1388: Als die Villinger ihr Fähnlein verloren…oder 600 Jahre Schlacht bei Näfels in der Schweiz (Hermann Preiser)

Die geschichtliche Ausgangslage

1326 hatten die Habsburger von den Fürstenbergern die Stadt Villingen käuflich erworben. In einer Urkunde vom 16. Juni 1326 bestätigte Albrecht III. der Weise, Herzog von Österreich, der Stadt ihre Rechte, die ihr bereits von den Grafen von Fürstenberg gewährt worden waren. Indem die Stadt nun 479 Jahre lang das Schicksal des Hauses Österreich-Habsburg teilte, wurden ihre Bürger auch in die Kämpfe Habsburgs gegen die Eidgenossenschaft, die letztlich die Trennung der schweizer Territorien von Deutschland brachten, verstrickt. Es hatte damit begonnen, daß Leopold I. der Glorwürdige, Herzog von Österreich, versuchte, mit Gewalt der Reichsunmittelbarkeit der Waldstätten (Uri, Schwyz und Nidwalden) ein Ende zu setzen. Am 15. 11. 1315 hatte sein Heer in der Schlacht bei Morgarten durch die Schweizer eine vernichtende Niederlage erlitten. In den folgenden Jahrzehnten verfestigte sich die Eidgenossenschaft über einen Bund von Familien bzw. Gemeinden hinaus zu einem geografisch geschlossenen Gebilde und einem gemeinsamen militärischen Sicherheitssystem. Es umfaßte gegen Ende des 14. Jahrhunderts, über die inzwischen „acht Orte“ hinaus, räumlich den größten Teil der späteren und heutigen Schweiz. Am 9. Juli 1386 schlugen die Eidgenossen bei Sempach, nördlich von Luzern, wiederum ein habsburgisches Heer; die schwerfälligen Panzerreiter des ritterlichen Heerteils waren der unritterlichen Kampfesweise der schweizer Fußkrieger nicht gewachsen gewesen. An dieser Schlacht nahm ein Villinger Kontingent teil, dem es als einem der wenigen gelang, wenigstens sein Stadtbanner zu retten. In der Reihe der Vornehmen, die gefallen sind, wird „der Lachner von Villingen“ aufgezählt, bei dem es sich, nachdem er in dieser Liste überhaupt erwähnt wird, um einen Bürger, vielleicht aus einem der Geschlechter, gehandelt haben muß. In dieser Schlacht fiel mit 34 Jahren auch Leopold III., der Begründer der leopoldinischen Linie des Hauses Habsburg, Herr über Tirol, die Vorlande (und damit auch über Villingen), die Steiermark, Kärnten und Krain. Luzern ging endgültig verloren und schließlich (1415) büßten die Habsburger auch den Aargau ein.

Nach dem Tode Leopold III. übernahm sein Bruder Albrecht III. (1348 — 1395), Herzog von Österreich, die Vormundschaft über dessen vier minderjährige Söhne und versuchte gleichzeitig die verloren gegangene Machtstellung in Südwestdeutschland, wozu damals die Schweizer Territorien zählten, zurückzugewinnen.

Die Waffen mußten entscheiden

Die heutige Hauptdurchgangsstraße Nr. 3 (inzwischen zur Autobahn ausgebaut) verläßt Zürich im Süden und zieht am westlichen Ufer entlang dem Zürichsee in südöstlicher Richtung nach Sargans, wo sie sowohl nach Süden umbiegt und auf der Linie Bad Ragaz-Chur die wichtige Nord-Südroute zu den Pässen Albula, Julier und Splügen einschlägt, als auch nach Norden hin dem Bodensee zustrebt. Unweit westlich Sargans, südlich des Oberen Toggenburgs und des Churfirstengebirges, zwischen Walenstadt im Osten und Weesen im Westen, verengt der eiszeitliche Walensee das Tal, an dessen südlichem langgestreckten Ufer die Straße Nr. 3 vorüberführt. Von Weesen geht der Blick nach Südwesten in die aufgeschotterte Ebene um das benachbarte Näfels, durch die, von der Hauptdurchgangsstraße Nr. 3 abzweigend, die Nr. 17, Richtung Urnen, nach etwa 10 km die Stadt Glarus erreicht, die dem Land und später dem Kanton den Namen gab, nachdem 1419 Glarus der Hauptort des Landes geworden war, um von dort weiter ins Gebirge hinein auf den Klausenpaß hinaufzusteigen, den sie nach 45 km in 1949 m Höhe erreicht. Eine zweite, historische Straße, führt von Weesen nach Mollis und Näfels. Die Talschaft zwischen den Orten Weesen, Näfels und Mollis, also in Süd- und Ost/ Westerstreckung, hat auf nur 3 —4 km Ausdehnung strategische Bedeutung.

Sie gehörte zum Land Glarus, das 1273 noch im Besitz des Frauenklosters Säckingen war. 1288 verbinden sich dann Maieramt und Niedere Gerichtsbarkeit mit dem Reichsvogteiamt der Habsburger, die letzteres schon länger an sich gebracht hatten. Mit der Niederen Gerichtsbarkeit vereinigten die Habsburger — der Herzog von Österreich — mit königlichem Privileg auf Dauer auch die Hohe Gerichtsbarkeit (Blutgerichtsbarkeit). Sie waren damit Landesherr, in dessen Territorium das Kloster Säkkingen lediglich die Rechtsstellung einer ausgedehnten Grundherrschaft weiter besaß. Der Unwille im Glarner-land gegen das Haus Habsburg-Österreich war das ganze 14. Jahrhundert hindurch spürbar. 1352 trat das Land Glarus erstmals dem eidgenössischen Bund bei, wenn es auch schon nach drei Monaten aufgrund der Bestimmungen des Brandenburger Friedens wieder ausscheiden mußte. Die Frontstellung gegen Habsburg blieb. Die Glarner hatten offen Stellung für die „inneren Orte“ im Sempacher Krieg 1386 genommen und waren im August desselben Jahres aktiv an der Eroberung des österreichischen Städtchens Weesen beteiligt. Das Maß war voll, und am 11. März 1387 lief es über. An diesem Tag beschlossen nämlich die Glarner in ihrer ersten nachweisbaren Landsgemeinde ein freiheitliches Landrecht. (Die Schweizer bezeichnen es heute als „erste Landes-satzungen“). Diese Volksversammlung zur Abstimmung über genossenschaftliche Rechtsregelungen war ein direkter Angriff auf die Zuständigkeit des österreichischen Herzogs. Der Landsgemeindebeschluß bedeutete die Absage an Habsburg, das Ziel war die Loslösung des Landes. Habsburg beschloß ein Exempel zu statuieren.

Es sollte keine neue Kraftprobe mit den Eidgenossen von Sempach, es sollte eine Züchtigung der Glarner wegen ihres frevelhaften Mutes gegen die Herrschaft werden. Taktisch mußte rasch gehandelt werden, damit den eidgenössischen Verbündeten der Glarner der Weg über die verschneiten Pässe abgeschnitten blieb. Der erste Angriff der Habsburg-Österreicher erfolgte am 21. Februar 1388 und endete mit der Rückeroberung von Städtchen und Festung Weesen. (Das auch heute noch sehr kleine Städtchen Weesen hatte als westlicher Ort am Ufer des Walen-sees vor allem Bedeutung als Markt. So hatte es neben dem Wochenmarkt allein vier Jahrmärkte.) Damit besaßen die Habsburger wieder den Schlüssel zum Tor der Walenseestraße und ins Glarnerland. Diese Eroberung war für die Schweizer schmerzlich. Sie sprachen von Verrat der Weesener und von Meuchelmord an der eidgenössischen Besatzung. Es sollen 29 Eidgenossen aus dem Lande Glarus und fünf aus dem Lande Uri gefallen sein. Noch etwa bis zum Jahre 1790 mußten sich die ungetreuen Bewohner Weesens die Schandtat des „lastedichen Mords“, den ihre Vorfahren mit verschuldet hatten, jährlich von den schweizer Landsleuten vorhalten lassen, ja die Tat blieb bis in unsere Tage im Bewußtsein lebendig.

 

Von dem Städtchen Weesen am Westufer Walensees— unten — brach am 17. April 1388 das habsburgisch-österreichische Heer in die Ebene hinein gegen Näfels, am Eingang zum Glarner Land, auf, (hinten rechts). Dahinter der Bergstock des Rauti. Von links nach rechts quert die Ebene die strategisch wichtige Walenseestraße Zürich — Sargans.

 

 

Auf diesem Bild entgegengesetzt, geht der Blick vom Rauti herab über Näfels — untere Bildhälfte — in die Ebene. Im Hintergrund -etwa Bildmitte — liegt vor der Bergpyramide das Städtchen Weesen. Dem Betrachter bietet sich das Aufmarschgelände des österreichischen Heeres. Unmittelbar oberhalb der Pfarrkirche — rechts davon ist das Schlachtendenkmal zu sehen — verschloß von Berghang zu Berghang die Letzimauer den Talgrund und damit den Zugang zum Glarner Land.

 

Nun mußte der Stoß gegen die Glarner folgen. Zunächst war es nur ein österreichisches Ultimatum. Die beanspruchten Rechte der Habsburger hätten alle Freiheiten, die sich das Land genommen hatte, wieder in Frage gestellt. Als die Glarner ablehnten, rüstete man die Angriffswaffen. Ende März 1388 erfolgte im Gaster- und Sarganserland mit Brennpunkt in Weesen der Aufmarsch des österreichischen Heeres. Herzog Albrecht III. hatte sich bereits am 1. März 1388 den Grafen Hans von Werdenberg-Sargans dazu verpflichtet, ihm mit aller Macht beizustehen, Weesen zu beschirmen und den Glarnern die Zufuhr von Lebensmitteln abzuschneiden. Auch sonst wurde versucht, durch Verhandlungen Unterstützung zu finden. Unter dem Oberbefehl des Grafen Hans von Werdenberg-Sargans sollen nach den Berichten der Thurgauer und Konstanzer Chronik 6000 Mann zu Roß und zu Fuß zusammengeströmt sein. Aus den österreichischen Herrschaftsgebieten zwischen Limmat und Rhein rückte mit Gefolge eine große Zahl von Rittern an. Aus dem Schwarzwald und dem Hegau zogen unter Führung des Hans von Klingenberg allein 3.000 Mann heran. Ein großes Kontingent stellten die damals noch zu Habsburg-Österreich gehörigen heutigen Schweizer Städte Winterthur, Stein am Rhein, Frauenfeld, Diessen-hofen am Rhein, Schaffhausen, Baden, Brugg, Rappers-wil, die heutigen österreichisch-vorarlbergischen Städte Bregenz und Feldkirch, die Hegaustadt Radolfzell, Waldshut aus dem Klettgau und die Schwarzwaldstadt Villingen. Auch der Abt von St. Gallen leistete Unterstützung. Die Gesamtstärke des österreichischen Heeres wird — wie erwähnt — auf etwa 6.000 Mann geschätzt, dem lediglich 600 bis 700 waffenfähige Männer der Glarner gegenüber standen, (um 1400 bewohnten etwa 5000 Menschen das gesamte Land Glarus), ein Verhältnis also von etwa 10 : 1. Die als realistisch eingeschätzte Konstanzer Chronik spricht beim Heer des Landesherren von 5000 Mann und 200 Spiessen, glarnerische Quellen reden von 15.000 Mann.

Die Frage nach der wechselseitigen Bewaffnung kann allgemein beantwortet werden, wenngleich die Arten der verwendeten Waffen in unserem Falle für den Ausgang des Kampfes bedeutsam waren. Grundsätzlich unterscheidet man Schutz- und Angriffswaffen. Albert Müller (a.a.O., Seite 7/8) schreibt dazu: Die Ritter waren vor allem mit dem etwa 31/2 m langen Reiterspieß bewaffnet und trugen Dolch und Schwert. Ihr Schutz bestand meistens in einem Maschenpanzerhemd aus einem eisernen Ringgeflecht und stählerner Brustplatte. Über das Panzerhemd wurde der Lederpanzer ohne Ärmel, ein sogenannter Lentner, getragen. Dieser wurde immer mehr zum Träger des Spangenharnisches, später zum ritterlichen Plattenharnisch. Arme und Beine waren in Leder gekleidet, wobei die Gelenke mit Eisenteilen bewehrt waren. Die Hände steckten in Eisenhandschuhen. Der Kopfschutz war entweder eine eng anliegende Ringpanzerkapuze oder eine eng anliegende eiserne Beckenhaube, von deren Rändern vielfach eine Halsberge aus Ringgeflecht auf die Schultern herabhing, um Nacken und Hals zu schützen. Den auf den Schultern aufsitzenden Topfhelm dürften vor allem die Anführer getragen haben; auf ihm war das Waffenemblem des Trägers, das sogenannte Zimier befestigt, weshalb Justinger von den gekrönten Helmen spricht. Eine Ritterrüstung war zu jener Zeit so schwer, daß ein Ritter, der vom Pferd fiel, nur mit Hilfe von zwei oder drei Waffenknechten wieder in den Sattel steigen konnte. Über die Ausstattung der Glarner schreibt Müller: Die Bewaffnung der Glarner bestand aus kurzen Hieb- und Stichwaffen. Ihre Hauptwaffe war die Halparte, die bei Morgarten ihre blutige Bewährungsprobe bestanden habe und die seither noch verbessert worden sei. —Die sogenannte Halparte ist die mittelhochdeutsche „Helmbarte“, modern: Hellebarde. Wir finden sie heute noch als ein Attribut der Schweizer Garde des Vatikans. Sie hatte zweifellos nicht nur 1315 bei Morgarten sondern später, 1386, eine entscheidende Rolle gespielt. Sie ist eine Stangenwaffe und für jene Zeit die sinnreichste. Der Ursprungsname kommt aus dem Deutschen und ist in fremden Sprachen durchweg verstümmelt wiedergegeben. „barte“ bedeutet mittelhochdeutsch Beil- oder Streitaxt, „helm“ ist hier von Halm, Stange, Stiel abzuleiten. Als im Laufe der Zeit die Rüstung — sie ist eine defensive Schutzwaffe — für den Krieg durch größere, stärkere Platten verbessert wurde, war die Hellebarde als Antwort das entsprechende offensive Gegenmittel. Sie war nämlich nicht nur eine Stich-sondern vor allem auch eine Schlagwaffe, mit deren Beilteil an langer Stange der Harnisch eines Ritters zu Pferde geöffnet werden konnte. Sie war jedem Schwert überlegen. Erst viel später lag ihr Hauptwert dann nur noch in der Eigenschaft als Stoßwaffe.

Frühmorgens am 19. April 1388 brach das habsburgische Heer von Weesen in die Ebene hinein gegen das südlich gelegene Näfels auf.

Die Hellebarde als sinnreichste Stangenwaffe jener Zeit ist eine defensive Schutzwaffe. Sie ist sowohl Stich- als auch Schlagwaffe, mit deren Beilteil an langer Stange der Harnisch eines Ritters zu Pferde geöffnet werden konnte.

 

Im Vorfeld der Orte, in Näfels z.B. nur etwa 50 Meter nördlich der Kirche, versperrte zwischen Näfels auf der westlichen und Mollis auf der östlichen Talseite von Berghang zu Berghang ein Annäherungshindernis, eine Talsperre, den Talzugang von Norden her. Es war die rund 1100 m lange Letzi-Mauer. (Etymologisch aus dem Althochdeutschen stammend — lezzi —, muß man das Wort mit „Wehr“ übersetzen.) Mit Ihrem Bau war 1351 /52 begonnen worden und sie dürfte spätestens 1388 fertig gestellt gewesen sein. Die Mauer bestand aus Kalksteinen und Findlingen, die lagenmäßig aufgeschichtet und vermörtelt waren. Man hat so insgesamt 6000 cbm Steine bis zu einer Fronthöhe von 3,20 — 3,40 m aufgeschichtet; die Breite der Mauer betrug 1,20 m. Auf der dem Feind abgewandten Südseite gab es eine Aufschüttung, über der es ein gegossener Mörtelboden dem Verteidiger erlaubte, festen Fußes zu stehen und über die Mauer hinwegzusehen. Die Mauer ist heute noch über mehrere 100 m im Aufgehenden durch neuere Blendmauern sichtbar, ein Teilstück wurde vor wenigen Jahren originalgetreu rekonstruiert. Der eigentliche Zweck der Letzi-Mauer als Talsperre war es, einen Angreifer zu hindern, rasch ins Glarnerland einzufallen und das Vieh wegzutreiben. Sie war nicht für den Fall der Belagerung gebaut und auch nicht für einen entscheidenden Kampf. Ihre Schwachstellen waren das Mauertor und der Durchlass für den mächtigen Talfluß, die Linth. An diesen Stellen erfolgte wohl auch der Durchstoß des Heeres des österreichischen Landesherren. Man schätzt die Zahl der Mauerverteidiger auf etwa 300 Mann.

Wie eine niedere Stützmauer wirkt der im Aufgehen noch sichtbare untere Teil der Letzimauer; am Ende rechts ein restaurierter Teil. — Im Hintergrund, am Fuße entlang der Gebirgswand, ein Teil des Rautihanges, wo sich der Endkampf vollzogen haben könnte.

 

Die Letzimauer war, wie das wiederaufgebaute Teilstück zeigt, rund zweimannshoch. Sie war ein Annäherungshindernis und nicht für den Fall einer Belagerung gebaut.

 

Das angreifende Heer hatte sich in zwei Stoßkeile geteilt, von denen die Hauptmacht unter dem Grafen Donat von Toggenburg die Mauer talwärts anging. Die zweite Kolonne, mit rund 1.500 Mann, wurde vom Grafen Hans von Werdenberg-Sargans über den im

Osten gelegenen Kerenzerberg auf einem alten Weg (heute Verkehrsstraße) herangeführt. Bevor der Weg endgültig abwärts führt, nördlich des Weilers Beglingen, befand sich, knapp 200 m über dem Talboden, noch einmal eine etwas kürzere Mauer (eine Letzi), die als Annäherungshindernis den Berg querend, den Hang hinablief und den Straßenweg sperrte. Auf dieser Linie wollte der Graf mit seinen Leuten über die östliche Flanke bei Mollis den Verteidigern aus den Orten Mollis, Näfels und Netstal in den Rücken fallen und die Verteidigungsstellung aufrollen.

Die geschlossen an der Spitze reitende Ritterschaft des Talheeres hatte nach 4 km Marsch die Mauer erreicht und sie in kurzer Zeit, vermutlich an den geschilderten Schwachstellen, durchstoßen und damit für das nach strömende Heer die Bresche geöffnet. Dieses drang nun sorglos in den Ort ein, um talwärts weiter vorzustoßen. Den offensichtlichen Sieg vor Augen, löste sich die Disziplin der zusammengewürfelten Heeresgruppen auf. Die verschiedenen Chroniken berichten, Horden des herzoglichen Heeres seien raubend, plündernd und brennend ohne jede Ordnung umhergezogen. Frauen, Kinder und Greise der Dörfer waren in die Berge geflohen. Das Dorf Näfels wurde in Brand gesteckt, 30 Häuser sollen in Flammen aufgegangen sein. Über 1200 Stück Vieh habe man dem Talausgang zugetrieben, das Raubgut auf Roß und Wagen weggeführt. Südwestlich der Letzimauer und des Ortes Näfels bildet die Talflanke der steile Bergstock des Rauti. Seit Jahrtausenden hat der Verwitterungsschutt an seinem Fuß eine in Form einer schiefen Ebene ansteigende Halde abgelagert, die sich als sogenannter Rautihang lang hinzieht. Die Glarner verfügten über einen offensichtlich tüchtigen Feldhauptmann, in den Chroniken sowohl Mathias Ambühl als auch Matis von Büelen geheißen, der möglicherweise aus dem talwärts gelegenen Dorf Netstal stammte. Er sammelte seine versprengten Mannschaften, es sollen rund 300 Mann gewesen sein, vielleicht auch mehr, auf der dafür möglicherweise schon vorher bestimmten Halde hinter dem Rautibach. Wo sich der genaue Ort befand, ist nicht mehr zu sagen. Er wird zur lokalen Streitfrage. Es spricht einiges dafür, daß er etwa 1,5 km südwestlich des Dorfes beim heutigen Schießstand gelegen haben könnte. Es wird aber auch der Standort am „Alten Schützenhaus“ genannt, gleich oberhalb des ältesten Dorfteils beim Rau-tibach. Am Fuße der Halde sind es auf ehemals feuchter Rietwiese stellenweise nur rund 100 m bis zur Linth bzw. deren Nebenarm, deren Fließwasser bis heute die Mühlräder dreht. Das Vorgelände erlaubte keine große Entfaltung des Angreifers, während oberhalb der Halde die senkrecht abfallenden Felswände die Verteidiger vor Überrumpelung sicherten. Daneben schützte der taktisch klug gewählte Ort durch seine Steilheit und Überhöhung vor wirkungsvollen Reiterangriffen, vor überraschenden allemal. Ferner erlaubte er einen umfassenden Überblick über einen sich entwickelnden Angriff.

Letzimauer: Holzplanken zur Stützung der Fundamente, b) Mauer aus Kalksteinen und Findlingen, lagenmäßig aufgeschichtet und fest vermörtelt, c) Aufschüttung an der Südseite, d) gegossener Mörtelboden für den Verteidiger.

 

In der Zusammenrottung der Eidgenossen sahen die Truppenführer des herzoglich-österreichischen Heeres vermutlich eine Bedrohung ihres Rückmarsches. Soweit ihre Gruppen noch erreichbar waren, schlossen sie sich erneut zusammen und stürmten nach ritterlicher Manier mit ihren Reitern voran gegen die mit Geröll und Steinen übersäte und zweifellos noch unbewaldete Halde. Der Anstieg dürfte den Pferden unter der Last ihres Reiters beschwerlich gefallen sein. Aus der Topographie ihres Landes erlernt, wurden bis ins 15. Jahrhundert alle Angriffe der Eidgenossen mit Steinwürfen eingeleitet, ehe es zum Kampf Mann gegen Mann kam. Und so geschah es auch an der Halde bei Näfels, daß die mühsam heranreitenden Ritter mit einem Hagel von Steinen empfangen wurden.

Die Pferde wurden getroffen, scheuten, warfen ihre Reiter ab: Verwirrung und Panik entstanden. Die Ritter versuchten auf die Ebene zurückzukommen, stießen sich mit dem dicht gefolgten, nachdrängenden Fußvolk und lösten so insgesamt eine Fluchtbewegung aus, noch ehe es zum eigentlichen Kampf gekommen war. Sofort stießen, ermuntert, vom Hang herab die Eidgenossen nach und bestätigten einmal mehr die-Erkenntnis: Nichts ist verwundbarer als ein fliehender Feind. Die Glarner drangen in der Ebene vor der Halde in den Feind hinein und setzten ihm mit ihren für den Nahkampf überlegeneren Waffen so zu, daß sie das habsburgische Heer auseinandertrieben. Zum ersten psychologischen Vorteil, mit dem die Eidgenossen an der Halde aus der Verteidigung zum Angriff übergingen, kam ein zweiter: Es verdunkelte sich der Himmel, „daß einer den anderen kum erkant, der doch allernächst by im was“. Dazu prasselte aus schwarzen, zwischen den Bergen gefangenen Wolken, der Regen, und Schneeschauer legten sich weiß aufs Land. Es ist nicht verwunderlich, daß die österreichische Chronik von Konstanz diese im April nicht ungewöhnliche Erscheinung mit Zauberlist und Hexerei erklärt, hatte doch schon seit dem 12. Jahrhundert der Aberglaube an Wetterzauber auch in den Vorstellungen der Kirche wieder Einzug gehalten. Der Wetterumschlag wurde von den habsburgischen Truppen als Schockempfunden, Angst und Verzweiflung breiteten sich aus. Die Verzagtheit wurde gesteigert, als die Glarner geringfügig Verstärkung erhielten, die sich mit Gebrüll in die Schlacht warf. Halparten, Streitäxte und Mordhämmer der Glarner drangen auf die Schwerter, Degen, Spieße und Reiterhämmer ein. Die Schlacht gelangte auf einen fürchterlichen Höhepunkt. Das habsburgisch-österreichische Heer verlor dabei den Zusammenhang, fiel auseinander und suchte schließlich den Weg zurück durch die Flucht.

Die „Letzi“, wie die Mauer kurz heißt, war aus rund 6000 m3 Steinen erbaut. Sie war etwa 3,20 — 3,40 m hoch, 1,20 m breit und hatte eine Länge von mindestens 1100 m.

 

Noch hätte sich für die herzoglichen Truppen das Blatt wenden und ihnen das Kriegsglück zufallen können. Immerhin hatte Graf Werdenberg-Sargans mit seinen 1500 Mann vom Kerenzerberg herab noch nicht in den Kampf eingegriffen. Es heißt, er sei zu spät gekommen. Es heißt aber auch, als Zeuge des Schauspiels unter ihm habe dem Grafen letztlich der Mut gefehlt anzugreifen. Er habe vielmehr mit seinem Gefolge in wilder Hast das Weite gesucht. Die St.Galler-Chronik berichtet sogar, seine Mannschaft sei so eifrig geflüchtet, daß nicht wenige im Britternwald, durch den auf rund 700 m Meereshöhe die Straße durchführt, „erfallen“ und im See ertrunken seien. Das Heer hatte letzten Endes ganz den Zusammenhang verloren, von den Truppen waren die einen abgesprengt, vernichtet oder geflohen. Vergeblich war der vereinzelte Versuch der Truppenführer, die Mannschaften zum Stehen zu bringen. Dem einzelnen blieb nur noch das Heil zurück durch die Mauer in die Gärten und Wiesen, in die Rietlandschaft vor Näfels zwischen Oberurnen und Niederurnen im Westen und, der rechten Talflanke folgend, entlang dem Walenberg nach Weesen im Nordosten.

Erläuternde Bildtafel in Näfels

 

Den Verfolgern längst entronnen, schon 4 km von Näfels entfernt, wieder vor den Toren des Städtchens Weesen, wurde selbst die Flucht zur Katastrophe. Der eben geschilderte östliche Weg von Näfels-Mollis durch das Riet, unterhalb des Walenbergs, führte kurz vor Weesen über eine Brücke, nur wenige 100 m vom Ausfluß des Walensees nach Westen. Dieser Ausfluß setzte sich als Maag-Fluß mit Fließrichtung nach Westen fort, bis er nach etwas mehr als 2 km den früher hier einmündenden Linth-Fluß aufnahm und unter dessen Namen weiter-floß. Der Brückenort ist wohl dieselbe Stelle, wo heute die Brücke in Weesen über den Linth-Kanal führt. (Die Fließrichtung aller Flüsse ist durch moderne Kanalisierung heute stark verändert.) Überladen von Fliehenden stürzte die Brücke ein. Albert Müller schreibt, „Wieviele hier in der Maag, in der Linth und im See ertrunken sind, kann niemand wissen. Nach der Züricher Chronik von 1473 waren so viele ertrunken, daß man sagte, man hätte von einem Ufer zum anderen trockenen Fußes gehen können.“ Die Schlacht war also entschieden. Zunächst dankten die Glarner auf der Walstatt Gott für den wunderbaren Sieg, dann (folgt man der Thurgauer-Chronik, die immerhin Kriegsberichterstattung der anderen Seite bedeutet) erschlugen sie alle verwundeten Feinde, beraubten sie der Kleider und Kostbarkeiten. Man begrub die gefallenen Feinde zwar auch innerhalb der Letzimauer, vor allem aber außerhalb auf den Weiden (im Wyden) in großen Gruben, also Massengräbern.

Rund 1700 Mann des herzoglich-österreichischen Heeres sollen gefallen sein, darunter 183 Ritter und edle Herren. Ausgefallen waren auch die Anführer aus dem Schwarzwald und dem Hegau, Hans von Klingenberg, Erich von Sax und Johann von Bonstetten. Nach Albert Müller kamen 80 Mann aus Winterthur, 75 aus Rapperswil, 54 Mann von Schaffhausen, 42 Mann aus Weesen und 40 aus Frauenfeld. Geht man davon aus, daß Villingen mit Schaffhausen eine vergleichbar große Stadt war und vielleicht ebenso viele Männer ausrückten wie in Schaffhausen, so kann man hypothetisch auf die Zahl der Gefallenen aus Villingen schließen. Die Glarner erbeuteten eine größere Anzahl von Bannern, eine andere Bezeichnung ist Fähnlein. Fähnlein ist sowohl Feldzeichen als auch Truppeneinheit, die in einer späteren Bezeichnung Kompanie genannt wird. Neben dem österreichischen Hauptbanner und den Fähnlein von Weesen, Rapperswil, Frauenfeld, Schaffhausen, Toggenburg u. a. wurde auch das Fähnlein der Villinger Abteilung erbeutet. Es hing zusammen mit den anderen Beutefahnen lange Zeit im Chor der Kirche zu Glarus und wurde 1734 zusammen mit den anderen ins Zeughaus verbracht. Soweit sie nicht schon zerschlissen waren, verbrannten die letzten Banner 1861 beim großen Brand von Glarus. 1616 hatte der Basler Hans Heinrich Ryff die Banner in einem Fahnenbuch bildlich festgehalten und so auch unser Villinger Fähnlein für die Nachwelt erhalten. Die Glarner Verluste werden mit 55 Mann angegeben.

 

Wo genau am Rautihang die Eidgenossen das angreifende österreichische Reiterheer mit einem Steinhagel empfingen und so den Endkampf auslösten, ist umstritten. Das Bild zeigt in einem möglichen Kampfbereich, wie sich am Fuße des Gebirgsmassivs eine Halde aus Verwitterungsschutt gebildet hat, eben den Rautihang.

 

Das Ereignis der Schlacht in Näfels ist in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Der Feldzug des österreichischen Herzogs war, als Strafexpedition gedacht, ein strategischer und taktischer Fehlschlag. Taktisch fehlte jede Planung. Die Angriffsoperationen blieben Stückwerk. Den Angriff der österreichischen Reiter gegen den Rauti-hang kann man fast schon nicht mehr als einen taktisch unglücklichen Angriff bezeichnen, fehlte doch offensichtlich jedes Verständnis, einen in der Falle sitzenden Gegner einzuschließen und abzuwarten. Andererseits hatten die Glarner erkannt, daß die entscheidende Konzentration aller ihrer Mittel und Mannschaften und die geschickte Ausnützung des Geländes den Sieg bringen könnte. Ihr Widerstand wurde allerdings auch getragen vom Mute der Verzweiflung. Als zweites waren die politischen Folgen dieses Sieges letztlich der Rückzug des Hauses Habsburg aus dem eidgenössischen Territorium. 1395 erfolgte der Loskauf des Landes von der Grundherrschaft Säckingen. 1400 schloß es ein Bündnis mit dem grauen Bund, einer eidgenössischen Vereinigung, die ihren Ausgang in Graubünden nahm. 1408 erfolgte das gleichberechtigte Bündnis mit Zürich. 1415 schließlich erfolgte die Bestätigung der endgültigen Freiheit von Österreich durch die Verleihung der Hohen Gerichtbarkeit und der Reichsunmittelbarkeit durch König Sigismund. Die Geschichte Habsburgs in diesem Landesteil war zu Ende.

 

Entlang dem Rautihang und der Letzimauer, vorbei an 11 teilweise mittelalterlichen Gedenksteinen, führt seit Jahrhunderten einmal jährlich im Frühjahr auf dem Fahrtsweg eine Prozession: die Näfelser Fahrt. Es ist ein Fest der Stille, des Dankes und des Gedenkens für Volk und Regierung.

 

 

Vom Kirchturm zum Wehrturm — Perspektiven einer alten Stadt

 

Literatur und Quellenangabe:

Richard Reifenscheid Die Habsburger in Lebensbildern Verlag Styria, Graz 1982, S. 37 und 72 f.

Propyläen Geschichte Deutschlands Peter Moraw, 3. Band Propyläen Verlag Berlin, 1985 Verlag Ullstein, Berlin, S. 218 ff.

Paul Revellio Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen Ring Verlag Villingen, 1964, S. 77, 282, 474

Ph. Ruppert, 1891 Die Chroniken der Stadt Konstanz, S. 98

Albert Müller Die Schlacht bei Näfels Herausgeber: Maschinenfabrik und Gießerei Netstal AG 8752 Näfels, 2. Auflage, 1974

Sonderausstellung: Das Land Glarus um 1400 Näfels, 7.4. — 30. 11. 1988