Archäologie auf der Baar: Neue Funde bei den Grabungen auf den Alamannenfriedhöfen von Schwenningen am Neckar und Neudingen an der Donau 1984

 

Repräsentative Ausstattung eines wohlhabenbenden Alamannen des 7. Jahrhunderts (Niederstotzingen )

 

1984 wurden auf den alamannischen Friedhöfen von Schwenningen am Neckar und Neudingen an der Donau erneut Bestattungen freigelegt, die wir auswahlhaft im Bild vorstellen.

Die Arbeiten erfolgten durch das Landesdenkmalamt Freiburg, Abtlg. Bodendenkmalpflege. Beide Grabungen leitete Klaus Nietkamp.

„Ortsnamen auf -ingen sind durch unzweifelhaft zugehörige Friedhöfe für die Zeit vom 4./5. Jahrhundert (…) bis ins 7. Jahrhundert hinein ( …) datiert.“ (S. „Die Alamannen“, Seite 31)

Die Reihengräberfelder von Schwenningen und Neudingen gehen mit ihren ältesten Belegungen auf das frühe 6. Jahrhundert zurück. Funde, wie sie dieses Jahr gemacht wurden, haben auch einen Aussagewert für die alamannischen Verhältnisse der Siedlung Villingen, besitzt sie doch nicht zuletzt die gleiche Orts-namenform. 1921 wurden hier am Blutrain in der Altstadt Gräber angeschnitten, aus denen im einen Fall Revellio (S. 61 ff.) als Grabfund den „Bügel einer bronzenen Gürtelschnalle“ der frühalamannischen Zeit des 4. Jahrhunderts zu erkennen glaubt. Im übrigen wurden die Gräber, wie jene des Jahres 1903, mit verzierten Lanzenspitzen, Kurz- und Langschwert, altersmäßig nicht näher definiert, zumal sie noch nicht nach heutigen Methoden untersucht werden konnten.

Daß man im Bereich des alten Dorfes Villingen, der sogenannten Altstadt, mit der heutigen Friedhofskirche, keine archäologischen Funde mehr erwarten kann, hat seinen Grund in der kontinuierlichen Weiterbelegung des einstmals alamannischen, dann mittelalterlichen und schließlich heutigen Friedhofs. Es bleibt aber leider der Vorwurf an die Anonymität städtischer Verwaltung und Kulturpflege, vor allem der 1960er und 70er Jahre, hinter der sich Ignoranz und Inkompetenz verschanzen, mit einer „Baggermentalität“ die vielleicht letzten Spuren des geschichtsträchtigen Umfelds im Altstadtbereich für alle Zeiten zerstört zu haben.

Die Auswahl der abgebildeten Gräber erfolgte zufällig, weil ein Aufsuchen der Grabungen für den Berichterstatter nur wenige Male möglich war. Umso beglückender ist es, daß gerade die einmalige Bestattung in Neudingen fotografisch festgehalten werden konnte. —Um die Bedeutung der abgebildeten Grablegen verständlich zu machen, zitieren wir die allgemeinen Ausführungen aus „Die Alamannen“, Seite 58/59: Während der sogenannten Reihengräberzeit hatte einem Verstorbenen das ins Grab zu folgen, was zum Erhalt seiner rechtlichen und bildlichen Persönlichkeit notwendig war. Beim Manne war dies zunächst seine Tracht mit Hose, Kittel und Schuhen, sodann als ein ganz wesentlicher Bestandteil der Leibriemen aus Leder, stets mit einer Metallschnalle verschlossen.

An diesem Leibriemen war die Tasche, später auch das einschneidige Hiebschwert, der Sax, befestigt. Der Leibriemen wurde im 5. Jahrhundert in der Regel nicht umgebunden, sondern zu Häupten, zu Füßen oder seitlich neben dem Toten niedergelegt, eine aus dem römischen Bereich übernommene Sitte. Im 6. Jahrhundert band man dann dem Toten häufig seinen Gürtel um; die ältere Sitte wurde gelegentlich noch geübt und lebte gegen Ende des 6. Jahrhunderts wieder auf, um im 7. Jahrhundert dann erneut zu dominieren. Die Gürtelbeigabe war in der Folgezeit eines der wenigen Elemente der Beigabensitte, die sich noch lange ins Mittelalter hinein sporadisch hielten.

Es liegt in der so ganz anderen Tradition der zweischneidigen Spatha, daß diese von Anfang an einen eigenen Aufhängegurt besaß. Im Gegensatz zu Leibriemen und Sax wurden Spathagurt und Spatha zu keiner Zeit dem Toten umgeschnallt mitgegeben. Das Schwert lag zur Rechten oder Linken des Verstorbenen, zuweilen auch zwischen den Beinen, häufig ruhte die Schwerthand noch auf dem Griff. Der Spathagurt war um die Waffe gewickelt. Diese Form der Beigabe entsprach im übrigen auch weitgehend deren Gebrauch im Leben: Als Instrument oder vielmehr Abzeichen von Macht und Wohlstand wurde eine Spatha mehr demonstrativ vorgezeigt denn im Kampfe erprobt. Sie gehörte jedoch zusammen mit Sax und Schild zu denjenigen Teilen der Grabausstattung, welche den Toten persönlich angingen und auch dort, wo große Grabkammern zur Verfügung standen, stets noch in den Sarg gelegt wurden; beim Schild war dies aus Platzgründen nicht möglich, ihn legte man auf den Sarg oder stellte ihn daneben, In der größeren, weiten Raum bietenden südlichen Grabkammerhälfte wurden weitere Waffen deponiert : Streitaxt, Lanze, Ango, Helm, Panzer, Pfeil und Bogen finden sich überraschenderweise hier und nicht im Sarg. Dazu Trense und Pferdegeschirr, Geräte, vor allem die Dinge, die der Wegzehrung und der Repräsentation im Jenseits dienten : Gefäße, zumeist Trinkgeschirr aus Ton, Glas und Holz und Bronzegefäße. Aus Gräbern mit guten Erhaltungsbedingungen sind auch hölzerne Sitz- und Liegemöbel sowie Prunkgewänder überliefert.

Zu den Beigaben der reichsten Männer gehörten aber auch ungewöhnliche Dinge, Pferde beispielsweise, die seit etwa 500 neben den Bestattungen ihrer Herrn beigesetzt werden, zunächst aufgezäumt und mit der Trense im Maul, später oft geköpft; die Trense findet sich dann im Grab des Mannes. Daneben gibt es weitere Tierbestattungen, etwa von Hunden, gelegentlich ein Hirsch, vermutlich auch einmal ein Vogel ( Falke?), dies alles jedoch außerordentlich selten.

Die Wissenschaft hat ein Qualitätsgruppenschema für die Grabbefunde aufgestellt. Archäologische Merkmale, die sich bei Männer- und Frauengräbern an den Beigaben orientieren, katalogisiert man mit gemeinverständlichen Bezeichnungen wie

arm, ausgesprochen ärmlich             = Gruppe A

wohlhabend, durchschnittlich wohlhabend    = Gruppe B

überdurchschnittlich wohlhabend         = Gruppe C

ungewöhnlich reich                = Gruppe D

Nach diesem Schema erfolgt die Beschreibung der Schwenninger und Neudinger Gräber.

Gräberfeld Schwenningen :

Es liegt „Auf der Lehr“ (Gewanname), einem seit längerem überbauten Stadtbereich nördlich des zentralen Marktplatzes. Ein bis 1984 unbebaut gebliebenes und als Parkplatz genutztes kleines Areal, zwischen Straße und Häuserrückfronten, ist der Rest eines in seinen Ausmaßen heute nicht mehr feststellbaren Reihengräberfeldes der Alamannen. Es befindet sich in der direkten Verlängerung der Sturmbühlstraße zur Spittelstraße, wo demnächst eine Entlastungsstraße durchgezogen werden soll. In einem heute überbauten Bereich hat 1938 Hermann Rupp eine erste Grabung durchgeführt. Er deckte vier Gräber des frühen 6. Jahrhunderts auf. Darunter war das Grab „einer um 530 verstorbenen Frau mit einer der reichsten Grabausstattungen, die aus der Völkerwanderungszeit bisher bekannt geworden sind“. Mit Beginn der Grabungen 1984 waren dem Landesdenkmalamt elf Gräber bekanntgeworden, nachdem in den 1950er Jahren Dr. Ströbel aus Schwenningen noch einmal den Spaten angesetzt hatte. ( Es ist allerdings unklar, ob damals nicht noch weitere Gräber aufgedeckt wurden.) Klaus Nietkamp hatte bis Mitte September 1984 etwa 60 weitere Bestattungen des frühen bis späten 7. Jahrhunderts freigelegt. Es sind Alamannen der Merowingerzeit. Sie lagen in reinen Erdgräbern, wobei es Hinweise auf Grabkammern gibt. Die Bestattungen erfolgten in gezimmerten Särgen. Gräber des 6. Jahrhunderts fehlen bisher ganz.

Bei unserem Besuch der Grabung im August 1984 lagen gerade die zwei abgebildeten Gräber frei. Das erste sieht zwar aus wie eine Doppelbestattung, was aber nicht bewiesen ist. Vielmehr sehen Nebeneinanderbestattungen in der Reihe immer wieder so aus. Die Grablegen sind offensichtlich beigabenlos und auf jeden Fall in die Gruppe A = ärmlich bzw. ausgesprochen ärmlich einzustufen. Das zweite Bild zeigt einen Mann mit voller Waffenausstattung, den man der Qualitätsgruppe B = wohlhabend oder durchschnittlich wohlhabend zuordnen kann. Auf dem Bild sind sichtbar: Lanzenspitze an der rechten Kopfseite, der Sax, das kurze, dolchartige einschneidige Hiebschwert, am Waffengurt in Bauchhöhe, und die zweischneidige Spatha, deren Vorfahre das zweischneidige Langschwert der römischen Auxilartruppen des 2. und 3. Jahrhunderts war. Bei allen Gräbern ist die Ausrichtung der Toten west — ost, mit Kopf im Westen. Diese Orientierung dominiert bei den Körperbestattungen seit dem Einsetzen der großen Reihengraberfelder ab dem 5. Jahrhundert.

 

Alamannische Nebeneinanderbestattung des 7. Jahrhunderts n. Chr. in Schwenningen.

 

Wohlhabender Mann mit voller Waffenausstattung, 7. Jahrhundert n. Chr., alamannischer Friedhof Schwenningen.

 

Gräberfeld Neudingen:

Südlich des Dorfes Neudingen an der oberen Donau, heute einem Stadtteil Donaueschingens, liegt im ansteigenden Gelände, Richtung Fürstenberg, ein Gewann mit der aufschlußreichen Bezeichnung „Auf Löbern“. In dem Neubaugebiet wurden bei der Errichtung der ersten Häuser alamannische Gräber zerstört, bis dann ab 1978 eine systematische Grabung begonnen wurde. Inzwischen sind über 300 Gräber vom Beginn des 6. bis zum 7. Jahrhundert freigelegt worden. Das Reihengräberfeld erweist sich damit, nach Hüfingen, als das zweitgrößte im oberen Donautal. Der Leiter der Abteilung Bodendenkmalpflege im Landesdenkmalamt Freiburg, Dr. Fingerlin, hat in einem Lichtbildervortrag beim Geschichts- und Heimatverein Villingen im Januar 1983 ausgeführt, daß man Bestattungen gefunden habe, die nach ihrem Inventar mit dem merowingerzeitlichen Königshof in Neudingen und der dort ansäßigen Familie in Verbindung stehen können. Aufsehen erregte in den ersten Grabungsjahren in diesem Zusammenhang das Grab einer Frau, in dem durch die guten Erhaltungsbedingungen nicht nur Bretter und Bohlen des Grabeinbaus sehr gut konserviert waren, sondern „auch wesentliche Teile des hölzernen Inventars, bestehend aus einer Bettstatt, Resten eines Stuhls (?), hölzernem Geschirr und verschiedenen Gerätschaften“. Dr. Fingerlin führte weiter aus: „Wichtigster Fund war das Unterteil eines großen rahmenförmigen Webstuhls mit vier Fuß brettern, eines technisch schon recht aufwendigen Geräts, mit dem man auch komplizierte Gewebe und Stoffmuster herzustellen vermochte“. Das eigentlich Erregende war eine auf einer Holzstrebe des Webstuhls eingeritzte Runeninschrift, die zum ersten „Schriftdenkmal“ des epigraphisch armen südgermanischen Raumes wurde, das auf einem hölzernen Gegenstand überliefert ist. Die Übertragung lautet: Liebes (Zuneigung) für Imuba von Hamal. Blidgung schrieb die Runen.

Abgesehen von der kultur- und sozialgeschichtlichen Bedeutung der verhältnismäßig langen Inschrift, wird plötzlich der Herzschlag liebender Verbindung zweier Menschen spürbar.

Wenn Dr. Fingerlin 1983 noch reiche Adelsgräber wie in Hüfingen, mit exklusiver Ausstattung, vermißte, erfüllte sich im August 1984 die Hoffnung. Mitte August lag das Pferdegrab frei, am 29. August fotografierten wir das dazugehörige, inzwischen fertiggeputzte Reitergrab des frühen 7. Jahrhunderts. Es ist, wie gesagt, das bisher reichste, und der Tote, den es birgt, war ein Mann des Ortsadels. Für sich allein gehört es schon in die Gruppe C = überdurchschnittlich wohlhabend, ob es zusammen mit dem beigegebenen Pferd schließlich zur Gruppe D = ungewöhnlich reich gehört, vermögen wir nicht zu entscheiden. Diese wohlhabende Person wurde nicht nur in einer sehr tiefen sondern auch in einer umfänglichen Grabkammer mit 2,80 Meter Länge und 1,30 Meter Breite, aus Bohlen gefertigt, beigesetzt. In dem gezimmerten Sarg innerhalb der Kammer lag der Tote nicht nur in der inzwischen vergangenen Gewandung, er besaß vielmehr folgende Beigaben: an seiner rechten Seite die zweischneidige Spatha, das Langschwert, als Prunkwaffe (auf der Fotografie schlecht zu sehen, weil sie auf der Schmalseite, der Schneide steht). Über einem reich verzierten Leib- oder Waffengurt, besetzt mit tauschierten Beschlägen, liegt auf der typischen linken Seite in Höhe des Leibes, das kurze Hiebschwert, der Sax. Zu seinen Füßen, wohl noch innerhalb des Holzsarges, ist eine bronzene Schale mit 22 cm Durchmesser abgestellt. Unterhalb davon liegt ein Köcher mit Pfeilen. In der südlichen Kammerhälfte, des ebenfalls west —ost bestatteten Toten — vom Betrachter des Bildes aus: links — wurde oben der Schild eingebracht, dessen Schildbuckel zu sehen ist. Unterhalb davon liegen die Trense mit Zaunzeug und Steigbügeln, bestehend aus zahlreichen Beschlägen, wie Riemenverteiler und Riemenzungen, die alle reich mit Silbereinlagen verziert sind (Tauschierung). Des weiteren befindet sich in diesem Bereich ein kleineres Tier, das ein Hund gewesen sein könnte. Als unteren Abschluß sehen wir im rechten Winkel zum Fußende der Bestattung die Spitze einer Lanze.

 

Alamannisches Gräberfeld in Neudingen an der Donau (Grabung 1984).

 

Unmittelbar östlich, d. h. an das Fußende der Grabkammer anschließend, befand sich das zu dem Adelsgrab gehörende Pferdegrab, das allerdings nicht so tief lag und deshalb auch zuerst freigelegt worden war. Als spätere Form einer Pferdebestattung wurde das Tier geköpft. Wo der Kopf geblieben ist, ob er etwa oberirdisch sichtbar auf dem Grab angebracht wurde, darüber läßt sich nur mutmaßen. Es war bereits das vierte Pferdegrab auf diesem Friedhof, bis Mitte September 1984 war noch ein fünftes freigelegt worden. Entsprechend der damaligen Sitte wurde die Trense des geköpften Pferdes im Grab des Mannes niedergelegt. Als Teil des Besitzes, der dem Herrn ins Grab folgt, ist das Pferd ein Statussymbol, das den Edlen kennzeichnet. Dem Betrachter wird auffallen, daß es ein verhältnismäßig kleines Tier ist. Allgemein wird von den Pferden der Germanen gesagt, daß sie nicht so hochgezüchtet gewesen seien wie die heutigen Pferde „und nicht einmal so groß wie die heutigen Panjepferde sondern fast ponyhaft kleine Tiere; ihre Widerristhöhe betrug 120 — 135 cm, so daß ein großer Mann, wenn er ritt, den Boden mit den Füßen berühren konnte“.

Bei Abschluß der Grabungskampagne 1984 waren neben weiteren Gräbern vor allem zwei reicher ausgestattete Frauengräber freigelegt worden, wovon eines einen massiv silbernen Armreif enthielt, der für germanische Trachtbeigaben untypisch ist. Es könnte sich um eine Importe oder ein Beutestück handeln.

Hu

Literatur:

Hannsferdinand Döbler, Die Germanen, Bertelsmann Lexikon Verlag, 1975

Rainer Christlein, Die Alamannen, Konrad Theiss Verlag, 1979

Alemannisches Pferdegrab. Das Tier wurde im geköpften Zustand dem auf der nächsten Seite abgebildeten und ungewöhnlich reich ausgestatteten Toten des frühen 7. Jahrhunderts mitgegeben. Siehe hierzu obigen Text. (Neudingen, 1984)