Das Leben und Leiden der Villinger Bürger im ausgehenden Mittelalter (Dr. Buhmann)

— Erkenntnisse aus den Münstergrabungen —

Die Skelettfunde aus dem Münster UNSERER LIEBEN FRAU stammen aus dem späten Mittelalter und reichen bis in das 18. Jh.. Die Untersuchungen des Materials erfolgte zum einen nach anthropologischen Richtlinien zur Erfassung der Alters- und Geschlechtsverteilung der Bestatteten : zum anderen wurden krankhafte Veränderungen der Skelette befundet, um einen Einblick in die Krankheitsbelastung der damaligen Zeit zu gewinnen.

Eine Vielzahl der Gräber war durch Mehrfachbestattungen und Baumaßnahmen derart zerstört, daß eine exakte Alters- und Geschlechtsbestimmung nicht mehr möglich war. Insgesamt konnten 494 Individuen nachgewiesen werden, deren Alters- und Geschlechtsverteilung im Folgenden zusammengefaßt ist:

 

 

Deutlich läßt sich die hohe Kindersterblichkeit aus der Verteilung ablesen, die überwiegend durch nicht beherrschbare Infektionskrankheiten bedingt ist. Die Sterblichkeit in der juvenilen Altersgruppe ist gering, und nur wenige erreichen ein hohes Lebensalter. Daß die Männer in der maturen Altersgruppe deutlich überwiegen, läßt sich zweifach deuten. Durch die Lage der Gräber im Münster und durch Grabbeigaben sind mehrere mature Männer als Priester ausgewiesen. Die Frauen erreichen, bedingt durch Geburtskomplikationen und Infektionen im Wochenbett, seltener ein hohes Lebensalter.

Viele Skelette weisen krankhafte Veränderungen auf. An wenigen Beispielen läßt sich zeigen, das Gewalteinwirkungen erfolgreich behandelt wurden oder der Tod nicht abwendbar war, ja, daß sogar ein Individuum ein Würgen überlebt hat. Chronische Erkrankungen machen deutlich, mit welchen Schmerzen man leben mußte, ohne daß es eine Behandlungsmöglichkeit gab.

Chronische Entzündungen

Der untere Anteil des rechten Schienbeins (Abb. 1) weist mehrere längsverlaufende Defekte auf, und die äußere Struktur ist vollständig zerstört. Oberhalb dieser Defekte lag eine nicht ausreichend verheilte Schrägfraktur des Schienbeins vor. Es ist im weiteren Krankheitsverlauf zu einem Eindringen von Bakterien gekommen mit der daraus resultierenden chronischen Knochenentzündung. Durch die großen Knochendefekte trat der Eiter nach außen. Die Knochenstruktur ist so weit geschwächt, daß eine Belastung des Beines nicht mehr möglich gewesen ist und der Mann nur noch mit Stöcken gehen konnte. Auch heute noch ist die chronische Entzündung des Knochens als Verletzungsfolge bei offenen Brüchen und nach Operationen als Komplikation gefürchtet, da eine Ausheilung der Entzündung oft über einen langen Zeitraum verläuft oder eine Heilung sogar heute noch nicht möglich ist. Vier weitere Individuen weisen vergleichbar schwere Knochenentzündungen auf, wobei in zwei Fällen eine Tuberkulose ursächlich war.

Unteres Fragment eines Schienbeins. Durch eine Fraktur kam es zu einer chronischen Entzündung mit massiver Zerstörung des Knochens. 1 und 2 zeigen Fistelkanäle, aus denen der Eiter abfloß.

 

Tumorerkrankungen 

Die linke Beckenschaufel (Abb. 2) eines ca. 45 Jahre alten Mannes weist einen großen Defekt auf. Der Rand dieses Defektes ist unregelmäßig und rauh. Der Tumor wuchs sehr langsam, und am Tumorrand wurde ein neuer Knochen gebildet, der gegen den Tumor anwuchs. Es handelt sich hierbei wahrscheinlich um eine Tochtergeschwulst eines Nierenkarzinoms. Es lagen zwei weitere Tochtergeschwülste bei diesem Mann vor, die ihn völlig hilflos machten. An beiden Oberarmen siedelte sich in Schaftmitte eine Geschwulst an und zerstörte den Knochen vollständig, so daß beide Oberarme brachen und im weiteren Verlauf nicht mehr zusammenwachsen konnten. Die Bewegungsfähigkeit der Arme ist dadurch fast völlig aufgehoben, und der Mann war auf die Hilfe seiner Umwelt angewiesen, um noch geraume Zeit leben zu können.

Tumorerkrankungen des Knochens sind in historischen Skelettfunden relativ selten nachzuweisen. Bei den untersuchten Skeletten ließen sich drei weitere Tumore nachweisen, wobei es sich zweimal um einen gutartigen Tumor der Rippen gehandelt hat (fibröse Dysplasie Jaffe-Lichtenstein ) und einmal um einen bösartigen Tumor an einem Schienbein, der evtl. durch Tochtergeschwülste todesursächlich war (Osteosarkom ).

Linke Beckenschaufel eines ca. 45-jährigen Mannes mit einem großen Knochendefekt durch eine Tochtergeschwulst eines Nierenkarzinoms.

Frakturen

Das Schienbein und Wadenbein zeigen eine gutverheilte Schrägfraktur (Abb. 3). Die Bruchenden sind nur wenig verlagert gewesen, und es kam zu keiner nennenswerten Beinverkürzung. Dieser Befund zeigt, daß die Fraktur sachkundig geschient gewesen ist. Bei derartigen Frakturen wirken die Muskelzüge auf die Bruchstücke ein, und die Enden werden gegeneinander verschoben, so daß es häufig zu erheblichen Beinverkürzungen kommt. Diese Verkürzung wird jedoch verhindert, wenn das Bein über einen längeren Zeitraum geschient und ruhiggestellt wird, wie es heute durch einen Gipsverband geschieht. Die Behandlung dieser Fraktur war erfolgreich, wie auch die weiteren Frakturen, die nachweisbar waren, gut und sachgerecht verheilt waren.

Trepanation

Das Schädeldach weist drei kreisrunde Defekte auf (Abb. 4). Sie haben jeweils den gleichen Durchmesser, und der Rand ist glatt gestaltet. Derartige Defekte finden sich bei Trepanationen, die mit einem Bohrer durchgeführt wurden. Im Röntgenbild war eine knöcherne Reaktion nicht feststellbar, so daß die Trepanation nur kurz überlebt worden ist. Im ausgehenden Mittelalter wurden Trepanationen meist bei Blutungen nach Verletzungen durchgeführt, jedoch waren die Überlebenschancen sehr gering, da häufig die Blutung nicht zu stillen war oder es kam zu Infektionen der Wunden, die auf das Hirngewebe übergriffen und -nicht zu behandeln waren.

 

Links: Annähernd achsengerecht verheilte Schrägfraktur von Schien- und Wadenbein nach erfolgreicher Schienung. Rechts: Drei kreisrunde Defekte des Schädeldaches wie sie bei einer Trepanation mittels Bohrer zu finden sind. Die Trepanation oder die Grunderkrankung wurde nicht überlebt.

 

Rückseite eines vollständig verknöcherten Kehlkopfes. Das linke Kehlkopfhorn ist am unteren Ansatz abgewinkelt und deformiert.

 

Die Seitenansicht zeigt die verheilte Bruchlinie des Kehlkopfhornes. Ursächlich für die Fraktur war am ehesten ein Würgen, das in diesem Falle aber überlebt wurde.

 

Die Untersuchungen ergaben eine Vielzahl weiterer Erkrankungen und Verletzungen, von denen hier nur wenige exemplarisch dargestellt wurden. Sie sind die stummen Zeugen der Medizingeschichte und der Sozialgeschichte und erlauben einen kleinen Einblick in das Leben und Leiden auch derjenigen, von denen keine schriftlichen Quellen berichten.

Überlebtes Würgen

Die Abbildung (Abb. 5) zeigt das linke obere Horn eines verknöcherten Kehlkopfes. Der Kehlkopf besteht primär aus Knorpelgewebe. Erst mit zunehmendem Lebensalter beginnt die Verknöcherung, und

eine vollständige Verknöcherung wird erst im Greisenalter erreicht. Im Gegensatz zum rechten Horn ist hier das linke Horn am Ansatz abgewinkelt, und es ist deutlich verkürzt. Die Seitenaufnahme zeigt eine schmale Linie in der Knochenstruktur (Abb. 6). Diese Linie ist die Bruchstelle des Kehlkopfhornes, die anschließend wieder verheilt ist. Ein Bruch des Kehlkopfhornes findet sich am häufigsten bei Würgeverletzungen, wobei der Daumen die größte Kraft entwickelt und so den Bruch herbeiführt. Dieses bedeutet, daß der Täter mit seiner linken Hand den Hals des Opfers würgte und sein linker Daumen das Kehlkopfhorn abbrach. Ein derartiger Bruch führt in der Regel zum Tode. Wenn jedoch der Kehlkopf verknöchert ist und dann nur das Kehlkopfhorn — wie in diesem Fall —abbricht, ist ein Überleben möglich. Dieses erlaubt die Vermutung, daß die Tat im hohen Lebensalter des Opfers erfolgte.

„Krüppel und Bettler“ Federzeichnung von Hieronymus Bosch, 1516 (Entnommen aus „700 Jahre Elisabethkirche in Marburg 1283 — 1983“ Katalog Nr. 6, Marburg 1983, Seite 38)