Bericht über den aktuellen Stand der archäologischen Ausgrabung im ehemaligen Kapuzinerkloster zu Villingen (Bertram Jenisch)

Das an der Niederen Straße gelegene Kapuzinerkloster war die späteste Klosterniederlassung in Villingen. Da der Platz innerhalb der Ringmauer beschränkt war, begegnete die Niederlassung gewissen Schwierigkeiten, vor allem von Seiten des seit 1268 in Villingen ansässigen Franziskanerordens, der die Niederlassung eines zweiten Bettelordens in der Stadt als Konkurrenz empfand. Anfang November 1655 waren vorläufig vier Brüder in der Stadt erschienen und erhielten eine Notunterkunft in der Siechenschaffnerei und der St. Wendelinskapelle beim Niederen Tor. Nach dem Kauf der Siechenschaffnerei wurde 1662/63 das Klostergebäude errichtet.

1714 wurde das benachbarte Lemlinsbad gekauft, das die Stille des Klosterlebens störte. Ein großer Wohltäter des Klosters war der Landgraf Franz Karl zu Fürstenberg, der auf eigenen Wunsch am 21. August 1698 in der Kapuzinerkirche, den Ordensregeln folgend, ohne Prunk, bestattet wurde. Sein Grabmal wurde in den Kreuzgang des Franziskanerklosters überführt.

Nach dem Anfall an Baden wurde das Kloster 1806 aufgehoben. 1820 wurde das Kloster an ein Konsortium von 6 Villinger Bürgern für 2500 fl verkauft. Lammwirt Schilling machte aus dem angebauten Felixkirchle eine Branntweinbrennerei. Das Kloster wurde abgebrochen und der Platz zum Garten umgewandelt, von dem dann 1847 bei der Errichtung des Strafgerichts ein Stück abgetrennt wurde1).

Die Kirche des ehemaligen, an der Niederen Straße gelegenen, Kapuzinerklosters wird zur Zeit in ein Geschäfts-und Bürogebäude umgebaut. Im Zuge dieser Baumaßnahme wird die Innenfläche des Kirchenraums und des angrenzenden Hofbereichs um ca. 60 cm abgetragen. Aufgrund der oben angeführten, bekannten Vor-bebauung und der zu erwartenden älteren Siedlungsspuren erschien eine baubegleitende Bodenuntersuchung des Landesdenkmalamtes Freiburg als geboten. Seit dem 31. August 1987 wird nun das beschriebene Areal vom Verfasser mit Unterstützung von 4 Arbeitern der Fa. Bisswurm untersucht. Da die archäologischen Ausgrabungen zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Beitrags noch nicht abgeschlossen sind, können verschiedene, im folgenden darzustellende, Befunde noch nicht eindeutig bewertet werden.

Ehemaliger Kirchenraum von der Niederen Straße hergesehen. Neben dem Mann vor der Rückwand in Kniehöhe, links, die inzwischen zweifelsfreie Bestattungsstelle des Landgrafen Franz Carl von Fürstenberg (1698).

 

Im Innenraum der Kirche wurden, wie erwartet, verschiedene Mauern angetroffen, die aufgrund der Mauertechnik und der Verwendung modernformatiger Backsteine in die Zeit nach 1820 zu datieren sind. Ferner wurde wenige Zentimeter unter der Oberfläche eine Unterfütterung für einen Bodenbelag, die aus senkrecht gestellten Steinplatten besteht und sich fast über die gesamte Innenfläche der Kirche erstreckt, freigelegt. Es muß noch offen bleiben, ob diese der barocken Kirche zugehört oder auch zu den Umbauten nach der Säkularisation zu rechnen ist.

Vor dem ehemaligen Altar wurde auf der Mittelachse der Kirche, mit dem Kopf unter dem Chorbogen eine W/O-orientierte Bestattung angetroffen (Abb. 1,1). Ob es sich bei dieser an prominenter Stelle beigesetzten Person um den oben erwähnten Franz Karl zu Fürstenberg handelt kann noch nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Unter einer geringmächtigen Auffüllschicht steht eine weitgehend ungestörte, bis zu 50 cm starke mittelalterliche Kulturschicht an, die neben Holzresten und Knochen vor allem Keramikfragmente der ersten Hälfte des 12. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts enthält. Die datierbaren Randstücke von sog. Kugeltöpfen konnten in Villingen zum ersten mal auf einer größeren Fläche stratigraphisch, d. h. in Schichten gegliedert, geborgen werden. Neben der Gebrauchskeramik treten auch Becherkacheln von Öfen auf, die die Existenz von Häusern belegen, die in diesem Bereich ab der Mitte des 12. Jahrhunderts gestanden haben. An der Unterkante der Kulturschicht wurden bisher zwei, in den gewachsenen Lehmboden eingetiefte, Hausgruben entdeckt (Abb. 1,2). Grube I ist kreisrund mit einem Durchmesser von ca. 1 m, an ihrem Rand waren drei Pfosten mit einer Neigung von 80° in Richtung der Grube eingetieft, die als Teile einer Grubenabdeckung anzusprechen sind. Grube II ist rechteckig, ca. 2,5 m lang und 2 m breit. Ihr Rand ist mit Faschinen ausgesteift, die um Eichenpfosten, die vermutlich eine exakte dendrochronologische Datierung erlauben, gewunden sind.

In diese Kulturschicht sind verschiedene Fundamente der Vorklosterzeit eingetieft von denen vor allem eine leicht ovale Steinsetzung von Interesse ist. Bei einer Mauerstärke von 80 cm hat sie einen Durchmesser von 4,5 m. Dieses ungewöhnliche Fundament könnte einen Turm getragen haben, der durch die im Fundamentbereich gefunden Keramik in die Mitte des 12. Jahrhunderts zu datieren wäre (Abb. 1,3).

Abschließend ist als bedeutendstes Ergebnis dieser Grabung bereits jetzt festzustellen, daß, wie schon im Bereich des Franziskanergartens, das Areal der Stadterweiterung schon seit der Mitte des 12. Jahrhunderts relativ dicht besiedelt war. Folglich liegt der Zeitpunkt der Gründung der eigentlichen Kernsiedlung in der Nordhälfte des Mauerrings2) bedeutend näher an dem in der Hug’schen Chronik überlieferten Datum 1119 als an dem von B. Schwineköper vorgeschlagenen.

Zeitpunkt der Erfassung: 20. September 1987

Quellen:

1) Paul Revellio, Beiträge zur Geschichteder Stadt Villingen, 1964, 147 f.

2) Cord Meckseper, Kleine Kunstgeschichte der Stadt im Mittelalter.

 

Abbildung 1 Vorläufiger Gesamtplan der Ausgrabungen im Kapuzinerkloster 1987: Befunde der Vorklosterzeit = gepunktet, der Klosterzeit = Schrägschraffur und nach 1820 = waagrechte Schraffur. 1 = Bestattung, 2 = Hausgruben, 3 = Turmfundament.