Das Zähringerkloster Tennenbach und sein geschichtlicher Bezug zu Villingen (Michael Tocha)

Im Tennenbacher Tal, in der Nähe von Emmendingen in der Vorbergzone des Schwarzwaldes, erinnert heute nur noch eine kleine gotische Kapelle an die große Klosteranlage, die einst hier stand. Dieses Kloster war im Jahre 1158 auf Veranlassung Herzog Bertholds IV. von Zähringen gegründet worden. Zisterziensischem Brauch gemäß wurde die Bezeichnung „Porta Coeli“ gewählt, die sich allerdings gegenüber dem älteren „Tennenbach“ als Klostername nicht recht einbürgerte. Durch Schenkungen, bald auch durch Landkäufe, ja sogar durch Bauernlegen entwickelte sich die Abtei rasch zu einem der größten Grundherren Südwestdeutschlands.

Tennenbach heute

 

Das Klosterland wurde anfänglich von den Konversen, den zisterziensischen Arbeitermönchen, in Eigenwirtschaft bearbeitet; zu Beginn des 14. Jahrhunderts ging dann aber auch Tennenbach dazu über, sein Land gegen bestimmte Abgaben und Dienste an Bauern auszugeben. Dem wirtschaftlichen Gewicht Tennenbachs steht keine entsprechende religiöse, wissenschaftliche oder künstlerische Wirksamkeit gegenüber. Immerhin sind für das 13. Jahrhundert in seinem Bereich zwölf Inklusen nachweisbar, von denen der selige Hugo und die selige Adelheid bei der einheimischen Bevölkerung noch lange große Verehrung genossen. Einige wenige Kunstwerke aus dem Mittelalter sind noch erhalten, vor allem das große Tennenbacher Prachtkreuz, das sich heute in der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau bei Bregenz befindet. Gemäß den Ordensstatuten wurde Tennenbach die geistliche Betreuung (Paternität) der Frauenkonvente Günterstal bei Freiburg und Wonnental bei Kenzingen übertragen.

Im 15. Jahrhundert blieb auch Tennenbach vom zeittypischen Niedergang des Klosterwesens nicht verschont. 1490 beispielsweise mußte Abt Konrad II. wegen „unnützer Verwaltung“ abgesetzt werden; sein Nachfolger aber, Michael Sitz aus Emmendingen, führte sich auf folgende Weise als Vaterabt in Günterstal ein:

An sant Magdalenen Tag do kam derselb Herr und der Abt von Salmanswiler und der von Bebenhusen, und aßend hie ze Inbiß in der Conventstuben. (…) und gaben wir zuem ersten 3 Köpf und 3 Kressen; dor-noch 8 gesotten Hahnen und Kalbfleisch in einer geien Brüehe, dornoch ein Spinferli und 10 gebroten‘ Hüener und noch dem gesotten Fisch ein Eiergemueß, zue dem Gebackens und Küechli mit Zucker. Item es war ein gar schmal Mohl für solich Herren. Ein nüwem Abt schankt‘ man 3 Gulden, davon gab er der Priorin ein‘ wieder, sie sollt‘ dem Convent darumb Etwas koufin.

So der Bericht im Günterstaler Haus-Büchlein. Wie weit ist das alles entfernt von der strengen Askese, der Stephan Harding und Bernhard von Clairvaux 300 Jahre zuvor Gestalt gegeben hatten und durch die der Orden groß geworden war! Zum inneren Verfall kam die äußere Bedrängnis. 1444 wurde Tennenbach von den Armagnaken, Söldnertruppen aus Südwestfrankreich, geplündert und teilweise zerstört. Am 3. Mai 1525 — die Mönche waren bereits in die Schweiz geflüchtet — besetzten aufständische Bauern das Kloster, durchsuchten es nach den Urkunden, in denen ihre Abgaben festgelegt waren, und setzten schließlich die gesamte Anlage in Brand. Es dauerte Jahrzehnte, bis der Wiederaufbau abgeschlossen, die dabei entstandenen Schulden getilgt waren. Als 1556 in der Markgrafschaft Baden-Hachberg die Reformation eingeführt wurde, blieb Kloster Tennenbach als habsburgische Vogtei zwar bestehen, aber nun als Insel der alten Kirche inmitten eines protestantisch gewordenen Umlandes. Aus dieser Konstellation haben sich später manche Reibereien zwischen dem Kloster auf der einen, den Freiämter Bauern und der markgräflichen Verwaltung auf der anderen Seite ergeben. Der Übertritt zum katholischen Glauben, den Markgraf Jakob III. 1590 in Tennenbach vollzog, blieb durch dessen plötzlichen Tod wenige Tage später eine Episode ohne Folgen.

Mit dem Dreißigjährigen Krieg setzt für Tennenbach eine neue, lange Periode der Bedrängnis ein. 1632 wurde das Kloster von den Schweden, 1636 von den Kroaten ausgeplündert. Diese Verheerungen trieben Abt Adam Egeter aus Geisingen in so große Verzweiflung, daß er wahnsinnig wurde und 1637 in Freiburg starb. Die Mönche waren schon zuvor geflüchtet, zumeist in die Schweiz. Erst kurz vor Ende des Krieges, 1647, kehrte einer von ihnen, Konrad Burger, der Verfasser des „Itinerarium oder Raisbüchleins“, wieder an den völlig verwilderten Klosterort zurück, um die Gebäude für die Rückkehr des Konvents herzurichten. Aber eine längere Friedensperiode war den Brüdern nicht vergönnt: Während der Kriege Ludwigs XIV. gegen Habsburg wurde Tennenbach noch viermal — 1676, 1689, 1704 und 1713 — von plündernden Soldatenhaufen heimgesucht.

Kaum waren die Kriegszeiten endlich überstanden, da brach noch ein Unglück über Tennenbach herein : Mit Ausnahme der Kirche brannte das Kloster 1723 vollständig ab. Allerdings hatten sich inzwischen die wirtschaftlichen Verhältnisse doch wieder so gefestigt, daß der kunstsinnige und baufreudige Abt Münzer es sich leisten konnte, Peter Thumb, den „Star“ unter den Architekten der Zeit, mit dem Neubau zu beauftragen. Die prachtvolle Anlage, die nun entstand — mehr Schloß als Kloster — ist gewiß ein Ausdruck der wiedergewonnenen Stabilität Tennenbachs. Diese zeigt sich auch in der Bannbeschreibung von 1759, einer Art Inventur des unmittelbaren Klosterbesitzes, in der Anschaffung einer neuen großen Orgel, schließlich im Personalbestand : Unter Abt Benedikt Stöcklin (1754 — 1765) zählte der Konvent immerhin 41 Mitglieder. 1778 wurde schließlich das barocke Repräsentationsbedürfnis der Tennenbacher Äbte durch die Vollendung des Schlosses in Kiechlinsbergen im Kaiserstuhl zufriedengestellt.

Tennenbachs Macht und Glanz im 18. Jahrhundert erweisen sich in der Rückschau als die Spätblüte vor dem Untergang. 1782 wurde die Abtei im Zuge der Josephinischen Reformen zur Aufhebung bestimmt, weil sie „zum Besten der bürgerlichen Gesellschaft nichts Sichtbares beitrüge.“ Die Einkünfte sollten der Universität Freiburg zugutekommen. Nur durch eine Reise nach Wien und persönliche Vorsprache beim Kaiser gelang es Abt Carl Caspar, die drohende Auflösung noch einmal zu verhindern. Aber es war dies keine Zeit mehr für Klöster: 1790 wurde in Frankreich, 1803 in Deutschland die Säkularisation beschlossen. Als im März 1806 Abt August Zwiebelhofer starb, wurde er nicht mehr ersetzt. Auf seinem Grabstein steht die Inschrift:

Ein Mann voll Eifer für das Gute

Wohl ihm, daß er schon ruhte

Denn nach einem Mondenlauf

Hob man alle Klöster auf.

Tennenbach: Rekonstruktion der Klosteranlage (Blick über den Chor der Kapelle, vgl. auch das Bild auf der ersten Seite dieses Beitrags)

 

Im Juni war die badische Inventurkommission in Tennenbach erschienen, am 17. Juli erfolgte die offizielle Aufhebung. Obwohl ihnen das Wohnrecht zugesichert worden war, verließen die meisten Mönche Tennen-bach und nahmen Pfarrstellen in der Umgebung an. Alle Versuche des badischen Staates scheiterten, die leerstehenden Gebäude an interessierte Fabrikanten zu verkaufen: Zu abseitig vom Getriebe der Menschen lag der Ort, den die Grauen Mönche fast sieben Jahrhunderte zuvor für ihr Kloster ausgesucht hatten. Nur während der Befreiungskriege erfuhren die Konvents-gebäude noch einmal eine traurige Belebung. Tausende von österreichischen, russischen und bayerischen Soldaten lagen hier im Lazarett. Rund 1 700 von ihnen sind in Tennenbach gestorben und in einem Massengrab oberhalb des Klosters beigesetzt worden. Den Handwerkern und ihren Familien, rund 100 Personen, die beim Kloster wohnten und die von ihm Arbeit wie Altersversicherung erhielten, war mit der Aufhebung die Existenzgrundlage entzogen. Sie wurden im Laufe der Zeit zum sozialen Problem. Schließlich sahen die Behörden keinen anderen Ausweg mehr, als die Klosteranlage auf Abbruch zu verkaufen. So fiel Peter Thumbs Prachtbau 1835 der Spitzhacke zum Opfer, die Steine wurden zum Bau einer Maschinengarnfabrik in Emmendingen und zur Straßenausbesserung verwendet. Schon 1829 hatte man damit begonnen, die romanische Klosterkirche Stein für Stein abzutragen und in Freiburg in veränderter Form wieder aufzubauen. Sie wurde 1839 als Ludwigskirche die erste evangelische Kirche der Stadt. In der Bombennacht vom 27. November 1944 wurde sie bis auf die Grundmauern zerstört.

Auch aus der entfernteren Villinger Perspektive sind Kenntnisse vom Wirken und Schicksal der Tennenbacher Abtei sinnvoll, bestanden doch über 600 Jahre lang enge Beziehungen zwischen dem Kloster und dieser Stadt. Man kann sagen, daß Tennenbach auch Teil der Villinger Geschichte ist. Diese Beziehungen sind auf drei verschiedenen Ebenen zu erkennen, der dynastisch-territorialen, der wirtschaftlichen sowie der sozial- und personengeschichtlichen: Villingen wie Tennenbach sind zähringische Gründungen, beide gelangten später an Vorderösterreich; Tennenbach trat mit seinem Gutshof Roggenbach im Kirnachtal in engen wirtschaftlichen Kontakt mit Villingen; hieraus wiederum ergaben sich zahlreiche menschliche Kontakte, vor allem Eintritte von Villinger Bürgersöhnen in den Tennenbacher Konvent.

Zähringer, Roggenbacher, Habsburger

Beim Gründungsakt des Klosters Tennenbach auf der Hochburg waren neben Herzog Berthold IV. und dem Markgrafen von Hachberg auch eine Reihe zähringischer Ministerialen als Zeugen anwesend, unter ihnen Werner von Roggenbach und sein gleichnamiger Sohn. Ihr Stammsitz war die Burg Roggenbach oberhalb des heutigen Dorfes Unterkirnach. 1179 versetzte Berthold IV. die Roggenbacher in den Breisgau und veranlaßte sie, ihren Besitz im Kirnachtal samt noch unerschlossenen Waldgebieten dem Kloster Tennenbach zu schenken. Das gibt nur unter dem Gesichtspunkt der Schwarzwalderschließung Sinn: Herzog Konrad von Zähringen hatte zu beiden Seiten des Gebirges die Städte Freiburg und Villingen gegründet; sein Sohn führt diese Aufgabe fort, indem er den Rodungsorden der Zisterzienser ins Land ruft und ihm in der Nähe seiner Städte unerschlossene Waldgebiete übergibt. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, daß die Straße von Villingen nach Freiburg mitten durch das Tennenbacher Gebiet im Kirnach- und Schlegelbachtal I führte.

Die Roggenbacher Schenkung warf zunächst eine Menge Probleme auf; denn dasselbe Gebiet war zuvor schon an das Kloster St. Georgen gegeben worden; jetzt widerrief Berthold IV. diese Schenkung. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit der beiden Klöster, mit dem sich sogar die päpstliche Kurie zweimal befassen mußte. Schließlich wurde ein Kompromiß ausgehandelt : St. Georgen erhielt das praktisch bedeutungslose Eigentumsrecht, Tennenbach gegen eine bestimmte Zahlung an St. Georgen das viel wichtigere Besitzrecht ( 1187).

Die Habsburger erwarben 1326 die Oberherrschaft über Villingen, um 1460 die Vogtei über Tennenbach. So sind beide Orte durch ihren gemeinsamen Anteil an vorderösterreichischer Politik und Entwicklung verbunden, mehr noch und länger als in der Zährin-gerzeit. Drei Hinweise mögen genügen: Durch die Verhinderung der Reformation in den habsburgischen Territorien wird Tennenbach als geistliche Institution, Villingen als Nachwuchsreservoir für diese erhalten. Im Spanischen Erbfolgekrieg werden sowohl Tennen-bach als auch Villingen von den Franzosen hart bedrängt. Die Klosterpolitik Josephs II. bedroht Tennen-bach in seiner Existenz, führt in Villingen zur Umwandlung des Klarissenklosters in das Ursulinen-Lehrinstitut.

Grangie Roggenbach und Villinger Stadthof

Nachdem der Rechtsstreit mit St. Georgen beigelegt war, konnten die Mönche darangehen, das Roggenbacher Gebiet planmäßig zu erschließen. Bei südwestdeutschen Zisterziensern ist das ein außergewöhnlicher Vorgang. Ganz entgegen dem Bild, das man von dem Orden hat, sind sie an der Durchdringung des Schwarzwaldes kaum beteiligt sondern drängen ins Altsiedelland, wobei sie manchmal auch vor rabiaten Methoden wie dem Auskauf ganzer Dörfer und Bauernlegen nicht zurückschrecken. Bei Tennenbach ist das nicht anders als bei Salem, Maulbronn, Herrenalb oder Schönau. Tennenbach hat sich sogar bei der Urbarmachung seiner unmittelbaren Umgebung, des Freiamtgebietes, nicht eigener Konversen, sondern bäuerlicher Kolonisten bedient. In Roggenbach also leisten die Mönche harte Rodungsarbeit, und nach etwa 30 Jahren wird das Ergebnis greifbar : 1219 wird der Besitz im Kirnachtal erstmals nicht mehr als „predium“ sondern als „grangia“ bezeichnet. Das bedeutet, daß nunmehr eine zusammenhängende Gemarkung vorhanden ist, ferner ein großer Guts- oder Grangienhof mit Wohnungen für die Konversen, Scheunen und Stallungen sowie Nebengebäuden wie Mühle und Kapelle. Man vermutet, daß die Grangie auf dem Gelände des heutigen Unterkirnacher Rathauses gestanden hat. Geleitet wurde sie von einem Grangienmeister (magister grangiae), einem erfahrenen Konversen, unter dessen Aufsicht die Rodungs- und Feldarbeiten vonstatten gingen.

Was geschah mit den Überschüssen, die eine solche Grangie bei der enormen Arbeitsleistung der Mönche und ihrem bescheidenen Eigenbedarf zwangsläufig erwirtschaftete? Gegebener Abnehmer waren die Städte mit ihrem steigenden Lebensmittelbedarf, in unserem Fall also Villingen. Zur Zisterziensergrangie gehört immer der städtische Markt, er ist ihr notwendiges Gegenstück. Wir wissen leider nicht, welche Produkte in welchen Mengen von Roggenbach nach Villingen geschafft wurden. Anzunehmen ist, daß der Markt direkt von Roggenbach aus beliefert wurde; die Entfernung ist ja nicht groß, außerdem besaß Tennenbach im 13. Jahrhundert in Villingen noch keinen Stadthof im eigentlichen Sinne des Wortes, wo die Erzeugnisse hätten gestapelt werden können.

Kloster Tennenbach um die Mitte des 18. Jahrhunderts

 

Man darf sich die Nachbarschaft der Villinger Bürger mit den Mönchen in Roggenbach trotz oder gerade wegen ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit voneinander nicht allzu harmonisch vorstellen. 1275 rückte ein Trupp Villinger ins Kirnachtal und brannte einen Teil der Grangie nieder! Offenbar ging es um einen Grenzstreit. In einer Gerichtsverhandlung unter Vorsitz der Grafen Gottfried von Freiburg und Heinrich von Hachberg wurden die Villinger zu Wiedergutmachung und Stellung von Bürgen aus dem Rat der Vierundzwanzig verpflichtet. Damit war der Streit aber noch nicht endgültig beigelegt; 1310 flammte er erneut auf, wieder kam es zu einer Verhandlung und in ihrer Folge zu einer Neuabgrenzung, wobei eine große Zahl von Zeugen aufgeboten wurde.

Was sich da im Kirnachtal abgespielt hatte, war durchaus ein typischer Streitfall. Sehr häufig war im 13. Jahrhundert das Verhältnis von Stadtbürgern zu Zisterziensermönchen voller Ablehnung und Mißgunst. So berichtet Caesarius von Heisterbach (+ 1245) aus Köln: Als sich in der Stadt die Kunde verbreitete, die Schiffe des Zisterzienserordens seien in Seeland durch Seeräuber gekapert worden, sagten einige : „Recht ist mit ihnen geschehen; die Mönche sind habgierig, sie sind Kaufleute; Gott kann ihre Habsucht nicht ertragen.“ Hier wird der konkrete Interessengegensatz ebenso wie sein sozialethischer Hintergrund angedeutet. Mit ihrer immensen, zwangsläufig Überfluß produzierenden Arbeitsleistung standen die Grauen Mönche außerhalb der geltenden, auf standesgemäße Bedarfsdeckung ausgerichteten Wirtschaftsethik. Sie begnügten sich weder mit dem, was sie brauchten, noch waren sie bereit, ihre Überschüsse vorbehaltslos an Arme, Pilger und Gäste zu verteilen, vielmehr verkauften sie diese gewinnbringend auf den städtischen Märkten. Darin erblickten die Zeitgenossen wider-christliche Habsucht (avaritia 1. Sie verkannten dabei jedoch, daß die Arbeit der Zisterzienser nicht eigentlich zu materiellem Gewinn, sondern im Gegenteil zur Askese, zur Abkehr von der Welt führen sollte. Allerdings trugen die Mönche häufig noch selber dazu bei, ihren schlechten Ruf zu festigen. Produkte, z. B. Wolle, wurden in großen Mengen aufgekauft und zu einem günstigen Zeitpunkt mit erheblichen Preisaufschlägen wieder in den Handel gebracht; Mängel angebotener Waren wurden verschwiegen. Wie das in der Praxis aussehen konnte, veranschaulicht eine Beispielerzählung des Züricher Domherren Felix Hemmerli (1388 —1458): Ein edelgeborener Konverse mußte sich von seinem Abt deshalb kritisieren lassen, weil es ihm auf dem Markt nicht gelungen war, für altersschwache Klosteresel einen Käufer zu finden. Der Klosterbruder hatte es nämlich nicht über sich bringen können, kaufwillige Interessenten die „geheimen Mängel der Esel“ zu verschweigen. Dem Abt gegenüber beteuerte der Konverse, er habe seine prachtvoll ausgestattete Burg nicht deshalb verlassen, um im Kloster durch unsittliche Betrugsmanöver seine Seele zu verlieren. Er denke deshalb nicht daran, „ausgemergelter Esel wegen“ sein Gewissen zu beflecken. — Sollte diese Geschichte nur ein gut erfundenes Exempel sein, so gibt sie doch Aufschluß darüber, in welchem Maße das Wirtschaftsgebaren der Zisterzienser im späten Mittelalter in Verruf gekommen war. Man traute ihnen in ihrer Habsucht alles zu — ob sie nun vornehmen Leuten in ihrer Todesstunde das Ordensgewand anlegten oder auf Äckern und Wiesen Grenzsteine versetzten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der letztere Vorwurf auch von den Villingern gegen die Mönche in Roggenbach erhoben wurde. Man muß allerdings auch die andere Seite sehen und bedenken, daß der große klösterliche Wirtschaftskomplex in ihrer Nachbarschaft den Villingern bei ihrer beispiellosen Expansion in das Umland der Stadt lästig im Wege stand, so daß sie mit den gängigen Anschuldigungen, ja sogar mit Gewaltanwendung vielleicht recht schnell und gern bei der Hand waren.

Mit der Bereinigung des Grenzstreits 1310 beginnt ein völlig neuer Abschnitt in den Beziehungen Tennen-bachs zu Villingen: Abt und Konvent erhalten nämlich in ihrer Gesamtheit das Bürgerrecht der Stadt. Darin drückt sich einerseits eine Anerkennung der Tätigkeit der Tennenbacher in und für Villingen aus. Zum anderen ist dadurch aber auch eine bessere Kontrolle möglich: Das Kloster muß nicht nur einen jährlichen Bürgerzins entrichten, seine Angehörigen unterstehen als Villinger Bürger auch den städtischen Autoritäten. Es ist gewiß kein Zufall, wenn zwei Jahre später, 1312, der erste Villinger Bürgersohn als Mönch in Tennenbach eintritt (s. u.). Mehr und mehr verlagern Mönche jetzt ihre Tätigkeit von Roggenbach in die Stadt. 1319 beginnen sie damit, ihre Roggenbacher

Ländereien an Bauern auszugeben; 1323 erwerben sie mit dem Geld, das ein weiterer Villinger, Bruder Liebermann, bei seinem Klostereintritt als Mitgift mit bringt, ein Haus beim Oberen Tor. Beide Vorgänge sind im Zusammenhang zu sehen. Solange in Roggenbach Eigenwirtschaft betrieben wurde, konnte man den Markt direkt von dort beschicken; nun, nachdem dort die grundherrschaftliche Wirtschaftsweise eingeführt ist, wird eine Niederlassung mit den Funktionen eines Stadthofes erforderlich. Aus diesen Zusammenhängen können wir die Zwecke des Hauses am Oberen Tor erschließen: Es diente als Verwaltungsmittelpunkt für die Grundherrschaft im Kirnachtal; der Klosterschaffner hatte hier seinen Sitz. Zugleich wurden hier die Naturalabgaben der hörigen Bauern gesammelt, gestapelt und auf den Markt gebracht. Die Ungleichzeitigkeit von Roggenbacher Grangie und Villinger Stadthof verbietet es, die in der Literatur häufig zu findende Behauptung einer besonderen Zuordnung der beiden Niederlassungen zu übernehmen: In der Phase der Eigenwirtschaft gab es keinen Tennenbacher Stadthof in Villingen, lediglich einfachen Häuserbesitz; erst als Roggenbach seinen Charakter als Grangie verloren hatte, wurde ein Stadthof notwendig. Insofern ist der Tennenbacher Hof in Villingen, der letzte Stadthof, den das Kloster überhaupt einrichtete, mit anderen, „klassischen“ städtischen Pfleghöfen der Zisterzienser nicht recht vergleichbar. Sein Äußeres ist im großen Tennenbacher Güterbuch von 1341 beschrieben. Danach handelt es sich um ein gemauertes Haus mit Ziegeldach „bi dem obern tor an dem orte an hern Brenningers hus.“ Anfänglich residiert hier wohl ein Mönch als Verwalter, später dann bürgerliche Klosterschaffner. Wir kennen ihre Namen: Hans der Je-ger (1420), Hans Mock (1470), Martin Hug, Paulinus Stahel (1494/99), Heinrich Hug (1505). Paulinus Stahel war mit Verena Boller verheiratet, die 1505 dem Kloster in der Oberen Straße ein Haus „mit thurn“, 1511 dazu noch einen Garten schenkte. Dieses Haus wird zumeist mit dem heutigen Haus Schilling, Obere Straße 26, identifiziert.

Im Lauf der Jahre wurden die Erträge im Villinger Bereich immer geringer. Schließlich verkaufte das Kloster seinen gesamten Besitz im Kirnachtal und in Villingen mit Ausnahme des Hauses der Bollerin an die Stadt. 1544 ging auch dieses gegen eine jährliche Zahlung an Villingen über. Damit war die materielle Anwesenheit des Klosters Tennenbach in diesem Gebiet nach rund 350 Jahren zu Ende gegangen; die persönlichen Bindungen jedoch blieben bestehen, ja vertieften sich noch, wie nun zu zeigen ist.

Mönche und Äbte aus Villingen

Daß im Jahre 1312 oder kurz davor der erste Villinger in den Tennenbacher Konvent eintrat, ist schon erwähnt worden. Sein Name ist Heinrich Lübelin. In den folgenden Jahrzehnten häufen sich die Klostereintritte: um 1320 Bruder Liebermann „der Wise“, vor 1328 Burkard Vochenhuser, vor 1346 Rudolf Volkenswiler, 1348 Heinrich der Bislinger. Es würde hier zu weit führen, den Familienhintergrund dieser Mönche darzustellen; mittelalterliche Personengeschichte ist bekanntlich ein mühsames Geschäft. Wenn man alle Hinweise in den Quellen im Zusammenhang betrachtet, ergeben sich drei allgemeinere Einsichten:

Die Villinger, die in Tennenbach eintreten, sind alle miteinander verwandt oder ihre Familien haben geschäftliche Beziehungen miteinander oder zum Tennenbacher Kloster.

Sie stammen alle aus wohlhabenden Familien. Ihre Angehörigen bereichern das Kloster durch Jahrtags-stiftungen oder Leibgedinge.

Die Tatsache, daß Mönche Leibrenten, hier z. B. für privaten Bücher- und Kleidungsbedarf, und Pitanzen, Zulagen an Wein und Fisch für den Mittagstisch, gestiftet werden, ist eine Verfallserscheinung und widerspricht an sich dem mönchischen Armutsgelübde. Daraus könnte man schließen, daß die Klostereintritte eher dem Wunsch nach angemessener Versorgung als wirklicher Berufung entspringen.

Die Serie der Klostereintritte bricht 1348 ab; mehr als 150 Jahre lang hören wir von keinem Villinger im Tennenbacher Konvent. 1508 aber wird mit Johannes Kinglin der erste Villinger zum Tennenbacher Abt gewählt. Bemerkenswert ist, daß erst kurz zuvor der Tennenbacher Besitz im Villinger Raum liquidiert worden war. Abt Kinglin stand dem Kloster 32 Jahre lang vor; in seine Regierungszeit fällt die Verwüstung Tennenbachs im Bauernkrieg. Am 8. April 1526, dem „Tag zu Villingen“, ist er nachweislich in seiner Heimatstadt gewesen. Der nächste Villinger Abt, Martin Schleher ( 1585 — 1627) wird als frommer und tüchtiger Mann geschildert, der das Kloster wiederhergestellt, seine Rechte gesichert, die Schulden des Wiederaufbaus getilgt habe. Für 1632 haben wir dann wieder Einblick in den Konvent ;von insgesamt 19 Mitgliedern stammen fünf aus Villingen : der Prior Johannes Schleher, der Subprior Jakob Bichwiler, die Priestermönche Michael Riegger und Gottfried Boldt sowie der Pro-feß Benedikt Leuthin. 1676 wird wieder ein Villinger, Robert Handtmann, zum Abt gewählt.

 

Das Tennenbacher Abtswappen

 

Er machte sich um den Wiederaufbau des Klosters verdient und starb 1703 in Kiechlinsbergen unter dem Eindruck erneuter Kriegszerstörungen. Der letzte Villinger Abt ist Martin Steiger (1708 — 1719). Er legte die Abtswürde nieder und begab sich nach Lilienfeld in Österreich, wo er auch begraben ist. In den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts tritt der Villinger Johannes Evangelist Haggios ( Hackenjos?) in Tennenbach ein, und auch bei der Auflösung des Klosters 1806 sind noch zwei Villinger dort anzutreffen, Johann Nepomuk Hiener und Alberic Winterhalter.

Offene Fragen

Es ist zugleich spannend und mühsam, den Beziehungen zwischen Tennenbach und Villingen nachzuspüren. Manche interessanten wirtschafts- oder personengeschichtliche Details kommen dabei zum Vorschein; aber selbstverständlich bleibt vieles auch im Dunkeln. So wüßte man gern noch mehr über die Funktion des hiesigen Stadthofes, umso mehr, als in den letzten Jahren den Stadthöfen der Zisterzienser eine besondere Aufmerksamkeit der Forscher zuteil geworden ist. Wurden hier nur Erzeugnisse aus Roggenbach angeliefert oder auch Produkte aus dem Nahbereich Tennen-bachs, vor allem Wein? Und welche Waren haben die Mönche für ihr Kloster in Villingen eingekauft?

 

Grenzstein von 1759 mit Tennenbacher Abtsstab und badisch-markgräflichem Wappen

 

Ferner ist zu vermuten, daß noch mehr Villinger als die genannten in Tennenbach als Mönche eintraten. Vielleicht können hier noch unerschlossene Quellen des Generallandesarchivs in Karlsruhe und des Zisterzienserklosters Wettingen-Mehrerau in Bregenz weiteren Aufschluß geben. Eine Aufgabe wäre auch, den sozialen und ökonomischen Status der Mönche aus Villingen noch genauer zu bestimmen: Aus welchen Schichten stammten sie, welche Rolle spielten Familienangehörige im wirtschaftlichen und politischen Leben der Stadt? Schließlich wüßte man gern auch etwas über die Motive, die diese Männer zum Eintritt in den Zisterzienserorden bewogen. Wie stark war das Versorgungsdenken, wie weit war das Ideal einer asketischen Lebensführung noch wirksam? Aber das sind nun schon zutiefst persönliche Fragen, die zu beantworten dem Historiker nur in ganz wenigen Fällen gegeben ist.

Benutzte Quellen :

Pius Garns: Nekrologien der in den Jahren 1802 — 1813 in der jetzigen Erzdiözese Freiburg aufgehobenen Männerklöster. In : Freiburger Diözesan -Archiv ( F DA) 13, 1880, S. 237 — 272

Itenerari um oder Raisbüchlein des P. Conrad Burger, Conventual des Cistercienser -Klosters Thennenbach und Beichtiger im Frauenkloster Wonnenthal vom J. 1641 — 1678. Hrsg. von J. Alzog. In : F DA 5 (1870),S. 247 — 358, 6 (1871), S. 73 — 157

Gallus Mezler : Monumenta historico-chronologica monastica collecta in exilio apud S. Petrum in silva Hercynia. Hrsg. v. J. G. Mayer. Die Äbte von Thennenbach und St. Georgen. In: FDA 15 (1882), S. 225 — 246

Max Weber u. a. (Hrsg.): Das Tennenbacher Güterbuch. Stuttgart 1969

Hans-Joachim Wollasch : Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen. Villingen 1970

Benutzte Literatur:

J. Bader: Die Schicksale des ehemaligen Frauenstiftes Güntherstal bei Freiburg im Breisgau. In : FDA 5 (1870), S. 119 —206

Werner Rösener : Grangienwirtschaft und Grundbesitzorganisation südwestdeutscher Zisterzienserklöster vorn 12. bis 14. Jahrhundert. In: Kaspar Elm ( Hrsg.) : Die Zisterzienser. Ordensleben zwischen Ideal und Wirklichkeit. Ergänzungsband. Köln 1982, S. 137 — 164

Klaus Schreiner: Zisterziensisches Mönchtum und soziale Umwelt. In : Elm, Die Zisterzienser, S. 79 — 135

Ernst Walther: Ortsgeschichte von Freiamt, zugleich Geschichte des Schlosses Keppenbach und des Klosters Thennenbach, die im Freiamtgebiet lagen. Emmendingen 1903

Max Weber: Die Rodungen und Besitzungen Tennenbachs auf der Baar. Freiburg 1937