Fürstabt Hugo II. von Villingen und die Thermen bei Ragaz (HERMANN PREISER)

Daß ein Villinger im 13. Jahrhundert als Fürstabt dem Benediktiner-Kloster Pfäfers in der Schweiz vorstand und daß auf seine Initiative die Bäder in Bad Pfäfers bzw. Bad Ragaz zurückgehen, scheint in Villingen bisher unbekannt gewesen zu sein. Jedenfalls ist in keiner Villinger Chronik davon erwähnt, doch läßt sich diese Tatsache durch zahlreiche Urkunden, die im Stiftsarchiv in St. Gallen liegen, beweisen.

„Hugo de Vilingen“ (damals schrieb man Villingen noch mit einem I) war Abt von 1233-1245. Die Bulle von Papst Gregor IX. vom 10. 12. 1232, die an diesen Abt gerichtet ist, bestätigt dem Kloster seine bisherigen Rechte und Freiheiten.

Das kleine Fürstentum lag dem Fürstentum Liechtenstein gegenüber und umfaßte das lange Tal der Tamina bis zum Kunkelpaß und den Ort Ragaz, wo später das Statt-haltergebäude errichtet wurde. Die vorhandenen Urkunden aus der Regierungszeit unseres Abtes behandeln Lehensverleihungen, Streitigkeiten, Verkauf und Schenkungen.

Abt Hugo II. ist am 10.4. 1245 gestorben, und er wird in den verschiedenen Nekrologien seines Klosters erwähnt. Vor seinem Tode hat er noch angeordnet, „daß zu seiner Seelenruhe am Fest des hl. Oswald 2 Portionen Fisch und Fleisch und 1 Maß Wein gegeben werden“. Die Klostergründung von Fabarius, welcher Name sich später in Pfäfers umwandelte, wird für die Zeit um 731 angenommen. Vermutlich war aber schon vorher zu Beginn des 8. Jahrhunderts hier oder in der Nähe eine Einsiedlergemeinde vorhanden.

Nach der Chronik „Hermann des Lahmen“ wurde Pfäfers von der Reichenau aus gegründet. Der Zugang zum Kloster Reichenau hatte so zugenommen, daß unter „Heddo“, dem Nachfolger Pirmins, die Tochterklöster Pfäfers und Niederaltaich gegründet wurden. Es heißt, daß „Heddo“ 12 im Kloster gebildete Mönche nach Pfäfers ob der „Porta Romana“ gelegen, gesandt hat. „Porta Romana“ nennt sich heute noch ein steiler Weg, der sich am Südhang des Wartensteins bei Ragaz nach Pfäfers erhebt, der früher von Saumtieren begangen wurde und hinter Pfäfers ins innere Taminatal und über den Kunkelpaß zu den Bündner Alpenpässen „Lukmanier“ und „Septimer“ führt. Ursprünglich war Pfäfers als Hospiz gegründet. Die Errichtung von Hospizen war im Mittelalter Aufgabe der Klöster. Neben der Seelsorge mußte von den Mönchen und ihren Knechten der Paßweg instand-gehalten werden. Wohl infolge der nicht geringen Entfernung zum Mutterkloster ließ einige Jahrzehnte später das Interesse der Reichenau an ihrer Pfäferser Gründung nach, und dieselbe kam unter den Einfluß des Bischofs „Ursizin“ von Chur. Dieser war gleichzeitig Abt des Benediktinerklosters Disentis, welchem auf der anderen Seite des Kunkelpasses, kurz vor dem „Lukmanier und Oberalppaß“ gelegen, die Hospizaufgabe oblag. „Ursizin“ belegte Pfäfers mit Mönchen aus jenem Kloster und von da ab bis Mitte des 10. Jahrhunderts waren die Mönche ausschließlich Rhätier. Bischof „Ursizin“ wird neuerdings als der eigentliche Klostergründer angesehen, weil er erst das von der Reichenau errichtete Hospiz zu einem Kloster gemacht hat, das 840 durch Dekret von Kaiser Lothar das Recht der eigenen Abtwahl und stiftsherrliche Selbständigkeit erhielt.

 

Persönliches Siegel von Fürstabt Il. von Villingen.

 

Nachdem aber 949 durch König Ludwig „das Abteilein“ vorübergehend dem Kloster St. Gallen einverleibt wurde, dessen Abt gleichzeitig Bischof von Konstanz war, gelangten wieder deutsche bzw. alemannische Mönche aus St. Gallen nach Pfäfers und als dann auch die Klosterschule deutsch wurde, wandte sich das ganze Sarganserland und das Rheintal der deutschen Sprache zu.

In den vorhandenen Aufzeichnungen steht, daß unter Abt „Hugo II. von Vilingen“ die warmen Quellen entdeckt worden sind. Wohl erzählt die Legende schon von einer Entdeckung 1038 durch einen „Carl von Hohen-balken“, aber mit der warmen Quelle „tief unten im Loch“ wußte niemand etwas anzufangen. Urkundlich belegt ist die Wiederentdeckung im Jahre 1242 durch zwei Klosterjäger. Wahrscheinlich hat Abt Hugo die warmen Quellen, deren Dünste über die Taminaschlucht hinausdrangen, wieder suchen lassen. Fürstabt Hugo kam dann als erster auf den Gedanken, die in der Schlucht entdeckten Thermen, den „warmen Bronn“, für Heilzwecke zu gebrauchen und tief unten in der unheimlichen Schlucht ein Wildbad zu errichten. Er veranlaßte, daß in den weichen Schieferfels Nischen geschlagen wurden. In diese wurden dann Mulden gegraben, die mit Thermalwasser gefüllt wurden und so als Badewannen dienten. So begann der ursprüngliche Badebetrieb und damit hatte ein Villinger den Grundstein zu Bad Pfäfers, bzw. dem heutigen Weltbad Ragaz gelegt.

Angenehm zu nehmen waren zur ersten Zeit die Thermalbäder noch nicht. Die Badenden lagen oft stundenlang in den vorher beschriebenen Mulden und ließen sich vom Thermalwasser, das mit 37° C aus dem Felsen tritt, umspülen. Da dies Anfangs alles beinahe unter freiem Himmel geschah, konnte nur bei gutem Wetter gebadet werden. Später wurden dann die Nischen überdeckt. Die Art der Baderei glich damals mehr einer Roßkur; aber noch schlimmer war der Gang bzw. der Transport der Heilsuchenden an den Badeplatz. Mit Hilfe eines Seiles wurden die Kranken in einem Korb in den tiefen schwarzen Schlund hinabgelassen. Ein Schreiber des Klosters schildert, daß vielen beim Anblick dieses gähnenden Abgrundes so schrecklich war, daß sie lieber wieder unverrichteter Dinge umkehrten, oder andere sich beim Hinunterseilen die Augen verbinden ließen. Trotz aller Übertreibungen wurde die heilsame Kraft der Thermen erkannt, und der Badebetrieb entwickelte sich immer mehr. Nach dem Baden wurden die Kranken ins Kloster getragen, wo sie nach Anweisung der Mönche von außerklösterlichem Personal gepflegt wurden. Das Bad stellte also an das Kloster eine große karitative Aufgabe.

Die vom Badebetrieb eingenommenen Gelder reichten aber leider kaum aus, um die im Winter und Frühjahr durch Eis und Schnee angerichteten Schäden wieder zu beheben. Jahrhundertelang bereitete die Instandhaltung des Bades dem Kloster nur Sorge, und oft mußten deshalb die Klosterbauten vernachlässigt werden.

 

Das Bad im 13. Jahrhundert. Man sieht, wie die Kranken in Sesseln an einem langen Seil zum Badeplatz hinuntergelassen werden.

 

Als unter Abt Johann v. Mendelbühren, der 1362 —1386 regierte, in die Schlucht ein schwebendes Holzhaus gebaut wurde, galt dies schon als ein großer Fortschritt. Das Bad und das Kloster haben in der Folgezeit noch manche wechselvolle Zeiten durchgemacht. Als 1536 Dr. Theophrastus Paracelsus (selber ein halber Schweizer) nach Bad Pfäfers kam, um an den Kranken die Heilwirkung zu untersuchen und fachliche Gebrauchsanweisungen und Empfehlungen herausgab, wurde das Bad schnell berühmt und bekam immer größeren Zulauf. Auf seine Veranlassung hin wurde der Korblift durch eine hölzerne Stiege ersetzt. Mehrmals waren auch die in der Schlucht liegenden oder hängenden Badhäuser abgebrannt, weshalb das warme Wasser dann in Holzröhren an den Ausgang des engsten Teiles der Schlucht geleitet und dort gebadet wurde. Hier wurde auch 1738 —1769 das einem Klosterbau ähnliche Badhotel Bad Pfäfers erbaut, das heute noch steht und von Heilsuchenden bewohnt wird. Eine weitere Erleichterung bedeutete die im letzten Jahrhundert errichtete Fahrstraße von Ragaz nach dem Bad in der Taminaschlucht, denn solange mußte man immer noch von Pfäfers in die tiefe Schlucht hinuntersteigen.

Im letzten Jahrhundert seines Bestehens machte das Kloster Pfäfers eine Krise durch. Die Laienmönche und Patres wurden immer weniger. Die Invasion 1799 durch die Franzosen bedeutete den Anfang vom Ende. Die Mönche mußten das Kloster räumen, und die Gebäude dienten den Franzosen als Kaserne. Die Eidgenossenschaft nützte diese Gelegenheit aus, um sich die Feudalrechte anzueignen und das Kloster aufzulösen. Als nach Abzug der Franzosen 1803 der Kanton St. Gallen das Kloster wieder zuließ, war dasselbe vollständig ausgeplündert und seiner Mittel beraubt, ja die Gemeinden, von denen das Kloster bisher Einkünfte bezog, gingen das Kloster selber um Hilfe an. Als dann in dieser Not noch innere Zwistigkeiten zwischen den älteren und jüngeren Mönchen hinzukamen, wurde das Kloster trotz päpstlicher Vorhaltungen 1838 nach über tausendjährigem Bestehen in einem Akt der Verzweiflung aufgelöst. Der gesamte Klosterbesitz einschließlich des Bades fiel an den Kanton St. Gallen. 1840 wurde die Thermalwasserleitung nach Ragaz verlängert und das Statthalterpalais des aufgelösten Klosters in ein Grand-Hotel umgewandelt. Hinter diesem ersten Hotel in Ragaz wurde eine Trinkhalle und das erste Thermalschwimmbad erbaut. Das jetzt erleichterte Baden steigerte die Zahl der Kursuchenden ständig. 1868 entstand das berühmte Hotel Quellenhof, dem, um alle Gäste aufnehmen zu können, im Laufe der Jahrzehnte viele kleine und größere Hotels folgten. Heute ist Bad Ragaz ein Weltbad 1. Ranges, ausgestattet mit den modernsten Einrichtungen. Aus der ganzen Welt kommen die Besucher, um in den Thermen Heilung zu suchen. Fürstabt Hugo II. von Villingen hatte dazu die Grundlage geschaffen.

Interessant ist, daß zur selben Zeit von Abt Hugo ein weiterer Mönch aus Villingen, nämlich „Conradus de Vilingen“, im Kloster Pfäfers lebte. Zuletzt erscheint dieser als „Decan und Dictus“, ein Zeichen dafür, daß es sich um einen gelehrten Mönch handeln muß. Wahrscheinlich war dieser „Conradus“ ein Verwandter von Abt Hugo II. Es erhebt sich nun die Frage, aus welchem Villinger Geschlecht entstammen die beiden Mönche. Daß die Bezeichnung „de Vilingen“ eine Herkunftsbezeichnung ist, kann mit Bestimmtheit angenommen werden. Die Stiftsarchivare Dr. Perret und Dr. Staerkle in St. Gallen stellen außer Zweifel, daß nur „Villingen in Baden“ gemeint sei. Dafür spricht aber auch, daß die Benediktinerklöster im Bodenseeraum zu jener Zeit von Äbten vom Schwarzwald und von der Baar gebürtig, regiert wurden. Der 1233 verstorbene Abt Heinrich vom Kloster Rheinau (bei Schaffhausen) stammte vom Wartenberg bei Geisingen. 1244, also noch zu Lebzeiten von Abt Hugo, wurde Berchtold von Falkenstein zum Abt von St. Gallen gewählt. Dieser Abt stammte von der Burg Ramstein im Schwarzwald, über dem Bernecktal bei Schramberg gelegen. Dessen Mutter war Junta von Wartenberg. Abt Berchtold hatte noch vor seinem Tode seinen Verwandten Heinrich von Wartenberg zu seinem Nachfolger vorgeschlagen. Als Abt der Reichenau regierte 1260-1294 Berchtolds Vetter Albert von Ramstein.

Im Mittelalter waren mit wenigen Ausnahmen die Bischofs- und Abtsitze den Adligen vorbehalten. In einer Aufzeichnung von Pfäfers steht auch, daß „lange Zeit zu Pfäfers der Brauch und altes Herkommen gewesen, keine andere als Adlige in das Stift aufzunehmen“. In Villingen bzw. dessen Umgebung hatten zu jener Zeit mehrere Adelsgeschlechter ihren Sitz. Oft wurden auch die Äbte von anderen Klöstern geholt. Im Falle von Abt Hugo dürfte dies nicht zutreffen, denn er wird in einer Urkunde von 1232 schon als „Diaconus von Pfäfers“ erwähnt. Zwei Einträge im Frühmeßbuch des Klosters Pfäfers, nämlich „Egeolfus mile de Vilingen“ und „Judenta de Vilingen“ könnten einen Hinweis auf die Herkunft geben. In den Urkunden des 13. Jahrhunderts über Villingen erscheint aber nur einmal ein „Eglolfo“ und zwar in der St. Galler Urkunde von 1228, in welcher das Kloster St. Gallen den Zehnten von Runstal bei Villingen dem Kloster Salem überläßt.

Dieser als Zeuge auftretende „Eglolfo de Waltkilche“ dürfte für uns nicht in Betracht kommen.

Viel wahrscheinlicher ist es, daß Abt Hugo von der Burg Kirneck im Kirnachtal bei Villingen stammt. Die „von Kurnegge“ waren zu jener Zeit ein einflußreiches Adelsgeschlecht, das in vielen Urkunden genannt wird und in dessen Familien der Name Hugo beinahe 2 Jahrhunderte lang in jeder Generation vorkommt. Die Ritter von Kurnegge waren ursprünglich Zähringische und ab 1218 fürstenbergische Ministeriale und über mehrere Generationen Vögte der Probstei Zürich über Schwenningen. Sie hatten somit manigfältige Beziehungen zum Gebiet der heutigen Schweiz.

 

 

Das Bad in der Schlucht. Man sieht die lange steile Holztreppe, auf der man von 1543 an zu den in halber Höhe der Schlucht auf Bohlen schwebenden Bade- und Wirtshäusern gelangte. Rechts unten sieht man das später erbaute Bad-Hotel, wohin das Thermalwasser in Teucheln geleitet wurde. Nach einem Stich von Merian

 

Der erste dieses Namens erscheint in einer Züricher Urkunde

1185 als „Hugo de Churneco“

1225 finden wir in zwei Urkunden einen „Hugo de Kurnegge“. Darauf folgen die Urkunden

1254 „Hainrico de Kurnegge miles“

1257 „Burcardus de Kurnegge“

1265 taucht wieder ein Hugo auf neben den Brüdern Hainricus und Bruckardus

In der Lücke zwischen 1225 und 1265, in der kein Hugo urkundlich erwähnt ist, müßte also unser Abt Hugo eingereiht werden und zeitlich würde dies genau passen. Die Namen „Eglolfo“ und „Judenta“ im Pfäferser Früh-meßbuch dürften vielleicht auf eine Verwandschaft der Kürnegger mit den Geschlechtern von „Wartenberg“ bei Geisingen und „Falkenstein“ über dem Bernecktal schließen, (falls es sich nicht um Verwandte von Conrad handelt), die beide sowieso miteinander verwandt waren und in deren Familien diese beiden Vornamen wiederholt vorkamen. Die 1265 in einer Urkunde erwähnte Adelhaid Witwe von Falkenstein war vermutlich eine Schwester der in derselben Urkunde genannten „Hainricus und Hugo, fratres de Kurnegge, advocati in Swenningen“. (Im Mittelalter nannten sich die Vögte „advocatus“.)

J. Kindler v. Knobloch schreibt im Oberrheinischen Geschlechterbuch, daß der Name „de Vilingen“ nicht auf ein bestimmtes Geschlecht dieses Namens hinweist. Vielmehr haben sich der umliegende Adel oder aber dessen Seitenlinien, die vielleicht in Villingen seßhaft wurden, sich manchmal dieses Namens bedient, wie solche auch später in der Stadt das Bürgerrecht erwarben und sich in der Franziskanerkirche begraben ließen.

Quellen:

Erstabdruck im Ekkhart-Jahrbuch 1969 der „Badischen Heimat“.

Verlag: Freiburg i. Br., Hansjakobstraße 12.

Beyerle, „Kultur der Reichenau“.

Künstle, „Reichenau — seine berühmtesten Äbte und Lehrer“.

Weggelin, „Die Regesten des Klosters Pfäfers“.

Henggeler, „Profeßbuch der Klöster Pfäfers, Rheinau und Fischingen“.

J. B. Rutsch, „Geschichtliche Spuren rings um Ragaz“.

Urkundenbuch der Abtei St. Gallen.

Fürstl. Fürstenberg. Urkundenbuch.

Thurgauer Urkundenbuch.

Württ. Urkundenbuch.

Urkundenbuch der Zisterzienser-Abtei Salem.

J. F. Mone, „Geschichte des Oberrheins“.

J. Kindler, v. Knobloch, „Oberrheinisches Geschlechterbuch“.