Sühnekreuz im Tannhörnle (Werner Huger)

Geschichts- und Heimatverein Villingen setzte steinernes Zeichen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am 16. März 1988 setzten Vertreter des Vorstandes des Geschichts- und Heimatvereins in dessen Namen im Tannhörnle wenige Meter südlich des Sandwegles und unweit der ehemaligen Pfaffenweiler Gemarkungsgrenze unter einer Eiche ein sogenanntes Sühnekreuz aus Bundsandstein zum Gedenken an den vor 45 Jahren, im März 1943, an diesem Baum gehängten polnischen Zwangsarbeiter Marian Lewicki. In Begleitung ihres Schulleiters, dem Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Rolf Seitler, war eine Klasse der Golden-Bühl-Schule, Villingen, als Teilnehmer dabei. Die Schülerinnen und Schüler hatten von ihrem Lehrer über die Lage der Zwangsarbeiter im Dritten Reich erfahren und wollten es sich nicht nehmen lassen, an Ort und Stelle ein Friedenslied zu singen. Die Weihe des Kreuzes vollzogen als Priester Dekan und Münsterpfarrer Kurt Müller und ein Landsmann des Hingerichteten, Pater Roman.

Die Idee, an dieser Stelle ein Kreuz zu errichten, entsprang zunächst nicht dem spontanen Bedürfnis, durch dieses Symbol ein Zeichen der Betroffenheit zu setzen. Die Ausgangslage war fast banal. Das Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins, Forstdirektor Wolf Hockenjos, hatte in einer Zeitschrift über markante Eichen geschrieben und sie im Bild veröffentlicht. Darunter befand sich auch sein Lieblingsbaum, wie er schrieb, die Eiche auf der Höhe beim Magdalenen-bergle, dem hallstattzeitlichen Fürstengrabhügel. Hockenjos bemerkte, daß seine Freude über den herrlichen Baum getrübt werde, weil hier, wie er erfahren habe, im Zweiten Weltkrieg ein polnischer Zwangsarbeiter gehängt worden sei. Der Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins, hier als Berichterstatter, konnte sich jedoch daran erinnern, daß in seiner frühen Jugend der besagte Pole an einer ganz anderen Eiche im Tannhörnle zu Tode gekommen sein soll, ohne daß Näheres in der Öffentlichkeit bekannt geworden sei. Aus der Meinungsverschiedenheit wurde eine umfangreiche Recherche. Sie erbrachte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Gewissheit, daß der junge Pole, Marian Lewicki, am Ast der Eiche gehängt wurde, unter der heute das steinerne Kreuz steht.

Daneben sind zwei weitere Erkenntnisse bemerkenswert. Es war zu erfahren, daß die Magdalenenbergeiche der Ideologie des Dritten Reiches dienstbar gemacht worden war. Einer zuverlässigen Quelle verdanken wir den Hinweis, die Tochter des ehemaligen SA-Sturmführers habe sich unter den grünenden Ästen des damit zur „deutschen Eiche“ werdenden Baumes trauen lassen. Dazu sei eigens ein repräsentabler Tisch auf das Magdalenenbergle geschafft worden, hinter dem die hübsche, hehre Blondine im azurblauen Kleid, zusammen mit ihrem Bräutigam, nicht weniger symbolhaft Platz genommen hatte. An Ort und Stelle habe dann der Standesbeamte die Trauung vollzogen, wobei es zur Praxis einer zum Staatsakt hochstilisierten Eheschließung gehörte, den Jungvermählten ein Exemplar von Hitlers „Mein Kampf“ feierlich zu überreichen.

Am Tag der Errichtung und Weihe des Sühnekreuzes richtete der Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins das Wort in erster Linie an die anwesenden Jugendlichen einer Klasse der Golden-Bühl-Hauptschule Villingen.

 

 

Als ihren Beitrag zur Gedenkfeier sangen die Schülerinnen und Schüler ein Friedenslied.

 

 

Pater Romann, rechts, ein Landsmann des Hingerichteten, und Münsterpfarrer Dekan Kurt Müller weihten das Kreuz.

 

Die zweite Erkenntnis ist die über den Wert von Aussagen von sogenannten Zeitzeugen, die von der Geschichtswissenschaft als Hilfsmittel der Forschung zugelassen sind. Es wurden etwa 30 Personen befragt, die angaben, entweder mittelbar oder unmittelbar über den Standort oder die Hinrichtung selbst Bescheid zu wissen. Die Aussagen lagen sich inhaltlich gelegentlich diametral gegenüber. Als ein Extrem sei angeführt, daß jemand sogar den Hinrichtungskonvoi bis fast zur Magdalenenbergeiche begleitet haben wollte. Ein Augenzeuge konnte nur noch das Umfeld bei der heutigen Eiche bestimmen. Bei ihm wurde deutlich, daß die Betrachtung des Geländes aus einer anderen Perspektive das Erinnerungsvermögen beeinflußt hatte. Es verblieb ein einziger Augenzeuge, der unbeirrt auf die heute abgebildete Eiche verwies. Seine Aussage wurde von uns nicht einfach nur geglaubt, sondern wurde zum Mosaiksteinchen, durch welches das nunmehrige Bild klar sichtbar wurde, wenngleich noch einige bildgestaltende Steinchen fehlen, die aber für die Schlüssigkeit nicht mehr entscheidend sind. Der relative Wert scheinbar sicherer Aussagen von Zeitzeugen ergibt sich aus dem eingeschränkten Erinnerungsvermögen der Menschen. Erlebnisse und Eindrücke werden in der Erinnerung nur partiell gespeichert und durch die subjektiven Vergangenheitserlebnisse in der Qualität beeinflußt. So entsteht gelegentlich nur ein Näherungsbild als Folge des Vergessens.

Als wir sicher sein konnten, den tatsächlichen Hinrichtungsort gefunden zu haben, war es unter dem Eindruck des wiederauflebenden Ereignisses die Idee von Wolf Hockenjos, als er zu dem Berichterstatter sagte: „Wie wäre es, wenn wir beide, Sie und ich, ein Sühnekreuz setzen würden?“ Daraus wurde eine Initiative, hinter die sich spontan der Vorstand des Geschichts- und Heimatvereins stellte. Mit Hilfe einer großzügigen Spende konnte das Vorhaben in die Tat umgesetzt werden. Am Tag der Weihe trafen sich die eingangs angeführten Personen, zusammen mit Wolf Hockenjos und weiteren Gästen, bei winterlich-stürmischem Wetter, wie es vor 45 Jahren geherrscht haben mag, im nassen Schnee. Im Gedenken richtete der Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins das Wort in erster Linie an die anwesenden Jugendlichen. Dabei führte er ausschnittsweise aus:

„Im zweiten Weltkrieg, der im deutschen Namen durch die Großmachtspläne Adolf Hitlers ausgelöst wurde, kamen nach der Niederlage Polens 1939 Kriegsgefangene nach Deutschland, die man später als Zwangsarbeiter für die an der Kriegsfront stehenden deutschen Männer in den Betrieben beschäftigte. Das gleiche Schicksal erlebten später auch die Franzosen, Russen, Jugoslawen und viele andere. Im Sendungsbewußtsein Adolf Hitlers war die politische Grundvorstellung, die Weltanschauung des Nationalsozialismus, das tragende Element für alle Entscheidungen im Staat und auch für die Einschätzung der Menschen anderer Völker. Die Deutschen galten als Herrenrasse, andere waren minderwertig, vor allem, wenn es sich um mögliche Gegner handelte oder Rassen östlicher Völker. Der Ausstausch menschlicher, freundschaftlicher Beziehungen zwischen uns Deutschen und Menschen anderer Nationen, insbesondere bei feindlichen, im Krieg mit Deutschland stehenden, vor allem die des Ostens, die als Gefangene oder Zwangsarbeiter bei uns waren, war mit schwerer Haft für den deutschen und mit dem Tod für den fremdländischen Menschen bedroht.

Marian Lewicki, der junge Pole, lebte 1942 in Villingen und wohnte in der Oberen Straße, nördlich des Hauses Optiker-Singer, im Hause Schuhmacher-Hirth, in dem sich im Vorderhaus an der Oberen Straße die Firma Hut-Schweiner befand. Das Haus ist inzwischen abgerissen und einem Neubau gewichen, heute Apotheke. Lewicki war einer der Zwangsarbeiter. Er arbeitete bei der Firma Görlacher. Er war ein sogenannter Freigänger, d. h., er durfte sich ohne Bewachung in der Stadt bewegen. Im Hause Hut-Schweiner arbeitete ein hübsches blondes deutsches Mädchen, eine Villingerin. Es war 18 Jahre alt. Die beiden mußten sich zwangsläufig begegnen. Marian Lewicki sei ein hübscher Mann gewesen, und so blieb es nicht aus, daß sich allmählich Beziehungen anbahnten, wie sie für die Herzen junger Menschen sehr natürlich sind. Für das Mädchen wurde daraus die erste Liebe. Beide fühlten, daß sie zusammengehörten, und sie beschlossen, sich offiziell zu verloben. Keiner von beiden ahnte, wie gefährlich aus politischer Sicht ihre Beziehungen waren, zumal die Mutter des Polen sogar eine Deutsche war. Niemand nahm von dem Verhältnis zunächst Kenntnis. Doch eines Tages war es soweit: Auch hier gab es einen Denunzianten, d. h. einen Menschen, der aus niedrigen Beweggründen einen anderen ans Messer liefert. Das Verhältnis der beiden wurde den nationalsozialistischen Machthabern angezeigt, und damit waren die beiden ausgeliefert. Am 9. September 1942 wurden sie beide verhaftet. Das Mädchen gelangte über mehrere Haftstationen schließlich ins Konzentrationslager Auschwitz, wurde dort kahl geschoren und ging als Häftling einer unbestimmten Zukunft entgegen. Marian Lewicki kam zuerst ins Donaueschinger und dann ins Villinger Gefängnis. Beide haben sich niemehr gesehen. Nachdem Marian Lewicki von einem nach Villingen geholten Kriegsrichter zum Tode verurteilt worden war, wurde er an einem winterlichen Tag im März 1943, also vor genau 45 Jahren, hier herausgeführt — es lag Schnee wie heute — und am Ast dieser Eiche aufgehängt. Niemand weiß, wohin sein Leichnam kam. —Das Hängen am dürren Ast eines Baumes gehört seit vielen Jahrhunderten zu den ehrlosesten Todesarten, mit denen ein Mensch hingerichtet wurde.—Alle Polen und sonstigen Zwangsarbeiter, die in Villingen und Umgebung arbeiteten, mußten an der Hinrichtung teilnehmen, also zusehen, wie ein junger Mensch sterben mußte, weil ihn die Liebe mit einem anderen verband. Das Mädchen selbst blieb bis 1943 im Konzentrationslager und wurde aufgrund von Fürbitten unbescholtener Staatsbürger aus Anlaß von Hitlers Geburtstag begnadigt. Sie kam zurück als Gezeichnete. Man hat sie damals auf der Straße wegen ihrer sogenannten Rassenschande beschimpft, bespuckt und mit Steinen beworfen. Ihr blieb nur eine große Traurigkeit und Verzweiflung. Die Frau lebt heute in Villingen und hat mir von ihrem Schicksal erzählt.

Heute wollen wir Erwachsene mit euch dem Hinrichtungstod Marian Lewickis gedenken, indem wir gemeinsam dieses Sühnekreuz einweihen. Sühnekreuze haben eine bereits mittelalterliche Tradition. Sie wurden an dem Ort errichtet, wo ein Mord geschah, um mit diesem Symbol ein Zeichen für die Wiedergutmachung der begangenen Sünde zu setzen. Wir sind nicht die Mörder, und wir sind nicht jene Sünder, aber wir stehen mit diesem Kreuz für den deutschen Namen ein, der zu dieser Untat mißbraucht wurde. Wir wollen hier, wo wir uns zusammengefunden haben, absichtlich schweigen. Es ist nicht der Ort, um mahnende Worte und politische Absichtserklärungen auszusprechen. Wir Menschen sind in unserer Unvollkommenheit stets den Anfechtungen dieser Welt ausgesetzt, und so weiß keiner von uns, wenn er heute große, beschwörende Worte ausspräche, wie er sich selbst in Augenblicken äußerer Bedrängnisse, Zwänge und persönlicher Gefahren verhalten würde. Wir können es uns nur vornehmen, gut und recht zu handeln. Die Gnade, es unter Anfechtungen auch tun zu können, kommt nicht aus dieser Welt.

Die Kirche übermittelt die christliche Botschaft von der Erlösung des Menschen. Es ist glaubende Hoffnung, mit der vor 45 Jahren Marian Lewicki aus einem Volk, das für seine katholische Religiosität bekannt ist, in den Tod gegangen sein mag.

Möge der Priester als Mittler zwischen Mensch und Gott durch die Weihe dieses Kreuzes ein Zeichen setzen, das Unverstand und Untat aus schlimmer Zeit mit dem Bewußtsein und der Irritation nachgewachsener Generationen versöhnt.

Ich bitte Sie, Herr Pater, der Sie ein Pole sind, und Sie, Herr Münsterpfarrer, der Sie ein Deutscher sind, um den Segen.“