Die Idylle eines Sammlers: Das Privatmuseum des Karl Kratt

 

 

Haus Rietgasse 14, im Riet.

 

Man sagt, es sei ein Spezialmuseum für Schlösser, Schlüssel und Beschläge, das mit seinen Schätzen jedem öffentlichen Museum erhöhtes Ansehen bringen würde. An die 600 Schlösser und Schlüssel, von der späten Gotik, der Renaissance, dem Barock bis ins 20. Jahrhundert, beherbergt das alte Haus des Karl Kratt, in der Zinsergasse 14, im Riet.

Doch leider, es wartet kein Museumsführer. Die Tür ist verschlossen. Drückt man auf den Klingelknopf und hat man Glück, öffnet sich im Obergeschoß des zweistöckigen Hauses das Fenster und der Kopf von Karl Kratt, Villinger, Jahrgang 1910, erscheint. Höflich, aber doch merklich zurückhaltend, erkundigt er sich nach den Wünschen des Besuchers. Da erkennt er den Mann vom Geschichts- und Heimatverein, in dem er ja selbst Mitglied ist, und eilt zur Tür. Schon beim Betreten des Hauses stehen wir mitten im Museum; rechts eine große alte Truhe, darüber das verrauchte Bild aus einem Gasthaus, links eine Schmiedearbeit, im Hintergrund eine alte Uhr und dies und das.

Kaum hat sich die Tür hinter uns geschlossen, sind wir in einer anderen Welt. In der unteren Stube, ganz Gründerzeit, machen wir es uns bequem. Kaum zu glauben, daß dies einmal der Stall war, in dem die Eltern von Karl Kratt noch drei Kühe stehen hatten, während der Vater seinen Haupterwerb bei der Eisenbahn fand, die damals erst seit wenigen Jahren durch den Schwarzwald dampfte.

1925 begann Karl Kratt seine Lehre als Werkzeugmacher bei der SABA in Villingen. 1930 — es ist die Zeit der Weltwirtschaftskrise — teilt Karl Kratt das Los der Arbeitslosigkeit mit vielen. Doch der zwanzigjährige Geselle ist unternehmungslustig. Er begibt sich auf die Wanderschaft, die ihn bis nach Kiruna in Schweden, dem nördlichsten eisfreien Hafen, und ins norwegische Narvik führt. Schließlich kehrt er zur SABA zurück und arbeitet dort bis zu seiner Berentung 1974. Als Werkzeugmacher technisch interessiert, kommt er im Jahre 1950 zufällig auf den Geschmack, Schlössser, Schlüssel und Beschläge zu sammeln. Daraus wird eine

 

 

Der „Husgang“ des Karl Kratt ist bereits Museum geworden. Im Hintergrund der Zugang zur unteren Stube. Die Treppe führt zum Ausstellungsraum, der Werkstatt und den Wohnräumen.

 

 

 

Der Raum im Obergeschoß, wo die schönsten Exponate dargeboten werden. An der Wand kostbare Schlösser und Schlüssel von der Renaissance bis heute. Unter der Treppe zwei alte Kriegskassen. Auf dem Tisch unten rechts wertvolle Kapellenschlösser.

 

Leidenschaft, ja Besessenheit. Das sieht dann im Einzelfall so aus, daß er nur wegen des Schlüssels zu einem bestimmten Schloß dreimal mit dem Zug nach Haslach ins Kinzigtal fährt, um ihn dann schließlich doch nicht zu bekommen. Was er denn für ein altes Schloß bezahlen muß, wollen wir wissen.•“Mit Geld ist da gar nichts zu machen“, sagt er, „man muß tauschen: antike Uhren, Waffen usw.“. Wir gehen die steile enge Treppe nach oben. „Vorsicht, daß Sie nicht den Kopf anschlagen“, meint er von hinten unten. Oben betreten wir gleich rechts einen kleinen Raum, über der ehemaligen Scheuer, in dem er eine Auswahl der schönsten und kostbarsten Schlösser und Schlüssel ausgestellt hat. Respektvoll schaut sich der Gast um. Der Blick geht über Vorhängeschlösser aus dem 17. Jahrhundert zu Tor- und Türenschlösser aus Eisen und sogar aus Holz. Die Jahrhunderte sprechen eine formenreiche Sprache. Auf dem Gesicht von Karl Kratt steht Freude; vielleicht sogar mehr: das Leuchten des Triumphes. Stück für Stück nimmt er sich vor, erklärt Alter, Herkunft, Funktion und technische Beschaffenheit. „Diese zwei Schlösser sind aus dem Jahre 1608 aus Rattenberg am Inn; dieses hier ist zwar jünger und aus der Barockzeit, aber deshalb für mich kostbarer, weil es vom ehemaligen Tor des Benediktinerklosters in St. Georgen auf dem Schwarzwald stammt“, und er fügt hinzu, dieses Jahr sei die Neunhundertjahrfeier der Klostergründung. Wir schauen uns die Kasten- und Schrankschlösser an. Er deutet auf einige Exemplare, die auf dem Tisch liegen: „Dieses hier sind vor allem Kapellen-Schlösser“. Als er die Ratlosigkeit des Besuchers bemerkt, erklärt er: „Die „Kapelle“ ist ein Teil des Schlosses, und zwar ein zentraler Gehäuseteil, in den der Schlüssel eingeführt wird. Stellte man diese kleine „Kapelle“ senkrecht, würde sie in ihrer jeweiligen Schmiedeform an die Spitze einer Kapelle als Gotteshaus erinnern. In diesem Gebäude befindet sich das „Gewirre“, auch „Eingerichte“ oder „Besatzung“ genannt. Durch diese besonders gestaltete metallene Vorrichtung muß sich der jeweils dazu passend durchbrochene Schlüsselbart drehen, um anschließend auf den Riegel zu drücken, der von einer Feder gehalten, sich nach leichtem Widerstand öffnen läßt.“ Gemäß alten Zunftvorschriften mußte sich der Schlüssel so durchs „Gewirre“ drehen, daß „kein Tröpflein Öl“ mitgehen konnte. Die Meister solcher Kunstwerke waren die Schlosser, die als Kleinschmiede zur Zunft der Schmiede zählten. Sie waren gleichzeitig Könner in der Löttechnik, ohne die eine „Kapellenfertigung“ nicht möglich gewesen wäre. Ihre höchste technische Vollendung erlangten die „Kapellen – Eingerichte“ in der Renaissance.

Immer wieder führt er ein neues Schloß mit Schlüssel vor. Man staunt über das technische Meisterwerk, das den Entsperrungsvorgang des Schlosses so erschwerte, so daß kein Dietrich etwas genutzt hätte. ( Dafür kannte man schon früh „Brechschrauben“, eine mechanische Konstruktion, mit der sich aufgesetzte Schlösser aus ihrer Befestigung herausreißen ließen.) Was nicht minder ins Auge des laienhaften Betrachters fällt, ist immer wieder die ästhetische Gestaltung, die Schönheit von Schloß, Schlüssel und Beschlag.

 

Renaissance-Schloß, 1608, aus Rattenberg am Inn.

 

 

Blick auf das sogenannte Gewirre des Schlosses durch das sich der Schlüsselbart dreht.

 

Allein daraus läßt sich eine Kunst- und Kulturgeschichte ablesen. Dann fällt der Blick auf eine Kriegskasse aus dem 17. Jahrhundert. Sie ist Karl Kratt schon deshalb teuer, weil er ihre Herkunft aus der Gegend, wenn nicht gar aus Villingen selbst, vermutet. Diese geschmiedete Truhe besitzt neun große Riegel, die gleichzeitig von einem einzigen Schlüssel bewegt werden, und gotisierende Verzierungen. Daneben steht eine kleine eiserne Schatulle, die man für einen Wandsafe halten könnte. Es ist tatsächlich ein kleiner Tresor aus dem Jahre 1865. Im Deckel befindet sich ein Schloß mit zwölf Riegeln. Wird in ihm der Schlüssel bewegt, werden gleichzeitig vier kleine Glocken angeschlagen: Eine der frühesten Alarmeinrichtungen. Das Schlüsselblech auf der Oberseite des Deckels, in dem sich das Schlüsselloch befindet, ist außen mit einer kreisrunden Metallscheibe überdeckt, die sich in einer Führung nach oben erst wegschieben läßt, wenn man das winzige Löchchen kennt, das hinter einer Zierleiste verborgen ist und in das man den Dorn der Spitze des Schlüsselschafts vorderhand eindrücken muß.

Eine etwa nur ein Liter Inhalt fassende würfelförmige Reiseschatulle zur Sicherung von Geld und Preziosen, mit sogar zwei eingebauten Schlössern, aus dem Jahre 1673 erinnert uns, nun selbst an den Aufbruch zu denken. Drunten auf der Gasse geht der Blick noch einmal zum Dach des mittelalterlichen Hauses, wo Karl Kratt eine ehemalige Kirchturmuhr in einem Türmchen auf den First gesetzt hat. Es ist Mittagszeit. Langsam geht der Besucher die schmale Gasse durchs Riet zurück. Es ist, als sei man aus einer ganz anderen Welt aufgetaucht und man muß sich erst wieder zurechtfinden in all dem, was an bewegtem Leben um einem geschieht. Noch einmal kehren die Gedanken zurück zu dem Sammler, der so lebhaft seine Leidenschaft betreibt. Es ist ein einsames Museum, in das er sich zurückgezogen hat.

Es ist das Museum eines Liebhabers, dem seine Liebhaberei ein großes Stück Lebensinhalt geworden ist. Was wird sein, wenn es den alleinlebenden Manne einmal nicht mehr gibt? Wird ein öffentliches Museum den Wert der Sammlung zu schätzen wissen und sich seiner würdig erweisen? Wird das, was einmal Eifer und Opfer mühevoll zusammengetragen haben, in einem Magazin verstauben oder gar in alle Winde zerstreut werden?

Werner Huger

 

Kunstvoll geformte Schlüssel mit „Kapelle“.

 

Unermüdlich ist Karl Kratt mit seiner Sammlung beschäftigt; hier in der hinteren Stube, die in seiner Jugend noch der Stall war.

 

 

Tresordeckel ( 1865), Innenseite, mit zwölf Riegeln und vier Klingeln als Alarmanlage. Außenseite: Verschlußdeckel vor dem Schlüsselloch mit geheimem Öffnungsvorgang.