— 4000 Jahre — Ein Steinbeil der Jungsteinzeit auf Villinger Gemarkung Ältester lokal gesicherter Fund aus der Vorgeschichte beim Magdalenenbergle (Manfred Hettich)

Als ich am 31. Oktober 1983 eine meiner letzten regelmäßigen Begehungen (Frühjahr und Herbst) im Gebiet um das Magdalenenbergle unternahm, fand ich das hier in Originalgröße abgebildete Steinbeil der Jungsteinzeit. Es schaute mit dem spitzen Ende aus einer Ackerscholle hervor und fiel mir neben der Form vor allem durch die grünliche Farbe auf. Es ist das einzige und früheste Fundstück auf Villinger Gemarkung, das zuverlässig wissenschaftlich bestimmt und fachgerecht eingemessen worden ist. Ein durchlochtes Steinbeil (Steinhammer ?) das im letzten Jahrhundert bei der Brigachkorrektur gefunden wurde, ( Vgl. Hans Brüstle, Villingen — aus der Geschichte der Stadt, Seite 5) ist für die Heimatforschung wertlos, weil keine konkreten Daten vorliegen. Es kann auch im Steingeschiebe der Brigach angeschwemmt worden sein.

Es war der Höhepunkt des „Fundjahres 1983“. Bei den Begehungen kam nämlich schon am 30. April ein Oberflächenfund zutage, und zwar die ebenfalls 1 : 1 abgebildete merowingerzeitliche Bronzenadel ( 7. — 8. Jahrhundert n. Chr.). Sie lag, vom Regen blank gewaschen, in der äußersten Furche eines Ackers im Gewann Wolfsgarten.

Am 26. Juli 1983 konnte ich das Bruchstück eines Glasringes aus der keltischen La Tène-Zeit (450/400 v. Chr. bis etwa Christi Geburt) als Lesefund auf der Scholle eines Wildackers beim Wolfsgarten bergen. Sämtliche Fundstellen liegen nur wenige hundert Meter vom Grabhügel des Magdalenenbergles in nordwestlicher Richtung entfernt. Alle diese Oberflächenfunde sind zwar für die wissenschaftliche Erforschung der Ur- und Frühgeschichte nicht spektakulär, sie sind jedoch Mosaiksteinchen für drei verschiedene Zeitepochen in dem bisher fundleer geglaubten Raum um das Magdalenenbergle, die unsere Erkenntnisse über die Villinger Siedlungsgeschichte erweitern können. Weitere Artefakte ( Lanzenschuh, Silexklinge u. a.) müssen noch ausgewertet werden.

Alle Bodenfunde sind einmalige Urkunden, meist aus einer Zeit, in der die Menschen noch nichts aufzeichnen konnten. Wer eine solche „Urkunde“ findet, hat gewissermaßen einen zwar belichteten aber nicht entwickelten Film in der Hand. Ohne archäologische Vorbildung kann er den Film nicht entwickeln; ohne die Datierung, ohne den Kulturzusammenhang, in dem das Fundstück steht, sagen ihm weder Bronzedolch, Feuersteinklinge oder Gewandnadel etwas. Erst der entwickelte Film und das abgezogene Positiv, d. h. die Bestimmung des Fundes und die Präparation, zeigen, was der Betrachter in den Händen hält. Wer also der heimatgeschichtlichen Forschung behilflich sein will, sollte nicht um des Sammelns willen Funde zu Hause aufbewahren sondern mit brauchbaren Notizen versehen, diese an die Geschäftsstelle des Geschichts- und Heimatvereins Villingen zur Weiterleitung geben oder sie gleich an das Landesdenkmalamt in Freiburg schicken. Er kann grundsätzlich davon ausgehen, daß ihm seine Funde nach der Auswertung wieder überlassen werden. So habe auch ich alle meine Funde dem Landesdenkmalamt zur exakten wissenschaftlichen Bearbeitung gegeben. Ich habe Herrn Dr. Dehn, der die prähistorische Abteilung federführend leitet, für die gute Zusammenarbeit und Unterstützung aufrichtig zu danken. Ein besonderes Dankeschön gilt der Mitarbeiterin des Landesdenkmalamtes, Frau Dr. Verena Nübling, für die Bestimmung der Fundstücke, ihre Beschreibung und die zeichnerische Darstellung. Die nachstehenden Ausführungen von Frau Dr. Nübling sind wörtlich übernommen, die Zeichnungen in Originalgröße wiedergegeben. Nach der freundlichen Zustimmung des Herrn Ersten Bürgermeisters Kühn, sage ich ebenso besonderen Dank Herrn Roland Grammel vom städtischen Vermessungsamt, der in seiner Freizeit den Fundort des Steinbeils eingemessen und auf den Meßtischblättern festgehalten hat.

Nicht zuletzt ist es mir eine Freude, als Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Villingen der Öffentlichkeit diesen Bericht übergeben zu können. Frau Dr. Verena Nübling vom Landesdenkmalamt Freiburg schreibt:

Neue Funde aus der Umgebung des Magdalenenberges

Der Magdalenenberg, ein Grabhügel der Hallstattzeit, mit antik ausgeraubter, zentraler Grabkammer und 126 weiteren Gräbern mit insgesamt 136 Bestattungen, ist einer der größten Grabhügel Mitteleuropas. Er liegt gut sichtbar auf einer kleinen Anhöhe über dem Brigachtal und wirkt als Anziehungspunkt weit über die Region hinaus.

Schon während der ersten Grabung in diesem Grabhügel (1890) kamen neben hallstattzeitlichen auch Funde anderer vorgeschichtlicher Epochen zutage. Die Ausgräber nennen an Oberflächenfunden neben mittelalterlichen und neuzeitlichen Scherben vor allem latenezeitliche Keramik sowie eine Gußform für Münzschrötlinge ( Rohform für keltische Münzen), die auf eine keltische Siedlung im Umkreis des Magdalenenberges hinweisen. Scherben einer Terrasigillata-Schale und eines Henkelkruges sind wahrscheinlich als Reste eines römischen Brandgrabes des 1. — 2. Jahrhunderts n. Chr. anzusprechen, das in die Hügelaufschüttung eingetieft worden ist.

Während der jüngeren Grabung (1970 — 1973) kamen Keramik, Metallteile und Leichenbrandstückchen zutage, die den Ausgräber, K. Spindler, vermuten ließen, daß bei Anlage des Grabhügels urnenfelderzeitliche Bestattungen zerstört worden sein könnten. Diese Bestattungen dürften im Materialentnahmebereich für den hallstattzeitlichen Grabhügel gelegen haben, der durch bodenkundliche Untersuchungen mindestens ein Areal von 300 : 400 m umfaßt haben müßte.

Diese verschiedenartigen Funde sprechen für vorgeschichtliche Siedlungsaktivitäten in der Umgebung des Magdalenenberges. Daher wird hier seit Jahren durch regelmäßige Begehungen der umliegenden Äcker der Versuch unternommen, solche Siedlungsspuren genauer zu lokalisieren. In den letzten 10 Jahren fand M. Hettich einige Fundstücke, durch die unsere Kenntnis dieses Gebietes wesentlich bereichert wurde.

Ein Steinbeil (Abb. 1) aus grünlichem Felsgestein gehört in die Jungsteinzeit. Das Beil ( Länge 15,5 cm, Breite 5,8 cm) wurde aus einem Geröllstück hergestellt. Unebenheiten der alten Oberfläche sind nur flüchtig geglättet. Der spitz zulaufende Nacken ist gepickt. Nur im Schneidenbereich ist das Gerät sorgfältig geschliffen. Alle Merkmale sprechen dafür, daß dieses Beil an das Ende der Jungsteinzeit datiert werden muß (etwa an die Wende des 2. Jahrtausends v. Chr.). Dieses Beil ist das bisher am weitesten in vorgeschichtliche Zeit zurückreichende Fundstück. Zwar läßt sich mit einem solchen Einzelfund noch keine jungsteinzeitliche Siedlung postulieren, doch signalisiert das Beil die mögliche Anwesenheit von Menschen der Jungsteinzeit in der Nähe des (späteren) Magdalenenberges.

 

Einige hundert Meter unterhalb des Magdalenenbergles befindet sich die Stelle auf dem Acker, wo im Oktober 1983 unser Mitglied Manfred Hettich ( im Bild) den bisher ältesten wissenschaftlichen Fund auf Villinger Gemarkung machte: ein Steinbeil der Jungsteinzeit, etwa 4000 Jahre alt.

 

Es ist ein wichtiges Indiz zur Siedlungsgeschichte. Unterhalb des Ackers, im Bereich der Bäume, fließt der Warenbach. Im Hintergrund ist ein Teil der Südstadt zu sehen.

Das Bruchstück eines Glasarmringes (Abb. 2) gehört in die Latenezeit. Der Armring ist profiliert (Durchmesser 8,8 cm, Breite 1,4 cm), besteht aus blauem Glas und trägt auf der mittleren Rippe eine umlaufende Zickzacklinie aus gelbem Glasfluß. Er gehört ins 2. — 1. Jahrhundert v. Chr. und wurde etwa 600 m nordwestlich vom Magdalenenberg geborgen. Dieser Fund korrespondiert gut mit der latenezeitlichen Keramik und der Gußform für Münzschrötlinge, die 1890 entdeckt wurden. Eine bedeutende latenezeitliche Siedlung muß also in der Nähe des Grabhügels gelegen haben. Weitere Funde werden in Zukunft — hoffentlich — eine bessere Lokalisierung ermöglichen.

Nur knapp 200 m nordwestlich vom Magdalenenberg wurde eine Bronzenadel gefunden (Abb. 3). Die leicht gebogene Nadel hat unter dem polyedrisch geformten Kopf eine Verzierung aus vier Strichbündelgruppen, die durch je eine Fazettenzone getrennt sind. Der Nadelschaft wird in Kopfnähe dünner. Die Nadel gehört in die Merowingerzeit (ca. 6. — 7. Jahrhundert n. Chr.). Dieses Stück kann als Rest eines zerstörten Grabes angesehen werden, doch ist es möglicherweise auch zufällig in alter Zeit verloren gegangen.

In der Umgebung des Magdalenenberges wurde außerdem noch ein Flintstein geborgen, der, wie schon die Funde der Grabung von 1890 zeigen, die Bedeutung dieses Platzes im Mittelalter und in früher Neuzeit belegt.

Die hier vorgelegten Neufunde zeigen exemplarisch, daß kontinuierliche Begehungen auch bereits bekannter Fundstellen — in diesem Falle gar im Bereich eines vollständig untersuchten Grabhügels — neue Erkenntnisse ermöglichen. Sie belegen, daß auch unansehnliche oder scheinbar unbedeutende Funde Aussagen über die Nutzung des Gebietes um den Magdalenen-berg in vor- und frühgeschichtlicher Zeit ermöglichen.

 

 

Jungsteinzeitliches Steinbeil, das 1984 auf Villinger Gemarkung, beim Wolfsgarten, wenige hundert Meter nordwestlich des Magdalenenbergles gefunden wurde. Es ist der bisher älteste gesicherte Fund. Alter: rund 4000 Jahre. (Originalgröße)

 

 

Die Abbildung links zeigt das Bruchstück eines Glasarmringes. Dieser gehört in die Lätenezeit. Der in Originalgröße abgebildete Ring ist profiliert, besteht aus blauem Glas und trägt auf der mittleren Rippe eine umlaufende Zickzacklinie aus gelbem Glasfluß, Dieses über 2000 Jahre alte Stück wurde, wie das Steinbeil und die rechts abgebildete Nadel, wenige hundert Meter nordwestlich des Magdalenenbergles gefunden.

Die Nadel rechts gehört in die spätgermanische Merowingerzeit. Die Nadel besitzt einen polyedrisch geformten Kopf und hatdarunter eine Verzierung aus vier Strichbündelgruppen, die durch je eine Fazettenzone getrennt sind. Sämtliche Funde belegen, daß auch unansehnliche oder scheinbar unbedeutende Funde Aussagen über die Nutzung des Gebietes um das Magdalenenbergle in vor- und frühgeschichtlicher Zeit ermöglichen.

Finder: Manfred Hettich, 1984, Zeichnung: Dr. Verena Nübling, Landesdenkmalamt.