Awarische Importe, Beutestücke oder Einflüsse materieller Kultur der Awaren in den merowingerzeitlichen Gräbern von Neudingen (Schwarzwald- Baar- Kreis)? (Werner Huger)

Nach herrschender Lehre ist das Volk der Awaren aus der Verschmelzung zweier verwandter Gruppen entstanden. Die eine stammt aus den Steppen I Innerasiens, die andere aus Mittelasien. Einst deren Beherrschte, vertrieben im 6. Jahrhundert n. Chr. die Türken die Awaren und übernahmen, verwandt in Kultur und Sprache, deren altes Gebiet. Im Jahre 557 waren die Awaren von den Türken schon so weit nach Westen getrieben worden, daß sie im Herbst dieses Jahres den Kaukasus erreichten. 562 gelangten sie in das Gebiet des Donaudeltas. Seit dieser Zeit, bis zum Jahr 626, floß ein unentwegter Strom byzantinischen Goldes als Tributzahlungen ins Awarenland. Von daher rührt der Goldreichtum in den Gräbern der Khagane, Fürsten und Vornehmen.

Unterstützt von den germanischen langobardischen Führern fiel das awarische Reiterheer durch das March-tor in das Karpatenbecken ein. Es fällt nach den Siegen. über die hier sitzenden germanischen Gepiden 568 in awarische Hand. Die awarische Landnahme führte zu einer 250 Jahre dauernden politischen Heer-schaft über ein Gebiet, dessen Mittelteil das heutige Ungarn bildete. Im Nordwesten drang die „reiternomadische“ Kultur weiter in das südliche Gebiet der Langobarden, die heutige Südwest- und Südslowakei. Im Westen stießen die Awaren nach Niederösterreich bis zur Enns, dem Nebenfluß der Donau, vor, wo sie schließlich 680 ihre westlichste politische und militärische Grenze erreichten. 692 trafen in Metz awarische Gesandte ein, die mit dem Frankenherrscher Pippin dem Mittleren, dem Majordomus des Gesamtreiches, aus dem Hause der Arnulfinger (später Karo-linger), vermutlich jenen Friedensvertrag schlossen, der die Enns als Grenze des Awarenreiches festlegte. Schon gegen Ende des 6. Jahrhunderts hatte es zwischen den Awaren und den merowingischen Ländern der Franken Beziehungen gegeben, wenn diese zunächst auch nur in Feindseligkeiten bestanden. 602 wurde nicht nur der Friede zwischen dem awarischen Khagan und den fränkischen Merowingern hergestellt, die Awaren vermittelten sogar im Krieg zwischen Franken und Langobarden.

Im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts begann der Konflikt mit dem machtvollen Frankenreich Karls des Großen. Der endgültige Zusammenbruch vollzog sich in einem Zweifrontenkrieg gegen Franken und Bulgaren im Jahre 803. Schließlich kam es zu einem Vasallenfürstentum des awarischen Khagans von Karls Gnaden. Auch außerhalb des karolingischen Reiches wurde noch im 9. Jahrhundert den Awaren ihre selbständige politische Einheit durch fremde Herrscher (z. B. Bulgaren) entzogen.

Seit dem Jahre 496 gingen die Alemannen (Alamannen) im Fränkischen Reich auf. (746 erlosch auch ihr Stammesherzogtum.) Von der Zeitstellung und der politischen Ausgangslage her ist es denkbar, daß Mitglieder der feudalen Oberschicht des merowingerzeitlichen Gebiets an der oberen Donau, wie sie im Gräberfeld von Neudingen, besonders im Grab 300 aus dem 7. Jahrhundert (1984 untersucht), sichtbar wird, mit den Awaren kriegerische oder friedliche Kontakte hatten.

In den bisher aufgedeckten Gräbern des 7. Jahrhunderts im riesigen, insgesamt etwa zehnmal größeren Gräberfeld der Awaren bei Zamärdi, südwestlich des Balatons (Plattensee), herrschten zwar im Fundgut die awarischen Elemente vor, dennoch repräsentierten die Funde „die materielle Kultur halb Europas und Vorderasiens“. So ist zu erfahren, daß Gegenstände aus Byzanz, Ostrom, Italien, Iran und solche italolangobardischer Provenienz vertreten waren. „Daneben zeigen die prächtigen Gürtelbesätze, Ringe und Armbänder die schon erwähnte awarische Variante des in den Ländern der Merowinger ausgebildeten II. Tierstils“.1)

„Einerseits belegen Reiter- und Pferdebestattungen und awarisch-heidnisches Symbolgut die awarische Gedankenwelt, zum andern sind zahlreiche Kreuze aus Silberblech und mit Kreuzen verzierte Gegenstände Zeugnis für den Einfluß des Christentums.“ 2 )

Bei der wechselseitigen Durchdringung mit Kulturgütern im weitesten Sinne stellt sich die Frage nach den typisch awarischen Beiträgen zur materiellen Ausstattung und Kunst des Westens. Sie kann hier nur exemplarisch beantwortet werden.

An drei ungarischen Fundorten, die in die Zeit von 565 — 670 n. Chr. datieren, waren mit den Toten auch ihre Pferde bestattet worden, mitsamt ihrem Silber- oder goldgeschmückten Zaunzeug; „erstmals wurden schmiedeeiserne Steigbügel mitgegeben“. 3 )

„Einwirkungen auf die materielle Kultur sind … bei den westlichen Nachbarn deutlicher zu fassen. Zu nennen sind unter anderem das Pferdegeschirr, vor allem die neue Art des Zaunzeugs, der Steigbügel, das Stangengebiß und der hohe Sattelknopf. Bei der Ausbreitung dieser Neuerungen dürfte unter anderem der Handel mit Pferden eine Rolle gespielt haben. Auch die Produkte awarischer Schmiede fanden Anerkennung; der mit der Öse in einem Stück geschmiedete Steigbügel z. B. wurde im Westen nach langer Zeit übernommen, später der Lamellenpanzer und der panzerbrechende Speer. In der frühmittelalterlichen europäischen Tracht kamen durch awarischen Einfluß die mit Nebenriemen und Gehängen versehenen vielteiligen Prunkgürtel auf; beim Frauenschmuck machten die Ohrringe mit großen Anhängern Mode….“4)

Vergleichbare Bestattungssitten und Grabbeigaben finden sich zahlreich in alemannischen Gräbern des 6. und 7. Jahrhunderts5), ohne daß wir einer Analyse nähertreten. Es ist hier letztlich nicht zu entscheiden, wer oder was das andere bedingt hat, oder ob Kulturäußerungen nur mittelbar oder überhaupt nicht von außen beeinflußt worden sind, sondern dem formenden Zwang des menschlichen Geistes auf der Stufe des jeweiligen technologischen Standes unterlagen. Von Interesse ist jedenfalls, daß u. a. der Ansicht widersprochen wird, Pferdetrensen, wie sie als Ringtrense auch im Grab 300 in Neudingen 1984 gefunden wurde, seien awarischen Ursprungs.6)

In demselben Grab fanden sich zwei erkennbar „mit der Öse in einem Stück geschmiedete Steigbügel“» Es ist anzunehmen, daß Christlein auch in diesem Falle der Ansicht widersprechen würde, sie seien zumindest auf awarischen Einfluß zurückzuführen. Er wird auch hier annehmen, „daß sie eher auf italisch-langobardische Vermittlung zurückgehen“.8) Hierzu ist kritisch anzumerken, daß sich bis zum Jahre 567 die Langobarden wie eine nord-südliche Pfufferzone nach Ungarn hinein erstreckten, ehe der awarische Stoß ins Gepidenreich erfolgte. Verbündet mit den Langobarden und, wie erwähnt, von ihnen geführt, begann die awarische Landnahme, die den Langobarden deutlich machte, um wieviel gefährlicher und mächtiger der neue Nachbar war als die germanischen Gepiden. „Zwar waren es Verbündete, aber dennoch hingen Wohl und Bestehen der Langobarden vom Verhalten des Khagan Bajan ab. Schnell schloß Alboin (= der Langobardenkönig) ein neues militärisches Bündnis, überließ im April 568 seinen „hunnischen Freunden“ (= Awaren) das langobardische Pannonien und griff nun seinerseits mit seinem Volke das unter byzantinischer Herrschaft stehende Italien an. Somit war am Ende des Jahres 568 das gesamte Karpatenbecken in der Hand der Awaren.“9) D. h., das ehemalige Südgebiet der Langobarden war ebenfalls awarisch besetzt. Hier wird der Druck spürbar, den dieses in Vorwärtsstrategie begriffene Reitervolk ausübte. Der Einfluß der frühen Awaren auf ihre Umgebung „bestand in der Hauptsache auf der Wirkung ihrer ungewöhnlichen, fremden und überraschenden Kriegskunst“. So schauten sich schon die Byzantiner deren Reitertaktik, Bewaffnung und Ausrüstung ab, wie schriftlich belegt ist.10) Vielleicht mag die vermittelnde Beziehung der schließlich jeweils im äußersten Süden angrenzenden römisch-christlichen Langobarden, deren Könige „durch mehrere Eheschließungen mit den gleichfalls römisch-christlichen Merowinger-Dynastien“ verbunden waren, gelegentlich eine Rolle gespielt haben.11) Aber was heißt überhaupt „italo-langobardische Vermittlung“? Ist nicht die Frage nach dem ursprünglichen Herkommen eines Zeugnisses entscheidend? Die Antwort verweist, folgt man dem Stand der ungarischen Literatur, für zahlreiche archäologische Belege auf die Awaren.

 

Silberarmring als Teil des Grabinventars „einer überdurchschnittlich wohlhabenden, gegen Ende des 5. Jahrhunderts verstorbenen Dame aus Basel -Hüningen „, Grab 126.

 

Zwei Silberarmringe aus einem reicheren awarischen Frauengrab des 6. Jahrhunderts ) Ungarn ). Vgl. Literaturangaben A I., Abb. 11, Kat. Nr. III , 2a.

 

Silberarmring aus einem Frauengrab (Grab 313) des merowingerzeitlichen Friedhofs von Neudingen (Schwarzwald-Baar-Kreis), 7. Jahrhundert. Wiedergabe als Skizze, etwa Normalgroße, Kampagne 1984.

 

Kommen wir zu einem letzten Beispiel :

Am Ende der Grabungskampagne 1984 wurde aus einem reicher ausgestatteten Frauengrab (Grab 313) in Neudingen ein „massiv silberner Armreif“ gebor-gen.12) Der Ausgräber, Klaus Hietkamp, hat ihn mir gezeigt, mit der Bemerkung, er sei für germanische Trachtbeigaben untypisch. Er meinte, es könnte sich um eine Importe oder ein Beutestück handeln. Das Grab der Toten gehörte ebenfalls dem 7. Jahrhundert an. Der Armring hatte, um aus der Erinnerung zu sprechen, eine leicht ovale Form. Die sich nach innen schließenden Enden blieben offen und waren kolbenförmig verdickt. Eines der Enden war verkürzt, weil ein etwa ein Zentimeter langes Stück wohl gewaltsam abgebrochen worden war.

Es ist verwirrend, daß es tatsächlich ein vergleichbares Exemplar aus dem alemannischen Frauengrab 126, Basel – Kleinhüningen, gibt, das dem Ende des 5. Jahrhunderts zugewiesen wird.13)

In der Ausstellung über die Awaren aus den Sammlungen ungarischer Museen, 1985 veranstaltet vom Museum für Vor- und Frühgeschichte (Archäologisches Museum) der Stadt Frankfurt, war nun ein Armring-paar der gleichen Stilform aus einem frühawarischen ( Landnahmezeit) Frauengrab zu sehen.14) Dieser Fundumstand ist natürlich noch kein Beweis, daß es sich um eine originäre awarische Schmuckanfertigung handeln muß. Es kann auch eine byzantinische Arbeit sein. An diesem Fund werden Verbindungen vorstellbar, die ebenfalls das Herkommen des Exemplars im oben zitierten alemannischen Frauengrab 126 des 5. Jahrhunderts erklären könnten.

Wie eingangs angedeutet, flossen jahrzehntelang Goldzahlungen, die man besser Tribut nennen könnte, von Byzanz ins Awarenland. Ab 573 waren es „jährlich 60000 Goldsolidi, von 578 an 80000, ab 584 100000, ab 604 120000, von 622 an 200000 Goldsolidi. Nicht mit einbezogen sind hier die oft enorm hohen Lösegeldsummen für freigekaufte Kriegsgefangene.“15) Was liegt näher, als zu vermuten, daß auch wertvoller Edelmetallschmuck und sonstige Pretiosen unter den Nachfolgern Justinian I. aus den verschiedensten Gründen den Weg in die benachbarten germanischen Länder und ins Awarenreich gefunden haben.

Dieser einmalige Hinweis auf den Armringschmuck im Awarengrab von Kevermes ( Békés), südöstlich von Budapest, nahe der rumänischen Grenze, wird es wert sein, daß die professionelle Wissenschaft die Bezüge erneut überprüft und weitere Fundumstände hinzuzieht — eine reizvolle Perspektive, die sich der Amateur mit der gebotenen Zurückhaltung versagen muß.

Literatur- und Quellenangaben

A Literatur:

I. Ausstellungskatalog „Awaren in Europa“, Schätze eines asiatischen Reitervolks 6. — 8. Jahrhundert, hier: István Bóna, Die Awaren. Ein asiatisches Reitervolk an der Mittleren Donau sowie Katalogteil

II. Rainer Christlein, Die Alamannen, Archäologie eines lebendigen Volkes, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1978

III. Welt- und Kulturgeschichte, Holle Verlag, Baden-Baden, Band 7

IV. Hannsferdinand Döbler, Die Germanen, Legende und Wirklichkeit, 2 Bände, Wilhelm Heyne Verlag, München, 2. Auflage

V. Gerhard Fingerlin, Ein Adelsgrab der jüngeren Merowingerzeit aus Neudingen     in : Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg, 1984, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1985, Seite 172 ff.

Vl. Werner Huger, Neue Funde bei den Grabungen auf den alamannischen Friedhöfen von Schwenningen am Neckar und Neudingen an der Donau, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft IX, 1984/85, Seite 14 ff.

B Quellen:

1. Bóna, A/1., Seite 14, Die soziale Struktur der frühen Awarenzeit

2. derselbe, s. Fußnote 1)

3. Bóna, a. a. 0., S. 9

4. derselbe, a. a. 0., S. 20

5. Rainer Christlein, A/11., S. 65, 75, 76 u. a.

6. derselbe, a.a. 0., S. 75 und Fingerlin, A/V., S. 173 u. 175 (Abbildg.)

7. Vgl. Abbildung, Fingerlin, A /V., S. 175

8. Christlein, A /II., S. 76, Abbildung und Text

9. Bóna, A/1., S. 7

10. derselbe, A/ I., S. 19

11. derselbe, A/ I., S. 8 121

12. Werner Huger, A /VI., S. 18

13) Christlein, A/ II., S. 79, Abb. 53 u. S. 80

14) A/I., Katalogteil S. 28, hier abgebildet

15) Bóna, A/1., S. 11