Eine mittelalterliche Heilquelle aus dem Hubenloch: Irrte oder mogelte Doctor Georgius Pictorius? (Werner Huger)

Bereits 1215 soll in einer pergamentenen Urkunde die Villinger Badestube erwähnt sein.1)

Über deren Herkunft konnten wir zumindest in den wichtigsten zugänglichen Quellen vor Ort keinen Hinweis erlangen.2)

(Es ist leider der Vorzug populärwissenschaftlicher Darstellungen, auf Quellenangaben gelegentlich verzichten zu können.)

Eine erste urkundliche Erwähnung des Villinger Badelebens innerhalb der Mauern fanden wir aber immerhin für das Jahr 1290. Dort ist die Rede von der Hofstatt eines Bades, die vor dem Oberen Tor zwischen den Mauern gelegen ist, „area aestuarii ante Portam superiorem oppidi Vilingen inter duos muros situata …“. ( FU. V 216) 2a)

Erst verhältnismäßig spät taucht eine weitere Notiz auf.

1540 schwört ein Paulin Hael, Metzgerknecht von Wangen, dem Bürgermeister und Rat von Villingen Urfehde, nachdem er im Rietbad gestohlen hatte. 3) Die Bezeichnung „Rietbad“ oder „Bad“ ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Verschwinden begriffen. Es handelt sich um das heutige Haus Rietgasse 5, der Fahrzeughandlung Hermann Fleig. Noch im Einwohnerbuch von 1902 finden wir unter „Privat-Anstalten“ — warme und kalte Bäder — den Heinrich Ummenhofer zum „Bad“ in der Riethgasse 514. Wenige Jahre später zog hier das „Uhrenwerk Schwarzwald“ ein. Damit war eine jahrhundertealte Tradition, die sicher lange vor das Jahr 1540 zurückreicht, zu Ende.

Das „Neuw bad“ dagegen wird schon 1525 in der Chronik des Villinger Ratsherren Heinrich Hug (Seite 127) genannt.4)

Hans Maier führt aus: „Ein Badhaus vor dem Riettor stand auf dem Gebiet der heutigen Landwirtschaftsschule. Am Fuße des Hubenlochsentspringt eine Quelle, der man im Mittelalter heilkräftige Wirkung zuschrieb. Sie wurde in einer mit Quadern erbauten Brunnenstube gefaßt und in einer Deichelleitung in das Neue Bad und von da durch die Ringbefestigung über den Hof des Franziskanerklosters ( . . . ) in das Rietbad (    ) geleitet. Das Franziskanerkloster hatte das Recht, für seine Zwecke dieser Leitung Wasser zu entnehmen.“5)

( Anmerkung des Verfassers: Die Landwirtschaftsschule, die auch das Landwirtschaftsamt enthielt, wurde um 1979 abgebrochen. Auf dem Gelände steht seit 1981 das neue Gebäude der Industrie- und Handelskammer, Romäusring 4.)

Beim Aushub der Baugrube für die IHK wurden Teile einer alten Deichelleitung freigelegt bzw. zerstört. Ihre bisherige Erhaltung war darauf zurückzuführen, daß das Landwirtschaftsamt mit seinen Baufundamenten nur den vorderen Teil der Bodenfläche, entlang der Ringstraße, bedeckte; der gegen den Hang zugekehrte Teil war Hof- bzw. Freifläche, etwa für einen Schopf, ohne tieferen Eingriff in den Boden. Der Verfasser hat damals an Ort und Stelle ein ausgehobenes und am Grundstücksrand gelagertes Teilstück der Deichelleitung von etwa zwei Meter Länge liegen sehen. Gleichzeitig war zu beobachten, daß sich in der Baugrube erheblich Wasser aus einem Quellhorizont des Hubenlochhanges, dem Gewann Schützenrain, ansammelte. Leider unterblieb, bevor die Bauarbeiten aufgenommen wurden, eine archäologische Untersuchung, so daß heute fast alle Schichten als zerstört gelten müssen. Mit dem „Neuen Bad“, seiner Quelle und deren Wasser wollen wir uns aus chemisch-analytischer, geologischer und medizinhistorischer Sicht beschäftigen. Es wird zu zeigen sein, daß neue Erkenntnisse gewonnen werden konnten.

Zweifel über den Standort des im 16. Jahrhundert genannten „Neuen Bades“ auf dem Gelände der heutigen Industrie- und Handelskammer schließen wir nicht zuletzt deshalb aus, weil sich noch für die Mitte des 19. Jahrhunderts dort eine Brunnenstube nachweisen läßt. 6)

Der um 1500 in Villingen geborene Georg Maler studierte an der Universität Freiburg. Er promovierte zum „artzney Doctor“ und latinisierte seinen Namen in Georgius Pictorius. Revellio nennt in „Polyhistor und Arzt“.7)

Am Sitz der kaiserlich-vorderösterreichischen Regierung in Ensisheim (Sundgau /Elsaß) war er zum „Phisicus“ bestellt; dieses Wort nun einfach mit „Amtsarzt“ zu übersetzen, wäre ungenau. Man muß in ihm vielmehr einen hohen Medizinalbeamten sehen, der nach heutigen Maßstäben vielleicht im Range eines Ministerialdirektors anzusiedeln wäre. Er starb 1565. Unter den zahlreichen fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen dieses namhaften Sohnes der Stadt Villingen befindet sich ein „Badenfartbüchlein“, das 1560 gedruckt wurde. Es ist ein Badeführer durch 38 „componierter mineralischen teutsches lands wildbädern“ ( = natürliche Quellen).8)

Unter den Badeorten mit auch heute noch mehr oder minder erlauchten Namen findet sich seine Heimatstadt, der er wie folgt ein balneologisches Denkmal setzt:9)

Von dem Neuwenbad

Es quillt an der statt Villingen ein vast nützlicher brun den man heisset das Neuwbad / und wiewol er schwäbel mit alaun halt / so ist er doch nit warm / sonder man muß in wermen / umb der ursach willen dz die minoer uber die er fleußt so weit von seinem qual / dann er under dem erdtrich auß eine berg allda / Haubeloch genannt fliesset / un ist sein hilff / thut der schwäbel / wie Galenus lehrt zu stercke die müde glid:

dan er trücknet die feuchten nerven / ist nütz der leben / dem miltz / und magen / lediget alle unreinigkeit der haut / und vertreibt den krampff / macht wol durstig aber gut gesellen leschen / disem bad zu lieb solt mancher weit herkomen / dann die narung ist so uberflüssig daß einen die wal treibt ob er visch / fleisch / oder wildprät haben wolle / un wiewol da kein wein wachset/so trincket man doch den besten / bleibt nit bey einerley. Das Wirtshauß so dem bad das negste / heisset zu der morin

 

Brunnenstube und Badehaus vor dem Riettor. Ausschnitt aus einer Federzeichnung der Stadt Villingen von 1685 — 1695 (GLA Karlsruhe). Der Turm rechts, Nr. 13, ist das Riettor, links, Nr. 4, das Franziskanerkloster, Nr. 15 ein Wachturm, der heutige Sankt Elisabethenturm, Nr. 14 der Michaelsturm, heute Romäusturm; links neben ihm, außerhalb der Mauern, die überdachte viereckige Brunnenstube, daneben, vom Romäusturm halb verdeckt, das Badehaus zur Verabreichung der Kuren. (Siehe Pfeile)

 

Außer der Ortsbestimmung „Neubad“, wo das Wasser verwendet wird, erfahren wir, daß es aus dem Berg „Haubeloch“ fließt. Selbstverständlich sind aus der antiken Kulturtradition Pictorius und seiner Zeit, lange bevor es die empirische Chemie im modernen Sinne gab, mineralische Lösungen von Schwefel und Alaun in Thermalwässern bekannt, denn er rechtfertigt deren Vorkommen in der Kaltwasserquelle des Hubenlochs aus seiner Sicht mit dem langen, abkühlenden unterirdischen Weg, den das Wasser durch den Berg nehmen mußte, seit es, wie man glaubte, über die heißen Minerale geflossen ist. (Zwei Drittel der von ihm aufgeführten Badewässer enthalten angeblich Schwefel, Alaun oder beide zusammen.)

Indem er Galenus (129 — 199 n. Chr.) zitiert, bemüht er für die Indikationen den berühmten griechisch-römischen Leibarzt des römischen Kaisers Marc Aurel, der im 16. Jahrhundert noch zu den traditionellen medizinischen Autoritäten gehörte.

Die lediglich kurze Bemerkung in der dritten Südkurierfolge, daß Pictorius „übrigens ein Zeitgenosse des Paracelsus“ gewesen sei, ist in Wahrheit einer der Schlüssel zu unserem „vast ( = stark) nützlicher brun“, der Schwefel mit Alaun enthalten soll. Wir werden das später zu begründen versuchen.

Halten wir fest : Es ist die Absicht des Doctor Pictorius, das Quellwasser aus dem Hubenloch durch seinen angeblichen Gehalt an Mineralstoffen, nämlich Mineralsalzen des Schwefels oder sonstigen Schwefelverbindungen, wenn nicht gar elementaren Schwefel, als heilkräftig auszuweisen. (Den Hinweis auf ein „Heilbad vor der Stadt“ finden wir u. a. noch 1632 in den Aufzeichnungen des Abts Gaisser.) Im Gegensatz zu gewöhnlichem Brunnen- oder Leitungswasser müßten dann grundsätzlich qualitative — z. B. die besonderen Bestandteile wie „Schwefel mit Alaun“ — und quantitative Unterschiede, also abweichende Prozentgehalte der Mineralstoffe, auffallend in Erscheinung treten. Wenn dem so wäre, muß man fragen, warum sich das Wissen um eine solche besondere Quelle nicht bis auf unsere Tage erhalten hat. Nichtsdestoweniger spekuliert Dr. Ulrich Rodenwaldt 1976, „ein Quellwasser, das ein Gipsvorkommen (CaSO4 • H2O) im Kalkgebiet ausgelaugt hat, ist in diesem Gebiet durchaus denkbar.“ 10)

Manchmal, lange bevor sich Juristen und Chemiker der Begriffsbestimmung heilkräftiger Bade- oder Trinkquellen angenommen hatten, gab — und gibt — es Quellen oder Brunnen, die „unter einem ganz bestimmten Namen bekannt waren (und sind), vielfach mit dem Wunder eines Heiligen in Verbindung gebracht wurden und manchmal Zustrom ganzer Wallfahrten bildeten, weil dem Wasser dort allgemein oder zu ganz bestimmten Tagen Wunderkräfte beigelegt wurden.“11) Dabei kann es sich um mineralarme kalte Quellen handeln, denen das Außergewöhnliche anhaftet und die vielleicht gerade deshalb gelegentlich nachweisbare Heilwirkungen haben. Ein klassisches Beispiel dafür ist unsere Romäusquelle im Stadtwald, wo täglich Leute, zum Teil von weit her, Unmengen dieses Wassers, aus welchem Grunde auch immer, in Kanistern nach Hause transportieren. Längst sind die Hintergründe der „Entdeckung“ dieser Quelle vergessen.

Geblieben ist das geheimnisvolle Dunkel, welches das scheinbar Besondere dieses an sich lediglich erfrischenden Schwarzwaldquells umhüllt. Dabei gab es vor 50 Jahren sehr vordergründige Motive, die dem Quell ans Tageslicht verhalfen. Es war jene Idee von der Kneippkur-Stadt, die sich im Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms der Nationalsozialisten bei Antritt ihrer Macht in den Jahren 1933/34 im Kurgarten, dem Kneippbad mit seinen eiskalten Arm- und Wassertretbädern verwirklichte — und in der willkommenen „Entdeckung“ der Romäusquelle durch einen „Naturfreund“ namens Weiß, der die Quelle „auspendelte“. Der Verfasser hat den kleinen rundlichen und etwas skurrilen Herrn 1945 in gemeinsamer französischer Internierung in der Villinger „Bubeschul“ näher kennengelernt, wo Weiß nach dem morgendlichen Appell auf dem Schulhof die dort eingelassenen kristallinen Steine mit seinem Pendel magisch überzog, was ihm das Pendel gelegentlich mit zarten Ausschlägen dankbar lohnte. Tatsächlich sollen im Wasser der Romäusquelle Spuren eines radioaktiven Elementes gefunden worden sein, offensichtlich sind diese aber ebensowenig wie der geringe Anteil an Mineralien von indikativer Bedeutung.

Heilquellen und Heilwässer sind nach heutiger Definition „Wässer, die aus ursprünglichen oder künstlich (z. B. durch Bohrung) erschlossenen Quellen stammen und ohne Zusatz oder Entzug irgendwelcher Bestandteile medizinisch nachweisbare krankheitsheilende, -lindernde oder -vorbeugende Eigenschaften haben, so daß sie zu Trink- und Badekuren gebraucht werden können. Heilquellen und Heilwässer unterscheiden sich von anderen Quellen durch einen Gehalt an Mineral- und anderen Stoffen, z. B. Kohlensäure, durch Radioaktivität oder durch höhere Temperatur“. Im Sinne der Verordnung für Tafelwässer sind Mineralwässer jene, die in 1 Kilogramm mindestens 1000 mg ( = 1 Gramm) gelöste Salze oder 250 mg freies Kohlendioxid enthalten.12) Zu den verschiedenen Arten gehören für unseren speziellen Fall sogenannte Sulfatwässer, wie z. B. Natrium- (Glaubersalz-wässer), Magnesium- (Bitterwässer), Calcium- (Gipswässer), Eisen- ( Eisenvitriolwässer) und Aluminium-Sulfatwässer (Alaunwässer I.

Daneben gibt es — unabhängig vom Gesamtgehalt an gelösten festen Mineralstoffen — Wässer, die besonders wirksame Bestandteile enthalten. Wiederum auf unseren Fall bezogen : Schwefelwässer mit Hydrosulfit-Ionen und teilweise freiem Schwefelwasserstoff.

Wir wollen hier nicht umfassend sein. Uns interessiert nur die Frage, inwieweit der von Pictorius behauptete „Schwäbel mit Alaun“ des Hubenlochwassers mit den heutigen chemischen, juristischen und medizinischen Kriterien eines Heil- oder Mineralwassers übereinstimmt. D. h., wir wollen wissen, ob dieses Wasser hinsichtlich seiner Wirksamkeit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Ansprüchen der heutigen Balneologie genügen kann.

Dazu war es erforderlich, das Quellwasser des Huben-lochs an der traditionellen Stelle zu suchen, es zu finden und Wasserproben chemisch analysieren zu lassen sowie auf geologische Strukturen und mögliche Veränderungen der letzten 400 Jahre zu achten.

( Für Pictorius und seine Zeitgenossen waren mineralogische Analysen nur mit einfachen physikalischen Methoden, z. B. Eindampfen der Flüssigkeit und Beurteilung des Rückstandes, möglich.)

Wir wußten zwar, wo wir zu suchen hatten, aber eine Probegrabung wäre nicht zu finanzieren gewesen. Der Weg zum Erfolg war deshalb geradezu banal. Wir gingen nämlich zum Hausmeister der Industrie- und Handelskammer und fragten ihn, ob ihm etwas von einer Quelle aus dem Hubenloch bekannt sei. Er sagte, der Quellaustritt an der südwestlichen Grundstücksecke sei gefaßt und das Wasser über eine Rohrleitung ins Haus geleitet worden, wo es über das Kanalnetz abfließe. Wir betraten zusammen das Kellergeschoß, wo er in der Südwestecke eine Tür aufschloß. In einem kleinen Raum unter der Treppe, durch den Rohrleitungen laufen, war am Boden ein Gitterrost eingelassen, den er emporhob. Darunter befand sich ein Betonkubus von etwa 1,5 cbm Inhalt. In ihm floß in halber Höhe aus einem Rohr unser gesuchtes Wasser. Der Rohraustritt befindet sich rund 1,5 Meter tiefer als das Straßenniveau im Romäusring (Frostsicherheit!). Der Hausmeister teilte uns mit, der Quellaus-tritt befände sich am Fuß des Berghanges, in einem Quellhorizont, der auf einer Breite von rund zwei Meter gefaßt wurde, etwa 20 Meter von dem Sammelbecken entfernt; von der Gesamtlänge würden 14 Meter auf dem Gelände der IHK verlaufen, der Rest liege etwa sechs Meter hinter dem Schnittpunkt der Grundstücksgrenzen IHK ( Romäusring 4), Anwesen Baumann- Dold ( Romäusring 5) am Abstieg des städtischen Hanggeländes (Schützenrain) und dort in etwa drei Meter Tiefe. Diese ungefähre Ortsbestimmung wurde von unserer Vorstandsdame, Frau Stadträtin Uta Baumann, der das Anwesen Romäusring 5 gehört — und wo sich auch die Geschäftsstelle des Geschichts – und Heimatvereins befindet — bestätigt. Anders ausgedrückt: Das Quellwasser tritt demnach bei 703,5 Meter Meereshöhe, d. h. unter Niveau, aus dem Quell-horizont des Bergrückens, Hubenloch genannt, aus und fließt heute abgeleitet in nordöstlicher Richtung. Auf seinem 14 Meter langen Weg über das Grundstück der IHK hat das Wasser ein Gefälle von 0,08 %. Sein Auslauf ist in der Südwestecke des Kellergeschosses des IHK-Gebäudes. Am 19. Mai 1984 erfolgte durch uns eine Wasserentnahme. Die Schüttung betrug in 27 Sekunden vier Liter das sind 0,148 sec-Liter. Ins Bild gesetzt: Die Ausflußmenge entspricht dem Wasseraustritt eines voll geöffneten Haushalts-Wasserhahnes, d. h., ein Wassereimer mit zehn Liter Inhalt ist in rund einer Minute (67,5 Sekunden) gefüllt; in einer Stunde sind es dann 600 Liter oder das Fassungsvermögen von drei modernen Badewannen mit 180 bis 200 Liter Inhalt. Der genaue Quellaustritt ist also durch uns nur in einer Näherung feststellbar, ebenso die zu vermutende ursprüngliche Schüttmenge der Quelle. Beide sind dennoch hinreichend bestimmt, denn

1. hat sich in den vergangenen 400 Jahren zumindest der Quellhorizont im Gestein wohl kaum verändert,

2. würde auch die heutige Schüttung für einen mittelalterlichen Badebetrieb (einige 1000 Liter Wasser im Tag) ausreichen.

Die Wasserentnahme im Mai fällt in eine Zeit, in der Quellen ohnehin am reichlichsten fließen. Dazu kommt, daß der Winter 1983/84 schneereich war. Andererseits hat es sowohl auf dem Höhenrücken des Hubenlochs als auch in seinen Randzonen oberflächenverändernde Baumaßnahmen gegeben, sei es durch die Anlage von Sportflächen, die eine Trainage erhielten oder durch Weganlagen bzw. Bebauung der Randzonen mit Gebäuden. Große Teile des Oberflächenwassers dürften demnach nicht mehr zur Grundwassermenge im Innern des Berges beitragen. (Bei starken Niederschlägen kann es aber zu erheblichen Wasseransammlungen kommen, die in die nahen Grundstücke im Vorfeld des Schützenrains eindringen. Nicht umsonst heißt das angrenzende Stadtviertel „Riet“.) Die Temperatur des Wassers bei seinem Austritt haben wir mit acht Grad Celsius gemesssen. Wir haben auch das Wasser verkostet. Es ist geschmacklich unauffällig und angenehm zu trinken. Anschließend verbrachten wir eine Wasserprobe in das autorisierte ‚Chemisch-Physikalische Labor Wahlwies zur Bestimmung der einschlägigen Mineralbestandteile.

Um den mit chemischen Analysen weniger vertrauten Leser nicht zu langweilen, setzen wir das Ergebnis der wissenschaftlichen Auswertung des Wassers an den Schluß unseres Berichts und stellen dann gleichzeitig das Ergebnis der Untersuchung des nicht aufbereiteten Wassers der großen klassischen Quelle des alten Dorfes Villingen, der heutigen Altstadtquelle, vom Dezember 1982 gegenüber.13)

Die schlüssige Zusammenfassung also vorweg:

Für das Quellwasser aus dem Hubenloch gibt es keine Anhaltspunkte, daß es jemals „Schwäbel mit Alaun“ enthielt, die seine Hervorhebung als Bad mit entsprechenden medizinischen Indikationen rechtfertigen würden.

Sein Gehalt an Mineralstoffen insgesamt entspricht einem mineralarmen Wasser. Es ist Trinkwasser im allgemeinen Sinne und in seiner mineralischen Zusammensetzung mit dem der historischen Altstadtquelle vergleichbar. Reiner Schwefel oder sonstige Schwefelverbindungen, wie z. B. Schwefelwasserstoff, waren nicht nachweisbar. Die Sulfat-Ionen des Säurerestes SO4 können in Verbindung gebracht werden mit den relativ hohen Anteilen der Metall-Ionen Calcium, Natrium und Magnesium sowie dem geringen Anteil von Aluminium- Ionen. Insgesamt besitzt das Wasser noch nicht einmal den dritten Teil gelöster Stoffe, um allgemein von einem Mineralwasser sprechen zu können. ( 1 g in 1 Liter) Ein handelsübliches Mineral- oder Heilwasser besitzt mindestens einen zehnmal so hohen Anteil an gelösten Stoffen.

Zwischen den beiden Gebäuden, Industrie- und Handelskammer, rechts, und Haus Baumann -Dold, links, Romäusring 5, befindet sich im Hintergrund, am Fuße des Hubenlochs (Schützenrain), unter der Erde der Quellhorizont des „vast nützlicher brun „, den Doctor Pictorius beschreibt. Hier ist auch die Brunnenstube zu suchen (s. Federzeichnung auf Seite 2 dieses Beitrags).

 

Wir müssen leider Abschied nehmen von der freundlichen Empfehlung aus dem Jahre 1560 unseres lieben Landsmannes Doctor Georgius Pictorius, „disem bad zu lieb sott mancher weit her komen“, weil „sein hilff thut der Schwäbel“ für müde Glieder, die Leber, Milz,den Magen, die Unreinheit der Haut und den Krampf. Wir müssen auch Abschied nehmen von den Empfehlungen der kulinarischen Genüßlichkeiten als Begleitangebot anspruchsvollen Kurlebens im Wirtshaus „zu der Morin“. Dieses Gasthausgibt es längst nicht mehr. Standortmäßig ist es mit. dem heutigen Spielwarenhaus Reinhard Bauer in der Rietstraße zu identifizieren.14)

Hat sich Pictorius geirrt oder, sich selbst schmeichelnd, in einer liebenswürdigen Reverenz für seine Heimatstadt Villingen werbend gemogelt, um es unwissenschaftlich salopp zu sagen.

Prüfen wir deshalb noch zwei Sachverhalte: den geologischen und den medizin- historischen.

Es gilt dem Einwand zu entgegnen, „ein Quellwasser, das ein Gipsvorkommen (CaSO4 • 2H2) im Kalkgebiet ausgelaugt hat, ist in diesem Gebiet durchaus denkbar“. (Siehe Dr. Rodenwaldt, weiter vorne)

Wir befinden uns geologisch für das ganze Hubenloch im Bereich des etwa 40 Meter mächtigen Unteren Muschelkalks, der auf der kalkarmen Bundsandstein-platte aufliegt und zur südwestdeutschen Stufenlandschaft gehört.15) Alle Trias-Formationen fallen in unserer Raumschaft von West nach Ost mit einer Neigung von vier bis fünf Grad ein. Bei der Altstadtquelle auf der Ostseite der Brigach ist der Übergang der Schichtstufe des Unteren Muschelkalks zum flacheren Anstieg des etwa 30 Meter starken Mittleren Muschelkalks, der wiederum vom steiler ansteigenden rund 60 Meter starken Oberen Muschelkalk abgelöst wird, dessen Abschluß die wellige Hochfläche ( um 760 Meter Meereshöhe) zwischen „Lämmlisgrund“, „Kops-bühl“ und der früheren Schwenninger Gemarkungsgrenze bildet. Dieses rund zwei Millionen Quadratmeter große Gebiet ist, soweit hier genannt, das Einzugsgebiet der größten, etwa 15 Sekundenliter schüttenden Altstadtquelle, deren Wasser auch heute noch nicht wassertechnisch aufbereitet wird. Natürlich konnten auch wir nicht eine stratigraphische Untersuchung der geologischen Schichten auf ihren lokalen Mineralgehalt durchführen, aber wir setzen eine Hypothese gegen Vermutungen. Massive Gipsvorkommen sind für den Unteren Muschelkalk untypisch. Sie gehören in den Mittleren Muschelkalk. Am Übergang vom Unteren Muschelkalk in die „salinare Fazies“ des Mittleren Muschelkalks können allerdings lokal auftretende „Gipslinsen“ unter Umständen erwartet werden.

An der Stelle des rechten Teils des Hauses R. Bauer in der Rietstraße befand sich das alte Gasthaus „zum Mohren“. (Auskunft: Häuserforscher Walter K. F. Haas, Villingen.)

 

Wir können sie nicht nachweisen. Erwartungsgemäß ist der Sulfatanteil (SO4) im Wasser der Altstadtquelle ( = 32,64 mg/1) um ein Drittel höher als bei der Hubenlochquelle ( = 21 mg/1). Man muß es damit begründen, daß im Einzugsbereich der Altstadtquelle das Oberflächenwasser der Niederschläge nach dem Oberen Muschelkalk auch den entscheidenden Mittleren Muschelkalk durchdringt, ehe es im Altstadtbereich zum Quellwasser wird. Für den zutage ausstreichenden Mittleren Muschelkalk, wie es bei den Hanglagen des östlichen Mittleren und Unteren Steppachs der Fall ist, sind Auslaugungen üblich, so daß allgemein eine untere Abteilung (5 bis 6 m) als Reste des alten Salzlagers angenommen werden kann, deren Sulfate im Bereich des bewegten Grundwassers der Auflösung zum Opfer fallen, wobei noch lokale Linsen von Gips denkbar sind. Solche Vorgänge vollziehen sich selbstverständlich in erdgeschichtlichen Zeiträumen, bei denen 400 Jahre keine Rolle spielen dürften. Sollten solche Gipslinsen auf beiden Seiten der Brigach im Muschelkalk vorkommen oder vorgekommen sein, so war ihr Bestand zur Zeit des „Neubades“ wohl kaum wesentlich größer als heute. Bei den sieben Tiefbohrungen nach Kochsalz auf der Schwenninger Gemarkung im 19. Jahrhundert, etwa fünf Kilometer Luftlinie östlich des Hubenlochs wurden die ersten Schwefel enthaltenden Mineralien, vor allem Gips (CaSO4 • 2H2O) und wasserfreies Anhydrit (CaSO4) auch Schwefelkies ( FeS2) im Mittleren Muschelkalk erst bei 100 und mehr Metern unter der Erdoberfläche, d. h. bei 600 Meter Meereshöhe abwärts, angetroffen. Stratigraphisch steht in Schwenningen zwar als oberste Schicht Gipskeupermergel an, aber „in oberflächennaher Lage ist er meist ganz oder teilweise der Ablaugung anheimgefallen“. (Wir können also für ein frühes Bad in Schwenningen, gespeist aus natürlicher Quellschüttung, mit den gleichen Voraussetzungen wie in Villingen rechnen. Quellen auf dortigem Gebiet trockneten allerdings sehr leicht monatelang aus.)

Aus geologischer Sicht spricht demnach nichts dafür, daß die heute in den Quelischüttungen vorkommenden schwefelhaltigen Mineralverbindungen vor 400 Jahren größer waren.

Es wird nun zu prüfen sein, ob wir aus medizin-histo-rischer Sicht zumindest einer Erklärung für die Anpreisung des „Schwäbel mit Alaun“ näherkommen. Jeder Wissenschaftler — und damit jeder Arzt — muß sich mit den Strömungen, Erkenntnissen und Lehren seiner Zeit auseinandersetzen. Das gilt besonders für einen Arzt wie Pictorius, der als hoher Medizinalbeamter seiner Regierung gegenüber verantwortlich ist. Wir verwiesen schon eingangs auf die von Pictorius angeführte spätantike Autorität des 1500 Jahre vor ihm lebenden Arztes Galenus, der die therapeutische Wirkung des Schwefels bei bestimmten körperlichen Gebrechen lehrte. Die noch auf Galenus zurückgehende herrschende Lehrmeinung wird im „Badenfartenbüchlein“ an der Formulierung „trücknet die feuchten nerven“ deutlich. Galenus ist für die öffentliche Meinung der damaligen ärztlichen Fachwelt natürlich über Zweifel erhaben. Damit ist jedoch gleichzeitig gezeigt, in welchem bescheidenen Rahmen sich noch im 16. Jahrhundert die Möglichkeiten der Therapie bewegten. Tatsächlich liegen wirkliche Fortschritte erst im 19. Jahrhundert und ganz besonders in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis dahin war der Unterschied im Umfang der Diagnostik einerseits und der begrenzten therapeutischen Möglichkeiten andererseits eklatant. Man wird deshalb beachten müssen, daß die Ansprüche, die man an die Qualität pharmazeutischer Mittel in den vergangenen Jahrhunderten stellen konnte, auch soweit sie dem Mineralbereich angehörten, gelegentlich und zwangsläufig auf einem wesentlich niedrigeren Erwartungshorizont lagen.

Sich auf Galen zu berufen war für Pictorius zeitgemäß und ebenso unbedenklich möglich, wie Hippokrates, Aristoteles und eine Reihe anderer zu zitieren. Wir meinen, dieser Name hatte unter anderem auch Alibifunktion. Es steckte wohl in Wahrheit ein ganz anderer dahinter, der selbst dazu aufforderte: “ . . . ir müsset mir nach mit euerem Avicenna, Galeno …“ und von dem es nicht gerade zweckmäßig war, daß man ihn unbedingt hervorhob, weil er leicht zum Widerspruch herausforderte: Paracelsus. 1 6) Ohne besondere Hervorhebung erwähnt ihn Pictorius nur dreimal kurz im Badenfahrtenbüchlein.

Schwäbischer Abstammung, in Einsiedeln ( Kanton Schwyz) als Sohn eines Arztes geboren, lebte Theophrast von Hohenheim, der sich lateinisch Paracelsus nannte, von 1493 bis 1541. Er war Doktor der Medizin. In mehr als 200 Schriften hat er seine Erkenntnisse und Lehren niedergelegt. „Sein stürmischer, revolutionierender Geist ging die Buchstabenwissenschaft und herkömmliche Medizin an, die er zu reformieren bestrebt war.“ Nicht umsonst wurde er heftig angefeindet. (Ausführlicheres erfährt der Leser aus der Literatur, die in Fußnote 16 genannt ist.) Paracelsus wird mit seinem Wirken in der Geschichte unterschiedlich beurteilt. Vor allem seine Zeitgenossen „lehnten ihn weitgehend ab“. Schließlich hatte er es gewagt, gegenüber dem klassischen „Establishment“, wie wir heute in „neudeutsch“ sagen würden, auf Distanz zu gehen. Wenn Pictorius in seinen weiteren Empfehlungen17) Anweisungen für eine gesunde Lebensweise gibt, etwa auf ein ausgewogenes Maß an Schlaf zu achten, richtig zu essen, übermäßigen Alkoholgenuß zu meiden u. a., dann verrät er, daß er in der Tradition des Paracelsus steht, der in seiner Schrift „Über die Medizin“ die „vorbeugende und heilende Auswirkung einer naturgemäßen Lebensweise“ zu einem der Grundgesetze seiner Lehre erhoben hatte. Schon in seiner Kindheit in Villach ( Kärnten) waren ihm neben anderen Mineralien Sulfate und Alaun bekanntgeworden. Er verfaßte das „früheste Zeugnis der wissenschaftlichen Balneologie“, der Bäder- und Heilquellenkunde. Und schließlich wurde er zum Wegbereiter der Lehre vom Stoffwechsel. (Siehe weiter unten) In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, also gerade zu der Zeit, da 1560 das „Badenfartenbüchlein“ des Doctor Pictorius erschien, gab es eine Phase, wo der inzwischen verstorbene Paracelsus als Arzt und Philosoph im Ansehen stieg. Für unsere Betrachtungen ist von besonderer Bedeutung, daß Paracelsus als „Begründer der pharmazeutischen Chemie“ gilt» 8)

Die allmähliche Wende von der Alchemie zur Chemie setzt im 15. und 16. Jahrhundert ein. Träger der chemischen Bildung wurden die Ärzte. Einmal ging es darum, die Lebensvorgänge, Gesundheit und Krankheit als chemische Prozesse — nicht zu verwechseln mit der heutigen Biochemie — zu erklären, aber auch entsprechende Heilmittel zu schaffen. Was damals geschah, war dennoch nicht wissenschaftliche Chemie im heutigen Sinne, die sich mit den Elementen als Grundstoffe, ihren Verbindungen und chemischen Eigenschaften befaßt. Für Pictorius und seine Zeitgenossen sind die Stoffe, wie der erwähnte „Schwäbel“ und „Alaun“ Träger bestimmter Eigenschaften, deren Fehlen oder Überschuß im Körper Krankheiten verursacht. Nach dieser Lehre kann ein gestörtes Gleichgewicht durch Zuführung chemischer Stoffe wieder hergestellt werden.

Man setzt Paracelsus an den Beginn dieses neuen Abschnitts, der sogenannten „latrochemie“ (gr. iatros = Arzt). Ein bekannter Ausspruch von ihm ist: „Chemisches Wissen schafft Macht über Krankheiten“. Die Heilmittel, die er selber herstellte, bestehen sowohl aus Pflanzensäften als auch aus Mineralstoffen. Im Kampf gegen die „Quacksalberei und Ausbeuterei der in lebensfremder Scholastik befangenen damaligen Ärzte“, ist demnach unser Doctor Pictorius auf der Höhe der „Forschung“ und Erkenntnis seiner Zeit, wenn er das Wasser mineralhaltiger Quellen zur äußeren und inneren Anwendung in seinem „Badenfartenbüchlein “ anpreist.

Wir halten es im übrigen für denkbar, daß Pictorius in Freiburg (1528) oder von dort aus, dem 1527 im nahen Basel als Stadtarzt tätigen und Vorlesungen haltenden Paracelsus persönlich begegnet ist.

Fassen wir auch hier zusammen : Den Empfehlungen des regierungsamtlichen Arztes Doctor Georgius Pictorius für ein gesundes, naturnahes Leben, aber auch für die Anwendung mineralischer Heilmittel in der Verabreichungsform entsprechenden Quellwassers liegen die Erkenntnisse und Lehren der klassischen Autoritäten und die seiner Zeit, der latrochemie, als damals hochmodern zugrunde.

So gesehen ist er ein Schüler des Paracelsus, der durch seine — kraft Amtes — autorisierten Veröffentlichungen ebenfalls mitwirkte, das Ansehen des großen Arztes in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu mehren.

Während in warmen und heißen Quellen, wie z. B. in den bereits von den Römern genutzten Wässern Badenweilers, Badens in der Schweiz oder Baden-Badens, erhebliche Mengen von Mineralsalzen gelöst sind, die schon bei geringer Abkühlung des Wassers massenweise ausgefällt werden, müssen andere, so auch das Wasser des „Haubelochs“, aus heutige Sicht als mineralarm und für Heilzwecke bedeutungslos bezeichnet werden. Ihre Heilanzeigen können auch nicht in der damals angenommenen Form des „Gleichgewichtsausgleichs der Stoffe“ gesehen werden. Was immer den Arzt Pictorius zu seiner Empfehlung veranlaßt haben mag: wir wissen es nicht. Liest man, was er über das Wasser, „in seiner vermischung Schwäbel mit wenig Alaun“, von Baden im Aargau (Schweiz) schrieb, so hat er wahrscheinlich den nach Erwärmen des harten Hubenlochwassers allmählich ausgefällten Kesselstein, einem hauptsächlich aus Kalk bestehenden Gemenge, mit Gelblichfärbung durch Eisenanteile, für „Schwefel mit Alaun“ gehalten; dann allerdings wären die behaupteten Heilanzeigen erst recht nicht auf die genannten Mineralien zurückzuführen.19) Seine Ausführungen verlieren sich im Dunkel einer Betrachtungsweise, die wir offensichtlich heute nicht mehr nachzuvollziehen vermögen. Wir wissen aber, daß es außerhalb der exakten Wissenschaften das Phänomen der Heilung gibt. Wenn Pictorius und seine Zeit die Ursachen dafür unter anderem in der iatrochemischen Behandlungsweise sahen, so hat das mit Scharlatanerie nichts zu tun, denn sie handelten nicht wider besseres Wissen. Für den Heilungsuchenden kann Einbildung die Wirkung von Arznei haben. Die Heilmethode bedarf nicht des wissenschaftlichen Beweises.

Mit den Erkenntnissen der heutigen Chemie, Pharmazie, physikalischer Meßtechnik und ärztlicher Kunst, kurz all dessen, was wir wissenschaftlichen Fortschritt nennen, sind wir Heutige um so viel „schlauer“ als es im 16. Jahrhundert unser Landsmann Georg Maler, genannt Pictorius, der angesehene Arzt, war. Was er in seiner Heimatstadt Villingen den Menschen zur Gesunderhaltung und Heilung empfohlen hat, beantworten wir vielleicht mit der Arroganz eines Schmunzelns. Dabei hätte gerade unsere Zeit den Rat eines Paracelsus und eines Pictorius wohl nötiger denn je.

Im heutigen Haus Rietgasse 5, Fahrzeughandlung H. Fleig, befand sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die „Gastwirthschaft mit Personalrecht “ zum „Bad“, in der auch „warme und kalte Bäder“ verabreicht wurden.

 

Es ist das mittelalterliche „Rietbad“, das 1540 in einer Urkunde genannt wird.

Das Erdgeschoß und das 1. Obergeschoß sind durch Umbauten bis in die jüngere Zeit teilweise auch im Boden nachhaltig verändert. Hinter der heutigen Schaufensterfront befand sich einst die Schankstube, deren umlaufende Sitzbänke von der Frau des damaligen Eigentümers erst nach dem Zweiten Weltkrieg herausgenommen wurden, nachdem in Folge der Vertreibungen aus dem deutschen Osten die gewerblich verwendeten Räume notdürftig zu Wohnzwecken genutzt werden mußten.

Erhalten haben sich an der Nordostseite des Hauses zwei gewölbte, für den Wirtshausbetrieb unverzichtbare Kellerräume, die, mit Rücksicht auf den Grundwasserspiegel, nur etwa ein Meter abgetieft sind. Vollständig erhalten blieb ein altes, ursprünglich über drei Stockwerke reichendes Dachgeschoß mit „liegenden Stühlen“, von deren Konstruktion Hermann Schilli 1 „Schwarzwaldhäuser „, Badenia Verlag Karlsruhe, 1978, S. 94) schreibt, “ . . . das Dach sitzt wie auf Stühlen, deren Beine schräg unter die Dachneigung gestellt sind. Diese Zimmerungsart ist nachmittelalterlich.“ Die Seitenstabilität gewährleisten sogenannte Andreaskreuze, eine längst aufgegebene Zimmermannstechnik.

In der Nordwestecke des Dachbodens fand der jetzige Eigentümer Fleig 1955, nach dem Kauf des Hauses, eine, wie er sagte, 8 — 10 Zentimeter im Durchmesser starke eiserne Vollkugel, die einen Balken angeschlagen hatte und auf den Speicherboden herabgefallen war. Sie existiert leider nicht mehr. Nach fachkundigen Berechnungen des Mitglieds des Ge-schichts- und Heimatvereins, Heinz Strengert, kann es sich nur um die Kugel eines sechspfünder Feldgeschützes gehandelt haben ( Zwölfpfünder 11,5 — 11,8 cm Durchmesser). Gemessen am Alter des Dachstuhls käme für den Einschuß zeitlich die Tallardsche Belagerung von 1704 in Frage.

Eine mittelalterliche Heilquelle aus dem Hubenloch:

Quellennachweis:

1) Klaus Willner, Villinger Badeleben (1 1, Südkurier vom 27.4.84, Nr. 98

2) Hans-Josef Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, in: Schriftenreihe der Stadt Villingen, zwei Bände, Ring Verlag Villingen, 1971 Christian Roder, Oberrheinische Stadtrechte, Abteilung: Schwäbische Rechte. Erstes Heft: Villingen; Heidelberg 1905

2a) Zitiert nach F. X. Kraus, Die Kunstdenkmäler des Groß-herzogthums Baden, II. Band, S. 102, Freiburg 1890

3) H.-J. Wollasch, a. a. 0., Bd. I, Seite 257, Nr. 1364

4) Hans Maier, Die Flurnamen der Stadt Villingen, in : Schriftenreihe der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen, 1962, Seite 88

5) Hans Maier, a. a. 0.

6) Siehe hierzu den nachfolgenden Beitrag von Walter K. F. Haas: Daten und Fakten über die Quelle am Hubenloch und über das Gasthaus „zum Bad“ an der Rietgasse

7) Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, in: Schriftenreihe der Stadt Villingen, Ring Verlag Villingen, 1964, Seite 467

8) D. Georgius Pictorius, Badenfahrtbüchlein, Nachdruck des Werkes aus dem Jahre 1560, Verlag Herder Freiburg i. Br., 1980, Seite 8

9) a. a. 0., Seite 75/76

10) Ulrich Rodenwaldt, Das Leben im alten Villingen, Revellio-Druck, Villingen 1976, Seite 88

11) „Nur ein Glas Wasser „, Pressestelle Deutscher Naturbrunnen, Bad Godesberg, Seite 25

12) „Nur ein Glas Wasser“, a. a. 0., Seite 24

13) Chemisch-physikalische Wasseruntersuchung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erläuterungen zu

I) Auftraggeber: Stadtwerke Villingen-Schwenningen Labor: DVGW — Forschungsstelle am Engler — Bunte —Institut der Universität Karlsruhe (TH ), Bereich Wasserchemie. — Mitteilung vom 10.1.1983 an die Stadtwerke Vllg.-Schw.. Von dieser Aufstellung wurden nicht alle angegebenen Werte aufgeführt. Die Originalangaben lauten auf mol /m 3 oder mmol /m3 und mußten auf mg /I umgerechnet werden. Dazu diente der Umrechnungsschlüssel der auf der Rückseite der Aufstellung angegebenen gerundeten Werte.

Nach Auskunft der Stadtwerke ist das Wasser der Altstadtquelle, entgegen allen übrigen genutzten Wassern, nicht aufbereitet, also in seiner Beschaffenheit ursprünglich, nachdem es auch nicht in die Trinkwasserversorgung eingeleitet wird, sondern hauptsächlich der Industrie als Brauchwasser zur Verfügung steht.

Siehe auch Anmerkung unter 111.

II) Auftraggeber: Geschichts- und Heimatverein Villingen Labor: Chemisch-physikalisches Labor Wahlwies

Die Werte wurden vom Labor in mg /I (Milligramm pro Liter) mitgeteilt, und zwar Ende Mai 1984 ( Kationen) und Mitte Juni 1984 (Anionen).

Anmerkungen :

Wasser, das durch Kalkstein fließt, löst selbstverständlich Karbonate, ohne daß es hier notwendig wäre, bei beiden Quellwassern die Anteile an HCO3 Ionen zu quantifizieren. Sie sind lediglich für die Härte des Wassers von Bedeutung:

Die Summe der Erdalkalien (Ca + Mg) ( x 5,6) ergibt die Gesamthärte in °dH.

Die Säurekapazität bis 4,3 (x 2,8) ergibt ca. die Karbo-nathärte in °dH; diese ist bei der Altstadtquelle 2,5 x 2,8 = 7. Dagegen liegen für das Hubenlochwasser keine Werte vor; hier ist aber die Gesamthärte schlüssig höher. (Wo Niederschläge durch pflanzenbedeckte Bodenschichten dringen, erhalten wir kohlensäurereiche Sickerwässer, weil die Konzentration von CO2 in der Bodenluft etwa hundertmal so groß ist wie sonst in der Luft üblich. Das führt chemisch in den Gesteinsschichten zu einem Korrosionsvorgang für die Auflösung des Kalks nach folgender Formel:

CaCO3 + CO2 + H2O —› Ca++ + 2HCO3—. In wässriger Lösung ist der Kalk also dissoziiert als Calcium und Hydrogenkarbonat.)

Das Labor Wahlwies, Herr Dipl. chem. Höckendorf, teilte mündlich mit, das Hubenlochwasser entspreche mit seinen Mineralwerten qualitativ einem Trinkwasser, wie es auch im Hochgebirge der Kalkalpen angetroffen wird. Die Sulfatmengen sind unbedeutend. Auf ausdrückliche Rückfrage sagte er, daß das untersuchte Wasser keinen elementaren Schwefel enthalte und auch sonstige Schwefelverbindungen nicht nachgewiesen werden konnten. Alaune sind chemische Verbindungen der allgemeinen Formel MelMeill(SO4)2 • 12 H2O. Der wichtigste Alaun, der auch für die Heilkunde in Frage kommt, ist der Kalialaun, KAI(SO4 )2 • 12 H2O. Seine sämtlichen elementaren Bausteine sind im Wasser des Hubenlochs enthalten, so daß deren Kombination theoretisch das Vorhandensein von Alaun zuließe, allerdings nur in so geringen absoluten Mengen, daß jede indikatorische Relevanz verneint werden muß.

Wir wissen nicht, welchen Inhalt der Begriff „Alaun“ im 16. Jahrhundert, verglichen mit den heutigen wissenschaftlichen Kriterien, besaß. Sicher war damals der Begriff aus der Alchemie heraus empirisch bestimmt und könnte sich stofflich durchaus mit dem decken, was wir heute mit dem Wort Alaun bezeichnen.

14) Mündliche Mitteilung des Villinger Häuserforschers Walter K. F. Haas. Das Gasthaus hieß „Mohren“. Vielleicht war es damals in Händen einer verwitweten Wirtin, eben der „Morin“.

15) Vgl. zu den folgenden Ausführungen oben: Geyer und Gwinner, Einführung in die Geologie Baden /Württembergs, E. Schweizerbart ’sche Verlagsbuchhandlung, 2. Auflage, Stuttgart 1968, vor allem S. 32 —40. Hans Maier, a. a. O., S. 1 — 4 und Karte im Anhang.

Günter Schulz, Geschichte der Saline Wilhelmshall bei Schwenningen, 7. Band der Schriftenreihe der Großen Kreisstadt Schwenningen, 1967, S. 13 — 36. Ferner: Geyer und Gwinner, a. a. O., S. 48.

16) Ernst Kaiser, Paracelsus, Rowohlt Taschenbuch, 1984

17) Vgl. Klaus Willner, Villinger Badeleben (3),SÜDKURIER v. 12. 5. 84 Nr. 110

18) Vgl. Lüthje — Gall — Reuber, Lehrbuch der Chemie, Band II, Salle Verlag Frankfurt a. M. u. a.

19) Das Mineralwasser in Baden (Schweiz, Kanton Aargau) ist eine 47° Celsius warme „Schwefeltherme“ mit Na-trium-calcium-chlorid-Sulfatwasser. Die Gesamtmine-ralisation beträgt 4 525 mg / Liter. Davon sind 77,2 mg undissoziierte Bestandteile, deren Einzelqualität uns nicht bekannt ist, also auch nicht, ob sie elementaren Schwefel oder sonstige Schwefelverbindungen, z. B. H 2S, enthalten; die Menge wäre jedoch absolut wie relativ sehr gering. Von dissoziierten Molekülen sind für unsere Betrachtung folgende bedeutsam: Kationen : Natrium 718 mg /Liter, Kalium 64,2, Magnesium 101,1, Calcium 541, Aluminium 0,01; Anionen: Chlorid 1 106 mg/ Liter, Hydrogenkarbonat Karbonat 488, Sulfat 1411.

Das Niederschlagswasser versickert in den wasserdurchlässigen Schichten des Muschelkalks im westlichen Jura, sinkt in eine Tiefe von etwa 1 500 m, wo es sich entsprechend erwärmt. Die Verweildauer im Erdreich beträgt etwa acht bis zehn Jahre. Es löst im anliegenden Gestein die Mineralbestandteile heraus und diese treten an der tiefsten Stelle des Badener Juraklus, wo der Muschelkalk durch die Limat angeschnitten wurde, zutage. (Quelle: Informationsprospekte des Verkehrsbüros Baden, 1984)

Die Abscheidungen in den Rohren, von denen Pictorius spricht und die er als Schwefel bezeichnet, sind Mineralien, die mit abnehmendem Lösungsgrad des sich abkühlenden Wassers ausfallen. Da Karbonate (Kalk) eine geringe Löslichkeit haben, fallen diese zuerst aus, schließlich würden dann auch die Sulfate, wohl in Form von Gips, ausfallen. Beide Stoffe kristallisieren.

Chemische Verbindungen sind bekanntlich Stoffe mit neuartigen chemischen und physikalischen Eigenschaften, die zu denen der Ausgangsstoffe, z. B. Schwefel als Element, keine Beziehungen mehr haben. Wir halten es deshalb nicht für möglich, daß Pictorius mit dem wissenschaftlichen Stand seiner Zeit in der Lage war, die Ablagerungen in den Rohren qualitativ hinreichend zu bestimmen und in ihnen Schwefel, bzw. Alaun zu erkennen. Eine Analyse liegt uns nicht vor, aber wir halten die Ablagerungen für ein Kalk-Gipsgemenge, entsprechend der Wasseranalyse weiter oben, also Kesselstein.

Für das Hubenlochwasser sind die Voraussetzungen etwas anders. Es ist kein Thermalwasser aber ebenfalls ein Karbonatwasser nebst Sulfat, nur mit wesentlich geringeren Anteilen. Ausfällungen lassen hier auch nur den Schluß auf Kesselstein zu.

 

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