Heinrich Loriti — genannt Glareanus (Dieter Mertens)

Sein Leben und Werk sowie seine Beziehungen zur Stadt Villingen1)

1488 bis 1563

Redaktionelle Vorbemerkung:

Im Juni 1988 fand aus Anlaß der 500-Jahr-Feier des Geburtstages von Heinrich Loriti — genannt Glareanus (1488 — 1563) im ehemaligen Franziskanerkloster ein Festakt zu Ehren Glareans statt. In Zeiten der Pest, als der Lehrbetrieb der Universität Freiburg dreimal nach Villingen verlagert werden mußte, wirkte Glareanus im Franziskanerkloster, der Stätte der Zuflucht, als Professor.

Die Feier wurde von der „Camerata Cantorum“ unter der Leitung des Mitglieds des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Wolfgang Martin, musikalisch und durch den Vortrag von Chorsätzen aus der Zeit Glareans eindrucksvoll gestaltet.

Die Gedächtnisvorlesung hielt der Direktor des Instituts für geschichtliche Landeskunde der Universität Tübingen, Professor Dr. Dieter Mertens. Seinen Vortrag drukken wir hier unter dem obigen Titel ab und bedanken uns für das freundliche Entgegenkommen.

Initiator und Organisator des Festaktes in Villingen anläßlich der Landeskunstwochen Baden-Württemberg war unser Freund und ehemaliges Vorstandsmitglied des Geschichts- und Heimatvereins, Dr. Wilhelm Binder, dem an dieser Stelle Dank und Anerkennung für diese Art der kulturellen Bereicherung und Rückbesinnung auf den geschichtlichen Stellenwert des Bildungswesens in Villingen gesagt sei.

Tota pulchra es, amica mea,

et macula non est in te —

Wahrlich schön bist Du, meine Freundin,

und kein Makel ist an Dir …

Flores apparuerunt, vineae florentes

odorem dederunt — Blumen sind hervorgekommen,

die blühenden Weinstöcke geben ihren Duft—

et vox turturis audita est in terra nostra —

und die Stimme der Taube hört man in unserem Lande …

Diese Worte des Hohen Liedes, des „Lieds der Lieder“, wurden soeben als vierstimmiger Gesang in der Vertonung Heinrich Isaacs zu Gehör gebracht. Die Worte preisen die Schönheit, die der ganze Mensch wahrnimmt, sein Auge, sein Geruchssinn, sein Gehör, seine Vorstellungskraft, welcher der Dichter die mit den Sinnen wahrnehmbare Schönheit durch die Sprache vermittelt. Die vierstimmige Vertonung dieser Worte durch Heinrich Isaac hat Heinrich Glarean, um dessentwillen wir heute hier zusammengekommen sind, in sein musikwissenschaftliches Hauptwerk „Dodekachordon“ aufgenommen als Beispiel der Musik „eines gebildeteren und wohlgeübten Zeitalters 2).

Glarean, der Dichter; Federzeichnung von Hans Holbein d.1., 1515; vergrößert. (Kupferstichkabinett Basel)

 

Die Vertonung steigert die Wirkung der Sprache und des sprachlich vermittelten Sehens, Riechens und Hörens durch das Medium der Musik. In der christlichen Tradition wird das Hohe Lied allegorisch auf die Kirche als die Braut Christi oder auf Maria als das Urbild der Kirche bezogen oder schließlich auf die sich mit Christus verbindende Seele. So sind die Verse, die wir gehört haben, auch in die Liturgie aufgenommen worden: zu Glareans Zeiten wurden sie im Stufengebet am 8. Dezember, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens, gesungen: Tota pulchra es, Maria, Wahrlich schön bist du, Maria, … und sie wurden als Lesung verwendet am Fest Mariä Heimsuchung (2. Juli), das — zuerst ein Fest des Franziskanerordens — bald auf die ganze lateinische Kirche ausgedehnt wurde3) . Diese Verse hier in den kirchlichen Räumen eines Franziskanerklosters gesungen zu hören, gibt den Worten und der Musik etwas von ihrer früheren Funktion und Bedeutung, von ihrer Authentizität wieder, die anders kaum mehr zu erleben ist.

Die Villinger Franziskaner, die hier ein halbes Jahrtausend lang, vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, gewirkt haben und denen die Stadt Villingen die Existenz dieser Räumlichkeiten verdankt, haben ihrem eigenen engen Verhältnis zur Musik vielfachen bildlichen Ausdruck verliehen. Die im Netzgewölbe der Sakristei erhaltenen Fresken des ausgehenden 15. Jahrhunderts zeigen musizierende Engel mit ihren Musikinstrumenten inmitten anderer Engel, welche die Leidensinstrumente Christi vorweisen: ein Lobpreis der Erlösung durch den Kreuzes-tod Christi. Freskenreste im Kirchenraum selber lassen musizierende Engel erkennen; am schönsten aber zeigt das Altarbild, das vor dem Lettner zu sehen war, die in den Himmel aufgenommene Maria von musizierenden Engeln umgeben. „Ob der Aufnahme Marias in den Himmel frohlocken die Engel und jubeln das Lob des Gottessohnes“, — dieses Frohlocken und Jubeln aus dem Introitus des Festes Mariä Himmelfahrt haben sich die Villinger Franziskaner von einem bedeutenden Maler, ihrem Ordensbruder Martin Schwarz aus Rothenburg, als gesungene und instrumentierte Engelsmusik darstellen lassen4). All diese Darstellungen der Engelsmusik sind im Geist einer Musikauffassung gemalt worden, die das musikalische Schaffen, die Hochschätzung und die Anwendung der Musik maßgeblich geprägt hat5). Nach dieser Auffassung ist alle irdische, von den Menschen gemachte Musik nur Abbild und Antwort der überirdischen Musik der Engel, die, nicht der Zeit unterworfen und darum ohne Ende, zum Lob Gottes erklingt. Die griechischen und die lateinischen Kirchenväter — Johannes Chrysostomus, Augustinus, Ambrosius, Gregor —haben ausgeführt, daß die Gemeinde der Menschen sich in der Liturgie mit der Gemeinde (den Chören) der Engel verbinde. Die römische Meßliturgie hat diesen Gedanken aufgenommen mit der Aufforderung an die Gemeinde, die jede Präfation beschließt: gemeinsam mit den Chören der Engel den Hochgesang ohne Ende von Gottes Herrlichkeit anzustimmen — das Sanctus, wie es in der Apokalypse überliefert ist. In der Vertonung durch Glareans Konstanzer Freund Sixt Dietrich werden wir es nachher hören.

Heinrich Glarean hat zu Zeiten und unter Umständen, die gleich noch zu erläutern sind, hier im Villinger Franziskanerkloster, wo die Musik so auffallend häufig thematisiert war, unterrichtet. Als Musikwissenschaftler kam Glarean notwendigerweise von einer anders ansetzenden, analysierenden Musikauffassung her: von der dem Abendland durch den Philosophen Boethius um 500 vermittelten Auffassung der Antike, daß alles Seiende, der Kosmos mit all seinen Sphären im Großen wie der kleine Kosmos Mensch, harmonisch geordnet sei und daß diese Ordnung sich in Zahlenverhältnissen ausdrücke. Die reale Musik gibt, dieser Auffassung zufolge, die Harmonie und Ordnung des Makro- und des Mikrokosmos wieder, weil in den Harmonien der Musik ebenfalls Zahlenverhältnisse, mit Hilfe des Zirkels darstellbare Proportionen, herrschen, und zwar dieselben wie im Kosmos. Die Musik gehört danach zu den vier Wissenschaften, die auf der Zahl aufgebaut sind wie die Arithmetik — deren Kenntnis Glarean von jedem Musiker verlangt — , die Geometrie und die vermessende Geographie (im Unterschied zur Länder beschreibenden). Die beim Vergleich verschieden hoher Töne sich ergebenden Proportionen mittels der Zahl zu erfassen, ist die vornehmliche Aufgabe des musicus (des Musikwissenschaftlers im Unterschied zum cantor, dem Sänger).

Schon die Kirchenväter haben die antike Auffassung von der die kosmische Harmonie wiedergebenden Musik mit der christlichen Auffassung von der himmlisch-irdischen Liturgie zu vereinigen gesucht; sie haben Gestirne und Engel gleichermaßen als den Schöpfer preisende Geschöpfe verstanden und so die Sphärenmusik der Engelsmusik hinzugefügt. Wie man sich dies vorzustellen habe, vermag die Darstellung des Weltalls zu verdeutlichen, die Glarean für sein Geographie-Lehrbuch mit Hilfe eines Zirkels gezeichnet hat; für sein Geographie-Lehrbuch, denn eine Geographie, die die Erde im Kosmos darstellt, und eine Musikwissenschaft, die sich spekulativ ebenfalls auf den Kosmos richtet, berühren und ergänzen sich. Glareans Darstellung des Weltalls ist auf der Vorderseite des Programmheftes der Gedächtnisvorlesung 1988 im Franziskaner wiedergegeben. Über die Erde und die drei weiteren Elemente Wasser, Luft und Feuer erheben sich die sieben Sphären der sieben Planeten: darüber die achte Sphäre, der gestirnte Himmel, in dem sich alle übrigen Sterne befinden; darüber wiederum die neunte und die zehnte Sphäre. Diese Sphären bewegen sich harmonisch in einem bestimmten Verhältnis zueinander und zu den als unbewegt gedachten Teilen dieses Systems: der Erde und dem äußersten Himmel — „dem Raum der Seelen der Seligen, wie die Theologen ihn nennen“, schreibt Glarean hinzu6). Während sich in der Liturgie Himmel und Erde vereinen, rühmen auch die dazwischen kreisenden Sphären durch ihre Bewegung Gottes Ehre.

Titelbild der Erstausgabe des „Dodekachordon“ 1547 (Landesbibliothek Glarus)

 

Glarean hat als Musikwissenschaftler die traditionellen Einteilungen der Musik in Sphärenharmonie, Leib-Seele-harmonie und reale Musik zwar weitergegeben, er hat aber die kosmologische und theologische Spekulation nicht vertieft7). Er hat seine Energie vielmehr darauf verwendet, die musikalische Praxis wissenschaftlich zu durchdringen und zu reformieren. Doch dies durchaus in religiöser Absicht. Denn er verfaßte sein musikalisches Hauptwerk, das er dem Bischof von Augsburg widmete und zahlreichen geistlichen Würdenträgern zusandte8), zur Ehre Gottes, zur Mehrung der Frömmigkeit und der Würde der Kirche, wie er sagt9), und das Ideal, auf das seine Reformvorstellungen zielen, ist der einstimmige liturgische Gesang in der Tradition der Kirchenväter 10).

Beispiel der Mensuralnotation aus „Dodekachordon“, 1547

 

Im gereinigten Gregorianischen Choral sah er die Einfachheit der frühen Kirche und der Antike, Frömmigkeit und Bildung zugleich verwirklicht. „… so offt ich der heiligen kilchen gsang innenklich und ernst betracht …“, sagt Glarean, „kann ich mich nit gnügsam verwunderen Gots gnad solchen herrlichen menneren gegeben, die solchs zum ersten herfür bracht. Mir ist kein zweifel durch des heiligen geists infliessung solch gesang gemacht worden. Dann wer ansicht des gesangs so meisterliche art, der Harmonien dapfferkeit (= Kraft), wie wiß und wort (Weise und Wort) so hertzlich, lieplich, auch wunnenklich zusammenstimmend, derselbig mag freilich wol ermessen, wie reichlich Gott sin gnad in disen hochgelopten menneren, so solch Besang gemacht, angezeigt hat.“ 11)

Die Abschaffung des alten, einstimmigen Choralgesangs durch die Reformatoren — zuerst durch Glareans Freund, bald ehemaligen Freund Zwingli in Zürich —traf den Kern des Anliegen Glareans: er sah dadurch Frömmigkeit und Bildung zugleich untergehen und er hat diese für ihn wesentliche Differenz zu den Reformatoren sehr deutlich herausgestellt 12). Sein Kampf um eine Erneuerung der Musik aus dem Geist der Antike und der Kirchenväter wurde für ihn darum zu einem Kampf gegen die Reformation. Darum konnte er sich auch die außerordentlich zahlreichen Setzfehler in seinem im protestantischen Basel hergestellten Druck des Dodekachordon nicht anders erklären, als daß der Teufel die lutherischen Setzer und Drucker verführt hätte, das zur Ehre Gottes verfaßte Werk zu verunstalten 13).

Glarean hat an seinem 1547 gedruckten musikwissenschaftlichen Hauptwerk zwanzig Jahre lang gearbeitet, hauptsächlich in den 1530er Jahren, also auch während seines ersten Aufenthaltes in Villingen Ende 1535. Denn noch vor seinem zweiten Villinger Aufenthalt fünf Jahre später meldet er aus Freiburg den Abschluß des Werkes — am 3. Januar 154014). Im Vorwort gedenkt er ausführlich der Benutzung eines Codex musikwissenschaftlicher Traktate des Boethius und mittelalterlicher Autoren, den ihm der damalige Abt von St. Georgen, Johannes Kern, zugänglich gemacht habe. Abt Johannes Kern regierte das Kloster seit 1530, 1536 wurde sein Konvent durch Herzog Ulrich von Württemberg vertrieben — Abt und Konvent fanden Aufnahme in Villingen15). Da Glarean die Vertreibung nicht erwähnt, wird er St. Georgen schon früher, spätestens 1535 von Villingen aus besucht haben. Er hat die Handschrift später, als die St. Georgener Mönche schon in Villingen lebten, noch einmal herangezogen: um die Arithmetik und die Musik dkes Boethius zu edieren16).

Warum aber kam Glarean nach Villingen? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir kurz Glareans Lebensweg verfolgen17). 1488, vor 500 Jahren, in Mollis im Glarnerland geboren, ist Heinrich Loriti der Glarner ein Altersgenosse des Oswald Myconius aus Luzern, seines Freundes und Mitschülers, des späteren Mitarbeiters und Biographen Zwinglis. Myconius erhielt von Erasmus dasjenige Druckexemplar des „Lobs der Torheit“, das der 17jährige Hans Holbein d.J. 1515 / 1516 mit Randzeichnungen versehen hatte 18). Das Bild des lesenden, mit dem Dichterlorbeer geschmückten Gelehrten hat Myconius dankenswerterweise identifiziert: Glareanus hic Pictus — Glarean ist hier gezeichnet —, hat Myconius hinzugeschrieben. Glarean ist auch ein Altersgenosse des Kosmographen Sebastian Münster, mit dem er jahrelang zusammenarbeitete 19); Jahrgangsgenosse schließlich des fränkischen Ritters Ulrich von Hutten, der Glarean in den witzig-satirischen Dunkelmännerbriefen verewigt hat und der kurz vor seinem frühen Tod den Glarner auch noch persönlich in Basel kennenlernte‘. Glareans Vater, bei der Geburt des Heinrich schon ein 60jähriger Mann, der jahrzehntelang im Rat des Landes Glarus saß und sicherlich wohlhabend war, schickte seinen Sohn zu einem berühmten Lehrer: zu Michael Röttli, latinisiert Rubellus, in Rottweil 21) der seit 1463 der Eidgenossenschaft verbündeten Reichsstadt. Glarean zählte das liebgewonnene und später mit Versen bedachte Rottweil kurzweg zur Schweiz22). Rubellus in Rottweil weckte und förderte Glareans sprachliches und musikalisches Talent, so daß dieser wohl vorbereitet an die Universität gehen konnte: nach Köln 1507. Ein Jahr später wurde Glarean Baccalaureus, 1510 Magister artium und begann, Vorlesungen zu halten über die antiken römischen Dichter. Gleichzeitig nahm er eigene größere Dichtungen in Angriff. Sie galten der geliebten Heimat.

Glarean wirkte als Dichter und Historiker, als Geograph, Musiktheoretiker und Altphilologe. Glarean; Holzschnitt eines unbekannten Meisters, 1566 (Zentralbibliothek Zürich)

 

Geburtshaus des Glarean in Mollis, Kanton Glarus.

 

Ein lateinisches Epos von über 900 Versen besingt das Hauptstück der Glarner Geschichte: den Sieg der Glarner über ein österreichisches Heer bei Näfels gegenüber Mollis im Jahr 1388, bei der ein Vorfahr Glareans fiel. Die Habsburger hatten damals Zuzug auch aus Villingen, und so kommt Villingen hier erstmals in Glareans Dichtung vor: … lam Oeospolitanus in arma /illingum vocat, et Villingus Doggia castra: Schon ruft der Schaffhauser den Villinger zu den Waffen und der Villinger den Toggenburger23).

Das andere in Köln begonnene, aber in Basel vollendete Werk ist eine poetische Beschreibung der (auch Rottweil inschließenden) Schweiz und namentlich der 13 eidgenössischen Orte. Als Glarean es Ende 1514 in Basel publizierte, konnte er seinem Namen stolz hinzufügen: Poeta aureatus. Kaiser Maximilian hatte ihn 1512 auf dem Kölner zum Dichter gekrönt, ihn — in einem Staatakt sozusagen — in die erste Reihe der Humanisten ;erückt und ihm das Recht verliehen, auch eigene Dichtungen (neben den antiken) zum Gegenstand des Universitätsunterrichts zu machen 24). Als lorbeergekrönten Dichter hat ihn Holbein in seiner kleinen Randzeichnung dargestellt. Eine mindestens ebenso hohe Auszeichnung bedeutete es, daß Erasmus von Rotterdam —wie Glarean 1514 in Basel lebend — im Anmerkungsteil seiner uropaweit verbreiteten Erst-Ausgabe des Neuen Testa-nents in griechisch-lateinischer Version dem jungen Glarean ebenfalls ersten Rang unter den humanistischen Gelehrten zuerkannte. Erasmus schreibt: „Hat nicht Helvetien, edler durch die Waffen als durch die Wissenschaften, […] uns den Heinrich Glarean hervorgebracht, dem Alter nach noch ein ganz junger Mann, aber in allen sogenannten mathematischen Disziplinen und in den übrigen philosophischen Fächern, in griechischer und lateinischer Literatur — ganz zu schweigen von seiner Dichtkunst, für die er gar aus der Hand Kaiser Maximilians sich den Lorbeer verdient hat—und in allen übrigen Nissenschaften so weit fortgeschritten, daß die meisten Älteren ihn eher beneiden als ihm gleichkommen können? Wenn solchen Begabungen auch Anerkennung zuteil wird […1, dann wird Helvetien berühmter werden Jurch Wissenschaft als durch Krieg und mehr den Musen /erdanken als dem Mars.“25)

In Basel, als Magister der Basler Universität, hat Glarean zu der für ihn fortan über alle Ortswechsel und bis zu seinem Lebensende beibehaltenen, typischen Lebensform des Pädagogen gefunden: er ist der Lehrer und quasi Pflegevater der mit ihm unter einem Dach lebenden Zöglinge, bis zu 30 an der Zahl, für deren Ausbildung und leibliches Wohl er verantwortlich war. Eine Liste seiner Schriften und Editionen, so lang und so vielseitig sie ist, gäbe seine Wirksamkeit und Bedeutung doch nur zur Hälfte wieder. Sie müßte ergänzt werden durch eine Liste seiner Schüler 26). Nimmt man beides zusammen, so glaubt man ihm die in seinen Briefen öfter anzutreffende Äußerung gern: er sei, von Beschäftigung zugedeckt und überschüttet, nicht eher zum Schreiben gekommen 27). Glareans Burse war eine gesuchte Adresse, gesucht besonders von Schweizer Patriziern, die ihre Söhne gern in seine Obhut gaben und deren Söhne im übrigen von sich aus gern z. B. von Wien nach Basel zogen — zu Glarean 28). Er war ein Lehrer, der in der Sache streng, auf die Eigeninitiative seiner Zöglinge achtete: „Ich bin nicht einer“, sagt Glarean, „der seinen Schülern alles und jedes vorträgt, ich bin aber der Anlaß, daß sie sich auf die Wissenschaften und Künste verlegen. Denn sie fürchten mich und mich betrübt zu haben, achten sie einer Schuld gleich.“29 Folgende Briefstelle wirft auf den engagierten Pädagogen Glarean ein bezeichnendes Licht. Glarean war von 1517 bis 1522 mit eidgenössischer Unterstützung und einem französisch-königlichen Stipendium von jährlich 150 Franken zwecks Beaufsichtigung und Unterrichtung der Schweizer Zöglinge nach Paris übergesiedelt. Unverhofft wurde die hochrenommierte, aber schlecht dotierte Stelle des (französisch-)königlichen Poeten frei, und König Franz I. versprach dem Glarean, sie ihm zu übertragen. Doch ohne das Votum der Schatzmeister wollte der realistische Glarean auf das königliche Wort nichts geben, schon gar nicht wollte er dafür — was die Kanzlei verlangte—seine Burse aufgeben. „Wenn ich eines aufgeben muß, will ich lieber die Poetenstellen lassen als die Schweizer Jungen. Denn“ — und jetzt folgt die eigentlich überraschende und aufschlußreiche Begründung — „ich habe etliche Jugendliche von den Schweizern bei mir, die in griechischer und lateinischer Sprache nicht weniger gelehrt sind als ich selber …“30) Das also war sein Stolz. Die ihm anvertrauten Jugendlichen nach Kräften zu fördern, ging ihm über alles. Der pädagogisch ausgerichtete oberrheinische Humanismus hat in Glarean einen hervorragenden Vertreter gefunden.

1522 kehrte Glarean nach Basel zurück. Hier erlebte er—der bisher Erasmus‘ reformerische Schriften mit derselben Zustimmung und Begeisterung gelesen hatte wie die reformatorischen Schriften Luthers —, was er schon bei seinem Eintreffen in Basel befürchtete: das Auseinander-treten beider Richtungen31). Er lastete es zunächst weniger Luther und Zwingli als vielmehr ihren übereifrigen Jüngern an, vor allem Oekolampad. 1524 war Glareans Stellung eindeutig; er ging nicht den Weg der Reformatoren 32). Am 20. Februar 1529 verließ er mit etlichen seiner Zöglinge unter Absingen des Liedes Veteres migrate Coloni („Wandert aus, ihr alten Siedler“) die Stadt Basel, weil dort die neugläubige Mehrheit der Bürgerschaft mit Gewalt auf die gründliche Durchführung der Reformation drang.33). Glarean erhielt den Poetik-Lehrstuhl in Freiburg und eröffnete wiederum eine Burse. Freiburg wurde damals der Zufluchtsort auch des greisen Erasmus wie des Basler Domkapitels.

Glarean, der noch 34 Jahre lang in Freiburg wirken sollte, seine Burse und seine Vorlesungen an der Universität, erhielten in den folgenden Jahren regen Zulauf, die Burse besonders von Adeligen (die übrigens nicht immer die erwünschte Zurückhaltung an den Tag legten). Die Sorge um seine Zöglinge war es auch, die Glarean samt seinen Glareanisten 1535 nach Villingen führte, aber nicht nur sie. Denn in Freiburg machte sich die Pest bemerkbar, und die ganze Universität mußte sich sorgen 34).

Pestzeiten waren für die Universitäten stets ein großes Problem, kehrte die Pest (wie man jede Epidemie nannte) in kürzeren Abständen wieder, wurde sie gar zu einem Existenzproblem. Denn die Immatrikulationen gingen rapide zurück, die Universitätsangehörigen flohen nach allen Himmelsrichtungen, womöglich an konkurrierende Universitäten, und es dauerte jedesmal lange, bis ein geordneter Lehrbetrieb wieder zustande kam. Schnell fliehen, weit wegziehen, nur langsam zurückkehren, lautete das Rezept, nach dem man sich schützte. Die Universitäten mußten, um ihre Funktionsfähigkeit aufrecht zu erhalten und anstatt ihre Pforten zu schließen, die ungeordnete Flucht durch eine geordnete Verlegung ersetzen. Doch wohin? Eine Verlegung war nicht allein für die Universität ein Problem, das ihre Rechtsstellung, ihre Organisation und ihre Finanzen betraf, sondern stellte auch an die aufnehmende Stadt hohe Anforderungen — an ihre Fähigkeit und Bereitwilligkeit, plötzlich und auf Zeit Universitätsstadt zu werden. Sie mußte genügend Unterkünfte und für einen Lehrbetrieb geeignete Räume bieten; sie mußte zudem bereit sein, der rechtlich weitgehend selbständigen Körperschaft der Universität Gastrecht in ihren Mauern zu gewähren.

 

Universitätslehrer und Studenten. Holzschnitt aus Brunschwig „Chirurgia“, 1497

 

 

Musikinstrumente aus Glareans Zeit. (Sammlung Christian Patt, Malix, Kanton Graubünden.)

 

Die Universität Freiburg hatte sich nach trüben Erfahrungen mit der ungeregelten Pestflucht von Kaiser Maximilian vorsorglich ein Privileg verschafft, das sie bei Pestzeiten auf dreizehn vorderösterreichische Städte verwies: auf Ensisheim, Thann, Neuenburg, Breisach, Endingen, Waldkirch, Villingen, Radolfzell, Riedlingen, Saulgau, Mengen, Ehingen oder Munderkingen. Von diesen hat sich allein Villingen als fähig und willig erwiesen, Neuenburg zeigte sich unwillig und Mengen ungeeignet, Universitätsstadt auf Zeit zu sein. Ausschlaggebend war nicht allein die Bereitschaft des Villinger Rates, sondern auch die der Franziskaner, die über die geeigneten Räumlichkeiten und eine ansehnliche Bibliothek verfügten, und schließlich auch die Tatsache, daß der Universität Freiburg seit ihrer Gründungszeit Naturaleinkünfte in Villingen, der in die Universitätsscheuer gesammelte halbe Kornzehnt, zustanden. Der Universitätsgründer Herzog Albrecht Vl. hatte diese Einkünfte dem Gründungsrektor der Freiburger Universität Matthäus Hummel, einem Villinger, 1457 verbrieft. Daß Herzog Albrecht damit etwas verschenkte, was ihm überhaupt nicht gehörte, sondern lediglich zur Bestreitung seiner Hofhaltung in Villingen zeitweilig von der Stadt überlassen worden war, so daß die Universität schon bald gegen ihren Gründer prozessierte35), steht auf einem andern Blatt, einem Blatt aus dem Kapitel „fürstliche Zusagen“, die Glarean so realistisch einzuschätzen wußte. Kurzum: wenn die Freiburger Universität im 16. und 17. Jahrhundert mehrfach in Villingen Zuflucht fand, kehrte sie gewissermaßen an ihren Ausgangspunkt zurück. Denn in Villingen, nicht in Freiburg, hatte Herzog Albrecht Vl. 1455 dem 30jährigen Dr. jur. und Dr. med. Matthäus Hummel den Auftrag erteilt, die päpstliche Errichtungsgenehmigung zu vollziehen, und er hatte damit in seinen Landen den universitären Gründungsvorgang eingeleitet, und zwar sehr wahrscheinlich hier im Franziskaner-kloster, das für geistliche und weltliche Anlässe einen Mittelpunkt des städtischen Lebens bildete und bei Bedarf Fürsten und den Kaiser beherbergte36).

1535 kam es erstmals zu einer geordneten Verlegung des Universitätsunterrichts. Glarean hielt die Lage in Freiburg zwar nicht für so bedrohlich wie die übrigen Professoren, doch mit Rücksicht auf seine Zöglinge — die Jugend lasse sich rasch in Schrecken versetzen37) — verlegte auch er seine Burse für mehrere Wochen nach Villingen. 1540 jedoch war die Bedrohung in Freiburg ernster. Die Universität sondierte wiederum in Villingen, aber der Rat war diesmal nicht sogleich bereit — wohl weil fünf Jahre zuvor ein Magister evangelisch gepredigt und damit eine der Aufnahmebedingungen verletzt hatte. Der altgläubige Rat fürchtete nämlich „bey diesen sorgklichen irrsa-len des Glaubens“, der des Luthertums verdächtige, mit der „lautherisch […] sect 1…1 befleckt(e)“ Franziskaner-provinzial Bartholomäus Hermann, der bis 1545 amtete, könne versuchen, über das Franziskaner- und das Klarissenkloster die Religionsverhältnisse „under dem Stadtvolk zu villingen“ umzustürzen. Im Zusammenspiel mit König Ferdinand und der vorderösterreichischen Regierung stützte der Rat den Kustos Heinrich Stolleysen gegen seinen Ordensvorgesetzten, den verdächtigen Provinzial 38). Stolleysen, aus Villingen gebürtig und aus dem Villinger Konvent hervorgegangen, hat damals, in den 1530er Jahren, die beiden Villinger Klöster bei der altgläubigen Stange gehalten. Von Glarean, der sich oft sehr drastisch über die von ihm so benannten „Hellvan-gelischen“ zu äußern beliebte 39), und von seinen zum täglichen Meßbesuch angehaltenen Zöglingen‘) haben die Villinger indes nichts befürchtet; sie haben ihnen, die schon von Freiburg nach Neuenburg ausgewichen, aber auch dort der Pest nicht entkommen waren41), 1541 alsbald die Tore geöffnet. Weil dann sehr viele Scholaren nach Villingen nachkamen, wurde Glarean mit den Vollmachten eines Vizerektors ausgestattet; er hatte in Villingen die Universitätsmatrikel zu führen. Aus dieser Zeit datiert auch der einzige aus Villingen abgesandte Brief Glareans, der sich erhalten hat. Er ist an seinen ehemaligen Schüler, nun Solothurner Stiftspropst, Johannes Aal gerichtet. „Du wunderst Dich vielleicht,“ beginnt Glarean, „warum Dir aus dem Schwarzwald ein Brief zukommt … Doch hör auf, Dich zu wundern: Glarean wohnt jetzt dort, was Du wohl kaum gedacht hättest, und er wohnt angenehm. Der Grund (die Pest) ist Dir natürlich bekannt. Mir geht es gut mit meinem ganzen Anhang (d.h. der Familie und den Zöglingen), Gott sei Dank.“ So am 12. August 1541 aus Villingen42). Erst im Februar des folgenden Jahres kehrte die Universität nach Freiburg zurück. Zwölf Jahre später, 1553, machte die Pest eine neuerliche Verlegung notwendig; wieder wandte sich die Universität an den Villinger Rat, der diesmal keinerlei Bedenken trug und wie schon früher das Franziskanerkloster als zentrale Stätte für die Vorlesungen anbot. Die Universität zog umgehend hinauf, wiederum für ungefähr ein Dreivierteljahr. Damals begann der 65jährige Glarean, obwohl durchaus noch rüstig —“ich vertrage das Essen gut, ich schlafe gut, über mein Alter kann ich mich, Gott sei Dank, überhaupt nicht beklagen, außer daß mir das Reisen lästig ist“ — die Zeitläufe immer schwärzer zu sehen43), obwohl ihm gerade in Villingen das Wirken des Heinrich Stolleysen, inzwischen Ordensprovinzial, der die Ordensprovinz bis nach Solothurn wirkungsvoll stabilisierte, hätte Mut machen können. Erst 1560 zog sich der nun 72jährige Glarean, der zunehmend erblindete, vom Lehramt zurück.

Bei der nächsten Pestflucht der Universität 1564/65 war Glarean schon nicht mehr am Leben. 1563 ist er fast 75jährig gestorben. Er wurde wunschgemäß im Freiburger Dominikanerkloster begraben, in dessen Nähe er, der fast täglich die Messe besuchte, gewohnt hatte 44). Der Gesang des Dominikanerordens entsprach seiner Meinung nach den altkirchlichen Normen am besten 45). Hier wollte er—so die würdige Gedenktafel der Universität, die heute im Freiburger Münster noch zu sehen ist, —den Tag seiner Auferstehung erwarten 46).

1564 und 1576 wählte die Universität aus unbekannten Gründen nicht Villingen als Zufluchtsort, sondern Mengen und Radolfzell, 1583/84 jedoch wieder Villingen —obwohl es auch hier einen Pestfall gab. Die letzten beiden Verlegungen der Universität, 1594/95 und 1610 bis 1611, beide nach Villingen, waren die umfänglichsten und geordnetsten. Jedesmal fungierte das Franziskaner-kloster als Ersatz-Universität, wofür die Universität endlich ihren Dank abstatte: 1584 in Gestalt eines silberbeschlagenen Meßbuches, 1595 durch die Stiftung eines Fensters für die Klosterkirche, das das Wappen der Universität auf Dauer zeigen sollte — dort, von wo ihre Gründung ausgegangen war und wo sie sich über Pestzeiten hinweg hatte erhalten können.

Mit der Universität hatte Villingen auch ihrem damals zweifellos vielseitigsten Gelehrten, Glarean, Gastrecht gewährt, der es hier nicht anders gehalten haben wird als in Basel, Paris und Freiburg, wo er griechische und lateinische Dichter und Geschichtsschreiber mit engagiertem Bezug auf die Gegenwart erläuterte, antike und eigene lateinische Dichtung in eigner Vertonung vortrug; in griechischer und hebräischer Sprache, in Astronomie, Geographie, Geometrie, Arithmetik und Musik auf unorthodoxe und lebendige Weise unterrichtete47). Villingen hat in Glarean einem Pädagogen Gastrecht gewährt, dessen Schüler, dem Wort eines Zeitgenossen zufolge, in allen Gegenden des Reiches zu finden waren48) —selbst Adlige aus Nizza lernten bei ihm in Villingen 49) – , dessen philologische und historische, geographische und musikwissenschaftliche Werke, vielfach nachgedruckt von Wien bis Paris50) lange über seinen Tod hinaus benutzt wurden und gewirkt haben und an den heute, 1988, zu erinnern neben seinem Glarner Geburtsort Mollis und seinen Sterbeort Freiburg auch sein gastfreundlicher und von ihm selbst als angenehm gepriesener Zufluchtsort Villingen Anlaß hat.

Fußnoten

1)Wiedergabe eines Vortrags, der am 4. Juni 1988 in Villingen gehalten wurde anläßlich der „Veranstaltung zur 500. Wiederkehr des Geburtstages des Schweizer Humanisten Heinrich Loriti genannt Glareanus 1488 —1563“. Der Wortlaut des Vortrages ist beibehalten und wird hier durch Anmerkungen ergänzt. Für Anregungen und Informationen danke ich Herrn Dr. Wilhem Binder und Herrn Stadt-archivdirektor Dr. Joseph Fuchs, beide Villingen, sehr herzlich.

2) Glareani Dodekachordon, Basel, Heinrich Petri, 1547 (verkleinerter Nachdruck: Glareanus Henricus Loritus, Dodecachordon, Hildesheim — New York, Georg Olms, 1969), S. 266, 268 — 271. Vgl. auch Heinrich Glarean, Dodecachordon. Translation, Transcription and Commentary by Clement A. Miller (= Musicological Studies and Documents VI), American Institute of Musicology 1965 und Glareani Dodecachordon, Basileae MDXLVII. übersetzt und übertragen von Peter Bohn (= Publikationen älterer praktischer und theoretischer Musikwerke, hg. von der Gesellschaft für Musikforschung, XVI), Leipzig 1888. — Zur musikgeschichtlichen Einordnung durch Glarean vgl. Ernst Lichtenhahn, „Ars perfecta“ — zu Glareans Auffassung von der Musikgeschichte, in: Festschrift Arnold Geering zum 70. Geburtstag, hg. v. Victor Ravizza, S. 129 — 138, bes. S. 131.

3) Das Fest wurde 1263 durch den Franziskanerorden eingeführt und 1389 auf die ganze Kirche ausgedehnt.

4) Original in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe; Katalog 1966, bearb. von Karl Lauts, Alte Meister, Kat. Nr. 36 /37. Reproduktion im Franziskaner, Villingen. Zuweisung an Martinus Schwarz: Eike Oellermann, Die Bedeutung des Malers Martinus Schwarz im Frühwerk Riemenschneiders. In: Tilman Riemenschneider: frühe Werke. Ausstellung im Mainfränkischen Museum Würzburg … 1981. Regensburg 1981, S. 285 — 302, hier bes. S. 295.

5) Vgl. dazu Reinhold Hammerstein, Die Musik der Engel. Untersuchungen zur Musikanschauung des Mittelalters. Bern-München 1962.

6) Coelum Empirium immobile animarum beatorum spaciamentum, ut Theologi vocant So Glarean im Manuskript seiner Geographia von 1510/20. Im Holzschnitt des Druckes heißt es lediglich Coelum Empyreum. Die Abbildungen sind einander gegenübergestellt bei Anton Dürst, Glarean als Geograph und Mathematiker. In: Rudolf Aschmann u. a., Der Humanist Heinrich Loriti genannt Glarean 1488 — 1563. Beiträge zu seinem Leben und Werk. Ortsmuseum Mollis 1983, S. 119 —144, hier S. 132f.

7) Bernhard Meier, Heinrich Loriti Glareanus als Musiktheoretiker. In: Clemens Bauer u.a., Aufsätze zur Freiburger Wissenschafts- und Universitätsgeschichte (= Beiträge zur Freiburger Wissenschafts-und Universitätsgeschichte 22), Freiburg i. Br. 1960, S. 65 —112, hier bes. S. 83 f.

8) Dedikation an Otto von Waldburg, Bischof von Augsburg, (1543 —1573) und Kardinal (seit 1544) im Dodekachordon (wie Anm. 1), fol. a 2′ — a 3′. — In Briefen an Aegidius Tschudi vom 1. 9.1550, 26.12.1550 und 5.4.1553 nennt Glarean Bischöfe und etliche Äbte verschiedener Orden in der Schweiz und in Schwaben, denen er das Dodekachordon zugesandt habe, so dem Abt von Kreuzlingen, Georg Tschudi, sowie den Äbten von Wettingen, St. Gallen, Muri, St. Urban (bei Luzern) und Rheinau (Briefe Glareans an Aegidius Tschudi, hg. von Emil Franz Josef Müller, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 27, 1933, S. 289 — 293; 28, 1934, S. 34 — 36; Fritzsche, wie Anm. 17, S.115). Von den erhaltenen Exemplaren sind hier die in der Kantonsbibliothek von Solothurn befindlichen zu nennen, die Glarean dem Abt von Murbach und dem Solothurner Stiftspropst Johannes Aal gewidmet hat (Tatarinoff, wie Anm. 9, S. 47 f.), sowie das Exemplar der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart (Sign.: Schöne Künste M fol.), das Glarean 1554, sorgfältig korrigiert, an Christoph Metzler, Bischof von Konstanz und Abt des Klosters Reichenau, übersandt hat. Vgl. auch Rudolf Aschmann, Glarean als Musiktheoretiker. In: Ders. u.a. (wie Anm. 6), S. 145 —186, hier S. 169.

9) Glarean im Widmungsbrief des Dodekachordon (wie Anm. 8); ähnlich Glareans Äußerungen im Brief an seinen ehemaligen Freiburger Schüler Johannes Aal vom 3.1.1540, der den Abschluß des Werkes meldet; E. Tatarinoff (Hg.), Die Briefe Glareans an Johannes Aal. Solothurn 1895 (= Urkundio. Beiträge zur vaterländischen Geschichtsforschung vornehmlich aus der nordwestlichen Schweiz, hg. vom Historischen Verein des Kantons Solothurn II, 3), S. 20 ff.

10) Meier (wie Anm. 7) S. 97 ff.

11) Auß Glareani Musick ein ußzug …, Basel, Heinrich Petri, 1559 (Nachdruck Leipzig 1975), fol. +

12) Ebd. fol. + 3″ —+ 4′ — München, UB, Cod. 324 fol. 3, Teilabdruck bei 0. F. Fritzsche (wie Anm. 17), S. 129 — Arnold Geering, Die Vokalmusik in der Schweiz zur Zeit der Reformation. Leben und Werke von Bartholomäus Frank, Johannes Wannenmacher, Cosmas Alder (= Schweizerisches Jahrbuch für Musikwissenschaft 6), Aarau 1933, S. 31 — 37.

13) So Glarean im heutigen Stuttgarter Exemplar (s. Anm. 8). Es enthält von Glareans Hand auf der Versoseite des Titelblattes neben einer Errata-Liste und dem Hinweis auf seine eigenhändigen Korrekturen besonders im 4. Teil, wo die Fehler in den Noten der von anderen Autoren stammenden Musikbeispiele ihm besonders peinlich sind, folgende Stellungnahme: Major sane Typographorum pars, ac totus ipsoum, qui in officinis degit populus Lutheranus est. Itaque ü ut rapaces lupi ovem, ita hoc opus tractarunt. Sed mihi vindicta, inquit Dominus. (Freilich ist die Mehrheit der Druckherren sowie das ganze Volk derer, die in den Offizinen arbeiten — nämlich die Setzer, Korrektoren und Drucker; Verf. — , Lutheranervolk. Und darum haben sie dieses Werk behandelt wie die reißenden Wölfe das Schaf. Doch mein ist die Rache, spricht der Herr. Vgl. Röm. 12, 19; Hebr. 10, 30.) — Auf einem diesem Exemplar am Ende beigefügten, auf 1554 datierten Blatt gibt Glarean eine weitere große Errata-Liste und bemerkt dazu: In ipsis erratis a librario multa quoque male excusa sunt, quae manu nostra notata visuntur. Adeo nihil puduit eos, qui volumen hoc excuderunt, cum emendatissimum ipsius authoris exemplar habuerint, ita procurante haud dubie maligno spiritu, qui opus hoc ad Dei Op. Maximique honorem editum impediret, ne emendatius in hominum manus veniret. Sed vivit Dominus cuius nomen benedictum in Secula. Amen. (Selbst in den Errata ist vom Drucker auch noch vieles schlecht ausgedruckt worden, was man von unserer Hand angemerkt sieht. So wenig haben sich die Drucker dieses Bandes geschämt, obwohl sie doch eine höchst sorgfältige Druckvorlage des Autors hatten; zweifellos auf Anstiften des bösen Geistes, der verhindern wollte, daß dieses zur Ehre Gottes herausgegebene Werk fehlerfreier in die Hände der Menschen gelangte. Doch es lebt der Herr, dessen Name gepriesen sei in Ewigkeit.)

14) Brief an Johannes Aal, hg. von E. Tatarinoff (wie Anm. 9), S. 20 f. Es fehlten nur noch einige Musikbeispiele.

15) K. Rothenhäusler, Die Abteien und Stifte des Herzogthums Württemberg im Zeitalter der Reformation. Stuttgart 1886, S. 166 — 177. — H.—J. Wollasch, in: Die Benediktinerklöster in Baden-Württemberg, bearb. von F. Quarthal (= Germania Benedictina V), St. Ottilien 1975 (2 1987), S. 242 — 253.

16) Vgl. Glareans Vorwort, in der übersetzung von P. Bohn (wie Anm. 2) S. XI f.; zur Verwendung für die Boethius-Ausgabe von 1546 vgl. Fritzsche (wie Anm. 17), S. 110 (wo Fritzsche das Kloster St. Georgen allerdings im Harz lokalisiert). Dieser Codex, der besonders wertvoll war wegen des Musiktraktats des St. Georgener Abtes Theoger (1088 —119), verbrannte 1768, nachdem Martin Gerbert ihn noch in St. Blasien hatte benutzen können; er verbrannte in St. Blasien, nicht — wie Bohn angibt — in St. Georgen. Vgl. H.—J. Wollasch (wie Anm. 15), S. 248.

17) Heinrich Schreiber, Heinrich Loriti Glareanus, Freiburg 1837. — Otto Fridolin Fritzsche, Glarean. Sein Leben und seine Schriften. Frauenfeld 1890. — Josef Bütler, Männer im Sturm. Vier Lebensbilder mit ergänzenden Texten. Luzern 1948, S. 15 — 88, 331 1. — Aschmann u. a. (wie Anm. 6). — Fritz Büsser, —Henricus Glareanus of Glarus“, in: Peter G. Bietenholz, Ed., Contemporeries of Erasmus 2, Toronto 1986, S. 105-108.

18) Elisabeth Landolt in: Erasmus von Rotterdam, [Katalog zur] Ausstellung zum 450. Todestag des Erasmus von Rotterdam, veranstaltet vom Historischen Museum Basel, Basel 1986, S. 158 f.

19) Vgl. Briefe Sebastian Münsters, Lateinisch und Deutsch, hg. und übersetzt von Karl Heinz Burmeister, o.O. 1964, Briefe Nr. 4, 5, 27. — K.H. Burmeister, Sebastian Münster (= Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 91), Basel-Stuttgart 1963, S. 116, bes. S. 134: „Im ganzen kann man von einer langjährigen Anteilnahme Glareans an Münsters Werk sprechen, die mit richtungsweisend für die historische Auffassung der Kosmographie geworden ist.“

20) Epistolae obscurorum virorum, hg. von Aloys Bömer, 2 Bde., Heidelberg 1924, Bd. 1, S. 20, 49, 88 f., Bd. 2, S. 108 (Ep. II, 9, Z. 27 —29), S. 155 f. (Ep. II, 38). — Zwingli, Briefwechsel 1, hg. v. Egli (wie Anm. 27), S. 247 f.

21) Möglicherweise wurde Glarean zuerst in Bern bei Röttli unterrichtet, wo Röttli vor (und wiederum nach) seiner Rottweiler Tätigkeit unterrichtete. Zu den teils unklaren, teils widersprüchlichen Angaben über eine Berner Schulzeit Glareans und über die Dauer seiner Rottweiler Schulzeit vgl. E.F.J. Müller in der Einleitung zu K. Müller-H. Keller (Hgg.), Glarean, Das Epos vom Heldenkampf bei Näfels und andere bisher ungedruckte Gedichte, in: Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus 53, 1949, S. 1 —175, hier S. 24 Anm. 4. Zu Röttli s. Adolf Fluri, Die Bernische Stadtschule und ihre Vorsteher bis zur Reformation. Berner Taschenbuch 1893 —1894, Bern 1894, S. 103; D.—J. de Groot, Melchior Volmar. Ses rélations avec les réformateurs francais et suisses. Bulletin [de la] Société de l’histoire du Protestantisme francais 83, 1934, S. 416 — 439, hier S. 417.

22) Henricus Glareanus, Helvetiae Descriptio Panegyricum, hg. und übersetzt von Werner Näf, St. Gallen 1948, Z. 49-51 (ohne Seitenzahlen). Verse auf Rottweil nach dem Weggang des Röttli nach Bern in Glareans autobiographischen Versen über seine Reise in die Heimat s. Glarean, Das Epos vom Heldenkampf bei Näfels (wie Anm. 21), S. 122 ff., weitere Verse In Laudem Erytropolis (= Rottweil) Civitatis clarissimae ebd. S. 20 Anm. 2.

23) Glarean, Das Epos vom Heldenkampf bei Näfels (wie Anm. 21), S. 88 f.,Z. 453 f.

24) Der aus diesem Anlaß 1512 herausgegebene Druck des auf dem Kölner Reichstag vorgesungenen carmen panegyricum Glareans samt Begleittexten ist bibliographisch beschrieben bei Schreiber, Heinrich Loriti Glareanus (wie Anm. 17), S.118 f. — Die auf mehreren Reichstagen vollzogenen Dichterkrönungen waren keine spontanen Handlungen des Kaisers, sondern sowohl seitens des Dichters als auch des Hofes — im Fall Glareans durch den kaiserlichen Rat Baltha-sar Merklin — sorgfältig vorbereitete und in das Reichstagszeremo-niell einbezogene Akte. — Daß Glarean auch eigene Schriften im Unterricht behandelt hat, macht E.F.J. Müller (wie Anm. 21), S. 9 ff. anhand des Münchener Glarean-Codex (clm 28325) wahrscheinlich.

25) Erasmus von Rotterdam, Novum Instrumentum, Basel 1516, Faksimile-Neudruck Stuttgart-Bad Cannstatt 1986, S. 555. Dies ist die prominenteste Stelle unter den lobenden Äußerungen des Erasmus über Glarean. Zu ihrer beider Verhältnis vgl. zuletzt F. Büsse (wie Anm. 17).

26) An Zusammenstellungen der Schüler Glareans liegen vor: Marc Sieber, Glarean in Basel, in: 60. Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus, 1963, S. 53-75. Albert Büchi, Glareans Schüler in Paris (1517-1522) nebst 15 ungedruckten Briefen, in: Der Geschichtsfreund. Mitteilungen des Historischen Vereins der fünf Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug 83, 1928, S. 150209. Vor allem die Freiburger Zeit Glareans bedürfte hier noch der systematischen Aufarbeitung.

27) Vgl. z. B. die Briefe an Zwingli (Briefwechsel Bd. 1, hg. von Emil Egli, Zürich 1911, Corpus Reformatorum Bd. 94) S. 42, an Johannes Aal bei Tatarinoff (wie Anm. 9), S. 7, 38; an Aegidius Tschudi bei Müller (wie Anm. 8) 1933, S. 220.

28) Zwingli, Briefwechsel 1 (wie Anm. 27), S. 64.

29) Brief Glareans an Peter Falk in Freiburg i.Ue., Paris, 6.8.1518, in: Josef Zimmermann, Sechs unbekannte Schreiben Glareans, in: Freiburger Geschichtsblätter 9, 1902, S. 157-178, hier S. 167.

30) Brief Glareans an Peter Falk, Paris, 5.7.1518, ebd. S. 162: Certum est, Regem propria voce me declarasse Poetam Regium. Verum quamdiu Thesaurarii nihil scribunt, nihil numerant, ego rei parum tribuerim. Scripsi item et Domino Renato et Domino Cancellario me nolle poeticen, si alterum stipendium defalcare velint, mallem me habere curam Helvetiorum puerorum minore stipendio, quam poeticen maiori    Quod si unum est relinquendum, malim equidem poeticen relinquere quam Helvetiorum pueros. Nam habeo aliquot mecum invenes ex Helvetiis, graece et latine non minus doctos quam ego sim, quanquam parum est quod ego teneam. — Vgl. auch den Brief Glareans an Oswald Myconius, Paris, 25.10.1518, abgedruckt bei Büchi, Glareans Schüler in Paris (wie Anm. 26), S. 179.

31) Brief Glareans an Zwingli, Basel, 4.3.1522, hg. von Egli (wie Anm. 27), S. 494 f.; Glarean an Vadian, Basel, 18.1.1523, in: Die Vadianische Briefsammlung der Stadtbibliothek St. Gallen III, hg. von Emil Arbenz (= Mitteilungen zur vaterländischen Geschichte 27, 3. Folge 7, hg. v. Hist. Verein St. Gallen) 1897, Nr. 334, S. 1 f.

32) Im Herbst 1524, als sich am Oberrhein die Fronten klärten, hatte Jakob Wimpfeling, der sich damals um die Stabilisierung der altgläubigen Front bemühte, einen (heute verlorenen) Brief Glareans mit Klagen über die Lutheraner in Händen, den er dem Straßburger Kanoniker Sixt Hermann mit der Bitte um Rückgabe zusandte. Sixt Hermann war damals der entschiedenste Gegner der die Reformation begünstigenden Politik des Straßburger Rates. Vgl. Jakob Wimpfeling, Briefwechsel. Eingeleitet, kommentiert und hg. von Otto Herding und Dieter Mertens, im Druck, Brief Nr. 357. Zur gleichen Zeit endet der Briefwechsel zwischen Glaren und Mykonius, und im Frühjahr 1525 erkennt Zwingli, dem Glarean sich noch 1523 eng verbunden zeigt, bei seinem nun ehemaligen Freund lauter Bosheit und Gift; Zwingli an Vadian, Zürich, 28.5.1525, hg. von Arbenz (wie Anm. 31), S. 115 f.

33) Sieber, Glarean in Basel (wie Anm. 26) S. 70 mit Anm. 77.

34) Für das Folgende ist, soweit keine anderen Nachweise gegeben werden, die bei Otto Herding angefertigte, ungedruckte Zulassungsarbeit zur wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien von Richard Faller, Eine Analyse der Verlegungen der Universität Freiburg in Zeiten der Pest, Freiburg i. Br. 1973, herangezogen worden. Eine Zusammenfassung dieser Arbeit erschien als Veröffentlichung des Stadtarchivs Villingen, hg. von Joseph Fuchs: R. Faller, Die Pestflucht der Universität Freiburg nah Villingen, Villingen-Schwenningen 1986. Was die Erfahrungen des Bursenleiters Glarean mit der Pestflucht anbetrifft, so ist darauf zu verweisen, daß er schon im Herbst 1519 mitsamt dem contubernium seiner Schweizer Zöglinge wegen der Pest von Paris ad Marnam viculum in dpa Sequanae situm — damit ist wohl das Dorf Mamay—s.Seine oberhalb von Nogent—s.Seine gemeint— gezogen ist. Vgl. den Brief des Beatus Rhenanus .an Wilhelm Nesen, vermutlich vom Herbst 1519, in: Briefwechsel des Beatus Rhenanus, hg. von Adalbert Horawitz und Karl Hartfelder, Leipzig 1886 (Nachdruck Hildesheim 1966), Nr. 132, S. 185 f.

35) Clemens Bauer, Die wirtschaftliche Ausstattung der Freiburger Universität in ihrer Gründungsperiode, in: Ders. u.a., Aufsätze (wie Anm. 7), S. 9-64, hier S. 13 f.

36) Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Villingen i.Schw. 1964, S. 140 ff.

37) Brief Glareans an Tschudi (Freiburg), 4.1.1536, hg. von Müller (wie Anm. 8) 1933, S. 222 f.

38) Konrad Eubel, Geschichte der oberdeutschen (Straßburger) Minoriten-Provinz, Würzburg 1886, S. 300 f., Anm. 317.

39) Besonders polemisch drückte sich Glarean in den an Aegidius Tschudi gerichteten Briefen aus, die persönlicher gehalten sind als seine übrige Korrespondenz. Hel(1)vangelici: Glarean an Tschudi, hg. von Müller (wie Anm. 8) 1933, S. 283; 1934, S. 128, 187. Die Standardformel für Glareans Urteil über die Neugläubigen scheint gelautet zu haben, sie führten das Evangelium nur im Munde, im Herzen jedoch den Teufel; vgl. Glarean über Oekolampadius in seinem autobiographischen Gedicht, in: E.F.J. Müller, K. Müller, H. Keller, Glarean. Das Epos vom Heldenkampf (wie Anm. 21), S. 160 Z. 94 f.; ähnlich die bei Schreiber (wie Anm. 17) S. 89, Anm. 215 zitierte Stelle; Tschudi ist für Glarean das entsprechende Gegenteil: re et nomine christianus, non ore tantum evangelicus; Glarean an Tschudi, 3.6.1558, hg. von Müller (wie Anm. 8) 1934, S. 126.

40) Bischof Johann Fabri von Wien, der aus seiner Zeit als Basler Offizial (1513-1518) Glarean kannte, an König Ferdinand, März 1532, abgedruckt bei Müller (wie Anm. 8) 1933, S. 111, Anm. 4.

41) Am 7.1.1541 hatte Glarean aus Neuenburg a.Rh. an Bonifacius Amerbach geschrieben; am 6.5.1541 berichtet Beatus Rhenanus an Amerbach, Glarean sei wegen der Pest von Neuenburg nach Hause zurückgekehrt. Vgl. Alfred Hartmann, Hg., Die Amerbachkorre-spondenz V, Basel 1958, Nr. 2431, S. 316 f.; Nr. 2440, S. 324.

42) Brief Glareans an Johannes Aal, Villingen, 12.8.1541, hg. von Tatarinoff (wie Anm. 9), S. 24. Er lautet in deutscher übersetzung: „Du wunderst Dich vielleicht, warum Dir aus dem Hercynischen Wald ein Brief zukommt, liebster Herr Johannes. Aber hör auf, Dich zu wundern, Glarean wohnt nun hier, was Du kaum gedacht hättest, und er wohnt bequem. Der Grund ist Dir ohne Zweifel bekannt. Ich wünsche, daß es Dir weiterhin gutgeht, zusammen mit Eurer ganzen Stadt (Solothurn), vor allem dem Sekretär, Herrn Georg, den Du in meinem Namen vielmals grüßen sollst. Dem Überbringer dieses Briefes der Herren Barone von Boleo, die in Nizza wohnen, einer Stadt zwischen Genua und Marseille, am Fluß Var, der Italien von der Gallia Narbonensis (Provence) scheidet— zwei Barone wohnen bei mir —, habe ich einen Brief an den Ratsherren Brandenburger in Freiburg im Uechtland mitgegeben, damit er ihn Dir aushändigt, wenn er etwa auf einem anderen Weg — durch das Gebiet der Salassier (gemeint ist der Leberberg) oder über die steilen Höhen der Juraberge, nicht aber über Freiburg (i.Ue.) reisen will. Wenn er aber über Bern und Freiburg reisen wird, wird Deine Hilfe nicht nötig sein, denn dann wird er es selbst tun. Du leb wohl und bleib mir gewogen. Villingen im Hercynischen Wald, den 12. August im Jahr 1541 seit Christi Geburt. — Wenn Herr Dr. Johannes Zink den Posten angenommen hat und bei Euch wohnt, grüßt ihn vielmals von mir,“

43) Brief Glareans an Aegidus Tschudi vom 5.4.1553, hg. von Müller (wie Anm. 8) 1934, S. 34 f.

44) Zu den Frömmigkeitsformen Glareans s. Müller (wie Anm. 8) 1933, S. 111 Anm. 4 — Zu Glareans Wohnungen, die allesamt in der Nähe des Predigerklosters lagen: Das Haus, das Glaren nachweisbar seit September 1530 (Fritzsche, wie Anm. 17, S. 54 Anm. 2) bewohnte und, um nicht ausziehen zu müssen, 1538 um 370 Gulden von den Herren von Staufen kaufte (Brief an Johannes Aal, Freiburg 11.11.1538, hg. v. Tatarinoff, wie Anm. 9, S. 15), war das Haus Zum Arbeiter (Merianstr. 9, vgl. Hermann Flamm, Geschichtliche Ortsbeschreibung der Stadt Freiburg i. Br., Bd. 2, Freiburg i. Br. 1903, Nachdruck 1978, S. 178). Dr. Martin Kügelin, der sich 1543 über den Lärm der Zöglinge Glareans beschwerte (Schreiber, wie Anm. 17, S. 84 Anm. 204), bewohnte das Nachbarhaus Zum großen und kleinen Pfeffer (Merianstr. 11, s. Flamm ebd.). Der von Glarean 1543 angekündigte Umzug und der am 7.7.1544 reversierte neuerliche Hauskauf bezieht sich auf das Haus Zum kleinen Christophel (Merianstr. 19, vgl. Schreiber S. 84 Anm. 206 und Flamm S. 180). Das Haus Zum Arbeiter blieb jedoch im Besitz Glareans. Denn in diesem Haus, das Glarean in seinem zwar undatierten Testament dem Neffen Jakob Loriti (ganz oder teilweise?) vermachte (Müller, wie Anm. 8, 1934, S. 190 f.), sind jedoch 1563 Glareans Haupterbin, seine Witwe, deren Sohn aus ihrer ersten Ehe, Johann Ludwig Wonnecker (vgl. auch Schreiber, wie Anm. 17, S. 85 Anm. 207) und 1565 der zum Erben einer Behusung so ich … von den Herrn von Stouffen erkouft hab, eingesetzte Neffe Jakob Loriti nachweisbar (Flamm S. 178). Der Teil IV des Hauses Wasserstraße 10, als dessen Bewohner Glareanus ebenfalls genannt ist (Flamm, S. 272), könnte am ehesten wohl 1529/1530 vor dem Bezug des Hauses Zum Arbeiter von ihm bewohnt worden sein. — Die Ausführungen von Fritzsche S. 54 und Tatarinoff 5. 17 Anm. 2 sind teilweise fehlerhaft.

45) Vgl. Meier (wie Anm. 7) S. 98 f.

46) Abbildung der Tafel zuletzt bei Aschmann u.a. (wie Anm. 6), S.233, Übersetzung S. 234. Die Worte componi hic ad spem futurae resurrectionis providit beziehen sich auf die testamentarische Verfügung (wie in Anm. 44) und sind daher zu übersetzen: „er bestimmte, hier begraben zu werden …“

47) Über Glareans Unterrichtsweise geben wohl mehr noch als die gedruckten Kommentare die handschriftlichen Randbemerkungen der aus seinem Besitz stammenden Drucke die lebendigste Auskunft. Der größte Teil seiner Bücher ist in die Bayerische Staatsbibliothek München gelangt; vgl. dazu E.F.J. Müller u.a. (wie Anm. 21) S. 9 f. Die hier sehr aufschlußreiche Auswertung eines teils die Hand Glareans, hauptsächlich die eines seiner Schüler aufweisenden Bandes aus dem Besitz des Bertoldgymnasiums in Freiburg legte vor: C. Mengis, Glareans Handexemplar von Suetons Caesares, ZGO 80, N.F. 41, 1928, S. 431-444. Neben der bibliotheksgeschichtlichen Erforschung des „Nachlasses“ Glareans wäre die prosopographi-sche und bibliotheksgeschichtliche Erforschung seines Schülerkreises, vor allem der Freiburger Schüler, einer der wichtigsten Zugänge, die geschichtliche Bedeutung Glareans zu fassen.

48) Heinrich Pantaleon, Teutscher Nation Heldenbuch, Bd. 3, Basel 1570, S. 142 f.

49) S. oben Anm. 42.

50) Die bislang beste bibliographische Übersicht bietet Fritzsche (wie Anm. 17), 5.83-126.

 

Aus Glareans Geographia-Manuskript, um 1510/1520. Die Stradt in der Erdscheibe trägt den Namen „Glaris“. (Brown Library, Providence)