Scharfe Messer aus der Mühle: Wüßten Sie, was eine »Schlifi« ist? (Werner Huger)

Althochdeutsch „slifan „, mittelhochdeutsch “ slifen „, mundartlich ( Lautklang) „schlifä“, hochdeutsch : schleifen, ist, wie man sieht, ein altes Kulturwort, das sich abgewandelt in allen Mundartzonen deutscher Zunge findet. Eine der abgeleiteten Bedeutungen ist „gleiten lassen“, glätten aber auch schärfen.1)

Im Winter machen die Kinder aus gefrorenem Wasser eine „Schliferä“ und sagen: „Mir gond gi schliferä“. Für Neu -Villinger : Dort, wo nasser Untergrund gefroren ist, wird die Oberfläche in eine brettbreite glatte Gleitfläche verwandelt; die Kinder nehmen einen Anlauf und gleiten stehend darüber, je weiter je besser.

„D‘ Schlifi“ dagegen ist ein Haus, wo handwerklich „geschliffen“ wird, d. h. an Schleifsteinen Metallgegenstände bzw. -werkzeuge im weitesten Sinne mit einem „Schliff“ versehen werden. ( mhd. „slifstein“ ist der Schleif- oder Wetzstein) — So empfiehlt sich noch Ende des letzten Jahrhunderts Karl Neininger „zur Schleife“ in Villingen „den Herren Fabrikanten, Schmiedemeistern, Feilenhauern usw.“.

„Schlifi“ ist das Kurzwort von „slifemili“ oder „schlifemuli“, um nur zwei der unverbindlichen Schreibweisen vergangener Jahrhunderte auszuwählen. Die „muli“ oder „mili“ bezeichnet allgemein den Ort, wo in einem Haus mit Hilfe der Wasserkraft mechanische Arbeit verrichtet wird. Das heutige ausschließliche „Korn mahlen“ ist für die frühere Bedeutung zu eng. Es gab die Kornmühle, die Sägemühle und die Schleifmühle. Im Lautklang der Mundart sagen wir auswahlhaft noch heute: Feldnersmilli, Rin-demilli, Breitemilli, Herremilli, Kutmilli, Ölmilli, und alle liegen oder lagen in der aufgezählten Reihenfolge an der Brigach. ( Rindenmühle und Kutmühle sind noch in Betrieb, Herrenmühle und Ölmühle stehen noch, werden aber nicht mehr betrieben, Feldner-und Breitenmühle sind abgegangen. Weitere Aufzählungen ersparen wir uns, weil nicht zum Thema gehörig.)

Der Standort einer alten „Mühle“ ist stets energieorientiert, d. h. es werden die günstigen Wasserkräfte eines Baches ausgenutzt, wenngleich bis auf den heutigen Tag die Öffentliche Hand dafür ein Entgelt nimmt. Mit Ausnahme des „krisenorientierten“ Standorts zwischen den Mauern ( z. B. Grabenmühle) lagen alle Mühlen regelmäßig vor den Toren und nicht selten so nahe, daß die wehrhafte alte Stadt, beschützend wie eine Glucke die Küken, Sicherheit gewährte. Aber nicht nur räumlich-wehrhaft sondern auch rechtlich im Zwing und Bann sowie personenrechtlich erstreckte sich der Schutz auf die Inhaber von „mülinen, so zu der statt gehören“, denn diese waren unter der genannten Voraussetzung Vollbürger.2)

Zurück zur „Schleifmühle“. Es ist schon fast vergessen, daß es in Villingen vor den Toren zwei davon gab. Die nächstliegende war die Schleife beim Krebsgraben, der heute in seiner Fließrichtung etwas verändert wurde, rund 500 Meter Luftlinie nordwestlich des Oberen Tores, jenseits der Brigach, unmittelbar nördlich über der Eisenbahnlinie, nahe der Einmündung des Krebsgrabenbaches in die Brigach. Früher war das die Obere Friedrichsstraße, heute Neuwiesenweg Nr. 6. Noch bis zum 20. Jahrhundert bestand zwischen Stadt und Schleife Sichtverbindung, so daß Abt Georg Michael II. Gaisser vom Benediktinerkloster St. Georg zu Villingen in seinem Tagebuch aus dem Dreißigjährigen Krieg, während der Sommerbelagerung vom 30. Juni bis 5. Oktober 1633, unter dem 25. Juli notieren konnte: Der Feind äschert unter den Augen der Stadt und der Bürger, die von der benachbarten Mauer aus zusehen, die benachbarte Schmiede, das „Schleufelin M. Veitten Grueningers“ ein.3) Vom 18. Juni 1634 bis 9. September ist die legendäre Wasserbelagerung durch die mit den Schweden verbündeten Württemberger und Franzosen. Am 16. Juli wird um halbsechs Uhr in der Stadt „durch Signal die Anwesenheit der Feinde zur Warnung verkündet“.

Es waren Franzosen, mit denen es vor den Mauern zu einem Scharmützel kam. Abt Gaisser: „Mit diesen fochten unsere Reiter glücklich und machten ohne eigene Verluste mindestens sechs von den Feinden nieder. Darunter war der Rittmeister de la Tour genannt worden, der, unbesonnen auf die scheinbar fliehenden Unseren losstürmend, von Gewehrschützen, die in einer Hütte verborgen waren („im Schleufelin“) erschossen wurde. Die anderen . . . werden niedergehauen „.4)

Wenn Abt Gaisser weiter oben von der „benachbarten Schmiede, das Schleufelin . . .“ schreibt, dann zeigt das an, daß offensichtlich Schmiedearbeiten als Kom-plementärtätigkeiten ausgeübt wurden — z. B. im Rahmen einer Messerschmiede (schmieden und schleifen!) — und zeigt auch, welcher Zunftorganisation das Schleiferhandwerk zuzurechnen ist: der Schmiedezunft. Darüberhinaus ist insgesamt handwerkliche Arbeit Komplementärtätigkeit. Die meisten Bürger einer kleinen oder mittleren Stadt wie Villingen waren bisin die Neuzeit hinein sogenannte Ackerbürger und die Stadt eine Ackerbürgerstadt. Das heißt, von Ausnahmen abgesehen, z. B. die Ehrsamen Müßiggänger oder Bürger des Stadtadels, bewirtschafteten die Gewerbetreibenden städtisches Gemarkungsland mit Ackerbau und Viehhaltung, wenn sie nicht gar ausschließlich Stadtbauern waren. Das gilt damit auch für unsere beiden „Schleifen“, von denen eine, wie noch zu zeigen sein wird, die Landwirtschaft bis heute betreibt. Leider ist derzeit nicht feststellbar, bis wann das Handwerksgewerbe in der Krebsgraben-Schleife ausgeübt wurde. (n der Familie Maurer, die die Hofstatt seit mehr als hundert Jahren besitzt, gibt es keine Erinnerung mehr daran. Die Landwirtschaft wurde dagegen seit eh und je betrieben und erst 1958 aufgegeben. Der jetzige männliche Sproß ist Walter Maurer, sein Vater war Johann Maurer (gest. 1980)5), dessen Vater hieß Viktor und der Großvater von Johann war Johannes. Unter diesem brannte die alte Schleife ab.

 

Eine Bleistiftzeichnung aus dem Skizzenbuch des Dominikus Ackermann (1824 — 1880) hat uns das Aussehen der alten Schlifi am Neuwiesenweg bewahrt. Der Vorgängerbau wurde 1633, im Dreißigjährigen Krieg, von Franzosen eingeäschert.

 

Das jetzige, nicht mehr bewohnte Schleife-Bauernhaus wurde erbaut, nachdem um 1882 in Folge Funkenflugseiner vorüberkeuchenden Lokomotive das auf dem linken Bild gezeigte Haus abbrannte.

 

Sie stand nämlich sehr nahe am Bahndamm, auf dem erst seit 1873 die Züge verkehrten. Im Jahre 1881 oder 1882 setzte der Funkenflug einer vorüberkeuchenden Lokomotive das Schindeldach des alten Hauses in Brand. Beim Wiederaufbau errichtete man das neue Haus weiter nördlich des Bahndammes, wo es heute mit seinem Ökonomieteil verlassen dasteht, nachdem sich die Familie auf der Hofstatt daneben ein neues Wohnhaus gebaut hat. Von dem alten Haus ist durch Zufall und erfreulicherweise eine Zeichenskizze auf uns überkommen, die wir hier abgebildet haben. Sie stammt von Dominikus Ackermann (1824 — 1880)6), dem Sohn des berühmten Bildhauers Dominikus Ackermann, der als „Ölmüller“ in die Kunst des Maskenschnitzens eingegangen ist.

Zwei Kilometer Luftlinie südwestlich vor den Mauern der Stadt lag und liegt die andere „Schlifi“. Sie wird auf der topographischen Karte des Landesvermessungsamtes Baden -Württemberg von 1984 als „Schleifehof “ bezeichnet, was darauf schließen läßt, daß hier noch Landwirtschaft betrieben wird. Es ist die Familie des Bauern Willi Hirt, Viehhof 2, in deren Eigentum die Hofstatt seit 1904 ist, nachdem der bereits weiter oben erwähnte Karl Neininger die Schleife aufgab und an einen Onkel des jetzigen Eigentümers verkaufte. Das alte Bauernhaus, in dessen nordwestlicher Ecke im Erdgeschoß die Schleife war, ist, wenn auch teilweise baulich verändert, auf heute überkommen. Man kann von außen an der Fenster- und Türeinteilung noch sehen, wo die Werkstatt war. Der Schopf im Nordwesten, in dem sich das Wasserrad befand, steht nicht mehr an der alten Stelle; er wurde abgetragen und vor Jahrzehnten südlich des Hauses wieder aufgestellt. Vom alten Schopf lief eine Welle in die Hauswerkstatt, wo über eine Transmission die Wasserkraft auf Schleifsteine übertragen wurde. Von dem Endzustand hat sich aus der Familie des letzten Schleifers, Karl Neininger, eine mit zarten Bleistiftfarben angefertigte Laienzeichnung erhalten, die wir ebenfalls abbilden.

Das fließende Wasser, das die Schleifmühle benötigte, wäre hier der Oberlauf des Warenbachs, kurz nach der Einmündung des Wieselsbachs. Man stellt jedoch mit Erstaunen fest, daß das Haus gar nicht am Bach liegt sondern knapp hundert Meter südlich zurück. Der Kenner wird nun einwenden, man habe das Wasser sicher über eine Deichelleitung oder eine sonstige Stichleitung zugeführt. Leider liegt das Haus im ansteigenden Gelände an seiner tiefsten Stelle fünf Meter höher als der Bachlauf. Die Gründe liegen sicher in der Hochwassergefahr, die erheblich war, bevor die Quellbäche des Warenbachs zwecks Einspeisung ins städtische Wassernetz gefaßt wurden, zumal auch der Lauf des Baches noch nicht begradigt war. Nur einige zehn Meter westlich des Hauses befindet sich ein Damm von etwa vier Meter Höhe, der an der untersten Stelle für den freien Bachlauf durchstochen ist und der einst der Stauung diente. Das heutige Gewann „Neue Weiher“ wird als Stauwasser schon 1650 „bey dem neuwen weyer“ genannt. Aber selbst von hier aus erfolgte keine unmittelbare Wasserzuleitung. Das Wasser wurde vielmehr, wie schon Hans Maier schreibt, in etwa 1,2 Kilometer Entfernung abgeleitet7), und zwar am Unteren Wieselsbach, der zum Oberlauf des Warenbachs gehört, unweit des Glaserbrückles. Das Wasser wurde entlang des südlichen Talhanges mit wenigem Gefälle als künstlicher Bach zur Schleife hin kanalisiert. Nun sind Wasserableitungen über kürzere Strecken nichts besonderes. Bei dieser Länge des künstlichen Wasserlaufs wird man aber an eine der Grundlagen der Besiedlung und wirtschaftlichen Erschließung des Alpenraums und bei uns des Hotzenwalds erinnert: die sogenannten Wuhren. Wir möchten erstmalig für das alte Villingen in dieser Wasserführung, außerhalb des engeren Stadtgebiets in freier Landschaft, ein Wuhr erkennen. Dieses Wuhr ist heute verfüllt, man kann aber seinen Lauf noch über größere Strecken an der Oberfläche in Vertiefungen oder am Bewuchs beobachten. (Im weitesten Sinne sind natürlich auch die heute verfüllten oder verdolten Gewerbekanäle Wuhren.)

Für diese Schleife lassen sich immerhin acht mittelalterliche Quellen im Stadtarchiv ermitteln, die älteste von 1417.8) Hier ist in einem Aniversarienbuch (auch: Aniversalienbuch = Nekrologium = Verzeichnis von Todestagen zwecks Abhaltung von „Jahrtagen“, d. h. Seelenmessen) die Rede vom „warenbach bi der schlifmili“. 1450 wird sie als „Fledis muly“ bezeichnet, desgleichen 1471; dabei geht es um Streitigkeiten bei Zehntrechten. 1516 wird die „slifemulle zuo Villingen under der statt am Warenbach“ städtisches Eigentum, denn „Diepoltt Marx, den man naemt Diell, der messerschmid zuo Villingen“ verkauft sie an „Schultheiß, Bürgermeister und Rat zuo Villingen“. Lehensnehmer der „ballier mulle uff dem nider an-gell sampt dem Garten am Warenbach“9) wird 1521 „Thoman Bentzing, burger zuo Villingen“, ebenfalls als Messerschmied ausgewiesen, der gleichzeitig seine „schluffmulle by Marpach“ an die Stadt überträgt. Schließlich verkauft die Stadt 1542 die Schleifmühle an „Marte Rytzer, messerschmid zuo Villingen“. Sogar ein Mitglied der kaiserlichen Familie des Hauses Habsburg war einmal Eigentümer der „Flodins mule zu Villingen“, nämlich „Leopold, ertzhertzog zu Österreich“10), der sie einem „Hanns Heinrich Bletz von Rottenstein“ 1621 zu Lehen gibt.11)

Fast ein Gegenstück dazu bildet der Umstand, daß ein Hintersasse12), also ein Nicht-Vollbürger, „Jacob Guoth, müller unnd hindersäss“, von den Einkünften seiner Mühle, der „Flädlinß, anietzo aber die Schleifenmühlin genandt, vor dem Nidern thor gelegen…“, Zinsen und Tilgung aus einem erhaltenen Darlehen verpfänden konnte.

Mit dieser Notiz befinden wir uns, wie auch bei der vorangehenden, zeitlich wieder im Dreißigjährigen Krieg und damit in der Zeit der Ereignisse um das „Schleifelin“ am Krebsgraben. Wir wollen für beide Zeugen alten Handwerks die wechselvolle Geschichte nicht weiter verfolgen sondern es bei diesem kurzen Blick durch das Guckloch heimatlicher Geschichte bewenden lassen, dafür aber dem Leser noch einige Abbildungen vorstellen.

Abbildungen siehe nächste Seiten

Literatur und Quellen

1) Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch, 21. Auflage, Verlag Walter de Gruyter & Co, 1975, Seite 655 Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. Hirzel Verlag Stuttgart, 36. Auflage, 1981, Seite 198

2) Oberrheinische Stadtrechte, Zweite Abteilung: Schwäbische Rechte; Erstes Heft: Villingen, bearbeitet von Christian Roder, Heidelberg 1905, Seite 43 und 179

3) Tagebuch des Abt Michael Gaisser, Band I, Stadtarchiv Villingen, 1972, Seite 437

4) derselbe, Seite 575/576

5) Seiner Witwe, Frau Paula Maurer, verdanken wir die mündlichen Auskünfte

6) Das Skizzenbuch des Dominik Ackermann ist im Besitz von Frau Frida Heinzmann, Kunsthandlung, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen. Sie vermittelte auch die Abbildung der Werkstatt in der Schleife am Warenbach. Wir danken ihr an dieser Stelle.

7) Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Villingen, in: Schriftenreihe der Stadt Villingen, Ring Verlag Vllg., 1962, Seite 89, Nr. 320

8) Die Quellen wurden in der aufgeführten Reihenfolge abgehandelt: Pfründarchiv Villingen, Villingen 1982, S. 187 (1) Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, in: Schriftenreihe der Stadt Villingen, bearbeitet von Hans-Josef Wollasch, Ring Verlag Villingen, 1970, Band I, Seite 88 Nr. 433, S. 112 Nr. 539, S. 196 Nr. 988, S. 209 Nr. 1060, S. 261 Nr. 1389, S. 317 Nr. 1675, S. 318 Nr. 1681

9) Wenn Hans Maier, a. a. O., Seite 41 Nr. 12, meint, Bedeutung und Herkunft des Wortes Anger oder Angel seien unklar, so ist das nicht der Fall. Dazu verweisen wir auf Friedrich Kluge, a. a. O., Seite 22: mhd. Anger, ahd. angar, westgermanisch: angra; „Angel „: . . . die unter Angel entwickelte Sippe mit der Grundbedeutung „Krümmung“: der dem gewundenen Flußlauf folgende Grünstreifen liefert der frühesten Viehzucht die nötigen Weiden „. Eine solche Auslegung paßt in Villingen für den Oberen-, Bicken-, Niederen Anger oder Angel ( Brigach, Warenbach ).

10) Kaiser Ferdinand I I. ( 1578 — 1637), römisch -deutscher Kaiser, war 1619 von den Kurfürsten gewählt worden. Nachkommen aus der Ehe mit Maria Anna von Bayern waren sieben Kinder, die zum Teil sehr früh starben. Der zuletzt geborene Sproß war Erzherzog Leopold Wilhelm 11614 — 1662), der damals also sieben Jahre alt war. —Sein Bruder Ferdinand IV. wurde später Kaiser Ferdinand III.

Vgl. hierzu Richard Reifenscheid, Die Habsburger in Lebensbildern, Verlag Styria Wien/Köln, 1982, Seite 156 ff. und 164

11) „Die Burg Rotenstein der Familie Bletz war württembergisches Lehen „. Ein Eberhard Bletz von Rotenstein, der das Bürgerrecht von Rottweil besaß, war nach 1505 Abt des Benediktinerklosters St. Georgen auf dem Schwarzwald. Vgl. hierzu : Winfried Hecht, „Zu den Beziehungen zwischen Kloster St. Georgen und der Stadt Rottweil „, in: Festschrift 900 Jahre Stadt St. Georgen im Schwarzwald, Seite 70 und Fußnote 55. Die im 20. Jahrhundert abgetragene Burg lag auf ei nem Steilhang des Eschachtals, etwa fünf Kilometer flußabwärts von Horgen. Im Rottweiler Archiv taucht das Geschlecht der Bletz mehrfach auf, leider nicht im 17. Jahrhundert.

12) „hindersäss“ = Hintersasse, in Villingen auch Seidner genannt. Er besitzt nicht das volle Bürgerrecht, ist nicht „burger“. Im Stadtrecht, siehe oben a. a. O., werden sie immer getrennt genannt.

Man bezeichnet ihn auch als Schutzverwandter oder -bürger. Ursprüngliche Kennzeichen sind die geringen bürgerlichen Rechte aber auch Pflichten bzw. Lasten.

 

Zwei Kilometer Luftlinie südwestlich vor den Mauern der Stadt Villingen liegt noch eine „Schlifi „. Schon 1417 genannt, war sie um 1621 sogar im Eigentum eines Mitglieds der kaiserlichen Familie: Erzherzog Leopold Wilhelm aus dem Hause Habsburg. Im Hintergrund, auf der anderen Seite des Warenbachs, steht die einstmals zum Hof gehörige Hauskapelle.

 

Rechts neben der Giebelfront, wo heute der Misthaufen zu sehen ist, stand ein Schopf, in dem sich das Wasserrad befand. Das Wasser wurde über ein Wuhr von hinten entlang der Hausfront geleitet. Vom Wasserrad führte eine Welle ins Erdgeschoß des Hauses.

 

In der rechten unteren Ecke des Hauses war die „Schlifi“, auf dem Bild erkennbar an den vorhandenen ehemaligen Türen in der unteren Längsfront.

 

Geschäftsempfehlung um die Jahrhundertwende.

 

 

Diese Bilder sind nach einer Pastellzeichnung der Jahrhundertwende reproduziert. Das erste zeigt zwei Söhne des Karl Neininger aus dem obigen Inserat, nämlich Friedrich und Martin, wovon der letztere schon 1918 starb. Mit dieser Familie ging das Handwerk des Schleifens hier zu Ende. Für gröbere Arbeiten, etwa dem Schleifen einer Pflugschar, waren die mächtigen Schleifsteine auf dem nächsten Bild vorgesehen. Die großen Schleifsteine aus der alten Schlifi am Warenbach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese beiden Bilder auf der linken Seite zeigen zunächst die im Jahre 1883 in Stein erneuerte Hauskapelle des Schleifehofs am oberen Warenbach während der Renovation im Frühjahr 1984.

 

Daneben ein Kruzifixus über dem Altar, der vordergründig an eine spätmittelalterliche Arbeit erinnert, aller Wahrscheinlichkeit nach aber ins 19. Jahrhundert gehört. ( Vgl. hierzu die obigen Ausführungen)

Links und rechts stehen zwei Bildtafeln der Gottesmutter und des Lieblingsjüngers Johannes: Arbeiten, die stilistisch an die „Nazarener “ erinnern und zweifelsfrei ins 19. Jahrhundert gehören.

So wie man heute noch im Schwarzwald neben alten Bauernhöfen kleine Hauskapellen findet, die der frommen Andacht der Bauernfamilien dienen, gehörte auch die umseitig abgebildete zum „Schlifi -Hof „. Einer Zeitungsnotiz aus dem Jahre 1965 (Verlag unbekannt) entnehmen wir, daß J. Neininger sie 1848 zunächst aus Holz erbaut haben soll. An gleicher Stelle sei 1883 das neue, in Stein errichtete „Schlifi -Käpelle“ entstanden. Wieder war Schleifehofbauer Neininger der Erbauer. Das Innere des Raumes, der etwa 30 Personen Platz bietet, wird von einem etwas überlebensgroßen Kruzifix beherrscht. Dieses habe lange Jahre auf dem Hauptweg des Friedhofs gestanden und sei 1863 einem vom damaligen Stadtpfarrer und Dekan J. B. Kuttruf gestifteten Sandsteinkreuz, das auf einem hohen, beschrifteten Sockel stand, gewichen.(Letzteres existiert seit etlicher Zeit nicht mehr.) Der restaurierte Korpus sei dann in die neue Schleife-kapelle gekommen und schließlich 1936 unter Denkmalschutz gestellt worden. Bei einer oberflächlichen Betrachtung erinnert das qualitätsvolle Kruzifix mit seinem „homogenen Gesamteindruck“ an ein spätmittelalterliches Werk des 16. Jahrhunderts. Wir haben Felix Muhle um seine Meinung gebeten, soweit diese für eine erste Inaugenscheinnahme formuliert werden kann. Seine Ausführungen erheben nicht den Anspruch einer hinreichenden Expertise. Er führt aus: Der Kruzifixus, seine gestreckte und gespannte Haltung, schließt Hoch- und Spätbarock als Entstehungszeit weitgehend aus. Dargestellt ist der noch lebende Christus, ein in der Spätgotik vorkommender, von Veit Stoß zur Vollkommenheit gebrachter Typus. Dieser Tradition entspricht auch die plastische Oberflächengestaltung, etwa der Rippen, die Muskelspannung der Beine, die Heraus-hebung der Adern, die Verengung in der Bauchgegend und der hochgewölbte Brustkorb. Letzterem gegenüber sind die Arme viel zu kurz. Die Hände und Füße sind etwas globig geformt. Dem Gesicht fehlt es an der, bei gotischen Stücken üblichen, formalen Prägnanz, z. B. bei den Augen und dem Mund. Die Brustwunde sitzt an einer ungewöhnlichen Stelle. Einige Faltenzüge des Lendentuches weisen Knickungen und Stauchungen auf, wie sie im spätgotischen Formenschatz vorkommen. Sie werden aber nicht konsequent geführt, die Knickeverdichten sich zu unübersichtlichen Knäueln.

Das Aussehen der Figur ist wesentlich bestimmt durch die Fassung des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie ist blaß und weist violette und grünliche Schattierungen auf. Die Details sind unpräzise. Unter einer rötlichen Zwischenschicht befindet sich eine weitere, bläßliche Ölfassung ohne Grundierung. Daraus läßt sich auf eine Entstehung der Figur im 19. Jahrhundert schließen. Natürlich ist es nicht unmöglich, daß frühere Fassungen im 19. Jahrhundert abgelaugt worden sind.

Mit diesen Einschätzungen von Felix Muhle müssen wir uns derzeit für die Bestimmung des Kruzifixus zufrieden geben. Das Kruzifix sind zwei flankierende Bildtafeln beigestellt. Das eine ist Maria, die Mutter Gottes, das andere der Lieblingsjünger Johannes. Die Arbeiten werden dem Villinger Maler Säger zugeschrieben. Da die bildliche Ausmalung dem Stil der „Nazarener“ der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entspricht, meint Felix Muhle, daß es sich wohl nur um den Villinger Maler Barnabas Säger gehandelt haben könne. Auf Wandkonsolen links und rechts der Bildtafeln standen noch lange nach dem 2. Weltkrieg die Plastiken des heiligen Wendelin und des heiligen Josef. Die Figur des Wendelin wurde gestohlen, die des heiligen Josef, eine Arbeit des 19. Jahrhunderts, wurde von Pius Neininger aus der Kanzleigasse 14, einem Nachfahren der Neininger vom Schlifihof, dem auch heute noch die Kapelle gehört, in Sicherheit gebracht. Im Jahre 1984 hat sich ein großherziger Gönner, Erwin Straub aus Villingen, daran gemacht, das Innere der Kapelle auf eigene Kosten zu renovieren. Auf diese Weise wurde die Kapelle seit der zweiten Jahreshälfte als Andachtsraum wieder dem stillen Beter zugänglich.