Die urkundliche Erstnennung Schwenningens (Dieter Knaupp)

Schon seit der Ortschronik von Pfarrer Schmid hat heimatkundlich interessierte Schwenninger die Frage bewegt, wann unser Ort — ungeachtet der Grabfunde „Auf der Lehr“ — erstmals urkundlich genannt wurde. Mit Sicherheit war dies 895 der Fall, als König Arnulf die Güter Chunimunts in Schwenningen und Sunthausen an seinen Kanzler Ernust verschenkte.

Lange glaubte man, daß Schwenningen auch in einer Urkunde von 817 gemeint sei, in der Kaiser Ludwig die gräflichen Einkünfte aus 47 „Mansen“ (1 Manse = ca. 30 Morgen Land = praktisch ein Hof) an 26 Orten in Alamannien an das Kloster St. Gallen schenkte. Dabei sind folgende Nennungen für unsere Region besonders wichtig: Einkünfte des Grafen Karamann in Schörzingen, Schwenningen, Weilersbach; Einkünfte des Grafen Hrodhar in Tuningen, Villingen, Nordstetten, Pfohren, Spaichingen, Tannheim; Einkünfte des Grafen Frumold in Hondingen, Klengen.

Hier sind, ungeachtet der scheinbar unmittelbaren geografischen Nachbarschaft, Schwenningen und Weilersbach aber einem Grafen zugeordnet, dessen Wirken hauptsächlich auf der Alb in der sog. Scherragrafschaft gesehen wurde, während Villingen und Nordstetten im Zusammenhang mit dem Grafen genannt sind, der schwerpunktmäßig in der Baar und zwar in der Adalhardsbaar wirkte. Für Hondingen und Klengen tritt dann ein dritter Graf, nämlich der des Aitrachtales, in Erscheinung. Dies führte aber zu der Folgerung, daß es sich deshalb um Schwenningen auf der Alb handeln müsse. Für den in jener Gegend unbekannten Ort Weilersbach half man sich mit der Annahme eines abgegangenen Ortes in der Nähe von Nusplingen/Stetten. Diese Deutung geht auf die zweifellos verdienstvollen Forschungen von F. L. BAUMANN und W. SCHULTZE zurück, die mit statistischen Methoden versuchten, die Grenzen der im ausgehenden 8. Jh. angestrebten fränkischen Amtsgrafschaften im alamannischen Raum zu rekonstruieren. Nachdem nun in neuerer Zeit von der Forschung präzisere Erkenntnisse herausgearbeitet wurden, müssen auch diese zur Klärung der uns interessierenden Zusammenhänge herangezogen werden. Besonders wichtig sind hier die Arbeiten von H. JÄNICHEN und M. BORGOLTE. Zum besseren Verständnis seien die einzelnen Arbeiten kurz skizziert:

1. Dr. Franz Ludwig Baumann 1879

„Die Gaugrafschaften im wirtembergischen Schwaben“ Ziel war, die Grenzen der fränkischen Gaugrafschaften zu rekonstruieren. Hierzu wurden aus allen verfügbaren Urkunden des 8. bis 12. Jh. die Zuordnung von Orten, Amtsgrafen und Amtsbezirken in die Landkarte eingetragen. Zwischen den sich dabei ergebenden Punkthäufungen wurde der mutmaßliche Grenzverlauf ausgemittelt. Gleichzeitig wurde die Reihe der amtierenden Grafen für die so definierten Gebiete aufgestellt. Das Ergebnis wurde als Kartenbild vorgelegt, es blieb auf das damalige Königreich Württemberg beschränkt.

2. Walter Schultze 1895

„Die Abgrenzung der Gaugrafschaften des alamannischen Badens“

Schultze griff die Methode von BAUMANN in einer Dissertation auf und dehnte entsprechende Aussagen auf den betroffenen badischen Raum aus. Schultze erstellte ebenfalls ein Kartenbild, das im Gegensatz zu BAUMANN grenzübergreifend ist. Die Baumannsche Karte läßt für unsere Gegend keine Kontinuität erkennen. Die Grenze bei Schwenningen ist bemerkens-werterweise nicht durchgezogen, sondern dem unsicheren Erkenntnisstand entsprechend nur gestrichelt. SCHULTZE hatte offensichtlich als Berliner Probleme mit der lagerichtigen Eintragung der Ortsnamen Weilers-bach, Kappel, Dauchingen und Hochemmingen, sodaß für die nahe liegende Grenze keine zuverlässige Bestimmung möglich ist. In beiden Fällen wurde ein Zeitraum von 4 Jahrhunderten herangezogen, das ist die Zeit von Karl dem Großen bis Barbarossa, in der sich im Heiligen Römischen Reich doch einiges geändert haben dürfte.

3. Prof. Hans Jänichen 1970

Er griff die dargestellte Problematik erneut auf, wandte die gleiche Betrachtungsmethode wie BAUMANN und SCHULTZE an, begrenzte den Beobachtungszeitraum jedoch auf das 8. und 9. Jahrhundert. Er rekonstruierte ebenfalls „Grafschaftsflächen“ und kam für unsere engere Umgebung zu nur geringfügigen Abweichungen gegenüber seinen Vorgängern. Ohne den Kommentar übernahm er die Auffassung von BAUMANN, daß Schwenningen auf der Alb im Gebiet der später so genannten „Scherragrafschaft“ zu suchen sei, ließ aber die Standortbestimmung für „Wilaresbach“ offen.

Jänichen ist der Meinung, daß die Scherragrafschaft von den Franken neu geschaffen wurde, wobei im Wesentlichen Römerstraßen als Grenzen gewählt wurden. Er macht diese Annahme auch an drei von vier Stellen deutlich, kann aber gerade in unserer Gegend keine der unübersehbar vorhandenen Römerstraßen in seine Theorie einfügen.

Im Hinblick auf das Wirken des Grafen Ratold in Rottweil (787-797) wird angedeutet, daß es sich bei der Einführung der neuen Grafschaften um einen länger dauernden Prozeß gehandelt haben muß. Aus den von JAN ICHEN zusammengestellten Beurkundungen, welche die Grafen Hrodhar, Karamann und Frumold betreffen, zeigt sich am Beispiel der Orte Klengen (817), Mundelfingen (803) und Spaichingen (817) in dem betrachteten Zeitraum eine deutliche Verzahnung der gräflichen Kompetenzen in unserer Region, sodaß eigentlich keine zwingende Notwendigkeit erkennbar wird, ViIIingen und Nordstetten von den unter anderen Grafen genannten Orten Schwenningen und Weilersbach geographisch zu trennen.

4. Michael Borgolte 1980-1984

Mit dem Ziel, die Königsgutsituation am oberen Neckar zu klären hat BORGOLTE den gesamten Quellenkomplex im Hinblick auf das Grafschaftsproblem neu bearbeitet und kommt für den inneralamannischen Raum nach gründlicher und umfassender Prüfung zu folgenden Ergebnissen:

1. Die Grafschaftsformel hat in der Zeit vor 817 eine andere Bedeutung als später: Vor 817 diente die Formel offenbar hauptsächlich der chronologischen Datierung der Urkunden, erst nachher deutet sie auf flächendeckende, klar abgegrenzte Grafschaften hin.

2. In der Bertholdsbaar gibt es bis 817 nur Streugrafschaften auf Königsgut, erst nach 817 werden diese durch Verwaltungsgrafschaften über ausgedehnte Siedelgebiete abgelöst.

3. Im Raum um Schwenningen ist eine Ballung von Königsgut bezeugt. Deshalb würden sich auch die 817 genannten Orte klar in die gegebene Situation einfügen. Mit der Arbeit von BORGOLTE kommen wir der Klärung der uns interessierenden Fragen beträchtlich näher. Die Ortsnennung unter verschiedenen Amtsgrafen fällt in eine Übergangszeit zur Einführung flächendeckender Verwaltungsgrafschaften, in der diese Flächendeckung und die damit verbundene lineare Abgrenzung der gräflichen Kompetenz noch nicht gegeben war.

Die Abbildung zeigt die von BORGOLTE ermittelte Lage des Königsgutes auf der Baar. Die einzelnen Standorte gruppieren sich deutlich um unseren an der immer noch wichtigen einstigen Römerstraße und damit an einer Hauptverkehrsader liegenden Ort Schwenningen.

 

Damit erledigt sich die scheinbare Notwendigkeit, Schwenningen und Weilersbach in dem behandelten Zusammenhang auf die schwäbische Alb zu verweisen. Die beiden Orte fügen sich klar in die auch aus anderen Quellen nachweisbare Lage des Königsgutes in der Baar ein. Der in der Urkunde von 817 genannte Graf Karamann hat vor 824 gelebt. Er ist nicht identisch mit dem Grafen gleichen Namens, dessen Erbschaft 851 in Vilsingen und da-miteindeutig in die Scherragrafschaft verhandelt wurde. Aus neuer Perspektive hat BORGOLTE neue Erkenntnisse gewonnen und sorgfältig herausgearbeitet. Es fällt nicht schwer, seinen Argumenten zu folgen. Die in der Urkunde von 817 genannten Orte „Swaningas“ und „Wilaresbach“ sind deshalb auf der Baar zu suchen. Nach dem heutigen Erkenntnisstand bedeutet dies, daß unter neuen Aspekten die alte Auffassung vertreten werden darf, daß die urkundliche Erstnennung unseres Ortes 817 erfolgte.

Literaturnachweis

F. L. Baumann

Die Gaugrafschaften im wirtembergischen Schwaben“ Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1879

H. Jänichen

„Baar und Huntari in Grundfragen der Alemannischen Geschichte“ Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen, 1970

W. Schultze

„Die Abgrenzung der Gaugrafschaften des alamannischen Badens“ Verlag Buchdruckerei Max Lutz, Sigmaringen, 1895

M. Borgolte

Das Königtum am oberen Neckar in „Zwischen Schwarzwald und oberem Neckar“ Hrsg. v. Franz Quarthal. Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen, 1984

M. Borgolte

„Geschichte der Grafschaften Alamanniens in fränkischer Zeit“ Hrsg. v. Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen, 1984

M. Borgolte

„Die Grafen Alemanniens in merowingischer u. karolingischer Zeit“ Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen, 1986

A. Bauer

„Gau und Gaugrafschaft in Schwaben“ Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1927

Quelle: „Das Heimatblättle“, Eine Schwenninger Monatsschrift für Heimat und Volkstum, 35. Jahrg. —Heft 6 — Juni 1987, 414te Folge. Herausgegeben vom Schwenninger Heimatverein e. V., 7730 Villingen-Schwenni ngen, Stadtbezirk Schwenn ingen.

Wir danken Herrn Dieter Knaupp für die freundliche Genehmigung des Abdrucks.