Erstnennung Villingens: „ad Filingas „Die Königsurkunde von 817 im Stiftsarchiv St. Gallen (Herbert Muhle)

Im Jahre 817, am 4. Juni, ließ Kaiser Ludwig I., genannt der Fromme, (geb. 778, Kaiser von 814 bis 840) in seiner Residenzstadt Aachen die auf der nächsten Seite abgebildete Urkunde ausstellen. Mit dieser Urkunde übertrug er alle bisher den namentlich genannten sieben Grafen zustehenden Zins-, Tribut- und sonstigen Einnahmen aus 47 Hofgütern (Mansen) an das Kloster St. Gallen. Der Text lautet in deutscher Übersetzung1):

Im Namen Gottes des Herrn und unseres Erlösers Jesus Christus, Ludwig durch das Walten der göttlichen Vorsehung Kaiser [und] Augustus: Allen [Euch] Grafen der Gebiete Alemanniens, Euren Nachfolgern und Vertretern (junioribus) wie allen unseren Getreuen sei kund, daß es uns gefalllen hat, für unser Seelenheil und [um] den Genuß ewiger Belohnung [zu erlangen] dem Kloster des Heiligen Gallus, welches im Pagus Thurgau liegt [und] wo der verehrungswürdige Abt Gozbert vorsteht, und der Gemeinschaft dieses Klosters einen gewissen Zins von den unten aufgeschriebenen Mansen durch diese unsere Vollmacht zu überlassen; [es handelt sich dabei um] jenen Zins, der gewöhnlich den Grafen zukam, unbeschadet freilich der Abgabe, die aus Zins, Tributoder welcher anderen Leistung auch immer unserer Pfalz zukommen muß. Und deswegen haben wir befohlen, diese Urkunde über unsere Anordnung für das vorgenannte Kloster und seine Gemeinschaft anzufertigen, durch welche wir Euch allen vorschreiben, Euch nicht zu unterstehen, von den benannten Mansen [als] da ist im Amtsbereich des Grafen Frumold die Manse des Weifari zu Hondingen und des Puabon zu Klengen; und im Amtsbereich des Grafen Cunthard zu Bissingen die Manse des Toton und des Cuatoni und die Manse des Geilon und die Manse des Cozpert und die Manse des Wolfon und die Manse des Altmann; im Amtsbereich des Grafen Karamann zu Schörzingen die Mansen des Atolf und des Liutpolt, zu Schwenningen die Manse des Liutpolt und zu Weilersbach die Mansen des Ratolt und des Heriger; und im Amtsbereich des Grafen Hruadhar zu Tuningen die Mansen des Amalon und des Gerhart und des Liuthar und des Wolfbert und des Nilon, zu Villingen die Mansen des Wito und des Heimo, zu Nordstetten die Manse des Oto und des Reginker, zu Pfohren die Manse des Pruning und des Waning, zu Spaichingen die Manse des Otto und des Waramann und des Adalmar, zu Tannheim die Manse des Tuaton; im Amtsbereich des Grafen Erchangar die Manse des Ruadleoz von Heimbach und die Manse des Freholf von Thalhausen und Otgar von Buchheim; und im Amtsbereich des Grafen Rihwin die Manse des Snizolf von Hüttwilen [Kt. Thurgau, vielleicht auch Uttwil am Bodensee], die Manse des Gundwin von Kess-wil, zwischen Kiselmar und Facon eine Manse und die Manse des Roatpert von Landschlacht und zwei Mansen von Zihlschlacht und die Manse des Almaric und des Baldwin von Hefenhofen und die Manse des Puwon von Ifwil und des Huncpert und die Manse des Herirat von Tänikon; vom Amtsbereich des Grafen Odalric die Manse des Richwin von Stetten, von Markdorf die Mansen des Isanbert und des Ruatbert und des Ruatbald und des Arnolt und die Manse des Walbert von Fischbach und die Manse des Theotram von Kluftern;

die zusammen 47 ergeben, einen Zins oder Tribut, Dienste oder Feldarbeiten oder welche anderen Abgaben auch immer zu verlangen oder einzutreiben, sondern wie wir dies zu frommer Gabe gegeben haben, so soll es immer bleiben.

+ Diese Urkunde unserer Vollmacht aber haben wir, damit sie von allen besser anerkannt und geachtet werde, unten mit unserem Ring zu besiegeln befohlen.

+ [Ich] Durandus, Diakon, habe [die Urkunde] in Vertretung für Helisachar anerkannt und unterschrieben.

+ Gegeben am Tag vor den Nonen des Juni, durch Gnade Christi im vierten Jahr der Kaiserherrschaft des Herrn Ludwig, des überaus frommen Augustus, in der zehnten Indiktion. Geschehen in der Königspfalz Aachen, glücklich im Namen Gottes. Amen.

Die Urkunde, die bereits vorher im „Wirtembergischen Urkundenbuch“ (Bd. 1, 1849) abgedruckt worden war‘, wurde mit Kommentar und Ortsbestimmungen der aufgeführten Orte in der geografischen Situation von 1863 durch Hermann Wartmann2) in heutiger lateinischer Schreibweise veröffentlicht. Obwohl im Laufe der Zeit einige Diskussionen um die von Wartmann vorgenommenen Ortsbestimmungen stattgefunden haben (siehe besonders den Beitrag von Dieter Knaupp in diesem Jahresheft), hat der Verfasser die ursprünglichen Festlegungen durch Wartmann von 1863 zugrunde gelegt, um die Behandlung des Hauptthemas nicht zu komplizieren.

Unter den 26 erwähnten Orten befinden sich neben Villingen und Nordstetten weitere Stadt- bzw. Ortsteile von Villingen-Schwenningen, wie Schwenningen, Weilersbach und Tannheim, sowie einige andere Orte unserer nächsten Nachbarschaft: Hondingen, Klengen, Tuningen, Pfohren und Spaichingen. In der vierten Zeile befindet sich eigentlich ganz gut lesbar die Bezeichnung „ad Filingas“, wie wir sie hier zusammen mit den Namen Witonis et Heimonis, „ad Nordstetim“… herausvergrö-ßert haben. (Siehe Abb.)

Dieses ist die älteste bekannte Urkunde, die den Ort Villingen erwähnt. Sie kann übrigens in einem sehr guten Faksimile-Druck in Originalgröße im Eingangsbereich zum ehemaligen Franziskanerkloster, gleich gegenüber dem Schalter links, besichtigt werden (Eintritt frei).

Natürlich darf man diese Urkunde nicht mit der für die Entwicklung unserer Stadt viel wichtigeren Königsurkunde der Verleihung des Zoll-, Münz- und Marktrechtes von 999 verwechseln. Die letztgenannte ist in der Betrachtung von Werner Huger im letzten Jahresheft (1986) im Zusammenhang mit „Der Gründungsidee der Stadt Villingen“ ausführlich gewürdigt worden3). Der in der Königsurkunde von 817 erwähnte Ort Villingen ist das Dorf in Tale des Steppach auf dem Gewann Altstadt, bei der heutigen Friedhofskirche, deren Turm aus dem 11. Jahrhundert, also aus der Zeit des einstigen Ortes bis auf unsere Zeit erhalten geblieben ist4).

Die in der Urkunde erwähnten Übertragungen von Rechten aus Grundbesitz auf das Kloster St. Gallen durch den Kaiser sind zweifellos im Zusammenhang zu sehen mit dessen Bemühungen um die Reform des Fränkischen Reiches sowie der Durchführung der „Karolingischen Reformen“5) zur Festigung der Reichseinheit des Hl. römischen Reiches Deutscher Nation. Aber —und dies geht sozusagen Hand in Hand mit der Reform des kirchlichen Lebens und ist davon auch nicht trennbar — es ist auch die Zeit der Erfüllung des weiten Rahmens des politischen Programms, das durch Ludwigs Vater, Karl d. Großen, vorgegeben war. Ludwig erscheint in der Geschichte nicht gerade als ein sehr starker Herrscher (er galt zeitweise sogar als abgesetzt). Sein Titel „der Fromme“ weist eher auf den Schwerpunkt des religiösen Einflusses seiner sicher nicht schlechten kirchlichen Ratgeber hin, unter denen Benedikt von Aniane besondere Bekanntheit erlangte6). Die im Jahre unserer Urkunde eingeführte „ordinatio imperii“, die Rechtsordnung des Reiches, erlangte mit Zustimmung der Reichsversammlung, vor allem auf Drängen der kirchlichen Vertreter, volle Rechtskraft. Wenn diese auch zunächst zu erheblichen Erbfolgeschwierigkeiten führte, (was sie ja eigentlich verhindern sollte) so hatte die „ordinatio imperii“ doch Grundlagenbedeutung ähnlich einer zukünftigen Verfassung. Sie brachte auch eine gewisse Ordnung in die bis dahin völlig verzettelten Amtsbereiche und Territorien der Grundherren und Lehnsnehmer. Das Ausstellungsjahr unserer Urkunde hatte also durchaus eine Bedeutung.

Auch für das Kloster St. Gallen war dieser Zeitraum von einiger Wichtigkeit. Das Kloster war 816 im Zusammenhang mit den (auch unter Fußnote 6 erläuterten) monastischen Reformbewegungen im Verfolg der Synoden von Aachen 816-817 vom Bistum Konstanz unabhängig geworden. Es erwarb den Status eines „königlichen“, also reichsunmittelbaren Klosters. Über eine sehr wechselvolle Geschichte hinweg, nannte sich St. Gallen bis 1803, also über 986 Jahre: Reichsabtei. Das Kloster erlebte im 9. Jahrhundert, gestützt auf seinen umfangreichen Grundbesitz, eine kulturelle Hochblüte und war wesentlicher Träger der christlich-antikischen Bewegung dieser Zeit, die später als „Karolingische Renaissance“ bezeichnet wurde7).

Auch der in unserer Urkunde erwähnte Abt Gozbert (im lateinischen Text der Urkunde: Gauzbertus) ist von 816, also seit der Unabhängigkeit des Klosters, bis 836 in diesem Amt, war in seiner Zeit als ein „tatkräftiger Mann und politischer Kopf“ bekannt‘). St. Gallen verfügte, wie wir aus verschiedenen anderen, auch älteren Quellen wissen, über nicht unerhebliche Einkünfte aus Grundbesitz in unserer Gegend (z. B. Klengen, Beckhofen oder die Burg Runstal bei Villingen). Es lag also nahe, den hiesigen Besitz weiter zu arrondieren, wenn dem Kloster Mittel zur Erfüllung seiner kulturellen und geistlichen Aufgaben zur Verfügung gestellt werden sollte.

Auf die Erwähnung von Nordstetten — ad Nordstetim —soll hier besonders eingegangen werden. Revellio hat in seiner Bemerkung über die hier behandelte Urkunde die verhältnismäßig späte Ersterwähnung Villingens angesprochen9). Dabei erwähnt er ausdrücklich: …eine Ausbausiedlung der Altstadt ist, wie der Name zeigt, auch Nordstetten…“. Revellio verweist auf eine St. Galler Urkunde vom 18. August 762 (evtl. auch schon 76010) „Nordstati, die Siedlung nördlich der Altstadt“. Nun geht es ja bei der Auswertung alter Urkunden immer auch um die möglichst eindeutige Identifizierung der erwähnten Orte. Und hier ist seit der Herausgabe der St. Galler Urkunden durch H. Wartmann ‚I), unter besonderer Berücksichtigung der Besitzgeschichte des Klosters St. Gallen, fast die gesamte Forschung der Identifizierung Wartmanns als: „Nordstetten eben daselbst“ nach „Villingen, Bezirksamt gleichen Namens, Großherzogtum Baden“ gefolgt12). Auch die neuesten Forschungen von Martin Borgolte (siehe Fußnote 10) deren Ergebnisse auch in anderem Zusammenhang in diesem Aufsatz Erwähnung finden, bestätigen die Richtigkeit der Ortsangabe: Nordstetten bei Villingen, sowohl in der Urkunde von 760/762 als auch in der behandelten Urkunde von 817 mit der ersten Erwähnung Villingens.

Erhebliche Irritationen hat es auch um die Zuschreibung von Swanningas und Wilarisbach gegeben, die von Wartmann in seiner Erstausgabe des Urkundenbuches der Abtei St. Gallen von 1863 als „Schwenningen. Oberamt Tuttlingen (wozu es damals wirklich noch gehörte) Königreich Wirtemberg“ und „Weilersbach, Bezirksamt Villingen, Großherzogtum Baden“ identifiziert worden war. Hierzu gibt an anderer Stelle dieses Jahresheftes, in wesentlicher Ergänzung zu diesem Aufsatz, Dieter Knaupp in seiner Abhandlung „Die urkundliche Ersterwähnung Schwenningens“ einen Überblick bis zum heutigen geschichtlichen Wissensstand der Forschung. Von der Urkunde selbst kann man sagen, daß diese auch heute noch, wie in Wartmanns „Urkundenbuch der Abtei Sanct Gallen“ von 1863 erwähnt, „vortrefflich er halten“ ist, „mit Ausnahme des Wachssiegels, welches ganz und gar abgelöst und verschwunden ist“. Vom Siegel sind auf unserem Bild, unten rechts, noch ein dunkler Umriß zu sehen. Das Material der Urkunde ist Pergament im Format etwa: Breite 66,0 cm x Höhe 46,0 cm. Die ganz gleichmäßige Beschriftung mit einem einheitlichen Zeilenabstand von 3,7 cm ist in Karolingischer Minuskel ausgeführt13). Allerdings weist, wohl aus Gründen der Dokumentensicherheit, zumindest aber auch aus grafischen Gründen, wohl auch wegen einzelner Korrekturen während der Niederschrift, die Urkunde einige Sonderheiten auf. So hörte der Text etwa in der Mitte der vorletzten Zeile auf, und die nächste Zeile beginnt etwa 6,5 cm weiter rechts als der „normale“, auch nicht immer genau auf dem Punkt liegende Zeilenbeginn. Diese Lücke war ursprünglich beschrieben, und das Geschriebene sehr sorgfältig ausradiert worden14). Um diese Rasur wiederum möglichst nicht sichtbar werden zu lassen, hat man dann die ganze Rasurfläche mit durch „seltsam verschnörkelte Verlängerungen der unter und ob ihr stehenden langen Buchstaben“ (Wartmann) verdeckt. „Auf ähnliche Weise hat man“, so Wartmann weiter, „durch die ganze Urkunde die meisten ,r‘ und einzelne andre unter die Linie gehende Buchstaben nachträglich soweit abwärts verlängert, wie die ,1′ und ,b‘ von Anfang an aufwärts verlängert waren“. Als Beispiele mögen hier das „r“ bei Nordstettin“, und das „I“ bei Filingas dienen. Unmittelbar am Ende des Urkundentextes, nach dem Rekognitionszeichen“, sozusagen der „Unterschrift“, befinden sich für uns heute nicht mehr entzifferbare Schriftzeichen. Es handelt sich hierbei um sogenannte Tironische Noten16). Diese wurden wohl ebenfalls aus Gründen der Dokumenten-sicherheit oder Archivierungsgründen angebracht und finden sich bei fast allen Urkunden dieser Zeit, die von besonderer Bedeutung sind. Auf der unteren Zeile nach dem Rekognitionszeichen befinden sich die Namenszeichen der Zeugen. Auch diese sind auf jeder mittelalterlichen Urkunde zu finden. Zwischen Rekognitions-zeichen und Zeugenzeichen befindet sich die Datierung. Diese enthält neben der Datumangabe „am Tag vor den Nonen des Juni“ und der Angabe des 4. Herrscherjahres Ludwigs den Zusatz: „in der zehnten Indik-tion“. Dies ist ein (manchmal auch Römerzinszahl genannt) dem Kalenderdatum hinzugefügter Zyklus von 15 Jahren und zeigte das Jahr des „Indikationszyklus“ an. Vermutlich diente dieser Zusatz ebenfalls der genauen Fixierung und der unbezweifelbaren Verifikation des Datums, was ja für das Wirksamwerden des in der Urkunde festgelegten Rechtsvorganges von großer Wichtigkeit war.

Unsere Urkunde gehört zu den im Stiftsarchiv St. Gallen sehr sorgfältig aufbewahrten etwa 100 Karolingischen und Ottonischen Herrscherdiplomen, die zusammen mit den über 700 sogenannten Traditionsurkunden (Schenkungsurkunden) aus der Zeit vor dem Jahre 1000, die größte und einzigartige Sammlung dieser Art nördlich der Alpen ausmachen.

Wer waren nun diese Leute, über deren Besitz und Rechte hier verfügt wurde? Interessant ist ja zunächst einmal, daß sich der Kaiser seine Rechte ausdrücklich vorbehielt: „Jenen Zins, der gewöhnlich den Grafen zukam, unbeschadet freilich der Abgabe, die aus Zins, Tribut oder welcher Leistung auch immer, unserer Pfalz zukommen muß“. Ohne hier auf das sehr komplizierte, und besonders von den Karolingern reformierte, aus der Tradition des fränkischen Reiches stammende Lehnswesen einzugehen, muß man wissen, daß dieses die Grundlage des mittelalterlich abendländischen Feudalismus darstellte. Die gesamte Staats- und Gesellschaftsordnung beruhte auf dem Verhältnis von Lehnsleuten (den Lehnsnehmern) und den Lehnsherrn (dem Lehnsgeber). Diese waren gegenseitig zu Leistungen verpflichtet, die von Seiten der Lehnsleute aus Kriegsdienst, Abgaben oder Dienstleistungen, vor allem aber aus Gehorsam bestanden, während der Lehnsherr seinerseits den Lehnsleuten Schutz zu gewähren hatte. Damit jeder seine Funktion erfüllen konnte, wurde er mit Amt oder Land belehnt. Ausgehend von dem Gedanken, daß der König/Kaiser, bzw. das Reich, Eigentümer des gesamten Grund und Bodens sei (Fiskalgrund), belehnte dieser seine Lehnsleute, indem er sie zu Amtsträgern und Grundherren machte (Pfalz-, Land-, Mark- und Burggrafen, sog. Hohe Leihe) und diese wiederum verliehen Ämter und Boden an ihre sog. Aftervasallen (Ritter, Dienstmannen, Ministeriale, niederer Adel). Auch diese Letzteren vergaben Land zu Nutzen und zur Bearbeitung an Freie oder Bauern, diese wiederum frei oder unfrei, also Hörige. Die unterste Stufe waren dann die besitzlosen Leibeigenen. Diese Aftervasallen konnten gegen ihre Schutzleistung neben Naturalabgaben („Zehnte“) auch Arbeitsleistung (Robot oder Fron) für ihr eigenes Gut in Anspruch nehmen. Der Kaiser hatte aber insbesondere in dieser frühen Zeit der Urbarmachung von Land und der Staatwerdung nicht sein gesamtes Territorium an Lehnsleute innerhalb der beschriebenen Pyramide abgegeben. Er benötigte ja auch Menschen, die bereit waren, auf eigene Rechnung und mit dem Ziel des Grunderwerbs für sich und die Nachkommen, Land zu roden und zu bestellen. Natürlich waren diese Leute nicht völlig frei von Abgaben gegenüber der Obrigkeit. Sie mußten daher für ihren eigenen persönlichen Schutz Abgaben an den für das „ministerio“ zuständigen Grafen leisten. Gleichzeitig aber waren sie gegenüber dem König/Kaiser zinspflichtig, dem sie—wir würden heute sagen — eine Steuer zu entrichten hatten. Diese stand in der Regel einer in der Nähe liegenden Kaiserpfalz zu, damit der Kaiser, der ja mit seinem oft gewaltigen Troß von Pfalz zu Pfalz reiste und das Reich in dieser Art regierte, wiederum sein Auskommen fand. Diesen Zins also hatte sich Kaiser Ludwig der Fromme ausdrücklich vorbehalten. Ja er mußte sich diesen sogar vorbehalten, da er andernfalls erhebliche Beeinträchtigungen seiner Amtsführung, insbesondere der Rechtssprechung vor Ort, hätte hinnehmen müssen. Es war sicher kein nackter Eigennutz, wenn er den Grafen etwas nahm, sich selbst aber schadlos hielt. Die Grafen hatten das aufgrund ihrer Gehorsamspflicht hinzunehmen und fanden auch sicher sonst noch ihr Auskommen. Wito und Heimo aus Villingen, Otto und Reginker aus Nordstetten und all die anderen Männer auf den Mansen : Denen konnte es ja eigentlich gleichgültig sein, für wen sie ihre Abgaben und Leistungen zu erbringen hatten. Daß die dieselben überhaupt zu leisten hatten, empfanden sie sicher genau so lästig, wie wir Heutigen unsere Abgaben und Steuern lästig finden. Aber wie war die rechtliche Stellung dieser Leute, über deren Abgaben in unserer Urkunde verfügt wurde? Gerade diese Urkunde hat in der geschichtlichen Forschung über das sogenannte Reichs- oder Königsgut seit ihrer Erstveröffentlichung 1863 eine große Rolle gespielt. Denn die Frage nach der territorialen Zugehörigkeit, wie der nach der Art der Zins- und Tribut-leistung der angesprochenen Personen läßt ja Schlüsse auf die Art des Besitzes oder Eigentums zu. In der Königs-gutforschung wurde unsere Urkunde oft direkt für Beweise und Gegenbeweise angeführt17). Nach dem heutigen Stand der Forschung, die besonders von M. Borgolte 1′ vorangetrieben wurde, hates sich bei den genannten Mansenbesitzern (übrigens manchmal auch mehrere Namen bei einer Manse!) um sogenannte „Königszinser“ gehandelt. „Königszinser, wie sie durch das Diplom von 817 bezeugt sind, gelten nach der von H. Dannenbauer, Th. Mayer u. a. begründeten Auffassung als Kolonisten auf Königsland. Dannenbauer charakterisiert sie als ,freie Leute‘, die gegen Zinszahlung an den König und Kriegsdienstpflicht unter besonderen Beamten … als Gerichtsgemeinden für sich angesiedelt wurden19).

Allerdings ist sich die geschichtliche Forschung bisher nicht einig, ob diese Königszinser auf Fiskalgut wirtschafteten, da besonders „aus dem Text unserer Urkunde eine Siedlung der Königszinser auf Fiskalgut nicht hervorgeht“ und „an den Orten mit Königszinsern kann Königsgut nicht sicher vorausgesetzt werden“; so M. Borgolte20). Dennoch standen Orte mit Königs-zinsern als eine besondere Spezies königlicher Orte dem König zur Verfügung, anderenfalls hätte ja auch Ludwig der Fromme über die Grafeneinkünfte der Königszinser nicht verfügen können. Während er die letzteren dem Kloster St. Gallen übereignete, blieben die Einkünfte aus den Mansen der Königszinser in königlicher Hand und standen mit ihren Abgaben der zuständigen — in der Urkunde nicht gesondert erwähnten — Pfalz zur Verfügung.

182 Jahre später, im Jahre 999, bei der Erteilung des Zoll-, Münz- und Marktrechtes an den Grafen Berthold für seinen Ort Vill ingen hatte sich die Situation gründlich geändert. Der Ort gehörte den Zähringern. Ob St. Gallen noch Rechte an Hofgütern besaß, kann nicht Gegenstand dieser Abhandlung sein.

An dieser Stelle aber sollte noch einmal unser besonderer Dank an Herrn Dr. Hollenstein und seine Mitarbeiterin beim Stiftsarchiv St. Gallen gehen, durch dessen besonderes Entgegenkommen es uns ermöglicht wurde, anläßlich unserer Herbstexkursion 1986 einen Blick auf das Original unserer Urkunde zu tun. Es war für die Teilnehmer ein großes Erlebnis, nicht nur wegen des hervorragenden Begleitvortrages, mehr noch wohl wirkte auf uns der direkte Blick in die Anfänge der Geschichte unserer Stadt, heute genau vor 1170 Jahren!

Literatur und Quellen:

1) Herrn Dr. Stephan Molitor M.A. beim Württembergischen Haupt-Staatsarchiv Stuttgart sei an dieser Stelle für die Übersetzung gedankt.

1a) F.H. Köhler „Wirtembergisches Urkundenbuch I“ Stuttgart 1849 Seite 90-91 Urkunde Nr. 79. Hier befinden sich zwei weitere Hinweise auf Vorveröffentlichung der Urkunde. 1.: in „Cod. Tradd. M.S.G“. p. 132, 2. „bei Neugart“ I. Nr. 191.

2) „Urkundenbuch der Abtei St. Gallen“, bearb. v. Hermann Wart-mann, Band 1, Zürich 1863 S. 217 Nr. 226 (Band 2 erschien 1866).

3) Werner Huger „Die Gründungsidee der Stadt Villingen“, ein Beitrag zur Gründungs- und Standorttheorie, im Jahresheft 1986/87 des Geschichts- und Heimatvereins, Seite 6-30.

4) Nicht umsonst legen noch heute traditionsbewußte Villinger Wert darauf, daß die mittelalterliche Stadt nicht als „die Altstadt“ bezeichnet wird, obwohl sich manche Altstadt vor dem ehrwürdigen Alter der heutigen Villinger Innenstadt verstecken könnte.

5) Die „Karolingische Reformen“ waren zunächst seit Beginn des 8. Jhrh. eine Reformbewegung der Kirchen im Fränkischen Reich, getragen jedoch wurde sie von den Karolingischen Herrschern und auch wesentlich unterstützt. U. a. brachte sie eine Neuordnung der Kirchenverfassung und des Lebens des Weltklerus — der sog. Leutpriester —durch eine Kanonikerregel, sowie die Einführung regelmäßiger Synoden. Grundlegend war auch die Revision der liturgischen und kirchenrechtlichen Texte.

6) Der Benediktinerabt Ben.v.A. war geistlicher Berater Ludwig des Frommen (750-821) und Klosterreformer. Die von Benedikt maßgeblich bestimmte Reformsynode d. Jahre 816-818/19 führten die Benediktinerregel für sämtliche Klöster des Frankenreiches ein und versuchten eine grundlegende Reform von Kirche und Staat des Reiches.

7) „Karolingische Renaissance“ ist seit etwa Anfang des 19. Jhrh. die zusammenfassende Bezeichnung der für die Karolingerzeit kennzeichnenden Rückgriffe auf antike und spätantik-christliche Form-und Stofftraditionen. Karl d. Große, einer der bedeutendsten Förderer der „K.R.“ sah politisch darin auch die Möglichkeit einer Vereinheitlichung von Sprache und Schrift in seinem Reiche. Auf der Grundlage einer Bildungsreform durch Bemühungen um reines Latein sowie besonders der Schrift, erreichen die Dichtung aber auch die Geschichtsschreibung einen ersten Höhepunkt.

8) Uta Baumann „Der St. Galler Klosterplan und sein architektonisches Programm“ im Jahresheft VIII des Geschichts- und Heimatvereins Villingen 1983/84, Seiten 26-28.

9) Paul Revellio „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“ Seite 62, Ringverlag Villingen 1964.

10) Michael Borgolte „Das Königtum am oberen Neckar“ in „Zwischen Schwarzwald und oberen Neckar“ Hrsg. Franz Quartal, Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen 1984 Seite 93.

11) Wartmann, wie Anm. 2 Seite 39 und 43 Nr. 41.

12) So auch schon Köhler 1849 „Wirtembergisches Urkundenbuch I“ (wie Fußnote 1 a. — Eine Ausnahme bildet hier — wie übrigens auch bei der Identifikation Schwenningens, Franz Baumann, der in seiner Schrift „Die Gaugrafschaften im Wirtembergischen Schwaben. Ein Beitrag zur historischen Geographie Deutschlands“, (Stuttgart 1897 Seite 2) vermutet, der Ort sei im Linzgau oder Thurgau abgegangen, da er ihn keinem hier Grafenrechte besitzenden Herren zuordnen konnte. Es handelt sich hier um denselben Vorgang, wie er ausführlich im Beitrag v. D. Knaupp an anderer Stelle dieses Heftes beschrieben wird.

13) Karolingische Minuskel: Die Schrift des 8. bis 11.-12. Jhrh. bildet sich aus der in der Spätantike (4.-8. Jhrh.) üblichen lateinischen Majuskelcharakter tragenden Unziale und der sog. Minuskelkursive, einer Schrift mit Betonung der Unter- und Oberlängen. Die Karolingische Minuskel war eine klare, auch deutlicher differenzierende (Hand-)Schrift, die sich in fast ganz West- und Mitteleurpa durchsetzt. Sie ist die Basis unserer heutigen Handschrift(!), nachdem die „deutsche Schrift“ seit dem Kriegsende aufgegeben wurde.

14) Wartmann: a.a.O.

15) Rekognitionszeichen: Beglaubigungsunterschrift, i.d. meisten Fällen waren Veranlasser (in unserem Fall König Ludwig) und Beglaubiger der Echtheit der Urkunden (in unserem Falle: der Diakonus Durandus, der in Vertretung für Helisachar unterzeichnet) nicht identisch. Viele frühe Herrscher waren ohnehin des Lesens und Schreibens unkundig.

16) Von Tiro (einem freigelassenen Sklaven) in Rom seit 54 v. Chr. verwendete Wortschrift, wobei jede Note gewöhnlich ein Wort wiedergibt. Das System wurde so oft ergänzt, bis es schließlich etwa 13000 (!) Noten umfaßte und somit fast Geheimschriftcharakter erreichte.

17) Es handelt sich hier im Wesentlichen um dieselben Autoren, die von D. Knaupp an anderer Stelle dieses Heftes genannt werden, weshalb auch hier ausdrücklich verwiesen werden kann.

18) M. Borgolte wie Anm. 10.

19) M. Borgolte, wie Anm. 10, Seite 84, Zitat Dannenbauer aus: Heinrich Dannenbauer „Contena u. Huntari“ in H.J. 63/69 (1949) Seite 155-219 und Neudruck in „Grundlagen der mittelalterlichen Welt“, Stgt. 1958.

20) M. Borgolte, wie Anm. 10, Seite 84/85, sowie Anhang Seite 100.

Lateinischer Text der Urkunde von 817 n. Chr.

+ In nornine dornini Dei et salvatoris nostri Jesu Christi Hludowicus divina ordinante providentia irnperator augustus. Omnibus comitibus partibus Alarnanniae seu successoribus atque junioribus vestris vel ornnibus fidelibus nostris notum sit, quia placuit nobis pro rernedio animae nostrae et aeternae retributionis fructurn monasterio sancti Galli, quod est situm in pago Durgaouvae, ubi Gauzbertus venerabilis abba praeest, et congregationi ipsius rnonasterii quoddarn censum de subter scriptis rnansis, illud quod partibus comitum exire solebat, salva tarnen functione, quae tam ex censum quam ex tributum vel alia qualibet re partibus palatii nostri exire debent, per hanc nostrarn auctoritatern concredere. Et propterea has nostrae praeceptionis litteras praedicto rnonasterio ejusque congregationi fieri jussimus, per quas ornnibus vobis praecipimus, ut de mansis denominatis, hoc est in ministerio Frurnoldi comitis mansum Weifarii in Huntingun et Puabonis in Cheningun; et in ministerio Cunthardi comitis ad Pisingas mansum Totonis et Cuatonis et rnansum Geilonis et rnansum Cozperti et mansum Wolfonis et rnansum Altrnanni; in rninisterio Kararnanni cornitis ad Scerzingas mansis Atolfi et Liutbolti, ad Swanningas rnansurn Liubolti et ad Wilaresbach mansis Ratolti et Herigeri; et in ministerio Hruadharii comitis ad Teiningas mansis Amalonis et Gerharti et Liutharii et Wolfberti et Nilonis, ad Filingas mansis Witonis et Heirnonis, ad Nordstetirn rnansurn Otonis et Reginkeri, ad Forrun mansum Pruningi et Waningi, ad Speihingas rnansurn Ottonis et Waramanni et Adalmari, ad Tanheim rnansum Tuatonis; in rninisterio Erchangarii cornitis rnansum Ruadleozzi de Heirnbah et mansurn Freholfi de Talahusun et Otgarii de Puahheim; et in ministerio Rihwini cornitis mansum Snizolfi de Huttinvillare, mansum Gundwini de Chezzinvillare, inter Kiselmari et Facconi mansum unum et mansum Roatperti de Lanchasalachi et duos rnansos de Zilleslata et mansurn Arnalrici et Baldwini de Hebinhova et mansurn Puwonis de Ifinwilare et mansum Huncperti et mansum Herirati de Taninghovurn; de ministerio Odalrici cornitis mansum Rihwini de Stetim, de Maracdorf mansis Isanberti et Ruadberti et Ruadbaldi et Arnolti et mansum Walberti de Fiscbach et mansurn Theotrarnni de Chlufturnon, quae fiunt simul XLVII nullurn censurn aut tributurn aut opera vel araturas aut alias quaslibet functiones exigere aut exactare praesumatis, sed sicut nos in nostra elemosina concessimus, ita perpetuo maneat.

Has vero nostrae auctoritatis litteras, ut ab ornnibus melius credantur atque conserventur, de anulo nostro subter jussimus sigillari.

Durandus diaconus ad vicem Helisachar recognovi et subscripsi.

+ Data pridie nonas Junias, anno Christo propitio, quarto irnperii domni Hludowici piissimi augusti, indictione X. Actum Aquisgrani palatio regio in Dei

nomine feliciter. Amen.