Der Wandel eines Hauses durch zwei Jahrhunderte (WALTER K. F. HAAS)

Chronik Rietstraße 20 und 22 westl. und östl. Teil

Noch schien es, als wolle die Villinger Volksbank eG anläßlich ihres hundertjährigen Jubiläums im Jahre 1967 für das Jahr 2000 bauen. In ihrem Haus Rietstraße 20 und 22, dem Firmensitz, wurde ein völlig neuer Ausbau durchgeführt. Renovierung, Modernisierung und Erweiterung hießen die Zielvorgaben. Was schließlich herauskam, war ein den technologischen und räumlichen Anforderungen der Jetztzeit entsprechendes Bankhaus, das vor allem eine großzügige kundengerechte Halle für den Publikumsverkehr bot.

Vierzehn Jahre später, 1984, hieß der neue Eigentümer DIFA—Fond, Deutscher Immobilienfond Hamburg. Er bietet weitgestreuten Kapitalanlegern über seinen Topf sowohl Sondereigentum als auch Pachterträge, d.h. die Chance, auf neue Art auch in Villingen Geld zu verdienen. Damit setzt sich in der mittelalterlichen Innenstadt einmal mehr eine Entwicklung fort, die seit den 1960er Jahren zunehmend die wirtschaftliche und rechtliche Struktur der Innenstadtgeschäfte bestimmt: Kapital fließt von außen ein und verdrängt mit seinem Angebotsdruck ortsansäßige Bürgerkaufleute teilweise aus den verschiedenen Branchen. Damit verliert ein Stück Stadtlandschaft ihr persönliches Gesicht. Farbe, Form und eigenes Leben erhielt es durch die Identifikation der „alten Villinger“ mit ihrem Städtle und seiner Tradition. Ihr persönliches Wohl und Weh war auch das Schicksal des Ganzen. Jahrhundertelang hatte ihr Wort das entscheidende politische Gewicht, machten ihre Entscheidungen aus dem kleinen Kosmos das, was man seit dem Mittelalter unter dem Begriff „Stadt“ verstand.

Mit dem Fluß der Zeitgeschichte, wie sie sich 220 Jahre über Personen und Funktionen der Häuser Rietstraße 20 und 22 westlicher und östlicher Teil darstellt, berichtet diese Chronik und lehrt die alte Weisheit:

Nichts ist beständiger als die Unbeständigkeit!

Hauschronik Rietstraße 20

1766 Die „Herrenstubensocietät“ besitzt in der Riet-straße Nr. 454 ein vierstöckiges Zunfthaus mit einem gewölbten Keller. Im Volksmund wird sie auch „Zunft ehrsamer Müßiggänger“ genannt. Ihr gehörten die Äbte, Grafen und Edelleute der Stadt und Umgebung an, ebenso der Magistrat und die Geistlichkeit.

1784 Das Anwesen wird in der Feuersocietät mit 1000 Gulden angeschlagen.

1829 Verschmelzung der „Gesellschaft ehrsamer Müßiggänger“ mit der „Lesegesellschaft“ zu der „Museumsgesellschaft“.

1833 Die „Museumsgesellschaft“, vertreten durch den Vorstand Joh. Nep. Schoenecker, verkauft im Wege der öffentlichen Steigerung die Herrenstube um 1015 Gulden an den Metzger Jakob Berger.

1835 Große Veränderung und Neubau. In der Brandversicherung wird das Anwesen jetzt mit 3200 Gulden angeschlagen.

1843 Bierbrauer Karl Berger, der Sohn des Jakob Ber-ger, erwirbt die Realwirtschaft zum „Mohren“ um 7500 Gulden und nennt sie um in „Falken“ (heute östl. Teil von Rietstraße 29).

1844 Jakob Berger verkauft die ehem. Herrenstube um 4400 Gulden an den Alt-Lilienwirt Michel Ummenhofer. 1852 Erbteilung auf Ableben des Michel Ummenhofer. Seine Witwe Agathe und der Sohn Hermann erhalten das Haus zu je 1/2 Anteil.

1888 Hermann Ummenhofer wird Alleinerbe. 1897 Der ledige Privatier Hermann Ummenhofer stirbt. Seine Liegenschaften werden versteigert. Leopold King, Uhrenmacher, erhält das Haus um 27 000 Mark. 1910 Einbau eines Ladenlokals im Erdgeschoß. 1916 Hans Hebsacker, Kaufmann, und dessen Ehefrau Frieda geb. King.

1926 Frieda Hebsacker geb. King, Witwe des Kaufmanns Hans Hebsacker, später Ehefrau des Kaufmanns Hans Stadelmaier.

1937 Anna King geb. Markgraf, Witwe des Privatmanns Leopold King.

1944 Frieda Stadelmaier geb. King. Ehefrau des Hans Stadelmaier.

1955 Erbengemeinschaft zwischen Frieda Bauer geb. Hebsacker, Hans Hebsacker und Hans Stadelmaier. 1957 Erbengemeinschaft zwischen Frieda Bauer, Hans Hebsacker und Friedrich Stadelmaier, Bauer in Holzhausen (Württ.).

1958 Frieda Bauer geb. Hebsacker.

1964 Villinger Volksbank eGmbH.

Blick in die Rietstraße in den 1920er Jahren. Vor dem Auto rechts Eingang zur Villinger Volksbank und der westlichen Hälfte des Hauses. Gegenüber die Tankstelle des Hauses Opel-Mauch (heute Farben-Baeuerle, Rietstraße 31).

 

Blick vom Farbenhaus Baeuerle auf die gegenüberliegende ehemalige Volksbank und das Haus Bauer/Hebsacker nach Umbau, Bild 1986.

 

Hauschronik Rietstraße 22, westl. Teil

1766 Freifrau von Ifflinger besitzt in der Rietstraße Nr. 456 ein dreistöckiges Haus mit einer zweistöckigen Scheuer.

1784 Das Haus wird in der Feuersocietät mit 900 Gulden angeschlagen.

1811 Anton Wittum, Metzger.

1825 Das Anwesen wird in der Brandversicherung mit 3200 Gulden angeschlagen.

Hauschronik Rietstraße 22, östl. Teil

1766 Franz Xaveri Ummenhofer besitzt in der Riet-straße Nr. 455 ein vierstöckiges Haus mit einer zweistöckigen Scheuer.

1784 Maria Anna Elisabeth von Bandel.

1823 Anton Thalweiser jun.

1825 Das Anwesen wird in der Brandversicherung mit 1200 Gulden angeschlagen.

1842 Die Witwe Thalweiser wird als Eigentümerin genannt.

1849 J. Anton Thalweiser, Uhrenmacher, übernimmt das Anwesen von seiner Mutter um 2400 Gulden. 1856 Die beiden Häuser Wittum und Thalweiser brennen total ab und werden nicht mehr aufgebaut. Der Bauplatz von Wittum wird mit 100 Gulden und der von Thalweiser mit 80 Gulden bewertet.

1857 Einer der rührigsten Männer in der Stadt, der Handelsmann Franz Josef Dold, Mitglied des Gemeinderats, kauft die beiden Brandplätze.

1857/58 F. J. Dold erstellt auf den beiden Bauplätzen einen großen Neubau. In diesem hatte er seine Fahrnisse mit 10 000 Gulden versichert. Davon entfielen allein 5420 Gulden auf die Vorräte an Kolonialwaren, Landesprodukte, Sämereien, Öle und Branntwein.

1860 Das Großherzogliche Bezirksamt zieht ein als Mieter und verbleibt darin bis zur Fertigstellung des neuen Amtsgebäudes im Kaiserring im Jahre 1889. 1867 Kaufmann Ernst Dold, Sohn des Franz Josef Dold, gründet den Vorschußverein Villingen.

1878 Privatier Franz Josef Dold stirbt.

1889 Der Sohn Dold, Privatier in Freiburg, verkauft das Anwesen um 32 000 Mark an den Uhrenfabrikanten Karl Werner.

1896 Der Vorschußverein Villingen, bisher im Anwesen Rietstraße 31, zieht als Mieter ein.

1900 Karl Heinrich Werner übernimmt das Anwesen zu Alleineigentum.

1903 Der Vorschußverein Villingen eGmbH kauft das Anwesen.

1906 Größerer Umbau und neue Fassade.

1920 Villinger Bank eGmbH.

1921 Villinger Bank eGmbH.

1944 Villinger Volksbank eGmbH.

1984 Rietstraße 22 und 20, die seit 1964 eine wirtschaftliche und rechtliche Einheit bilden, werden verkauft an: DIFA—Fond, Deutscher Immobilienfond Hamburg, der eine Beteiligung an Haus und Grundbesitz über Zertifikate ermöglicht. Nach erneutem vollkommenem Umbau und Neugestaltung der Fassade, teilweise in Scheinarchitektur, befinden sich seit 1986 im Erdgeschoß folgende Branchen: Glas und Keramik, Frisör, Bäckerei, Tabakwaren, Textil.