„Gott der Allmächtige bewahre uns vor ähnlichen Schrecken” (Herbert Muhle)

Ein Bild erzählt eine Geschichte

Vor uns liegt ein Bild „Josef mit dem Jesuskind“ von einem unbekannten Maler aus Villinger Privatbesitz. Das Gemälde entstand in der Zeit des Überganges vom sog. Klassizismus zum Nazarenischen Stil (Anfang 19. Jh.), in dem sich Idealismus und handwerkliche Reinheit mit sentimentaler, fast süßlicher Mystik zu vereinen versuchen. In Aufbau und Komposition entspricht unser Gemälde dem gängigen Madonnenbild-Typ, wobei in der Farbgebung Josef etwas dunkler gehalten ist, auch um das Jesuskind durch die Betonung des Lichtes stärker hervortreten zu lassen. Das Kind hat einen zu groß erscheinenden, fast klassisch wirkenden Jünglingskopf. Es ist dies aber wohl kaum auf das künstlerische Unvermögen des Malers zurückzuführen. Vielmehr —handelt es sich doch schließlich um eine sehr feine und empfindsame Malerei — muß das so vom Künstler beabsichtigt gewesen sein. Im Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitet sich eine zunehmende Josef-Verehrung—aber Kind-Vater-Beziehungen setzen ja in der Regel erst im fortgeschrittenen Kindesalter ein — und dem wollte der Künstler mit den Stilmitteln seiner Zeit gerecht werden. Die Maltechnik entspricht dem in der damaligen Zeit üblichen, vom Klassizismus bestimmten Vorrang von Zeichnung und Umriß. Es wurde ein zeitgemäßer heller (nicht mit dem Hintergrund des Bildes zu verwechselnder) Malgrund verwendet, der für unsere weitere Betrachtung wichtig ist.

Das Bild weist über und im Kopf Josefs, wie seitlich des Kopfes des Jesus-Kindes, deutlich sichtbare Aufhellungen auf. Diese bestehen aus — wohl auf Wärmeeinwirkung zurückzuführenden—kleinen kreisförmigen Pünktchen, an deren Stelle die sehr dünne, der Malweise der Zeit entsprechende, Farbschicht blasig abgesprungen ist. Diese Erscheinungen sind — wie bei Wärmeschäden üblich — auf die bindemittelreicheren dunklen Farbpartien beschränkt. (Wir wissen ja, daß sich dunkle Farben stärker erwärmen als helle.) Bei einer plötzlichen Erwärmung wurden also die dunklen Malschichten gestört, und es trat der helle obenerwähnte Malgrund zutage. Dieser mehr technische Befund aber könnte es ermöglichen, uns ein auf der Rückseite der Leinwand angebrachtes Schriftstück nachzuvollziehen. In sehr schöner, gleichmäßiger — übrigens lateinischer — Schrift ist dort das Ereignis eines Blitzeinschlags im Hause des Schuhmachermeisters Andres in der Gerberstraße in Villingen beschrieben. Der Originalität wegen — und nicht um uns an den grammatikalischen Fehlern zu delektieren, auch sie gehören zur Eigenheit dieses Ensembles—ist die Rückseite mit dem gesamten Text hier wiedergegeben. Wir wollen dieses Zeichen echter und voll empfundener Volksfrömmigkeit für uns alle deutlich werden lassen.

Doch ein Wort zum Schluß: Leider fehlt der Rahmen, der Goldrahmen sogar, wie Herr Andres, Schuhmacher, ausdrücklich erwähnt.

Ein früherer Besitzer hat ihn, wohl weil er nicht mehr ansehnlich war, entfernt. In diesem Fall ist derselbe—wie wohl sonst kaum —ein wesentlicher Teil des Bildes und seiner Geschichte gewesen. Man kann nur hoffen, daß niemand auf die Idee verfällt, das Gemälde (Format H 34 cm, B 26 cm) restaurieren zu lassen. Der Wert des Bildes liegt hier eindeutig nicht nur im künstlerischen Bereich, sondern auch im heimatlichen, also Emotionellen. Das Bild hat letztendlich doch nun anderthalb Jahrhunderte in Villinger Bürgerhäusern gehangen, hat Unheil abgehalten und Menschen unserer Stadt erfreut. So ist es auch ein liebes Stück Alltagsgeschichte aus unserer Stadt.

Herbert Muhle

 

 

Der beim Originalbild auf der Rückseite angebrachte handschriftliche Text des Schuhmachers Andres wurde von uns ebenfalls auf der anderen Seite des Bildes in gleicher Größe angebracht.