Das mittelalterliche St. German-Klösterle bei Villingen (Frida Heinzmann)

Das im Nordwesten Villingens gelegene Germans-Klösterlein fiel dem Dreißigjährigen Krieg zum Opfer. Revellio schreibt: „Es ist möglich, daß das Kloster St. German und das ,Obere Haus‘ die letzten Reste des eingegangenen Dorfes Waldhausen gewesen sind, das im 13. Jahrhundert dem Kloster Salem gehörte. Im 13. Jahrhundert wohnte dort eine klösterliche Gemeinschaft. (Priolin und Samenunge von Walthusin 1274) Die Klostergebäulichkeiten sind aber älter, sie waren mit einer Mauer aus Buckelquadern umgeben, die dem 13. Jahrhundert angehören dürften.“

Gründer und Gründungszeit des Klosters sind unbekannt, doch schon 1380 berichten die Jahrgeschichten der Franziskaner, daß dort Witwen und Jungfrauen zusammengekommen waren, die nach der Regel des Dritten Ordens lebten. Eine im Stadtarchiv noch vorhandene Urkunde meldet vom Jahre 1432: Katharina die Weilerspachin und Margarethe die Vetterlin, Hans des Vetterlins sel. Tochter, vergabten dem Germanskloster ihren Hanfgarten zu einem Seelgerät. Die Schwestern waren Terziarinnen und unterstanden der geistlichen Leitung der Franziskaner-Konventualen von Villingen. Das Klösterlein war ein offenes Schwesternhaus. Bei der Bürgerschaft waren die Schwestern dieser Sammlung sehr beliebt. Im Jahre 1615 stellten ihnen Bürgermeister und Rat das Zeugnis aus, „daß sie sich ehrbar, still, eingezogen, fromm und gottesfürchtig verhielten, und daß männiglichich mit ihnen wohl zufrieden sei.“

 

Kartenausschnitt eines Stadtplans, Städt. Vermessungsamt, 1935 Maßstab 1 : 10000 Die Bezeichnung „Klosterhalde“ grenzt das Gebiet für den Standort des ehemaligen Klösterleins ein. In einer Geländebegehung war es nicht zu finden. Ob es in den gestörten Bei -eichen der beiden früheren Steinbrüche lag, ist zweifelhaft. Es ist in dem Dreieck zwischen Oberer Waldstraße und Hubertus weg zu suchen: Etwa oberhalb den „K“ von Klosterhalde.

 

Ihr Beten galt hauptsächlich dem Heil und Wohlergehen ihrer lebenden und der Seelenruhe ihrer verstorbenen Wohltäter. Siebenmal am Tage versammelten sie sich zum Gebet. Doch verrichteten sie nicht nur die kirchlichen Stundengebete, ihre Tagzeiten bestanden neben der Anrufung des HI. Geistes aus Gebeten zu Ehren des Leidens Christi und schlossen regelmäßig mit einer Anrufung der Gottesmutter.

Das Einkommen der Gemeinschaft setzte sich aus den Erträgnissen ihrer Grundstücke sowie aus Almosen und freiwilligen Gaben zusammen. Wurden bei Todesfällen und Jahrtagen, wie es früher allgemein üblich war, Almosen ausgeteilt, so erhielten die Germanschwestern stets den achtfachen Anteil.

Elisabeth Hechin, die letzte Profeßschwester von St. German berichtet: „Wenn die Schwestern bisweilen bei den Kranken zu tun haben, so tun sie es aus gutem Willen und aus großer Barmherzigkeit, damit dem bösen Geist durch Gebet und christliche Ermahnung desto eher eine Seele entzogen werde.“

„Wenn wir aus Gutherzigkeit Sterbenden oder Kranken abgewartet haben, so erhielten wir für einen Tag und eine Nacht 2 Batzen sowie Essen und Trinken. Haben wir für einen Verstorbenen vier Wochen in der Kirche gebetet, so hat man uns vier Gulden gegeben.“

Durch Gunst und Liebe der Bürgerschaft hatten die Germanschwestern auch Anrecht auf die bürgerlichen Nutzungen wie Holz, Weide usw. und waren, im Gegensatz zu den anderen Klöstern hier, von allen bürgerlichen Lasten frei.

„Wir durften unser Vieh auf die Weide treiben, soviel wir hatten, wir durften unser Brot in der Gotteshäuser Dörfer backen ohne den Ofenzins, wir durften Tuch weben lassen ohne den Weberzins. Wenn wir deshalb vom Zunftmeister angerennt wurden, so haben wir ihm zur Antwort gegeben: wir hätten unsere Zunft im St. Germanswalde, wir sitzen nicht in der Stadt.“

Im Jahre 1614 brannte das Klösterlein ab,‘ der ganze Hausrat und das Kirchengut wurden vernichtet. Doch schon 1616 war es mit Hilfe der Stadt und guter Leute wieder neu aufgebaut. Da kam es im Sommer 1633 zur zweiten Belagerung Vi I lingens durch die Württemberger und Schweden. Das Gotteshaus wurde anfangs Juli von den Belagerern wieder in Asche gelegt.

Beim Herannahen des Feindes hatten sich die Schwestern mit ihrer fahrenden Habe in die Stadt geflüchtet. Zwei von ihnen, Schwester Maria Frey und Schwester Elisabeth Hechin, suchten und fanden im Klarissen-Kloster Zuflucht.

Schwester Elisabeth Hechin, „Bürgerin von Dießen-hofen am Rhein“, schrieb hier die Tagzeiten der Germanschwestern nieder. Sie fügte die oben angeführten Bemerkungen bei, damit die späteren St. German-schwestern wüßten, wie ihre Vorgängerinnen es gehalten hatten. Sie hofften, daß aus den vom Brand verschonten Steinen nach dem Krieg ein neues Klösterlein entstehen würde. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Die Steine wurden für die Stadtmauer verwendet, weil damals die Stadtgräben erweitert und die Mauern erhöht werden mußten.

 

Vergebliche Suche mit Hilfe der Luftbildarchäologie: Wir überflogen im September 1986 das Gebiet. Die dafür günstige Jahreszeit gab aber keine archäologischen Befunde frei. Die Fotografie zeigt annähernd den Kartenausschnitt der ersten Seite in seinem natürlichen Aussehen. Die Tennisplätze befinden sich auf dem Gelände des ehemaligen kleineren Steinbruchs zwischen Bahnlinie und Müllerjörgle Buck. Man hat das Klösterle im unteren Bildteil vermutet. Nach der von Hans Maier 1927 bearbeiteten Karte „Villingen um das Jahr 1800“, M 1 : 15000, wäre es im Bild links oben, bebautes Gebiet im Anschluß zur Wiese, zu suchen. Luftaufnahme: Werner Huger, freigegeben durch Reg. -Präsidium Freiburg, Nr. P- 24 753 – 3. August 1987

 

 

Von insgesamt vier bekannten Abbildungen des St. German-Klösterles sind zwei historischer Art, mit den selbstverständlich in Kauf zu nehmenden Ungenauigkeiten der Lage und des Aussehens. Hier die Wiedergabe in der ältesten Abbildung, der Rottweiler Pirschgerichtskarte des David Rötlin von 1564. (Bemerkenswert ist auf der Ringmauer, rechts neben dem Oberen Tor, die Abbildung des Villinger Lokalhelden Romäus Mans.)

 

 

 

ZIEMLICH GENAUE PLANSTANDORTE Ausschnitt aus der Villinger Pirschgerichtskarte von Berin um 1600 (1607). Unten: Ausschnitt aus der Differenz-Karte zwischen Fürstenberg und Villingen, Forstrat Eckkardt gefertigt 1782, Sign.: F. F. Archiv Donaueschingen, Karten, Kasten IV, Fach I, OZ 6

 

Die beiden Schwestern blieben endgültig in St. Klara und nahmen auch das Kleid der Klarissen an. Die Konventschreiberin schreibt im Sommer 1643: „Schwester Maria Frey und Elisabeth Hechin sind zu uns gekommen mit ihrer ganzen Habe, mit Kleidern, Trög, Büchern, Bildern und mit dem Himmelsfürsten St. Germanus. Der hat sein liebes Kirchlein im vorderen Torhäuschen bis auf weiteren Bescheid.“

St. Germanus wurde, wie früher im Germanswald, auch in seinem neuen Heiligtum viel verehrt. Das „Opferlädle“, das bei seinem Bild aufgestellt wurde, blieb selten leer. Schon wenige Tage nach seiner Aufstellung, am 29. Juli, wurden 20 Batzen darin gefunden, am 12. August wiederum 17 Batzen, die so verwendet wurden: „Hab der heiligen Gemeinde schwarze Kirschen zum Brennen dafür gekauft. Gott lasse es allen zu statten kommen und der liebe Heilige gewähre alles, was sie erbitten.“

Nur 3 Jahre durfte die von der Bevölkerung hochverehrte Statue in ihrem Kirchlein bleiben. Eine Visitation im Jahre 1646 verfügte, daß St. Germanus in das Franziskaner Kloster übertragen werde. „Die Visitation ist hart verlaufen. Der wohlehrwürdige P. Provinzial hat das liebe Heiligtum St. Germanus von uns zu den Barfüßern ohne alles Bedenken genommen. Gott verzeihe es dem Menschen, welcher die Ursache dieser großen Betrübnis gewesen ist.“

Vorübergehend war in den Jahren 1678 und 1679 die Germansstatue nochmals in der Kapelle der Klarissen aufgestellt. Dann aber ist über den weiteren Verbleib dieses Kunstwerkes nichts mehr zu erfahren. Wahrscheinlich wurde sie bei der Aufhebung des Franziskaner Klosters verschleudert.

Das Kloster St. Klara erhielt für den Unterhalt der beiden Schwestern die Nutznießung der Güter des ehemaligen German-Klösterleins. Nach dem Tode der letzten Schwester im Jahre 1661 kamen diese, wie auch sämtliche Fahrnisse und Heiligtümer, an die Barfüßer und nach der Säkularisation in den Besitz der Stadt.

Die Wallfahrt zum Heiligtum St. German im Walde ist vergangen und vergessen. Das einzig erhaltene Bild des Klosters, die Tuschzeichnung von Karl Ummenhofer (1836), geht auf ein nicht mehr vorhandenes Bild der Belagerungszeit 1633 zurück.

Quellen: Alemania Franciscana Antiqua.

RevelIio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen,

Villingen 1964, S. 26f.

Vermutlich den beiden historischen Vorlagen bzw. einem nicht mehr vorhandenen Bild aus der Belagerungszeit nachempfunden ist das Bild des Villinger Malers Karl Ummenhofer in einer Tuschzeichnung von 1836.

 

Das im Privatbesitz befindliche kleine Aquarell stammt von Albert Säger, und zwar um die Jahrhundertwende. Es dürfte auf die Vorlage von Ummenhofer zurückgehen.