Eine gotische Sandsteinbüste aus Villingen im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Felix Muhle)

Zeugnis der Beziehungen Villingens zu den großen oberrheinischen Kunstzentren und Bauhütten in der Hochgotik

Das Germanische Nationalmuseum ist bekanntermaßen eine der bedeutendsten Sammlungen mittelalterlicher Kunst in Deutschland.

Unter einigen sehr wichtigen Beispielen der Plastik des 13. und frühen 14. Jahrhunderts fand ich eine Sandsteinbüste einer weiblichen Heiligen, aus deren Beschriftung neben der Datierung um 1300 hervorging, daß sie aus „einem Hause in Villingen (Baden)“ stammte. Diese Herkunft hat mich, vor allem wegen der hohen künstlerischen Qualität, überrascht, und es reizte mich, etwas mehr über dieses Stück zu erfahren. Geht man dem Weg dieses Kopfes in neuerer Zeit nach, erscheint einem vieles daran fast abenteuerlich.

Das Museum erwarb die Büste im Jahre 1911 von Blechnermeister Kammerer, der damals das Haus Niedere Straße 22 (heute Schuhhaus Deichmann vorm. Kleinhans) bewohnte. Dieses Haus hat im Straßenbild eine besondere Bedeutung gehabt, die durch den Erker noch unterstrichen wurde. Beim Abriß des Hauses und dem wirklich nicht geglückten Neubau des Jahres 1965, wurde der Erker mit wenig Verständnis in die Fassade zur Brunnenstraße „verhängt „.

Ein alter Villinger Mitbürger erzählte mir dankenswerterweise, daß der Kopf im Mauerverband des Eingangsbereichs so eingelassen war, daß nur die vorderen Teile des Gesichtes aus der Wand hervortraten, jedoch mit der Wandtünche überzogen waren. Da es früher üblich war, bauplastische Fragmente aus Abbruchobjekten bei Neubauten zu verwenden, muß davon ausgegangen werden, daß der ja vollplastische Kopf aus einem anderen Kontext stammt. Der Hausbesitzer soll den Kopf der Stadt angeboten haben, die als Gegenleistung lediglich das entstandene Mauerloch hätte schließen sollen. Da die Stadt dies abgelehnt habe, sei das Stück dann — wahrscheinlich recht wohlfeil —nach Nürnberg gegangen.

Es darf angenommen werden (Museumskatalog von 1911), daß die 32 cm hohe Büste Teil einer Wandfigur ist, die — vermutlich nach ihrer Zerstörung — in die Büstenform zurechtgearbeitet worden ist. Um welche Heilige es sich handelt, läßt sich nicht feststellen. Eine Deutung als Madonna kommt wohl kaum in Frage, da der Kopf zu wenig geneigt ist, der Ansatz für das Kind fehlt und das Kopftuch nicht — wie bei den meisten Madonnentypen — über das Gewand gezogen ist.

Die Büste ist aus einem feinkörnigen grauen Sandstein gearbeitet, wie er weniger in Villingen, dafür eher in Rottweil (Kapellenturm) für Plastiken verwendet wurde. Verschiedene Reste früherer Fassungen lassen auch auf eine längere Verwendung schließen. Die Figur ist zuletzt mit einem grauen dicken Einheitsanstrich überzogen gewesen, was sich mit der obigen Beschreibung (Wandtünche) deckt. Darunter kann man eine Rosa-farbe im Bereich der Krone und Haare sowie ockerige Säume an Kopftuch und Gewand ausmachen. Darunter sind dann kleine Reste von Vergoldung an Säumen und Krone, etwas Grün an den eingelegten Steinen der Krone und der Agraffe festzustellen, die zur Originalfassung gehören könnten. Allerdings sind weder Gesichtsfarbe noch die sonst übliche Vergoldung der Haare zu finden. Daher sind auch die kleinen Farbinseln von Sienabraun auf den Brauen und Rot auf den Lippen unklar. Einige exponierte Stellen der Figur, besonders am Kopftuch, sind beschädigt.

Um das Stück in seinen größeren kunstgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen, ist hier ein kleinerer kunstwissenschaftlicher Exkurs notwendig.

Durch den Hinweis im Museumsführer: „Art des Meisters des Freiburger Münsterportals um 1300“ ist die Richtung zutreffend angegeben, in der man nach Vergleichsbeispielen suchen wird. (Zum Portalaufbau siehe unter Anmerkung 1) Durch die stilistische Unterschiedlichkeit des plastischen Portalschmuckes ist eine Differenzierung notwendig.

Es würde hier sicherlich zu weit führen, sämtliche sich anbietende Datierungsvorschläge darzustellen; es sind aber die von Beenken 19272) gemachten Vorschläge überzeugend genug, um ihnen folgen zu können.

Die zeitlich wohl zuerst geschaffenen, eng an die Architektur gebundenen Sockel -, Tympanon- und Archivoltenfiguren zeigen große Ähnlichkeit mit der Plastik der Marburger Elisabethkirche (1290) und sind letzterer wohl nachgefolgt. Zur gleichen Zeit wirkt am Jungfrauenportal des Straßburger Münsters eine Werkstatt, die — neben anderen Aspekten — gerade in der Feinheit und dem Ausdruck der Mimik und der plastischen Durchgestaltung der Köpfe höchste Qualität erreicht und Vorbild für die Plastik des 14. Jahrh. — beispielsweise der Rottweiler Werkstatt — geworden ist. Dieser Einfluß kommt in Freiburg allerdings erst bei den nach 1300 — 1310 entstandenen Vorhal-lenfiguren zum Durchbruch. Das Jungfrauengleichnis mit Christus und dem „Fürst der Welt“ wird direkt übernommen (auch Basel und Nürnberg). Die Bewegungsmotive sind jedoch kantiger, die Faltenlinien schärfer. An den wohl besten Figuren der „freien Künste“ (1305 — 1310) zeigt sich der Unterschied zum älteren Stil gerade an den Köpfen, die uns ja vornehmlich interessieren. Dort (z. B. äußere Portalmadonna) scheinen die Einzelheiten wie Augen, Brauen und Mund als Einzelform aufgefaßt. Die jüngeren Köpfe bilden dagegen ein Gesamtgefüge, indem die Gesichtsoberfläche wie gespannt erscheint und das „Gerüst“ des Kopfes erahnen läßt. Die Teilformen werden somit in Beziehung zueinander und zum Gesamtvolumen gebracht. Der Ausdruck erfaßt das ganze Gesicht.

„Villinger Madonna“, s. Titelblatt, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

 

Zum Vergleich: Madonna um 1300, Freiburg i. Br., Münster U. L. Frau, Hauptportal Innenseite

 

Der Kopf wird vom abstehenden Kopftuch quadratisch umrahmt, wodurch schattige Dunkelzonen entstehen, die den Kopf höchst wirkungsvoll hervortreten lassen. Die vorher beschriebene „Oberflächenspannung“ bewirkt eine Gesamtintegration der Gesichtsteile und eine feine Licht -Schattenwirkung. Die Stirn ist eher breit als hoch, die Brauen sind auffallend hochgezogen, die Haare weich geschwungen.

Diese allgemeinen stilistischen Merkmale können bereits zum Teil für unseren Villinger Sandsteinkopf gelten, der zwar dem Grundprinzip der Vorhallenfiguren entspricht, jedoch von einer größeren Starrheit des Ausdruckes ist.

In der inneren Portalpfosten-Madonna bzw. den dazugehörigen Engeln (wohl spätestens 1310 — 1315) kommen wir unserem Objekt allerdings am nächsten. In ihr mischen sich nachstraßburgische Einflüsse mit Tendenzen zunehmender Entkörperlichung entsprechend dem frühen 14. Jahrhundert.3)

Vorhallenfiguren, Portalmadonna und Villinger Kopf haben folgende stilistischen Verwandtschaften bzw. Ähnlichkeiten : Die nach unten sich verbreiternde Nasenform, Behandlung der Wangen und Mundpartie sowie die flache und geschwungene, fast identische Krone. Demgegenüber verjüngt sich die Kopfform der „Villingerin“ zum Kinn stärker, ihr Mund ist eigentümlich kantig. Die Oberlippenfurche unnatürlich breit: ein erstarrtes Lächeln. Überhaupt ist das Verhältnis der Gesichtsteile von geringerer Spannkraft. Aus dem oben Gesagten und der insgesamt doch guten Qualität wird eine Einordnung in die Nachfolge des Freiburger Inneren -Portalmeisters wohl gerecht fertigt sein. Hält man sich an Beenkens Datierung der Madonna, 1310 — 1315, so wird der Villinger Kopf nicht wesentlich später entstanden sein. Er liegt stilistisch eindeutig vor dem Freiburger HI. Grab (1330) und dem Rottweiler Kapellenturm (nach 1340).

Er gehört somit zu einer Reihe zwar unterschiedlicher, aber mit Freiburg verwandter Beispiele: Eine von Jantzen 1923 4) veröffentlichte Madonna in St. Ulrich bei Freiburg, die Verkündigungsgruppe von Überlingen und die Madonna in Reichenau-Mittelzell. Ein Bezug zu den qualitativ sehr unterschiedlichen Steinplastiken bzw. Fragmenten im Alten Rathaus in Villingen ist kaum herstellbar.

Wenn die originale Herkunft des Kopfes auch im Dunkeln bleibt, ist dieses Stück ein Zeugnis der Beziehungen Villingens zu den großen oberrheinischen Kunstzentren und deren Bauhütten. Diesen verdankt der Villinger Kopf seine hohe Qualität, die den Zeitgeist der Hochgotik in allgemeingültiger Weise vermittelt. Die exponierte Aufstellung unseres Kopfes im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg wird somit diesem Anspruch durchaus gerecht. Der Weg dieses Stückes nach dorthin aber macht uns wieder einmal deutlich, wie wichtig es ist, die vorhandenen Kulturgüter in ihrem Wert zu erkennen und nicht wegen vordergründiger materieller Erwägungen leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Anm.

1) Der Aufbau des Portals und seines plastischen Schmuckes ist im Vergleich zur klassischen französischen Dreiportalfassade durchaus unkonventionell, da sich durch den eintürmigen Westabschluß ein Eingang ergibt, der durch den Turm hindurch geht. So gliedert sich die Anlage in ein äußeres Trichterportal mit Gewändefig., einer Vorhalle mit zahlreichen Wandfiguren und einem inneren Portal mit Gewändefig., Tympanon- und Archivoltenfig.

2) Beenken : Bildhauer d. 14. Jh. Leipzig 1927 S. 28 ff.

3) Beenken a. a. 0., S. 64

4) Jantzen, H. in : Festschrift A. Goldschmidt, Leipzig 1923