„Mein Reichtum liegt im Mangel an Bedürfnissen“ (Klaus Walz)

Der Villinger Kunstschmied blickt zurück auf Leben und Werk Villinger Handwerksgeschichte zurück

Wohl dem, der eine Heimat hat! – Was ist Heimat?

Erstens: die Gegend aus der man stammt, in der man geboren ist. – Es ist aber auch zweitens: die Gegend, in der man lebt und seinen Lebensunterhalt verdient.

So gesehen habe ich zweimal eine Heimat. Da ist zunächst Oberkirch im Renchtal, wo ich die ersten zehn Jahre meiner heiteren Kindheit erlebt habe.

1924 geboren in der „Oberen Linde“, einem stattlichen Fachwerkhaus mit der Jahreszahl 1659, einem Haus mit großer Vergangenheit. Es stand bereits als J. Christoph von Grimmelshausen im nahegelegenen Gaisbach das Wirtshaus „zum Silbernen Stern“ umgetrieben und dort, wenigstens zum Teil den bedeutenden Roman „Simplicius Simplizissimus“ geschrieben hat. Heute ist die

„Obere Linde“ ein renommiertes Romantik-Hotel. Meine Eltern kommen aus Oberkirch. Mein Vater war Filialleiter der Vorgängerin der späteren Deutschen Bank. Das Mittagessen nahm er in der

„Oberen Linde“ ein und lernte dabei Lindenwirts blondes Töchterlein kennen, schätzen und lieben. Die beiden schlossen 1921 den Bund fürs Leben. Mein Vater war in seinem Beruf ein tüchtiger Mann. 1934 stieg er auf vom Bankvorstand im kleinen Oberkirch zum Bankdirektor im viermal größeren Villingen, später dazu noch mit Filialen in Schwenningen und Triberg. – Die ganze Familie – Vater Erwin, Mutter Luise und die drei „Walzenbuben“ Günther, Klaus und Hannsheinrich – zog 1934 aus dem heiteren Weinstädtchen Oberkirch, wo der Riesling Klingelberger heißt, in das von einer Stadtmauer umschlossene und von stattlichen Türmen und Stadttoren bewehrte Villingen mit seiner großen Vergangenheit, das mir zur zweiten Heimat geworden ist.

Klaus Walz, hier beim Betrachten einiger Bilder seiner zahlreichen Kunstschmiedearbeiten.

 

Mit über 700 Meter Höhe ist das Klima allerdings rauher als in der Ortenau mit den Reben und Obstbäumen, Kirschen und Erdbeeren und Laubwäldern mit Esskastanien. Dafür gibt es hier oben im Schwarzwald ausgedehnte Fichten- und Tannenwälder, gesunde Luft und früher wenigstens richtige Winter, mit viel Schnee – schön für die Kinder und Skifahrer, zu denen auch ich zähle. Das hat sich die letzten 30 Jahre geändert. „Leider“ sagen die Skifahrer, „Gott sei Dank“ die nicht Wintersport treibenden. Es kommt halt auf den Blickwinkel an. Und allen kann es der liebe Gott sowieso nicht recht machen.

Wenn es stimmt, dass die Umwelt und die ersten Lebensjahre den Menschen prägen, trifft das in hohem Maße bei mir zu. „Vom Vater hab ich die Statur“ – die Renchtäler sind ein kleinwüchsiger Menschenschlag – und die Beharrlichkeit in der Verfolgung eines Zieles. Dagegen vom „Mütterchen die Frohnatur“, die Freude am Leben, „die Lust zu fabulieren“ und das oft in Reimen und Versen. Acht Jahre lang besuchte ich das Romäusring-Gymnasium, damals hieß es noch Immelmannschule, nach einem Jagdflieger aus dem ersten Weltkrieg. Im Frühjahr 1942 das Abitur, als freiwilliger zu den Fallschirmjägern, ab nach Afrika, Gefangenschaft, Südafrika, kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, England und im Dezember 1946 nach viereinhalbjähriger kostenloser und immer gut verlaufenen Weltreise wieder daheim – und stehe vor der Berufswahl. Da ich praktisch veranlagt bin, recht geschickte Finger und eine Neigung zur Kunst habe, entscheide ich mich schnell für den Beruf des Kunstschmieds mit dem Endziel einer eigenen Werkstatt. Lehrzeit in Triberg. Zwei Jahre als Geselle in einer Kunstschmiede in Schwenningen. Zwei Jahre in einer bedeutenden Werkstatt in Köln, daneben Kurse im Zeichnen und Gestalten in den Kölner Werkschulen. Ich gehe oft ins Theater, in die Oper und lerne dabei meine spätere Frau kennen. Dann für zwei Jahre auf die Meisterschule nach München, wohin es – nicht ganz zufällig – auch meine Lebensgefährtin zur Fortsetzung ihres Studiums gezogen hat. Neben der Schule Zeichenkurse an der Akademie. Es bleibt genügend Zeit für Oper, Theater, Konzerte, Museen, Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung – München bietet ja so viel! 1954 Prüfung zum Kunstschmiedemeister.

Gitter von Klaus Walz am Innenhof zwischen Münster-Gemeinde-Zentrum und Benediktinerkirche.

 

Zurück nach Villingen und Bau einer Werkstatt in der Vockenhauser Straße; damals ein außerhalb der Stadt liegender Fahrweg, heute die große Einfahrtsstaße von Norden in die Stadt. 1955 haben wir geheiratet. In der Werkstatt angefangen mit einem Lehrling. Gefertigt was gerade verlangt wurde: Gitter jeder Art, Tore, Geländer, Reparaturen. Das Geschäft läuft gut, interessante Aufträge im kommunalen, sakralen und privaten Bereich. Ich entwickle meinen eigenen Stil. Die Werkstatt wird größer, sieben Gesellen und drei Lehrlinge, wie die Auszubildenden (Azubis) damals noch hießen. Die Zahl der Mitarbeiter wird mir zu groß; das geht auf Kosten der Qualität und zwingt zu Serienprodukten. Ich reduziere auf drei bis vier tüchtige Gesellen. Aber die drei Lehrlinge müssen bleiben, um guten Nachwuchs heranzubilden. Die Werkstatt wird bekannt im weiten Umkreis. Gute Zusammenarbeit mit Architekten, Denkmalpflege, kommunalen und kirchlichen Bauämtern, schöne Aufträge für Kirchen und Dome in Köln, Frankfurt, Heidelberg, Insel Reichenau, mehrere Klöster, Victoria & Albert Museum in London.

 

Votivleuchter von Klaus Walz, Bronze geschmiedet.

 

Was mich besonders freut: mit meinen Arbeiten kann ich beitragen zur Verschönerung unserer liebenswerten Stadt: Wirtshaus und Geschäftsschilder, Gitter, Tore, Brunnen, sakrales Gerät, Schriften, Leuchter, Grabzeichen und manches andere. Ein bissel weh tut’s schon, wenn dies und jenes aufkommt, was nicht gerade zur Verschönerung des Stadtbildes beiträgt…

Leuchter vor dem Nägelinskreuz im Villinger Münster.

 

Um meiner bürgerlichen Verpflichtung dem Handwerk gegenüber nachzukommen, war ich neun Jahre lang Obermeister der Metallinnung, danach sechs Jahre Präsident der Kunstschmiede und Metallgestalter von Baden-Württemberg. Beide Ämter machten viel Arbeit, aber auch viel Freude. Auch heute noch bin ich gern mit Rat und Tat in der Kunstschmiede tätig, wenn ich gebraucht werde; ohne mich aufzudrängen.

Meiner Frau bin ich dankbar, dass ich mich 40 Jahre lang um die Werkstatt und alles, was damit zusammenhängt kümmern konnte und sie mich entlastet hat von allem Bürokram, der zwar sein muss, mir aber überhaupt nicht liegt. Und so ganz nebenbei hat sie uns drei stramme Söhne geboren, die mit ihren Frauen und Enkelkindern gern nach Villingen ins Elternhaus kommen und sich hier wohl fühlen.

Eine meiner Freizeitbeschäftigungen ist das Zeichnen und Malen von Aquarellen.

Seit der Übergabe meiner Werkstatt (1990) an meine Nachfolger habe ich dafür mehr Muse. Die Welt ist für mich farbiger, geheimnisvoller, schöner geworden, weil ich sie mit Maleraugen sehe. Von klein auf hat die sportliche Bestätigung eine große Rolle gespielt. Im Winter Geräteturnen, im Sommer Leichtathletik, wobei ich es 1940 immerhin zum Deutschen Jugendmeister im Dreikampf gebracht habe. Heute lasse ich es ruhiger angehen, steige aber immer noch gern auf die Berge oder trabe durch den Germanswald, um mich wohl zu fühlen und in Form zu halten. Und im Winter habe ich viel Freude im Skilanglauf und vertraue auf die drei L: Langläufer Leben Länger.

Mit zunehmendem Alter braucht der Mensch immer weniger. So liegt mein Reichtum im Mangel an Bedürfnissen, Ich bin ein fröhlicher Mensch, Ich schätze den Humor und die kurzweilige Geselligkeit. Der liebe Gott hat es auch in schwierigen Lebenslagen immer gut mit mir gemeint; daft.ir bin ich dankbar, Was mir viel bedeutet, das ist zunächst meine Familie, Daneben

die Welt des Geistes, ein guter Vortrag, das heitere Gespräch und das gesellige Zusammensein, daran habe ich meine Freude!

Mein Wahlspruch – zu lesen in Herzogenweiler am Schulhaus – 2, Korinther 3,6: Der Geist ists der lebendig macht.