Die Gründungsidee der Stadt Villingen (WERNER HUGER)

Ein Beitrag zur Gründungs- und Standorttheorie

Vorwort

Dieser Beitrag ist der Versuch einer geschichtlichen Deutung. Dabei stellen sich folgende Fragen:

1. Aus welchen Gründen entstand vermutlich im 12. Jahrhundert knapp ein Kilometer Luftlinie des Ortes „Vilingun“ eine neue Siedlung, aus der die mittelalterliche Stadt hervorging?

2. Wie hat man diese Siedlung strukturell zu deuten, und wie verhält sie sich zu dem Begriff der „Stadt“?

Methodisch wäre ein wissenschaftlicher Beweis nach dem Verfahren „ad fontes“ (zu den Quellen) am leichtesten zu führen.

Die ortsgeschichtlichen Quellen sind vor allem

a) Urkunden, d. h. schriftliche Belege mit relevantem Inhalt beliebiger Art,

b) archäologische Fundumstände und die Ergebnisse archäologischer Hilfswissenschaften, für die Siedlungsgeschichte insbesondere der Dendrochronologie bzw. der Dendroarchäologie.

Die wenigen schriftlichen Quellen für Villingen der frühen Zeit sind bekannt, veröffentlicht und interpretiert. Neue Quellen sind bis heute nicht bekannt geworden und auch nicht mehr zu erwarten.

Das archäologische Material, das seit dem Zweiten Weltkrieg hier und dort angefallen ist, hat, nicht zuletzt wegen Unterlassungen, keine wesentlich neuen Erkenntnisse gebracht. Beim Abriß der Häuser Kanzleigasse- Schulgasse, wegen des Neubaues Münsterzentrum, unterblieb zum Beispiel eine systematische und hinreichende archäologische Untersuchung. Soweit Keramik und andere Funde zutage traten, ist das Material wissenschaftlich nicht bearbeitet, geschweige veröffentlicht. Immerhin ist über eine mündliche Auskunft des Landesdenkmalamtes Freiburg (Dr. Schmidt-Thormé) zu erfahren, daß die Keramik ins 13. Jahrhundert gehöre. Im Zusammenhang mit der Sanierung des ehemaligen Franziskanerklosters und der Renovation der Johannes-kirche in der Gerberstraße wurden ebenfalls noch keine ausgewerteten Belege vorgelegt. Ähnliches gilt für die Münstergrabungen, wenngleich der Geschichts- und Heimatverein Villingen zwei Dokumentationen des Ausgräbers in seinen Jahresheften veröffentlichen konnte, ehe der sich davonmachte. Bei der Niederlegung der „Blume-Post“ zwecks Neubau eines Kaufhauses wurde großflächig in den anstehenden Boden eingegriffen, allerdings ohne jede wissenschaftliche Begleitung. Friedhofserweiterung, Verbauung des Mittleren Steppachs und der angrenzenden Gebiete erfolgte und erfolgt ohne archäologische Überwachung. Die Entdeckung zweier Brunnen vor Jahren wurde zur Kenntnis genommen; weiter geschah nichts, ebenso wenig wie bei der Neu-trassierung der Bundesstraße 33 zwischen Stallberg und Kopsbühl. „Im Vorderen Grund“ wurden damals Steinkistengräber, anscheinend alemannischer Provenienz, angeschnitten. Sie wurden als Fragment durch das Landesdenkmalamt immerhin zeichnerisch und standortmäßig erfaßt, so daß wir sie hier erstmalig wenigstens im Bild vorstellen können.

Fast täglich wird durch Umbaumaßnahmen in die Substanz alter Häuser der Innenstadt eingegriffen. Eine systematische Deutung unter Zuhilfenahme wissenschaftlicher Methoden unterbleibt überall dort, wo nicht der Bauherr selbst interessiert ist. Gelegentlich ist ein halbamtliches Orakel zu vernehmen. Der Ruf nach dem Landesdenkmalamt muß verhallen, weil bei den zahlreich anfallenden Arbeiten insgesamt diese Behörde überfordert ist. Mit Genugtuung darf man deshalb zur Kenntnis nehmen, daß das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Außenstelle Freiburg, Dr. Schmidt-Thormé, seit März 1986 dabei ist, wesentliche Teile des Franziskanergartens, südlich der Klosteranlage, zu untersuchen. Immerhin konnten bis jetzt ein Siedlungszusammenhang und neben anderem Keramikscherben des 12. Jahrhunderts nachgewiesen werden.

So bleibt auch mir für diesen Beitrag die Beschränkung, in erster Linie bekannte Tatsachen neu zu überdenken und sie, u. a. auch in Verbindung mit den Erkenntnissen aus der Münstergrabung 1978/79, soweit sie bis heute bekannt wurden, fortzuschreiben, wobei ich vor allem die rechts- und wirtschaftsgeschichtliche Seite beleuchten möchte.

„LOCO VILINGUN“ — Im Dorf fing alles an

Strukturen der alten Agrargesellschaft

Die Vermehrung der Marktsiedlungen führte im 10. Jahrhundert durch die Sachsenkaiser oder Ottonen auch zu Neuerungen im Marktrecht, die eine Fortschreibung und Vervollkommnung der im 9. Jahrhundert liegenden Anfänge bedeuteten. Die Rechte auf Markt, Münze, Zoll, Maß, Bann u. a. sind königliche Rechte. Der König verleiht und bewilligte sie seinen Grafen als zuständige königliche Beamte und auch Bischöfen, die damit zu Mitträgern des Staates gemacht wurden. Ausgeübt wurden sie an dem Ort, wo der mit den Grafenrechten Ausgestattete in Stellvertretung des Königs residierte. Das konnten Gau- und Bischofsburgen (Pfalzen) bzw. „civitas“ /“urbs“ sein.

Eine neue Entwicklungsstufe erreichte inhaltlich die königliche Markturkunde, indem die personalen Rechte des Grafen für einen neuen Markt und insgesamt die zugedachte Rechtslage mit einem bestimmten „Bezugsort“ verbunden wurden)) So heißt es in der Urkunde Otto III. von 999 2) “ … Unserem Grafen Berthold gegeben, verliehen und bewilligt… das Recht und die Gewalt in einem ihm gehörigen Ort), genannt Vilingun, einen öffentlichen Markt zu gründen und einzurichten mit einer Münze, einer Zollstätte und dem ganzen öffentlichen Gerichtsbann, auch in der Grafschaft Bara, welche, wie kund ist, Graf Hildibald mit seiner Machtbefugnis verwaltet“. Mit der kaiserlichen Zusage, diesen Markt, von dem noch genauer zu sprechen sein wird, zu schützen, indem Störern eine Buße angedroht wird, wie jenen, die sich gegen die Rechte der (älteren) Märkte zu Konstanz oder Zürich vergehen, wird für den Südwesten des Reiches eine „Marktrechtsfamilie“ erkennbar, die auf der Achse Zürich — Konstanz — Villingen, den „Bezugsorten zweiten Ranges“, angesiedelt ist.4)

Bei dem Grafen Berthold handelt es sich um den Thurgaugrafen, der 998 den Kaiser auf dessen Romzug verdienstvoll begleitete. Die Diskussion darüber, ob es sich auch um den Breisgaugrafen Berthold oder um eine Personalunion der Gaugrafen gehandelt haben könnte, ist offensichtlich ausgestanden.5) (Vgl. aber weiter unten: Auf dem Weg zum Marktort)

Der Begriff „loco“ (Ort) als solcher gibt keine Auskunft über die innere, verfassungsmäßige und grundherrliche Struktur eines solchen Gebildes. Als altbezeugter „ingen“-Ort und unter Berücksichtigung, daß das Altsiedelland der mittleren Baar — des fruchtbaren Landes zwischen Donau- und Neckarursprung — als typisches Hofsiedelgebiet ausscheidet, ist „Vilingun“ ausgangs des 10. Jahrhunderts, siedlungsgeschichtlich betrachtet, als ein relativ ausgedehntes Dorf anzunehmen. Unter „Dorf“ versteht man zunächst „eine mehr oder minder geschlossene, zahlreiche Heimstätten umschließende Siedlungseinheit, die als solche als Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft empfunden wird“.6) Als Ort der alemannischen Landnahme-Phase läßt sich über die äußere gewachsene Form wenig sagen.

DEN RÖMERN AUF DEN FERSEN

Germanische Siedlungsformen der Landnahmezeit

Während der Landnahmezeit der Germanen sind Siedlungen wohl immer wieder zugunsten neuer Standorte aufgegeben worden. Deshalb sind Bestattungen und Siedlungen dieser Periode nur selten nachweisbar. In der Merowingerzeit (6. und 7. Jahrhundert) gibt es benachbarte Dorfsiedlungen oder Weiler, die aus Hoflagen entstanden sind, und die jeweils einen eigenen merowingerzeitlichen Friedhof haben. Manches Mal sind solche Kleinsiedlungen als Kern mittelalterlicher Städte zusammengewachsen, auf deren Territorien gelegentlich bis zu sieben Friedhöfe abgegangener Siedlungen nachgewiesen werden können (z. B. Sasbach). Auch bei Trossingen und Schwenningen sind mehrere auseinanderliegende Gräberbereiche nachweisbar. Bei Schwenningen (Villingen-Schwenningen) denke man nur an das Ober- und Unterdorf.7)

Die ersten Steinkistengräber hat man für Villingen unweit der Friedhofskirche um 1908 freigelegt.8)

Im Juli 1974 wurden nahe der B 33, als Umgehungsstraße Donaueschingen — Offenburg bezeichnet, weitere Gräber angeschnitten. Den Fundbericht des Landesdenkmalamtes veröffentlichen wir hier erstmalig und in der Originalwiedergabe.) Der Befund ist nicht näher bestimmt. Nach den Umständen nehmen wir an, daß es sich um alemannische Bestattungen handelt. Der Ort liegt etwa 500 m Luftlinie südlich der heutigen Friedhofskirche. Nach der Entfernung könnte es sich um eine Hoflage oder einen Weiler gehandelt haben, der in späterer Zeit im Dorf Villingen aufgegangen ist. (In Villingen ist die Südhanglage des Kopsbühl, laut Landesdenkmalamt noch zu überprüfen.)

DORF UND HERRSCHAFT

Topografische, wirtschaftliche und rechtliche Strukturen

Es ist nicht auszuschließen, daß das mittelalterliche Dorf Villingen aus Teilbereichen erwachsen ist. Lage und Form werden beeinflußt durch den Lauf des Baches Steppach, dem Anger im Sinne eines dem gewundenen Bachlauf folgenden Grünstreifens als Weidefläche, dem Quellhorizont entlang des Übergangs vom Mittleren zum Unteren Muschelkalk, der mäßigen Hanglage des fruchtbaren, west-südlich geneigten sonnebeschienenen Mittleren und Unteren Muschelkalks sowie der Verkehrsflächen und genossenschaftlichen Einrichtungen wie durchziehende Fernstraße, Kirche, der etwa 15 Sekundenliter schüttende Hauptbrunnen, der Anger im Sinne einer die Straße einbeziehenden öffentlichen Fläche, eines Platzes um die Kirche und den Brunnen. Das älteste erhaltene Villinger Bauwerk, der Turm der „Altstadtkirche“ (heute Friedhofskirche), dessen Erbauung man für das 11. Jahrhundert annimmt10), ist mit seiner Mächtigkeit ein Indiz für ein stattliches Dorf um die Jahrtausendwende. Mit der urkundlichen Formulierung „in einem ihm gehörigen Ort“, erweist sich der Graf als Dorfherr, hinter dessen rechtlicher Zuständigkeit die Dorfgemeinschaft, als genossenschaftliche Vorstufe der Dorfgemeinde, soweit es sich nicht um die „Dinge des bäuerlichen Alltags“ (K. S. Bader) handelt, zurücksteht.

Nun bedeutet Dorfherrschaft nicht auch alleinige Grundherrschaft, jener „am tiefsten in den Gesamtbereich ländlichen Lebens hineinragenden Form der Herrschaft“11), bei der das Eigentum an Grund und Boden an abhängige Bauern ausgegeben wird (Lehen). (Die personale Rechtstellung des bäuerlichen Menschen vernachlässigen wir im Augenblick.) Über das Vorhandensein weiterer Grundherren im Dorf Villingen schreibt schon Gotheim12): „Auch in Villingen selber besaß Berthold nur ein einzelnes, wenn auch sicherlich das bedeutendste Gut. (Anmerkung des Verfassers: Diese Behauptung auf ein einzelnes „Gut“ wird in ihrer Richtigkeit bezweifelt). Neben vielen Gemeinfreien scheint in jener Zeit auch ein Freiherrngeschlecht, das sich nach Villingen benennt; auch die Schwarzenberge und Hohenberge besaßen hier Höfe, und zu einem von diesem gehörte noch später dauernd ein Drittel aller Allmendzinsen und Neubruchzehnten.“

Eine solche Konstellation mehrerer grundherrlicher Zuständigkeiten, die sich in den verschiedenen Rechten aus Sonder- und Gemeinschaftseigentum niederschlagen und mit dem Hofstattrecht verbunden sind (vgl. K. S. Bader, a. a. 0.), kann, wie noch zu behaupten sein wird, nicht ohne Auswirkung auf die standortpolitische Entscheidung des Marktherrn beim Ausbau des Marktortes in Form der auf der westlichen Brigachseite neu zu gründenden Marktsiedlung sein.

Der heutige Friedhofsturm stammt wahrscheinlich aus dem 11. Jahrhundert. Er ist das älteste Villinger Baudenkmal und gehörte zur Kirche des frühen Dorfes Villingen. Baustil romanisch.

 

Damit der Graf überhaupt funktional seine Rechte aus der Urkunde von 999 wahrnehmen konnte, ist neben Lehenshöfen im Dorfbereich sicher zunächst ein herrschaftlicher Eigenbetrieb als Herrschafts- bzw. Fronhof anzunehmen. Er ist Mittelpunkt der Grund- und Dorfherrschaft, in dem sich neben der Macht und der Gerichtsbarkeit des Grundherrn das Handwerk konzentrierte, und er ist Drehscheibe wechselseitig aufeinander bezogenen inneren und äußeren wirtschaftlichen Geschehens. Im Innenverhältnis, d. h. gegenüber den grundherrlichen Bauern, die zum Fronhofverbund gehörten, aber auch gegenüber anderen Grundherrn im Dorf, war ein solcher Hof „Markgenosse“, er nutzte nämlich ebenfalls die Dorfmark, wenngleich bevorzugt.12a)

Seine Lage möchte ich zum Zeitpunkt der Verleihung der königlichen Privilegien von 999, wie gesagt, im Dorf selbst annehmen und nicht mit der Warenburg in Verbindung bringen.

Mit den Privilegien aus der Urkunde von 999 wird der bisherige Rechtsstatus des Grafen Berthold um eine weitere Ebene aufgestockt, die, von dem grundherrschaftlichen Besitz ausgehend, territorialpolitisch in der Landesausbauphase des 11. und 12. Jahrhunderts eine Basis für die späteren Herzöge von Zähringen bildet.

Von Interesse ist der urkundliche Hinweis auf die Verleihung des öffentlichen Gerichtsbannes „auch in der Grafschaft Bara, welche, wie kund ist, Graf Hildibald mit seiner Machtbefugnis verwaltet“. Es ist versucht worden, das Wort „Baar“ etymologisch zu deuten. Eine Version spricht von althochdeutsch „para“ als „Blöße, Waldblöße, abgetriebener Wald, daher dann Ackerland“ und bezeichnet diese Deutung gegenüber bara = barra = Gerichtsbezirk als die wahrscheinlichere13). Die andere Version leitet das Wort Baar von althochdeutsch „beran“ = tragen, ertragen ab, „weshalb sich Philologen wie Historiker bei der Deutung des Begriffs Baar auf „zinsertragendes Land“ einigen konnten.“ 14)

Es ist hier nicht der Ort, die Diskussion mit einem weiteren Beitrag zu der schon ohnehin schon umfangreichen Literatur fortzusetzen. Nachstehend folgen wir den Ausführungen des Rechtshistorikers K. S. Bader, die es uns erlauben, Begriff und funktionalen Bezug für unseren Zusammenhang nahe aneinander zu bringen.“) „In der Vita St. Galli wird zwischen 741 und 747 erstmals eine Perahtoldespara genannt“. Es ist die Bertholdsbaar, die gemeint ist, wenn man seit dem Ende des 9. Jahrhunderts nur noch von der „Baar“ spricht, wie wir das auch in der Urkunde von 999 in dem Wort „Bara“ antreffen. Bader sieht in dem Wort Baar einen Landschaftsnamen.

Dieser bezeichne ein Gebiet, das „im oberen Donau-und Neckarraum ein außerhalb der Bergzonen von Schwarzwald und Alb liegendes, waldarmes und nutzungsreiches Flachgebiet umfaßt“. Dieses umfangreiche Gebiet hält er für einen Gerichtsbezirk als zu groß; es sei „mehr als ein einziger Grafschaftsbezirk“ gewesen. Aus den spärlichen Quellen der frühen Zeit tauchen in Zusammenhang mit der Gesamtbaar gelegentlich Teilgebiete auf, die Eigennamen tragen, so z. B. Adalhardsbaar (769), Albuinsbaar (851). Es sind „Teilbaaren“ innerhalb der (Bertolds-)Baar. (Der Name der Baar verschwindet nach 1123 für anderthalb Jahrhunderte aus den Quellen und taucht erst 1273 in der „Landgrafschaft Baar“ wieder auf, die in der Landgrafschaft Fürstenberg ihre Fortsetzung fand.)

Als Kaiser Otto III. in der Urkunde von 999 seinem Grafen Berthold u. a. den Gerichtsbann verleiht, „auch in der Grafschaft Bara, welche wie kund ist, Graf Hildibald mit seiner Machtbefugnis verwaltet“, da muß es sich, um aus dem zuvor gesagten zu schließen, um eine solche Teilbaar der größeren Bertholdsbaar gehandelt haben. (Eine genealogische Verbindung des Grafen Berthold aus der Urkunde von 999 mit dem Namensgeber der „Berthold“-Baar ist nicht sicher nachweisbar. Der Name Berthold = Birchtilo, Berchtold, Bezelin u. a. kommt in jener Zeit häufiger vor.) Berthold wird vom Kaiser also mit dem öffentlichen Gerichtsbann beliehen, d. h. mit der Hohen Gerichtsbarkeit ausgestattet, die erforderlichenfalls strafend aburteilt. Abgeurteilt werden kann aber nur dort, wo in einem Banngebiet auch die Banngewalt, d. h. das Recht zu gebieten und zu verbieten, ausgeübt wird. Insofern scheint es ein Widerspruch zu sein, wenn laut Urkunde einerseits ein Graf Hildibald (auch Hiltibold) eine Grafschaft „mit seiner Machtbefugnis verwaltet“ und andererseits ein Graf Berthold darin funktional, kraft geliehenen Rechts, öffentliche Gewalt ausübt. Die Quellen schweigen darüber und eine rechtshistorische Interpretation ist bisher nicht vorgelegt worden.

Dieser Graf Hildibald ist genealogisch anscheinend nicht unterzubringen, obwohl der Name mehrfach im Südwesten auftaucht.16) Im Herrschaftsbereich dieses Grafen, der 994 und 999 in Villingen sowie noch einmal 1007 in der Gegend von Sulz und Oberndorf auftritt17), liegt, auf den einfachsten Nenner gebracht, der „Ort Vilingun“ nunmehr als wirtschaftlich und gerichtshoheitlich wichtigster Zentralort weit und breit wie eine feste Burg, von dem aus sogar kaiserlicher Bann über die personale Zuständigkeit des Thurgaugrafen Berthold in den Bereich des Baargrafen Hildibald hineinwirkt: wie angedeutet, in Ermangelung weiterer Nachrichten, ein für uns Heutige nur schwer verständlicher rechtlicher Vorgang.

Um die weitere Entwicklung des „loco Vilingun“ zum Marktort und dessen spätere Ausgliederung aus dem Dorf zu begreifen, befassen wir uns im Überblick mit der Wirtschafts- und Rechtsstruktur, wie sie in der Literatur für das 11. und 12. Jahrhundert vorgegeben ist. Dabei ist die Darstellung der tatsächlichen, sich auf Villingen beziehenden, agrar- und rechtshistorischen Fakten weder hinreichend möglich noch nötig. Für den späteren Erklärungsversuch, weshalb die Marktsiedlung vielleicht im 12. Jahrhundert auf die westliche Brigachseite verlegt wurde, genügt zunächst eine Skizzierung der typischen bzw. idealtypischen Einteilung der Dorfmark-bereiche, deren Wesen, Funktionen und Aufgaben sowie ihrer rechtlichen Einheit im Rahmen der Grundherrschaft.

Man unterscheidet drei Teilbereiche der Dorfmark:

1. Das Dorf im eigentlichen Sinne,

2. die Feldflur,

3. das Gemeinland.18)

Das Dorf ist zunächst die optisch wahrnehmbare menschliche Siedlung, die Summe der bäuerlichen Wohnstätten mit ihren Nebengebäuden, die mehr oder minder dicht einander räumlich zugeordnet sind. Der Standort dieser Gebäude ist die Hofstatt, zu der noch „der Raum zwischen den einzelnen Gebäuden und die zwischen Haus und Straße gelegene Fläche“ gehört. Hinzu kommen der umfriedete Garten und die Dungstätte, der Misthaufen. Rechtlich gilt das Haus nur als Zubehör der Hofstatt. Mit ihr verbinden sich die Nutzungsrechte an Feldflur und Gemeinland innerhalb der Dorfmark. Man spricht in diesem Zusammenhang von „Ehofstatt“ (= vollberechtigte Hofstätte). Beide, Haus und Platz, sind dinglicher Natur, aber Rechte verbinden sich mit der Hofstatt nicht mit dem Haus; eine Ehofstatt behält ihr Recht, „auch wenn das Haus noch nicht oder nicht mehr besteht“. 19) Das zeigt die zentrale rechtliche Funktion von Grund und Boden, deren Kern die Hofstatt bildet. Teilt man die Dorfmark modellartig in drei sich von innen nach außen umschließende Kreiszonen ein,20) so bildet die innere Kreisfläche den Hofstättenbereich (mit Gebäuden und Garten). Dieser ist rechtlich und räumlich verzahnt mit der Ackerflur und dem Wiesenland, wo in den drei Großfeldern die das Mittelalter kennzeichnende Wirtschaftsform der Dreifelderwirtschaft abläuft. Sie ist gleichzeitig eine Rahmenordnung im genossenschaftlichen Miteinander der Dorfleute. Die Flurteile, die dem Inhaber als Lehen oder teilweise als Eigen gehören, „bilden mit der Hofstatt zusammen den bäuerlichen Hof. Sie sind auswechselbar, die Hofstatt bleibt“.21) Nimmt man nun alle Ehofstätten zusammen, so bilden sie das Dorf, „und da die Flur zu den Ehofstätten gehört, gehört sie auch zum Dorf, nicht das Dorf zur Flur oder Mark“. In der individuellen Zuordnung von Hofstätten und Flurteilen erwächst aus deren Gesamtheit das Wesen des Dorfes; es umfaßt im engeren Sinne die modellhaft gedachte innere Kreisfläche und die sie umschließende mittlere Kreiszone. Es ist zusammen mit der menschlichen Arbeit, den Gebäuden, Werkzeugen und Tieren die funktionale Einheit agrarwirtschaftlicher Produktionsfaktoren.

 

Erläuterungen zu den Abbildungen

Planum und Bericht über die Bergung zweier Gräber in Villingen (Abbildung verkleinert)

Veranlasser: Landesdenkmal Baden-Württemberg

Außenstelle Freiburg

Bodendenkmalpflege

Gewann: Umgehungsstraße Donaueschingen — Offenburg (rd. 500 m Luftlinie südlich des Friedhofturms)

Funddatum: Juli 1974

Berichterstatter: Wolfgang Frey

Fundverbleib der Knochen: Stadtarchiv Villingen, Dr. Fuchs

Tatbestand: Es handelt sich um zwei Bestattungen

Planum 1, erwachsenes Individuum

Planum 2, Kind und Steinkiste

BERICHT

Lage: Das Grab ist ost-west orientiert und ist eines von weiteren ähnlichen Gräbern, die ziemlich dicht beiliegen. Steinkiste: Von den begrenzenden, senkrechten Steinen waren nur noch die halbe Nordwand in Situ erhalten. Die anderen Steine wurden in alter oder neuer Zeit bewegt. Andere Wandsteine waren nicht nachweisbar. Bodenplatten waren nicht vorhanden. Die Arbeiter gaben an, eine Deckplatte entfernt zu haben.

Grabeinfüllung: Die Einfüllung bestand aus dunkelbrauner, humöser Erde, die stark mit kleinen Kalksteinen durchsetzt war. Am Westende des Grabes war die Erde lockerer und mit Ziegelstückchen durchsetzt.

Bestattungen: In die Steinkiste waren zwei Bestattungen eingebracht worden, ein Erwachsener und ein Kind. Die Knochen des Erwachsenen lagen auf einem Haufen im nord-östlichen Bereich des Grabes. Ein Zusammenhang war nicht mehr feststellbar. Das Kinderskelett lag darunter dicht an der Nordwand und war zum Teil noch in Situ. Der einzige gefundene Schädel schien der Größe nach zum Kind zu gehören. Das Grab ist mit Sicherheit alt gestört. Einmessung: erfolgte von den zwei angegebenen Ecken der Verkehrsinsel aus. Es wurde jeweils vom Scheitelpunkt der Rundungen gemessen.

Durch die heutige Straßenführung ist die Standortbestimmung der Gräber nur noch nach Planunterlagen einmeßbar. Unser Mitglied, Herr Baudirektor Beck, hat uns die umseitige Planunterlage des Tiefbauamtes Villingen-Schwenningen zur Verfügung gestellt und die alte Lage der Verkehrsinsel (dunkles Feld) eingezeichnet. Die heutigen Erdaufschüttungen machen weitere Untersuchungen unmöglich (Maßstab 1 : 500 wurde verkleinert).

 

Was wir idealtypisch in einem Kreiszonenmodell beschreiben, erstreckt sich beim Dorf Villingen, seit der alemannischen Gründersiedlung, tatsächlich vor allem in Nord-Südrichtung, parallel zu dem das Tal durchfließenden Steppach, der in mittelalterlichen Quellen als „stettbach“ (1307)22) den Bereich bezeichnet, wo die Hofstätten beiderseits des Baches und diesem nahe zugeordnet lagen. In der Süderstreckung, Richtung Mar-bach, werden durch die mehreren Bezeichnungen „Eschle“ (= Ösch oder Esch) die alten Flurzonen der Dreifelderwirtschaft auf dem fruchtbaren flacheren Mittleren und Unteren Muschelkalk mit mindestens zwei Kilometer Länge wenigstens teilweise erfaßt‘) Der frühere Weg durch die Flur war die spätere Bundesstraße 33 zwischen Friedhofkirche und Marbach. Westlich von ihr, im Tal der Brigach, waren die Flurwiesen und ebenfalls Angerbereiche (Brigachangel). Das Gelände südlich und südöstlich des Friedhofs ist heute an der Oberfläche stark verändert: Am Anfang stand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Eisenbahnbau Villingen — Singen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Streckenführung der Bundesstraße 33 zunächst nach Osten verlegt (Umgehungsstraße) und der Friedhof ab 1965 nach Süden und Südosten ausgeweitet. Er bedeckt heute die ehemaligen Gewanne Inneres und Äußeres kleines Eschle und Beim Hohenstein. Die Streckenführung zur jetzigen Straßenkreuzung Südeinfahrt — B 33 — Marbach machte erhebliche Geländeaufschüttungen und Planierarbeiten notwendig, die seit den 1980er-Jahren auch das Ackerland im Gewann Im Vorderen Grund, unterhalb des Stallbergs, viele Meter hoch mit ortsfremden Material verfüllen. Hier entsteht gegen Ende der 80er Jahre die insgesamt dritte Friedhofserweiterung in diesem Jahrhundert. Die dritte und äußere Kreiszone, der Ring III unseres Modells, bildet die Allmende mit Weide- und Waldfläche. (Die innere Allmende: Anger, Dorfstraße, Brunnen u. a. gehört in diesem Falle nicht zu unserer Betrachtung.) Dieses Gemeinland bildet den Außenraum des Dorfes. In ihm nimmt, „als eine ökonomische Selbstverständlichkeit“, die „Intensität der Nutzung an der Dorfmark mit dem Grad der Entfernung vom Dorf“ ab.24)

Zunächst dient das Gemeinland als Grundlage der Vieh-und Weidewirtschaft, nachdem es damals bei nur einem jährlichen Grasschnitt keine durchgängige Stallfütterung gab. Man nutzte die Feld- und Waldweide, wobei dem Wald eine größere Bedeutung als Weideplatz, insbesondere für die Schweinemast, denn als Lieferant für Bau-und Brennholz zukam. Die extensive Nutzung der Feldweide hat besonders Bedeutung für die Schafzucht. Der Wald liefert zusätzlich Laub für Stall und Bett, Beeren, Pilze, Honig und Harz. Bei der Nutzung der Gemeinweide trat die Wechselbeziehung der Interessen von Dorfgenossenschaft und Grundherrn, der an der Mitbenutzung teilnahm, besonders hervor.25) Sie dürfte aber noch im 11. und 12. Jahrhundert der Interessenabwägung von Dorfgenossen und Dorfherrschaft keine Schwierigkeiten bereitet haben, weil sich im Westen der Markung, im Tal der Brigach und auf der Ostabdachung des Schwarzwaldes, vor, während und nach der Landes-ausbauphase, der Schwarzwalderschließung, ein schier unerschöpflicher Nutzraum an Weide- und Waldflächen darbot, der durch die Bertholdschen, die späteren Zähringischen Grundherren räumlich mitbestimmt war. Als Flur und Gemeinland unübersehbar ist auch die rund 4qkm große fruchtbare Hochfläche des Oberen Muschelkalks der Villinger Markung im Osten bis zur Schwenninger Dorfgrenze. Es sei vorweg gesagt: Die spätere Verlegung des Marktortes — nicht des Dorfes! —Villingen an die Stelle der heutigen mittelalterlichen Stadt, ändert an den grundherrlichen Verhältnissen gar nichts. Sie werden auch nicht durch neu entstehende Grundherrschaften, besonders der Klöster, vor allem St. Georgen (1084), beeinträchtigt. Diese wurden durch die Zähringische Territorialpolitik zwar priviligiert, mußten aber, wie am Beispiel St. Georgen zu zeigen ist, sogar auf jene grundherrlichen Zehnten ihrer Umgebung verzichten, auf die anderweitige Ansprüche bestanden.26)

Folgern wir im weiteren Überblick:

Die Ehofstätten in ihrer Gesamtheit als Dorf besitzen unabhängig von den Eigentumsverhältnissen der Grundherrschaft, und zwar der des Marktherren und anderer Grundherren, eine wirtschaftsrechtliche Organisation zur Nutzung der oben ausgeführten Dorfbereiche. In der Dorfmark verwirklicht sich Genossenschaftsrecht, das bei der gemeinsamen Benutzung von Dorfanlagen (Brunnen, Brücken, Mühle, Backofen usw.) und äußeren Allmendbereichen erkennbar wird. Treibende Kraft bei der Ausgestaltung der dörflichen Gemeinschaft war immer die bäuerliche Seite.27) In der Verzahnung mit den Rechten der Herrschaft wird daraus ein Teil der Wirtschaftsordnung, die ihrerseits wieder Teil einer Verfassungsordnung ist, sei sie nun kodifiziert oder durch Gewohnheitsrecht begründet. Die wirtschaftlichen Interessen der Herrschaft gegenüber den abhängigen Bauern lagen in ihren elementarsten Formen bei der rentablen Bewirtschaftung des ausgeliehenen Bodens, bei der entsprechenden Zinszahlung durch die Bauern und deren Frondiensten und Abgaben. Insofern war die Herrschaft an genossenschaftsrechtlichen Regelungen und am Dorffrieden interessiert und schützte diese mit ihren Mitteln. Die Interessen der Dorfgenossenschaft einerseits und des Grundherrn andererseits schließen konkurrierende Gegensätze nicht aus. Jedes Ordnungssystem besitzt aber wesenhaft auch eine Ausgleichsfunktion. Wie diese im einzelnen aussieht, kann nicht untersucht werden. Natürlich stellt sich für uns Heutige die Frage nach der Einklagbarkeit von vermeintlichen oder tatsächlichen Rechten, vor allem seitens dessen, der keine hoheitliche Macht besitzt. Sie kann hier nicht beantwortet werden, wenn man bedenkt, daß ab dem Zeitpunkt der Verleihung der Privilegien von 999 zum Status als Dorfherr (Zwing und Bann) für den Grafen der Gerichtsbann im Baargau hinzukam. Alle späteren Dorf-und Marktsiedlungsherren, in unserem Falle bis hin zu Berthold V., bewegen sich in dieser Rechtsphäre, in der Herrschaft und Gericht eine Einheit bilden. Es ist ebenfalls müßig zu prüfen, ob der Verband der Dorfleute noch eine genossenschaftliche Struktur hatte, oder ob man bereits von einer Dorfgemeinde reden muß, die „über die Gemeinnutzung hinausgehende Befugnisse“ schon eigenes gewachsenes Recht in Anspruch nimmt und ausübt 28) Um noch einmal auf die Vorstellungen von Gerichtsbarkeit des heutigen Menschen zurückzukommen: Die Prüfung der Einklagbarkeit vermeintlicher oder tatsächlicher Ansprüche, die zwar noch nicht privatrechtlicher Art im modernen Sinne sein konnten, aber doch individuellen oder verbandsmäßigen Zuschnitts sind, ist weder sinnvoll, noch würde sie uns zu einem verwertbaren Ergebnis führen; zu verschiedenartig waren nämlich die rechtlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber heute. Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: War eine bestimmte Partei aufgrund der mittelalterlichen ständischen Gliederung überhaupt gerichtsfähig, konnte sie mit ihren personalen und grundherrlichen Abhängigkeiten letztlich als Rechtssubjekt auftreten? Kamen hier Lehensgerichte überhaupt in Frage? Es sollte der nochmalige Hinweis genügen, daß dem Dorfherrn, über seinen grundherrlichen Besitz hinaus, Gebot und Verbot, d. h. die Befehls-und Strafgewalt, die sogenannte Niedere Gerichtsbarkeit (= Zwing und Bann) zustand, die mit der Verleihung des „öffentlichen“ Gerichtsbanns in der Grafschaft Bara auf die Hohe Gerichtsbarkeit ausgedehnt wurde. —Selbst dem Hinweis auf ein denkbares Schiedsverfahren nach kanonischem Recht brauchen wir, wenn es überhaupt rechtlich in Frage gekommen wäre, vor dem Jahre 1160 nicht nachzugehen.29) Zu diesem Zeitpunkt hatte sich aber der Marktsiedlung, wie noch darzustellen sein wird, vermutlich bereits aus dem engeren Dorfverband ausgegliedert.

Was dem Graf drohte war bestenfalls die gegen den Gottes- und den Landfrieden „unter gewissen Vorbehalten“ (vgl. Ennen, Fußnote 91) verstoßende Fehde durch andere adlige Grundherren. Was den einfachen Mann betraf, so war selbst der Leibeigene niemals nur Sache, sowenig es der römische Sklave de facto war. Zu überkommenen Normen römischen und germanischen Rechts kamen nun die, denen neutestamentliche Betrachtungsweisen Richtschnur war. Wie immer, so gibt es auch hier eine pragmatische Seite: Die Eigeninteressen des Grund- und Dorfherren an einer bestehenden und funktionierenden Wirtschaftsordnung und in Verbindung damit an einer wie immer gearteten Dorfverfassung sowie einer Rechtspartnerschaft, die der Wahrung des inneren Friedens dient und so der Stärkung der eigenen Macht nach außen, sind wichtige Bindungskräfte zur Dorfgenossenschaft hin und schließlich Wurzeln, aus denen Normen sprießen, mit denen sich im Laufe des Mittelalters zunehmend grundherrliche Rechte ins Dorf selbst verlagern. Daß schließlich die Bewahrung der wirtschaftlichen Organisationsform, mit dem sie stützenden Recht, allein schon wegen der raumgebundenen Versorgung mit Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs, eine zwingende Notwendigkeit war, die herrschaftliche Willkür behinderte, dürfte selbstverständlich sein. Wenn wir im 11. Jahrhundert noch nicht an Konflikte zwischen Bauern und Herrschaft denken dürfen, wie sie sich zahlreich im späten Mittelalter ereigneten, so waren die Beschwerde und ansatzweise die Verweigerung, Indikatoren, auf die der Herr reagieren mußte.

AUF DEM WEG ZUM MARKTORT

Graf Bezelin von Villingen

Es ist nicht schlüssig nachzuweisen, ob und wie sich Graf Berthold (999) genealogisch fortsetzte. Sein „Nachfolger“ für Villingen ist jedenfalls ein Graf Bezelin von Villingen. Sein Todesdatum wird mit dem Jahr 1024 angegeben.30) Wenn dieses frühe Todesdatum belegt werden kann, dann muß die fast verstummte Diskussion, ob „Graf Berthold“ und Graf „Bezelin von Villingen“ nicht ein und dieselbe Person sind, neu einsetzen. Unterstellt man, der den Kaiser 998 auf dem Romzug begleitende Graf Berthold sei damals 20 Jahre alt und mit „Bezelin“ identisch gewesen, dann wäre er im Jahre 1024 bei seinem Ableben 46 Jahre alt gewesen. — Es gibt einen nichtautorisierten Hinweis auf das mögliche Todesjahr 1036; vgl. Fußnote 40.

Er ist ein Vorfahre, „als erster des Geschlechts, als ,primus in hac genealogia‘, wird der Graf ,Bezelinus‘ genannt“.‘) Er ist aber noch nicht als Zähringer zu bezeichnen. Seine Existenz belegt als Urkunde die „Tabula Consanguinitatis“ des Abtes Wibold von Stablo. Die aus politischen Gründen beabsichtigte Scheidung Kaiser Friedrichs I. Barbarossa von seiner Frau Adela von Vohburg war nur möglich durch den Nachweis verwandtschaftlicher Blutbande, die mittels Abstammungsreihen belegt wurden. Diese sogenannte Stemma „stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1153“. Es heißt dort „Berta gen Bezelinu d Vilingen. Bezelin d Vilingen Bertolfu“ … Vollständig muß es heißen: Berta gen(uit) Bezelinu(m) d(e) Vilingen. Bezelin(us) d(e) Vilingen (uit) Bertolfu(m)… 32)

Kaiser Maximillian I. (Reg. 1493 —1519) aus dem Hause Habsburg hat über seinen Hofhistoriographen Dr. Jakob Mennel (ca. 1460 — 1526) erstmals den Versuch unternommen, die Habsburgerabstammung bis hin zu den Merowingern nachzuweisen. Der Weg führte Mennel über die Zähringer, die damit ebenfalls in den Habsburgerkreis einbezogen wurden. In Mennels Verwandtschaftskalender taucht der Konstanzer Bischof Gebhard III. (1084 — 1110), ein Bruder des Zähringerherzogs Berthols II. (gest. 1111), auf, wobei es im folgenden heißt: „Gebhardus, Graff Berchtolds von Zeringen sun und ain Engkel Graff Betzlin von Habsburg, Bischof von Costents“.33)

Hier wird aus unserem Bezelin von Villingen ein aus etwa zehn vorangehenden Generationen abgeleiteter Betzelin von Habsburg. Es hat auch in den folgenden Jahrhunderten, bis in unsere Zeit, immer wieder Versuche zur Stammbaumforschung gegeben34), die aber letztlich mit zahlreichen Unsicherheitsfaktoren auskommen mußten. Wir haben diesen Hinweis mehr als Kuriosum vorgetragen, um zu zeigen, wie hier gewissermaßen das Recht auf Herrschaft von einem in unergründlicher Zeit zurückliegenden versippten Uradel abgeleitet wird.

Dieser Bezelin von Villingen ist, wenngleich sein Tod schon für das Jahr 1024 genannt wird, für die Marktort-entwicklung fraglos eine Schlüsselfigur, bezeugt doch das „von Villingen“ einen unmittelbaren Bezug zu diesem Ort.

Während im Frühmittelalter die Menschen in der Regel einnamig waren, erscheinen „um 1100 herum (…) schlagartig die Zeugen in den Urkunden wieder mit einem Nachnamen, der nach einer Burg gebildet ist.“ 35) Abgesehen davon, daß die betreffenden Herren durchweg mehrere Burgen besitzen konnten und deshalb gelegentlich mit verändertem Zweitnamen erscheinen, der noch kein Familienname war (ein solcher verfestigte sich erst in späterer Zeit), ist damit nicht notwendig seitens der adligen Familie das Wohnen vor Ort verbunden.36) Nun ist aber weder im Bereich des abschätzbaren inneren Dorfraums des „loco Vilingun“ noch sonst „außerhalb Etters“ in Urkunden oder archäologischen Befunden jemals eine Burg Villingen aufgetaucht. Dennoch ist der Bezug „de Vilingun“ offenbar so wichtig, daß er in einer zeitgenössischen Urkunde genannt wird. Ich bringe das zunächst mit dem Grafenamt in Verbindung, das als Verfassungsamt im Ort Vilingun die königlichen Regalien ausübt, die dem Ersterwerber, dem Grafen Berthold, in der Urkunde von 999 für diesen Ort geliehen wurden. Auf diese Weise verbindet sich dieser Ortsname mit der Amtsfunktion.

Zum anderen halte ich eine Burg auf dem Boden des gräflichen Grundherrn (Eigengut) sowohl als befestigte steinerne Zufluchtsstätte wie auch als Verwaltungsmittelpunkt der Herrschaft für gegeben. Ich treffe mich hier mit der Meinung des verdienstvollen 2. Vorsitzenden des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Hermann Preiser. Seit Jahren weist er nachdrücklich auf die Bedeutung der Warenburg auf der Höhe des vorderen Laible hin. Die schon im Mittelalter abgegangene, als Burgstall (= ehemalige Burgstelle) bezeichnete Burg lag exakt 1,5 km Luftlinie südwestlich des ehemaligen Dorfes Villingen auf der gegenüberliegenden westlichen Hangseite des Brigachtals.

Der Standort kontrolliert nicht nur den Platz des alten Dorfes Villingen und den Bereich der neuzugründenden Marktsiedlung sondern auch das gesamte untere Brigachtal mit seinen alten Dörfern. Obwohl entsprechende Nachrichten aus jener Zeit fehlen, ist anzunehmen, daß der Graf nicht nur Dorfherr Villingens in insularer Lage war, sondern umfangreichen Grundbesitz im Brigachtal besaß und vielleicht in weiteren Fällen Dorfherr war. Aus guten Gründen vermutet also Hermann Preiser die Errichtung der Warenburg für die „erste Hälfte des 11. Jahrhunderts‘) und betont deren Bedeutung für die folgenden Bertholde und die Entwicklung des Marktortes. Es mag deshalb erlaubt sein, die Errichtung der Warenburg mit dem Namen Bezelin von Villingen in Verbindung zu bringen.

Urkundlich taucht die Warenburg als „warburg“ leider erst 1320 auf, und vor einigen Jahren hat ein Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen auf dem ehemaligen Burgareal einen Silberpfennig des Kloster Rheinau unter Laufenburger Herrschaft, einen sogenannten Brakteat (= einseitig geprägte Münze), gefunden, der 1325 geprägt wurde.38)

An den bisherigen und künftigen Ausführungen zwingt die lückenhafte Quellenlage zu Hypothesen, deren alternativer Charakter so lange in Kauf genommen werden muß, bis gesicherte Belege einen überzeugenden Fortschritt der Forschung begründen. Im Falle der Warenburg können wir nur hoffen, daß uns eine sicherlich aussichtsreiche archäologische Grabung weiter bringt.

Wenn wir danach fragen, wo konkret im 11. Jahrhundert das Marktgeschehen ablief, wo sich also der „Marktort“ befand, werden wir an den inneren Allmendbereich denken müssen, d. h. an die öffentliche Fläche zwischen Brunnen und Kirche, die von einem Verkehrsweg durchzogen wird.

Denkbar wäre aber auch der Verkehrsbereich des grundherrlichen Fronhofs im Dorf. Unverzichtbar mußte auf alle Fälle als Zu- und Abgang für den Marktteilnehmer ein Weg vorhanden sein. Als Naturwege sind mehrere Varianten denkbar. Das Land war ja bereits zur Keltenzeit erschlossen. Als tüchtige Straßenbauer haben die Römer in unmittelbarer Nachbarschaft ihre Spuren hinterlassen. Eine der wichtigsten Erschließungsstraßen war eine Fernverkehrslinie, die später sogenannte Schaffhausen-Frankfurter-Straße als Nordsüdverbindung über den Schwarzwald.39)

DIE ERSTEN BERTHOLDE

Der Sohn des Bezelin von Villingen, Berthold I. „mit dem Barte“, soll 102440), also im vermuteten Todesjahr Bezelins, geboren sein. Er war Graf in der Baar und seit 1061 Herzog von Kärnten. Er starb 1078, und zwar auf seiner befestigten Siedlung (oppidum) Limburg bei Weilheim unter Teck, wo sich auch das (erste) Hauskloster St. Peter befand, das vor 1073 von ihm gegründet worden war.41) Karl Schmid meint, ob er bereits „als Zähringer“ zu betrachten ist, hängt davon ab, ob er schon Besitzer des Zähringer Burgbergs war“.42)

Die Chronik Frutolfs von Michelsberg aus dem Jahr 1099 43), die über Berthold I. zu den Jahren „1057 und 1077″ berichtet, nennt ihn Berthold von Zähringen, der frühere Herzog von Kärnten“ (Berhctoldus autem de Zaringon dux quondam Carinthie), der nach kurzer schwerer Krankheit im Wahnsinn (frenesin) gestorben sei. 44) Die Wirren des Investiturstreits brachten die Absetzung Bertholds, einem der ärgsten Widersacher Kaiser Heinrichs IV., als Herzog von Kärnten im Jahre 1077.45) Ebenfalls abgesetzt wurde u. a. der Schwabenherzog Rudolf von Rheinfelden, der Schwiegervater seines Sohnes und Nachfolgers Berthold II. In dieselbe Zeit fällt auch die Zerstörung der inzwischen vom Kloster Hirsau abhängigen Propstei Weilburg. Währenddessen, 1079, hatte der Sohn Berthold II. in der Auseinandersetzung mit dem kaisertreuen Friedrich von Staufen seinen „Herrschaftsschwerpunkt“ (auch „Herrschaftsmittelpunkt“, vgl. K. Schmid) „vom Albtrauf in den Breisgau“ verlagert, wo schließlich das Hauskloster im Jahre 1093 als Kloster St. Peter auf den Höhen des westlichen Schwarzwaldrandes neu gegründet wurde, wobei der Grundbesitz in Weilheim in die Stiftungsmasse einging.“46)

Ab jetzt schiebt sich die Bezeichnung „Zähringen“ in den Vordergrund. Offensichtlich wird die Burg Zähringen, die als Mittelpunkt einer Herrschaft mit umfangreichen (Reichs-) Gut zu verstehen ist, im Familien- und Herrschaftsbewußtsein so wichtig, daß sich Berthold künftig als Zweitnamen den Familiennamen „von Zähringen“ zulegt, der sich dann vererbt 47) So ließe sich erklären, weshalb 1099, zu Zeiten Berthold II., Frutolf von Michelsberg bereits Berthold I. „von Zähringen“ nennt. Allerdings könnte Berthold I., noch auf der Limburg sitzend, tatsächlich einen Rechtstitel auf die Herrschaft Zähringen besessen haben.

 

Bezelin von Villingen (Bezelinu d Villingen) heißt es in der Urkunde (Stemma) „Tabula Consanguinitatis“ des Abtes Wibald von Stablo, die wahrscheinlich aus dem Jahre 1153 stammt. Er, Bezelin, wird als erster des Geschlechts der späteren Zähringer genannt.

 

DER GEIST DENKT, DAS GELD LENKT

(Oswald Spengler, 1880 —1936)

Fern der großen Politik schweigen für Villingen aus jener Zeit die Quellen. Und doch leuchtet ein bescheidenes Licht auf den weiteren wirtschaftlichen Weg in dieser SCHWELLENPHASE der MITTELALTERLICHEN MARKTGRÜNDUNGSPERIODE48): Ins Bild gesetzt ist es die Prägung einer Villinger Münze. Der Villinger Denar (siehe Abbildung) ist eine flach geprägte Silbermünze mit einem Durchmesser von 22 — 25 mm und einem Gewicht von 0,93 — 0,96 Gramm. Die Fundorte sind Lübeck (3), Gotland, Schweden (Schonen), Finnland (insg. 21). Münzkabinett Berlin (Ost). Der Schriftzug DEDCTOLT wird als Bertold gedeutet, nachdem keine anderen münzberechtigten Bertolde bekannt sind. Form und Gewicht lassen die Deutung zu, daß die Prägung um 1030/40 erfolgte.49) Wir haben hier also einen konkreten Beleg für die Privatisierung des Münzwesens. Das ist zu dieser Zeit nichts ungewöhnliches mehr. Schon zwischen 670 und 750 n. Chr. sind merowingische Silberprägungen aus etwa 800 Prägestätten mit 5.000 Münzmeistern nachgewiesen. 793/94 verordnet Karl der Große dann eine Münzreform.50) Wenn gefolgert wird, sofern die Zuweisung dieser Münze stimme, seien die Fundorte ein Beleg für die Beteiligung Villingens am Fernhandel 51), dann führt das in die Irre. Eine solche Münze gehört keineswegs zu den Leitwährungen, wie sie als internationale Handelsmünzen von den wirtschaftlich im Fernhandel, insbesondere bei den Messen, führenden Städten und Staaten jener Zeit in Umlauf gebracht wurden und zu denen auch die schweren Silbermünzen des Reichsgebiets gehörten.

Faksimileabbildung eines silbernen Villinger Denars (etwa Normalgröße). Die ersten Prägungen vermutet man um das Jahr 1030/40. Sie könnten noch auf Bezelin von Villingen zurückgehen. Das obere Bild zeigt die Seite mit der graphischen Gestaltung OTTO und REX (König), das untere die Seite mit dem Monogramm OTTO DEDCTOLT, verschrieben für Berchtolt (vgl. Revellio, a.a.O.).

 

Die schweren Denare nach der erwähnten Münzreform Karls des Großen enthielten fast das doppelte Gewicht, 1,7 g, der Villinger Münze. Man wird den Villinger Denar zu den mittelschweren Silbermünzen zu rechnen haben, 52) die für den überregionalen Handel und den lokalen Markt sowie die Zoll- und Steuerzahlungen gedacht waren. Die Mobilität dieses Geldes, durch die es bis in den hohen Norden wandern konnte, liegt meines Erachtens in seinem Edelmetallgehalt als Kurant-münze, d. h. einer Münze, deren Geldwert man auch erforderlichenfalls nach ihrem Gewicht bestimmen konnte. Sie war damit ein echtes Wertaufbewahrungs-mittel. In schriftlicher Erwähnung taucht Villinger Geld erstmals in der frühesten erhaltenen Urkunde zu Stadt-und Ratsverfassung aus dem Jahre 1284 auf. Dort heißt es über die Besteuerung der Hofstatt „ainen schillincphenninge“.53) Der Denar scheint als Geldeinheit mit dem Silberpfennig identisch zu sein, denn an anderer Stelle entnehmen wir: „Seit Karl dem Großen war jahrhundertelang der Silberpfennig die Grundmünze mit einem Gewicht von etwa 2 Gramm. (Auch das Abkürzungszeichen th = d für den früheren deutschen Pfennig leitet sich von Denar her.)“ Danach wären in der Stadt Villingen auf das inzwischen als Grundmaß erkannte „Hofstatt“ 12 Pfenninge = 1 schillinc phenninge als Grundsteuer entfallen.54) Über die Kaufkraft der Münzen ist damit nichts ausgesagt. Geld in seiner Function als allgemeines Tauschmittel regt zur Herstellung von Gütern zu Tauschzwecken an und fördert damit die arbeitsteilige Produktion.55) Für den Ausbau des Villinger Marktes im 11. Jahrhundert ist das von unverzichtbarer Bedeutung.

Eine dritte ergänzende Funktion des Geldes ist seine Eigenschaft als Recheneinheit. Mit ihr werden Güter bewertet. Geld wird hier zum Gegenstück der Ware. Wenn der Preis der Geldbetrag ist, der für ein Gut hingegeben wird, so müssen Bezugsgrößen der Menge und Qualität geschaffen werden. Ein eigenes Maßsystem für den Villinger Markt, auf dem dieses Geld zuständig ist, wird so ökonomisch notwendig. Hierüber berichtet uns allerdings erst eine Urkunde Bertholds IV. von 1185, wo von „10 Scheffel Weizen nach Villinger Maßeinheit“ 56) die Rede ist.

Es ist die Frage zu beantworten, woher das Silber für das gemünzte Geld kam. Es gibt zwar auf der Baar und der Schwarzwaldrandzone um Villingen Eisenerzvorkommen, die heute allerdings keine wirtschaftliche Bedeutung mehr haben, aber kein Silber. Für die in Frage kommende Zeit des 11. Jahrhundert sind mehrere Vorkommen silberhaltiger Erze am westlichen Schwarzwaldrand in einer Nord-Süderstreckung von rund 50 km zwischen Badenweiler im Süden und Kenzingen im Norden bekannt57) Als Kaiser Konrad II. im Jahre 1028 der Kirche zu Basel Silbergruben im Breisgau verleiht, wird als nähere Bezeichnung in der Urkunde „in comitatu Bertholdi“, d. h. „in der Grafschaft Bertholds“ angegeben. Wenn es sich bei diesem Berthold tatsächlich um einen „Zähringervorfahren“ 58) handelt, wäre die Sache gelöst. Wo nämlich in der Grafschaft Bertholds die Kirche zu Basel Silbergruben besitzt, können auch andere solcher Gruben nicht weit sein. Die Herkunft des Edelmetalls für die Villinger Silbermünzprägungen wäre so erklärlich. Der „Zähringervorfahre“ könnte zu diesem Zeitpunkt nach der genealogischen Reihe nur das Kind Graf Berthold I. gewesen sein.

Das im 11. Jahrhundert praktizierte Münzregal aus der kaiserlichen Urkunde von 999 durch die zuständigen Grafen Bezelin (?) und nachfolgenden Herzöge Berthold und die im Teilbereich des Schwarzwaldes durch sie genutzten Silbervorkommen machen für den Marktort Villingen wirtschaftliche Interdependenzen früher sichtbar als anderswo.

Diese wechselseitigen Bedingheiten sind dauerhaft miteinander verbunden, was erklären mag, weshalb sich die Zähringer „später nie auf diese Rechtsverleihung bezogen“ 59) haben.

VOM MARKTORT ZUR MARKTORTSIEDLUNG

Die im folgenden vorzutragenden Argumente sind nicht erschöpfend aber hinreichend, um zu erklären, weshalb es ausschließlich aus rechts- und wirtschaftspolitischen Gründen zu einer Marktortverlegung, d. h. zu einer Ausgliederung des Marktes, in eine topographisch neu anzulegende Siedlung kommen mußte.

Diese Gründe sind für uns zwingend. Wir bezeichnen sie deshalb als Entscheidungsgründe erster Ordnung. Alle sonst in der Literatur, manchesmal in Alibifunktion anzutreffenden Entscheidungsgründe, z. B. Bachverläufe und Wasserversorgung, Befestigungs- und Verteidungsvorteile u. a., halten wir für wichtig aber nicht entscheidend. Wir bezeichnen sie deshalb als Entscheidungsgründe zweiter Ordnung.

Diese Entscheidungsgründe erster Ordnung haben allgemeine Bedeutung und Gültigkeit und bestätigen sich auch dort, wo nur scheinbar eine räumliche Trennung zwischen Dorf und Marktortsiedlung nicht stattgefunden hat. Wenn ich es richtig sehe, dann kann man vier Modellvarianten unterscheiden:

Dorf- und Marktortsiedlung als rechtliche und wirtschaftliche Institutionen bestehen nebeneinander fort aber räumlich getrennt. Es entsteht eine Wirtschaftspartnerschaft mit dem Markt-, Dorf- und Grundherren als Bindeglied.

Die Marktortsiedlung entwickelt sich standortgleich aus dem Dorf. Dann geht das Dorf in ihr auf, verschwindet politisch-rechtlich ganz und erscheint wirtschaftlich in neuem Zusammenhang.

Eine neue Marktortsiedlung entwickelt in der Agrargesellschaft jener Zeit eine eigene marktortinterne Agrarstruktur für die Selbstversorgung und gewerbliche Produktion. Das alte Dorf stirbt allmählich ab. Die Entwicklung ist von der Herrschaft so gewollt. Umliegende Dörfer erhalten Marktpräferenzen.

Die Marktortsiedlung dehnt sich später in ihrer Entwicklung räumlich auf das Dorf aus und absorbiertes. (Spielart zu Nr. 2.)

Es ist bei diesen grundsätzlichen Betrachtungen nicht zweckmäßig, zu der bereits vorangehend formulierten „Mittelalterlichen Marktgründungsperiode“ als Frühform, den Begriff der „Stadt“ einzuführen. Markt als Siedlung und Stadt und vor allem deren Rechtsphären, auch wenn sie wechselseitig aufeinander bezogen sind, bedürfen einer differenzierteren Darstellung, insbesondere wegen der zeitlichen Schichtung in den Orten unserer südwestdeutschen Landschaft.

Die unternehmerische Tätigkeit verhilft den Einwohnern einer Marktortsiedlung zu Wohlstand, sozialem Aufstieg und in deren Folge zu Einfluß, der ihnen einen Anteil an den politischen Entscheidungen und später die weitgehende Selbstverwaltung bringt. Das ist die Folge eines nicht immer glatt verlaufenden Prozesses und nicht allein einer ad-hoc-Verleihung durch die Herrschaft. „Auch Konstanz und Zürich, auf die in der Urkunde von 999 verwiesen ist, waren damals nicht Städte (im Rechtssinne) sondern Märkte“.60)

Gegenüberstellung:

I. DAS DORF UND SEINE VERFASSUNG

1. Die allgemeinen dinglichen und genossenschaftlichen Strukturen der Agrar- bzw. Dorfverfassung haben wir in ihrer Geschlossenheit, soweit wir ihrer bedürfen, eingangs unseres Beitrags ausführlich gewürdigt.61)

2. Die personalen Abhängigkeiten im Rahmen der Dorfverfassung: Mit den dinglichen Strukturen sind die Bindungen personenrechtlicher Art des Dorfbewohners an den Grundherren verbunden. So fehlt es ihm, der gewissermaßen an der Scholle hängt, weitgehend an der Mobilität, Freizügigkeit und Verfügungsmacht kraft eigenen Rechts. Es besteht eine im Umfang variierende persönliche Abhängigkeit, die mit den Begriffen Höriger (Grundholder), Halbhöriger und Leibeigener nur schlagwortartig umrissen sei. 62)

Diese allgemein gültigen Verhältnisse rechtfertigen in Verbindung mit der Marktrechtsverleihung von 999 den Schluß, daß das Dorf Villingen im 11. Jahrhundert ein geschlossener Rechts- und Wirtschaftsbezirk war. Für die Rechtsregelung des Wirtschaftens sei nur auf die Bedürfnisse der Dreifelderwirtschaft und des Flurzwangs hingewiesen.

Wechselseitige rechtliche Bindungen (Verpflichtungen) ergeben sich somit aus der Beziehung

a) Dorfleute (Genossenschaft) — Grundherr/ Dorfherr (Graf),

b) andere Grundherren (Adel / Kirche) — Dorfherr (Graf). Sobald — auf den Dorfraum bezogen — in eine derartige Rechtssphäre Normen eindringen, die für Mitglieder einer ganz anderen Gemeinschaftsform im selben Raum bestimmt sind, um die Rechtsbeziehungen sowohl untereinander als auch zur gleichen Herrschaft zu regeln, so bringen sie Verhaltensstrukturen hervor, die auf Dauer im abstrakten Raum des Rechts als auch ganz konkret in den äußeren Belangen des praktischen Alltags neben einer Abgrenzung nach räumlicher Trennung verlangen. Das ist besonders dann erforderlich, wenn in der neuen Gemeinschaft das sich entwickelnde Wachstum eine kritische Größe erreicht, die ich mit dem Ausdruck SCHWELLENAUFKOMMEN bezeichnen möchte. Um es konkret zu sagen: Dorf- und Marktgeschehen müssen sich dort räumlich trennen, wo die unterschiedlichen personalen und die dinglichen Rechtsbedürfnisse sowie die Verfahrensweisen in der täglichen Begegnung einander stoßen, ein beiläufiges Nebeneinanderher nicht mehr möglich ist und nach neuen räumlichen Formen verlangen. Es entsteht eine neue wechselseitig aufeinander angewiesene Bindung: Marktherr — Marktgenossenschaft.

Da ein solcher Prozeß nicht idealtypisch verläuft, habe ich die vier Modellvarianten der Trennung zwischen Dorf- und Marktortsiedlung vorgeschlagen, eingedenk dessen, daß die Grenzen fließend und die Übergänge variabel sein können. Am Grundsätzlichen ändert sich nichts. Um diese These zu untermauern, ist es erforderlich, in einem zweiten Kapitel die verschiedenen Rechtsgrundlagen für die Marktteilnehmer und das Marktgeschehen in einem Marktort, insbesondere die mehrfachen Bedürfnisse der dominierenden sozialen Gruppe repräsentativ darzustellen. Soziologische Gruppierungen minderen Rechts, wie Hintersassen, sonstige Hörige und Halbhörige bleiben außer Betracht.

Es mag eingewendet werden, daß für eine Siedlungsvermehrung das seit dem 10. Jahrhundert sich eindeutig beschleunigende Bevölkerungswachstum verantwortlich sei. Tatsächlich ist für die Zeit Mitte 12. bis Mitte 13. Jahrhundert die stärkste Zunahme anzunehmen, mit der Tendenz für eine relative Überbevölkerung. Für Mittel- und Westeuropa liegen zwei geschätzte Bevölkerungszahlen vor: Jahr 1000 = 12 Millionen, 1340 = 35,5 Millionen — eine Verdreifachung also.63) Ein solcher Vorgang hat aber nicht notwendigerweise die Vermehrung von Marktorten zur Folge. Er berührt vielmehr die Binnenrodung und abendländische Expansionsbewegungen. Damit handelt es sich um ein räumllich-quantitatives Problem, während wir es mit einer qualitativen Kategorie zu tun haben. Die Landesausbauphase mag von der Bevölkerungsentwicklung berührt worden sein, für die von uns zu beschreibende Erscheinungsform kann sie vernachlässigt werden.

II. DIE MARKTORTSIEDLUNG

Personale und rechtliche Voraussetzungen

A Personale Voraussetzungen: Die Einwohner

Es sei hier wiederholt, daß nur die Einwohner angeführt werden, die als politische und wirtschaftliche Kraft Partner und nicht im eigentlichen Sinne Gehorchender der Herrschaft sind. Es sind zunächst die Personen, die mit persönlichen und sachlichen Präferenzen angelockt werden, etwa über die persönliche Freiheit, die Freizügigkeit, Zoll- und Zinsvorteile, Schutzgarantien u. a.. Wir treffen sie wenig später als „Bürger“ an.

Die feudalen Verhältnisse der agrarisch ausgerichteten Herrschaftshirarchie übertragen sich auch auf den Marktort und sind noch in den späteren Städten bedeutsam. Die kurz zu erwähnenden rechtlich Unterprivilegierten finden wir unter den Kleinlandwirten als Hintersassen (häufig den Taglöhnern), ferner als Knechte, Mägde, Dienstboten, den unehrlichen Tätigkeiten wie Henker, Schinder, Totengräber, Büttel, als unehelich Geborene, Pfaffenkinder, Sieche, Bettler usw.. Sie machten in Städten des späten Mittelalters zwischen 30 und 70 % aller Einwohner aus 64)

In der Marktsiedlung vollzieht sich als wirtschaftspolitische unternehmerische Entscheidung nach den Plänen der Herrschaft, des Marktherrn, ein gesellschaftlicher Wandel:

1. Im Marktort — oder der Gewerbesiedlung — sucht das freie, nicht grundherrliche Gewerbe den Händler und den Markt als Veranstaltung. Am Anfang durchaus nicht immer als freie Leute ziehen die Handwerker in die Orte und füllen sie. Sie sind in breiter Schicht als Selbständige für einen gewerblichen Markt tätig, 65) der durch sie erst entsteht. So gesehen, müssen wir sie vom unfreien auf dem Fronhof der Grundherrschaft und für diese arbeitenden Handwerker unterscheiden. Als solche werden sie wohl auch nach der Marktrechtsverleihung im Dorf Villingen noch tätig gewesen sein. Zum Teil erlangten sie durch den eigenen Herrn Befreiung, zum Teil wurden sie aus fremden Herrschaftsbindungen entlassen und konnten sich niederlassen.

2. Während das Wirtschaftsgebaren des einzelnen und der Genossenschaft im Dorf ein statisches Verhalten zeigt, d. h. auf keine persönliche und keine eigene außerhalb der Absichten des Grundherrn liegende wirtschaftliche Entwicklung angelegt ist, zielt eine andere gesellschaftliche Gruppe, die des Händlers auf den Markt und strebt mit eigenen vitalen Wirtschaftsinteressen freizügig von innen nach außen und von außen nach innen. Heißt es doch in der Urkunde von 999, „…daß alle, welche den schon genannten Markt zu besuchen wünschen, unbehelligt und in aller Ruhe und Friedlichkeit hin- und zurückgehen und ohne jegliche ungerechte Schädigung ihr Geschäft ausüben mögen mit Erwerben, Kaufen, Verkaufen und Betreiben all dessen, was von solcher Hantierung genannt werden kann“.‘) An diesem Vorgang partizipiert der Marktherr durch seine Zollerhebungen.

3. Handwerker und Kaufleute, wie man sie in der Gewerbesiedlung Villingen selber antrifft, werden vor allem ein Mischtyp gewesen sein, nämlich Handwerker-Kaufleute. Die Kaufleuteschicht darf man für Villingen weder in der Gründungsphase der Gewerbesiedlung noch in der späteren mittelalterlichen Stadt, wo wir sie als „mercatores“ 66a) antreffen, nicht zu anspruchsvoll sehen. Sicherlich sind sie es, die man neben stadtherrschaftlichen Dienstmannen oder Ministerialen um 1100 auch in kleineren Marktortsiedlungen antrifft. Aus ihnen erwachsen die frühen Geschlechter, die wir aus späterer Zeit in Villingen als „Ehrsame Müßiggänger“ (= Patrizier) kennen. Vor allem darf man diese Kaufleuteschicht nicht mit den Fernkaufleuten größerer Städte vergleichen, die, organisiert in Handelsgesellschaften, Messen Europas bereisten. Wo in Villingen gewerbliche Produktion betrieben wurde, hat man sicher regelmäßig mit eigenen Rohstoffen für den freien Markt gearbeitet. Diese Rohstoffe wurden entweder marktortintern oder über den ländlichen Nahbereich bezogen und waren agrarwirtschaftliche Produkte, wie Wolle, Felle, Holz, Fette usw.

(Als Student der Wirtschaftswissenschaften habe ich bei Hektor Ammann mittelalterliche Wirtschaftsgeschichte gehört. Ammann war damals, in den 50er und 60er Jahren, einer der bedeutendsten Wissenschaftler und als Schweizer mit dem südwestdeutschen Raum besonders gut vertraut. Als ich mich bei ihm um eine Diplomarbeit über Villingen bewarb und bemerkte, Villingen sei eine bedeutende mittelalterliche Stadt gewesen, da sagte er trocken: „In Villingen ist etwas Tuch gemacht worden, aber es war nicht sehr bedeutend“. Er hat mich damit zwar auf den Boden der Realität zurückgeholt, aber den Herzschlag für meine Heimatstadt hat er nicht verringert.) Die Anfertigung von Tuch erbrachte z. B. für Villengen, auch wenn wir sie quellenmäßig nicht belegen können, eine Anzahl von Kleinbetrieben, die das Gewerbe in Form einer Hauswirtschaft erledigten. Man hat es sich so vorzustellen, daß sich im Erdgeschoß der Stall befand. Im einzigen Obergeschoß darüber waren die Wohnräume, in denen der Webstuhl stand. Hier wurde die Wolle verarbeitet, die man über die genossenschaftliche Schafhaltung auf der riesigen Allmende erwirtschaftete. Soweit es sich beim Warenangebot des lokalen Marktes nicht um agrarische Rohstoffe gehandelt hat, gehörten die Produkte zu den Gütern der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung, etwa Salz, Haustiere, und zwar Groß- und Kleinvieh, Kohl, Rüben, Obst, Käse, Honig, Öl, Getreide, Keramik, Schindeln usw. Hierüber gibt die Auflistung in einer späteren Zollordnung der „stat zu Villingen“ für Gäste (= fremde Händler) aus dem Jahre 1296 Auskunft.‘) Im letzteren Falle war es dann Nahmarkt, für den der Wochenmarkt typisch ist, und den ich als „Handel der zweiten Ebene“ bezeichnen möchte. Denn selbstverständlich unterliegt auch dieser Markthandel der „Marktverfassung“, für die ein wesentlicher Bestandteil die Verbindung mit Münze und Zoll ist und die dem Marktherrn, wie aus der Urkunde von 999 ersichtlich, das Recht auf die Marktimmunität mit der Gerichtszuständigkeit verleiht. Auch das Marktgeschehen, das über den Markt zur Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs hinausgeht (z.B. Tuche, Gewänder, Leder, Pelze, Gewürze, Kostbarkeiten und sonstige geschäftliche Transaktionen), und für das man den Ausdruck „Fernhandel“ verwendet, besitzt als „Verfassung“ diese Dreiheit von Münze, Zoll und Markt als grundlegende Voraussetzung.67a)

Der oben erwähnte Zoll ist ein „Einfuhrzoll“, auf heute übertragen eine Umsatzsteuer, die aber nicht prozentual sondern in einem absoluten Betrag bezahlt wurde; so etwa für ein verkauftes Fuder Salz, bei dem der „Fremde“ „zwene pfenninge“ zahlte. Diese agrarwirtschaftlich-gewerbliche Mischform familiärer Kleinbetriebe dürfte von Anfang an für die Villinger Szene typisch gewesen sein, denn zur Zeit ihrer mittelalterlichen Blüte ist der Ackerbürger in der Stadt am häufigsten vertreten. (Die letzten Ackerbau treibenden Stadtbürger siedelten in den 1930er Jahren als Erbhofbauern aus, ein kleiner Rest gar erst nach dem Zweiten Weltkrieg.)

Man wird auch für Villingen sagen können, die Gewerbetreibenden hätten „Preiswerk“ und nicht „Lohnwerk“ betrieben68), das bedeutet, man war sein eigener Kaufmann und arbeitete nicht im Kundendienst gegen Lohn. Von sogenannten Verlegern, also Kaufleuten, die die Produktion der Hausindustrie oder von Kleinhandwerkern vertrieben und oft am Fernhandel beteiligt waren, ist mir in Villingen nichts bekannt geworden.

Christian Roder meint, der Landbau habe „eben doch stets die Hauptnahrungsquelle des größten Teils seiner Bewohner gebildet“. Er leitet es von dem Wort „villa“ ab, mit dem Villingen in Urkunden 1090 („villa Philingen“) sowie noch 1218 und wiederholt „in dicta villa (nostra) Vilingin“ bezeichnet wird. Gleichzeitig bemerkt er, aus dieser urkundlichen Bezeichnung des Ortes Villingen könne nichts für die Stadtgründung gefolgert werden, sie besage nur, „daß das alte Villingen niemals seinen dörflichen Charakter abgestreift“ hat.‘) Wenn man den Hinweis „Landbau als Hauptnahrungsquelle“ noch mit der Agrarwirtschaft als Rohstofflieferant für das freie Marktgewerbe in Verbindung bringt, kann man Roder nur Recht geben.

B Rechtliche Voraussetzungen:

1. Kaufmann oder Unternehmer?

Gerhard Dilcher (a.a.O.) erwähnt Zweifel, die neuerdings darüber entstanden sind, ob der individuelle Kaufmann wirklich der richtige Anknüpfungspunkt sei, ob für das moderne Wirtschaftsrecht nicht die Organisationseinheit ‚Unternehmen‘ als wahrer Bezugspunkt genannt werden müsse. Das heute noch gültige und in diesem Punkt nicht novellierte Handelsgesetzbuch von 1897 definiert in seinem § 1: „Kaufmann ist, wer ein Handelsgewerbe betreibt“. Anschließend werden die neun Grundhandelsgewerbe aufgeführt.

Als erstes steht der Warenumsatz, es folgen Produktion, Versicherungen, Bankgeschäfte usw… Nun muß es sich aber bei denen, die derartige Geschäfte betreiben , keineswegs um natürliche Personen handeln. Das im selben Gesetz normierte Recht über die Handelsgesellschaften belegt, daß auch juristische Personen Kaufmann kraft Rechtsform sein können. Es ist gezeigt, daß der Begriff Kaufmann abstrakter Natur ist. Es kommt auf das Betreiben eines „Handels“-Gewerbes an. Damit ist ausgesagt, ein reiner Handwerker, der ja auch ein Gewerbe betreibt, ist nicht Kaufmann. Verbinden sich jedoch mit seiner Tätigkeit Merkmale des Kaufmanns, z. B. indem ein Dachdecker nicht nur die Ziegel verlegt sondern diese auch anschafft und liefert, dann ist er in dieser Eigenschaft Kaufmann. Jeder, ob Kaufmann oder Handwerker, der am Markt wägt, d. h. Risiko übernimmt, ist Unternehmer. Wo also, wie oben erwähnt, „Preiswerk“ nicht „Lohnwerk“ betrieben wird, haben wir es mit einem Unternehmer zu tun, der, wie im Falle Villingen, eben Kaufmann ist. Unternehmer ist der Oberbegriff, Kaufmann der spezielle, der durch die Tätigkeitsmerkmale bestimmt wird. Ein Unternehmen als „Organisationseinheit“ ist in unserem Falle immer auch Kaufmann. Wir brauchen also den zitierten Zweifeln nicht näherzutreten.

2. Kaufmannsrecht und Marktrecht

In der rechtlichen Bewertung des Marktortsiedlers als Kaufmann (Unternehmer, s.o.) stellen wir abschließend und vergleichend fest:

a) Gegenüber dem Mitglied einer Dorfgenossenschaft besitzt der Marktortsiedler — als Individum und als Verband —, auch wenn die Beziehungen zur Grundherrschaft nebeneinanderher laufen, eine Reihe von Vergünstigungen, die ihn nicht nur soziologisch sondern vor allem rechtlich abheben.

b) Privilegien der Kaufleute

Die Herrschaft des Marktherren über den Marktort ist zunächst eine ordnende, reglementierende und schützende Tätigkeit. Für ihn liegen die merkantilen Interessen bei der Zoll- und Zinserhebung.

Personale Träger des Handels sind aber die Kaufleute am Markt. Obwohl die frühe Quellenlage ungünstig ist, weil die Kaufleute jener Zeit kein eigenes Schriftgut überliefert haben, läßt sich die Rechtsstellung dieser Personen ausreichend belegen.70)

Marktberechtigte, die, wie etwa bäuerliche Bewohner, auch des Umlands, am Marktverkehr teilnehmen dürfen, besitzen keine kaufmännischen Freiheiten sondern verbleiben im unfreien Rechtszustand 71)

Im Grundsatz gelten folgende Rechtsregelungen:71a)

aa) Der Kaufmann wohnt zur freien Landleihe, sein Bodenzins ist gering und genau festgelegt; Aus späterer Zeit, 1284, erfahren wir aus Villingen: „Swer burger ze Vilingen ist, der sol von siner hofstat niht won ainen schillinc phenninge geben, si sien denne minre oder mere“.72)

In der Villinger Literatur war bisher davon ausgegangen worden, die Hofstatt sei stets gleich groß, d. h. in ihren Maßen einheitlich, analog zu Freiburg, den Neusiedlern des Marktortes (Stadt) zugeteilt worden. 73)

Warum die obige Quellenstelle bisher übersehen wurde ist unklar. Jedenfalls ist für Villingen endgültig festgestellt, was man in Freiburg für Freiburg inzwischen ebenfalls weiß, daß nämlich dieses Hofstättenmaß ein Schlüsselmaß für die Zinsberechnung des vom Grundherrn in unterschiedlicher Größe zur Verfügung gestellten Areals darstellt. So wenig es eine Einheitsstruktur der sich in Villingen niederlassenden Siedlerschicht gab, so wenig waren die Flächenbedürfnisse einheitlicher Natur. Der eine brauchte mehr, der andere weniger, der eine konnte sich mehr, der andere weniger leisten. So konnte beispielsweise als Besteuerungsgrundlage beim rechtlichen Gründungsvorgang als Maßeinheit dem einen eine halbe, dem anderen eine viertel, dem Dritten eineinhalb und dem vielleicht später zu gründenden Kloster z. B. 51/2 Hofstätten von der Fläche des Grundherren zinsbar als Eigen zugewiesen werden. Einen verwandten Zins kennen wir heute in der sogenannten Erbpacht. Damit erlaubt dieser Hofstättenschlüssel in seiner Eigenschaft als steuerliche Bemessungsgrundlage auch keine Aussage bzw. keinen Rückschluß auf das Maß der Überbauung, die Zahl der Häuser, die Bebauungsdichte oder die Grenzabstände im einzelnen, oder gar die Ortsgröße der frühen Zeit. Da der Stadtbrand von 1271 ohnehin — nach später Überlieferung von Heinrich Hug aus dem 16. Jahrhundert —außer Spital, Barfüßerkloster und Johanniterkommende —wohl die ganze Stadt verheerte, tappen wir über den Siedlungsbefund der frühen Gründung im Dunkeln. Wie am Beispiel Villingen gezeigt ist, gehörte in der Folge „das befreite Grundbesitzrecht zur selbstverständlichen Verfassung von Markt und Stadt“.

Wo der Bauer Frondienste, Abgaben und Zehnten leistet, besitzt der Marktbürger Grundbesitzrecht zu einem Rekognitionszins (= nicht in Relation zum Wert der Sache stehend).74)

bb) Reiserecht, Vertragsfreiheit und Königsschutz

Wie oben zitiert (II, A, 2.) dürfen nach den Worten des Kaisers alle, die den Villinger Markt besuchen wollen, um dort ihre Geschäfte abzuwickeln, dies mit der Zusicherung tun, daß derjenige, der sie stört und den Marktfrieden verletzt, „eine stattliche Buße“ zu erlegen habe. 75)

Die Villinger Urkunde ist ein Beleg für die gelegentlich auch anderweitig festzustellenden Rechtsgepflogenheiten jener Zeit, so daß wir im Hinblick auf andere Märkte, die durch Villinger Kaufleute erreichbar waren, z. B. Schaffhausen, Konstanz, Allensbach oder auch Zürich, umgekehrt dieselbe Regelung annehmen dürfen. Hier tritt der „Fernhandel“ auf die Szene, den ich mit der Abschwächung auf „überrregionalen“ Handel verstanden wissen möchte. Da sich die kaiserliche Regelung auf „alle“ erstreckt, wird die Gleichbehandlung der ortsansässigen Villinger Kaufleute mit den fremden Marktbesuchern gewährleistet; mehr noch: „alle“ heißt, daß nicht nur die durch Standesgrenzen abgehobenen Kaufleute in das Marktgeschehen eingreifen konnten. Das Marktrecht überlagert sogar das Kaufmannsrecht, indem es offensichtlich auch „persönlich nicht Privilegierten und sogar Unfreien“ erlaubt, am Marktort handelnd aufzutreten. Das ist kein Widerspruch zum Kaufmannsrecht, wie hätte denn sonst ein Wochenmarkt als Nahmarkt (im Gegenstz zum Jahrmarkt), also ein „Handel der zweiten Ebene“, zur Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs funktionieren sollen. Im übrigen wird man annehmen dürfen, daß etwa Unfreie nicht auf eigene sondern auf Rechnung ihres Grund- oder Leibherrn tätig wurden, demnach als Stellvertreter, wenn nicht gar nur als Bote.

cc) Eigenes Recht

Der Handel in den aufkommenden Märkten, d. h. der freie rechtsgeschäftliche Verkehr, konnte bei Konfliktsituationen nicht mehr auf die archaischen, langwierigen und manchmal zu Zufallsergebnissen führenden rechtlichen Entscheidungsformen festgelegt werden, wie sie noch bis ins 11. Jahrhundert hinein wirksam waren. Sollte man sich z.B. einem Gottesurteil unterwerfen, bei dem am Ende der Falsche tot und die Geschäftsbeziehung zu Ende war? Man brauchte berechenbare Rechtsregeln (materielles Recht), die es vor allem als Vertragsrecht erlaubten, vom alten Landrecht weg zu einem speziellen Kaufmannsrecht oder vielleicht besser einem „Recht des Handelsverkehrs“‚) zu kommen. Für einen modernen Vergleich brauchen wir dazu noch nicht einmal das Handelsgesetzbuch als das kodifizierte Sonderrecht der Kaufleute aufzuschlagen. Es genügen zum Verständnis schon die Regelungen des Vertragsrechts und des Rechts der Schuldverhältnissse des Bürgerlichen Gesetzbuches. Um auch hier im Bild zu bleiben: Wie soll entschieden werden, wenn eine Ware nicht oder nicht rechtzeitig, schuldhaft oder nicht schuldhaft, geliefert wird, wie wenn sie Mängel der Art, der Qualität oder der Menge aufweist, wie wenn sie einem anderen gehörte, wie wenn ein Darlehen nicht zurückgezahlt wurde, wie wenn durch Stundung kreditiert wurde, wie wenn jemand arglistig getäuscht wurde usw.. Hier kann es nicht allein um Buße gehen, hier werden Lösungen erforderlich, die sich nach dem Erfüllungsinteresse und Schadensersatzansprüchen des Berechtigten richten.

Gerhard Dilcher77) sieht in der Villinger Urkunde von 999 einen Beweis dafür, daß „die Privilegstellung des Kaufmanns und die eigene Marktgerichtsbarkeit ein eigenes kaufmännisches Recht (…) beinhalten“. Er zitiert die lateinische Textpassage, die übersetzt so lautet: „… und ohne jegliche ungerechte Schädigung ihr Geschäft ausüben mögen mit Erwerben, Kaufen, Verkaufen und Betreiben all dessen, was von solcher Hantierung genannt werden kann“. (Siehe auch den Text weiter oben im zitierten Zusammenhang). Er meint, „der Kauf soll also nicht nur ohne ungerechten Schaden vor sich gehen (also ein irgendwie rechtmäßiger sein), sondern wird auch als ‚ars = techne‘ bezeichnet, als Gebiet eigenen fachlichen Könnens und Wissens also —wozu wohl auch die Rechtsregeln gehören“.

Die Villinger Urkunde liefert lediglich einen Rechtsrahmen, wie andere dergleichen Urkunden auch. Der Graf nimmt die Gerichtsbarkeit wahr, er ist Richter, und ihm obliegt auch die Verfahrensleitung. Er spricht Recht nach tradierten Rechtsregeln, die nicht als schriftlich normiertes materielles Recht vorliegen.

Es kommt hinzu, daß „die Welt der Kaufleute der Sicht der Königsprivilegien fern ist“. Es wird angenommen, daß das Urteil oder Weistum durch die Beratung mit Schöffen inhaltlich mitbestimmt wurde, zumal damals Recht in erster Linie Gewohnheitsrecht ist. 78) Wir hätten damit die ersten Sachverständigen in Handelssachen.

Schließen wir die Betrachtungen ab:

Wir hoffen deutlich gemacht zu haben, wie Sonder-rechtsregelungen einer Gruppe zugute kommen, die sich am Marktgeschehen beteiligt und in dieser Rechtssphäre sich vom Dorfbewohner und, verbandsmäßig gesehen, von der Dorfgenossenschaft unterscheidet. Beide haben nur noch mittelbar etwas miteinander zu tun. Während die Dorfseite in hierarchisch-engen rechtlichen Bindungen personaler und dinglicher Art verbleibt, ist die aufkommende Gruppe der Marktteilnehmer bzw. Marktgenossen um der Funktion willen mit dem freien Besitz, der Freizügigkeit, der Vertragsfreiheit und sonstigem eigenen Recht ausgestattet. Verbindet man jetzt noch die Standortanforderungen — also die äußeren Bedingungen — mit den rechtlichen Grundlagen, dann ist die räumliche Scheidung nach dem Muster der weiter vorne aufgeführten vier Modellvarianten zwangsläufig. In einer letzten Bemerkung soll nicht übersehen werden, daß der Marktberechtigte, insbesondere der stadtbürgerliche Kaufmann, wie überhaupt der Bürger, in dieser feudal-aristokratisch-bäuerlichen Gesellschaft trotz seines privilegierten Standes noch lange politisch, rechtlich und sozial im Rang hinter der Herrschaftsschicht des Adels zurücksteht 79)

 

Originalurkunde aus Pergament des Jahres 999, in der Kaiser Otto lll. seinem Grafen Berthold das Markt-, Münz- und Zollrecht sowie den Gerichtsbann in der Grafschaft Bara für dessen Ort Villingen verleiht. Die Urkunde kam 1809 an den badischen Staat und wird heute im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrt. Sie wurde 1986 in der Zähringerausstellung in Freiburg gezeigt, von wo auch die Aufnahme stammt. Größe der Urkunde: 61/54 cm. Die Schriftzüge sind stellenweise schlecht erhalten.

 

 

Abbildung eines Faksimiledrucks der Urkunde von 999 mit deutlicherem Schriftbild des lateinischen Wortlauts in karolingischer Minuskel.

 

DER MARKT ALS STANDORT

Im Gegensatz zum Markt als wirtschaftlichem Geschehen geht es hier um den Markt als Standort. Das ist ein topografisch zu lösendes Organisationsproblem, das sich nach den Erfordernissen des ablaufenden Marktgeschehens richtet. Es berührt somit die äußere Struktur des Marktes.

Der Markt erfüllt als topografisch bezeichneter Bezirk, unter Berücksichtigung der spezifischen Verhältnisse in Villingen, zunächst die Funktion als

a) Wohnsitz der Handwerker und Kaufleute,

b) ihr gegliederter Produktionsraum für die Erzeugnisse des Handels nach außen und innen,

c) agrarwirtschaftliche Niederlassung der Marktortbauern den späteren Ackerbürgern — auch Hintersassen — zwecks Versorgung der Haushalte und des Gewerbes,

d) Wohnsitz und Arbeitsraum der graduell Unterprivilegierten im Dienst der Marktortberechtigten,

e) Treffpunkt und Aufenthaltsraum reisender Händler und somit insgesamt

f) ständiger Handels- und Umschlagplatz für Güter aller Art und der Geldgeschäfte, der auch

g) als Sicherheitsraum ausgestaltet ist (Palisade).

Bei einem sich entwickelnden Markt erweisen sich die wirtschaftsformbedingten Siedlungsstrukturen des Dorfes als unelastisch. Veränderungen im Sinne der weiter oben angeführten Modellvarianten sind wie erwähnt die Folge. Innere rechtliche Verfassung im Rahmen einer neuen Gemeindebildung und äußere formale Bedürfnisse vereinigen sich so zu einer Siedlungsform des Marktortes, dem „gefreiten Bezirk“, ohne daß damit schon weitere rechtsschöpferische Leistungen, wie wir sie in der späteren Stadt antreffen, erforderlich wären. Öffentliche Märkte, an denen nicht nur öffentliche Abgaben, für den Güterumschlag, Transportrecht u.a. wirtschaftliche Leistungen, sogenannte Zölle, zu leisten sind, die ferner eine Münze besitzen und neben der Niederen Gerichtsbarkeit auch den „öffentlichen Bann in der Grafschaft Bara“, d. h. sogar die Hohe Gerichtsbarkeit des Marktherrn kennen, sind ohne Fernverkehrsanbindung nicht vorstellbar. Von der Nord-Südverbindung haben wir für Villingen schon eingangs gesprochen, von einem Straßenweg also, der teilweise noch heute nördlich des alten Dorfes (Altstadt) über das Totensträßle im nördlichen Steppachtal in der Fortsetzung auf der Flurstraße bei St. Jakob nach Nordstetten verläuft. Diese alte Straße führte mitten durch das Dorf Villingen. Wir können annehmen, daß der erste Markt in Villingen ein klassischer Straßenmarkt war, wie er immer wieder vorkam. (S. die Ausführungen im Kapitel „Auf dem Weg zum Marktort)

Als der Marktort sich vom Dorf trennte, entstand an der Stelle, auf der die heutige mittelalterliche Stadt liegt, die neue Siedlung. Das auf uns Heutige überkommene Siedlungsschema dürfte mit seiner aufschlußreichen Gliederung zu den eindrucksvollsten Anschauungsbeispielen zählen, die uns der Zweite Weltkrieg und vor allem die Zeit bis heute übrig gelassen hat. Die Diskussion über den angeblich typischen Stadtgrundriß der Zähringer-gründungen mit dem sich rechtwinklig schneidenden Straßenkreuz, dem man den Namen „Zähringerkreuz“ gab, ist wohl ausgestanden.‘) So wie sich Villingen im Mittelalter und bis heute darbietet, ist der Verlauf der sich kreuzenden Hauptstraßen als ehemalige öffentliche Verkehrsfläche mit den Marktpartien, sind die Bauquadrate des nördlichen Teils und sind die südlichen Teile mit den Wirtschaftsgassen nicht das Produkt einer ad-hoc-Gründung. Es ist ein Endzustand von dem man nicht ohne weiteres auf die Gründungssiedlung mit der Bebauung einerseits und der gewissermaßen „inner Etters“ liegenden Fläche schließen kann. Es ist nicht unmöglich, daß ein zähringischer Zielplan die später von der Ringmauer umschlossene Grundfläche von 23,4 ha bereits vorsah und größere Teile zunächst dem Allmendbereich mit Wiesen, vielleicht auch Gartenflächen dienten. Eine mögliche Palisade vor 1220 ist weder in schriftlichen noch in archälogischen Zeugnissen nachweisbar. (S. auch weiter unten) Was in der Stadtarchitektur aus mittelalterlichem Bestand überkommen ist, d. h. das Stadtbild, nicht die einzelnen Gebäude, ist auch staufesche oder fürstenbergische Schöpfung (13. Jahrhundert). 80) Daß die Marktortsiedlung aus dem Dorf heraus und an einen neuen Standort verlegt wurde, ist eine augenfällige Tatsache.

Warum sie verlegt wurde, glauben wir hinreichend begründet zu haben. Diese „Auslagerung“, stellten wir fest, ist eine Alternative. Es ist keine repräsentative statistische Aussage, wenn einige Beispiele belegen, daß es andernorts analoge Vorgänge zu Villingen gibt: Rottweil (Stadt und „Altstadt“), Reutlingen (Dorf und „neue Stadt“), Kenzingen/Baden (Stadt und Dorf = „Alt-Kenzingen“), im Hegau, der Grafschaft Nellenburg, die Orte Stockach, Aach, Engen (Stadt und „Altdorf“) sowie Tengen (Tengendorf und Tengenstadt), dabei taucht in den zwei letzten Fällen eine Teilvariante auf: Der Markt-und Grundherr zieht den Marktort unmittelbar an den Standort seiner Burg. Natürlich kann man auch für Villingen sagen, in der neuen Marktortsiedlung habe es „des Grafen hus“ am Keferberg gegeben, das wahrscheinlich ein Ministeriale bewohnte. Nur war das nicht Ursache sondern Folge der Standortverlegung.

Es bleibt eine weitere Überlegung: Weshalb wurde die Marktortsiedlung gerade an die Stelle verlegt, wo sich dann die mittelalterliche Stadt entwickelte?

DIE STANDORTENTSCHEIDUNG

Villingen, Stahlstich um 1840. Von der alten Dorfkirche steht heute noch der romanische Turm, während die gotische Kirche 1855 abgebrochen wurde. Das Bild verdeutlicht die räumliche Trennung von Dorf und „Stadt“.

 

Seit rund 80 Jahren hat man in der Literatur über Villingen nie geprüft, ob nicht primär innere Ursachen für die gesonderte räumliche Unterbringung des Marktortes verantwortlich waren, eben die aus rechtshistorischer Sicht abgeleiteten Bezüge der Dorf- und Marktortverfassung mit ihren spezifischen Anliegen des Personen- und Genossenschaftsrechts — die verschiedenen Rechtsebenen —, der dinglichen Verhältnisse, der Wirtschaftsordnung, der Rechtsprechung usw., kurz, der notwendig eigenen Rechtssphären.

Einen Ansatz, die Dinge so zu sehen, haben neuerdings in einer kurzen allgemeinen Notiz erfreulicherweise Marita Blattmann und Jürgen Treffeisen gemacht‘) Man führte die Errichtung der neuen Siedlung auf äußere Gegebenheiten und Erfordernisse zurück und argumentierte so:

1. 1904:

Man wüsse von den Nachfolgern der Grafen Berthold nicht, „wann sie den Ort aus dem engen, für einen Marktplatz ungünstig gelegenen Steppachtal an die jetzige Stelle verlegt“ haben.82)

2. 1964:

a) „Da man hier in dem ebenen Gelände des Villinger Kessels durch keinerlei topographische Hindernisse beengt wurde, konnte hier der Städtebauer…“

b) „Man legte die Stadt etwas südlich von der Stelle, wo die Brigach von ihrem westöstlichen Lauf in den südlichen umbiegt. So konnte man in der Sehne des Brigachknies leicht einen Kanal auch an der ungedeckten Westseite der Stadt entlang führen und von ihm aus die für die Zähringergründungen so bezeichnenden Stadtbäche ableiten, die die Wohnstraßen aus hygienischen Gründen und um des besseren Feuerschuztzes willen durchzogen …“ 83)

3. 1986:

„Für die Verlegung Dorf/Stadt muß man als Hintergrund — auch topographisch gesehen — an die wohl früheste Burg der Bertholde, an die Warenburg erinnern (K.S. Bader), dazu an die unterhalb der Burg, an der Brigach liegende ‚Herrenmühle‘ sowie auch an den ‚Grafen-Brunnen‘, der in der Stadtrechtsaufzeichnung von 1364 genannt ist (wo man sich auf älteres Recht bezieht)“.84)

4. 1986:

„Ein gutes Beispiel dafür ist Villingen … aber erst Berthold IV. und Berthold V. verlegten … den alten Markt auf die geschütztere gegenüberliegende Brigachseite…“ 85)

5. Als Grund für die Verlegung der Marktsiedlung sind auch schon „strategische“ Gründe genannt worden. Weder die „Enge des Steppachtals“, noch die „geschütztere Seite“, noch die „fehlenden topografischen Hindernisse“, noch der angeblich günstige Flußlauf reichen als Erklärung für die Standortwahl aus. Wer diese Gründe vorträgt, macht entweder den Wunsch zum Vater des Gedankens, oder er kennt die Geländeverhältnisse weder durch direkte Anschauung noch vom Kartenbild. . Selbst wenn wir die Größenverhältnisse der ausgebauten späteren mittelalterlichen Stadt mit rund 23 ha als Bedarf zugrunde legen, bietet sich auf der östlichen Brigachseite — also der Dorfseite— nördlich und südwestlich des Dorfes, ihm verbunden, ein topografisch flaches, ja sogar gegenüber dem Bachlauf leicht überhöhtes und damit überschwemmungssicheres, sanft dem Bach zu geneigtes Gelände entsprechender Ausdehnung an.

Im Gegenteil, es sprechen wichtige Gründe nicht für sondern gegen den historisch gewählten Standort:

1. Die neue Siedlung rückt von der Fernstraßenverbindung Nord-Süd ab. Hätte man den neuen Ort auf der östlichen Brigachseite gegründet, wäre man unmittelbar mit dieser Achse verbunden gewesen.

2. Das Gelände der neuen Siedlung ist Überschwemmungsgebiet. Gerade die Theorie Revellios von der „günstigen Lage auf der Sehne des Brigachknies“ erweist sich hier als Bumerang: Im Frühjahr, nach der Schneeschmelze, zuzeiten von Hochwasser der noch ursprünglichen, nicht kanalisierten oder korrigierten Brigach oder starker Niederschläge, muß in dem vor dem abfallenden Schwarzwaldrand liegenden Vorland (einer erdgeschichtlichen Flußschotterfläche bis vier Meter Stärke)86) mit Überschwemmungen gerechnet werden. So ist zum Beispiel der Untergrund, auf dem heute das Münster steht, ursprünglich von morastiger Beschaffenheit und mußte mit Planierschichten aus Sand und Schotter aufgefüllt werden. 87)

Gerade der nördliche Stadtteil um das Münster herum bildete die Keimzelle der neuen Siedlung. Im Südwesten des Münsters, im Stadtviertel „Riet“, weist allein der Name auf ein Feuchtigkeitsgebiet hin. Einschwemmungen erfolgten dort in erster Linie aus dem westlich steil ansteigenden Hubenloch (mhd. = mit Gebüsch oder Wald bestandene Anhöhe) und der seitlichen Abhänge. Um das Gebiet der heutigen Innenstadt siedlungsgerecht aufzubereiten, mußte erhebliche Pionierarbeit, vorab Trockenlegungsarbeiten und Einebnungen geleistet werden.

 

Überschwemmung bei der Kutmühle im Süden der Stadt, Januar 1910 (vgl. eingezeichneten Ort auf der Kartenskizze, nächste Seite, rechts unten, schwarzer Punkt). Erst nach 1912 wurde auch hier durch einen „Flutgraben“ in den Landwatten, d.h. einer Neuverbettung der Brigach weiter nach Westen und deren Tieferlegung, die Hochwassergefahr beseitigt. Ähnlich waren die Verhältnisse beim Stadtkern, wo erst die „Brigachcorrection“ in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts endgültige Abhilfe schuf.

 

Maßstäbliche Wiedergabe der geologischen und topographischen Verhältnisse im Alt- und Neustadtbereich Villingens mit dem potentiellen Überschwemmungsgebiet des 11. und 12. und späterer Jahrhunderte (senkrechte Linien). (Zeichnung Huger)

 

3. Die Vorteile einer Einbindung des Bachlaufes in jeder Funktion sind östlich der Brigach genauso zu ralisieren wie westlich.

4. Die Quellwasserversorgung ist im Ostteil, am Schichtstufenübergang vom Mittleren zum Unteren Muschelkalk vom Häufigkeitsvorkommen, der Schüttmenge und der kurzen Wege her günstiger als auf der Westseite der Brigach. Dort gibt es, zwischen Hubenloch und Riet, d. h. noch außerhalb der späteren mittelalterlichen doppelten Maueranlage, am Fuße des Hügels eine mittelalterliche Quelle, deren Schüttung für den Bedarf einer Siedlung zu gering war. 88) Um die Bewohner der mittelalterlichen Stadt über öffentliche Brunnen mit Trinkwasser zu versorgen, mußte das Wasser aus einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern aus den Steinkreuzwiesen bzw. Ohmenstichle mittels Deichelrohren eingeleitet werden .88a)

5. Strategisch, soweit dieser Begriff fortifikatorisch verwendet wird, ist die Lage auf einem Talgrund wohl kaum ein Vorteil. Ein möglicher Belagerer auf der Höhe des nahen Hubenlochs wird nur schwer angreifbar, wie sich das im Laufe des Mittelalters gezeigt hat. Andererseits hat er sehr gute Beobachtungsmöglichkeiten von der Höhe herab.

Hindernisse, einschließlich des Wasserlaufs der Brigach, die die Bezeichnung „natürliche Befestigungen“ verdienen würden, gab es nicht.

Abgesehen von der rechtssymbolischen Bedeutung einer äußeren Abgrenzung, schützt eine Marktsiedlung sich selbst und den Marktfrieden durch ihre wie auch immer geartete Befestigung und später als Stadt durch ein zusätzliches, großenteils aus Friedensbestimmungen bestehendes eigenes Recht, wie es uns z.B. das Villinger Stadtrecht von 1371 zeigt. (Im Gegensatz dazu bedarf das offene, ungeschützte Dorf des Schutzes durch ein Landfriedensrecht, das ein König oder Herzog erläßt und sichert. Auf diese Weise wird der Dorfbereich zum Friedensbereich.)89) Seit dem 10. Jahrhundert war die Befestigung fast ausnahmslose Regel. Das konnte ein loser Palisadenzaun sein oder auch ein einfaches oder zweifaches System aus Graben, Wall und Palisade. Im 12. und 13. Jahrhundert waren solche Stadtbefestigungen aus Erde und Holz noch zahlreich und bleiben es für manche Städte bis ins Hohe Mittelalter. Auch die „Gründungsstädte“ wie Freiburg und Villingen begnügten sich (Anm.: offenbar) zunächst mit Erdbefestigungen. 90) (Selbst Städte wie Zürich, 1219, und Ulm, 1227, erhielten ihre Ummauerung erst etwa zeitgleich mit Villingen.) Die Befestigung ist eine „bittere Notwendigkeit in einer Zeit, die zwar verzweifelt um den Frieden ringt (Anm. d. Verf.: Man denke an die Zeit des Investiturstreits, in den vor allem Berthold I. und Berthold II. verwickelt waren), ihn aber nicht gewinnt. Die relative Kleinräumig-keit der Herrschaftsgebilde, der Stadtkommunen, Fürstentümer und Territorien, hat zur Folge, daß der Friede mehr durch ständige Fehden als durch große Kriege gestört ist, zumal die Fehde bis 1495 als erlaubtes Mittel im Rechtsstreit gilt — unter gewissen Vorbehalten“.91)

Es hätte keiner Widerlegung der zuerst genannten Punkte 1. — 5. bedurft. Jeder der zuvor erwähnten zwei anderen möglichen Standorte in der Nähe des Dorfes auf der östlichen Brigachseite hätte die erforderlichen Ansprüche erfüllt und, wie verdeutlicht, teilweise besser. Sollten dennoch, was niemand weiß, die bisher in der Literatur genannten Gründe irgendwie eine Rolle gespielt haben, so wären sie doch nur „Entscheidungsgründe zweiter Ordnung“ gewesen. (Vgl. weiter vorne: „Vom Marktort zur Marktortsiedlung“)

Für „Entscheidungsgründe erster Ordnung“ tragen wir drei Theorien vor:

1. Wirtschaftliche Gründe:

a) Die Dorfmark des alten Dorfes Villingen war hinsichtlich Flur und dorfnaher Allmende als Kalkgebiet qualitativ hochwertiges Land. Das Eigeninteresse bei der agrarwirtschaftlichen Nutzung durch den Grundherrn über die Dorfgenossenschaft verhindert, daß er ohne Not Land für einen neuen Siedlungsstandort preisgibt, der dieser Bodenqualität für seine Zweckbestimmung nicht bedarf, solange anderweitig Gebiet vorhanden ist.

b) Insbesondere während der Ausbauphase des neuen Siedlungsortes ist der Dorf- und Marktherr um der Güteversorgung willen auf ein ungestört funktionierendes Dorf angewiesen; dies umso mehr, als nicht nur Leute aus dem eigenen Dorf abgezogen werden sondern vor allem fremde Personen zuwandern, die ebenfalls mit Nahrungsmitteln und sonstigen Gütern versorgt werden müssen.

2. Rechtlich — politischer Grund:

Der Dorfherr ist in der Verfügungsmacht über die Dorfmark rechtlich und wirtschaftlich eingeschränkt, weil dingliche Rechte anderer Grundherrn entgegenstehen. Vereinfacht: Er kann mit Grund und Boden nur partiell machen was er will. Großflächige Dispositionen sind so nicht möglich. Da agrargeschichtlich feststeht, daß die Intensität der Nutzung an der Dorfmark mit dem Grad der Entfernung vom Dorf abnimmt‘) ist es auch eine „ökonomische Selbstverständlichkeit“ mit der neuen Siedlung auf den äußeren und wirtschaftlich weniger wertvollen Raum auszuweichen, in dem — das ist zu betonen — der Graf (Herzog) zusätzlich alleiniger Grundherr ist.

3. Geopolitischer Grund:

Obwohl keine verläßlichen zeitgenössischen Nachrichten über den Zeitpunkt der Marktortverlegung vorliegen, gibt es doch auffallend miteinander korrespondierende Vorgänge, die raum- und machtpolitisch Theorien zur Wirtschaftspolitik zulassen:

a) Ab 1079 Verlegung des Herrschaftsmittelpunkts von der Limburg bei Weilheim unter Teck fast 200 km nach Westen in den Breisgau durch Berthold II.

b) Gründung des Reformklosters St. Georgen auf dem Schwarzwald — 15 km nordwestlich von Villingen und mit ihm über einen Schwarzwaldzugang verbunden — durch eine Stiftung vorwiegend des Hezelo. 1084 begann man dort mit der Rodung, und am 24. Juni 1085 weihte Bischof Gebhard III., aus dem Hause Zähringen, im Beisein des Hirsauer Abtes Wilhelm die Holzkapelle und übertrug dabei „alle künftigen Zehnten in seiner Umgebung, auf die keine anderweitigen Ansprüche bestehen“.93) Über die besitzrechtlichen Ansprüche auf der östlichen Schwarzwaldseite ist für das Kloster nun die Möglichkeit gegeben, das Land durch Rodung zu erschließen, es verwaltungsmäßig zu erfassen und verfassungsrechtlich einzugliedern. Die Verbindung der Zähringer mit dem Kloster wird daran deutlich, daß Berthold 1092 — 1096 Angriffe des befehdeten schwäbischen Adels abwehrt. 1114 ist der Zähringer Berthold III. als Vogt des Klosters genannt, besaß die Vogteirechte aber schon seit 1112. Mit diesen Rechten verbinden sich die Summe der hoheitsrechtlichen Funktionen, die dem Kloster zufielen, weil es die Grundherrschaften besaß. Herzog Konrad von Zäh-ringen (gest. 1152), der Bruder Bertholds III., mit dem er zunächst zusammen die Macht ausübte, unterhielt offensichtlich sehr gute diplomatische Beziehungen zu Kaiser Heinrich V., der innenpolitisch und gegenüber dem Papst wie sein Vorgänger einen sehr schweren Stand hatte. 1125 — im Todesjahr des Kaisers — ging auch die Vogtei von St. Blasien an Konrad. Mit der Vogtei über das um 1090 verlegte Hauskloster St. Peter nach dem Schwarzwald und der über das Kloster St. Georgen sowie St. Blasien, half Heinrich V. „so mittelbar den Zähringern eine unabhängige Stellung über große Güter des Schwarzwaldes zu erringen“. Während diese drei Reformklöster die wesentlichen Stützpunkte der Zähringerherrschaft im Schwarzwald bildeten und sich aus den Vogteirech-ten die staatlichen Bestrebungen der Zähringer im 12. Jahrhundert entwickelten, traten neben Klostervogteien „die Städtegründungen des Zähringergeschlechts“. (Büttner, S. 15)

Traf Berthold V. (1186 — 1218) die Entscheidung?

Berent Schwinekörper hat in seinem Beitrag (a.a.O.) im wesentlichen drei Gründe angeführt, die für die zeitliche Siedlungsverlegung „näher an das ausgehende 12. Jahrhundert“ heran, bzw. „für die Zeit um 1200“ sprächen. Er wisse, sich damit in Übereinstimmung mit dem heutigen Forschungsstand. Ohne näher darauf eingehen zu können, kurz seine Gedanken:

a) Ein Kalenderblatt aus einem „quasi offiziösen Anniversat“, das mit dem sicheren Sterbetag, 18. Februar 1218, des „fundator ville Vilingun“ 94) den Zähringer Berthold V. „zwar nicht mit absoluter Beweiskraft, wohl aber mit großer Wahrscheinlichkeit“ auch als Gründer liefere; so seine Schlußfolderung. Die Urkunde stammt aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts.

b) Das Planschema der mittelalterlichen Stadt mit seiner erkennbaren Mehrphasigkeit verrate, daß der Gründungsvorgang „nicht in die Frühzeit der zähringischen Herrschaft“ gefallen sein könne. Das „dürfte doch jetzt feststehen“.

c) Es scheine nicht ausgeschlossen, daß der Münster-bau I erst in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts gehören könnte.

Für alle diese Gründe, die mit Sachverstand vorgetragen werden, gibt es sogar scheinbar einen zweifelsfreien Beleg, den Schwineköper im Falle des Münsters übersehen hat und im Falle der Grabung 1986 auf dem Gelände des ehemaligen Franziskanergartens noch nicht kennen konnte:

Thomas Keilhack, der Ausgräber im Münster, teilt mit, daß ältere Schichten unter Bau I fehlen und die in Schichtlage des Baues I gefundene Keramik „in die Mitte bis in das Ende des 12. Jahrhunderts gehöre“.95)

Die zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Beitrags noch andauernden archäologischen Grabungen im ehemaligen Franziskanergarten (Stand Juni 1986) erbrachten bisher einen Fundzusammenhang aus Keramikscherben, Metallteilen (Bronze und Eisen), wobei ein Messer erwähnenswert ist, Holzkohle, Brandstellen, Knochen (Schwein), kleinere Steinpackungen aus Muschelkalk auf ziemlich gleichen Niveau. Die Erkenntnisse aus den Scherben resultieren nicht aus stratigraphischer Beobachtung der Siedlungsschicht, sondern sie sind typologischer Natur. Von Interesse ist auch einefrei-gelegte Abortgrube mit organischem Material, darunter Kirschensteinen. Sie markiert wohl das ursprünglich tiefste, in den Grundwasserbereich reichende Niveau. Die obige Keramik, die zur Datierung herangezogen werden kann, ist mit dem Material vergleichbar, das im Königshof von Rottweil gefunden wurde. Es ist nicht vor die Mitte des 12. Jahrhunderts anzusetzen. Diese Scherben sind damit altersmäßig mit denen zu vergleichen, die man auf der Schichtstufe des ersten romanischen Baues, Bau I, des Münsters gefunden hat. Andererseits sind sie älter als die Scherben aus dem um 1973 teilweise untersuchten Areal des heutigen Münsterzentrums, 96) Ecke Kanzlei-/Schulgasse, die ins 13. Jahrhundert gehören.

Für die Villinger Marktort- und Kirchengeschichte finden wir vermutlich, bei der Dauer der Zeitabläufe der Gründung, eine Parallele zu Reutlingen.97) Um 1100 ist Reutlingen ein Dorf. Um 1182 erfolgt die Verleihung des Marktrechtes durch Friedrich Barbarossa. 1216 — 1240 Gründung und Anlage der „Neuen Stadt“. Als mit dem Bau der Marienkirche als Stadtkirche nach 1247 begonnen wurde, dauerte es 95 Jahre bis sie vollendet war (Bau des Turmes). Bis zur Reformation (dann wurde sie evangelische Kirche) „besaß die Kirche nur den Rang einer Kapelle, die eigentliche Pfarrkirche lag, wie in Ulm, außerhalb der Stadt“. Geht man davon aus, daß, was auch Schwineköper für möglich hält, noch längere Zeit nach der Aussiedlung des Marktortes in Villingen nur die Dorfkirche als Pfarrkirche, mit dem Gottesacker darum herum, den religiösen Verrichtungen der Bewohner diente und das Münster erst später errichtet wurde (die Entfernung ist rund ein km), so liegen die bisher gefundenen Keramikscherben genau in den Teilen der Neusiedlung, die nach der zurecht angenommenen zeitlichen Mehrphasigkeit der Siedlungsausführung in den jüngeren Teilen der Stadtsiedlung liegen. Allerdings ist die Fundlage „Münsterzentrum“ mit den Scherben des 13. Jahrhunderts bereits einige Meter nördlich außerhalb des angenommenen jüngeren Siedlungsteils.“) Jedenfalls ist mit der räumlich — zeitlichen Plazierung der Scherben die Theorie einer doch älteren Marktortsiedlung am Platz der mittelalterlichen Stadt zu stützen.

Im Mai 1986 befand sich die archäologische Grabung des Landesdenkmalamtes im ehemaligen Franziskanergarten noch am Anfang. Die ersten aufgedeckten Siedlungszusammenhänge aus der Zeit vor der Klostergründung (nach 1268) datieren nach Einzelfunden in die 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts.

 

Hausgrube aus Faschinen, die zu einem vermuteten Handwerkerhaus (Schmied?) auf dem späteren Klosterareal gehörte. (Aufnahme September 1986).

 

Kehren wir noch einmal auf die unter 3. Geopolitischer Grund: a) und b) über entwicklungspolitische Zusammenhänge gemachten Ausführungen zurück:

Die geschilderten Vorgänge verdeutlichen, wie der Schwarzwald als Ausbauland seine Barrierefunktion verliert. „Jetzt wurden die großen Waldmarken am Westrand der Baar, die Marken von Bräunlingen und Villingen, gespalten und zu selbständigen Siedlungen ausgebaut. Jetzt erhielt Villingen, in der Zeit seiner Entstehung als Stadt ein Ort dicht am Walde, seine Aufgabe, die Verbindung mit dem westlich des Schwarzwaldes gelegenen Lande, der Rheinebene und dem Breisgau, zu vermitteln und zu sichern.“ 99)

Selbst für den Fall, als „Unberufener“ oder „terrible simplificateur“ (Schwineköper, a.a.O., S. 75) zu gelten, —wüßte ich mich doch dann in guter Gesellschaft mit Karl Siegried Bader —19 suche ich, abgeleitet aus dem politischen Gesamtzusammenhang, in der Zeitspanne zwischen dem Tod Bertholds I. (1078), über Berthold II. (gest. 1111) und Berthold III. (gest. 1122) und dem zunächst zeitgleich als exponierte politische Kraft handelnden Herzog Konrad‘) den in der Zeit verlaufenden Vorgang (Prozeß) der Ausgliederung des Marktortes Villingen aus dem Dorf Villingen. Es erwächst nun ein neuer Wirtschaftsmittelpunkt auf dem grundherrlichen Eigenbesitz (Allod) des Zähringers, der anfängt, am Tor zum Schwarzwald, außer über eine Nord — Südverbindung, auch über eine Ost —Westachse die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Verflechtungen dauerhaft zu knüpfen.

So gesehen war es diesmal nicht eine Maßnahme fortifikatorischer sondern geopolitischer Strategie.

 

Grablege der Herzöge von Zähringen wurde das ab 1093 nach dem Schwarzwald verlegte Kloster St. Peter, heute ein spätbarocker Bau von Peter Thumb.

 

Zähringermacht als Pose: Figur eines Zähringerherzogs am Kirchenpfeiler. Rokokoarbeit von Joseph Anton Feuchtmayer.

 

Literatur- und Quellenverzeichnis

1) a) Vgl. Hans Planitz, Die deutsche Stadt im Mittelalter, Böhlau-Verlag, Graz-Köln, 1954, S. 36 ff. b) Vgl. Edith Ennen, Die europäische Stadt des Mittelalters, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, S. 75 ff.

2) Siehe bei Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Villingen 1964, Blatt vor dem Inhaltsverzeichnis: 1. Seite Faksimile der karolingischen Minuskel, 2. Seite Übersetzung des lateinischen Textes. Siehe auch: Oberrheinische Stadtrechte, zweite Abteilung, erstes Heft, bearbeitet von Christian Roder, Heidelberg 1905, lateinischer Text, S. 1 f.

3) „ihm gehörig“ kann nur bedeuten, daß es sich um ein sogenanntes Eigengut (Allodium) des Grafen im gegensätzlichen Sinne zu Lehensgut gehandelt hat. Es wäre damit als freies Eigentum auch frei von Abgaben gewesen.

Josef Fuchs behauptet im Münsterführer 1986, die Mutter-Pfarrkirche im Dorf Villingen sei auf „Königsgut“ errichtet worden. (Vgl. Villingen-Münster Unserer Lieben Frau, Schnell Kunstführer Nr. 549 — 1951 —, 5. Auflage 1986, Seite 4, Verlag Schnell & Steuer GmbH & Co., München) „Königsgut“ wäre inhaltlich auf alle Fälle aus dem Grafschaftsverband gelöstes Gut, was dem Wortlaut und dem Geist der Urkunde von 999 zuwider laufen würde. Denn abgesehen von der fiskalischen Funktion, wäre es dann auch eigentumsrechtlich Hausgut des Königs, d. h. der herrschenden Dynastie gehöriger Besitz. Ist eine herrschende Dynastie erloschen, kann der Besitz zum Reichsgut einer späteren werden. Weder für „Königsgut“ noch für „Reichsgut“ gibt es einen die Urkunde von 999 ergänzenden Quellenhinweis. Im Gegenteil: Als 1218 der letzte Zähringerherzog, Berthold V., stirbt, macht der Staufer Friedrich II., der König, Erbansprüche auf Villingen geltend, indem er sich als Zähringererbe vorstellt.

Nachdem Berthold V. im Februar 1218 gestorben war, bezeichnet Friedrich II. im November 1218 die Stadt Villingen als „villa nostra“. Es kommt zu einem Streit mit dem Grafen Egino von Urach (die spätere Fürstenberglinie), wobei diese Erbauseinandersetzung zuletzt mit den Waffen ausgetragen wird. Am 18. September 1219 wird der Friedensschluß zwischen Friedrich II. und Graf Egino dem Jüngeren von Urach beurkundet und der status quo des Jahres 1218 besiegelt. Endgültig wurden die Spannungen erst 1226 beigelegt. (Vgl. hierzu die Urkunden vom 21. März und 18. September 1219, vorgestellt in der Zähringerausstellung in Freiburg 1986 und erläutert im Begleitkatalog „Die Zähringer…“, s. diese Fußnote weiter unten, Ausstellungskatalog II, Seite 116, Nr. 87 und 5. 117, Nr. 90). In jener Zeit (1225) befindet sich auch der kaiserliche Prokurator in Villingen.

Es fällt auf, daß der Kaiser (König) nicht in seiner Eigenschaft als oberster Lehensherr nach dem Erlöschen der herzoglichen Zähringerdynastie im Mannesstamm den Heimfall von Lehen ans Reich fordert. Er streitet vielmehr als Blutsverwandter ums Zähringererbe. Er streitet also nicht um Reichsgut sondern familiäres Hausgut. Er tritt damit nicht in hoheitlicher sondern, modern gesagt, in einer Verquickung von privatrechtlich-fiskalischer Funktion auf.

Der Kaiser hat mit Villingen nicht einfach nur „Reichslehen eingezogen“ (Vgl. Revellio, S. 69, wie Fußnote 2)), schon gar nicht „Königsgut“, auf dem die Mutter-Pfarrkirche im Dorf errichtet worden sein soll.

Die an sich sehr komplexen rechtlichen Verhältnisse jener Zeit erfahren durch die obigen Urkunden jedenfalls eine erfreuliche Erhellung.

Ausgehend von Berthold, dem 999 die königlichen Rechte für seinen „Ort Filingun“ verliehen wurden, folgt sein Sohn (?) Graf „Bezelin von Villingen“, gestorben 1024. Sowohl die genealogische Folge wie auch ‚das Todesdatum sind umstritten; vgl. Text: DIE ERSTEN BERTHOLDE und Fußnoten 30) u. 40). S. auch: „Als erster des Geschlechts, als primus in hac genealogia, wird der Graf Bezelinus genannt…“

Quelle: Genealogia Zaringorum, zitiert nach Karl Schmid, Zährin-gergeschichte und Zähringertradition als Themen der Zähringerforschung“ in: „Die Zähringer — Eine Tradition und ihre Erforschung“, herausgegeben von Karl Schmid, Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1986, Ausstellungskatalog I, S. 219 und Fußnote 59 dazu. Vgl. aber auch „Die Zähringer—Anstoß und Wirkung, Thorbecke wie oben, Ausstellungskatalog II, S. 12, Abb. 6): genealogische Reihung, die eine Verlegenheit vor „Bezelin“ deutlich macht.

4) Edith Ennen, a.a.O., S. 77.

5) Hermann Preiser, Gedanken zur Geschichte unserer Stadt im 11. und 12. Jahrhundert, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft 111, 1977, S. 23. Herrn Hermann Preiser, unserem 2. Vorsitzenden und Ehrenmitglied, bin ich für zahlreiche Hinweise dankbar.

6) Karl Siegfried Bader, Das mittelalterliche Dorf als Friedens- und Rechtsbereich, Böhlau-Verlag, Köln-Wien 1981, S. 21.

7) Aktenvermerk vom 17. 12. 1985 über eine mündliche Mitteilung von Herrn Oberkonservator Dr. Gerhard Fingerlin, Leiter der Abteilung Bodendenkmalpflege des Landesdenkmalamtes Baden/ Württemberg, Außenstelle Freiburg.

8) Paul Revellio, a.a.O., S. 20.

9) Für die Überlassung des Fundberichts danke ich Herrn Oberkonservator Dr. Gerhard Fingerlin, vgl. Fußnote 7).

10) Paul Revellio, a.a.O., S. 99.

11) K.S. Bader, a.a.O., 5. 10.

12) Gotheim, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes, Straßburg 1892, I. Band, S. 66, zitiert nach: Rud. Maier, Das Strafrecht der Stadt Villingen…, Inaugural-Dissertation, Freiburg i. Br., ohne Jahreszahl, mit seinem Vorwort: Tuttlingen 1913 — hier S. 1 Einleitung. Keinen Beweis aber Indizien für andere Grundherren auch bei Josef Fuchs, Die Stadt Villingen im 12. und 13. Jahrhundert, in: Villingen und die Westbaar, Herausgeb. Wolfgang Müller, Konkordia Verlag Bühl, 1972, S. 88 f.

12a) K.S. Bader, a.a.O., S. 58.

13) Dr. M.R. Buck, Oberdeutsches Flurnamenbuch, 2. Auflage, Bayreuth 1931, S. 16.

14) Hans Jänichen, Baaren und Huntaren, in: Villingen und die West-baar — wie Fußnote 12 — S. 62.

15) K.S. Bader, Zu Herkunft, Bedeutung und Geschichte der Baar, in: Almanach 85, Heimatbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises, 9. Folge, 1985, Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, S. 103 ff.

16) Hans Jännichen, a.a.O., S. 63.

17) wie 16).

18) K.S. Bader, a.a.O., S. 38; vgl. auch Werner Rösener, Bauern im Mittelalter, Verlag C.H. Beck, München 1985, S. 40 ff.

19) K.S. Bader, a.a.O., S. 52 ff.

20) Vgl. Werner Rösener, a.a.O., S. 56.

21) K.S. Bader, a.a.O. S. 56.

22) Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Villingen, in: Schriftenreihe der Stadt Villingen, Herausgeber Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen 1962, S. 114, Nr. 400 und S. 38, Nr. 5.

23) Derselbe, a.a.O., S. 54, Nr. 91 und 92, sowie S. 93, Nr. 343; ebenfalls Dr. M.R. Buck, a.a.O., 5. 60.

24) K.S. Bader, a.a.O., 5. 38.

25) Vgl. K.S. Bader, a.a.O., S. 50 und Werner Rösener, a.a.O., S. 56.

26) Heinrich Büttner, St. Georgen und die Zähringer, in: 900 Jahre Stadt St. Georgen im Schwarzwald, Festschrift 1084/1984, Herausgeber Stadt St. Georgen 1984, 5. 9.

27) K.S. Bader, a.a.O., S. 12.

28) K.S. Bader, Dorfgenossenschaft und Dorfgemeinde, 2. Auflage, Verlag Hermann Böhlaus Nachf., Wien-Köln-Graz, 1974, S. 29.

29) Vgl. K.S. Bader, Schriften zur Rechtsgeschichte, in: Ausgewählte Schriften zur Rechts- und Landesgeschichte, Band 1, Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1984, S. 168.

30) wie Fußnote 3): Die Zähringer—Anstoß und Wirkung, Herausgeber Hans Schadek und Karl Schmid (Ausstellungskatalog II), S. 12. Tafel 1, Abb. 6.

Eine mir maschinenschriftlich vorliegende Abschrift aus „Geschichte von Villingen nach den Collectaneen Kefers von Stöhr Decan“ nennt das Todesjahr 1036.

Zum Todesjahr 1024 s. auch H.M. Maurer, in: ZGO Bd 117, 1969, S. 297, zitiert nach: Josef Fuchs, wie Fußnote 12, dort: S. 87 Fußnote 2: „Der Vater des Berthold von Limburg, der 1024 verstorbene Bezelin…“

31) Karl Schmid, wie Fußnote 3, S. 219.

32) Zitiert nach Lupold von Lehsten, in: wie Fußnote 30), Seite 14 Nr. 6 und Seite 15 (Quelle).

33) Zitiert nach Dieter Mertens, Die Habsburger als Nachfahren und als Vorfahren der Zähringer, in: Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog I, S. 153; vgl. auch 5. 161 u.a., ferner: Die Zähringer ., a.a.O., Ausstellungskatalog II, S. 311, Nr. 272: Jakob Mennel, Fürstliche Chronik Kayser Maximilians Geburtsspiegel genannt; ferner: Dieter Mertens, Vereinnahmt und wiederentdeckt: Die Habsburger und die Freiburger Zähringertradition, in: Die Zähringer…, Ausstellungskatalog II, a.a.O., S. 305/306.

34) Vgl. auch Jan Gerchow, Von der Habsburgergenealogie zur Zäh-ringerforschung, in: Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog II, S. 392 ff.

35) Rolf Sprandel, Verfassung und Gesellschaft im Mittelalter, 2. Auflage, UTB Schöningh, Paderborn 1978, S. 159.

36) Vgl. Rolf Sprandel, wie Fußnote 35), S. 160.

37) Hermann Preiser, Die Warenburg in Villingen — Die Martinskirche in Kirchdorf: Geschichtlicher Zusammenhang oder zufälliges Nebeneinander?, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft VII, 1982, S. 6 ff.

38) Urkunde: F.U.V. / 349 (= Fürstenbergisches Urkundenbuch (?), zitiert nach Hans Maier, a.a.O., S. 123, Nr. 530.

Münze: Abbildung im Jahresheft VIII, 1983/84 des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, S.57; Bestimmung der Münze durch Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Münzkabinett, Dr. Peter Martin.

39) Über die alten Verkehrswege, die neben dieser wichtigen Nord-und Südverbindung bestanden, siehe Paul Revellio, a.a.O., S. 34 ff.

Dieter Klepper, St. Georgen den Hauptpässen nahe gelegen, Herausgeber Verein für Heimatgeschichte e.V., St. Georgen i. Schwarzwald, Schreibmaschinenfaksimiledruck, 1983, insbesondere S. 121.

40) Geburtsjahr Berthold I: Vgl. Dorothea Werner, Zähringer Städte heute, Kehrer Verlag, Freiburg 1986, 5. 105.Todesjahr Bezelin: Vgl. Die Zähringer…, a.a.O., Ausstellungskatalog II, S. 11; vgl aber auch Fußnote 30), wo auf das Jahr 1036 hingewiesen wird.

41) Vgl. Karl Schmid, Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog II, S. 21, Nr. 2, Jan Gerchow, S. 123, Thomas Matthias Bauer, S. 124, Nr. 96.

42) Karl Schmid, Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog I, 5. 212.

43) Vgl. Karl Schmid, wie Fußnote 41).

44) Zitiert aus: Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog II, Textanhang Quellen, S. 444.

45) Vgl. Wilhelm Treue, Deutsche Geschichte, 5. Auflage, A. Kröner Verlag Stuttgart, 1978, S. 121.

46) Jan Gerchow, Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog II, Nr. 98.1, S. 126; vgl. auch Karl Schmid, dto. Ausstellungskatalog I, S. 214; hier auch Hugo Ott, Die Burg Zähringen, S. 12.

47) Vgl. Rolf Sprandel, a.a.O. S. 160.

48) Die große Städtegründungswelle vom 12. bis 14. Jahrhundert, die in ihrer Anfangsphase zunächst Marktortsiedlungen hervorbrachte, ist als volkswirtschaftlich-soziologisches Phänomen ohneweiteres mit der „Industriellen Revolution“ (seit dem 18. Jahrhundert) vergleichbar, die auch unter diesem terminus technicus — als historischer Schlüsselbegriff umstritten — in den Sprachgebrauch eingegangen ist. Aus sprachlichen Gründen, wenngleich es sich ebenfalls um einen „umwälzenden“ Vorgang handelte, entscheide ich mich für den von mir verwendeten Ausdruck, der das Gründungsmotiv einer Stadt betont, die ja nicht politischer Selbstzweck sondern Folge der Absicht einer adelsherrschaftlichen Idee mit vorrangig wirtschaftlicher Zielsetzung ist.

49) Clemens Rehm, Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog 11, 5. 271, Nr. 232; s. auch vergrößerte Faksimileabbildung in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft VII, 1982, S. 77 und in diesem Heft.

50) Wirtschafts-Ploetz, Herausg. Hugo Ott und Hermann Schefer, Verlag Ploetz Freiburg — Würzburg, 1984, S. 90/91.

51) wie Fußnote 49).

52) Vgl. Wirtschafts-Ploetz, a.a.O., S. 76 und 91.

53) Oberrheinische Stadtrechte, Herausgg. v. d. Badischen Historischen Kommission, 2. Abtlg., Schwäbische Rechte, 1. Heft: Villingen, bearbeitet von Christian Roder, Heidelberg 1905, S. 5.

54) Adolf Futterer, Die Geschichte des Dorfes und des Kirchspiels Billafingen im Linzgau, Herausgeber Herbert Berner, in: Verein für Geschichte des Hegau e.V., Hegau-Bibliothek Nr. 16, 1970, S. 375 Münze.

55) Vgl. Wirtschafts-Ploetz, a.a.O., S. 48.

56) Vgl. Jürgen Treffeisen, Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog II, S. 271, Nr. 233: Urkunde Bertholds IV.

57) Vgl. Heiko Steuer, Bergleute: Bergbau auf Silber im südlichen Schwarzwald zur Zeit der Zähringer, in: Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog II, S. 43 ff.

58) Clemens Rehm, Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog II, Text zu Nr. 22, S. 47.

59) Clemens Rehm, wie Fußnote 58), S. 50, Nr. 27.

60) K.S. Bader, persönliche briefliche Mitteilung v. 8. 77. 85.

61) Vgl. K.S. Bader, Das mittelalterliche Dorf, a.a.O.

62) Rolf Sprandel, a.a.O., S. 193. E. Haberkern / J.F. Wallach, Hilfswörterbuch für Historiker, Bd. 2, 6. Auflage, 1980, Francke Verlag München, S. 391. Erich Bayer, Wörterbuch zur Geschichte, 4, Auflage, Kröner Verlag Stuttgart, 5. 328. K.S. Bader, Das mittelalterliche Dorf…, a.a.O., S. 62, 67, 69 u. 70.

63) Wirtschafts-Ploetz, a.a.O., S. 47.

64) Michael Barczyk, Die Spitzbubenchronik, Pharma-Kontakt Verlag, Ravensburg 1982, S. 14.

65) Vgl. Edith Ennen, Die europäische Stadt des Mittelalters, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, S. 78 und Hans Planitz, a.a.O., s. Fußnote 1 a), S. 87.

66) S. bei Paul Revellio, a.a.O., Urkunde vor dem Inhaltsverzeichnis.

66a) Die spätere Bezeichnung „mercatores“ gilt nicht pauschal für den in der Marktsiedlung als Einwohner Lebenden; sie ist eingeengt auf den mit Privilegien und Zusicherungen ausgestatteten Kaufmann. Vgl. Gerhard Dilcher, wie Fußnote 70), 5. 398.

67) Oberrheinische Stadtrechte, a.a.O., S. 10. Eine weitere inhaltlich nicht vorliegende Zollordnung stammt von 1256, s. hierzu Hans-Josef Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Schriftenreihe der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen 1970, Band II, S. 1, Nr. 1924.

67a) S. Fußnote 70), vgl. 5.404 und 400.

68) Edith Ennen., a.a.O., 5. 144.

69) Christian Roder, in: wie Fußnote 53, Vorwort Fußnote 4, S. VIII. Es erscheint dann 1225 „civitas Vilingen“, 1268 „ad villam (nostram) Vilingen“, 1284 „Sigillum civium ville Vilingen“ (Siegellegende).

In der Tat sollte man sich hüten, abgeleitet von einer Bezeichnung auf einen absoluten Rechtszustand zu schließen. Vgl. auch:

Berent Schwineköper, Die heutige Stadt Villingen —eine Gründung Herzog Bertholds V. von Zähringen (1186-1218), in: Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog I, S. 85; er gibt den aktuellen Stand wieder, wenn er schreibt: „Indessen hat die Forschung der letzten Zeit mehrfach zeigen können, daß man beim willkürlich und inkonsequent vorgehenden Mittelalter solche Bezeichnungen (gemeint ist „villa“; der Verf.) nicht zu eng interpetieren darf. Auch Freiburg wird 1223 und nochmals 1315 als „villa“ bezeichnet. Damit bestätigt sich, was schon 1905 Christian Roder ausgeführt hat. Für ihn besagt der Ausdruck „villa“ nur, „daß das alte Villingen niemals seinen dörflichen Charakter abgestreift, daß der Landbau eben doch stets die Hauptnahrungsquelle des größten Teils seiner Bewohner gebildet hat“ (5. oben, wie Fußnote 53, Vorwort Fußnote 4, S. VIII).

70) Gerhard Dilcher, Marktrecht und Kaufmannsrecht im Frühmittelalter, aus: Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa, Teil III, Der Handel des frühen Mittelalters, in: Sonderdruck aus Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, 3. Folge, Nr. 150, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, S. 393.

71) Vgl. derselbe, S. 407.

71a) Vgl. derselbe, 5.400; wir folgen ihm mit unseren weiteren Ausführungen, vor allem auf S. 410.

72) Oberrheinische Stadtrechte, a.a.O., S. 5.

73) Vgl. Paul Revellio, a.a.O., S. 54 sowie derselbe in: Villingen — Die alte Stadt, Führer durch Alt-Villingen und Josef Fuchs, Die Stadt Villingen im 12. und 13. Jahrhundert, a.a.O., s. Fußnote 12), S. 91, letzter Absatz. Dasselbe Mißverständnis wird in seinem Beitrag deutlich „Villingen“ in: Dorotha Werner, a.a.O., s. Fußnote 40), S. 98, linke Spalte. Er wiederholt die schon von Revellio für Villingen gegenüber Freiburg erwähnten scheinbar abweichenden geringeren Hofstättenmaße, die Revellio durch Ausmessungen real ermittelt zu haben glaubte, ohne in den Freiburger Maßen eine Steuerbemessungsgrundlage zu erkennen.

74) Gerhard Dilcher, a.a.O., 5. 409. Eine scheinbare Merkwürdigkeit, nämlich die Gleichbehandlung von Kaufleuten und Unfreien, findet sich bei Dilcher, S. 408: Legt man die Bestimmungen der Allensbacher Marktgründung von 1075 durch das Kloster Reichenau analog für Villingen aus, dann hätten die Bewohner jeglichen Standes, also auch die bäuerlichen Unfreien, am Marktort „Grundstücke kaufen, verkaufen und als Eigen (in allodio) besitzen“ können, wovon aber merkwürdigerweise „die bäuerlichen Hintersassen ausgeschlossen sind“.

75) Vgl. Urkundentext deutsch: bei Revellio, a.a.O. lateinisch: Oberrh. Stadtrechte, a.a.O. S. 1.

76) Gerhard Dilcher, a.a.O. S. 411.

77) ders. S. 413 und 414.

78) ders. S. 413.

79) ders. S. 393.

79a) Berent Schwineköper, wie Fußnote 69, S. 75 ff., insbesondere S. 86/87.

80) Hierzu: Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog II, S. 294, reale Grundrisse u.a.

81) Marita Blattmann und Jürgen Treffeisen, in: Die Zähringer …, a.a.O., Ausstellungskatalog II, 5. 22/.

82) Christian Roder, Oberrheinische Stadtrechte, a.a.O., Vorwort S. VII.

83) Paul Revellio, Beiträge …, a.a.O. S. 67.

84) Josef Fuchs, „Villingen“ in Dorothea Werner, a.a.O., wie Fußnote 40), S. 69. Derselbe, wie in Fußnote 12). Die undifferenzierten, verschwommenen Spekulationen entbehren der inneren Logik und zeigen, wie auch eine gewissermaßen autorisierte Persönlichkeit den Vorgang nicht in den Griff bekommt.

85) Marita Blattmann und Jürgen Treffeisen, a.a.O., 5. 263.

86) Von mir 1970 beim Bau des Bilka-Kaufhauses durch Beobachtung geschätzt und in einer Skizze festgehalten.

87) Peter Schmidt-Thomé, Die Zähringer    a.a.O., Ausstellungskata-
log II, S. 277, ebenso der Ausgräber: Thomas Keilhack, Das Münster Unserer Lieben Frau zu Villingen—ein archäologischer Beitrag zur Baugeschichte, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft V, 1980, S. 25: „… durch die Brigach verursachte morastige Vertiefungen…“

88) Werner Huger, Eine mittelalterliche Heilquelle aus dem Huben-loch: Irrte oder mogelte Doctor Georgius Pictorius?, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft IX, 1984 / 85, S. 24.

Die heute noch mittelbar feststellbare Schüttung wurde von mir im Mai 1984 mit rund 1,5 Sekundenliter gemessen. Sie dürfte wegen der heutigen teilweisen Überbauung des Einzugsgebiets mit Straßen und Häusern und der Drainagen im Mittelalter höher gewesen sein.

88a) Wolf — Alfons Lamprecht, Zulassungsarbeit für das Lehramt an Volksschulen, 1968, ohne Angabe der Hochschule, Thema: Die Wasserversorgung einer mittleren Industriestadt, dargestellt am Beispiel Villingens.

89) K.S: Bader, Das mittelalterliche Dorf…, a.a.O., S. 120.

90) Vgl. Hans Planitz, a.a.O., S. 229 ff.

91) Vgl. Edith Ennen, a.a.O.

92) K.S. Bader, Das mittelalterl. Dorf…,a.a.O., S. 38.

93 Vgl. Heinrich Büttner, a.a.O., vor allem    5.9, 11, 12 — 15.

94) Urkunde: Villinger Kalenderblatt, älteste bekannte Gründertradition, in: Die Zähringer a.a.O., Ausstellungskatalog II, Nr. 222,S. 264, kommentiert von Jürgen Treffeisen.

95) Thomas Keilhack, a.a.O., S. 37.

96) Landesdenkmalamt Baden /Württemberg, Außenstelle Freiburg: Mündliche Auskunft des für die Grabung im ehemaligen Franziskanergarten verantwortlichen Wissenschaftlers Oberkonservator Dr. Peter Schmidt-Thomé. Auch die Auskunft über die Scherben aus dem Areal „Münsterzentrum“ stammt von ihm. Ich danke ihm an dieser Stelle.

97) Reclams Kunstführer, Deutschland II, Baden /Württemberg, 7. Auflage, S. 541 sowie Handbuch historischer Stätten Deutschlands, Bd./Wttbg., Kröner Verlag Stuttgart, 1965, S. 551.

98) Vgl. auch den Rekonstruktionsgrundriß der Gründungsanlage in: Die Zähringer …, a.a.O. Ausstellungskatalog II, S. 295 und Text S. 294, Nr. 256.2.

99) K.S. Bader, Zur politischen und rechtlichen Entwicklung der Baar in vorfürstenbergischer Zeit, in: K.S. Bader, Schriften zur Landeskunde, Herausg. Helmut Maurer, 3. Band, J. Thorbecke Verlag Sigmaringen, 1983, 5. 240; vgl. auch derselbe in: Villingen im Zwiespalt zwischen Reichsstadt und landesherrlichem Gerichtsort, Festvortrag vom 26. 8. 1978, abgedruckt in Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft IV, 1978 — 79, S. 6; Bader vertritt hier die Meinung, daß diese Stadterhebung (von Villingen; der Verf.) derjenigen von Freiburg vorausgegangen sei, dafür spreche „der gesamte Weg, den das Haus Zähringen bei seinem Standortwechsel aus dem inneren Schwaben an den Oberrhein genommen hat…“

100) Derselbe wie Fußnote 99).

101) Karl Schmid, wie Fußnote 31, S. 215.