hinter den Fensterchen war ohne Zweifel zur Teilnahme am Gottesdienst bestimmt, aber wir kennen seine Funktion nicht. Gleichartige Öffnungen hat man in Villingen nicht gefunden.

 

 

Wo sich in Haslach im Obergeschoß, in der ehemaligen Krankenstube des Klosters, Alltagsnarren in einem Fastnachtsmuseum tummeln, erlaubt noch heute das Fensterchen den Blick auf den Kirchenaltar mit den Kerzen darauf.

 

… und so fand man bei den Umbauarbeiten 1987 in Villingen das eine von zwei „Löchern zum Messehören“, und zwar auf der original erhaltenen Geschoßhöhe der ehemaligen Krankenstube wieder.

 

 

 

Parallel südlich zum eingezogenen Chor der ehemaligen Villinger Kirche verblieb als letzter Rest des Klostergebäudes der im unteren Bildteil dunkler erscheinende Gebäudeteil des Erdgeschosses; darüber, rechts neben der später eingebauten Türöffnung das eine „Loch zum Messehören“. Das zweite daneben ist durch den als Anker angebrachten Balken nicht zu erkennen. Darüber die Pfostenlöcher in der Mauer von der Decke des Krankenzimmergeschosses.

 

 

Zellengang im Obergeschoß des Klosters Haslach und eine rekonstruierte Mönchszelle mit rund fünf qm Grundfläche.

 

 

 

Wo sich ein Stück lebender Gegenwart der Villinger Kapuziner erhalten hat: Dem „Villinger Volksblatt“ vom 2. 10. 1897 verdanken wir folgenden Hinweis: „1846 wurde der Tabernakel, welcher in der Kirche der Kapuziner in Villingen gestanden, bei der Einrichtung dieser Kirche zu einem Bräuhaus (Gesellschaftsbrauerei) zu den Klosterfrauen verbracht und daselbst aufbewahrt, auf bittliches Ansuchen des Kaplans J. N. Oberle der Kirche zu Rietheim geschenkt, wie auch das Schnitzwerk auf beiden Seiten . . .“

 

Die archäologische Situation 3)

Aus den Erfahrungen der Grabung im ehemaligen Franziskanergarten im Jahre 1986 aufmerksam geworden (Vgl. Jahresheft XII des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, 1987 / 88, Seite 21 ff.), hat das Landesdenkmal-amt Baden /Württemberg, Außenstelle Freiburg, bei Beginn der Umbauarbeiten im restlichen Kapuziner-bereich den Spaten ansetzen lassen. Die inzwischen und bisher vom Ausgräber, einem Studenten aus Freiburg, vorgelegten Befunde sind dem Umfang nach gering und als vorläufig zu betrachten. Dafür sind sie für die Siedlungsgeschichte aufschlußreich. Das Ergebnis stellt sich im wesentlichen wie folgt dar: (Man vergleiche hierzu den Gesämtplan des Erdgeschosses.)

Nach Abheben der Bodendecke des Erdgeschosses kamen Fundamentmauern zum Vorschein. Sie gehörten in geringem Umfang zu Umbauten nach 1820, also nach der Profanisierung in die Zeit der gewerblichen Nutzung der Anlage. Der Bestand ist vor allem mittelalterlich und nachmittelalterlich (17. Jahrh.). Man vergleiche zum Verständnis die punktierten Flächen der Zeichnung. Da ist zunächst die — leider in der Verkleinerung ungünstige — Punktur für die Zahl 2, die sich auf den Grundriß parallel und rechtwinklig verteilt. Sie wird für einen Mauerteil verwendet, der zu einem „ca. 17 m langen und mindestens 10,5 m breiten Gebäude“ gehört. Es wird angenommen, daß es die Siechenschaffnei gewesen sei, die beim Kloster- und Kirchenbau abgerissen wurde. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges war diese zweite Einrichtung der Wohlfahrtspflege in der Stadt, neben der des Heilig-Geist-Spitals, von ihrem ursprünglichen Standort südöstlich der Stadt, gleich über der Brigach, etwa auf halbem Weg zum Friedhof, auf dem Gelände des heutigen Foyers der französischen Garnison an der Gerwigstraße, auf den späteren Platz des Kapuziner-klosters innerhalb der Mauern verlegt worden. (Siechheit ist eine pauschale Bezeichnung für die zahlreichen Volkskrankheiten der frühen Zeit.) Als die Stiftung nach dem Spanischen Erbfolgekrieg aus der Stadt heraus wieder an den alten Platz verlegt wurde, führte das Haus — das man allgemein auch unter der Bezeichnung „Leprosorium“ kennt — die in Süddeutschland übliche Bezeichnung „Gutleuthaus“, unter der es bis zur Zerstörung bei einem Bombenangriff 1945, der den Bahnhofsanlagen galt, bekannt war. Mit dem Erlöschen der Generationen, die sich noch daran erinnern können, wird der Ausdruck verklingen.

Um Befunde für Leser als Laien verständlicher zu machen, verzichten wir auf die Wiedergabe von Feinheiten, etwa der Überschneidung oder Überlagerung von Schichten, Fundamenten, Mauern oder Hausgruben; sie interessieren für die Interpretation nur den Fachmann.

 

 

Fundamentteile eines weiteren Hauses (Vgl. Zeichnung, Nr. 3) weisen dieses als einen Bau mit 8,5 x 5,5 m für den Grundriß aus. In seinem Innern konnte eine Brandschicht untersucht werden, in der sich Keramikscherben aus der Mitte des 13. Jahrhunderts befanden. Sie sind ein Indiz für den Zeitraum seiner Brandzerstörung. In der immerhin 25 cm mächtigen Brandschicht, was für einen erheblichen Holzanteil an diesem „Steinhaus“ spricht, fanden sich auch verkohlte Balken, nachdem die brennbare Substanz einst nach innen eingestürzt war. In den vier georteten Hausgruben lagerte Keramikmaterial, das zeitgleich mit dem aus dem abgebrannten Haus ist. In der nordwestlichen Grube wurden Hölzer geborgen, die anscheinend für eine dendrochronologische Untersuchung geeignet sind. Mit den Methoden der (jüngeren) Dendroarchäologie könnte über die Analyse der Dendrochronologie hinaus u. U. eine sehr enge Zeitstellung erarbeitet werden. Es ist zu hoffen, daß die verkohlten Balkenreste parallele signifikante Kurvenverläufe ergeben. Man dürfte dann gespannt sein, ob sich aus dem Fällungsjahr der Hölzer mit Waldkante die Nähe zum großen Stadtbrand von 1271 ergibt. Andererseits können die Hölzer selbstverständlich lange davor gefällt und verarbeitet worden sein.

Schon bei der Grabung 1986 im ehemaligen Franziskanergarten wurden, wie jetzt beim Kapuziner, für die Keramik vom Ausgräber bisher nur stilkritische Merkmale vorgelegt, um sie zu datieren. Für die Stadtgeschichtsforschung ist es wünschenswert, daß als weitere Methode der Chronologie das Verfahren der Thermoluminiszenz berücksichtigt wird, erlaubt dieses doch sowohl eine relative als auch absolute Aussage zur Datierung. Wir bitten an dieser Stelle das Landesdenkmalamt um Veranlassung. — Weiteres Keramikmaterial aus einer Schicht im ehemaligen Chor der Kirche (Vgl. Zeichnung, Nr. 5) „spricht“, so der Ausgräber, „für eine Datierung vor die Mitte des 13. Jahrhunderts“.

Das teilweise sichtbare Natursteinmauerwerk der Wand ist nachklösterlicher Einbau, mit dem die Chorbogenöffnung verschlossen wurde. Unmittelbar vor der Wand, am Ende des Stegs auf der Mittelachse, wo der Mann steht, sind die Überreste eines menschlichen Skeletts zu sehen. Im Boden erscheinen bereits verschiedene archäologische Befunde: mittelalterliche Mauerzüge, eine Hausgrube (siehe nächstes Bild) u. a.; vgl. auch Zeichnung des Gesamtplans, Nr. 1.

 

 

 

Hausgruben sind Fundgruben. Im Bild handelt es sich um die in den anstehenden Flußkies eingetiefte mittelalterliche Grube in der Nordwestecke der Zeichnung des Gesamtplans. Sie besteht aus einem Holzgeflecht, wie wir es von herkömmlichen Körben kennen. In dieser noch bescheidenen Form früher Abfallbeseitigung finden sich für den Archäologen aussagefähige Fundstücke, z. B. Scherben oder datierbares Holz und vieles andere, nicht zuletzt aufgrund der guten Erhaltungsbedingungen des Milieus.

 

In der Zeichnung des Ausgräbers befindet sich ein Oval, dessen östlicher Rand begradigt ist. In seiner Mitte steht die Zahl 4. Der punktierte Mauerzug wird in der Legende in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts eingeordnet. Von ihm südwestlich zur Ecke des Kirchenraums hin ausgreifend, „haben sich Reste eines Begehungshorizontes erhalten, in dem sich Keramik aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts fand“. Während wir uns einer Interpretation der Funktion des 4,5 m langen und 3,5 m breiten Ovals (s. Foto) enthalten — immerhin wurde dicht daneben auf dem Begehungshorizont eine kleine Sandsteinkugel, gedeutet als Schleuderkugel, gefunden, müssen wir die Keramik in einen siedlungsgeschichtlichen Zusammenhang mit dem Marktort Villingen, der Vorstufe der späteren Stadt, westlich der Brigach, abgesetzt von der Ursiedlung, dem Dorf Villingen, bringen. Gewiß ist der Befund zu spärlich, um sich der etwas kühnen Formulierung des Ausgräbers anschließen zu können, wenn er (a.a.O.) sagt, „daß der Bereich der angeblichen südlichen Stadterweiterung Villingens, die man bisher in die staufische Zeit datierte, schon seit der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts besiedelt war“. Man muß, zumindest was die bauliche Geschlossenheit des entstehenden Marktortes betrifft, Zweifel haben. Immerhin sind punktuell Siedlungshorizonte nachgewiesen, die, sollten sie sich durch weitere Methoden der Chronologie erhärten lassen, ein sich entwickelndes Gemeinwesen außerhalb des Dorfes belegen. So gesehen wird das Ergebnis zu einer wissenschaftlichen Rechtfertigung der von uns über andere Methoden der Geschichtsforschung vertretenen Auffassung, daß man „in der Zeitspanne zwischen dem Tode Bertholds I. (1078), über Berthold II. (gest. 1111) und Berthold III (gest. 1122) und dem zunächst zeitgleich als exponierte politische Kraft handelnden Herzog Konrad von Zähringen den in der Zeit verlaufenden Vorgang (Prozeß) der Ausgliederung des Marktortes Villingen aus dem Dorf Villingen 4) zu suchen hat.

Gleichzeitig wird bewiesen, daß Berent Schwineköper (Vgl. Fußnote 4, Seite 30) seine Behauptung, (die Stadt) Villingen sei „mit großer Wahrscheinlichkeit“ eine Gründung des letzten Zähringerherzogs Berthold V. (gest. 1218), nicht mehr aufrecht erhalten kann.

Ergänzend dazu sei angemerkt:

Ende Oktober 1988 teilte der Eigentümer der Grundstücke Gerberstraße Nr. 53 und 55, Karl Bantle, dem Verfasser dieses Beitrags folgendes mit: Nachdem 1988 die teilweise moderne Überbauung abgerissen worden war, ließ das Landesdenkmalamt graben. Unterhalb der Basisfläche zu ebener Erde seien datierbare Hölzer zum Vorschein gekommen, die sich noch im funktionalen Verbund einer Auflagekonstruktion befunden hätten. Das Ergebnis der dendrochronologischen Untersuchung läge inzwischen vor und hätte als Fällungsjahr das Jahr 1150 ergeben. Dieses erstaunliche Datum sei bisher für andere Häuser im Zuständigkeitsbereich des Landesdenkmalamtes noch nie ermittelt worden. Bleibt die Feststellung, daß die Entstehungsgeschichte des Marktortes Villingen westlich der Brigach nicht umgeschrieben werden muß. Der zweite Beleg für eine Siedlung — auch im südlichen und bisher hypothetisch siedlungsgeschichtlich später angesetzten mittelalterlichen Stadtteil — wäre damit vorgelegt und macht das bei Heinrich Hug im späten Mittelalter genannte Gründungsdatum von 1120 immer realistischer, obwohl es dafür keine schriftliche Urkunde gibt und der Vorgang der Gründung ein in der Zeit verlaufender Vorgang ist, der nicht mit einer einzigen Jahreszahl abgetan ist.

Ein letzter Aspekt der archäologischen Grabungsergebnisse sei nur kurz gestreift, um dafür anschaulicher im Bild vorgestellt zu werden:

Mit Kopflage unmittelbar vor der Senkrechten des Scheitelpunkts des Chorbogens, der Körper in West-/ Ostrichtung auf der Mittelachse des Gemeinderaums, ursprünglich flankiert von den Seitenaltären links und rechts, fand sich ein Skelett als einzige Bestattung in der Kirche insgesamt (Vgl. Zeichnung, Nr. 1). Der in Richtung Altar weisende Kopf des Toten war vermutlich bei der Vermauerung der Choröffnung nach der Profanisierung der Klosteranlage im 19. Jahrhundert bei der Einbringung des notwendigen Fundaments abhanden gekommen. Durch eine spätere Störung verschwanden auch die unteren Extremitäten. Die Bestattung erfolgte in kapuzinisch einfacher Manier, ohne Schmuck und Beigaben für den Toten; anstelle eines Sarkophags gab es lediglich ein Totenbrett, das sich im Boden deutlich abzeichnete und teilweise sogar mit seiner Stubstanz erhalten war. Es ist kaum zu bezweifeln, daß es sich bei der Bestattung, wie bereits am Anfang dieses Beitrags erwähnt, um die Gebeine des Fürstenbergers Franz Karl handelte. Auch in Haslach liegen noch heute die Gebeine von drei Fürstenberger der Haslacher Linie auf der Mittelachse des Gemeinderaums, allerdings etwas weiter vom Chorbogen abgerückt. Auch sie waren die Stifter und großen Förderer der Kapuziner. — Am 13. August 1698 teilten die „fürstlich Fürstenbergische, der landtgraffschafft Bahr Wartenbergischen theils räth“ von Donaueschingen aus dem Bürgermeister und Rat von Villingen mit, daß der verstorbene „Franz Carl graff zu Fürstenberg“ am 21. August nach Villingen überführt werde, um seinem Wunsch entsprechend bei den „herrn vättern Capucinern“ beigesetzt zu werden. 5)

 

Unmittelbar vor dem hier vermauerten Chorbogen war in der Mitte des Kirchensaals eine Bestattung eingebracht worden, von der sich nur noch Teile des Skeletts aus dem Rumpf des Verstorbenen erhalten hatten. Kopf, Halswirbel, Schulterblatt und die Oberarmknochen wurden wahrscheinlich bei der Vermauerung der Chorbogenöffnung, als man einen Fundamentgraben aushob, zerstört oder sonst entfernt. Auf die erwartete Grablege stieß man erst, als man einen archäologischen Schnitt eintiefte. Dabei wurden die Knochen der linken Körperhälfte aus dem Verbund gerissen; sie fehlen deshalb auf dem Bild. Ebenso waren die unteren Extremitäten durch einen zeitlich vor der Grabung liegenden Eingriff zerstört worden. Das Bild bietet also nur noch einen Torso: Unterhalb des Metermaßes in Längserstreckung die Skelettreste, wie sie im nächsten Bild im einzelenen beschrieben sind. Unterhalb des linken Endes des Metermaßes einige vom Ausgräber niedergelegte Rippenknochen. Die Skelettaufnahme erfolgte am 7. Oktober 1987.

 

Das Wissen um die Bestattung, die Fundumstände und Analogien erlauben den zwingenden Schluß, daß es sich bei dem Bestatteten um den Stifter und großen Förderer der Kapuziner in Villingen handelt: Franz Carl Graf zu Fürstenberg, der am 21. August 1698 zu den Kapuzinern überführt worden war.

 

Der Bildbetrachter stelle sich vor, er stehe zu Füßen des Bestatteten. Die dunkle Färbung des Untergrunds ist das halbvermoderte Totenbett, auf dem der Landgraf in einfacher kapuzinischer Manier beigesetzt worden war. Der Tote hatte die Hände über dem Unterleib gefaltet; deshalb liegen in der Mitte bildaufwärts einige Finger-, Mittelhand- und Handwurzelknochen. Zu sehen sind ferner das rechte Darmbein des Beckens, Elle und Speiche des rechten Unterarms und, nach oben führend, Lenden- und Brustwirbel. Die Bestattung war ohne Schmuck oder sonstigen Beigaben. (Die restlichen Gebeine sollen künftig in einer Gruft der Fürsten-berger beigesetzt werden.

Fußnoten:

1) Der einführende Text über die Kapuziner im allgemeinen und das Kapuzinerkloster zu Villingen im besonderen war der bei einem Lichtbildervortrag im Geschichts- und Heimatverein vom Verfasser verwendete Wortlaut. Dabei wurden zahlreiche Passagen wörtlich oder modifiziert aus den Texten von Leonhard Holtz und Christian Roder — s. Literaturverzeichnis — entnommen. Da sie bei einem Vortrag, der insbesondere auf das Bildmaterial ausgerichtet ist, keiner Zitierung bedürfen, hätte beim Druck das Manuskript umfassend bearbeitet werden müssen. Auf eine solche aufwendige Arbeit mußte verzichtet werden. Statt dessen wird mit diesem Hinweis darauf verwiesen, woher der Verfasser seine Informationen hat, die in den genannten Quellen noch umfassender nachgelesen werden können.

2) Vgl. hierzu vor allem K. Suso Frank, a.a.O.

3) Soweit es sich nicht um eigene, insbesondere Bilddokumentation, handelt, wurden die wiedergegebenen Informationen entnommen bei: Bertram Jenisch, Die Ausgrabung im ehemaligen Kapuzinerkloster in Villingen, Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis, in: Archäologische Ausgrabungen in Baden /Württemberg, 1987; Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, Seite 258 ff. Wir danken dem Konrad Theiss Verlag für die freundliche Druckgenehmigung der Zeichnung.

4) Werner Huger, Die Gründungsidee der Stadt Villingen, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XI, 1986/87, Seite 32.

5) Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Bd. II, bearbeitet von Hans-Josef Wollasch, Ringverlag Villingen.

Literatur- und Quellenangaben:

Leonhard Holtz, Geschichte des christlichen Ordenslebens, Benziger Verlag, Zürich, Einsiedeln, Köln, 1986

Christian Roder, Die Kapuziner zu Villingen, Freiburger Diözesan-Archiv, Zeitschrift des Kirchgeschichtlichen Vereins für Geschichte, christliche Kunst, Alterstums- und Literaturkunde des Erzbistums Freiburg, 4. Band, Herdersche Verlagshandlung, Freiburg im Breisgau, 1903

K. Suso Frank, Gebaute Armut, Zur südwestdeutsch-weizerischen Kapuzinerarchitektur des 17. Jahrhundert, in: Franziskanische Studien, Vierteljahresschrift, Dietrich-Goelde-Verlag Werl/Westfalen, 58, 1976

Ohne Verfasser, Architectura Capuzinorum, Handschrift, 879, Fürstlich-Fürstenbergische Hofbibliothek Donaueschingen

Manfred Hildenbrand, Das Kapuzinerkloster in Haslach im Kinzigtal, ohne Impressum

Das alte Kapuzinerkloster in Offenburg, Festschrift zur Sanierung in den Jahren 1982 —1984, Herausgeber: Stadt Offenburg, Kultur- und Verkehrsamt, Juni 1984

Pfarrer Hansjakob, Der Kapuziner kommt, Herdersche Verlagshandlung, Freiburg im Breisgau, 1902

 

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