Die Villingische Dapfer – und Redlichkeit… (Herbert Muhle)

 

 

 

Am 3. Oktober 1984 — also am Vorabend der 301jährigen Wiederkehr des Ereignisses — hielt ich beim Geschichts- und Heimatverein Villingen einen Vortrag über die Predigt, die Hieronymus Sichler Regulierter Chorherr / S. S. Theol Candidatum, deß Löbl. Rural – Capituls Rottweil Deputatum und Pfarr -Herr in Schramberg aus Anlaß des 50-jährigen Jubiläums der Belagerungen 1633 und 1634 am 4. Oktober 1684 „an dem hochfeyrlichen Fest dß Heiligen Seraphischen Vatters Fransisci von Assisio bey den Herren Conventualen (den Franziskanern) daselbst in einem Cantzel -Gespräch“ gehalten hatte. Der Text der Predigt war mir Ende 1983 in einem unscheinbaren Band (vermutlich geheftet Ende des 18. Jh.) mit einer dem heiligen Augustinus gewidmeten Predigt aus dem Kloster Wettenhausen von einem Antiquitätengeschäft angeboten worden. Das Büchlein hatte mich, vor allem wegen der eingehefteten Federzeichnung — einer Ansicht von Villingen mit Schutzheiligen — vom ersten Anblick an fasziniert. Mein Vortrag, der eigentlich mein bescheidenes Debut im Verein — ein Dank für die freundliche Aufnahme des Nicht-Original -Villingers in diesen Kreis — sein sollte, wurde mit viel Begeisterung aufgenommen.

Vielleicht lag es daran, daß ich größere Teile der Predigt wörtlich vortrug und damit sozusagen „Geschichte zum Anhören“ bot. Nun wurde ich vom Vorstand des Geschichts- und Heimatvereins gebeten, darüber im Jahresheft zu schreiben. Aber worüber ich schreiben soll, das ist eine Rede, eine Predigt sogar, hinwiederum diese war nur als Aufschrieb vorhanden. Ich habe damals in meiner Einleitung gesagt, daß ich versuchen wollte, die Anwesenden an dem geistigen Abenteuer teilnehmen zu lassen, einer barocken Predigt zu folgen, die mehr die Sinne und weniger den Verstand anspricht. Aus diesem Gedanken heraus zitiere ich aus der Zuschrift (der Widmung) des Predigers, die er seiner Schrift voranstellt:

„Denen Wohl -Edelgebohrenen / Wohl -Edel -Gestreng/ Edelvest und Rechtsgelehrten / Ehrenvest / Hochge-acht / Fürsichtig / Ehrsamb / und Wolweisen

HERRN/HERRN

Burgermeister und hochlöblichen Magistrat dieser Kayserlich Oesterreichischen Statt Villingen Meinen Hochgeehrten und großgünstigen Herren“ …

. .. „Weilen ich dann spühren müssen / daß so wol die Geistlichen als Weltliche mit Großer Geduldsgewogenheit / diese Cantzel -Red anhören wollen; auch dieselbe von vifen / so abwesend waren, auf dem Papier zu sehen verlangt / als habe ich diese beykommende einfältig Blättlein (so ich doch gleichwol der Preß unwürdig zu seyn erachte) unter eines gesambten Hochlöbl. Magistraths hochgeehrten Namen für ein Oesterl. Praesentlin zu dediciren, und zuzuschreiben mich under-wunden / mit bitt / mehr das Gemüth und Hertz deß Gebers als die Gaab selbsten anzusehen .

Schramberg, den 4. April Anno 1684

Meiner Hochgeehrt. Großg. Herren

Dienstfertig-Ergebner Caplon und Diener

HIERONYMUS SICH LER Regulierter Chor-Herr / und der Zeit unwürdiger Pfarrer daselbst.“

Bleiben wir noch bei der „Zuschrift“: Sie beginnt —in der Schreibweise unserem heutigen Deutsch angepaßten Form, auch für die weiteren Zitate — mit folgender, den Leser einstimmenden, Passage :

„Als Gustavus Adolphus, der Schweden, Gothen, und Wenden König, mit seinen Finn = Lief- und Lappländern in das liebe Teutschland eingebrochen, haben sich nur geschwind die guldenen in eiserne Zeiten verwandelt. Alles Unglück unter der Sonnen sich erhoben, grausame Kriegsempörungen, Zerspaltung und Zwietracht in Religionssachen, Betrug, Meineid, Verräterei, unerhörte Laster, Land, Städt und der Menschen Untergang. Es hat ja freilich dieser König in dem Teutschland vor ihm einen Lustgarten gefunden und nach ihm entlassen eine verwüstete grausame Einöde. Er hat gefunden ein schöne Rachel aber eine häßliche Lia ist uns geblieben: Indem ihm sein Ehrenrock ausgezogen und ein kläglicher Trauersack ist angeworfen worden. Alles hat sich verkehrt.

Da nun das Übel überhand genommen und die traurigen Kriegsflammen weit und breit ausgeschlagen, haben sie auch beizeiten den Schwarzwald ergriffen und mußte die löbl. Oesterr. Stadt Villingen herhalten und innerhalb zwei Jahren drei harte Belagerungen ausstehen, allwo der Feind nicht unterlassen, was zur Gewinnung der Stadt hat fruchten sollen, indem er vielmals brescia, über die 7 M (Tausend) Kugeln der großen Mauerbrecher, 400 Pyrobolorum über einen Zentner schwer und Feuerballen geschossen und in die Stadt geworfen. Aber damit Gott allein die Ehr durch Fürbitt seiner wunderbarlich und glorwürdigen Mutter Maria und der heiligen Stadt-Patronen Ehr, Preis, Lob und Dank geben werde, hat man dem Feind die Faust also gezeigt, daß er ab und von den Mauern mit schießen, Stangen, Spießen, Kolben, Immenkörben (sich) Steinen, Feuerballen, Pechringen, Sturmkrügl, gesottenem Kalk und anderen Waffen mehr (das ist doch schon ein gewaltiges Arsenal spätmittelalterlicher Verteidigungswaffen, der Verf.) mit großen Verlusten der Seinigen abgetrieben, und den Rückweg zu nehmen gezwungen worden.“

Pfarrer Sichler, der kein „Hiesiger“ war, obschon — davon später — Villingen durchaus verbunden, schreibt dann weiter als Quellenangabe, wie er zu seinem Wissen um die Belagerungsgeschichte gekommen ist.

. . . bis mir ungefähr, und zu allem Glück das Büchlein „Mercurius Villinganus“ genannt zu handen gekommen ist, so Herr Johann Baptista Steidlin Phi-los: et i. u. D. (der Philosophie und beider Rechte Doktor) in Kurtzem verfasset hat. .. .1)

. . . habe mich also dieses Büchleins in etwa bedient darum der günstige Leser sich nicht zu verwundern hat, warum ich dieser meiner Predigt den Namen gebe und ihr an die Stirn setze: MERCURIUS VILLINGANUS REDIVIVUS. Das ist der wieder lebendig gemachte Mercurius Villinganus, in Bedenken der vor fünfzig Jahren erhaltene Ruhm und von den Bürgern und Soldaten erwiesene Tapferkeit in den dreimaligen Belagerungen in die Asche der Oblivion ( Verlustes ) und der Vergessenheit geraten, habe ich so wohl auf der Kanzel in die Asche wollen blasen als auch mit diesen Blättern einen Wind machen wollen, wodurch die Funken der alten Treu und Redlichkeit zuvorderst gegen Gott als gegen seinen Landesfürsten aufflammten und wieder lebendig wurden, den so teuer erworbenen Ruhm von der Vergessenheit zu vindicieren ( bewahren ) und damit der jungen Burgerschaft Anlaß gegeben wurde in die löbliche und ruhmwürdige Fußstapfen ihrer frommen Altvorderen einzutreten, getreulich in mannlicher Tapferkeit, alter teutscher Kühnheit und unerschrockener Bestandhaftigkeit ihnen nachzufolgen.“

So sind wir nun beim Titel MERCURIUS VILLINGANUS REDIVIVUS.

In dem mir überkommenen Bändchen ist neben dem Titel eine Federzeichnung eingeheftet, die auf der Vorderseite in ausgebleichter ( bräunlicher ) Tinte mit dem der Predigt entnommenen “ Leitmotiv „: Villinga Civitas inclyta versehen ist. Im Text wird dann jede mögliche Übersetzung für inclyta angeboten : lobreiche, ruhmreiche, ruhmwerte, lobwürdige Stadt. Über der Stadtansicht ( Maße siehe Fußnote 2 ) sind, wie bei einem Votivbild üblich, die Patrone der Kirchen, Klöster und Tortürme im Himmel schwebend dargestellt. Von derselben Handschrift und mit gleicher Tinte sind die Schutzpatrone wie die ihnen angewiesenen Gebäude mit Nummern versehen. Auf der Rückseite der Federzeichnung ebenfalls mit Tinte unter der Überschrift “ Nomina Patronorum Villinganorum “ die zugeordneten Namen und Gebäude. Um einen besseren Vergleich und bessere Übersicht zu gewähren, habe ich in der Abbildung diese Rückseite neben dem Bild dargestellt.    — Die Federzeichnung lohnt, näher betrachtet zu werden. Die Zeitbestimmung ist verhältnismäßig einfach. Das “ Bügeleisen “ — die vorgezogene Befestigung im Südosten der Stadt zur Sicherung der Flanke gegen das Hubenloch wurde 1684 fertiggestellt — ist auf der Zeichnung deutlich zu sehen.

 

 

 

Andererseits ist der Ausbau des Benediktiner-Klosters St. Georg, der ab 1688 beginnt, noch nicht dargestellt (wohl aber das 1663 begonnene Konventhaus). Überhaupt ist auch ein Vergleich der Zeichnung mit der im General- Landesarchiv in Karlsruhe aufbewahrten, sehr bekannten und x-mal reproduzierten Stadtansicht (2) von großem Interesse. Diese Zeichnung, die auf die Zeit zwischen 1685 und 1695 datiert wird, zeigt eine sehr große Ähnlichkeit mit der Zeichnung bei der Sichler -Predigt. Es ist nicht auszuschließen, daß beide Zeichnungen von derselben Hand stammen.

 

Die Stadt Villingen zwischen 1685 und 1695 nach einer Zeichnung im Generallandesarchiv Karlsruhe.

 

Zum Wesen der Predigt der Barockzeit.

Nach der Gegenreformation — die ja infolge des Augsburger Religionsfriedens von 1555 eher politische Formen angenommen hatte, sozusagen im Dreißigjährigen Krieg mündete und mit dem Westfälischen Frieden 1648 endete — setzte die Zeit der sogenannten „katholischen Erneuerung“ ein. Sie wird auch die „Katholische Reform“ genannt (und oft mit der Gegenreformation verwechselt). Es ist die Zeit der Reformkonzilien. Wichtige Reformdekrete entstammen dieser Zeit (u. a. die Residenzpflicht der Bischöfe, die Errichtung von Priesterseminaren, Einführung der Pflichtsynoden sowie bischöfliche Visitationen). Der in dieser Zeit entstandene „Römische Katechismus“ schuf eine neue Grundlage für die kirchliche Lehrverkündigung. Für die Durchsetzung der „Katholischen Erneuerung“ war das Wirken der Ordensgemeinschaften, allen voran natürlich der Jesuiten, aber vor allem der Prediger-Orden der Dominikaner, Kartäuser aber auch der Augustiner, ob „reformiert“ oder als Chorherren „reguliert“, von besonderer Bedeutung und Wichtigkeit. Man spricht deshalb auch von dieser Zeit als der der „Klösteroffensive“. Kein Wunder also, daß Priester wie Hans Ulrich Megerle aus Kreenhein-stetten bei Meßkirch, bekannt unter seinem Augustiner-Klosternamen Abraham a Sancta Clara, Hofprediger in Wien, der bedeutendste Barockprediger, so großen Einfluß auf ihre gesamte Predigergenera-tion erlangen konnten. Auch unser Prediger, Hieronymus Sichler, war Augustiner-regulierter Canonicer (Chorherr). Da fast alle Predigten von Abraham a Sancta Clara gedruckt und verbreitet wurden, und zwar durchaus mit dem Zweck, nachgesprochen, abgewandelt zumindest aber verwendet zu werden, ist es keinesweg „abgekupfert“, wenn Sichlers Predigt eine gewisse Ähnlichkeit mit der Predigt Abraham a Sancta Claras „Soldaten Glory“ (gedruckt in Wien 1676) und deren Thema des 126. Psalms hat, „Umsonst wacht der, der diese Stadt beschützt, wenn nicht Gott sie beschützt“ (so Abraham). „Wo der Herr die Stadt nicht behütet, so wacht der Wächter umsonst, der sie verwahret“ (so Sichler). Sichler, der sich auch die Wacht der Stadtpatrone von Abraham geholt hat, bietet für die sechsmalige Wiederholung des lateinischen Textes immerhin noch vier sinngleiche aber wortunterschiedliche Übersetzungen in seinem Text.

Sichler folgt damit auch einer anderen Regel der Barockpredigt: Wiederholung des EINEN / Abwandlung des EINEN. Und er folgt auch einer Grundregel der Augustiner-Chorherren: die Welt wird mit der Botschaft des Glaubens konfrontiert: „Gott zu Ehr und dem gemeinen Mann zu Nutzen“.3)

So gesehen, sind auch allgemein die poetischen Qualitäten der Prediger im Barock nicht zu lösen von dem geistlichen Boden, auf dem sie wachsen: von der seelsorgerischen Absicht.

Fast alle Barockpredigten — und es gibt ja noch heute sehr viele bekannte, jedoch bisher nur die eine von Sichler mit dem Villinger Bezug — haben gleiche Grundregeln:

– Sie sind überwiegend hagiographisch (heiligengeschichtlich)

– enthalten fast keine Schriftauslegung

– zitieren kirchliche und antike Autoren, indem sie das aristotelische Rezept nutzen, demzufolge gerade solche Argumente besondere Beweiskraft haben, die sich auf allgemein Bekanntes stützen

– erzählen viele Wundermärlein und Geschichten als Exempel

– und betonen vor allem die moralische Unterweisung.

Die Barockpredigt ist in ihrem Charakter der diametrale Gegensatz einer exegetischen Predigt aus dem Geist des Neuen Testaments.

Sichlers Predigt enthält alle typischen Predigtelemente seiner Zeit:

– den lehrhaften Diskurs

– die historische Geschichte

– die fiktive Geschichte

– die Gedicht-Einlage (immer im Indikativ praesens als „apodiktische Kraft“)

– biblische Lobpreisung.

Die Franziskanerpredigt

Sichler setzt dem Druck seiner Predigt die Worte „an den Leser“ voraus, die von vorneherein seine Irrtümer entschuldigen: „Wir irren alle, weil wir sterblich sind, allein Gott ist vor Irrtum bewahrt . . .“.

Er hat sich Villingen sehr gut angeschaut und die Ei-Form der Stadt sogar als Überschrift und Teilinhalt eines Abschnittes benutzt. Aber vielleicht hat er in seinem Eifer übersehen, daß z. B. die Kapuziner am S. Wendelin- oder Niedertor sich erst seit 1655 in der Stadt niedergelassen haben, bei der Verteidigung auch mit den geistlichen Waffen also noch nicht mitwirken konnten. Er meint auch, der Stadt und seinen Menschen sei kein Schaden entstanden, und das wußte er selber sicher genauer: „Denn, als Gustaphus Adolphus… General Feldmarschall Gustav Horn mit dem Wirttenbergischen Obristen Johann Michael Rauch die Stadt Villingen Anno 1633 den 11. Januar mit entsetzlicher Macht angegriffen, Laufgräben gemacht, Schanzen aufgeworfen, mit 12 Stucken (Geschützen) und Feuermörsern so grausam anfangen zu schießen, daß es anderen Tags 293 meistens 24. bis 36. pfündige in die Stadt geflogen, daß Herr Obrist Escher ein alter tapferer Soldat …selbst bekennt, daß er in Real-Festungen einen solchen Ernst der Feinde nicht erlebt habe . . . Die feurigen Granaten der Feinde den 16. Jan. bei 32 in die Stadt geworfen wurden, bei 80, 90, 100 Pfund schwer gewesen. Deren seien viele auf das Stroh, Heu und Garben gefallen und daran versprungen und liegen geblieben. Andre hätten die Federbetten, haben Stuben, Täfer, Boden und Bühnen durchgeschlagen, die Kinder aus den Wiegen und von den Bänken beworfen und anderen Leuten über den Köpfen, auf der Gassen, in den Häusern und beim Tisch zersprungen, daß die Stücker davon unter den Füßen herumgeflogen zum Fenster hinaus gefahren. Haben sie doch weder Mensch noch Viech einzige schädliche Verletzung zugefügt sondern nicht anderes in den Häusern als Licht ausgelöscht. Unangesehen dessen haben sie außerhalb derselben, bei den Türmen in Wasserbächen und Stadtgraben ihre genugsame Wirkung gehabt. Löcher im Boden und entsetzliche Feuer und Stücker von sich geschlagen, daß ein einzige die Stadt anzuzünden und zu ruinieren genugsam Kraft gehabt hätte …“

Eigenartig mutet an, daß das Nägelinskreuz, das doch von alters her eine besondere Schutzfunktion in Villingen ausübte, bei Sichler überhaupt nicht vorkommt. Dabei haben gerade Gnadenbilder im Barock eine ganz außergewöhnliche Bedeutung, und es gibt ja doch einige Villinger Votivbilder aus der Zeit, die die Stadt mit dem Nägelinskreuz zeigen. Man kann eigentlich nicht annehmen, daß er aus theologischen Gründen auf die Erwähnung verzichtet hätte, er berichtet ja über sehr viele kirchliche Handlungen während der Belagerung wie Herausstellen des Allerheiligsten usw.. —Es wird ihm wohl keiner was davon erzählt haben, und er war doch nicht von hier.

Folgen wir also der obenerwähnten Bitte des Paters Hieronymus „mehr das Gemüt und Herz des Gebers als die Gab selbst anzusehen. Es gibt genug zu sehen darin : „. Sichler beginnt seine Predigt mit einer Aufzählung der Ereignisse am Tage des heiligen Franzis-kus. Er erwähnt das an diesem Tage gefeierte 50-jährige Priesterjubiläum eines „alterlebten Bruders“, der heute „seine Profession renovieren und wiederholen“ wird. Und er sagt, daß heut ein „Jüngling der betrogenen Welt den Rücken bieten wird und laßt sich bekleiden mit dem heiligen Ordenskleid.“

Dann erst, und das verwundert eigentlich, spricht er von der durch Papst lnnocenz Xl. ausgeschriebenen und erteilten „großen“ Indulgenz und Ablaß… wider den blutgierigen Erb- und Erzfeind des „Christlichen Namens“. Man bedenke: es ist 1683, die Türken stehen vor Wien und Abraham a Sancta Clara läßt eine seiner feurigsten Predigten gegen die Türken ab.4) Vielleicht war Wien doch etwas weiter weg und die Türkensteuern waren den vorderösterreichischen Ständen doch nicht so sehr gelegen?

Sichler beginnt mit seinen Sorgen, daß „durch eine armselige, seellose, übelverfaßte Predigt, die Zuhörer zu großem Verdruß verursacht werden…“. Er vergleicht den Prediger mit einem Koch: „Es muß einer ein guter Meister Hans sein, der alle Schleckermäulern recht kochen will; dann einem ist die Speiß versalzen, dem andern verschmalzen, dem ist sie zu süß, dem andern zu sauer, dem ist sie versotten, dem ist sie verbraten“. Dann leitet er über zu seinem Thema, daß die Heiligen die Stützen der Welt und die Schutzpatrone der Städte seien, insbesondere erwähnt er hier Dominikus und Franziskus. Über geschichtliche Beispiele, wo Heilige „unterschiedlichen Schlachten beigewohnt“ hätten, „und die Viktorien denen Christen befördern“. Über eine Fülle von Ereignissen auch übrigens solchen aus vorchristlicher Zeit, kommt er zur Sache: „Wen vermeint Ihr Geliebte, daß diese löbliche Österreichische Stadt Villingen in deren dreifachen harten Belagerungen vor 50 Jahren habe erhalten? Ich lobe die heldenmütigen Soldaten ich preise die tapfere Bürger und Bauerschaft, so allseits ritterlich und mannlich die Statt zu erhalten haben gefochten! Aber wißt Ihr was? Es ist ein Nisi dabei, es steht ein Nisi dahinter. NISI DOMINUS CUSTODIERIT CIVITATEM, FRUSTRA VIGI LAT QUI CUSTODIT EAM. Wo der HERR die Stadt nicht behütet, so wachet der Wächter umsonst, der sie verwahret. ps. 126″. Und dann zählt Sichler sie auf, die Stadtpatrone: neben Gott mit seiner göttlichen Hilfe und Maria als Mutter Gottes mit ihrem Schutzmantel, Franziskus, lenedictus, Dominicus, Clara, loannes, Wendelinus nd andere, die die Stadt beschirmt und die Feinde ‚mit schlechten Ehren widrum nach Haus“ geschickt haben.

Nun holt Sichler sich die Sympathie der Villinger: „Eine feste Mauer und starker Turm sind die Heiligen Gottes“ und er zitiert Paludanus. Dieser habe von einem Anspruch König Ludwig von Frankreich berichet: „Parisium inclyta Civitas .    Oh Paris herrliche
Stadt welche mit schöner Garnison der Heiligen versehen ist, wo keine Gasse kein Tor ist wo nicht eine Kirche ein Kloster oder ein Diener Gottes anzutreffen ist! Deshalb brauche die Stadt Paris sich nicht zu besorgen noch zu fürchten.“ Doch: „Villingen ist zwar nicht so groß wie Paris, nicht so schön wie Paris, nicht mächtig und prächtig wie Paris, dennoch ist es so Wohl und so gut versehen als Paris. Denn kein Tor ist, nicht mit einer Kirche oder Kloster versehen oder verwahrt ist, also daß ich auch sehr wohl kann sagen: O Villinga inclyta civitas quae tot Sanctorum munita praesidus, tot iustorum roborata munimentis. O Villingen lobreiche Stadt, so mit schöner Garnison der Heiligen und Basteien oder der Bollwerken der Gerechten versehen bist!“ Dieser Ausruf kommt — natürlich mit sinngleichen aber anderen Wortübersetzungen — in der Predigt dann achtmal wieder vor!

Gehen wir also mit Sichler die „Garnisonen der Heiligen“ durch: I. Porta S. Francisci oder das Ried-Thor. ‚Franziskus ist schon ein alter Haushalter in Villingen. Die Fundation (Gründung) dieses löblichen Gotteslauses ist zu lesen an der Wand im Chor also lautend:

Anno Dni 1268 Dom. I. post octavam Epiphaniae Monasterium hoc ab illustri et generoso Comite Hen-rico de Fürstenberg et Conjuge eius Agnete fundatum est, primusque loci hujus Guardianus fuit Frater Hen-ricus a Friburg.5) Hat also Franziskus über 415 Jahr getreulich Haus gehalten, und hat in den Belagerungen das Beste getan, sein Porten aufs fleissigste bewahret, die Mauern defendirt und sich als getreuer Beschützer der Stadt erwiesen . . .“.

„So haben dann die Herren Geistlichen in dem Münster bevorab der Wohlehrwürdig, hochgelehrt und Geistlich Herr P. loannn Ludwig Ungelehrt, der Heiligen Schrift Doctor, S. Francisci Ordens Conventualen gewester Provincial … vor allen Dingen zu den Waffen des Gebets wollen greifen, wohl wissend, daß eine betende Zunge die Faust der Soldaten secundiren müsse …“. Und es folgen Aufzählungen von Siegen durch Gebete: Kaiser Otto im Elsaß, Kaiser Heraklius gegen den Perserkönig Cosroe, Kaiser Theodosius, Moses überwindet die Amalechiter, Samuel die Philister und Judith die Macht des Holofernes. Und so habe auch Pater Ludwig „nicht allein das Weibervolk und unschuldige kleine Kinder zum steten Gebet angetrieben, sondern alle Vor- und Nachmittage mit Herausstellung des Hochheiligsten Sakraments seine Hände als wie ein anderer Moses ausgestreckt, dem Volk mit lauter Stimme vorgebetet, daß allen die Zähren häufig über die Backen heruntergeloffen . .“. Und nach seiner Wiederholung der beiden Leitsätze „Nisi Dominus . . . “ und „O Villinga inclyta Civitas… “ läßt er seinen Poeten singen:

 

 

Turris S. Michael oder Sankt Michaels Thurm ( heute Romäus-Turm).

„Die Erbauer der Stadt Villingen haben vorsichtig einen Turm zu Ehren Sankt Michaels an die Stadtmauer gebaut wegen des gegenüberliegenden Bühels“. Unser Prediger schildert nun einige Taten des Erzengels: seinen Kampf gegen Luzifer, wie „der König Pharao mit seinem ganzen Heer mit Roß und Wagen in dem Roten Meer von diesem Erzengel ersäuft wird“ und man höre: „Dem König Senacherib schlägt dieser Engel in einer Nacht hundertfünf und achtzigtausend Mann zu tot … „.

„Diese englische Hilf hat der Stadt Villingen zu ihrem höchsten Trost … erfahren und innenworden: OVillinga    „.Wie singt dann sein Poet:

 

 

II. Porta S. Georgii oder das Ober-Thor.

„Schon längsten ist der heilige Georgius in die Zahl der vierzehn Nothelfer gezählet und für einen allgemeinen Feld-Obristen der Christlichen Armada ausgerufen worden“.

Nach der üblichen Aufzählung der Mitwirkung bei Heldentaten des heiligen Georg kommt Sichler auch auf die Benediktiner in Villingen zu sprechen: „Vor etlichen Jahren schickt Benedictus, der Heilige Vater, der Stadt Villingen zum besten einen neuen Succurs, nämlich seine liebe Geistlichen, so aus dem Kloster Sanct Jergen im Schwarzwald gelegen, vermög des Münsterischen Friedensschlusses vertrieben worden.6) Diese Exulanten hat die Stadt mit Freude umfangen und empfangen …. „Venite Benedicti patris mei“ …

„Gebenedeiht der da kommt in Namen des Herrn“. Nach einem Vergleich mit Themistokles, über den Xerxes nachts aufgeschrien habe:“ Wohl mir, ich habe Themistokles“, sagt Sichler den Villingern: „0, ihr liebe Villinger, ihr habt nicht nur Themistoclem, sondern Benedictum, der von dem glorwürdigen Beda genennet wird : Vir Sanctissimus der allerheiligste Mann“.

Um fortzufahren: „Wann ich dieses zwar kleine Klö-sterlin nenne eine Schul- oder Pflantz-Garten der Tugenden, so rede ich recht … “ “ … also auch von diesem kleinen Oertlin so mancher tapfere Jüngling durch die Studia hervorgekrochen, welcher alsdann dem Geistlichen und Politischen Wesen wohl anständig gewesen, annoch sein und ins künftige sein werden. So tut Benedictus und Georgius die ihnen anvertraute Pforten meisterlich und ritterlich defendiren … „. “ … Benedictus ist die Mauer, Georgius die Vormauer … „. Über “ 0 Villinga … “ setzt Silcher dann fort: „Singe dann, mein Poet, singe dann diesen beiden Heiligen auch eines zu Ehren:

 

 

Sanctus Dominicus.

„Dieser heilige Ordensstifter hat sich mit seiner Sammlung an die Stadtmauer als ein getreuer Schutzherr gelagert…“. Nach Aufzählung der Schutz und Hilfe des heiligen Dominicus z. B. als „des christlichen Glaubens Beschützer und Erhalter“ dem Kampf gegen die Ketzerei der Waldenser und Stifter des Heiligen Rosenkranzes kommt er auf Villingen: „Villingen mit Feinden umgeben, alltenhalben geängstigt, hätte von keinem Freund oder Nachbarn einigen Trost nie zu hoffen außer von Ihro Hochwürden Georg Abten 7) zu Sanct Georgen, welcher mit der bedrängten Stadt allzeit in kontinuierlicher guter Korrespondenz gestanden, dieselbe getröstet, das Vertrauen auf Gott zu setzen, hat auch einen Ehrsamen Wohlweisen Magistrat und löbliche Bürgerschaft zu vorderst Herrn Georg Gruber Camerarium und Pfarrherrn dahin vermögt, daß die gnadenreiche Fraternität- und Erzbruderschaft Rosarii B. V. Mariae solle eingesetzt werden“. “ … Also hat Dominicus in den Belagerungen sich frisch gehalten und die Feinde des katholischen Glaubens lernen den Rosenkranz beten, dann die Musketen-Kuglen so auf Mariae Feind Iosgeflogen waren die Ave Maria, die Stuck -Kuglen waren die Vater-Unser … “ und nach “ O Villinga …“. “ … Auf, auf mein Poet, sing dem heiligen Dominico auch eines zu Ehren …“

 

 

III. Porta S. loannis oder das Bicken-Thor.

„So defendiret darin das Bickentor der heilige loannes mit der Ritterlichen Malthesischen Commenda „. Nach einem kurzen Aufriß der Geschichte des Malteser Ordens der Johanniter und dem üblichen Abschluß „O Villinga Inclyta Civitas … „.“ Laß dich hören mein Poet, laß dich hören.“

 

 

Sancta Clara.

„An das Bicken-Thor hat sich auch gesetzt und ihr Lager geschlagen die heilige Clara mit ihren Klosterjungfrauen … „. “ … Obwohl diesen eingeschlossenen frommen Kinder vom Feind der meiste Schaden zugefügt, indem er das Kloster zum Teil, die Kirche aber ganz zu Grund geschossen, daß sie also ihr verlobte Klausur entlassen müssen, haben sie doch alle

Zaghaftigkeit beiseite gesetzt … „. “ … viel lieber sehen wollen, daß ihr Clösterlin zugrundegerichtet, daß dann die ganze Stadt den unkatholischen Feinden zuteil werde, in Hoffnung, es werde Gott schon Patrone erwecken, die ihnen zum Bauen wiederum hilfreiche Hand bieten werden, so auch geschehen … „.

Nach der Heiligen Legende der Jungfrau Clara setzt unser Prediger fort: „Wer will jetzt in Zweifel stehen, daß Clara als ein getreue Fürbitterin und beständige Patronin, der mit dreimaliger Belagerung geängstigten Stadt nicht werde hilfreich Hand geboten haben. Frage dann nicht weiser König Salomon, frage nicht: Wer will ein stark Weib finden? Zu Villingen ist dies starke Weib zu finden. Clara heißt sie, Clara.“ „Soll ich dann nicht abermal meinen oft angezogenen Spruch repetieren und wiederholen, 0 Villinga Inclyta Civitas?“ “ . . . Was singst du dann, mein Poet, der heiligen Clara zu Ehren?“

 

 

IV. Porta S. Wendelini oder das Nider. -Thor.

„S. Franciscus schickt nicht unlängst dem heiligen Wendelino der Stadt zum besten einen neuen Succurs, seine Pforten, oder das Niedertor besser zu defendiren, und das sind die Herren Capuciner.8) Diese geistlichen Soldaten halten fleißige Wacht, Tag und Nacht, früh und spät … „.

Nach der Geschichte der Stigmatisierung des heiligen Franziskus und einigen Bemerkungen über die Leidensfähigkeit der Franziskaner vergleicht Hieronymus die Benediktiner mit Kürassieren, die Franziskaner aber als leichte Reiterei und sagt: „Ein fliegende Armee, ihre Pferd sind gleich gesattelt, das ist ihr Reisestock, sie sind gleich „gestifflet und gesporet“, nur in die Sandalen geschlupft, so ist geschehen, den Rosenkranz und das Brevier an die Gürtel gehängt, das sind die Pistolen, damit auf und davon. Sie passieren sicher, sie foutragiren ungehindert zu Weg und Steg, zu Wasser und Land, man kann ihnen nichts abbeuten. Es heißt:

 

 

„Mit diesen so tapferen geistlichen Soldaten ist die Stadt Villingen bestens versehen. Soldaten sage ich, aber Geistliche … „. “ … Darum sag ich abermal. O Villinga inclyta…“. “ … Sing dann, mein Poet, Wendelino und Francisco eins zu ehren.“

 

 

Hospitale Sancti Spiritus, Geistliches Proviant- oder Zeug-Haus.

„Vor allen Dingen ist vonnöten, daß die Festung mit Proviant und Munition wohl versehen sei. Der Heilige Geist ist der Proviantmeister, ein freigebiger Ausspender aller Gnaden …“. Es folgen Geschichten über die Stärke des David, des tapferen Hirten in seinem Kampf mit Goliath. Sichler erzählt von Samson, wie dieser mit Löwen und Bären kämpft, beides als Beispiele der Kraft des Heiligen Geistes. „Mit einem Esels-Künbacken, mit einem so schlechten Arcadischen Säbel hat er (Samson) viel hundert der Philister zu Boden gelegt … „, um dann wieder auf Villingen zu kommen : “ . . . Wer hat in den Belagerungen den tapferen Bürgern und Soldaten das Herz gestärkt, daß sie so vielen und starken Feinden den Trutz geboten, der Heilige Geist hats getan, aus diesem Zeughaus haben sie sich bewaffnet.“ “ Oh, glückselige Stadt, wo der Heilige Geist Proviant- und Zeugmeister ist.“

“ . . . Mein Poet lasse dich hören, sing auch eins Gott zu Ehren.“

 

 

Ecclesia Parochialis

Das Münster oder die Haupt-Wache.

„Vor allen Dingen muß in einer Festung die Hauptwacht wohl bestellt sein . . . “ . “ . . . Was das Herz in dem Menschen ist, das ist die Kirchen in einer Stadt. Die Hauptwacht führt dermals als ein Geistlicher Kommandant, der Hochwürdige Geistliche und Hochgelehrte Herr loann Henrich Mötz SS. Canonum Doctor, Protonotarius Apostolicus, Decanus und Pfarrherr allhie mit seiner unterhabenden Capellanen in der Pfarr- und Mutterkirch, das Münster genannt . . . „. Als Aufgaben dieser Hauptwacht werden die fünf Taten der Barmherzigkeit aufgeführt: „Von der Hauptwacht wird der Trostlose getröstet, der Betrübte mit Zuspruch gelabt, der Gefangene besucht und gestärkt, der Kranke mit notwendigen heiligen Sakramenten versehen, die Toten begraben. Die Geistliche in der Hauptwacht sind der Laien geistliche Väter im Heiligen Tauf. Sie sind Speis- und Proviant-Meister in den heiligen Sakramenten. Sie sind Wundarzt in den Beichtstühlen, Lehrmeister auf den Kanzeln und Kinderlehr, sie sind feste Ringmauern der Stadt, Botschafter des Allerhöchsten. Trompeten des Heiligen Geists, sie sind das Salz der Erden, das Licht der Welt.“ …

. . . “ In der Hauptwacht gibt man die Losung.“ … “ alle gute Ding sind drei.“ .. . “ Joseph, ein neuerwählter Schutzherr und Patron über die kaiserlichen Erbländer, Königreich, Herrschaften, Städte, Flecken und Dörfern steht im Münster vor dem Taufstein, alle neugeborenen Villinger in seinen Schutz und Schirm auf- und anzunehmen.“ . . . “ Jesus, Maria, Joseph, diese drei heiligen Namen gehören zusammen in eine Gesellschaft, wo aber diese heilige, erschaffene Dreifaltigkeit ist, wie soll es möglich sein, daß ein Not oder Gefahr sollte eindringen, sage dann wieder, O Villinga lnclyta“ . … „Auf, auf mein Poet, sing noch eins zum Valete.“

 

 

Besondere Mühe hat der Prediger auf das Schlußkapitel seiner Predigt verwandt:

“ Villinga — Ovalem habet figuram“

„Villingen ist nicht gar rund, sondern wie ein Ei gebaut. Das Ei macht mir allerlei Gedanken, wann man ir will einen tapferen Mann einen klugen Kopf loben, so sagt man, er ist aus einem Ei geboren, also daß ein mancher Villinger fromm, ein mancher gelehrt, ein ancher herzhaft ist, so verwundere ich mich nicht, enn er ist aus einem Ei geboren. Das Ei ist stark : wer seiner Stärke ein Prob will tun, der tue es bei seinen zwei Spitzen, mit der flachen Hand gedruckt, er wird wenig ausrichten. An dieses Ei hat sich mancher tapfere Soldat gewagt, aber umsonst, Villingen bleibt treu an seinem lieben Gott, redlich an seinem Landesfürsten. Dieses kleine Oertlin hat allzeit sein große Treu und Redlichkeit an ihm finden lassen. Als Sigis-mundus Römischer König 1416 zur Zeit des Konzils all sein Land und Leut frei Preis gemacht, ist Villingen neben Waldshut, bei dem Haus Österrich einzig beständig verblieben. . . “ . “ … Nicht weniger hat diese seine alte Treu erwiesen die Stadt Villingen, als Herzog Ulrich von Württemberg sich wider den Schwäbischen Bund, und das hochlöbliche Haus Österreich 1519 auflehnte, zu welcher Zeit die Villinger zu Erhaltung ihrer selbsten und in Manutenirung ihrer Jurisdiction, und des Feinds Abbruch, viel umliegende Ort in Namen des Bunds und Hauses Österreich aufgefordert und in Huldigung bekommen. 1525, zur Zeit des schwierigen Bauern-Kriegs, als alle angrenzende Ort, viel fürnehme Städt und Festungen sich ergeben, mit beherzter Gegenwehr sich erzeigt, den Feind avertirt und sich bei geschworenen Eid und Treu redlich gehalten. Was für ein große Treu und Redlichkeit hat vor 50 Jahren in den dreifachen Belagerungen die Stadt Villingen sich mit unsterblichem Ruhm aller Welt und allen Völkern bekannt gemacht, als wären sie lauter Samsones, all ihren Feinden unter die Augen gestanden, den Kopf geboten, und mit feuerdämpfendem Blei und Eisen dermaßen eingeschenkt und so häufig zu trinken geben, daß etliche Tausend an dem Trunk erstickt und erwürgt sind, alle andere aber des weiteren Umtrunks verdrüssig den Rücken gewandt und ganz maßleidig mit schlechten Ehren wiederum nach Haus gezogen … “ . “ … Das Ei kann man sicher essen, ohne Furcht beigebrachten Giftes, kann auch vom Rauch nicht infiziert oder verdorben werden. Villingen dieses Ei ist niemals mit einer Ketzerei vegiftet oder nur mit einem Rauch falscher Lehr infiziert worden, Oberist Rauch wollte dieses Ei also auch verschlucken. Nein sagt Horn, wir möchten dran versticken, wir wollens sieden, und dem Ei heiß machen, ich will das Wasser übertun: die Pfann, versteh das Wasserdamm sieht man noch. Dann der Feind, mit einem Damm die Stadt in das Wasser zu setzen, vergeblich mit großer Müh und Unkosten vorgenommen. “

Pater Hieronymus zählt eine Anzahl Beispiele auf, wie Städte während des Dreißigjährigen Krieges mit Wasser bezwungen wurden, auch ein paar Worte über Festungsbaukunst werden verloren, er erwähnte auch den Sparter König Argerdlaus, der gefragt wurde, warum Sparta keine Mauern habe und auf die bewaffnete Bürgerschaft deutend geantwortet habe: Dies sind Sparta deine Mauern. Er vergleicht dies mit Villingen : „Hier sind Villingen deine Mauern, die heiligen Patrone sind deine Mauern. Wälle und Schanzen dir zu Trost und zum Schrecken der Feinden. Darum dann Horn an Villingen seine Hörner verstoßen, und dem Oberst Rauch hätte man sehr rauch davor abgehobelt. Eben in dem Jahr da Villingen attackiert worden, hat General Feldmarschall Gustav Horn die Städte Konstanz und Überlingen feindlich angegriffen und an dem Ort, die Höll genannt, dreimal Sturm geloffen, aber vergebens, ebenermaßen zu Konstanz hat der Feind an einem Ort, das Paradies genannt, den ersten Sturm verloren, so ist dannenhero das Sprichwort entstanden: der Horn hat zu Konstanz nicht in das Paradies und zu Überlingen nicht in die Höll können kommen, so mach ich dann diese Allusion und sage, daß Horn zu Villingen in das Fegefeuer kommen . . .“ . “ . . .Seind also die Feind an diesem Ei erstickt . . . “ . “ . . . also hat Villingen das Ei, so mit dem Nordspitz die Liebe und Treu gegen Gott, mit dem Südspitz aber die Redlichkeit gegen dem Durchlauchtigstem Haus Österreich bedeutet, mit keiner Feinds Macht und Gewalt mögen überwältigt werden . . . “ . Nach einem kleinen Exkurs über die Jungfrau Maria sagt unser Prediger “ Villingen ist noch ein Jungfrau, Straßburg war lange Zeit ein brave Dam . . . “ . “ . . Ein großer Welt Monarch, nämlich Ludovicus XIV., König in Frankreich, schickt seine Werber die sich um diese Dam sollen anmelden, sie sagt nur geschwind ja. Straßburg ist jetzt Französisch …“ . Zum Unterstreichen der Tapferkeit werden noch einige weitere schnelle Kapitulationen erwähnt, so Magdeburg und Brei-sach. „Vor 50 Jahren haben vornehme Helden, mächtige Feind als Julius und Eberhard beide Herzogen aus Wirttemberg Christian Pfalzgraf von Birckenfeld. General Feldmarschall Gustav Horn. Martin Freiherr von Degenfeld. Michael Rauch Schaffalis-ki. Und andere Kriegshelden mehr um das arme verwisene Schwäbische Jungfräule, Villingen genannt, sich angemeldet, aber das Jawort nicht erhalten, sondern sind abgewiesen worden, und durch den Korb gefallen: wann man einen Buler abfertigt, daß er mit der langen Nasen abziehen muß, so sagt man im deutschen Sprichwort, man hat ihm den Korbgeben … “

. . . Was für Buhlbrief an dieses schwäbisch Jungfräulein obengenannte Werber haben lassen abgehen, kann man noch lesen in der ersten und anderen Relation, sonderlich in dem Mercurio Villingano. “ . “ . . . Sie vermeinten das Jungfräulein wäre von Verstand kommen, wollten dann ihm den Kopf mit Arznei besser einrichten, machten eine gefährliche Kur von lauter Pillen, das waren die Stuckkuglen deren 7000 und 400 Pyrobolorum oder Granaten und Feuerkuglen über einen Zentner schwer, dergleichen zum Muster bei S. Sebastian Altar dort an einer Ketten noch eines deren Pillen (im Münster sind mehr zu sehen) hängen, dieses Jungfräulein schlucken und einvernehmen müssen …“. „Villingen ist noch ein Jungfrau, was sage ich ein Jungfrau, dann zweimal ein Jungfrau. Ein Jungfrau in dem wahren katholischen und allein selig machenden Glauben, weil sie niemals mit einer Ketzerei ist besudlet worden. Ein Jungfrau, welche so viele Buhlschaften den Korb gegeben, so viel Werber ausgeschlagen, und den Feinden den Rückweg gewiesen. Ist also dem kleinen verwaisten Ort, und alten schwäbischen Jungfräulein am Schwarzwald gelegen, Villingen, das jungfräulich und Siegkränzlin geblieben.

Nunmehr haben euer Lieben vernommen, wie die alte und löbliche Österreichische Stadt Villingen in den Belagerungen und bis hero in dem Schutz des Aller-hochsten, in dem Schirm der Mutter Gottes und übrigen heiligen Stadt-Patrone gelebt hat und annoch lebt. Man hat verstanden, wie die Stadt Villingen, mit Wällen und Schanzen, mit Türmen und Mauer der heiligen und frommen Seelen wohl verwahret ist. Was darfs viel. Murus est animi Sancti.“

Hieronymus Sichler war Pfarrer in Schramberg von 1675 bis 1699, er ist 1701 in Villingen gestorben, nachdem er auch seine goldene Primiz nicht im Kloster seiner Professio in Waldsee (verm. 1648), sondern in Villingen gehalten hatte.

Er war Augustiner Chorherr. Ein Porträt (s. Abbildung) von ihm befindet sich, zusammen mit fünf anderen Pfarrer-Porträts, u. a. auch dem seines Nachfolgers Johann Baptist Huener 1699 — 1731 aus Villingen, im Archiv der Kirchenpflege im Marienheim in Schramberg9), wo auch die von Pfarrer Sichler begonnene Pfarrchronik bewahrt wird.

HIERONYMUS SICHLER

 

Das Porträt eines unbekannten Malers, das sich in einem nicht gerade dem heutigen Stand entsprechenden, restaurierten Zustand befindet, zeigt einen Geistlichen, der — so könnte man sagen — recht barocke Körperfülle aufweist. Als Insignien seiner geistigen Interessengebiete zeigt das Bild einen Himmelsglobus für Astronomie sowie mit aufgelegter Hand ein Notenblatt als Zeichen des Musikinteresses. Ob das ebenfalls dargestellte Buch die Heilige Schrift ist, läßt sich nicht mehr erkennen (Kreuz nicht sichtbar). Man könnte, da der geistliche Stand ja durch das Ordenskleid ausgewiesen ist, auch annehmen, daß das Buch als Zeichen seiner Bildung gedacht ist, die Spangen am Buch aber können auch ein Brevier ausweisen. Die auf dem Bild angebrachte Beschriftung lautet in deutscher Übersetzung: Hieronymus Sichler Regulierter Canonicus Deputierter des Kapitels Rottweil und Pfarrer in Schramberg . . . gestorben Villingen am Tage 21. März im Jahre 1701.

Auch in Schramberg ist Sichler eine durchaus ortsgeschichtliche Persönlichkeit. Er verhinderte durch geschicktes Verhandeln im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 die Zerstörung des damaligen Marktfleckens durch französische Truppen.

Dem Druck der Predigt ist eine Laudatio vorangestellt, die ein Verwandter und von Sichler geförderter junger Geistlicher in sehr schönem lateinischen Hexameter geschrieben hat und die in deutscher Übersetzung 10) lautet:

 

 

Auch du gedeihst durch das Lob, gelobt schon seit frühester Jugend, glänzend und ungebrochen und stärker als Erz bleibst du.

So wird dir jeder für deine Verdienste „Er ist aus dem Ei geboren“ zurufen und „Er ist aus dem Ei geboren“ jubelnd hinzufügen.

Um der geschuldeten Ehre und Liebe willen, Dir für
Deine löblich gehaltene Rede gratulierend, hat

loannes Jacobus Sichler,

Kandidat der Philosophie und Moraltheologie,
ein ihm zujubelnder Rottweiler und ergebenster
Verwandter und Schuldner, dieses zugeeignet.“

1. Stadtarchiv Villingen in einem Kompendium mit anderen teils handschriftlilichen, teils gedruckten Beschreibungen der Belagerungen 1633 u. a. auch eine solche von P. Johann Ludwig Ungelehrt — sieht Porta S. Francisci in dieser Ausarbeitung —.

2. Das Generallandesarchiv Karlsruhe schreibt unter dem 24.8.1984 auf meine Anfrage: „Die in unseren Beständen liegende Zeichnung der Stadt Villingen (jetzige Signatur H /B. — S. I : V 4) ist vor allem an den Ecken stark zerstört und wurde im letzten Jahrhundert in unsachgemäßer Weise auf eine Pappe aufgeklebt. Das Blatt, das ursprünglich 4fach gefaltet war, also wohl in den Akten lag, hat eine Größe von 40,5 (Breite) x 33 (Höhe) cm. Die heutige Größe der Pappe ist 44 x 36; darüber liegt ein Passepartout.“

3. Zum Vergleich: Federzeichnung in MERCURIUS VILLINGANUS REDIVIVUS (Sichler-Predigt): Gesamt mit Stadtpatrone: 13,2 (Breite) x 18 (Höhe) cm, Stadtansicht ohne Patrone: 13,2 (Breite) x 6,8 (Höhe) cm. Nach P. Anselm Mannhardt „Parnassus, Rottenbuchensis“

4. Abraham a Sancta Clara: „Auff, Auff, Ihr Christen, das ist eine Anfrischung der christlichen Waffen wider den türkischen Bluet-Egel“ gedruckt b. M. Haan in Salzburg, 1683

5. Im Jahre 1268 Am achten Sonntag nach Epiphania wurde dieses Kloster von dem erlauchten und edlen Grafen Heinrich von Fürstenberg und seiner Ehefrau Agnes gegründet, und erster Guardian (Abt) von diesem Ort wurde Bruder HEINRICH aus (eigentlich: in) Freiburg.

6. Erratum: Bereits Abt Michael I Gaisser (1595 — 1606) hatte in Villingen ein Konventhaus mit Bibliothek gebaut, das 1637 durch Feuer zerstört wurde. Das ab 1663 begonnen und auf beiden in dieser Ausarbeitung enthaltenen Zeichnungen fast ausführungsgleich zu findende Konventhaus, entstand nach der endgültigen „Aufgabe“ und Exulierung von St. Georgen; also nach dem Westfälischen Frieden von 1648.

7. Zum Thema Irrtümer: Gemeint kann nur sein, der „Tagebuch -Abt “ Georg II Gaisser, aber der war Benediktiner und stand auch nicht nur in „Korrespondenz“, wie wir wissen (s. auch Fußnote 6).

8. Siehe Bemerkungen zu „an den Leser“ weiter vorne.

9. Einblick in die Pfarrchronik sowie die Möglichkeit der Fotoaufnahme des Porträts verdanke ich dem Leiter der Kirchenpflege Schramberg, Herrn Schenk. Weitere Informationen zu Sichler erhielt ich durch das Mitglied unseres Vereins, Herrn Rektor Brauchle, Schramberg.

10. Freundlicherweise von Herrn Dr. Maier vom Gymnasium am Romäusring ausgeführt.