Der Villinger Glockenraub in Schwenningen (Hermann Preiser)

— Ein Ausschnitt aus der Glockengeschichte —

Im Jahresheft IX, 1984/85, des Geschichts- und Heimatvereins Villingen kündigten wir unter „Villinger Glockengeschichte von den Anfängen bis heute“, auf Seite 49, den nachfolgenden Beitrag an:

Hermann Preiser

Der Villinger Glockenraub in Schwenningen

Ein Ausschnitt aus der Villinger Glockengeschichte Für einen Villinger ist es nicht gerade schmeichelhaft, wenn die Schwenninger behaupten: „Ihr Villinger habt uns die Glocken gestohlen“, oder: „Ihr habt alles zusammengestohlen“. Mir gegenüber ist dieser Vorwurf immer nur in vorgerückter Stunde und recht scherzhaft erfolgt, aber die Schwenninger wollten damit doch sagen: „Ihr Villinger seid früher auch keine Engel gewesen!“

Ich habe mich bemüht, dieser Sache auf den Grund zu gehen und mußte feststellen, daß an dieser Behauptung etwas Wahres ist, und daß sich dieses Ereignis im Dreißigjährigen Krieg abgespielt hat, nachdem kurz vorher die Württemberger bei der ersten Belagerung Villingens der Stadt schwer zugesetzt und diese in große Bedrängnis gebracht hatten.

Während Revellio die Phase der Winterbelagerung in seinen Beiträgen zur Geschichte der Stadt Villingen nur kurz gestreift hat, fand ich die ersten Hinweise in Albert Fischers Schrift „Aus Villingens Vergangenheit“ (1914) und ausführlicher in Schleichers „Beitrag zur Geschichte von Villingen“ (1854), der auf Seite 33 seiner Schrift erwähnt, daß bei der Plünderung von Schwenningen auch die „Schwenninger Glocke“ mitgeholt wurde. Schleicher beruft sich hier auf Gästlin.

Den Ablauf des Dreißigjährigen Krieges in unserer Gegend und einzelne Belagerungen Villingens hat der Benediktiner -Abt Georg Gaiser II. sehr anschaulich in seinen Tagebüchern geschildert. Von Anfang Dezember 1632 bis Anfang März 1633 war aber Abt Gaiser von Villingen abwesend und hielt sich in Überlingen auf. Wahrscheinlich wollte dieser reiselustige Abt dem strengen Schwarzwaldwinter ausweichen. Während dieser Zeit hat der Benediktiner Theogert Gästlin (aus Hüfingen gebürtig) täglich Aufzeichnungen gemacht, die in Heft 3 der Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar ( 1888) von Dr. Roder veröffentlicht wurden.

In seinem Tagebuch schreibt Gästlin : „Am 23. Februar (1633) am Mittwochmorgen zieht H. Oberst-Lieutnant ( Äscher) wiederum nach Schwenningen, das Übrige zu plündern und die Glocken hereinzuführen, was er aber nicht getan hätte, wenn der Feind nicht alle Glocken im Briegthal (ausgenommen Kirchdorf) genommen hätte.“ Auch die Glocke in der Altstadtkirche wurde von den Württembergern geraubt.

Am 17. März (1633) schreibt Gästlin „Suspenditur campagna Schwenningensis in turri templi paroschialis“; also die Schwenninger Glocke wurde an diesem Tag im Turm der Villinger Pfarrkirche (= Münster) aufgehängt. Es wird hier nur von einer Glocke gesprochen. In welche Kirchen die anderen beiden Schwen-ninger Glocken kamen, ist nicht aufgezeichnet. Aus einem Schreiben des Obrist Äscher, der am 3. Mai 1633 wieder seinen Posten als Festungskommandant zu Breisach einnahm, ist zu entnehmen, daß die von der Villinger Besatzung in Schwenningen und anderen württembergischen Ortschaften geholten Glocken zuerst ins Zeughaus am Oberen Tor gebracht wurden. Wahrscheinlich haben die Brigachtaler Bauern als Ersatz einige kleinere Beuteglocken bekommen. 1634 schreibt Äscher mehrmals aus Breisach an die Stadt, man möge auch der Franziskanerkirche wieder zu einer Glocke verhelfen, nachdem er die erbeuteten Glocken der Stadt geschenkt habe. Später verlangt er in Briefen von 1636 und 1638 alle von ihm eingebrachten Glocken wieder zurück oder eine Abfindung dafür, weil die Stadt ihm gewisse für die Besatzung aufgewendete Geldbeträge nicht ersetzen wollte. Ob und wie Äscher nachher entschädigt wurde, ist nicht mehr festzustellen, da die Ratsprotokolle der Jahre 1618 — 1672 verlustig gingen. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges stand nur noch eine Peterzeller Glokke im Villinger Zeughaus, die 1649 von dieser Gemeinde zurückgekauft wurde. (Siehe das Glockenrecht des Siegers im Verlauf dieser Abhandlung.)

Welches war nun das Schicksal der großen „Schwen-ninger Glocke“ in der Villinger Pfarrkirche?

Laut Kraus „Die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen“ befanden sich 1890 folgende Glocken im Münster:

1. die „Große Glocke“ (90 Ztr.), gestiftet von Villinger Bürgern und gegossen von Joh. Raeblin zu Vil-lingen (1601),

2. die „Zwölfuhr-Glocke“ (16 Ztr.), aus dem 15. Jahrhundert,

3. die „Salve-Glocke“ (12 Ztr.), gegossen 1568 durch Barthlome Preisslinger von Lindau.

Im südlichen Turm :

4. die „Frauen-Glocke“ (27 Ztr.), mit 6 Villinger Wappen, gegossen 1616 von Christof Reble zu Villingen,

5. die „Toten-Glocke“ (7 Ztr.), aus dem 15. Jahrhundert,

6. die „Ablaß- oder 2 Uhr-Glocke“ (6 Ztr.), 1789 gegossen von Benj. Grüninger; hat einen Sprung,

7. das „Vesper- oder Vigil -Glöckchen“ (3 Ztr.), in Fracturminuskeln das Alphabeth an der Haube,

8. das „Sturm -Glöcklein“ im Helm des Turmes über dem Wächterstübchen; dieses wurde bei drohender Gefahr wie Feuersbrunst usw. geläutet,

9. das „Schlagglöcklein“, ohne Inschrift, das die Viertelstunden schlägt.

(Siehe auch Jahresheft IX, 1984/85, S. 52 ff.)

Mit unserem Glockenraub haben sich schon früher Geschichtsschreiber befaßt; so hat der evangelische Pfarrer Schmid aus Schwenningen 1902 eine Ortschronik herausgegeben, in welcher er die Geschichte Schwenningens von den Anfängen der Besiedlung bis in die heutige Zeit (1902) schildert, und worin er nicht weniger als dreimal auf den Villinger Glockenraub eingeht. Er meint, daß es sich um eine große und schöne Glocke gehandelt habe, wenn sie ins Villinger Münster kam, und er glaubt, daß die „Salve-Glocke“ im nördlichen Münsterturm diese „Schwenninger-Glocke“ sei und sucht es damit zu begründen, daß niemals eine katholische Stadt wie Villingen in einer damals ausgesprochen evangelischen Reichsstadt wie Lindau eine Glocke hätte gießen lassen und ferner, daß diese Glocke den Wahlspruch der evangelischen Fürsten „Verbum Domini manet, in aeternum Esai 40“ ziert.

Im „Diözesanarchiv aus Schwaben“, Jahrgang 1903, Nr. 9, tritt ein mit „U.“ bezeichneter Verfasser dem vorgenannten Schmid aus Schwenningen scharf entgegen, weil er, infolge Auslassens wichtiger Stellen in Gästlins Tagebuch, in seiner Ortschronik eine Spitze gegen Villingen sieht, und er bezweifelt, daß die am 17. März 1633 im Villinger Münsterturm aufgehängte Glocke, die „Salve-Glocke“ sei, denn die Villinger hätten auch an anderen evangelischen Orten Glocken weggeführt, so in Mönchweiler, dessen Glocke laut Gästlin am 21. April 1633 im Villinger Münster aufgehängt worden ist. Die Schwenninger Glocke bezeichnet Gästlin als „campana“, die Mönchweiler Glocke aber als „campanula“. „U.“ meint, daß der Ausdruck Campanula = Glöckchen ehe für die 12 Zentner schwere Salve-Glocke passe, die nach seiner Ansicht von Mönchweiler stammt.

Dr. Ströbel von Schwenningen nimmt in Heft 4 (Jahrgang 1960) des „Schwenninger Heimatblättle“ hierzu Stellung und schreibt, daß, nachdem die Villinger am 23. Februar ( 1633) drei Glocken vom Schwenninger Kirchturm holten und die meisten Glocken durch die beiden Weltkriege vernichtet wurden, es schwer fallen wird, die angeschnittene Frage schlüssig zu beweisen. Bei Durchsicht der Glocken-Akten im Villinger Münsterarchiv machte ich die wichtige Feststellung, daß sich Kraus in seiner Schrift über die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen, auf die sich die genannten Autoren stützen, getäuscht hat; die angegebenen Gewichte sind mehrfach unrichtig, so daß es sich um keinen Druckfehler handeln kann. Ich stelle fest, daß die „Salve-Glocke“ in Wirklichkeit nicht 12, sondern 22 Zentner wog, und ich vermute, daß das kleine Dorf Mönchweiler eine viel kleinere Glocke hatte, denn die von den Villingern in Peterzell geholte Glocke wog etwas mehr als 300 Pfund, also ca. 3 Zentner. Das Gewicht dieser Glocke wissen wir deshalb genau, weil die Peterzeller ihre Glocke nach Kriegsende wieder zurückkauften und deshalb, wie wir aus Mones Quellensammlung der Badischen Landesgeschichte, Bd. II, entnehmen, das Gewicht durch den Villinger Glockengießer Reblin festgestellt wurde.

In einer Kostenberechnung des Glockengieße Grüninger vom 14. August 1888 ist die „Salve-Glocke“, die er zum Umguß hereinnimmt, mit 22 Zentnern angegeben. Ebenso ist im Schreiben des erzbischöflichen Bauamtes Freiburg vom 1. August 1898 die „Salve-Glocke“ namentlich genannt und mit 22 Zentnern eingetragen, mit dem Vermerk, daß „kein besonderes Interesse für die Glocke beansprucht wird und dieselbe zum Umguß genommen werden kann“. Es steht also eindeutig fest, daß die „Salve-Glocke“ größer als wie von „U.“ angenommen, also kein Glöcklein war. Der Einwand, daß es sich bei der „Schwenninger Glocke“ um eine größere als die Salve-Glocke gehandelt hat, ist also hinfällig.

Im Frühjahr (Mai — Juni 1969) hatte Dr. Ströbel, der Betreuer des Schwenninger Heimatmuseums, dort eine Ausstellung von alten Urkunden, die Schwenningens Geschichte betreffen, veranstaltet und dort entdeckte ich eine Urkunde vom 1. August 1567 (übrigens die älteste Urkunde, die in Schwenninger Besitz ist), die sich mit dem Bau eines neuen Glockenturms für die Schwenninger Pfarrkirche „St. Vincenz“ im „Unterdorf“ befaßt, inhaltlich dessen die Steine der abbruchreifen St. Michaelskirche im „Oberdorf“ nicht, wie ursprünglich vorgesehen, zum Bau des neuen Turms verwendet werden sollen, sondern die baufällige Kirche an den angrenzenden Schwenninger Bürger Hans Benzing, genannt Cullin, zu verkaufen und den Erlös von 80 Gulden zum Bau des neuen Kirchturms zu verwenden. (Schwenningen hatte zu jener Zeit drei Ortsteile mit zwei zeitweise selbständigen Pfarreien.) Das „Oberdorf“ lag im Westen Richtung Villingen; das „Unterdorf“ war da, wo heute die evangelische Kirche und das Rathaus stehen und das „Außendorf“ mit dem Johanniterhaus war der nördliche Ortsteil Richtung Dauchingen.

Der in dieser Urkunde genannte Kirchturm wurde wohl ein Jahr später, also 1568 fertiggestellt und auch im gleichen Jahr wurde die „Salve -Glocke“ von Preisslinger aus Lindau gegossen. Man kann also mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß diese Glocke für den neuen Schwenninger Kirchturm bestimmt war und daß dieselbe später als „Schwenninger Glocke“ nach Villingen kam und das Metall dieser Glocke nach dem Umguß in dem 1909 fertiggestellten viel bewunderten Münstergeläute mitgeklungen hat.

Von dem Glockengießer Preisslinger sind in Lindau keine Unterlagen zu finden. In jener Zeit war es vielfach üblich, daß bei größeren Geläuten die Glocken nicht immer am Wohnsitz des Glockengießers hergestellt wurden, sondern daß der Gießer in dem jeweiligen Ort, für den die Glocken bestimmt waren, eine Werkhütte erstellte und dort den Guß vollzog. Ein solcher Fall ist uns z. B. aus Rottweil ganz genau bekannt, wo am 29. August 1696 bei einer großen Feuersbrunst auch die Heiligkreuz-Kirche vom Feuer erfaßt wurde und die Glocken im Turm geschmolzen sind. Da Rottweil nicht in der Lage war, aus eigenen Mitteln den Schaden an seiner Kirche zu beheben und neue Glokken anzuschaffen, wurden hierfür im ganzen Land Gelder gesammelt und der ansehnliche Betrag von 4000 fl. zusammengebracht. Das Landkapitel Villingen stiftete 50 fl. und Dekan Metz aus Villingen 7 fl.. Bürgermeister und Rat von Rottweil dankten in einem Schreiben vom 5. September 1696 auch den Villingern für ihre Unterstützung und baten um weitere Gaben. Über diesen Glockenguß zitiere ich aus Ruckgaber „Gesch. d. Reichsstadt Rottweil“ (1836) folgendes: Um nun auch neue Glocken zu erhalten, schloß man mit den Glockengießern Johann Rossier und Johann Arnold aus Lothringen einen Akkord, demgemäß dieselben 4 Glocken, die größere 60 Ctr., die übrigen zusammen ungefähr 120 Ctr. schwer, gießen, den fehlgeschlagenen Guß ersetzen und 1 Jahr Garantie leisten, dafür aber für jeden Centner, das Pfund zu 36 Loth berechnet, 5 1/2 Gulden Reichswährung, und außerdem 2 Malter Kernen und zwei Eimer Bier erhalten sollten.“ Für diese Glockengießer wurden im Stadtgraben beim neuen Tor einige Hütten zur Arbeit am 9. Mai 1697 aufgerichtet und sonstige Vorrichtungen zum Glokkenguß angebracht.

„Am 22. Juni Nachts zwischen 10 bis 11 Uhr fiengen die Glockengießer nach Verrichtung von geistlichen Ceremonien durch den Stadtpfarrer Franziskus Franz, und den Kapuziner Pater Dionysius, den Guß der größten Glocke, sodann am 25. Juni im Beysein des gedachten Pfarrers Franz und des Kapuziners Quardian Frobenius, den der übrigen 3 Glocken an. Am 28. Juni öffneten sie die Gruben unter der Erde, und die Glocken wurden als vollkommen befunden. Am 23. August wurden sie gewogen, und folgendes Gewicht gefunden, und zwar bei der großen Glocke 57 Ctr., bei der zweiten 28 Ctr. 4 Pfd., bei der dritten 14 Ctr. 85 Pfd., bei der vierten 6 Ctr. 6 Pfd., zusammen 105 Ctr. 95 Pfd. In den Gußofen wurden im Ganzen 117 Ctr. 70 Pfd. geworfen. Theils weil noch einiges Metall übrig blieb, theils, weil sich bei der Probe der Glocken fand, daß die musikalische Harmonie noch nicht ganz hergestellt war, wurde beschlossen, noch eine fünfte kleine Glocke zu gießen, und diese hält ein Gewicht von 3 Ctr. 47 1/4 Pfund. Der Gießer-lohn betrug 600 fl. 52 kr.

Die Einweihung der Glocken selbst wurde am 21. August nach erhaltener Genehmigung von Seiten des Officiums zu Constanz, durch den Abt Michael zu St. Georgen in Villingen, nach gehaltenem Hochamt unter den gewöhnlichen kirchlichen Ceremonien vorgenommen.“

Ähnlich kann es mit dem Glockenguß auch in Schwenningen gewesen sein, denn ein Transport von Lindau nach Schwenningen war bei den damaligen schlechten Straßenverhältnissen und der allgemeinen Unsicherheit mit einem großen Risiko verbunden.

Es ist nun zu überlegen, ob von vornherein beabsichtigt war, die Schwenninger Glocke im Villinger Münster aufzuhängen. Ich glaube es nicht, denn diese Glocke hatte den Ton E; es hing aber schon eine solche mit diesem Ton, die größere 28 Ztr. schwere Frauenglocke im südlichen Münsterturm. Eine zweite E-Glocke wäre also nicht unbedingt erfoderlich gewesen. Kam die Salve-Glocke nur deshalb ins Münster, weil die Brigachgemeinden nur kleinere Glocken, also gar keine Glockenstühle hatten, die eine größere Glocke tragen konnten? Noch heute befinden sich in diesen Kirchen nur sehr kleine Glocken. Das Gewicht der Glocke muß der Tragfähigkeit des Glockenstuhles und des Turmes angemessen sein und zwar besonders wegen der Erschütterung, die durch die Schwingungen der Glocke hervorgerufen wird. Diese rhythmische Erschütterung stellt für den Glockenturm eine dauernde Gefahr dar, denn sie bewirkt ein Mahlen des Mauerwerks, und wir wissen, daß aus diesem Grunde die Mauer des Turms der ehemaligen Johanniter -Kirche in Villingen, jetzt evangelische Johannes-Kirche, mit einer Betonfüllung versteift werden mußte, weil die neue große Stahlglocke für das alte Gemäuer zu schwer war.

Heute gelten Glocken erst nach erfolgter Turm-Prüfung als abgenommen.

Um die Plünderung Schwenningens und diesen Glokkenraub zu verstehen, muß man sich in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurückversetzen. Dieser Krieg wurde hauptsächlich zwischen katholischen und evangelischen Fürsten geführt. Villingen war vorderösterreichisch, zählte also zu den „Kaiserlichen“, der katholischen Seite, während die Württemberger unter Herzog Eberhard mit den Schweden für die Sache der „Evangelischen“ kämpften. Schwenningen war württembergisch, also in diesem Kriegsfalle für Villingen feindliches Ausland und in den Grenzgebieten hatte die Bevölkerung von jeher unter den beiderseitigen Kriegsaktionen besonders viel zu leiden. Die Württemberger hatten bei der vorausgegangenen Belagerung zeitweise ihr Hauptquartier in Schwenningen und Mönchweiler und von diesem Gebiet aus ihre Angriffe gegen Villingen vorgetragen sowie auch aus den württembergischen Ortschaften ihre Reihen verstärkt. Die württembergischen Truppen hatten zu jener Zeit mehrmals die den Villingern gehörenden und ihnen zu Proviantlieferungen verpflichteten im Brigachtal gelegenen Dörfer geplündert und angezündet. Diese Bauern suchten Schutz in der Stadt, wo sie auch zu militärischem Einsatz verpflichtet waren. Um Villingen hatten die Feinde eine Blockade gelegt. Von Mönchweiler bis ins Brigachtal, also im Norden, Osten und Süden standen die württembergischen Truppen. Im Westen, z. B. den Vöhrenbachern, verboten die Fürstenberger aus Angst vor den Württembergern, daß sie mit den Villingern gemeinsame Sache machten und den Furt-wangern verbot der Obervogt von Triberg, Lebensmittel und Futter nach Villingen zu führen. Es erregte auch den besonderen Zorn der Villinger, daß die Feinde die Altstadtkirche, Villingens älteste Pfarrkirche, verwüstet, die Altäre, Bilder und Bänke herausgerissen haben, um Pferde darin unterzustellen! Mit der Christusfigur wurde Unfug getrieben und zwei Leichen geschändet, die man beim Herannahen des Feindes auf dem Kirchhof im Stiche lassen mußte. Es war also naheliegend, daß sich die Villinger und die Brigachtaler Bauern nach der ausgestandenen Belagerung an den württembergischen Ortschaften rächten und holten was zu holen war, wobei besonders bei der Villinger Besatzung die Raublust frohlockte. Obwohl Obrist Äscher seine Besatzungstruppen, in deren Reihen sich viele Ausländer befanden, vor Gewalttätigkeiten warnte, konnte er diese nicht verhindern. Gästlin schreibt z. B., daß die zu Äschers Kompanie gehörenden Franzosen in Schwenningen eine solche Brunst entfacht haben, daß die Kirche bis auf den Turm niedergebrannt ist und es kaum möglich war, die Glocken aus dem Turm zu holen. Spuren dieses Brandes sind heute noch im Turm der evangelischen Stadtkirche zu erkennen. Der Pallisadenzaun, mit dem Schwenningen anstelle einer Mauer zu seinem Schutz umgeben war, bot ein willkommenes Material zum Entfachen des Feuers.

Die Schwenninger Bevölkerung, mit Ausnahme einiger weniger Bauern, war nach Aufhebung der Belagerung Villingens, nichts Gutes ahnend, mit den württembergischen Truppen in die Gegen von Rosenfeld, Sulz und Calw geflüchtet. Wie leidgeprüft aber die Schwenninger Bevölkerung nach dem geschilderten Unglück war, ersehen wir deutlich aus einem erschütternden Brief, welchen eine Gruppe Schwenninger, die in die Gegend von Calw geflüchtet war und auch dort wieder weichen mußte, 1 1 /2 Jahre später aus Balingen am 25. September 1634 an den Magistrat der Stadt Villingen gerichtet hat. „Den Herren ist zweifelsfrei gutermaßen eingedenk, wie daß man unser Flecken Schwenningen vor diesem ganz und gar abgebrannt und in die Aeschen gelegt, und wir bis Dato das Elend beweinen, und mit unser armen Weib und Kind hin und wieder ziehen müssen, bis daß wir alles, was wir aus dem Feuer gebracht, elendlich verloren, und leider Gott erbarm’s nit mehr haben, daß wir unsern Finger verbinden könnten, viel weniger uns bekleiden mögen, denn unser Grund und Boden. Also gelangt unser unterthänig, hochflehentlich und um Gottes Barmherzigkeit willen Bitten und Flehen, die Herren wollen uns wiederum auf unser Grund und Boden ziehen lassen und damit wir wiederum ein Acker oder Wisslin anhacken und blümen kunnten und uns auch unser arm Weib und Kinder annehmen mögen, wo das nit geschieht und die Herren uns die Gnad nit erweisen, so müssen wir bei höchster Wahrheit Hungers sterben.“

Es war auch ein größerer Teil der Schwenninger Bevölkerung, der ewigen Kriegswirren leid, in die Schweiz, z. T. bis in den Kanton Bern gezogen und kehrte erst nach Jahren oder Jahrzehnten zurück, wobei die Männer oftmals Schweizerinnen als Frauen heimbrachten, Aus diesem Grunde erklärt sich auch der eigenartige schwäbische Dialekt der Schwenninger, der mit vielen Schweizer Lauten vermischt ist.

In Schwenningen geht auch die Sage um, daß sie ihre Glocke im Schwenninger Moos versenkt hätten, wo sie dann von den Villingern geholt wurde. Schwenninger Kinder singen heute noch:

„Anne, Zusanne, (Susanne)

z‘ Schwenninge biini ghanga,

z‘ Tuttlinge biini gossa woara,

Uf ‚m Moos biine gschtola woara;

z‘ Villinga muana alle Wetter banna,

Anne. Zusanne!“

( Reitz : „Von des Neckars Quelle“, 1924)

Dieses Lied ist unbegründet, denn in Tuttlingen gab es nie einen Glockengießer; Schwenningen gehörte lediglich zum württembergischen Amt Tuttlingen, solange Rottweil freie Reichsstadt war.

Übrigens, die Sage von versunkenen Glocken taucht vielerorts und in unzähligen Variationen auf. So wird erzählt, daß in St. Georgen, als man im Winter 1536 die 22 Mönche bei grimmiger Kälte und im Schneesturm aus dem Kloster trieb, zur ersten lutherischen Predigt die Susanna ( Hosanna) -Glocke zog, diese aus dem Kirchturm und den Berg hinunter fiel. Als man sie wieder hinaufführen wollte, rollte der Wagen mit Glocke, Ochsen und Fuhrleuten in den untenliegenden Weiher, in dem allers versank. Noch heute soll man darin zu den heiligen Zeiten die Glocke läuten hören.

Es ist heute wohl kaum noch bekannt, daß es in früheren Jahrhunderten Kriegsrecht war, daß jeweils der Artilleriechef des Siegers Anrecht auf die Glocken der bezwungenen Stadt oder Festung, oder wie es manchmal später gehandhabt wurde, auf eine von der Bürgerschaft zu leistende Ablösesumme hatte. Ursprünglicher Zweck dieser Maßnahme war, aus dem Glockenmetall Kanonen zu gießen oder aus dessen Erlös zu beschaffen. Später wurde mehr Gewicht auf die Rückkaufsumme gelegt, die zwischen dem Kommandanten und seiner Mannschaft verteilt wurde. In diesem Zusammenhang muß man den Villinger Glockenraub sehen. Als Villingen von den Württembergern ständig bedroht wurde, wandte sich der Rat hilfesuchend an die vorderösterreichische Regierung, welche daraufhin den Breisacher Festungskommandanten, Obrist Äscher, mit seiner Mannschaft nach Villingen sandte zur Verteidigung dieser Stadt und deshalb betrachtete Äscher die erbeuteten Glocken als sein Eigentum.

In unserer Gegend haben die Franzosen während des Spanischen Erbfolgekrieges die Glocken von Aasen, Kirchdorf und Kappel weggeholt. Ebenso wurde 1703 bei einem Einfall der Franzosen die Tennenbronner Kirche ihrer Glocke beraubt. Auch haben dieselben nach dem Abzug von Villingen in St. Georgen 3 Glokken mitgenommen. Im Jahre 1689 kauften die Breisacher den Franzosen zwei besonders wohlklingende Glocken ab, welche sie der Stadt Offenburg weggenommen hatten, angeblich um sie zwecks Umguß zu Kanonen über den Rhein zu führen. Breisach zahlte dafür dem französischen Artilleriekommandanten 12000 livre und gab einige mißtönige Glocken dazu. Im Jahre 1807 noch beanspruchte Napoleon die Glocken von Danzig.

Viele Glockengießer hatten sich deshalb auch dem Guß von Kanonen zugewandt. So hat z. B. der Villinger Meister Reblin versucht, Kanonen zu gießen. Abt Gaiser schreibt in seinem Tagebuch „1650, Mai 14. Du guter Reblin hast abermals ein stuckh (Geschütz) gegossen, ist aber nit flossen“. 1788 wird auch Benjamin Grüninger Stuck- und Glockengießer genannt ( Roder Rep. 4/686).

Erst seit der Brüsseler Erklärung von 1874 (Artikel 8) wurde das Glockenrecht des Siegers abgeschafft und seither gehören Glocken nicht mehr zur Kriegsbeute, dürfen also vom Feind nicht mehr angerührt werden. Es war aber früher auch öfters vorgekommen, daß eroberte Kanonen zu Glocken umgegossen wurden. So hat z. B. Tilly 1631 elf bei Magdeburg eroberte Kanonen der Kirche Maria-Himmelfahrt in Köln zum Glockenguß überlassen.

Im Jahre 1711 schenkte Kaiser Franz Joseph I. dem Stephansdom in Wien eine Riesenglocke von 324 Ztr., die aus 180 eroberten türkischen Kanonen gegossen war.

Die prachtvolle B-Glocke in der Kathedrale zu Mainz, gegossen im Jahre 1809, war ein Geschenk Kaiser Napoleons I. und stammt zum Teil von preußischen Kanonen, die Napoleon in der Schlacht bei Jena erbeutet hatte.

Die Kaiserglocke im Dom zu Köln und die Glocken des Kaiserdomes zu Frankfurt wurden 1874 bzw. 1877 aus Kanonenmetall gegossen, das Kaiser Wilhelm I. von erbeuteten Geschützen des 70er-Krieges zur Verfügung gestellt hat (Walter, „Glockenkunde“, 1913).

Es ist nun interessant, daß der Villinger Glockenraub in Schwenningen so nachhaltig in Erinnerung geblieben ist und auch immer wachgehalten wurde. Alte Leute erzählen, daß sich früher beim „Hölzlekönig“ (die ca. 300jährige Tanne steht heute leider nicht mehr) Villinger und Schwenninger Buben spaßhalber Kämpfe geliefert haben, wobei die Schwenninger den Villingern regelmäßig „Glockenstehler“ nachgerufen haben. Unzweifelhaft hat die nicht ganz objektiv geschriebene Schwenninger Ortschronik von 1903 ihren Teil dazu beigetragen. Auf Seite 115 heißt es darin: „Drei Stücke sind es, die abgesehen von der alten Schwenninger Tracht, erwiesenermaßen aus jener Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg in unsere Zeit herübergekommen sind, einmal der feste Turm der evangelischen Kirche, sowie die nach Villingen abgeführte Glocke, die heute noch als Denkmal der bösen Zeit im Villinger Münsterturm hängt.“

Bei objektiver Betrachtung all dieser Geschehnisse, darf man aber wohl nicht die württembergischen Truppen unbedingt mit den Schwenningern vergleichen und ebensowenig in allen Fällen die Villinger Bürger mit der Villinger Besatzung verwechseln bzw. denen gleichsetzen. Die Kriegssitten jener Zeit waren so verwildert, daß sogar der schwedische König sein Mißfallen über seine Armee in beißenden Worten ausdrückt, und auf der Gegenseite schildert z. B. Erzherzog Leopold dem Kaiser das ungebührliche Verhalten des kaiserlichen Heeres. Auch der besatzungsfeindliche Villinger Bürgermeister Meyenberg sagt, „es wären mehrentheils liechtbutzen und schlecht gsind (Gesindel) gewesen“. Die Rittmeister Clemens Seeger und Schön wurden wegen einkommenden vielen Klagen hinter Schloß und Riegel gesetzt.

Quellen und Literatur:

Tagebuch von Abt Georg Gaisser II. veröffentlicht von Mone in Bd. II der Quellensammlung der badischen Landesgeschichte (1854); neuere Ausgabe: Stadtarchiv Villingen

Tagebuch des Benediktiners Theodor Gästlin veröffentlicht von Roder in Heft 3 des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, Donaueschingen (1880)

N. Schleicher „Beitrag zur Geschichte der Stadt Villingen“(1854)

Kraus „Die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen“ (1890)

Paul Schmidt „Ortschronik von Schwenningen“ (1902)

Beiträge zur älteren Geschichte von Schwenningen /Neckar „U“ Diöcesanenarchiv aus Schwaben (Nr. 9, 1903)

Dr. Glatz „Urkunden im Bickenkloster“ (1886)

K. Walter „Glockenkunde“ (1913)

Alb. Fischer “Aus Villingens Vergangenheit“ (1914)

A. Reitz „Von des Neckars Quelle“ (1925)

Paul Revellio „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“ (1984)

Glocken-Akten im Villinger Münsterarchiv

Dr. Ströbel „Schwenninger Heimatblättle“ (Heft 4, 1960)

Der Erstabdruck „Der Villinger Glockenraub in Schwenningen“ erfolgte im Ekkhart-Jahrbuch 1971 der „Badischen Heimat“, Verlag: Freiburg i. Br., Hansjakobstraße 12