»gloggen slahen und sturm Wien …« Villinger Glockengeschichte von den Anfängen bis heute (Hermann Preiser)

Die Glocken haben schon bald nach dem Beginn des christlichen Zeitalters im Leben des Menschen eine besondere Rolle gespielt, ja man kann sagen, daß sie den Christen von der Wiege bis ins Grab begleiten.

Aber schon viel früher kannte man Glocken oder Glöcklein, die wir im Volksmund „Schellen“ nennen. Ursprünglich hatten die Glocken noch andere Formen als heute und waren anfangs aus Blechen zusammengenietet. Die ersten Glockennachrichten stammen aus China; dort waren schon 3000 Jahre v. Chr. Gongs aus gehämmertem Kupfer im Gebrauch, ja die Chinesen erfanden ein Glockenspiel in einer einzigen Glocke, indem sie schon beim Guß des Glockenmantels kleine Stutzen auf ihm anbrachten, wobei jeder beim Anschlagen einen andern Ton erklingen ließ.

Bei Ausgrabungen in Assyrien wurden gegossene Bronzeglöcklein gefunden, und auch die Hohenpriester hatten kleine Glöcklein an ihren Feststagsgewändern hängen.

Die Griechen verwendeten bereits Glocken und G Glockenspiele zu kultischen Zwecken. Auch auf ihren Märkten gab man Glockenzeichen und die Wächter auf den Stadtmauern trugen Glocken in der Hand, um Warnungszeichen zu geben.

Bei den Römern waren Glocken in Tempeln, bei Leichenfeiern, im Zirkus und auf den Märkten in Gebrauch. Auch Kindern und Tieren pflegte man im alten Rom Glöcklein zum Schutze gegen Dämonen umzuhängen. Der Gebrauch der Kuhglocken bei uns geht wohl unter anderem darauf zurück.

Der im Jahre 606 verstorbene Papst Sabinus verordnete, daß die kanonischen Tageszeiten mit Glockenschlägen zu verkünden und die Gläubigen mit Glockenschlag zu rufen seien. Auf dem Konzil zu Aachen im Jahre 964 wurde angeordnet, daß die Priester das Läuten der Glocken besorgen sollen und im Jahre 964 führte Papst Johann XIV. die Glockenweihe ein.

Während in Italien im Gebiet von Campanien, von dort stammt die Bezeichnung „Campana“ und „Campanille“, bedingt durch das reiche Kupfererzvorkommen jener Gegend, schon sehr früh sich Handwerker mit der Glockenherstellung befaßten, wurde in Mittel-und Westeuropa die Kunst des Glockengießens ausschließlich von Mönchen ausgeübt. Englische Mönche sollen die ersten Glocken nach Deutschland gebracht haben. So ließ der englische Abt Gubect von Wersmouth durch einen Boten dem im Jahre 786 verstorbenen Bischof Lullus von Mainz eine Glocke überbringen.

In den Benediktiner-Abteien Fulda, St. Gallen, Reichenau, Niederaltaich, Freising u. a. wurde die Kunst des Glockengießens besonders gepflegt. Berühmt war der Benediktinermönch Tanco aus St. Gallen, den Kaiser Karl der Große nach Aachen holte, um den Guß der Glocke für die dortige Münsterkirche zu vollziehen.

Nach kanonischem Recht mußte seit dem Jahre 1169 jede Kirche eine Glocke haben und deshalb baute man für ihre Aufhängung eigene Türme.

Ab wann sich in der ersten Pfarreikirche des Dorfes Villingen — draußen in der Altstadt beim Friedhof —Glocken befanden, ist uns nicht überliefert. Man kann aber spätestens seit der Mitte des 11. Jahrhunderts davon ausgehen, denn damals wurde vermutlich der jetzige Turm der Friedhofskapelle als Turm der Altstadtkirche erbaut. Kirchtürme wurden nur der Glocken wegen erstellt, vorher brauchte man keine Kirch- bzw. Glockentürme.

Man weiß, daß mit dem ersten Bau unseres Münsters nach 1120 begonnen wurde. Für einen Glockenturm haben wir weder schriftliche noch baugeschichtliche Anhaltspunkte, was nicht ausschließt, daß zumindest ein Dachreiter vorhanden war. Der zentrale romanische Rechteckchor des Baues II um 1220, mit seinen ungewöhnlich starken Fundamenten, verglichen mit den Fundamenten des übrigen Mauerwerks der Kirche, berechtigt zu der Vermutung, daß über ihm, noch vor den Doppeltürmen, ein einzelner Chorturm errichtet war; vgl. hierzu: Jahresheft V / 1980 des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, Seite 30 ff.. Schließlich werden in der Auszugsordnung des Villinger Stadtrechts von 1294 die Villinger Münsterglocken zum erstenmal erwähnt. Es heißt darin, wie man ausziehen soll, wenn ein „geschelle“ wird bei drohender Gefahr, „von roube, von brande“ usw. und wenn man die „großen gloggen hüten“ einmal, soll sich der alte und der neue Rat mit dem Schultheiß auf dem „Kilchplatz “ versammeln und beraten, was man tun soll. Nachdem in dieser Auszugsordnung von der großen Glocke geredet wird, darf man annehmen, daß in jener Zeit schon mehrere Glocken im Turm hingen. —Wie wir an dem in gotischer Zeit erbauten Südturm heute noch sehen können, war das Läuten der Sturmglocke auch von außen möglich. Im Mauerwerk seiner Südseite befindet sich etwa in Augenhöhe ein Stahltürchen, hinter dem das Seilende verschlossen war. Mit dem Hinweis auf das Läuten der Sturmglocke erkennen wir zum erstenmal, daß sich auch in Villingen ein Rechtsbrauch zur Benützung einer Glocke für außerkirchliche Zwecke herausgebildet hatte. ( Vgl. Elsbeth Lippert „Glockenläuten als Rechtsbrauch“ im Band 3 „Das Rechtswahrzeichen“ — 1939 — von Karl S. Bader.)

Wer die ersten Glocken für die Villinger Kirchen gegossen hat, ist uns leider nicht bekannt. Interessant ist aber, daß das im 13. Jahrhundert in Villingen urkundlich auftauchende Geschlecht der Glunk (Glunggen) drei Glocken im Wappenschild und eine über der Helmzier zeigt; und zwar in einer sehr alten Glockenform, die auf ein hohes Alter hinweist. Diese Glunggen waren in Villingen bedeutende Persönlichkeiten und bekleideten auch das Schultheißenamt. Worauf diese Glocken in dem Wappen zurückgehen, ist nicht bekannt.

Die älteste in Villingen erhaltene Glocke ist die „Alphabet – Glocke“, im Museum Altes Rathaus, vermutlich aus dem 14. Jahrhundert. Dieser Glockentyp trägt statt einer Inschrift um die Schulter das ABC.

 

Bei der Prüfung des Urkundenmaterials im Villinger Stadtarchiv und beim Studium der geschichtlichen Veröffentlichungen sind sehr viele Hinweise auf unsere Glocken zu finden. So schenkte am 9. Juni 1291 Graf Konrad von Fürstenberg, der Kirchherr zu Villingen und Domherr zu Konstanz war, zur Konsekration der Kapelle, des von seiner Mutter Gräfin Agnes von Fürstenberg gestifteten Armenspitals, eine Glocke, den Altar und Kirchengeräte. ( FUB 1/615) Die Spitalglocke durfte aber erst geläutet werden, wenn die Münsterglocken ausgeläutet hatten (Berweck „Heiliggeist-Spital“, 1963) und nur mit einer Glocke.

Die älteste Glocke, die wir heute in Villingen besitzen, ist die sogenannte Alphabet-Glocke im Rathaus-Museum. Diese ABC-Glocken tragen anstelle einer Inschrift, um den Glockenhals verteilt, die Buchstaben des Alphabets, und zwar zum Teil in unvollständiger Reihenfolge, wie auch bei unserer Glocke. Alphabet-Glocken wurden in der Zeit von etwa 1300 bis 1500 hergestellt. Experten behaupten, daß die unsrige zu den ältesten Glocken dieses Typs gehört und vermutlich gegen 1380, wenn nicht schon früher, gegossen wurde. Folgt man dem Inventarbuch der Altertümersammlung Villingen, wurde sie 1380 gegossen. Den Sinn der auf den Glocken angebrachten Buchstaben vermutet Walter in seiner Glockenkunde ( 1911) darin, daß bei der Glockenweihe vom weihenden Bischof mit dem Hirtenstab das griechische und lateinische Alphabet in die Asche gezeichnet wird, was bedeuten soll, daß der Glockenruf für alle Menschen, für die des Morgenlandes und des Abendlandes, gelten soll. Unsere Alphabet-Glocke hing unter dem Namen „Vigil- oder Vesperglöcklein“ im Münsterturm. Zeitweise wurde dieses Glöcklein von der Bevölkerung auch „Spendenglöcklein“ genannt, denn als nach der verheerenden Pest 1349/1350 ein großer Teil der Villinger Bevölkerung dahingerafft wurde, hat man das Vermögen der ohne Nachkommen Verstorbenen einer Stiftung, der sogenannten „Elendsjahrzeit-Stiftung“ zugeführt, woraus jährlich an Maria Geburt (8. September) und an Maria Verkündigung ( 25. März) ein Essen an die Armen ausgegeben wurde, wobei der „Bettelvogt“ als Zeichen für die Ausgabe dieser Spende, das Spendenglöcklein läuten ließ. Anfang des 19.

Jahrhunderts wurde diese Spende in eine Brotspende umgewandelt und später ganz aufgehoben. Diese Glocke kam später in die Altstadtkirche, und vor deren Abbruch mit zwei weiteren Glocken wieder ins Münster. Dort hing sie unter dem seitherigen Namen „Vesper“- oder „Vigilglöcklein“ bis zum Ende der Münsterrenovation im Jahre 1908 im südlichen Münsterturm. Vor dem Guß des neuen Münstergeläutes (1909) sollte diese mit den anderen alten Münster-glocken eingeschmolzen werden, wurde aber wegen ihres Alters davor bewahrt und von der Stadt für die Altertümersammlung erworben. ( (nventarbuch 23. Juni 1910 gekauft) Den letzten Weltkrieg hat diese Glocke, weil sie nicht gemeldet war, und auch ihres Alters wegen glücklich überstanden. Nachdem durch die Ablieferung der meisten Glocken im Zweiten Weltkrieg auch der Turm der Friedhofskapelle leer war, ließ Bürgermeister Edwin Nägele im Jahre 1947 diese Glocke aus unserer Sammlung in den Turm der Friedhofskapelle bringen, damit wenigstens wieder den Toten zum letzten Gang geläutet werden konnte. Als dann 1954 das Münster unter Dekan Weinmann sein neues Geläute bekam, hat man diese Glocke wieder heruntergeholt und gegen die einzige während des Krieges dem Münster verbliebene Glocke (257 kg, gegossen 1909 von Grüninger) ausgewechselt und unter dem Turm abgestellt, wo sie bald in Vergessenheit geriet, denn Dr. Revellio, der ehrenamtliche Betreuer des Archivs und städtischen Kulturguts, hatte den Wert dieser Glocke völlig verkannt und der Stadt geschrieben, daß sie für das Museum ohne Wert sei. Als man neun Jahre später daran dachte, im Turm der Friedhofskapelle ein elektrisches Läutwerk einzubauen, hat der Glockenexperte Josef Metzger von hier, bei einer Besichtigung des Turmes, die unter dem Treppenaufgang stehende, verstaubte Glocke wieder entdeckt, worauf sie wieder an ihren alten Platz im Museum kam.

Auch die Kapellen außerhalb der Stadt waren mit Glocken versehen. (n einem päpstlichen Ablaßbrief von 1342, ausgestellt in Avignon, wurde für die Jacobs-kirche bei Nordstetten für diejenigen, die u. a. beim Läuten der Abendglocke mit „gebogenen Knien“ (gebeugten Knien) drei Ave beten oder der Kapelle etwas an Gold, Silber oder Gewändern zukommen lassen, (Pfründarchiv 1982, S. 178) einen Ablaß gewährt. Im Jahre 1456 haben Villinger Bürger mit Genehmigung des Kirchherrn „Erhart Tüffer“ eine Bruderschaft, genannt „der wild Harsch“, gegründet und auf einer Wiese vor dem Oberen Tor die Neustiftkapelle gebaut. In den Statuten dieser Bruderschaft steht, daß Bruderschaftsmitglieder, die bei ihrem Tod nicht so viel hinterlassen, um bestattet zu werden, auf Kosten der Bruderschaft beerdigt werden, und soll der 7. und 30. gehalten werden mit „glüt“, also mit Geläute. (Pfründarchiv 1982, S. 39)

Mit einer Urkunde vom 20. November 1438 hat der Generalvikar des Bischofs Heinrich von Konstanz den Dominikanerinnen der Vettersammlung erlaubt, „ein Glockenhäusle“ zu bauen, „auch mit einem Glöcklein“ die Leute zur Messe und anderem Gottesdienst einzuladen, unbeschadet der pfarrlichen Rechte. (Urk. L. Nr. 10 Bickenkloster)

Am 20. Mai 1474 hat der Bischof von Konstanz dem Villinger Pfarrer den Auftrag gegeben, „unter Läutung der großen Glocke“ den Einwohnern bekanntzugeben und zu verbieten, die Johanniter – Kirche zu besuchen, weil über dieselbe wegen der Gefangennahme eines Priesters durch Graf Konrad von Fürstenberg das Interdikt verhängt ist.

Im Jahre 1491 hatten die Klosterfrauen des Bickenklosters den Wunsch, vom Papst den Ablaß „aller heiligen Orte des Landes und der sieben heiligen Hauptkirchen“ zu bekommen und fanden in dem Franziskaner „doctor Conradus de Bondorff „, der zu einem Generalkapitel nach Assisi reisen mußte, einen Fürsprecher beim Papst, der nach vieler Mühe und Ausnützung seiner dortigen Beziehungen, trotz Einspruch maßgebender Kardinäle, die Bewilligung des Ablasses erreichte. Als bei der Rückkunft, die „ehrwürdigen Vätter“ den Klosterfrauen die Botschaft überbrachten, daß ihnen die große Gnade vom päpstlichen Stuhl gegeben war, „wurden sie alle mit unseglicher freut erfilt und empfuengen die herren mit leutung der glogen . . .“. An anderer Stelle der Klosterchronik steht: „Man füeng auch an zu leüdten von dem us-gang der prozession bis zu ent der selbigen“. (Glatz, Chronik d. Bickenklosters u. Urk. X Nr. 14 d. Bickenklosters) Hier wird zum erstenmal die Glocke des Bickenklosters genannt. Vermutlich hatte das Kloster schon viel früher eine.

 

 

Im Südturm befindet sich oberhalb des Glockenstuhls und im oberen Drittel des konischen Dachteils das mit Ausgucklöchern versehene ehemalige Wächterstübchen. Darüber ist der Schallraum des Sturmglöckchens.

 

Die dreischiffige Pfeilerbasilika des Villinger Münsters besitzt im Osten am Chor zwei gotische Türme. Links der Nordturm, rechts der Südturm.

 

Von dem kleinen Ausguckraum des oberen Bildes geht es über einen schmalen Treppenteil abwärts ins Innere des ziegelgedeckten konischen Dachteils.

 

Die hier gezeigte Tür am Treppenende ist, ebenso wie die gesamte Zimmermannskonstruktion, sehr alt. Ihre ursprüngliche Funktion ist nicht zu deuten, denn sie mündet ins Leere hinter dem Ziegeldach.

 

Das Wächterstübchen im engeren Sinne ist dieser Ausguck-teil für den Mann auf dem „Wendelstain“. Diese mittelalterliche Bezeichnung ist allgemein die Benennung für den Kirchturm und kommt zweifellos von der steinernen Wendeltreppe im Turminnern.

 

 

Neben anderen Spenden Villinger Bürger hat die „Andli    zwei silberne, übergoldete „Schellelein“ im Jahre 1493/1494 beim Bau der Ölbergkapelle im Klostergebäude gespendet. ( Weinmann, Bickenkloster, S. 2)

In den Chroniken der Klarissinnen ( Bickenkloster ) wird öfters der Gebrauch einer Tischglocke erwähnt. Schon die erste Äbtissin Ursula Haider hatte mit einem Glöcklein Zeichen bei den Stundengebeten gegeben. (Glatz, S. 39 u. 53) Die Art und Weise, wie die Mahlzeiten einzunehmen waren, wurde ebenfalls durch die Regel vorgeschrieben. Wenn das Glöcklein ertönte, versammelten sich alle im Refektorium. Wenn man anfing zu lesen, wurde wieder ein Zeichen mit dem Glöcklein gegeben und die Uhr (Sanduhr) umgedreht. Auch nach beendeter Mahlzeit gab die Äbtissin wieder ein Zeichen mit ihrem Glöcklein zum Abtragen der Teller und Schüsseln, Salz und Brot, zum Einsammeln der Tischtücher und zur Danksagung und nachher noch zum Kapitel.

Die ersten Räderuhren waren sogenannte Türmer-Uhren, die dem Turmwächter durch ein Weckzeichen die einzelnen Stunden anzeigten, worauf dieser das Stundenzeichen von Hand durch Anschlag an die Glocke gab. Diese Uhren hatten nur einen Stundenzeiger. Seit dem 15. Jahrhundert sind in Deutschland sogenannte Schlaguhren bekannt, bei denen das Schlagwerk selbständig vom Gehwerk ausgelöst wird. ( Maurice, „Von Uhren und Automaten“, 1969, S. 16 und Wahr „Alte Uhren „, 1954) 1402 wurde in Augsburg zu St. Ulrich und St. Afra eine solche Uhr aufgestellt. Die Stiftskirche in Stuttgart erhielt eine solche Uhr im Jahre 1530. (Sattler, Gesch. d. Herzogtums Württemberg, 1784, S. 1 — 3) Wann im Villinger Münster eine mit einer Glocke verbundene Uhr eingebaut wurde, ist nicht festzustellen. Die erste Villinger Kirchenuhr, die 1398 bis 1401 von dem Rottweiler Meister Claus Gutsch gefertigt wurde, stand wahrscheinlich im Langhaus des Münsters und hatte ein 24-Stunden-Zifferblatt. Sie war eine „Schau -Uhr“ mit Planetarium und ewigem Kalender und wurde auch Drei-Königs-Uhr genannt, weil stündlich die Heiligen Drei Könige an Maria vorüberzogen und sich vor ihr verneigten. ( Krauss, Kunstdenkmäler d. Kreises Villingen, 1890, A. Fischer, Villingens Vergangenheit, S. 86 u. Kurz, Schwenninger Uhren, S. 58)

Vorbild für diese Uhr, die sicher eine große Anziehungskraft besaß, war die Straßburger Münsteruhr. Daß die beschriebene Villinger Münsteruhr anfangs schon die Stundenzeichen vermittelt hat, ist wohl kaum anzunehmen, denn es hätte einer sehr komplizierten mechanischen Vorrichtung bedurft, um den Stundenschlag von der zu ebener Erde stehenden Uhr auf eine Glocke im Turm zu übertragen. Eher hat sich der Turmwächter dieser anstelle einer Türmer Uhr bedient. Die Sturm- und Schlagglocke befand sich über der Turmwächterstube des südlichen Münsterturms. Bis 1907 war am südlichen Münsterturm auch eine Sonnenuhr ( Fischer, Vil. Verg., S. 86), die nach der Renovation 1978 bis 1982 seit 1983 wieder angebracht ist.

Die von der Stadt dem eingebürgerten Adel ausgestellten Dingbriefe enthalten meistens gewisse Vergünstigungen für den Kriegsfall, d. h., daß sie beim „Läuten der Sturmglocke“ (siehe Stadtrecht) vom Auszug befreit sind. Im Dingbrief des Hans Freiburger vom 5. Mai 1476 steht „würde man die gloggen slahen und sturm lüten“ so ist er nur in der angegebenen Weise schuldig, „mit dem baner auszuziehen in der stadt, es si uff der mure oder den toren“, soll er helfen wie andere Bürger. ( Roder, Repet. 4/999) Der Dingbrief des Hans Yfflinger zu Villingen vom Jahre 1515 lautet ähnlich : „Begäbe es sich aber, daß man die gloggen slahen und sturm wurd lüten, so ist er und seine Kinder nicht schuldig mit dem Banner auszuziehen, sondern er soll in der statt, es sy uff den mure oder unter den toren helfen das best zu thun“. ( Roder, Repet. 4/1006) Es sind noch weitere solche Dingbriefe vorhanden.

1513 wird in Hugs Villinger Chronik die „große Mün-sterglocke“ erwähnt. Hug schreibt, „am 7. September 1513 war ein großer Jammer wegen der einundzwanzig in der Schlacht bei Mailand (gemeint ist Novara) umgekommenen Villinger Kriegsknechten“, darunter war auch der Büchsenmacher Romyas Mans, unser sagenhafter Romäus. Hug schreibt, man hatte der Toten, „wie es Gewohnheit ist mit luten der großen Glocken gedacht“ (5. 51).

Mit Romäus ist auch ein Hans Kießling gefallen. Dieser war wohl der Sohn des „Oswald Kißling, der glogkengiesser von Biberach, der jung zu Villingen gesessen“, so wird er in einem Villinger Urfehdebrief 1496, dem er wegen „Mißhändel“ zustimmen mußte, genannt.

 

 

Glockenstuhl des Südturms. Über der obersten Glocke ist der Einstieg zum Wächterstübchen.

 

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An der äußeren Südwand des Südturms befindet sich in Augenhöhe ein Eisentürchen zum Seilende der Sturmglocke.

 

Gesiegelt hat diesen Urfehdebrief dessen Vater, lockengießer in Biberach ( Riß). ( Inventar 1/739) Jener Oswald Kißling ist demnach nach Villingen gezogen. Ob er aber in Villingen Glokken gegossen hat, ist nicht nachzuweisen und deshalb kaum anzunehmen, weil im Spitalarchiv eine Quittung des Konstanzer Glockengießers „Niclaus Oberecker“ aus dem Jahre 1525 liegt, die über den Betrag von 5 fl. und 12 Batzen lautet, für „das nüwe Glöglin“ im Spital zu Villingen. Trotzdem müßte aber nachgeforscht werden, ob nicht eine Verbindung zwischen den Nachfahren der Kißlings und der Rebles zu Villingen, die die Glockengießerdynastie in Villingen begründet haben, bestand.

Die Kißlings in Biberach nannten sich später Killing und waren weitbekannte Glockengießer. Sie haben z. B. 1519 die große Glocke des großen Turms und 1520 die große Glocke des kleinen Turmsder Stiftskirche in Stuttgart gegossen. (Glockenkunde i. Württemberg i. Württ. Jahrbücher 1857 11/103)

Es wird noch an mehreren Stellen in Hugs Chronik auf den Glockenschlag hingewiesen, so z. B. am 15. April 1519, wo es heißt „und do mir in Kesbach kommend, so schlug es zway“, am 16. April, „als es funfe schlug“, am 8. Juni 1525, „bis es 10 schlug, zogh man zu roß und zu fuß den kalchofen ab zum niederen Thor herin“, am 20. Juni 1525, „bot man in all zunften den verordneten mit gewehr und Harnisch uff dem Kilchhof kummend, so bald es 9 schlug … , da schlug es 10 und do es 12 schlug, so verbran das Dorf (Schwenningen) in alle macht und ferbran gar bis an 3 kleine hussle“ (S. 130).

Aus Hugs Chronik erfahren wir auch, daß die aufrührerischen Bauern verschiedener Dörfer der Umgegend, nachdem für sie so unglücklich verlaufenen Bauernkrieg, ihre Sturmglocke (das ist jeweils die größte Glocke) sowie ihre Waffen nach Villingen bringen mußten, von wo sie Lutz von Landau und der österreichische Kommissar Friedrich von Enzberg als Beute hinwegführten.

Als unsere Stadt 1525 im Bauernkrieg durch mehrere Tausend in der Umgebung versammelten Bauern bedroht wurde, läutete man in höchster Not zu Rat, und am Ostermontag früh um vier Uhr versammelte sich der Rat mit der Geistlichkeit und gesamten Bürgerschaft in der Franziskanerkirche und sie gelobten, dem Hause Österreich treu zu bleiben. ( Revellio, S. 271)

Am 29. Dezember 1569 wurde in Villingen eine Mes-nerordnung erlassen, nach der ein Mesner „in der alten Stadt“ (= Altstadtkirche), wenn man eine große Glocke läutet „1 Maß Wein und für 1 Pfg. Brot“, für das Läuten der Mittelglocke „4 ß (= Schilling)“ erhielt. Wenn eine große und eine Mittelglocke erwähnt wird, muß es noch eine kleine Glocke gegeben haben. Die beiden Münstermesner bekamen für die große Glocke zu läuten jeweils „3 ß“ und „von der clag“ (= Totenglocke) zu läuten „1 ß“.

In der Ratsverfassung werden die Glocken öfters erwähnt. Nach einem Eintrag vom 7. Februar 1508 läutet man bei einer Hinrichtung die große Glocke wie beim Stürmen, nämlich in zwei kurzen Abständen auf einer Seite der Glocke, während später das auf dem 1573 in der Oberen Straße erbauten Kornhaus befindliche „Armsünder -“ oder „Malefiz-Glöcklein“ beim Gang zum Richtplatz geläutet wurde aber auch für solche, die mit der Steuer im Rückstand waren, trat es in spätere Funktion.

Am 15. Oktober 1477 ist vom Toraufläuten und vom Ave-Maria-Läuten die Rede. Bei diesem Läuten wurden die Stadttore geöffnet bzw. geschlossen. Der Müller der Breitenmühle mußte zu den Heiligen schwören, daß er, sobald die Sturmglocke des Feuers wegen ertönt, die bei seiner Mühle liegende Schwelle, welche das Wasser in zwei Teile, nämlich in die Brigach und in die Kanäle der Stadt trennt, die Stellfalle, unverzüglich herablasse, damit alles Wasser in die Stadt läuft. (J. Fuchs, Die Ratsverfassung der Stadt, S. 46/47/63)

1541 und in den darauffolgenden Jahren war „Barthle Röble“ Torhüter am Riettor. 1552 wurde sein Sohn Hans Reble geboren, der um 1570 (1580 ?) in Villingen eine Glockengießerei errichtete (Türkensteuerliste W 3a 8b). Er goß 1601 die große Münsterglocke mit rd. 65 Zentner, die 1908/09 zum Umguß für das damals neue Geläut verwendet wurde. Gestorben ist er 1615. ( Vgl. Karl Walter, weiter unten) Bereits 1513 wird in einer Urkunde Hans Reblin, Schlossergeselle aus Pfullendorf genannt. Die genealogische Verbindung ist nicht geklärt. Dem Können des Hans Reble stand man wohl anfangs noch mißtrauisch gegenüber, denn im Kontraktbuch der Stadt vom 8. 12. 1597 ist eine Schadloshaltung desselben gegenüber der Gemeinde Spaichingen, betr. Glocken zur Probe, wegen evtl. Mängel verzeichnet. Die Glockengießerei ging später auf seinen Sohn Christoph Reble über; dieser wurde 1591 geboren und starb 1649. Durch Heirat ging die Glockengießerei im Jahre 1645 an seinen Schwiegersohn Joachim Grüninger (1624 — 1674) über. ( Vgl. Karl Walter., Glockenkunde, Regensburg u. Rom 1913, S. 846) Dem Vorstandsmitglied des Geschichts- und Heimatvereins Paul Grüninger, der in der zweiten Generation von der Glockengießer-Linie abzweigt, verdanken wir weitere Hinweise. So ist zu erfahren, daß der Begründer der Grüningerschen Glockengießerdynastie bereits zu Wohlstand und Ansehen gelangte. Aus den Originalakten des Klosters St. Ursula ist folgendes zu entnehmen:

1672, Januar den 6., hat Herr Joachim Grüninger, des Rats und Glockengießer allhier, dem Meister Johann Huerer ein Gut abgekauft, auf welches unser Gotteshaus 200 Gulden Kapital stehen hatte, welche er, Herr Joachim Grüninger, uns in Bargeld erlegte und so haben wir ihm, wie bräuchlich ist, den Hauptbrief dafür herausgegeben. — Irgendwann vor 1872 befand sich die Gießerei an der inneren Ringmauer im Südwesten, wenig südlich des ehemaligen Bügeleisens, wozu auch das heute noch sogenannte „Glockehiisli“ gehörte, das hinter dem Romäusgymnasium bastionartig am Ende der heutigen Mauer als kleines, halbrundes Wohnhäuschen hervortritt. (m November 1872 erwarben die Grüningersöhne Adelbert und Benjamin das ehemalige Amtshaus der Johanniter in der Bickenstraße 24 und erstellten dahinter im Hof ( heutiger Bereich des Landratsamtes) eine Glockengießerei größeren Umfangs. Ergänzend bemerkt Paul Grüninger, ihm sei durch mündliche Überlieferung bekannt, daß sich im ausgehenden Mittelalter, zu Zeiten der Reble, die Gießerei an der inneren Ringmauer auf dem Käferberg zwischen der ehemaligen Käferburg (an der Kanzleigasse) und dem Riettor befunden haben soll. Diese Standortbezeichnung hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich. Auch die Grüningersche Gießerei am „Glockehiisli“ und die auf dem ehemaligen Johanniterterritorium befanden sich ja unmittelbar an der inneren Stadtmauer. Noch heute ist an der Oberflächenbebauung zu erkennen, daß der Zwischenbereich zu den Wohngebäuden baulich freigehalten war, nicht zuletzt mit Rücksicht auf die Bewegungsfreiheit im Verteidigungsfalle, wodurch zweifellos die Brandgefahr, die von einer Glockengießerei zwangsläufig ausging, erheblich verringert wurde.

 

Sogenanntes „Glockehisli “ an der südwestlichen inneren Ringmauer, hinter dem Romäusgymnasium. Es gehörte zur ehemaligen Grüninger ’schen Glockengießerei, die vor 1872 in diesem Bereich ihren Standort hatte.

 

1924 erfolgte ein großer Neubau für die Glockengießerei im Gewann Goldener Bühl, wo das Gebäude heute noch als Teil des Aluminiumwerks steht. Dieses namhafte Geschlecht der Grüninger goß bis in die 1930er Jahre in Villingen an die 2000 Glocken, die überall hin sogar bis Mexiko gelangten. Nach der Zwangspause des Zweiten Weltkriegs verlegte der letzte Glockengießer aufgrund der Einwirkung der französischen Besatzungsmacht die Gießerei in die Nähe von Neu -Ulm. Schon anfangs der 1950er Jahre ging es mit diesem Familienzweig nach 300 Jahren Glockengießertradition unrühmlich zu Ende. Inzwischen ist die Glockengießer-Linie im männlichen Stamm ausgestorben.

Kehren wir jedoch noch einmal zu Hans Reble und zum Guß der großen Münsterglocke von 1601 zurück. Wahrscheinlich hatte man schon lange für diese Glokke gesammelt, denn 1592 vermachte der reiche Villinger Bürger Hans Runk in seinem Testament, neben anderen Stiftungen für Münster und Altstadtkirche „50 fl. an die vorhabende große Glogge, so man sy giesen würde “ ( (nventar 1/1590). Kefer schreibt in seinen Collectanen, daß 1592 1200 Personen an der Pest hier verstorben seien und der Rat der Stadt versprochen habe, zur Abwehr eine große Glocke für das Münster machen zu lassen. Diese berühmte große Glocke wurde von Reble am 12. November 1601 gegossen. Sie wurde am 12. September 1602 geweiht und aufgezogen. Vom Guß bis zum Aufzug war ein dreiviertel Jahr vergangen, denn es war damals nicht so leicht, diese schwere Glocke mit 90 Zentner auf den Münsterturm hinaufzubringen. (n Straßburg, Nürnberg und Zürich hatte man sich Rat geholt und Gerät zum Hinaufziehen ausgeborgt. Es war also kein Wunder, wenn diese Glockenweihe für die Villinger ein ganz großes Ereignis war. Den beteiligten Handwerkern, dem Abt Gaißer vom Benediktinerkloster, der die Weihe vornahm, den Priestern, Beamten und anderen Honoratioren der Stadt, zusammen fünfunddreißig Personen, wurde aus diesem Anlaß ein Festtrunk gereicht und sicher wurde die spendenfreudige Bevölkerung auch nicht vergessen. Der städtische Werkmeister erhielt wegen seiner Verdienste an der Aufrichtung des Glockenstuhls und am Aufzug der Glocke einen Ehrenbecher, der heute im Museum aufbewahrt wird. Die Glocke war mit dem Relief der zwölf Apostel und der Kreuzigung Christi sowie mit den Wappen der damaligen Villinger Amtsträger verziert. Der geschickte Villinger Bildhauer Hans Amann, der sein Wappen auch an der Glocke angebracht hatte, war der Modellierer dieser Verzierungen. ( Revellio, S. 108/109) Die Glockeninschrift lautete:

Gott zu Lob und seiner werten Mutter Ruhm und Ehr einem wohlweisen Rat.

Durch Steuer und Hilf ganzer Bürgerschaft

Bin ich gegossen und gemacht

Zu Villingen in der berühmten Stadt

Als man zählt sechszehnhundertein Jahr

den 22. Monats November fürwahr.

D’rum gebe Gott allen Denen,

Die an mich gesteuert, das wahre Leben,

deren alle Namen geschrieben sind

in einem neuen Buch.

Bei vielen Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts wurde in zahlreichen Fällen auf das Glockenläuten hingewiesen. Am 7. Juli 1585 sagte die „Walpurga Geßler, daß der Teufel sie auf dem Heimweg bei der Bickenkapelle angesprochen habe und sie zu beschleichen begehrte,“ worauf sie sagte: „Bhüt mich Gott, man läutet das Ave Maria.“ 1626, Juli 27., sagte der Teufel, laut einem Hexenprozeß, zur Delequentin, sie sollte ein Wetter machen, das aber die große Glocke verhindert hat. Ferner sagte 1626 die Elisabeth Schwarz aus, daß mehrmals das sofortige Läuten der großen Glocke das Eintreten eines Gewitters verhindert habe. Wir ersehen daraus, daß auch in Villingen das Wettern läuten mit der großen Glocke bei Ankündigung eines Gewitters üblich war. Die Rottweiler hatten zu diesem Zweck eine besondere Läutemethode eingeführt, indem sie greulich durcheinander läuteten, immer wieder kurz aufhörten und dann wieder anfingen. Ein Mesner dort wurde gerügt, weil er nicht schnell genug zu läuten anfing, als sich ein Gewitter anzeigte. In Konstanz bekamen 1443 die hierfür angestellten Männer vier Pfund für das Wetterläuten. Vom Kloster Weingarten wird erzählt, daß, wenn ein böses Gewitter über die Weingartener Gemarkung heraufzog, man nur die Hosanna -Glocke (unter diesem Namen war immer die große Glocke gemeint) zu läuten brauchte, worauf sich die Wolken über den See, Richtung St. Gallen, verzogen, was der Sage nach die St. Galler veranlaßte, die Glocke zu rauben, daß sie aber nur bis zum See kamen, wo sie ihnen wieder abgenommen wurde.

Abt Gaißer vom Benediktinerkloster St. Georgen zu Villingen war gegen die Anstellung eines Küsters als Lehrer, weil derselbe nicht lesen und schreiben könne und das Geläute beim Gewitter vernachlässige und Katholische und Lutherische nebeneinander beerdige. ( Martini K(. St. Georgen, S. 234)

Im „Denkbüchlein“ der Juliane Ernestin, der späteren Äbtissin von St. Klara, lesen wir: „Den 11. January im 1633. Jahr, zieht der Michel Ruch (gemeint ist der feindliche Kommandant Oberst Rau) mit voller Gewalt und belagert unsere Stadt und sagt ihm nur das “ Ratzennest“, ist den ganzen Tag ein solcher unerher-ter dickher Nebel gewesen, daß man in der Stadt mit allen Glocken dawider gelitten hat, wie gegen das Wetter.“

1785 verbot die fürstenbergische Regierung in Donau-eschingen das Wetterläuten zur Abwehr von Blitzgefahr, wobei jedoch ein kurzes Gebetszeichen als begründet zugelassen wurde. Einige Jahre später aber wurde ersteres auf Drängen des Volkes wieder gestattet, obwohl es die fürstenbergische Regierung als „Vorurteil und gefährlich“ erklärte. ( Lauer, Gesch. d. kath. K. i. d. Baar, 1921, S. 295)

1787 hat auch die österreichische Regierung das Wetterläuten verboten. In vielen Teilen Tirols wird heute noch gegen das Wetter geläutet. Ich habe das vor einigen Jahren in Völs am Schlern ( Südtirol) selbst erlebt. Ich hatte in meinem Urlaub im katholischen Gemeindesaal einen Vortrag über die Alpenflora gehalten. Als mitten in meinem Vortrag ein heftiges Gewitter aufkam, war der anwesende Pfarrer nach einigen Minuten aufgestanden, um gegen das Wetter zu läuten. Er erzählte mir am nächsten Tag, daß ihm von der Bevölkerung schwere Vorwürfe gemacht worden seien, weil er nicht schnell genug mit dem Läuten angefangen habe.

Worauf führte man den Glauben an die Verhinderung oder Vertreibung des Unwetters durch das Läuten mit der großen Glocke zurück? Wahrscheinlich, weil man sich vom Umgang mit geweihten Dingen einen besonderen Schutz versprach. (n diesem Fall sollte der Klang der geweihten Glocken ein Unheil verhindern, weshalb man schon seit frühester Zeit Wert darauf gelegt und sogar zur Pflicht gemacht hatte, die Glocken zu weihen. So erließ schon um das Jahr Tausend Papst Johann XIV. eine Bulle über die Glockentaufe um „die Luft von Teufeln zu reinigen“.

Als im Jahre 615 Clotar die Stadt Sena in Burgund belagerte, begab sich Bischof Lupus in die Stephans-kirche und rührte, um das Volk zu versammeln, die Glocke. Es wird berichtet, daß durch den seltsamen ungewohnten Klang die feindlichen Soldaten so erschreckt wurden, daß sie eiligst die Flucht ergriffen. Überall hatte der Glockenklang für die Heiden etwas Erschreckendes, vor dem sie bestürzt flohen.

Nach einer Rechnung vom Jahre 1609 kostete in Villingen eine Glocke von 2 1 /4 Ztr. mit Zeug, Schwen-kel und Aufhängen 138 fl. und 14 1/2 Batzen. (Mone, ZGO 12/ ..

Nach Notizen der ehrwürdigen Klosterfrau Gabriele (gest. 1977) erhielt die Klosterkirche des Ursulinen schon unter Ursula Haider, wenn nicht früher, eine Glocke, die 1593 beim Vesperläuten zersprungen ist.

Einer namentlich nicht gekennzeichneten handschriftlichen Notiz, die mir 1984 über das Münster Pfarramt zuging, entnehme ich folgenden Hinweis: „Aus der Chronik: (zusätzlich handschriftlich ergänzt: „St. Ursula!“) 1615 wurde die Glocke von Meister Christoph Reble, Villingen, gegossen, sie wog 2 z 88 lb.

Inschrift auf der Glocke:

Ave Maria, gratiaplena

MCD X V gos mich Reble und Benoco (letzter Name undeutlich) Villingen“

(Bemerkung: Die Anordnung der römischen Zahlen kann nicht stimmen, denn wie oben geschrieben, wäre es das Jahr 1415; richtig wäre M DCX V)

In den Baurechnungen der Bickenkapelle befindet sich eine Rechnung vom Jahre 1619 von Christoph Reble „für Arbeit an dem kleinen Glöcklein“.

Während der Winterbelagerung im Januar 1633 wurden das Bickenkloster bzw. die Klosterkirche besonders stark mitgenommen. Nachdem durch feindliche Geschütze Breschen in die Mauer und in die Kirche geschlagen wurden, hat man in der Nacht schnell die Glocke und die Orgel abgebaut und im Franziskaner-kloster verwahrt. In einer Chronik des Bickenklosters lesen wir darüber: „Die Orgel und die Glocke hat unser getreuer Schaffner mit Hilfe der lieben Bürger unter Lebensgefahr bei finsterer Nacht herabgebracht. Gleich am anderen Tag ist unsere Kirche niedergelegt worden, hat den Graben ausgefüllt und wurde zur Straße“. ( H. Reh, St. Klara während des Dreißigjährigen Krieges)

Der Benediktinermönch Gästlin erwähnt in seinem Tagebuch, daß man am 25. Januar, nach Aufhebung der Belagerung, morgens fünf Uhr in der Franziskaner-kirche unter schuldiger Danksagung das „Te Deum“ gesungen und mit allen Glocken der Stadt zusammen geläutet hat, was die Einwohner nicht wenig erquickt hat, nachdem während der Belagerung kein Glockenstreich noch das Schlagen der Uhr gehört wurde, alles ward wie in einer einsamen Einöde mit traurigem Stillschweigen erstummet. ( Roder, Beitr. z. Gesch. d. St. V. in Heft 3 d. Ver. f. Gesch. d. Baar, S. 93)

Vier Wochen später, nach der Belagerung durch die Württemberger, holte die kaiserliche Besatzung von Villingen die drei Glocken aus dem Schwenninger Kirchturm, was uns die Schwenninger heute noch vorhalten, denn in den Schwenninger Schulen wurde noch vor nicht allzulanger Zeit in der Geschichtsstunde auf den Villinger Glockenraub immer besonders hingewiesen. ( Über den Glockenraub in Schwenningen wird im Jahresheft X — 1985/86 — zu berichten sein. Die Redaktion.)

Einem Ratsprotokoll von 1611 entnehmen wir, daß nur noch am Mittwoch und Samstag den Verstorbenen geläutet werden soll. Es waren derer zuviele, die während der schrecklichen Pestseuche gestorben sind, um jedem einzelnen zu läuten.

Über den Wiederaufbau der Klosterkirche wird berichtet „Am Aschermittwoch 1655 begannen die Zimmermeister die Bäume zu fällen. Das Holz ließen die Herren der Stadt herbeiführen. Auch Bürger halfen mit. Am 5. April wurde der Bau begonnen, im August wurde das Gebälk mit Hilfe der Bürgerschaft bereitet. Am 27. und 28. September wurde das Dachwerk samt dem Turm aufgerichtet und die liebgewordene Glocke aufgehängt. Es geschah mit viel Mühe und Arbeit. Viele Personen mußten mithelfen, was große Kosten für Essen und Trinken verursachte. Im Turmknopf wurde eine Urkunde über den Wiederaufbau eingeschlossen.“

Aus den Aufzeichnungen im Stadtarchiv ersehen wir, daß es in Villingen seit 1610 eine Vereinigung gab, die sich „ledige Gesellschaft der Bürgersöhne zur Erhaltung der guten Ehrbarkeit “ nannte, auf Zucht und Ordnung bedacht war und 1799 in ihren Statuten festsetzte, daß nach dem Läuten der Abendglocke um zehn Uhr nachts sich keiner mehr im Wirtshaus aufhalten dürfe. Auch den Wirten wurde der Feierabend vorgeschrieben. So durften die „Schildwirte“ ihr Lokal bis zehn Uhr abends offenhalten, während den „Zapfwirten“, das sind solche, die nur Wein über die Straße verkaufen durften, also keinen Ausschank hatten, Kunden nur bis zum Läuten der Abendglocke zu bedienen erlaubt war. ( Roder, Rep. 3/688)

1668 gab es einen Streit wegen des Kaufs eines Glöckleins für das Seelenjahrzeithaus, weshalb von der juristischen Fakultät ein Rechtsgutachten eingeholt wurde. Unser Benediktinerabt Michael Gaißer wurde sehr oft zur Glockenweihe herangezogen, so hat er

1620 die Glocken in Tannheim,

1630 die Glocken in Hüfingen,

1636 die Glocken in Erzingen,

1645 die Glocken in Mundelfingen,

1645 die Glocken in Tegernau,

1640 die Glocken in Waldau,

1640 die Glocken in Wolterdingen,

1652 die Glocken in Saig,

1653 die Glocken in Ebnet,

1654 die Glocken in Herzogenweiler,

1654 die Glocken in Vöhrenbach

geweiht.

1641 stifteten Joh. Wilh. Ingold und Frau von hier auf ewige Zeiten ein Salve mit vorhergehendem Läuten. Zum Wächterstübchen, oben im südlichen Münster-turm, das dem Aufenthalt des Turmwächters diente, führen ab den zwei letzten Obergeschossen steile freistehende Treppen. Darüber befindet sich der Schallraum für die Sturm- und Schlagglocke. Hauptaufgabe des Turmwächters war die Feuerwache. Außerdem mußte er auf der großen Glocke, die sich im anderen Turm befand und befindet, über ein Zugwerk die vollen Stunden nachschlagen. Brach in der Stadt ein Brand aus, was er aus dieser Höhe leicht feststellen konnte, gab er mit der Sturmglocke Feuersignal. Wenn außerhalb der Stadt ein Brand zu beobachten war, er folgte sein Signal mit der Trompete, und zwar in die Richtung, wo der Brandherd lag. Daneben durfte er gegen ein Trinkgeld den Brautleuten, wenn sie aus der Kirche traten, einen Marsch auf seiner Trompete blasen (Stöhr, Collectanen v. Kefer, S. 99/100). Wie wir aus den Ratsprotokollen ersehen, mußten die Turmwächter oft gerügt werden, weil sie bei den langen Wachen eingeschlafen waren. Aus diesem Grund, um den Wächter kontrollieren zu können, mußte er, wie oben erwähnt, die Stunden nachschlagen. ( Dieses Nachschlagen ist heute noch, wenngleich inzwischen elektrisch gesteuert, zu hören.) Ferner mußte er den Scharrwächtern ( Nachtwächter), die die Stunden auszurufen hatten, antworten. Tat er es nicht, mußte er jedesmal eine Strafe von 30 Kreuzern bezahlen.

1774 wurde der Hochwächter Johannes Nydinger seines Dienstes enthoben, weil er geschlafen und die Feuersbrünste in Dürrheim und Donaueschingen nicht bemerkt hatte. Da man einsah, daß diese Wächter nicht 24 Stunden wach bleiben konnten, wurde 1781 ein dritter Turmwächter eingestellt, so daß sie sich gegenseitig alle zwölf Stunden ablösen konnten. Diesen Wächtern fiel auch die Aufgabe zu, die Glockenläuter bei aufkommenden Gewitter zu alarmieren.

1905 bis 1909 wurde das Münster aufwendig erneuert. U. a. wurde der Südturm mit der Uhr ab dem Sockel-geschoß neu aufgeführt. Das Mauerwerk wurde in diesem oberen Teil des Turmes dem alten Aussehen mit Änderungen nachempfunden. Der oberste Teil mit dem Schallraum der Glocken erhielt in den Schallöffnungen neogotische Gestalt.

Südlicher Münsterturm um 1840, nach einer Zeichnung von R. Gleichauf (Revellio, a. a. O., S. 107).

 

Bei der vorstehenden Abbildung mit den Münstertürmen von 1840 entsteht der Eindruck, daß sich zwischen den Wimpergen und dem Wächterstübchen des südlichen Münsterturms einst ein kubischer Bauteil befunden habe, den man als einen Aufenthaltsraum für den Turmwächter deuten könnte. Wie das Vorstandsmitglied des Geschichts- und Heimatvereins Architekt Dipl. Ing. Dieter Ehnes durch Studien vor Ort ermittelte, handelt es sich aber nur um die perspektivische Wirkung, wie sie sich dem Zeichner bot.

Bei der Belagerung 1704 durch Marschall Tallard wurde in der Nacht vom 20. auf 21. Juli mit allen Glocken geläutet und Priester, Greise und Kinder zogen in einer Prozession betend durch die Stadt. ( Fischer, Vill. Verg. S. 49) In diesem Jahr hatten die Franzosen die Glocken aus Aasen, Kirchdorf und Kappel mitgenommen. ( Lauer, S. . . .) Auch aus Württemberg führten die Franzosen nicht weniger als 300 Glocken weg. (Württ. Glockenkunde, S. 149)

1732 wurde zur freudigen Erinnerung an den Rastatter Frieden von 1714 unter Pfarrer Riegger die Münster-uhr mit einem Viertelstundenrad versehen, so daß sie wieder, und zwar auch auf der großen Glocke, die viertel und ganze Stunde schlug. (Vill. Pfarrchronik u. Nägel inkreuzbüchlein)

1740 „Den 3. Dezember wurde mit dem Geläute aller Gloggen auf Befehl des Kardinals und Bischofs von Konstanz wegen dem betrübten Todesfall des Kaisers Karl VI. von zwölf bis ein Uhr der Anfang gemacht und sechs Wochen lang damit fortgefahren“. ( Aus d. Protokoll der hiesigen Franziskaner, Abschr. Kefer) 1741, 19. October “ . . Den 19. um neun Uhr vormittags fuhren die Commissäre unter Läutung aller Gloggen in die Franziskanerkirche, wo nach dem feyerlichen Hochamte die Bürgerschaft den Eid der Treue mit Aufhebung zweyer Finger, nach der von Stadtschreiber Joseph Demel vorgelesenen Form ablegte.“ (Commissäre der Maria Theresia, Königin von Ungarn und Österreich.)

Anno 1742 den 27. Jänner verbrannte zwischen elf und zwölf Uhr in der Nacht ein Haus in dem Ried fast ganz, und obschon die Bürger tätig Hand angelegt hatten, so konnte die stark ausbrechende Flamme dennoch vor Anziehung der Sturmglocke nicht gedämpft werden. ( Kefer aus Protokoll d. Franziskaner)

1758 erhielt die Klosterkirche ein neues Glockentürmchen

„Anno 1771 den 10. May kamen drey Bußprediger an. Sie wurden mit Prozession und unter Glockenge läute in die Stadt eingeführt“ und so wieder hinausbegleitet. (Vill. Chronik v. Merkle)

Beim Bau der Benediktinerkirche wurden keine Kosten gescheut, um den Turm mit einem kostbaren Geläute zu versehen, das der Villinger Glockengießer Josef Benjamin Grüninger 1767 gegossen hat. Der aus Dürr-heim stammende Bildhauer Philipp Rauch gab den sieben Glocken eine meisterhafte barocke Zierde.

Einige Jahre später, 1781 — 1783 („Die Baar“, Badische Heimat, 8. Jhg. 1921, Sonderausgabe) hat Benjamin Grüninger, wohl der bedeutendste dieser Glokkengießerfamilie, das aus 15 Glocken bestehende kostbare Geläut für das Kloster St. Blasien gegossen. Mit den Glocken der Benediktinerkirche war eine Kunstuhr mit Glockenspiel verbunden, die im Lande so bekannt war, daß Großherzog Friedrich nach Aufhebung des Klosters 1809 diese mitsamt der Silber-mannschen Orgel der evangelischen Stadtkirche in Karlsruhe vermachte.

Vom Münsterpfarramt erhielt ich folgende maschinenschriftliche Notiz in Fotokopie nebst handschriftlicher Ergänzung „von 1807 bei der Säkularisation“ und „Von diesen Glocken ist keine in Villingen geblieben „:

Inventarium

Ueber die in dem ehevorigen Stifte St. Georgen in der Kirche und Thurm befindliche Effekten.

Glocken und Uhr

(m Thurm befinden sich neun Glocken.

1 te wiegt beiläufig    3 950 Pfund

2 te    1 875 do.

3 te    1 075 do.

4 te    504 do.

5 te    254 do.

6 te    130 do.

7 te    61 do.

Diese bilden zusammen ein Glockenspiel — dann folgt die Loretho Gloke 90 do.

die Meßglocke 150 do.

Summe:    8 089 Pfundt.

Die große Thurn Uhr ganz von Eißen mit einem 4 fachen eißernen Ziferblatt welche zugleich mit zwey besondern Gloken versehen u. in der Kirche ebenfals zeigt und schlägt.

Die Villinger Stadträte hatten vergebens versucht, diese sieben wertvollen Glocken für das Münster zu retten und hatten darauf hingewiesen, daß in anderen aufgehobenen Klöstern noch genug entbehrliche Glocken hängen. Auch zwei Deputierte, die man zu diesem Zweck nach Karlsruhe schickte, kehrten

unverrichteter Dinge zurück. (m Jahre 1813 wurden diese Glocken, zusammen mit der großen Glocke von St. Blasien, in Karlsruhe aufgezogen. ( Revellio, S. 174/175)

Am 17. April 1789 wurde durch ein Dekret der vorderösterreichischen Regierung in Freiburg angeordnet, daß die St. Nepomukkapelle entbehrlich, die gestifteten Messen im Münster abzuhalten und das Kapellengebäude, Altar und Glocken an den Meistbietenden zu verkaufen und der Erlös an die kaiserlich-österreichische Kammer in Freiburg abzuliefern seien. (Stöhr, Collectanen v. Kefer)

Durch den Vertrag von Luneville vom 9. März 1801 war Villingen und der Breisgau für kurze Zeit vom Hause Österreich an den Herzog von Modena gekommen, und beim Tode dieses Herzogs 1803 wurde von dieser Regierung ein sechswöchiges Trauergeläut von zwölf bis dreizehn Uhr befohlen.

Als Großherzog Friedrich 1811 starb, wurde von der Regierung ein Trauergeläut von täglich dreimal für drei Wochen angeordnet. (Roder, Rep. 4/1620)

Nach der Auflösung des Franziskanerklosters wurde 1808 um die Überlassung der größeren Glocke an die Bickenkapelle gebeten, weil deren Glocke einen Sprung hatte, was aber die großherzogliche Regierung in Karlsruhe ablehnte mit der Bemerkung, diese Glokken seien armen Pfarreien zu überlassen und die Bickenkapelle zu schließen. ( Roder, Repet. 4/ S.1201)

Ferner wurde angeordnet, daß das Metall der zersprungenen Glocke öffentlich zu versteigern sei und dies in allen umliegenden Ortschaften bekanntzumachen sei. (Münsterarchiv Bi. IX/2 Bickenkapelle betr.)

Über die Bürgermeisterwahl 1841 ist zu lesen, daß der abgetretene Bürgermeister, Rechtspraktikant Karl Wittum, wieder gewählt wurde, und als Oberamtmann Blattmann das Resultat verkündigte, ertönte das Zeichen der großen Glocke. (Schwarzwälder, Villinger Tagblatt)

In der Benediktinerkirche wurde nach Ablieferung ihres Geläutes die kleine Glocke des abgebrochenen Kornhauses aufgehängt; durch freiwillige Gaben wurden aber 1841 wieder vier Glocken gestiftet. ( Fischer, Vill. Verg. S. 71)

1841 wurden auch in Villingen eine Glocke, ein Feuerstahl und Feuersteine gestohlen, und zwar die der Lorettokapelle, die einige Tage später im Stadtwald auf gefunden wurden. (Südkurier, 21.6. 1978)

Als in Villingen 1858 eine große Gewerbeausstellung stattfand, bewegte sich nach Versammlung im Alten Rathaus und Anwohnung beim Festgottesdienst der Zug der Festzugsteilnehmer unter dem Geläute aller Glocken, dem Donnern des Geschützes und den Klängen der Militärmusik, die den eigens zu diesem Zweck komponierten Festmarsch spielte, durch die Riet-und Obere Straße zum Hofe des Ausstellungsgeländes. Der Bickenkapellen-Mesner machte 1889 eine Eingabe an das Pfarramt um Erhöhung seines Lohnes, weil ihm das Geld von den Leichen ( Beerdigungen) verlorenging, was auch genehmigt wurde. Seit altersher gingen nämlich die Leichenzüge an der Bickenkapelle vorbei auf dem Stationenweg zum Friedhof. Während des Vorbeigehens an der Kapelle mußte der Mesner die Glocke läuten, wofür er eine Gebühr von sechs Kreuzer bekam, die ihm jetzt verlorengingen, weil er durch den Bau der Schwarzwaldbahn seinen Garten verloren habe und die Leichenzüge einen andern Weg nehmen müssen (Münsterarchiv).

1894 befand sich auf dem alten Rathausgiebel noch ein eiserner Glockenträger mit kleinem Glöcklein. Das Geläute der Glocken, die sich 1880 in den beiden Münstertürmen befanden, war nicht besonders harmonisch und ein Villinger schrieb damals, daß man sich darob schämen müsse, daß in einer Stadt, in der ein so hervorragender Glockengießer seine Werkstatt habe, ein solch unharmonisches Geläute erklinge. Die Münsterpfarrer und der Stiftungsrat hatten sich schon lange mit der Anschaffung eines neuen Geläutes befaßt. Nach 1880 wurden weitere Vorstöße in dieser Sache unternommen und in kurzer Zeit war durch freiwillige Spenden das Geld für die Anschaffung eines neuen Geläutes mit sechs Glokken beisammen, wobei mit Glockengießer Grüninger vereinbart wurde, daß er die sieben alten Glocken zum Umguß in Zahlung nimmt. Die Villinger Wirtezunft hatte eigens zu diesem Zweck 1 000 Mark gestiftet, die sie später, bei der Auflösung der Zunft, auf 6000 erhöhte. Der katholische Oberstiftungsrat in Karlsruhe, der von der damaligen großherzoglichen Regierung streng überwacht wurde, machte aber große Schwierigkeiten und wollte nur die Anschaffung von drei Glocken genehmigen, wobei einige der alten Glocken im Münster verbleiben sollten. Man war sich aber in Villingen einig, daß dies wiederum nur eine halbe Sache wäre und hat sich von verschiedenen Sachverständigen Gutachten eingeholt; so von Orgelbauinspektor Molitor von Konstanz, vom Orgelbauinspektor Domkapellmeister Monsignore Schweitzer von Freiburg und von Chordirektor Hermann Häberle und Hauptlehrer Boos in Villingen. Domkapellmeister Schweitzer schrieb u. a. am 9. 8. 1897 „Die ganze Verfassung des Geläutes in musikalischer Hinsicht ist ungeordnet, technisch und künstlerisch wenig wertvoll.“

Das Gutachten von Häberle und Boos lautete :

7. Oktober 1888 Gutachten

„Vom wohllöblichen Gemeinderat und der katholischen Stiftungskommission dahier wurden die beiden Unterzeichneten aufgefordert, ein Gutachten über das im Pfarrmünster befindliche Geläute abzugeben. Diesem geehrten Auftrag sind wir nachgekommen und geben hiermit unsere Erklärung im folgenden ab.

Bei genauer Prüfung der Glocken auf den Ton hat sich ergeben, daß die

Große Glocke C

Frauenglocke E

Salveglocke E

Zwölfuhrg locke    G

Totenglocke H

Ablaßglocke H

Vesperg locke B

stimmen. Beim Überblick dieser Töne zeigt sich ein Zusammenfinden von Tönen, welche weder auf ein harmonisches, noch melodisches Geläute Anspruch haben können. Abgesehen davon, daß die Töne E und H zweimal vorkommen und die anderen Töne zum Grundton C im Verhältnis zu den Schwingungen auffallend variieren, kann das Geläute rücksichtlich der Zahl und eigentümlichen Dimensionen der einzelnen Glocken unmöglich den gehofften Effekt machen. Nicht unerheblich schädigend auf einen wohlklingenden Ton ist die Verschiedenartigkeit im Guß selbst; daher das Ungleiche, Störende in der Klangfarbe. Aufgrund der allgemeinen Angaben dürfte sich ein Umguß sämtlicher Glocken nicht nur empfehlen, sondern derselbe ist rücksichtlich unserer örtlichen Verhältnisse sogar dringend geboten. Daß dieses Bedürfnis inzwischen längst gefühlt und anerkannt worden ist, beweist das freundliche Entgegenkommen einer Corporation hiesiger Bürger, welche zu diesem Zweck aus freien Stücken eine ansehnliche Summe als erste Spende angeboten haben. Der Umguß der kleineren Glokken mit Beibehaltung der größeren, dürfte sich umso-weniger empfehlen, als der Aufwand von so namhaftem Betrage ist, der Sache durchaus nicht dient und die wirkliche Absicht nicht erreicht würde.

Als Beweis führen wir an: Die große Glocke ist nachweislich aus den Geschäftsbüchern des Herrn Grüninger auf den Ton A gegossen worden; sie stimmt aber beim Anschlag C, jedoch beim Nachklang ist ihr ursprüngliches A erkennbar. Der Grund hierfür ist begreiflich; es ist allen bekannt, daß unten im Kranz ein größeres Stück herausgebrochen ist. Unter solchen Umständen wäre das Geläute wieder nicht rein und sauber und das kostspielige Unternehmen hätte den gefühlten Mangel wieder nicht beseitigt. Unsere bewährten Meister und Mitbürger, die Herren Grüninger würden durch den Umguß sämtlicher Glocken zu Nutz und Frommen der Stadt Villingen ein Werk erstellen, das auf Jahrhunderte hinaus den Beweis liefern würde, wie sehr es die gegenwärtige Bürgerschaft verstanden hat, das Schöne, Edle und Erhabene zu betätigen.“    Herrn. Häberle, Chordirektor

Boos, Hauptlehrer.

Nach langem Hin und Her wurde erst 1908 vom katholischen Oberstiftungsrat in Karlsruhe die Anschaffung eines neuen Geläutes mit sieben Glocken auf dem Fundament einer sogenannten Brummglocke zur Münsterrenovation genehmigt und die Erlaubnis erteilt, die alten Glocken mit Ausnahme der Totenglocke, die wieder in die Friedhofskapelle soll, umzugießen. Letztere hatte einen Sprung.

Nachdem sich die Genehmigung solange hingezogen hatte und die Villinger ihr neues Geläute zur Beendigung der Münsterrenovation fertig haben wollten, hatte der hiesige Stiftungsrat schon vorher Vorbereitungen zum Guß treffen lassen, was dem Oberstiftungsrat zu Ohren kam und ihn zu einem geharnischten Brief nach Villingen veranlaßt hat.

Dieser lautete :

Karlsruhe, 29. November 1907

„Das Geläute für das Münster betr.

Dem Stiftungsrat ist zu eröffnen und die Eröffnung im Protokollbuch zu bescheinigen, daß er nicht befugt ist, weitere Verhandlungen in dieser Sache abzulehnen. Wie auch dem Stiftungsrat Villingen bekannt sein sollte, ist der Katholische Oberstiftungsrat vorgesetzte Behörde des Stiftungsrats und führt die Aufsicht über die Verwaltungsführung des Stiftungsrats (§ 11 der landesherrlichen Verordnung vom 20. November 18611. Ebenso sollte dem Stiftungsrat bekannt sein, daß die Anbringung neuer Glocken nicht ohne höhere Genehmigung zulässig ist, und zwar auch dann nicht, wenn die Anschaffung aus milden Mitteln erfolgt (vergl. Erzbischöfliches Anzeigenblatt 1895 S. 211) . Ferner ist die Veräußerung der alten Glocken nicht ohne höhere Genehmigung gestattet (§ 33 der Dienstanweisung für Stiftungsräte vom 29. Mai 1863). Die Mitglieder des Stiftungsrats sind geeignet zu belehren. Wir verweisen noch auf § 6 Abs. 2 der Dienstinstruktion, wonach in allen Fällen, in denen eine Genehmigung notwendig ist, an uns berichtet werden muß.

Wir sehen also noch einem Bericht des Stiftungsrats wegen Genehmigung der neuen Glocken entgegen. Vor erfolgter Genehmigung dürfen die alten Glocken nicht aus dem Turm entfernt werden; zur Entfernung einzelner derselben ohne höhere Genehmigung war derselbe nicht zuständig. Wir erwarten, daß sich der Stiftungsrat an die bestehenden Vorschriften hält.“

Unterschrift unleserlich Der damalige Münsterpfarrer, Kaplan ( bald, setzte unter dieses Schriftstück die lakonischen Worte „Wer lacht da“ (Glockenakten i. Münsterarchiv).

5. Juni 1908. „Gestern mittag wurden die sieben Glocken, welche für unser prächtig restauriertes Münster bestimmt sind, von Domkapellmeister Schweitzer geprüft. Derselbe war voll des Lobes über das tonreiche wohlklingende und weittragende Geläute und bezeichnete es als ein Meisterwerk der hiesigen berühmten Firma Grüninger. Unsere herzliche Gratulation. Um elf Uhr heute vormittag, gerade als das neue Realgymnasiumgebäude seiner Bestimmung übergeben wurde, läuteten die alten Glocken zum letztenmal; es war ihr Sterbegeläute. Welche Gedanken mögen dabei nicht den größten Teil der Einwohner beschlichen haben? Mit dem Abbruch des alten Glockenstuhls wurde bereits begonnen. Der Münsterplatz ist gesperrt.“

Über die Glockenweihe berichtet das Villinger Volksblatt am 14. Juni 1909 folgendes: Die Glockenweihe gestaltete sich gestern ( 13. Juni) zu einem Freudentag für die ganze katholische Gemeinde. Am Freitag schon wurde auf der Südseite des Münsterplatzes ein starkes Gerüst erstellt, an welches die sieben prachtvollen Glocken aufgehängt und mit Tannenreis und Blattpflanzen geschmückt wurden. Gegen drei Uhr gestern mittag verkündeten Böllerschüsse den Beginn der Feier. Die Festpredigt hielt Hochw. Kurat Haller aus Heidelberg, ein gebürtiger Villinger und Neffe der Herren Glockengießer Adelbert und Benjamin Grüninger. In meisterhaften, packenden Worten verstand es der Festredner, den Kopf an Kopf harrenden Gläubigen die Bedeutung der Glocken und ihre Bestimmung zu schildern. Mögen seine an den feierlichen Akt geknüpften Wünsche alle in Erfüllung gehen.

Der Guß verlief ohne Unfall mit Hilfe Gottes, den Meistern und Gesellen, im Verein mit den umstehenden Zuschauern, die um seinen Beistand anflehten. Nach der Predigt begab sich die Geistlichkeit, mit der Stadtmusik an der Spitze, in feierlicher Prozession nach dem von Menschen dicht gefüllten Münsterplatz, um die Weihe der Glocken, die Waschung, Salbung und Räucherung vorzunehmen. Zu dieser Handhabung waren anwesend :

Kaplan Lang und Kaplan lbald von hier,

Pfarrer Schüber von Unterkirnach,

Pfarrer Bechtold von Pfaffenweiler, die Mehrzahl der Gemeinderäte,

die katholischen Stiftungsräte,

die Herren Glockengießer Grüninger.

Zum Schluß intonierte dieStadtmusik das „Te Deum „, in das die Menge kräftig einstimmte. Um 16.45 Uhr war die Feier, die bei Alt und Jung wohl zeitlebens in Erinnerung bleiben wird, beendigt.

Die Glocken wurden am 18. Juni 1909 aufgezogen. Die Gesamtkosten der sieben Glocken, mit dem neuen Glockenstuhl, betrugen rund 44.000 Mark, ein Betrag, der sich durch die an Zahlungsstatt gegebenen acht alten Glocken auf 25.000 Mark ermäßigte.

Der Oberstiftungsrat in Karlsruhe hat dann erst am 17. Februar 1910 die Bezahlung der Glocken genehmigt.

Wie schon angeführt, wurden die alten Münsterglokken zum Umguß für das neue Geläut verwendet. Die Bemühungen des damaligen Pfarrers I bald und des großherzoglichen Landeskonservators Wagner, wenigstens die alte große Glocke von Reble zu retten, waren leider vergeblich. Obwohl der Oberstiftungsrat am 18. Mai 1907 schrieb, daß die alten Glocken keinen Altertumswert beim Verkauf an ein Museum hätten, schrieb das erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg am 18. Juni 1907, wenn unter den alten Glocken eine für die Altertümersammlung ( heutiges Rathausmuseum) Wert hätte, solle der Versuch gemacht werden, diese dorthin zu verkaufen. Es wurde hierzu sogar ein Staatszuschuß versprochen, aber der hiesige Spendenaufruf zum Kauf dieser Glocke mit einem Metallwert von 7.600 Mark verlief ohne Widerhall. Ganze sechs Mark wurden gespendet, so daß die Stadt vom Kauf dieser Glocke für die Altertümersamm lung absah. Wahrscheinlich war die Bevölkerung durch die Spenden für das neue Geläute zu stark strapaziert.

Revellio hat später dieser alten ehrwürdigen Glocke einen Nachruf gewidmet und bedauert, daß zu jener Zeit in Villingen keine Leute waren, die den Wert dieser Glocke erkannten. Der Landeskonservator empfahl, wenigstens von dieser Glocke ein Gipsmodell anzufertigen, was auch geschah, und nach Empfang einer Abbildung bedauerte er in seinem Dankschreiben nochmals, daß der Erhalt dieser wertvollen Glocke, „die zu den schönsten im Lande“ zählt, nicht möglich war.

( Revellio, Beiträge .    S. 108 ff.)

 

Die Glocken der Münstertürme, gegossen in der Glockengießerei Benjamin Grüninger Söhne, einst Bickenstraße 196; ( heute Nr. 24) genauer: in der Gießerei hinter diesem Gebäude, an der inneren Ringmauer und zwischen dem Großherzoglichen Bezirksamt, einem Teil des heutigen Landratsamtes, sowie der evangelischen Johanneskirche. Der Guß erfolgte ab 1906, die Glockenweihe war 1909. Entgegen dem Bericht des Villinger Volksblatts (s. Text weiter vorne) wurden die Glocken nicht „in einem starken Gerüst aufgehängt „. Es sind vielmehr die neuen Glockenstühle aus Stahl, die an Stelle der hölzernen aus dem Mittelalter traten und die sich auch heute noch in den Türmen befinden. Auf der linken Bildhälfte sind das Gestühl und die Glocken des Südturms, die rechte Seite zeigt den Inhalt des Nordturms mit der größten Glocke, as 108 Ztr. (1,94 m); ferner alle übrigen: des, es, f, as, b, des. Diese Glocken überlebten den Ersten, nicht aber den Zweiten Weltkrieg; sie wurden im Kriegsjahr 1942 von den Türmen geholt.

 

Die drei Personen in der Mitte des Bildes sind:

Links, der Mann mit dem „Nikolausbart“, Josef Benjamin IV. Grüninger, gest. 1912, der Erbauer der im Jugendstil errichteten „Grüninger-Villa“, Ecke Güterbahnhofstraße / alte Schwenninger Straße, unmittelbar östlich des heutigen Fußgängerüberwegs über die Bahngeleise. ( Das Haus steht derzeit leer und macht leider einen heruntergekommenen Eindruck. Es ist denkmalwürdig.) In der Mitte, der jüngere Mann mit dem kahlen Kopf, ist Josef Benjamin V., gest. 1927, dessen erhaltenswerte Grabstätte mit der Glocke auf dem Friedhof zu sehen ist. (Wir haben sie in diesem Heft abgebildet.) Der rechts vor ihm stehende Herr, ebenfalls mit Bart, ist Georg Adalbert, der Bruder von J. B. IV., ein Mitgesellschafter, gest. 1918. Es ist der Großvater des heutigen Vorstandsmitglieds des Geschichts- und Heimatvereins, Paul Grüninger. Mit Benjamin VI. Grüninger ging zu Beginn des 1960er Jahre die Glockengießerlinie zu Ende. (S. Text)

Dieses in der Altertümersammlung aufgestellte Gipsmodell ist nach dem Zweiten Weltkrieg, angeblich bei einer Umgruppierung, zerbrochen.

Das neue Münstergeläute war wirklich ein Meisterwerk der Glockengießer Grüninger, und es war so hervorragend im Klang, daß es wegen seines hohen musikalischen Werts im Ersten Weltkrieg (1914 — 1918) von der Ablieferung verschont wurde. (ch erinnere mich noch gut daran, wie nach den ersten großen Siegen des Ersten Weltkriegs mit allen Glocken der Stadt zusammen geläutet wurde.

Nach dem Ersten Weltkrieg, um das Jahr 1920, scheint sich nur noch eine Glocke auf dem Benediktinerturm befunden zu haben. Den Hinweis liefert ein Beitrag aus einer namentlich und zeitlich nicht mehr feststellbaren Tageszeitung aus Villingen, der nachstehend im vollen Wortlaut abgedruckt ist. Es muß jedenfalls vor 1921 gewesen sein, wie aus einer späteren, weiter unten aufgeführten Bemerkung des evangelischen Stadtpfarrers Otto Nußbaum (1899 — 1945) zu entnehmen ist. Von zeitgeschichtlichem Interesse ist vor allem auch, wie weit man damals noch vom ökumenischen Gedanken entfernt war.

Offener Sprechsaal.

( Freier Ort für freies Wort. Für die Artikel unter dieser Rubrik übernimmt die Redaktion lediglich die preßgesetzliche Verantwortung.)

Die Glocken der evangel. Kirche in Villingen betr. Villingen, 12. Juli. Der Aufruf des prot. Herrn Dekans Barner hier an die Mitbürger von Villingen, die protestantische Gemeinde in der Beschaffung von neuen Glocken mit Geldmitteln zu unterstützen, hat in katholischen Kreisen vielfach ernstes Befremden erregt. Man ist allerdings sich nicht ganz klar, ob von Katholiken auch eine Gabe gewünscht wurde. Wenn dies der Fall wäre, so müßte man doch unsern andersgläubigen Mitbürgern zu bedenken geben, daß wir für unsere katholischen Bedürfnisse gerade genug der milden Unterstützung bedürfen. Wie viele Tausende benötigen wir allein für unsere Benediktinerkirche. Für die Renovation, Neueindeckung des Turmes, ein vollständig neues Geläute — die jetzige Glocke ist doch vom Münstergeläute geliehen. Von sonstigen Bedürfnissen wollen wir heute gar nicht sprechen. Wir sind der Ansicht und mit uns viele kathol. Mitbürger, daß jede Konfession allein für ihre Bedürfnisse aufkommen sollte — die Katholiken für die ihrigen, und die Protestanten für die ihrigen.

Im Zweiten Weltkrieg galten leider andere Bewertungsordnungen. Laut „oberem Befehl“ waren nur solche Glocken von der Ablieferung befreit, die einen besonderen Altertumswert hatten und wenn mehrere dieser Art vorhanden waren, nur eine davon. Es galt der Grundsatz : Alter ist wertvoller als Klang. Zu diesem Zweck wurden von der „Reichsstelle Metall“ alle Glocken in die Gruppen A, B, C und D eingestuft. Nur die in „D“ eingereihten Glocken wurden von der Ablieferung verschont. Nachdem alle Bemühungen des damaligen Münsterpfarrers, Dekan Weinmann, zur Rettung des Geläutes umsonst waren, hat er versucht, es wenigstens im Ton auf einer Schallplatte festzuhalten, was aber technisch nur schlecht gelungen ist. Auch die Fideliskirche sowie die evangelische Kirche in der Gerberstraße, deren Turm als ehemalige Johanniter-kirche 1336 vollendet wurde, mußten die Glocken bis auf die kleinste abgeben. Selbst die kleinen Glöcklein der Bicken- und Lorettokapelle mußten geopfert werden.

Geht man davon aus, daß 1914 — 1918 neben dem Münstergeläute auch die Glocke der Lorettokapelle nicht abgegeben werden mußte, dann hat sich dort gemäß eines handschriftlichen Hinweises, der über die Münsterpfarrei 1984 zu erhalten war, bis zum Zweiten Weltkrieg der Bestand so dargestellt: „1819 (nventar Glocke wog ( ?) 105 Pfund“. Es müßte sich um die 1841 vorübergehend gestohlene und im Wald wiedergefundene Glocke gehandelt haben, wie wir weiter vorne schon lesen konnten.

Der ebenfalls weiter oben erwähnten handschriftlichen Mitteilung aus dem Bickenkloster, die uns ebenfalls über die Münsterpfarrei erreichte, entnehmen wir, daß „eine Notiz aus dem Jahre 1942, als die Münsterglocken abgegeben werden mußten“ lautet: „Unsere Glocke wurde belassen wegen Altertumswert und zu geringem Gewicht.“ (Darauf wird weiter unten zurückzukommen sein.)

Für die evangelische Kirchengemeinde hat ihr damaliger Pfarrer an der Johanneskirche in der Gerberstraße, Otto Nußbaum, am 11. Februar 1942 folgende Aufzeichnungen gemacht:

Abgabe der Bronzeglocken

Am 5. 2. 42 erfolgte die Benachrichtigung der Kreishandwerkerschaft über die Abgabe der Glocken. Jedoch wurden die Glocken schon am 3. und 4. 2. 42 vom Turm herabgenommen. Der Gemeinde wurde es unmöglich gemacht, von ihren Glocken Abschied zu nehmen. Der unterzeichnete Geistliche gedachte der Glocken am darauffolgenden Sonntag im Gottesdienst mit Verlesung des Wortes des Herrn Landesbischofs.

Abgeliefert wurden folgende Glocken :

1) Die grösste mit 1000 kg, Ton f, im Jahre 1853 gegossen mit Aufschrift: Hallt laut durch Thal und Höhn ihr Glockenklänge wieder, Denn Gott schaut gnadenreich auf diesen Bau hernieder. Hallt laut zu seiner Ehr, dringt mächtig himmelan, Und preiset fort u. fort, was Er an uns getan! Der Evang. Gemeinde Villingen am 9. 9. 1863 übergeben.

Kirchengemeinderäte waren: Theodor Nüssle, Pfarrer, Joh. Georg Uibel, Friedr. Hielbauer, Andreas Maier, Georg Schuler

Gegossen von Benjamin Grüninger in Villingen 1853.

2) Die nächstgrösste mit 568 kg, Ton as, mit Aufschrift :

Über der Heimat liegt Not und Leid,

Herr, lass mich künden bessre Zeit.

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir.

Für die im Krieg 1914/18 abgegebenen 2 Glocken wurden 3 neue aus freiwilligen Gaben gestiftet u. im Oktober 1921 der Gemeinde übergeben. Der Kirchengemeinderat: A. Barner, Stadtpfarrer u. Dekan, K. Grosshans, Chr. Hils, W. Killius, C. Kurz, Joh. Messner, J. B. Neininger, Vikar H. Bach, Missionar

Gegossen v. Benjamin Grüninger Söhne in Villingen 1921.

3) Die nächstgrösste mit 341 kg, Ton h, mit der

Aufschrift :

Vergiss der teuren Toten nicht.

Christus spricht:

Ich bin die Auferstehung und das Leben.

Zum ehrenvollen Andenken an die im Kriege

1914/18 gefallenen tapferen Söhne der Evang.

Gemeinde Villingen.

Gegossen von Benjamin Grüninger Söhne Villingen 1921.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, bei der Besetzung Polens, mußten beim Einmarsch in Warschau auf höhere Anordnung zum Gedenken des Sieges und der Gefallenen sieben Tage lang zwischen 12 — 13 Uhr alle Glocken der Stadt erklingen. Später durften die einzelnen Glocken nur noch zwischen 8 — 18 Uhr geläutet werden.

Es war die Zeit des hohlen Pathos, das auch in einem Beitrag zur Glockengeschichte seinen Niederschlag fand und den wir mit seiner Einleitung zitieren. Ein angesehener Bürger, der sich viel mit Heimatgeschichte befaßte (J. H.) schrieb damals in der Villinger Tageszeitung unter dem Titel „Villinger Glocken in Geschichte und Schicksal“: Auch die Villinger Glocken sind in diesen Tagen von den Türmen herabgestiegen, um sich zur Verteidigung des Vaterlandes zur Verfügung zu stellen. Daß der Abschied der tönenden Begleiter der Stunden des Lebens einer Stadt vielen Bewohnern nahegeht, ist nicht zu verwundern. Die Empfindungen des Herzens müssen aber zurücktreten vor der Erkenntnis, daß keine Möglichkeit unausgeschöpft bleiben darf, unserer Wehrmacht die besten und stärksten Waffen zu geben. …

Schaut man nach vierzig Jahren noch einmal zurück und erinnert sich der Lage, dann ist Bedrückung ein mildes Wort über das, was man aus den leidvollen Folgen menschlicher Verirrungen erfahren mußte.

Nach Kriegsende waren von der Münsterpfarrei nur noch folgende Glocken vorhanden:

Im Münster: Eine Glocke, 357 kg, 1906 — 1909 von Grün inger gegossen,

im Benediktiner: Eine Glocke, 177 kg, 1924 von Grüninger gegossen,

im Kloster St. Ursula : Eine Glocke, 175 kg, 1615 von Reble gegossen. (S. weiter oben handschriftliche Notiz aus dem Kloster)

Nach Kriegsschluß befanden sich in Lagern bei Hamburg und Bremen noch größere Stückzahlen abgelieferter Kirchenglocken, die nicht mehr zum Einschmelzen gekommen waren und die später, soweit sie identifiziert werden konnten, an die Heimatkirchen zurückgegeben wurden. In den Kreis Villingen kamen zurück: Eine Glocke der Bickenkapelle, 35 kg, von Meinrad Grüninger 1791 gegossen. Sie konnte nicht mehr in die Kapelle heimkehren, diese war am 20. Februar 1945 durch einen Bombenvolltreffer zerstört worden. Ferner zwei Glocken von Rohrhardsberg, eine Glocke von Buchenberg, eine Glocke von Tennenbronn.

Glockenfriedhof am Hamburger Hafen, 1946.

 

 

Im November 1872 erwarben die Grüningersöhne Adalbert und Benjamin das ehemalige Amtshaus der Johanniter in der Bickenstraße 24 und erstellten dahinter im Hof, entlang der inneren Ringmauer, ihre neue Glockengießerei.

 

Von Süden gesehen geht der Blick über den Hof des heutigen Landratsamtes. Rechts ein Teil des ehemaligen Großherzoglichen Bezirksamts, links die evangelische Johannes-kirche mit Turm, im Hintergrund das ehemalige Amtshaus mit der Rückseite. Über dem Dach die Spitze des Bickentores. An Stelle des verbindenden Neubaus, rechts, stand die Glockengießerei bis 1924.

Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Glocken der einzelnen Pfarreien wieder ergänzt. Inzwischen war eine durch den verlorenen Krieg bedingte Bevölkerungsverschiebung in Gang gekommen, die alle bisherigen kleinstädtischen Dimensionen sprengte. Es kam, hauptsächlich durch vertriebene Landsleute bzw. Umsiedler, zu einer Bevölkerungsvermehrung um mehr als das Doppelte. Neue Pfarreien und kirchliche Gemeinschaften entstanden. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, wollten wir alle bis zum Jahre 1984 mit der Geschichte auch ihrer Glocken auflisten. Mit Ausnahme der Pfarrei Bruder Klaus beschränken wir uns auf die „klassischen“ Gotteshäuser und hier nur soweit, als Informationsmaterial erhältlich war.

Das Münster bekam seine neuen Glocken 1954. Das Geläut war am 6. August 1954 von Schilling in Heidelberg gegossen und am 12. September 1954 von Abt Dr. Ohlmeyer vom Stift Neuburg eingeweiht worden. Dekan Max Weinmann wies bei der Weihe darauf hin, wie schmerzvoll es gewesen sei, als im Februar 1942 die alten Glocken von den Türmen geholt worden seien und daß es für die Pfarrei ein freudiges Ereignis war, als am Pfingstmontag 1945 wieder ein dreistimmiges Geläute aus zum Teil geliehenen Glokken erklang, wozu vorübergehend auch die Glocke von der Grabstätte der Familie Grüninger verwendet wurde, die man bereits gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von ihrem Sockel genommen hatte, wo sie heute wieder zu sehen ist. ( Die Sache brachte Dekan Weinmann damals einigen Ärger, weil er wohl vom Villinger Glockengießer Grüninger die Erlaubnis erhalten hatte, aber versäumte, dessen auswärtige Geschwister anzufragen.)

Das jetzige Münstergeläute hat die gleichen Töne wie das vorherige. Zu den Einzelheiten, insbesondere der glockenmusikalischen Seite, erhalten wir dankenswerterweise über den Pfarrgemeinde-und Stiftungsrat folgende Mitteilung:

Glockenweihe vor dem Münster, 1954.

 

Das 1954 gegossene Münstergeläute ist genau disponiert wie das Vorkriegsgeläute Es wurde allerdings aus Kombinationsgründen eine c“-Glocke eingefügt und umfaßt heute 8 Glocken.

Die Glockeninschriften lauten :

a) Auf allen Glocken: „Gegossen im Marianischen Jahr 1954“

b) Den einzelnen Glocken:

1. as° = 5.400 kg

„Christkönig“

König der Glorie, Christus, komme mit dem Frieden!

Gestiftet von der Stadtgemeinde Villingen zum Gedächtnis der Toten beider Weltkriege und zum Andenken an das Jubiläum der Tallardschen Belagerung im Jahre 1704.

2. des‘ = 2.100 kg

„Maria“

glorreich in den Himmel aufgenommen, bitte

für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen!

3. es‘    = 1.400 kg

„St. Josef“

hilf in aller Not, in unserem Leben und im Tod.

Gestiftet von Familie Josef Kaiser und Magdalena geb. Schrodi.

4. f‘    = 1.000 kg    (Taufglocke)

„St. Johannes der Täufer“

Stimme eines Rufenden in der Wüste.

Gestiftet von Familie Hermann Schwer und Johanna geb. Schöller.

5. as‘    =    600 kg

„St. Petrus und Paulus“

Hirte der Herde, St. Petrus und Künder der Wahrheit, St. Paulus, bittet für das Volk und tretet ein für die Geistlichkeit.

6. b‘    =    450 kg

„Bruder Klaus“

Heiliger Niklaus, Vater des Vaterlandes, führe Deutschland in Freiheit friedlich vereint zu ehrvollem Ruhm.

Gestiftet vom Münsterpfarrer und den Mitgliedern des Münsterstiftungsrates U. L. Frau.

7. c‘    =    350 kg

„HI. Pius X“

(Omnia restaurare in Christo)

Alles erneuern in Christo!

8. des“ =    250 kg

„H(. Schutzengel“

Heiliger Schutzengel mein, laß mich dir empfohlen sein.

Gestiftet von Familie Gustav Eigeldinger.

Aus läutetechnischen Gründen (die seinerzeitigen Läutemaschinen haben diese Maßnahme bedingt) wurden die Klöppel der Christkönig-und Marienglocke gleich nach ihrer Einbringung in die Türme gekürzt. Diese Maßnahme ist, wie jüngst vom Erzbischöflichen Glockeninspektor Kurt Kramer in Karlsruhe festgestellt wurde, sehr nachteilig und schadet auch den heutigen Läutemaschinen. Die Klöppel werden deshalb noch im laufenden Jahr 1984 in ihren alten Zustand gebracht.

Wie Experten wissen, ist das heutige Münstergeläute glockenmusikalisch nicht vollständig. Der Tonsprung zwischen der großen Glocke as° (108 Zentner) und der zweitgrößten Glocke des‘ (42 Zentner) beträgt eine Quarte, was es normalerweise nicht gibt. Die dem Münstergeläute fehlende Glocke entspricht etwa der großen Glocke von St. Fidelis in Villingen. Bautechnische Gründe des St. Fidelisturmes verhindern die ursprünglich angestrebte akustische Verschmelzung der Klangkörper von St. Fidelis und Münster. Ferner läuten die Münster- und St. Fidelisglocken nur selten gemeinsam.

Ein Freundeskreis Münstergeläute hat sich deshalb die Vervollständigung dieses Geläutes zur Aufgabe gemacht. Als Ergänzung käme eine b°-Glocke (68 Zentner) in Frage. Technische Schwierigkeiten gibt es laut Prüfungsbericht des Glockeninspektors nicht. Die Kosten für den Glockenguß einschließlich Erz betragen 65.000— DM. Hinzu kommen die Kosten für die Installation der Glocke im Turm.

Der Freundeskreis hat diese Aktion im Einvernehmen mit Pfarrgemeinde- und Stiftungsrat der Münster-pfarrei schon im Jahre 1978 ins Leben gerufen. Auf ein Kanzelwort oder auf eine sonstige offizielle Spendenaufforderung wurde aber damals im Wissen um die großen Spendenleistungen der Pfarrgemeinde für die Münsterrenovation verzichtet.

Erst anläßlich des Jahresabschlußgottesdienstes an Silvester 1983 hat der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, Herr Dr. August Kroneisen, in seinem Jahresbericht erstmals offiziell der Pfarrgemeinde von dieser Aktion berichtet. Obwohl diese Bemühungen sozusagen in aller Stille und wie gesagt ohne offizielle Unterstützung ins Leben gerufen wurden, haben Gönner bis jetzt die stattliche Summe von 44.000— DM gespendet. Ferner hat ein Villinger (ndustriebetrieb eine Sachspende von 2 t Kupfer im Wert von 10.000.— DM zugesagt. Das Vorhaben wird ausschließlich aus Spendengeldern finanziert; Kirchensteuergelder werden also nicht in Anspruch genommen. Aller Voraussicht nach kann bei gleichbleibender Spendenfreudigkeit der Glockenguß 1984 in Auftrag gegeben werden, so daß möglicherweise zu Weihnachten 1984 diese Ergänzungsglocke zur Freude aller Villinger läuten wird.

Die erste, mehr behelfsmäßig im Jahre 1926 entstandene Fideliskirche, die gleichzeitig die erste Kirche in der Südstadt wurde, hat man im Jahre 1953 abgerissen. Die Grundsteinlegung für die neue Kirche war am 8. 11. 1953. Die Weihe des Grundsteins erfolgte durch den Geistlichen Rat Dekan Weinmann. Am 14. 11. 1954 hat Bischof Augustin Olbert die fertiggestellte Kirche geweiht. Über das neue Geläut der Kirche berichtet das Gutachten des Dr. Johannes Maier, Erzbischöfl. Musikdirektor und Fürstl. Hohenz. Archivrat, aus Sigmaringen, unter dem 20. März 1958: Gutachten über das neue Geläute der kath. Stadtpfarrkirche
St. Fidelis in Villingen

8. 11. 53 Grundsteinlegung! Weihe des Grundsteines durch Geistl. Rat Dekan Weinmann

14. 11. 54 Weihe der Kirche durch H. H. Bischof Augustin Olbert

Der Unterzeichnete hat am 13. (((. 1958 in der Glokkengiesserei von F. W. Schilling / Heidelberg das neue Fünfgeläute für die kath. Stadtpfarrkirche St. Fidelis in Villingen einer eingehenden Abnahmeprüfung unterzogen, über welche, wie folgt, gutachtlich zu berichten ist:

Im Werkhof der Giesserei wurden frei aufgehängt fünf Glocken respektablem Gewicht, welche äusserlich hinsichtlich Sauberkeit der Glockenoberfläche, klarer Profilierung der Reliefs in Schnittechnik einen guten Eindruck machten. Die Glocken tragen erfreulicherweise nur sparsame (nschriften, besonders gefallen hat mir in ihrer äusseren Zier die mächtige Christkönigsglocke.

Mit Präzisions-Stimmgabeln wurde an die musikalische Untersuchung der fünf Glocken gegangen und folgende Haupt- und Harmonietöne derselben ermittelt:

Glocke    I ca. 3000 kg    II ca. 2300 kg

Christkönig    St. Fidelis

Schlagton    b — 6/16    des‘ — 4/16

Prim    b — 6/16    des‘ — 4/16

Terz    des‘ — 4/16    fes‘ — 1/16

Quinte    f‘ — 6/16    as‘ — 4/16

Oberoktav    b‘ — 6/16    des“ — 4/16

Unterokt.    — 6/16    des — 4/16

Dezime    d“-4/16    f“— 2/16

Duodezime    f“-6/16    as“ — 4/16

llI ca.1500 kg    IV ca. 1100 kg    V ca. 640 kg

Muttergottes    St. Elisabeth    Bernh. v. Baden

es‘ — 6/16    ges‘ — 4/16    as‘ — 4/16

es‘ — 6/16    ges‘ — 4/16    as‘ — 4/16

ges‘ — 4/16    bb — 2/16    ces“ — 2/16

b‘ — 6/16    des“ — 4/16    es“ — 4/16

es“ — 6/16    ges“ — 4/16    as“ — 4/16

es — 6/16    ges — 4/16    as — 4/16

g“ — 4/16    b“ — 4/16    c“ normal

b“ — 6/16    des“ — 4/16    es“‚ — 4/16

Hinsichtlich Reinstimmung und Innenharmonie dieses neuen Fünfgeläutes für St. Fidelis in Villingen wäre zu sagen :

Es spricht sehr viel für die verantwortungsbewusste und genaue Gussvorbereitung der bekannten Glockengiesserei von F. W. Schilling, wenn diese fünf Glocken so tadellos aus der Grube kamen, dass kaum wesentlich nachgeschliffen werden musste um zu dieser vorzüglichen, nahezu mathematisch strichreinen Rein-stimmung und Innenharmonie zu gelangen.

Alle Werte stehen harmonisch etwas tiefer als die Normalstimmungen der genannten Töne, wodurch das herrliche Geläute noch gewichtiger herauskommt. Die Mollterzen sind jeweils bei den 5 Glocken etwas angehoben und damit der naturreinen Mollterz angenähert, was Meister Schilling aus glockenmusikalischen Gesichtspunkten besonders liebt damit die Mollterz weich und leuchtkräftig hervortritt.

Es wurden folgende Nachhallwerte bei den fünf Glokken abgestoppt :

160 Sek. / 140 Sek. / 110 Sek. / 90 Sek. / 75 Sek. Diese Nachhallwerte sind gut zu nennen, sind jedoch für die letzte Beurteilung einer Glocke nicht entscheidend. Glockenmusikalisch gesehen hatte ich von sämtlichen fünf Glocken des neuen Geläutes für St. Fidelis in Villingen einen sehr tiefen, ausgezeichneten Eindruck. Bei aller Resonanzkraft wirklich lebhaft auf-singender Glocken hat dieser Schillingsche Guss so ausserordentlich viel Wärme, Beseeltheit.

Man spürt aus dem Wogen dieser Glocken, dass die hohe Verantwortung und gläubige Herzwärme eines hochbetagten Glockengiessers hinter ihnen steht.

Bei längerem Anhören nach den Klöppelanschlägen wurden u. a. bei der Werkprüfung folgende Notizen gemacht :

Christkönigsglocke : hervorragende Grundglocke, breit und warm ausladend, in strömender Resonanz, i. d. Intonation voll, sonor und warm.

St. Fidelisglocke: fulminant in dem Ausstrahlen ihrer Resonanzquellen, eine Fidelisglocke, die grosse Wärme u. herrliche Ruhe u. Glaubenszuversicht ausschwingt. (m Unteroktavbereich gesättigt u. voll.

Marienglocke : in der (ntonation tragfähig, schwer und voll singend, dabei mild beseelt, ausgesprochen edel und warm.

St. Elisabeth: eine Elisabethenglocke von milder Resonanz, im Unteroktavbereich bestens fundamentiert, im Obertonbereich leuchtkräftig und warm singend. Bernhard v. Baden : eine freundliche, dem Landespatron gewidmete Randglocke nach oben, obertönig gut aufgehellt, leuchtkräftig tragend, ohne jedwede Härte der Intonation.

In abschliessendem längeren Anhören des Gesamtgeläutes und von Teildispositionen wurde der sichere und beglückende Eindruck gewonnen, dass Meister Schilling hier wiederum ein ganz vorzüglicher Guss gelungen ist, zu dem die empfangende Gemeinde nur beglückwünscht werden kann.

Dr. Johs. Maier

Erzbischöflicher Orgel-und Glockeninspektor

Stellvertretend für alle nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen neuen Pfarreien hier die Daten über St. Bruder Klaus, draußen im Goldenen Bühl, in der Offenburger Straße:

Grundsteinlegung: 5. Mai 1963

Bauzeit :    1963/64

Weihe:    13. Dezember 1964 Glocken:

Guß-Datum :    8. November 1963

Gießerei :    Friedrich W. Schilling, Heidelberg

Glockenweihe :    8. Dezember 1963

Glocke 1:

cis‘ — 6, 0 1519, 2300 kg, H(. Bruder Klaus von Flüe

Glocke 2:

e‘ — 4, 0 1241, 1324 kg, St. Maria Königin

Glocke 3:

fis‘ — 5, 0 1109, 918 kg, H(. Papst Pius X.

Glocke 4:

gis‘ — 6, 0 983, 638 kg, HI Johannes Vianney

Glocke 5:

h ‚ — 4,O 870, 447 kg, HI. Josef

 

Zu einem Denkmal aus der Geschichte der Stadt und alter Villinger Geschlechter ist inzwischen diese Grabstätte von Benjamin V. Grüninger, gest. 1927, auf dem Villinger Friedhof geworden. Benjamin V. war der letzte Grüninger aus der seit 1645 in Villingen wirkenden Glockengießer-Dynastie, der hier seine letzte Ruhe fand. (Sein Sohn Benjamin Vl. ist nicht in Villingen bestattet.)

 

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde diese Glocke „kriegsdienstverpflichtet „, d. h., man holte sie von ihrem Sockel, um sie anstelle der „eingezogenen“ Glocken zu läuten. Nach dem Krieg ist sie als Symbol des Friedens auf die Ruhestätte zurückgekehrt.

Unser Aufruf richtet sich an die Stadt — und hier zuvorderst an das Garten- und Friedhofsamt —dieses Kulturdenkmal zu erhalten, falls die Angehörigen nach Ablauf der Belegungszeit das Grab aufgeben sollten!

Über den Bestand und gewisse Probleme berichtet ein Aktenvermerk des Amtlichen Glockensachverständigen H. Rolli, mit Verteileradressen, von 1974, unter der Überschrift: „Turm und Geläute der Benediktinerkirche in Villingen“

Am 5. September 1974 habe ich mit Herrn Schneider, Schonach, und Herrn Architekt Obergfell, Villingen, Turm und Geläute der Benediktinerkirche, Villingen, inspiziert. Es wurde folgendes festgestellt:

(n dem etwas leicht gebauten (älteren?) Stahlglockenstuhl hängen 5 Glocken mit folgenden Tönen und Gewichten und Anschlagzahlen:

1)     ges‘        905 Kg        54 Anschläge / Min.

2)     b‘        536 Kg        58 Anschläge / Min.

3)     des“        307 Kg        62 Anschläge / Min.

4)     es“        303 Kg        65,5 Anschläge / Min.

5)     f“        210 Kg        68 Anschläge / Min.

Die Glocken sind 1955 von F. W. Schilling in Heidelberg gegossen. Sie hängen an Holzjochen und werden mit Maschinen von Hörz geläutet.

Beim Einzelgeläute wird der Turm durch Glocke 1 und 2 und in geringem Mass auch durch 3 in starke Schwingung versetzt. Es handelt sich dabei offensichtlich durch Aufschaukelung infolge Resonanz mit der Turmeigenschwingzahl. Meines Erachtens kann man die starken Bewegungen dem Mauerwerk des Turmes auf die Dauer nicht zumuten.

(ch habe daher angeraten, Herrn Prof. Dr. F. P. Müller, T. U. Karlsruhe, den Auftrag zu geben, eine Schwingungsuntersuchung vorzunehmen. Aufgrund ihres Ergebnisses können dann Abhilfemassnahmen im Benehmen mit der Glockengiesserei Heidelberg und mit mir besprochen und geplant werden.

Zur einstweiligen Information erhalten Durchdruck von diesem Aktenvermerk:

1) das Münsterpfarramt, Villingen

2) Prof. Dr. F. P. Müller, Betoninstitut T. U. Karlsruhe

3) Architekt Obergfell, Villingen, Konstanzerstr. 22

4) Glockengiesserei Heidelberg

5) Firma Schneider, Schonach

Von den heutigen evangelischen Kirchen sei, der Beschränkung wegen, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg einzige, die Johanneskirche in der Gerberstraße genannt. Auch sie erhielt, wie das Münster, im Jahre 1954 neue Glocken, und zwar drei Stahlglocken des Bochumer-Vereins, nachdem ihr schon zuvor Grü-ninger die bronzene Taufglocke geschenkt hatte.

Inzwischen sind fast vierzig Jahre seit Ende des Krieges vergangen. Die Bevölkerungsbewegungen sind im wesentlichen zum Stillstand gekommen und wo neue Kirchen mit ihren Glocken benötigt werden, sind sie errichtet. So mag eine Bildnotiz im SÜDKURIER vom 4. Mai 1984 ( Nr. 103) von Interesse sein. Dort heißt es: Der Bedarf an Kirchenglocken in Baden-Württemberg geht zurück: Wurden 1950 noch 1680 Tonnen Glocken gegossen, so waren es 1982 lediglich noch 188 Tonnen. Von einem Wandel der Aufgaben einer Glockengießerei spricht Jürgen Notheis, technischer Leiter der Glockengießerei Metz in Karlsruhe. Es scheint bezeichnend für die Zeiger der Zeit, daß auf dem Bild in der Zeitung eine Glocke zu sehen ist, die ihren Weg ins ferne Guadelupe nehmen wird.

Dennoch, wenn der Ton der Glocken zu schwingen beginnt, nimmt er auch uns mit in die tröstliche Gewißheit österlicher Erwartung, macht uns feierlich und gebannt und wo der Glaube schwindet, ist er, um es mit Goethes Faust zu sagen, ein Ruf zurück ins Leben.