Zeitzeuge 1946-1950: ein Bürgermeister erinnert sich (Edwin Nägele)

Die Besonderheit, weshalb es sich lohnt, in den Erinnerungen zu kramen, liegt darin begründet, daß er der erste frei gewählte Bürgermeister der Stadt Villingen nach dem Zweiten Weltkrieg war. Die kommunale Selbstverwaltung stand damals, 1946, noch auf ungefestigtem Fundament. Noch war es nämlich die französische Besatzungsmacht, die über ihren zivilen Gouverneur überall, mit manchmal barschem Befehl, hineinregierte. Wer vor dem Rathaus stand, dem wurde das schon optisch deutlich. Französische Uniformen gingen ein und aus, und im ersten Obergeschoß, wo früher — wie auch heute wieder — der Bürgermeister seinen Sitz hatte, residierte der französische Gouverneur. Der erste hieß Capitaine Robert, der noch Militäruniform trug, sein Nachfolger war Monsieur de Felix. Das Stockwerk darüber war dem deutschen Bürgermeister und seiner Verwaltung vorbehalten. Vor seinem Dienstantritt verwaltete dort der von den Franzosen nach ihrem Einmarsch eingesetzte Fotograf Bräunlich das Amt. Er besaß keine plebiszitäre Macht sondern war in seinen Entscheidungen von den Richtlinien der Besatzungsmacht abhängig. In seinen administrativen Funktionen war er weitgehend vom Rat des erfahrenen Ratschreibers und späteren Verwaltungsdirektors Hermann Riedel abhängig, der, lange in Diensten der Stadt, in den letzten Kriegsjahren die Stadtverwaltung kommissarisch geleitet hatte und ein integrer, tüchtiger Mann war. Bräunlich hatte, obwohl er Reservehauptmann des deutschen Heeres war, bereits vor dem Einmarsch der Franzosen eine zweifelhafte Rolle gespielt, die ihn aber dafür in den Augen der Besatzer angenehm machte. Nach ihm spielte kurze Zeit Bürgermeister Hartmann eine Rolle. Er wurde später gewählter Bürgermeister in Neustadt an der Weinstraße.

 

Edwin Nägele, erster frei gewählter Bürgermeister der Stadt Villingen nach dem Zweiten Weltkrieg, erzählt aus seinen Erfahrungen der Jahre 1946-1950 …

 

 

Edwin Nägele erzählt:

Ich wurde am 22. März 1900 in Villingen geboren. Nach dem Realgymnasium absolvierte ich eine Banklehre und studierte ab 1920 an der Handelshochschule Mannheim, wo ich 1924 den akademischen Grad eines Diplom-Kaufmanns mit Auszeichnung erwarb. Bei der Firma Gebr. Oberle, Backofenfabrik in Villingen, trat ich meine erste Stelle als Buchhaltungschef an. 1927 wechselte ich für dasselbe Haus nach Berlin als Leiter der Verkaufsstelle und Repräsentant. Hier blieb ich bis 1933. Mit dem beginnenden nationalsozialistischen Staat eröffnete ich in Villingen ein eigenes Treuhandbüro. Die NSDAP (= National-Sozialistische-Deutsche-Arbeiter-Partei) machte mir schon bald die ersten Schwierigkeiten. Eines Tages begegnete mir vor meinem Hause der Uhrenfabrikant Franz Kaiser und bot mir die Stelle als Prokurist und Finanzchef an. Ich blieb dort bis zum Jahre 1938. Danach wechselte ich, ausgewählt unter zahlreichen Bewerbern, zur Herkules-Brauerei in Kassel, wo sich mir die reizvolle Aufgabe einer umfassenden Betriebsorganisation stellte. Noch im Jahre 1945 ereilte mich der Krieg, als ich in einen militärischen Kessel der Ostfront geriet, der von den sowjetischen Truppen eingeschlossen war. Völlig abgemagert und entkräftet hatte ich das Glück, im September 1945 wieder in meine Heimatstadt Villingen zurückkehren zu können. Das Haus in Villingen, vom Kriege unversehrt, bot mir die Wahl nach dem Motto „Gut gewohnt ist halb gelebt“. So blieb ich in Villingen und kehrte nicht mehr zur Brauerei zurück, denn in dem schwer beschädigten Kassel hätte meine Familie die Wohnung mit zwei notleidenden Familien teilen müssen. Die alliierten Kontrollmächte hatten zwischen Dezember 1945 und Anfang Januar 1946 die ersten politischen Parteien zugelassen. Die christliche Partei nannte sich damals in Baden und Württemberg CSP = Christliche Soziale Partei. Im Januar 1946 wurden die ersten Kommunalwahlen zugelassen. Die Wahlbeteiligung lag bei über 80 %. Im Land wurde, wie in der Stadt Villingen, die CSP als Namensvorgänge-rin der CDU, stärkste Fraktion. Eines Tages kamen die Herren Frech und Kuppel (CSP) und forderten mich, der ich in den Stadtrat gewählt war, auf, nun als Bürgermeisterkandidat anzutreten. Nach der damaligen Gemeinde- und Wahlordnung war der Stadtrat berechtigt, aus seinen Reihen den Bürgermeister zu wählen. So wurde ich am 22. September 1946 der erste Bürgermeister nach dem Kriege, gewählt mit der Stimmenmehrheit der CSP. Es gab also schon 1946 wieder eine deutsche kommunale Legislative in Verbindung mit einer Selbstverwaltung auch im exekutiven Bereich. Eine direkte Einmischung der Franzosen in die kommunale Selbstverwaltung unterblieb, doch dauerte die Beschlagnahmung von Gütern weiter an. Der Wald, Wohnraum, Grundnahrungsmittel, auch der Wein, und vieles andere waren noch beschlagnahmt. Wenn ich z. B. damals dem Stadtrat ein kostbares „Viertele“ nach einer Sitzung in der Blume-Post verabreichen wollte, mußte ich es mir vom französischen Gouverneur genehmigen lassen. Der Schulterschluß einer deutsch-französischen Freundschaft war damals noch lange nicht vollzogen. Zu tief waren die Gräben, die zwei Weltkriege aufgerissen hatten, zwischen den beiden Nationen. Und nach wie vor waren die Franzosen ja nicht, wie heute, in Deutschland stationierte Truppen einer befreundeten Nation, sie waren Besatzungsmacht nach einem Waffenstillstand und einer leidvollen nationalen Erfahrung. Das alles lag kaum ein Jahr zurück.

Benötigte ich z. B. Holz für Bretter zu Wahlurnen oder Särgen, ging das nur über die Freigabe durch den Gouverneur, den ich höflichst bitten mußte. Wie „hemdsärmlig“ damals noch die Zeiten waren, mag man daran erkennen, daß mir der Gouverneur als ich ihn um Holz für Sargbretter bat, barsch erklärte, ich solle die verstorbenen Einwohner in Papiersäcken beerdigen lassen. Die Beschlagnahmungen — oder wie man damals sagte, Requisitionen, erstreckten sich nicht nur auf öffentliches Vermögen oder solches aus Gewerbebetrieben. Sie reichten in den privaten Bereich, und manches wertvolle Porzellanservice trat die Reise über den Rhein an. Wollte ich jemanden über das Telefon warnen, mußte ich mich auf Anspielungen beschränken, denn ich wurde abgehört. Wurde es jedoch einmal zu toll getrieben, wie im Falle des französischen Gerichtsoffiziers, der seinen Wünschen gelegentlich mit einer vor ihm auf den Schreibtisch liegenden Pistole nachhalf, griffen die Franzosen gegen ihre Leute durch. So wurde z. B. der Gerichtsoffizier abgeschoben.

So sah es bei meinem Amtsantritt damals zwischen Luisen- und Bahnhofstraße aus: Das am 22. Februar 1945 durch den Angriff von neun viermotorigen Bombern, die sich auf dem Rückflug aus einem Pulk von über 900 Maschinen lösten, völlig in Trümmern gelegte Bahnhofsviertel, hier mit den Häusern Herzog, Schleicher, Dr. Mayer, Spitznagel, schwer beschädigt das Haus Dr. Wilken, rechts, und das der Essenzenfabrik Preiser, hinten Mitte. Auf der Fläche steht heute das Gebäude des Hauptpostamtes. (Blick etwa vom heutigen Kiosk aus.)

 

Wo es um die hoheitliche Funktion der Besatzungsmacht ging, verstanden die Franzosen keinen Spaß. Sie drohten mir wiederholt damit mich einzusperren. Ein Beispiel: Eines Tages war die weitere Ablieferung von Kartoffeln befohlen, weil angeblich zu wenig aufgebracht worden seien. Wenn ich mich recht erinnere, waren es 5.000t, die fehlen sollten. Abgeordnete des Militärs hatten auf einem ausgemessenen Areal eine Probeernte durchgeführt. Da sie aber mehr abgerodet hatten als es dem Maß entsprochen hätte, kamen sie auf eine größere Erntemenge. Damit stimmte die Relation dieser Menge zur tatsächlich erzielbaren nicht mehr überein. Als ich mich deshalb beim Gouverneur beschwerte, erklärte er mir, das sei eine Beleidigung der französischen Armee, er sperre mich ein. Bei diesem Vorgang in seinem Büro waren mehrere französische Offiziere dabei. Es herrschte eine aufgeregte Stimmung, lauthals Gezeter und Geschimpfe auf französisch an meine Adresse. Ich verstand kein Wort, nachdem mir die Dolmetscherin den Inhalt nicht übersetzte, weil er ihr offensichtlich peinlich war.

Der Gouverneur verlangte schließlich von mir, ich müsse bis zur Erreichung des Ablieferungssolls drei ViIIinger Bürger als Geiseln stellen. Er gab mit den Befehl, diese müßten bis mittags 12.00 Uhr benannt sein. Ich beriet mich ohne Ergebnis mit einem Ausschuß. Kurz vor 12.00 Uhr überreichten wir ihm die schriftliche Mitteilung, daß wir als Geiseln 1. den Bürgermeister, ferner den ersten und zweiten Beigeordneten, die Herren Hartmann (SPD) und Rapp (FDP) benennen. Den beiden Beigeordneten fiel bei meinem Vorschlag vor Schrecken fast die Kinnlade herunter. Hartmann mußte sofort dableiben, während Rapp und ich schon zum Mittagessen nach Hause gingen. Zu Hause telefonierte ich sofort mit der südbadischen deutschen Regierung in Freiburg, nachdem es damals ja ein selbständiges Land Baden gab. Ich ließ mich mit dem Staatspräsidenten Wohleb verbinden, der sich darüber entrüstete, daß nach so langer Zeit noch Geiseln gestellt werden sollten. Offensichtlich hatte Wohleb sehr schnell gehandelt, denn als ich nachmittags wieder ins Rathaus kam, ließ mich der Gouverneur zu sich rufen und behauptete, er habe von mir keine Geiseln sondern Garanten verlangt. Ich sagte zu ihm: „Entschuldigen Sie, wenn jemand mit seinem Vermögen haftet, ist er ein Garant, aber wenn einer mit seiner persönlichen Freiheit haftet, nennt man ihn nach deutschem Sprachgebrauch eine Geisel.“ Sein Kommentar: „Sie können gehen!“

 

 

Blick vom Haus Preiser auf das Trümmerfeld des ehemaligen Hauses Rechtsanwalt Johann Spitznagel. (Im Hintergrund das Bahnhofsgebäude) Im Hause Spitznagel starben am 22. Februar 1945 die Zwillingsschwestern Mechthilde und Margarethe (22), ihr Vater Johann Sp. wurde so schwer verletzt, daß auch er am 7. März seinen Verletzungen erlag. Das Töchterchen Gertrud (16) wurde ebenfalls verschüttet und litt mehrere Jahre an erheblichen Lähmungserscheinungen. Auf tragische Weise kam auch ihre Freundin Johanna Maier (15) aus der Bickenstraße (Zigarren-Maier) in dem Hause um. Nach erfolgtem Fliegeralarm ging Hannele Maier von der Färberstraße in Richtung Elternhaus. Auf dem kurzen Weg begegnete ihr Gertrud Sp.. Sie ging mit ihr in die Bahnhofstraße und wurde dort von den Trümmern erdrückt. Rechtes Bild: So sah das Haus des jetzigen Zweiten Vorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins, Hermann Preiser, aus.

 

Dieses Verhältnis zunächst zum französischen Militär-und später Zivilgouverneur war die eine Seite. Die andere war der notwendige Wiederaufbau unseres Gemeinwesens, der sich als scheinbar unlösbares Problem darstellte. Die Stadt war völlig verarmt. Die Kriegsschäden (Hermann Riedel hatdarüber in einem Buch geschrieben) und die Folgeschäden — ich erinnere mich an die riesigen Kahlhiebe der Franzosen im Stadtwald —mußten bewältigt werden, obwohl es volkswirtschaftlich kaum ein Bruttosozialprodukt gab. Es herrschte Naturalwährung, d. h. Tauschhandel. Die Reichsmark war nominell extrem überbewertet. Es blühte der Schwarzhandel mit verdeckten Tauschrelationen. Auf einer solchen Ebene konnte sich aber eine öffentliche Verwaltung nicht bewegen. Alle Güter waren bewirtschaftet und im öffentlichen Verkehr nur über Lebensmittelmarken und Bezugsscheine zu erhalten. Es herrschte in einem Maße Zentralverwaltungswirtschaft, d. h. u. a. die Verwaltung des Mangels, wie man es heute vielleicht nur noch in den entlegentsten kommunistischen Staaten kennt—wenn überhaupt. Wie sollte etwa die öffentliche Energieversorgung funktionieren? Das durch Bombenvolltreffer schwer beschädigte städtische Elektrizitätswerk hing nur als Provisorium am Netz. Schulen waren Lazarette oder Gefangenenlager gewesen, die Einrichtungsgegenstände waren zerstört, gestohlen, als Brennholz verwertet oder unbrauchbar geworden. Das städtische Krankenhaus war ein besseres Feldlazarett. Zahlreiche Dächer der Häuser waren noch provisorisch, teilweise sogar nur mit Brettern gedeckt. Es fehlte an Ziegeln, der Ziegelei fehlte es an Brennholz. Die Straßen und Gehwege waren voller Löcher, die Grünanlagen und Gehwege durch Panzer- und sonstige Militärfahrzeuge nachhaltig ramponiert. Kurz, wo man hinsah: Zerstörung, Beschädigungen, Mangel. Als erstes standen allfällige Reparaturen, die man nur als Notmaßnahmen bezeichnen konnte, auf meinem Aufgabenzettel. Das intakte Miteinander der Villinger Bevölkerung der Vorkriegszeit war durch die anarchistischen Zustände des Zusammenbruchs und des zahlenmäßig starken Anteils der von außen hereindrängenden fremden Bevölkerung— nach den Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern die Flüchtlinge — gestört. Vieles mehr war aus den konventionellen Bindungen entlassen. Um auch hier wieder ein Beispiel zu bringen: Die städtischen Ringanlagen wurden kreuz und quer durchfahren oder durchschritten. Wir mußten neue Gehwege anlegen und sie zunächst durch Drähte an den Rändern und in der Wiese selbst sichern. Woher aber den Draht nehmen? Er war bewirtschaftet und kaum zu bekommen. Eine öffentliche Straßenbeleuchtung gab es nicht mehr. Es fehlten entweder die Birnen oder die Lampen waren unbrauchbar geworden. Erfindungsreichtum und Improvisationskunst waren der unverzichtbare Anspruch an die städtischen Mitarbeiter. Um neben den Straßen die Gehwege instand setzen zu können, hatte ich mir vorgenommen, Platten für einen Belag herstellen zu lassen. Es mutet fast abenteuerlich an, auf welche Schliche ein Bürgermeister von damals verfallen und welche Wege er einschlagen mußte. Jedenfalls wäre aus heutiger Sicht ein solches Vorgehen undenkbar und würde einen Verantwortlichen der Gefahr einer zumindest dienst-aufsichtsrechtlichen Verfolgung aussetzen. Dafür würde schon die Opposition im Parlament sorgen. Und es war zu meiner Zeit nicht anders als heute. Aber nach den persönlichen Unannehmlichkeiten konnte ich damals nicht fragen. Andere Zeiten verlangen andere Methoden.

Wie so etwas kurz und pragmatisch ablief, sei also am Beispiel der herzustellenden Gehwegplatten dargestellt: Traß, ein bereits den Römern als Ausgangsmaterial für Leichtplatten bekanntes Tuffgestein, stand als Gemenge-teil für die Gehwegplatten zur Verfügung. Was fehlte, war der dazugehörige Zement. Da gab es das heute nicht mehr existierende Autohaus Dolch in der Kirnacher Straße. Dolch wollte bauen und hatte einen entsprechenden Antrag gestellt. Er hatte sich einen Waggon Zement „organisiert“. Ich versprach ihm einen städtischen Auftrag für eine Autolieferung, wenn er mir den Zement als Gegenleistung zur Herstellung der Platten überlasse. Natürlich gab es Proteste im Stadtrat, denn dort saßen als Autohändler und Konkurrenten zu Dolch mein CSP-Parteifreund Görlacher (Mercedes-Benz) und der SPD-Abgeordnete Mauch (Opel). Kurz und bündig sagte ich: „Eine Hand wäscht die andere“, und fügte hinzu, „über die Gehwege müssen wir alle gehen.“ Noch heute kann ich nur fragen, wie hätte ich es sonst machen sollen?

Würde ich dem heutigen Leser meinen Rechenschaftsbericht zur Oberbürgermeisterkandidatur vom 1950 vorlegen, wie ich es damals der Bevölkerung gegenüber tat, er würde immer wieder darüber den Kopf schütteln, mit welchen Problemen und Aufgaben die Jahre 1946 bis 1950 befrachtet waren. Ich will in groben Zügen einige weitere Aufgabenbereiche und die mit ihnen verbundenen Initiativen schlagwortartig darstellen. Ergänzend zum Wohnungsbau und den erforderlichen Reparaturen fällt in jene Zeit die Gründung der heutigen Familienheim Neue Heimat eG, bei der ich aktiv beteiligt war.

 

Villingen bei meinem Amtsantritt 1946: Der Bahnhof, Das städtische Elektrizitätswerk, Die Bickenkapelle (von oben nach unten)

 

 

Mit dem französischen Militärgouverneur, Capitaine Robert, gest. 1959, hatte ich nur vor meiner Wahl kurz zu tun. Er wurde schon im Juli 1946 nach Offenburg versetzt. Mein „Partner“ als Gouverneur wurde Monsieur de Felix, ein verbindlicher aber kühl-distanziert wirkender Intellektueller.

 

Sie war eine Initiative zur Förderung des privaten Wohnungsbaues und hat sich im Laufe der Jahre segensreich bewährt. Die bereits angedeutete Beseitigung der Kriegsschäden und die Wiederaufbaumaßnahmen im öffentlichen Bereich sind zu ergänzen durch die Renovation des alten und neuen Rathauses, die Wiederaufstellung der sogenannten Altertümersammlung, also des Museums, und überhaupt der Herrichtung aller städtischen Einrichtungen, von Schulen und dem Krankenhaus war schon die Rede. Im Straßen- und Gehwegbau ging es nicht allein um die Wiederherstellung des Altbestandes, inzwischen kam bereits die Neuprojektion der künftigen Stadtentwicklung hinzu. Das rapide Anwachsen der Stadtbevölkerung, insbesondere, wie erwähnt, durch die Flüchtlinge und Vertriebene des Ostens, war in den Zeiten des Mangels eine unerhörte Herausforderung an alle. Dieses Phänomen war ja mit einer buchstäblichen Völkerwanderung zu vergleichen. So mußten wir, bevor wir helfen konnten, zunächst einmal lindern. Es ist heute längst vergessen, wie wir die arm gewordenen Menschen und zahlreiche Familien zunächst in die Jahnturnhalle als Notunterbringung einweisen mußten. Auf dem Sportfeld der Halle waren kulissenartige Boxen errichtet worden, in denen Menschen wie Sechstagefahrer hausten. Es versteht sich von selbst, daß jeglicher Intimbereich nahezu ausgeschaltet war. Unerträgliche Zustände.

Es käme heute auch keiner mehr auf den Gedanken, daß die Bevölkerungsexplosion der Nachkriegsjahre Aktivitäten in der Trinkwasserversorgung erforderlich machten. Wir mußten dringend die Kapazitäten erhöhen. Neue Tiefbrunnen wurden gebohrt, die Wasserreservate vergrößert, die Schüttungen der Waldquellen mußten neu gefaßt und optimiert werden. Brücken und Stege mußten erneuert bzw. neu gebaut werden.

Nachdem das allgemeinbildende und berufliche Schulwesen wieder in Gang gekommen war, ging es im kulturellen Bereich neben dem Museum nunmehr an die Modernisierung und Instandsetzung des Kurparks. Das völlig heruntergewirtschaftete Waldhotel wurde ertragsgünstig abgestoßen. Das Volksbildungswerk wurde gegründet und durchorganisiert. Den meisten Villinger Bürgern wird heute gar nicht mehr erinnerlich sein, daß es jener Bürgermeister Nägele war, der beim Kneippbad auf dem Gelände der Stadtgärtnerei, den ersten Kleinzoo ViIIingens eröffnete. Die größte Attraktion darin war das Bärenhaus mit zwei Bären. Diesen Zoo gibt es schon lange nicht mehr, mit ihm verschwanden die Tiere der heimischen Fauna für den Anschauungsunterricht. Während wir in den Jahren vor der Währungsreform 1948 der Bevölkerung pro Kopf zwei Ster Holz zur Selbstaufbereitung in den städtischen Waldungen freigaben (ebenfalls zwei Ster pro Kopf mußten gleichzeitig für die Alten und Gebrechlichen der Stadt, gewissermaßen als „Zinsholz“ geschlagen werden — siehe auch Beitrag von Dr. Rodenwaldt), mußten wir darüber hinaus auch an eine verbesserte Gasversorgung denken. So wurde als erstes ein neuer Kammerofenbau im Gaswerk erforderlich, die Gaskesselkapazität wurde erweitert. Es ist auch heute noch von Interesse, daß Villingen im Verbund mit der Stadt Schwenningen nach drüben Gaslieferte.

 

Aufbauarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Die neue Fußgängerbrücke über die Brigach zum Stöckerbergle wird eingeweiht. Im hellen Mantel: 1. Beigeordneter Hartmann, SPD, in der Mitte Stadtrat Karl Heinzmann sen., FDP der Vater von Frida Heinzmann — s. den Beitrag „Das mittelalterliche St. German-Klösterle bei Villingen“ in diesem Heft. Links, aufgestützt, der langjährige Ratschreiber, ab 1940 kommissarischer Leiter der Stadtverwaltung bis 1945 und späterer Verwaltungsdirektor Riedel.

 

Mit der Währungsreform im Juni 1948 änderte sich manches. Die Volkswirtschaft, auf eine neue Währungsbasis gestellt, saß in den Startlöchern. Das Wirtschaftswunder konnte beginnen. Nach vier Jahren Tätigkeit als Bürgermeister, die letzte Zeit als Oberbürgermeister, nachdem die Stadt die 20.000 Einwohnergrenze überschritten hatte, stellte ich mich im Jahre 1950 der Bevölkerung zur Wahl. Mein Kontrahent um dieses Amt war der damalige Oberjustizrat Severin Kern, der als Notar beim Amtsgericht in Villingen tätig war. Er war parteilos, trat aber später der CDU bei. Es war ein harter Wahlkampf, der nicht frei war von persönlichen Diffamierungen. Meine politischen Gegner, die zahlenmäßig im Stadtrat stets unterlegen waren, sahen die Möglichkeit, künftig eine Politik nach ihren Vorstellungen gestalten zu können. Ich sage es heute ohne Schmerzlichkeit: Der Sieger der Wahl hieß Severin Kern.

Er war der letzte Bürgermeister einer selbständigen Stadt Villingen. Im selben Jahr als ich diesen Bericht niedergeschrieben habe, ist er gestorben.

 

… und dann gab es doch einmal ein Fest zu feiern, zu dem hoher Besuch kam: In der Bildmitte, der kleine Herr, ist Leo Wohleb, gest. 1955, Staatspräsident und Regierungschef des südlichen Teils von Baden, dem „Land Baden“ (bis 1952) mit der Hauptstadt Freiburg. Es war eine Konstruktion der französischen Militärregierung, unterderen strenger Aufsicht. Links der langjährige CDU-Stadtrat Hans Heuft, Vertreter des Arbeitnehmerflügels, rechts ich selbst als Bürgermeister.