„Villingen und Umgebung” Eine Planzeichnung gibt Rätsel auf (Herbert Muhle)

Vor uns liegt eine kolorierte Federzeichnung „Villingen und Umgebung“ von einem unbekannten Zeichner, aus Villinger Privatbesitz. Die Zeichnung entstand Anfang des 19. Jahrhunderts, nach 1813, denn das Papier trägt ein Wasserzeichen: J. Whatman 1813. Format: H 32,5 cm x B 24,5 cm, ohne Falzung B 21,7 cm. Auf der linken Seite befindet sich ein links untergeschlagener Falz mit Einstichlöchern, was darauf hinweist, daß das Blatt einmal in einem Heft gebunden war, rechts befindet sich nach links übergeschlagen ein Falz, der auch über die untere Zeichnung hinweggeht und vermutlich die Legende enthielt. Diese fehlt leider, obwohl in der Zeichnung große und kleine Buchstaben weitere Erläuterungen bedingen. Die Zeichnung— mit Ausnahme des Münsters — außerordentlich sorgfälig ausgeführt — man achte nur auf die Altstadtkirche und die oberhalb entlang verlaufende Straße nach Donaueschingen (rot, wie nach Hornberg und nicht ocker wie die anderen Straßen) oder den „Schwedischen Damm“ — ist wohl mit Sicherheit die letzte Darstellung unserer Stadt in den mittelalterlichen Grenzen und mit voll erhaltener Ringbefestigung. Selbst das sog. „Bügeleisen“, der Flankenschutz am „Haubenloch“, ist so genau zu erkennen, wie die Führung des Hauptwasserlaufes durch die Stadt, das noch vorhandene „Nieder-Thor“ und das abgerissene Alte Kaufhaus in der Oberen Straße. Wer Freude daran hat, mag noch viele weitere Details erkennen. Interessant ist auch die Darstellung der topographischen Verhältnisse rund um die Stadt. Nicht wie wir es heute gewohnt sind in Höhenlinien, sondern in einer Art „Faltenlinien“, die an besonders steilen Stellen sehr eng gezeichnet sind, und die aufrecht zur Steigung verlaufen — die sogenannte Schraffe — wird das Gelände, übrigens sehr plastisch, dargestellt.

Der unter dem Kartenblatt angebrachte „Durchschnitt der Mauer Umfassung ViIlingens beim Ried Thore“ zeigt uns die alte Befestigung unserer Stadt, wie sie bis zur Überalterung im 18. Jahrhundert allen Stürmen der kriegerischen Zeiten standgehalten hat. Das Riettor, —früher, wie wir wissen Franziskus-Tor, zeigt uns seine ursprünglich abnehmbare Haube, die Haupt-Stadtmauer mit dem Absatz für den Wehrgang. Dann folgt von innen nach außen Zugbrücke und Brücke über den inneren Graben, Stützmauer und Mauer für den Vorwall, die sogenannte Fülle, sogar mit einem Baum, Vortor (sogenannter Erker), eine weitere Brücke über den äußeren Graben und nochmals eine Mauer gegen das dann ansteigende Gelände des Hubenlochs. — Wie mag den Soldaten des Marschalls Tal lard zumute gewesen sein, als sie an dieser Stelle in den Tagen vom 11. — 21. 7. 1704 die Stadt angreifen sollten.

Kehren wir zu unserem Blatt zurück. Es erhebt sich natürlich die Frage, zu welchem Zweck dieses in den Jahren nach 1813, also als Villingen schon zum Großherzogtum Baden gehörte, angefertigt wurde, und wen interessierte zu diesem Zeitpunkt noch die Villinger Befestigung? Wie man von den heutigen Besitzern hört, wurde dieses Blatt bei einer Versteigerung in Tirol erworben. Die Maßstabangaben sind in den von 1812 bis 1861 in Frankreich zur Erleichterung der Einführung des metrischen Systems gebräuchlichen „Toisen“ (1 Toise = 2 m zu 6 Pieds/Fuß eingetragen, wobei für Fuß die in Österreich früher übliche Bezeichnung „Schuh“ verwendet wird. Die Herkunft des Blattes ist unbekannt. Es darf also spekuliert werden. Ob z. B. in Österreich Pläne und vor allem Schnitte durch Fortifikationen aus den ehemaligen österreichischen Besitzungen angelegt und gesammelt wurden? Wir wissen ja, daß der Übergang nach dem Ende der Habsburgischen Herrschaft auf das Großherzogtum Baden nicht so reibungslos vor sich ging, und so mancher Villinger, wie auch Freiburger und Konstanzer, weiterhin an der alten Herrschaft hing. Das Blatt scheint mir für militärische Zwecke angefertigt zu sein. Ob da wohl in Österreich einige Leute saßen, die an die Möglichkeit dachten, das Rad der Geschichte könne sich nochmals rückwärts drehen? Wie gesagt: hier darf spekuliert werden. Wer bietet eine andere Deutung an? Eine Zeichnung gibt Rätsel auf.

 

Zeichnung Oben: Zum Maßstab für die Ringanlage Schuh = Fuß 1 Badischer Fuß = 0,300 m 1 Wiener Fuß = 0,318 m (Österreich) Da wir nicht wissen, welches Maß zugrunde liegt, beträgt bei genau 100 badischen Fuß die Tiefe der Ringanlage ab Außenseite der inneren Ringmauer bis Außenseite der Futtermauer links, 30 m, nimmt man das österreichische Maß sind es 32 m.