Vom Villinger Galgen und von einer pseudogermanischen Eiche (Werner Huger)

„Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als andre“, sagt Christian Morgenstern in einer Betrachtung darüber, wie seine Galgenlieder entstanden sind.

Es ist sicher, für die, die oben standen, währte der Blick nicht mehr lange. Aber was sich an Dauer versagte, weitete sich in die Tiefe, und für einen Augenblick reichte er bis in den tiefsten Abgrund der menschlichen Seele — bis heute.

Verlassen Sie zu Fuß die alte Stadt nach Westen! Ab Riettor führt der Weg durch die Vöhrenbacher Straße. Er steigt parallel zum Hubenloch an und erreicht auf dem Scheitel am Ende des Hubenlochs, bei 740 m Höhe, die Ampelanlage an der Kreuzung zur Dattenberg- und Saarlandstraße. Vorbei an der Araltankstelle überqueren Sie die Straße und betreten den Fußweg, der rechts neben der Fahrstraße etwas überhöht Richtung Krankenhaus durch zwei mächtige alte Bäume hindurchführt; sie markieren die Ränder der alten Fahrstraße, wie sie noch nach dem 2. Weltkrieg bestand. Halt! Jetzt sind Sie vom Riettor rund 1.500 Schritte oder genauer 1.000 m gegangen. Schauen Sie nach rechts! Neben Ihnen, ein paar Meter in der Wiese, sitzt ein offensichtlich gehauener Steinstumpf. Damit Sie ihn nicht übersehen, haben wir ihn und sein Umfeld fotografiert. Auf dem einen Bild sehen Sie links im Hintergrund das Villinger Krankenhaus. Der Stein ist der schäbige Rest einer der drei Steinsäulen, die den mittelalterlichen Galgen bildeten. Der war bis ins 18. Jahrhundert in Funktion. Dann, noch nach dem 2. Weltkrieg, standen an seiner Stelle neben den Steinrümpfen im Boden als Dreieck gruppierte Laubbäume, die an ihn erinnerten. Vielleicht ist bald die letzte Spur verwischt, wenn ein „Liebhaber“ sich das makabre Stück in den Garten stellt.

Lohnt es sich, den Galgen und damit seinen Standort in Erinnerung zu halten? Beantworten Sie für sich, ob es sich lohnt, über die Mißergebnisse der menschlichen Gehirntätigkeit nachzudenken oder über Schiller als Philosoph, der sich die Überzeugung nicht nehmen ließ, daß der schrecklichste der Schrecken immer noch der Mensch in seinem Wahne sei. Vielleicht sollten Sie auch entscheiden, ob Sie über dieses makabre Thema mehr erfahren wollen. Nun gut, wenn Sie sich dafür entschieden haben, begleiten Sie mich!

Der Galgen — wem sage ich das — ist selbstverständlich ein Strafwerkzeug zur Vollziehung der Todesstrafe. Er ist aber auch, wie angedeutet, ein Symbol des Wahns, genau wie das Hängen als die dazugehörige Todesart. Sie werden es merken. Fangen wir mit dem Wort als solchem an. Es hat, wie sein Begleitwort „Hängen“, ein hohes Alter und kommt in den meisten Kultursprachen vor. Die Kulturen haben es in der Sache auch praktiziert. Wie es auf arabisch heißt, weiß ich nicht. Vielleicht finden Sie im nächsten Urlaub Gelegenheit es zu erfahren. In manchen orientalischen Ländern wird wenigstens einmal in der Woche auf öffentlichen Plätzen die Funktion dieses Gerätes vorgestellt, so daß man es „live“ erleben kann. Auch in Teilen Amerikas soll es, wenngleich unter Ausschluß der Öffentlichkeit, noch heute das Hängen geben. Uns reicht das mittelhochdeutsche Wort, es hieß „galge“, und so sprechen wir es noch heute in der Mundart aus.

Ursprünglich hat es in Villingen sogar zwei Galgen gegeben. Sie lagen auf derselben Achse. Der andere lag allerdings näher beim Riettor: In der Nähe der Abzweigung der heutigen Kirnacher Straße von der Vöhrenbacher Straße — so schreibt Hans Maier. Wenn man wollte, konnte man also von der Ringmauer aus zu sehen. Den Galgen näher an der Mauer aufzustellen duldete man nicht. Als Hinrichtungsinstrument für Ehrlose war er selbst eine anrüchige Stätte. Er mußte mindestens einen Pfeilschuß von der Stadt entfernt sein.

Im Urbarium des Spitals Alten Einkünfte und Lehens-güter (1379-1542) — Spitalarchiv im Stadtarchiv Villingen — heißt es aus dem Jahre 1400: …item git von aim acker gelegen bey dem galgen… . Welcher der beiden Galgen gemeint war, wissen wir nicht. Der Galgen, nahe dem Tor, soll — so lesen wir bei Hans Maier, ein sogenannter Schnellgalgen gewesen sein. Maier sagt, die Opfer seien „hochgeschnellt“ worden. Nun, vielleicht war es ein Galgen für jene Variante, bei der der Delinquent mit der Schlinge des Strickes um den Hals zum Hängen ruckartig aufgezogen wurde. Bei der anderen Methode wurde er von einem Karren oder einer an den Galgen gelehnten Leiter heruntergestoßen. Ob es in jedem Falle auch „schnell“ ging, ist zweifelhaft.

VILLINGER GALGEN am Hochgericht

 

Der königlichen bzw. delegierten gräflichen Zuständigkeit schon bald entglitten, übten im Laufe des Mittelalters neben den Landesherren auch die Städte die sogenannte Hochgerichtsbarkeit aus, die sich mit besonders schweren Straftaten, im Sinne von Verbrechen, beschäftigte. Sie wird symbolisiert durch Stock und Galgen. So makaber es erscheint: der Galgen wird auf diese Weise zum Herrschaftszeichen. Unser Bild zeigt die älteste Darstellung Villingens in einem Ausschnitt der Karte von Berin, um 1600, die als Original im Tiroler Landesarchiv Innsbruck aufbewahrt wird. Die Karte ist westlich orientiert und trägt weder Titel, Legende noch Maßstabsangaben. Es fällt auf, daß der oberhalb des Stadtovals abgebildete Villinger Galgen in seiner Ma ßstäblichkeit gegenüber den Häusern und der Gesamtanlage überproportional dargestellt wurde. Es gibt dafür nur die Erklärung, daß damit deutlich gemacht werden sollte: Die Stadt Villingen übt selbst das hoheitliche Recht der Hoch- oder Blutgerichtsbarkeit aus. Der Galgen symbolisiert die autonome Rechtsphäre der Stadt. (Zunächst die Teilnahme der Bürger am Gericht, ferner das Vorschlagsrecht für das Schulthei ßenamt (= oberster Richter) — 1324 und 1326 — sowie die urkundlich mehrfach wiederholten Privilegien der Befreiung der Stadt von fremden Gerichten (1331, 1372), belegen die Kompetenz der Stadt beim Blutgericht sehr früh.)

Der BEERFELDER GALGEN im Odenwald, ein heute noch existierendes Beispiel für das Aussehen des „dreischläfrigen“ Villinger Galgens.

 

Das gewaltsame Beenden der Atemtätigkeit, indem der Hinzurichtende durch sein Körpergewicht die um den Hals liegende Schlinge zuzieht, führte bis in die Neuzeit erst nach längerer Bewußtlosigkeit durch Ersticken zum Tode. Erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ging es schneller, denn jetzt setzte sich auf dem Kontinent die englische „Erfindung“ des „long drop“ durch, bei dem der Ruck des Knotens der Schlinge einen Halswirbelfortsatz abbricht und damit den Tod durch sofortige Lähmung des Atemzentrums herbeiführt.

Übrigens, einen originalen Galgen können Sie noch heute sehen. Fahren Sie nach Unterkirnach — Oberkirnach — Kesselberg — Fuchsfalle. Einige 100 m vor dem Parkplatz Stöcklewaldkopf, rechts erhöht, zwischen den Bäumen, nahe der Straße, steht er. Es sind keine 20 km. Dieser folgt in der Konstruktion der Urform des Galgens: 2 aufrecht stehende Pfosten und ein eingehängtes Querholz darüber. Statt der Holzpfosten besitzt er jedoch die gleichen Steinsäulen, wie sie beim Villinger Galgen anzutreffen waren. Die Villinger Form mit drei Säulen finden Sie noch heute an acht Orten in Deutschland, darunter in Beerfelden im Odenwald. Den letzteren Galgen haben wir hier abgebildet.

Hängen ist eine Strafe der sogenannten Hochgerichtsbarkeit (andere Bezeichnungen sind Blut-, Hals-, Malefizgerichtsbarkeit u.a.) Sie ist, im Gegensatz zur Niederen Gerichtsbarkeit, das Gericht an Leib und Leben (auch: Hals und Hand), das sich mit Straftaten beschäftigt, die als besonders schwer, im Sinne von Verbrechen, galten, und auf denen sehr oft die Todesstrafe stand.

Der königlichen bzw. delegierten gräflichen Zuständigkeit schon bald entglitten, übten im Laufe des Mittelalters neben den Landesherren auch die Städte die Hochgerichtsbarkeit aus. Sie wird symbolisiert durch Stock und Galgen. Todeswürdig sind Diebstahl und Raub, Mord, Brand, Totschlag, Notzucht, Sodomie, Ketzerei, u.a… Keine Frage, daß zur Aufklärung von Taten bis ins ausgehende 18. Jahrhundert die Folter eine entscheidende Rolle im Verfahren spielte. Wir erinnern an die Hexenverfolgungen.

Bei der Erfindung von quälenden Strafarten besaß das Mittelalter eine unerschöpfliche Fantasie. Und für jede Untat besaß es ein Strafinstrument: In Malefizsachen die Enthauptung, das Rädern, Vierteilen, Lebendigbegraben, Ertränken und den Strang.

„Eine Aufzählung von Malefizsachen finden wir weder im I. Villinger Stadtrecht noch in einer späteren Kodifikation. Wohl hat das II. Stadtrecht vom Jahre 1371 eine Reihe von Malefizsachen zusammengestellt…“. Darunter befindet sich der Diebstahl von Sachen mit einem Wert von „über fünf schilling pfenning ze Vilingen geber“. Damit ist gezeigt, ab wann es einem an den Hals ging, womit wir wieder beim Thema wären: Die Strafart für den Diebstahl war das Hängen. Doch nur Männer wurden gehängt, Diebinnen ertränkte man. Als eine Gnade war es anzusehen, wenn diese Strafe in eine „ehrliche“ Strafe der Enthauptung umgewandelt wurde. Auch die alten Villinger Kriminalakten berichten davon. Sie sehen, manchmal hatte man die „Wahl der Qual“. Allerdings wurde nicht jeder einfache Diebstahl gleich mit dem Tode bestraft.

 

Neben der Straße zum Friedengrund und Krankenhaus verläuft auf der Höhe rechts ein Fußweg. Dort, wo er auf der Fotografie endet, ist rechts in der Wiese ein kleiner Punkt zu sehen: Der letzte Rest des Villinger Galgens.

 

 

 

Der GALGENPLATZ (Im Hintergrund das Krankenhaus)

 

Ja man machte schon feine Unterscheidungen. Noch vor 80 Jahren hätte sich der königliche Gardeleutnant wegen seiner hohen Spielschulden nicht aufgehängt, nein, er hätte sich erschossen; das war ehrenhaft. Und so gab es schon im Mittelalter „ehrliche“ und „unehrliche“ Sachen. Die Unterscheidung soll in der Sittlichkeit gewurzelt haben, die, vom sittlichen Bewußtsein getragen, dem Recht die Möglichkeit verschaffte zu sagen, bei welcher Missetat die Strafe den Entzug der Ehre darstellte oder wo sie mit der Ehre und der sittlichen Würde des Menschen noch vereinbar war. Wer seinen Gegner im ehrlichen Zweikampf totschlug, starb durch eine ehrliche Strafe, man schlug ihm den Kopf ab. Wer klaute, hatte eine unehrliche Übeltat begangen. Wenn er hingerichtet wurde, starb er durch die unehrliche Strafe des Hängens. Der Effekt war derselbe. Allerdings nicht, soweit es seine Seligkeit betraf, wie wir noch sehen werden. Ohne in Verfahrensfragen auf Zurechnungsfähigkeit, Vorsatz, Fahrlässigkeit oder sonstiges einzugehen, wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß der Delinquent gelegentlich die Gunst der Leibesstrafe erhielt. Statt ihn am Galgen aufzuhängen, schnitt man ihm die Ohren ab, oder man brannte ihm ein Zeichen auf die Stirn, oder man peitschte ihn aus. Neulich zeigte das Fernsehen —wiederum „live“ — das Ritual einer orientalischen Auspeitschung. Welche perverse Lust sich dabei für den Auspeitscher verbinden kann, weiß ich, seit ich in den Fernseher gucke. Sie hätten sehen sollen, wie es den armen Teufel nach einer Reihe von Schlägen, die geradezu zelebriert wurden, umgehauen hat. So schlagen Blitze ein.

Wer durch die unehrliche Hinrichtung des Hängens starb, fand seinen Platz nicht in der geweihten Erde des Gottesackers, wo man ihn keinesfalls geduldet hätte, sondern er erhielt ein unehrliches Begräbnis unter dem Galgen. Da nach der späteren christlichen Auffassung alle unter dem Galgen Bestatteten ein unerlöst leidendes, meist örtlich gebundenes Dasein führen müssen, verband sich dieser Umstand rasch mit dem Volksglauben, am Galgen sei es unheimlich, weil die Geister der Gehängten dort klagend oder leuchtend, gelegentlich ohne Kopf, umgehen und den Vorübergehenden erschrecken oder belästigen. Auch als Hexentanzplatz erhielt der Galgen so einen abergläubischen Sinn.

Während „Hochgericht“ sich einerseits, wie erwähnt, auf die Gerichtsbarkeit bezieht, für die der Galgen damit zum Herrschaftszeichen wird, hat man andrerseits den Begriff auch auf den Standort des Galgens übertragen. Deswegen heißt es auch in der Villinger Gewannbezeichnung „Beim Hochgericht“. Tatsächlich mag die Sichtbarmachung als Herrschaftszeichen dazu geführt haben, daß man, wie in Villingen, den Galgen weit sichtbar auf die Höhe gestellt hat. Die Lage auf der Höhe kann aber auch auf vorchristlichen Vorstellungen beruhen. Der Galgen galt als „windkalter Baum“, dort entsteht der Sturm. Der Übeltäter soll so gehängt werden, „daß der über und unter ihm zusammenschlägt“. Schon Odin war bei den Germanen der Gott der Gehenkten, der Herr der Galgen. Od in-Wotan und seine spätere Gestalt, der Wilde Jäger, der Teufel, nimmt im Sturm den Atem, die „Windseele“ des Getöteten an sich.

Diese Unglücksstätte auf der Höhe sollte aber auch sicher ein weithin mahnendes Zeichen sein.

Der öffentlich bestellte, berufsmäßige „Hinrichtungsbeamte“ war der Henker. Er wird in Urkunden auch als Scharfrichter, Nachrichter u.ä. bezeichnet. Im Beispiel unseres hier vorgestellten Todesurteils für einen Dieb aus dem Jahre 1773 wird er „Scharfmeister“ genannt. Da ihm ebenfalls der Makel der Unehrlichkeit beschieden war, begegnete man ihm mit Abscheu, Furcht und Distanz. Schon äußerlich durch die auffallende Kleidung unterschieden, besaß er kein Bürgerrecht und konnte gelegentlich sogar vom Abendmahl ausgeschlossen sein. Seine gesellschaftliche Abgeschlossenheit führte zur Bildung ganzer Henkerdynastien. Ihnen oblagen außerhalb der gelegentlichen Hinrichtungen die Tätigkeit als Bordellwirt, Hundeschläger, Abdecker, Bestatter von (unehrlichen) Selbstmördern, Vertreiber der Aussätzigen aus der Stadt usw… Der Henker galt als Zauberkundiger und mit den geheimen Künsten Vertrauter, so daß man sich heimlich allerlei Amulette, wie Körperteile oder Kleidungsstücke von Hingerichteten, Splitter vom Galgenholz oder Teile vom Galgenstrick und einiges mehr beschaffen konnte. Sie halfen gegen kaltes Fieber, Verwundung, Gewitter, Blitz und sonstigen Hexenzauber, wobei insbesondere das Stückchen Galgenstrick sich als Heilmittel für bestimmte Fälle empfahl und sei es auch nur gegen Fallsucht, Gicht, Zahnweh, Warzen oder Kröpfe.

 

Der Stich von der Tallardschen Belagerung Villingens 1704 zeigt einen zweiten Galgen —einen sogenannten Schnellgalgen. Er stand am Fuße des Hubenlochs auf seiner Nordseite, in der Nähe wo sich heute Kirnacher und Vöhrenbacher Straße trennen. Daß beide Galgen zeitgleich vorhanden waren, ist zweifelsfrei. Ob sie in unterschiedlicher Funktion in Tätigkeit traten, war nicht zu ermitteln. Auf den nächsten Seiten drucken wir das Protokoll des Todesurteils von 1773 gegen Josef Ferdinand, den sogenannten Sursepp vom Elsaß, ab. (Eine Übertragung ins Neuhochdeutsche ist angefügt.) Das Urteil lautet wegen erschwerten Diebstahls auf Hinrichtung durch den Strang. Es dürfte eines der letzten Urteile sein, die in Villingen durch Erhängen vollstreckt wurden. Die im Urteil vorkommende Formulierung “ … nach Anleitung Kaiser Karls des Fünften …“ bezieht sich auf die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karl V, 1532, der sogenannten CAROLINA, dem ersten allgemeinen deutschen Strafgesetzbuch, das bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gültig war. Eine Vorläuferin der Carolina war die Maximilianische Halsgerichtsordnung für Tirol. Sie hat zweifellos auf die Rechtsprechung der vorderösterreichisch-habsburgischen Stadt Villingen eingewirkt, auch wenn wir dafür im Augenblick keinen Beleg vorlegen können. Immerhin entstand durch sie im Dezember 1506 die Radolfzeller Malefizordnung für eine ebenfalls vorderösterreichische Stadt. Radolfzell kam so, „an zweiter Stelle von allen Städten des Reiches“ in den Besitz einer eigenen Halsgerichtsordnung.

 

 

 

 

 

DAS URTEIL DES VILLINGER GERICHTS LAUTET IN DER NEUHOCHDEUTSCHEN ANGLEICHUNG WIE FOLGT:

Urteil

In peinlicher Rechtssache wider den hie gegenwärtig stehenden Josef Ferdinand den sogenannten Sursepp von Elsaß Zaberen gebürtig, 38 jährigen alters, Römisch Catolischer Religion, verheirateten Stands, wird nach geführter Inquisitions-Abhandlung in betreffs von demselben mehrfältig begangenen, bösartigen und gefährlichen Diebereien auch getane gütliche Bekenntnis auch hierüber eingeholte Kundschaften und eidlichen beteuerten Erfund (= Zeugen) der Diebstählen, auch werts (= wegen des Wertes) der gestohlenen Waren nach genommen Rechtssatz und eingelangtem Rats unparteiischer Rechtsverständigen nach wohl und weislich erwogener Rechtssätzen von Burgermeister und Rat der kaiserlich-königlichen Stadt Villingen mit Urteil zu recht erhängt.

Daß der gegenwärtige Delinquent wegen mehrfach ausgeübten und mit beschwerenden Umständen begleiteten Diebereien nach Anleitung Kaiser Karl des Fünften und kaiserlich königlich Theresianischen Hals-gerichtsgesetzen dem Scharfmeister in seine Hand und Gewalt übergeben, von hier zu dem gewöhnlichen Hochgericht abgeführt, und von demselben zu seiner wohlverdienten Straf, dem publico (= der Öffentlichkeit) zu einem abschreckenden Beispiel an dem Galgen vom Leben zum Tod durch den Strang mit nachheriger Anheftung der Ketten gebracht werden solle, wie derselbe hiemit zu dieser Straf des Stranges verfällt und verdammet ist.

Gott Gnade der armen Seele

(Unterschrift)

 

Welche mythologische Rolle der Galgen als Henkers-werkzeug schon zur germanischen Zeit gespielt hat, wollen wir hier nicht vertiefen. Immerhin ist es aber eine Tatsache, daß die germanischen Völker ihre Todesurteile neben der Enthauptung am häufigsten durch Hängen vollstreckten. Das gotische Wort für Hängen war „hahan“, althochdeutsch „hähan“ und „hangan“. Das Werkzeug war ein Ast, an den man den Verurteilten knüpfte. In Naturreligionen, wie wir sie bei den Germanen und den zeitgleichen Kelten antreffen, sind Objekte wie Berge, Quellen, Flüsse, Haine, Bäume usw. immer wieder Gegenstand der Verehrung oder des Kultes. Es wird vermutet, als Vertreter der vielfältigen Gottheiten habe auch regelmäßig ein bestimmter heiliger Baum gestanden, an dem man der fordernden Gottheit auf besondere Weise opferte. Die Eiche als sakrales Galgenholz für das sühnende Opfer soll beim Hängen zuständig gewesen sein. Die Rechtssprache überliefert aus unbestimmter Vorzeit das Hängen am „dürren Baum“ und hängen am „grünen Baum“. Wurde man am dürren Baum gehängt, bedeutete es verständlicherweise die härtere Strafe. Das Wort Galgen bezeichnet ursprünglich den laublosen, dürren Baum, genauer nur den Ast. Noch heute kennen wir für das künstlich angefertigte Hinrichtungsgestell die Bezeichnung Galgenbaum. Mit dem bemerkenswerten Hinweis aus der Literatur, das künstliche Gestell habe bis zur Neuzeit den kahlen Baumast nicht verdrängen können, sind wir fast schon wieder in der Gegenwart. Es bliebe nur noch zu vermerken, daß das Hängen, gleichgültig an welcher Galgenform vollzogen, seit dem Mittelalter bis in die Neuzeit als besonders schimpfliche und ehrlose Todesart galt.

Sie fragen mich mit Recht, weshalb ich noch einmal von vorne anfange und mit meinen makabren Einzelheiten sogar hinter das Mittelalter zurückgehe. Ich will es Ihnen sagen : Weil es das Jahr 1943 gab! Vor 46 Jahren hätte ich mit Ihnen gewettet, daß der Delinquent Josef Ferdinand, genannt der Sursepp vom Elsaß, 1773 wohl der Letzte war, den man in VilIingen gehängt hat.

 

Jetzt, da ich nicht mehr ausweichen kann, sträubt sich bei der Niederschrift der Kugelschreiber. Ich kann meine aufwallenden Gefühle nicht mehr bändigen und die Gedanken nicht mehr im saloppen Stil des „Es war einmal…“ dahinplätschern lassen. Ich habe es noch erlebt, als man in Villingen einen Menschen henkte. Damals war ich ein Junge, und als wir Burschen danach davon erfuhren, machten wir uns auf, über das Sandwegle ins Tannhörnle zu den Eichen, um mit makabren Gefühlen den Erhängten zu ahnen.

 

45 Jahre haben Spuren verwischt und Erinnerungen getrübt. Dieser Tage ist in einer Publikation die Behauptung geäußert worden, man habe im Zweiten Weltkrieg an der Magdalenenbergeiche, dem großartigen Naturdenkmal, einen Steinwurf vom keltischen Fürstengrabhügel entfernt, einen Polen gehängt— und schon trug sie die Bezeichnung „Poleneiche“. Jetzt erst interessierten mich Ort und Personen genauer. Ich forschte nach. Ersparen Sie mir Einzelheiten, aber glauben Sie mir, ich bin am Ziel: Am 9. September 1942 wurde der ehemalige polnische Kriegsgefangene Marian Lewicki aus Posen-Portenstein, 29 Jahre, Zwangsarbeiter bei der Firma Görlacher, wohnhaft in einem Zimmer in der Oberen Straße 19, (Hut-Schweiner im Hause Hirt) verhaftet. Von einem eigens nach Villingen geholten Richter, die Rede ist von einem Kriegsgerichtsrat, zum Tode verurteilt, wurde er an einem winterlichen Tag im März 1943 am Ende des Sandwegles, kurz vor der Einmündung in die Landstraße nach Pfaffenweiler, südlich des

Weges, am Ast einer noch winterdürren Eiche gehängt. Sein toter Leib fiel in eine Kiste; sie wurde verdeckelt und auf dem vorgespannten Karren eines Bauern abgefahren. Wohin? Ich wurde es vom einzigen Menschen, der noch ein Recht hat es zu erfahren, gefragt. Ich weiß es nicht. Europa brannte, der Haß glühte. Die pseudomythologischen Wahnvorstellungen eines Systems, seine Ideologie, hatten ihr Opfer. Das Werkzeug war ihre „germanische Eiche“.

Wollen Sie mehr erfahren? Verzeihen Sie, es war, als hätte mich jemand vor die Truhe geführt, wo das Schicksal die Geschicke verborgen hält — die waren und die sein werden. Als sich die Lade hob, sah ich zwei junge Menschen: ein blondes Mädchen, 19 Jahre, Deutsche, und einen jüngeren Mann, ein Pole. Nur das Mädchen konnte noch sprechen. Es sagte: „Es war meine erste Liebe“. Ich sah, wie die Bilder wechselten, sah die Dämonen in fremden Gesichtern, hörte das wimmernde Leid aus dem Konzentrationslager Auschwitz, spürte die Angst in greifbarer Gestalt und vernahm ein leises bittendes Vaterunser in polnischer Sprache. Ich kann nicht mehr darüber sprechen und will nicht mehr darüber schreiben. Und doch: Ich habe den Galgenbaum fotografiert. Die Abbildung hätte nichts in diesem Heft verloren, wenn sich nicht eine Erinnerung und eine Bitte damit verbinden würde: Zum Ersten: Hier starb ein junger Mensch. Sein Verbrechen: er liebte einen Menschen. Zum Zweiten: Nicht vergessen ist mehr als sich erinnern.

Literatur und Quellen

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band III, Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig 1930/31

Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, Herausgeber Erler und Kaufmann, Band I und II, Erich Schmidt Verlag

Das Strafrecht der Stadt Villingen in der Zeit von der Gründung der Stadt bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, Inaugural-Dissertation ohne Jahreszahl, G. Troemers Universitätsbuchhandlung Freiburg i. Br.

Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Villingen, Ring-Verlag, Villingen 1962

Urkunde über den Kriminalfall des Jos. Ferdinand, aus der Rubrik XXX, Strafrechtspflege der Stadtgemeinde Villingen, Stadtarchiv Villingen, 1773, HH, No 12

Über die Vorgeschichte, die zum gewaltsamen Tode des polnischen Zwangsarbeiters Marian Lewicki im März 1943 führte, konnte ich dankenswerterweise von Frau L. R., geb. Sp., zuverlässige Angaben erfahren. Sie, für die es ihre erste Liebe war, wie sie mir sagte, erfuhr im Zuge der Verhaftung auch ihrer Person, am 9. September 1942, persönliche Demütigungen, die in jener Zeit sie als ehrlos und Schlimmeres brandmarkten. Ohne in eine Einzelschilderung einzutreten, das verbietet die Rücksichtnahme, deute ich an, daß alle Maßnahmen gegen das neunzehnjährige Mädchen geeignet waren, der Seele die Zärtlichkeit der Liebenden zu rauben. Immerhin war sie auf Zeit ins Konzentrationslager Auschwitz eingewiesen worden. Die sensible, zarte Frau, die heute noch nicht ihr Schicksal verkraftet hat, ja sogar je mehr sie ins Alter eintritt, darunter leidet, legt mir die freiwillige Verpflichtung auf, ihre Anonymität zu wahren. Ich danke ihr an dieser Stelle, daß sie mich empfangen und aus ihrem Leben erzählt hat.

 

Partie am Käferbergle, Rudolf Heck, Linolschnitt