Die Spiegelhalder-Sammlung Schwarzwälder Volkskunde (Raimund Adamczyk)

Aus der Geschichte des Villinger Franziskaner-Museums:

Oskar Spiegelhalder wurde am 15. Oktober 1864 in Unterlenzkirch als ältester Sohn der Eheleute Joseph und Theresia Spiegelhalder geboren. Er entstammt einer wohlhabenden Schwarzwälder Handelsfamilie. Sein Vater, zuletzt als Direktoriumsmitglied in der Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation in Lenzkirch tätig, trat als Fünfundvierzigjähriger mit über 110.000 Goldmark Privatvermögen in den Ruhestand. Von den beiden Geschwistern Oskars hat die Schwester Hedwig den späteren Direktor der Lenzkircher Uhrenfabrik, Karl Tritscheller, geheiratet, während der Bruder Ernst als Zahnarzt in Freiburg tätig war. Nach bestandener Abschlußprüfung an der Höheren Handelsschule in Stuttgart, 1881, arbeitete der 17jährige Spiegelhalder für 21/2 Jahre in Paris, um sich dort in der französischen Sprache und im Handel auszubilden. Von Paris wechselte er für fünf Monate nach London als Volontär in ein Warenhaus. Danach leistete er seinen einjährigen, freiwilligen Militärdienst in Konstanz ab. 1886 trat Oskar Spiegelhalder eine Arbeitsstelle in der Verwaltung der Uhrenfabrikation Lenzkirch an, die ihm aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen offen gehalten worden war.

OSKAR SPIEGELHALDER, 42 Jahre alt, mit seiner Frau Hermine, 1906, in Lenzkirch

 

Ab Herbst 1887 bis Herbst 1908, also 22 Jahre lang, arbeitete Spiegelhalder als erfolgreicher Geschäftsreisender für die Lenzkircher Uhrenfabrik, d.h., er führte in den einzelnen Uhrengeschäften anhand von Katalogen dieProdukte der Lenzkircher Uhrenfabrik vor und nahm Bestellungen auf, die er nach Lenzkirch weiterleitete. Er unternahm pro Jahr eine Frühjahrsreise und eine Herbstreise von mehreren Monaten Dauer. Dazwischen, in den Sommer- und Wintermonaten, arbeitete Spiegelhalder wieder in Lenzkirch in der Verwaltung der Uhrenfabrik. Seine Geschäftsreisen führten ihn im Laufe der Jahre mehrmals durch alle großen Städte des gesamten Deutschen Reiches, durch die Schweiz, durch Luxemburg, nach Prag, Wien, Budapest und einmal nach Schweden und nach Moskau.

1895 heiratete Spiegelhalder Hermine Jägler, Tochter einer Schwarzwälder Handelsfamilie. Der Ehe entsproß als einziges Kind die Tochter Marie (* 1898, t 1983). Spiegelhalder gelangte im Laufe der Jahre zu Wohlstand, so daß er sich 1903 ein teuer eingerichtetes Haus in Lenzkirch kaufen konnte und 1909 mit ebenfalls 45 Jahren aus dem Berufsleben auszuscheiden vermochte, nachdem er zuletzt ein Jahr lang Direktor der Lenzkir-cher Uhrenfabrik gewesen war. Allerdings war es ihm durch die veränderten Zeitumstände nicht vergönnt, wie seinem Vater, bis zum Lebensende von seinem erworbenen Vermögen zu leben. Nach dem Ersten Weltkrieg, und zwar ab 1921, muß Spiegelhalder sich als Leiter einer Bankfiliale in Lenzkirch wieder den Lebensunterhalt verdienen. In der Inflationszeit, 1923, verliert Spiegelhalder sein gesamtes Kapital, das er in Aktien angelegt hatte.

 

Wohnzimmer im Hause Oskar Spiegelhalders, 1917 (Foto Oskar Spiegelhalder)

 

Am 17. Dezember 1925 stirbt Oskar Spiegelhalder.

Seine Sammeltätigkeit begann er 1890, als er im Museum für Volkskunde in Berlin durch die dort ausgestellten Stücke angeregt wurde, „volkstümliche Gegenstände“ im Schwarzwald zu sammeln. Schon nach vier Jahren hatte der damals Dreißigjährige mit seinen Helfern, u.a. Arbeiter an der Uhrenfabrik Lenzkirch, eine so interessante Sammlung zusammengetragen, daß diese 1896 von der Stadt Freiburg gekauft wurde, wo sie bis heute im Augustiner-Museum gezeigt wird. Sogleich nach dem Verkauf der ersten Sammlung baute Spiegelhalder mit seinen Helfern eine zweite auf, wobei sich das Sammelgebiet geografisch nicht mehr auf die Gegend um Lenzkirch herum beschränkte, sondern sich auf den gesamten mittleren und südlichen Schwarzwald erweiterte. Innerhalb von vier Jahren wurde diese zweite Sammlung so umfangreich, daß Spiegelhalder ab 1900 anfing, Doubletten zu verkaufen. Seine Kunden waren ein Freiburger Antiquitätengeschäft aber auch öffentliche Sammlungen, wie das germanische Nationalmuseum in Nürnberg bzw. das Deutsche Museum in München.

Inzwischen war Oskar Spiegelhalder der führende Privatsammler im mittleren und südlichen Schwarzwald geworden und galt als einer der besten Kenner dieser Landschaft. 1899, also mit 35 Jahren, wurde er zum Pfleger für Kunst und Altertümer des Amtsbezirks Neustadt im Schwarzwald ernannt.

Auf Ausstellungen in Neustadt (1904), Nürnberg (1905) und Villingen (1907) und durch eine rege Pressearbeit warb Spiegelhalder für seine zweite Sammlung. 1909 gelang es ihm, einen Teil dieser zweiten Sammlung an das Badische Landesmuseum Karlsruhe zu verkaufen. Mit den der Karlsruher Museumsdirektion vorenthaltenen Teilen baute Spiegelhalder durch Hinzukauf, sehr zur Verblüffung der Karlsruher und auch der Freiburger Museumsdirektoren, in kürzester Zeit seine dritte Sammlung auf. Diese dritte Sammlung hatte Spiegelhalder in sieben Hauptgruppen gegliedert:

A Volkstracht

B Wohnungseinrichtung

C Das Volk in Bezug zur Religion

D Freundschaft, Liebe, Ehe

E Hausfleiß

F Hafnerarbeiten

G Volks- bzw. Hausindustrien

Zu dieser Sammlung schreibt Spiegelhalder:

„Damit ein möglichst vollständiges Bild der alten bäuerlichen Kultur des Schwarzwaldes vorgeführt werden konnte, habe ich als Sammler darauf gesehen, daß die einzelnen Abteilungen in der geschichtlichen Entwicklung dargestellt werden. Man findet also von den einzelnen Gegenständen womöglich immer alte, neuere und sogar neueste Formen nebst den Variationen. Dann enthält die Sammlung in allen Abteilungen eine sehr große Anzahl von Uniken und Stücke von hervorragender Schönheit, die heute absolut nicht mehr zu bekommen sind.

Aus diesen Gründen ist es erklärlich, daß die Sammlung in ihrem Gesamtbilde einzigartig und daß sie nicht etwa dilettantenhaft sondern wissenschaftlich angelegt ist. Sie wird also dem Forscher ebenso zu wissenschaftlichen Arbeiten Gelegenheit geben, wie sie dem Laien zur Befriedigung seiner Neu- und Wißbegierde dient. Die Sammlung so auszugestalten, war mir nur möglich, weil ich mehr als die Hälfte der Gegenstände in den Jahren 1896-1900 zusammengebracht habe; einzelnes wurde schon in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts erworben, also in einer Zeit, wo in Baden noch niemand — selbst die Regierung nicht—daran dachte, Volkskunde-sachen zu sammeln. Als Katalog wird ein Zettelkatalog mitgeliefert. Jeder Gegenstand hat also einen entsprechenden Zettel.“ Soweit Oskar Spiegelhalder.

Einen Teil der Stücke hat er zudem noch fotografisch erfaßt.

Max Wingenroth, ein Zeitgenosse Spiegelhalders und als Direktor der Städtischen Museen in Freiburg ein Konkurrent, ja sogar Gegner Spiegelhalder, weil er im gleichen Gebiet wie Spiegelhalder, nur weniger erfolgreich, sammelte, schreibt: „Herr Spiegelhalder, derzeit (Anmerkung: 1911) der größte Kenner der Volkskunde des Hohen Schwarzwaldes, war… wie kein anderer in der Lage, auch in dieser III. Sammlung ein überaus vollständiges Bild zu geben. Durch die immer gesteigerte Erfahrung ist begreiflicherweise die letzte Sammlung die beste. …Es muß… darauf hingewiesen werden, daß das Auszeichnende der Sammlung Spiegelhalder in der systematischen Vollständigkeit liegt, in der Rohprodukte, halb- und ganzfertige Produkte, Werkzeuge etc. vereinigt sind.“

 

 

Bauernstube, wie sie in Villingen auf der Gewerbe- und Industrieausstellung 1907 von Spiegelhalder ausgestellt wurde. Sie befindet sich heute im Franziskanermuseum Villingen.

 

Bei der Besprechung der einzelnen Gruppen hebt Win-genroth u.a. die Abteilung Hinterglas hervor, in der die besten Erzeugnisse dieser Gattung, darunter das schönste Stück, das es überhaupt gibt, gesammelt seien. Zu der Sammlung gehört aber noch etwas außerordentlich Kostbares: Eine umfangreiche Fachbibliothek mit Werken über Baden, den Schwarzwald allgemein, Volkskunde des Schwarzwaldes und „zehn Mappen mit je 80 bis 100 Blatt Landkarten vom Schwarzwald, Trachtenbilder, Fotographien, Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde von Lucien Reich, Faller, Hasemann, Schwarzwald-Häuser, Inneres, Details; Bilder der Beschäftigung: Wald, Holz, Köhlerhütte, Glashütte, Brunnenhäusle, Stickerei, Wollspinnerei, Gebräuche, in je einer Mappe die vier Amtsbezirke des hohen Schwarzwaldes, ihre Gegenden, ihre Altertümer, ihre Denkmäler etc. Endlich in zwei Mappen Schildmalereien, nur Vorzeichnungen auf Papier, Blech, in Feder, Blei, Öl, Aquarell. Die zehn Mappen geben in 80-1000 Blatt, zum Teil Unica der letzten Schwarzwaldkünstler, ein vollkommenes Archiv der Volkskunde des Schwarzwaldes, wie es zu einer öffentlichen Sammlung dazugehört. Es würde sich so eine Centralstelle zur Erforschung der oberrheinischen Volkskunde bilden.“

Ein Teil der dritten Sammlung von Oskar Spiegelhalder, wie sie 1917 auf dem Speicher seines Hauses aufgebaut war. Sie befindet sich heute im Franziskanermuseum Villingen. (Eigenfoto Oskar Spiegelhalder)

 

1910 bietet Spiegelhalder seine dritte Sammlung der Stadt Freiburg zum Kauf an. An den Verkaufspreisen der einzelnen Spiegelhalder-Sammlungen kann man den Wert der dritten Sammlung ablesen: Die erste Sammlung, die Freiburger, bestehend aus 1225 Nummern, kostete 16.000 Goldmark, die zweite Sammlung, die Karlsruher, bestehend aus 1470 Nummern, kostete 33.000 Goldmark, für die dritte Sammlung, bestehend aus 2500 Nummern, verlangte Spiegelhalder 60.000 Goldmark. (Der Kaufwert dieser Summe läßt sich wie folgt verdeutlichen: Der Preis, den Spiegelhalder 1903 für sein Haus bezahlte, betrug ca. 15.000 Goldmark. Dieses Haus war zweistöckig, hatte einen gewölbten Keller und die Grundstücksfläche betrug über 14 Ar. Der von Oskar Spiegelhalder verlangte Preis für die dritte Sammlung hätte also demnach den Wert von vier solchen Häusern gehabt.)

Nachdem Freiburg wegen des zu hohen Preises abgelehnt hatte, versuchte Spiegelhalder die Sammlung u.a. an Museen in Stuttgart und Berlin zu verkaufen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die nachfolgenden Jahre des Währungsverfalls unterbrachen die Verkaufsverhandlungen, die nach der Inflation zwar von Oskar Spiegelhalder kurz vor seinem Tode wieder aufgenommen wurden, aber bis dahin zu keinem Ergebnis geführt hatten.

Uhr mit Uhrgestell. Sie besteht ganz aus Glas, der Glasfluß ist farbig abgesetzt. Glashütte Aeule, 1820

 

 

Von links nach rechts: Zuckerdose mit Hahnendeckel, tiefblau und weiß, Glashütte Wolterdingen,Brautkelch, Glashütte Herzogenweiler, Fadenzainle (= Nähkörbchen), tiefblau und weiß, Glashütte Wolterdingen, Brautkelch, rubinrot eingefärbt, Glashütte Herzogenweiler, 2 Brautkelche, weiß, aus den Glashütten Herzogenweiler bzw. Aeule, Zuckerbüchse, smaragdgrün und weiß, Glashütte Wolterdingen

 

BRAUTKELCH aus vorangehender Aufnahme, groß. Bei diesem rubinrot eingefärbten Meisterstück der Glashütte Herzogenweiler bei Villingen, handelt es sich um ein Einzelstück, wie überhaupt die Glasarbeiten Einzelfertigung waren und nur in kleiner Serie aufgelegt wurden. Mit diesem Kelch, gefüllt mit Wein, hat die Braut bei der Hochzeit mit jedem der Gäste angestoßen und seine Glückwünsche entgegengenommen.

 

Bald nach Spiegelhalders Tod bot seine Witwe die dritte Sammlung sowohl Neustadt, Drillingen aber auch reichsweit und nach Übersee zum Verkauf an. Die Stadt Villingen lehnte einen Ankauf der gesamten Sammlung zunächst ab, aber nach einem persönlichen Gespräch mit dem damaligen Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe, Professor Rott, entschloß sich Bürgermeister Lehmann dann doch, die dritte Spiegelhalder Sammlung mit städtischen Mitteln zu erwerben. Ausgestellt werden sollte die Sammlung in der Franziskanerkirche. Rott begrüßte sehr den geplanten Ausbau des ehemaligen Franziskanerklosters zu einem „prächtigen Schwarzwaldmuseum“ und schlug darüber hinaus vor, im Franziskanerkloster die Spiegelhalder-Sammlung mit der städtischen Sammlung zu vereinen. Nachdem in den Verhandlungen mit der Witwe Spiegelhalder der Preis für die Sammlung von 80.000 auf 60.000 Reichsmark heruntergehandelt worden war, ein staatlicher Zuschuß in Höhe von 20.000 Reichsmark war bewilligt, und nachdem auch der Bürgerausschuß nach langer Diskussion dem Kauf zugestimmt hatte, ging diese dritte Spiegelhalder-Sammlung 1929 in den Besitz der Stadt Villingen über.

Während der Kaufverhandlungen mit Frau Spiegelhalder war u.a. festgelegt worden, daß die Sammlung die Bezeichnung „Spiegelhalder-Sammlung“ tragen muß. Der Zuschuß des Staates war auch davon abhängig gemacht worden, daß die Sammlung von der Stadt museumstechnisch richtig untergebracht wird. Aber erst 1931, nach zweieinhalb Jahren, wurde die Sammlung aus den Kisten ausgepackt und im Alten Kaufhaus teilweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1933 machte eine Spende des Fabrikanten Hermann Schwer (SABA) den weiteren Ausbau des Alten Kaufhauses und damit die Ausstellung des gesamten Sammlungsgutes möglich. Von der Ausstellung in der ehemaligen Franziskaner-kirche war keine Rede mehr. Statt dessen wurde die Spiegelhalder-Sammlung 1936, kaum drei Jahre nach Ausstellungseröffnung, wieder verpackt, ins ehemalige Waisenhaus am Riettor gebracht uns dort auf zwei Stockwerken erneut aufgestellt. Im Juli 1937 wurde die Sammlung dort erneut eröffnet. Ganze zwei Jahre stand sie damals den Besuchern offen, dann, nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, 1939, wurde sie mit dem gesamten Museums- und Archivgut in die Umgebung der Stadt ausgelagert, um nach Kriegsende ins ehemalige Waisenhaus zurückzukehren. Klar geordnet nach den sieben Hauptgruppen wurde sie von Dr. Paul Revellio dort ausgestellt. Er hat sich um die Erhaltung und Ordnung dieser Sammlung, seit diese sich im städtischen Besitz befand, größte Verdienste erworben. 1970/71 begann unter Leitung von Baudirektor Nägele in Verbindung mit dem Stadtarchivar Dr. Fuchs ein Umbau des ehemaligen Waisenhauses und ab 1973/74 die Neuaufstellung der Sammlung unter Mithilfe zahlreicher selbstloser Helfer. Das künftige Bemühen um die Oskar-Spiegelhalder-Sammlung im Ortsteil Villingen der Stadt Villingen-Schwenningen sollte darauf zielen, die gefährdete Sammlung zu erhalten, und insbesondere bei der Ausstellung die von Spiegelhalder selbst angelegte Ordnung wieder herzustellen sowie den geschlossenen Bestand durch einen Katalog für die Fachwelt und für die zahlreichen interessierten Laien zu erschließen. Dann würde die wertvollste volkskundliche Sammlung für den mittleren und südlichen Schwarzwald endlich den Rang unter den Sammlungen unseres Landes einnehmen, der ihr gebührt.

Quellen und Literatur

Autobiographische Sammlung Oskar Spiegelhalder, 8 Heftordner, Franziskanermuseum Villingen, O.N.

Altertümersammlung“ Stadtarchiv Villingen Lit. V 7c 1-27

Albert, Peter P. 1909: Die Schwarzwaldsammlung von Oskar Spiegelhalder in Lenzkirch, Bielefeld-Verlag Freiburg

Revellio, Paul: Die Pflege der schriftlichen Überlieferung und die Fürsorge für das hinterlassene Kulturerbe in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, gesammelte Arbeiten von Paul Revellio, 1964, S. 1 ff Tritschler, Walter: Oskar Spiegelhalder, Lenzkirch, zum Gedächtnis in: Mein Heimatland, 13. Jahrgang, Heft 3/5 April 1926, S. 9 ff