Winfried Strengert— ein junger Meister der Maskenkunst (Werner Huger)

 

Vor genau zehn Jahren schrieb Hans Brüstle im Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins Villingen (S. 4 ff.) über die „Villinger Holzmasken (Schemen)“ unter anderem: „Die Villinger Holzmaskenkunst erweist sich ihrer Formenwelt nach als ausgesprochene Schnitzerkunst, entstanden aus dem Fastnachtsbrauchtum und von ihm genährt in einem nahezu geschlossenen städtischen Brauchtumsgebiet von nicht allzugroßer Ausdehnung. . .. Das Besondere der Villinger Makenkunst ist, daß sie zwei Höhepunkte erreichte von ausgesprochen künstlerischem Charakter, wodurch solche Masken gewissermaßen eine vom Fastnachtsbrauchtum losgelöste Eigenständigkeit erlangten. Sie können in ihren besten Verkörperungen als vortreffliche Leistungen der Maskenkunst bezeichnet werden. Der erste Höhepunkt dieser Entwicklung fällt in die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts. Er ist verbunden mit dem Namen Dominikus Ackermann. Der zweite fällt in die erste Hälfte unseres Jahrhunderts. Er ist geprägt von Robert Neukum.“

Die Diskussion im Geschichts- und Heimatverein führte im Jahresheft 1975 durch Hans Brüstle zu einer Würdigung des Schemenschnitzers Manfred Merz, der als junger Mann, nach dem Zweiten Weltkrieg beginnend, in „respektabler Meisterschaft“ den künstlerischen Vorgaben des Dominikus Ackermann gefolgt ist. Nach einer inzwischen rund fünfunddreißigjährigen Schaffensperiode kann schon heute die Behauptung gewagt werden, daß die die Schemenmasken-Schnitzerkunst der zweiten Jahrhunderthälfte prägende Persönlichkeit Manfred Merz heißt. Seine glatten Masken, mehr noch die Varianten des „hinterhältig lächelnden, des satirischen und ironischen Surhebel“ und die „Murbili“- Maske, an der das“Pfiffig-Schelmische mit ihrem unverwechselbaren Charakter und besonderen Charme“ (Brüstle) hervortritt, verraten ein hohes schnitzerisches Können und den eigenen Stil des Künstlers. — Als Ratsmitglied der Narrozunft hat er wesentlichen Anteil, daß von heutigen Schnitzern, inner- und außerhalb der Stadt, das überkommene Niveau der Maskenqualität gefordert und durchgesetzt wurde.

Es bleibt nicht aus, daß ein Schnitzer wie Manfred Merz Schüler findet, die ihm nacheifern und nach seinem Vorbild selbst zur Meisterschaft gelangen.

 

Winfried Strengert

 

Der wohl bedeutendste unter ihnen ist nach unserer Ansicht Winfried Strengert. 1955 in Villingen als Sohn waschechter Villinger Eltern geboren, entdeckte der reine Amateur erst vor wenigen Jahren seine Liebe zur Schnitzkunst. Bodenständigkeit und Verbundenheit mit dem heimatlichen Brauchtum, von Eltern und Freunden genährt, hatten ihm den Weg gewiesen, als er sich an seiner ersten Scheme versuchte. Die Pflichten seiner jungen Familie gegenüber verhinderten den ersehnten Berufswechsel, der von ihm nicht zuletzt finanziell bedingte Opfer für erneute Schule und Berufsausbildung verlangt hätte. So bleibt er der reine Autodidakt, den noch nicht einmal einer das Ansetzen des Werkzeugs lehrte. Vielleicht ist es das ungewöhnliche technische Geschick seines Vaters, das er als Begabung erbte und das ihn in die Lage versetzte, schon nach wenigen Versuchen die erste technisch fast ausgereifte Maske zu schnitzen. In dem durch den Traditionalismus abgesteckten Rahmen begann er schon bald nach der eigenen Form des Ausdrucks zu suchen. Mit fast wissenschaftlicher Neugier wendet er sich dem Studium der Anatomie und Physiognomie zu. Er studiert alles was ihm an Masken, lebenden Gesichtern und Abbildungen zugänglich wird. Er fotografiert und zeichnet. Die Analyse wird zum Baustein der Synthese, der Fleiß zum Mörtel. Er will nicht Masken verkaufen, er will sich als künstlerischer Mensch erfahren. So ist es heute auch schwer, überhaupt eine Scheme von ihm zu erhalten; er schnitzt für keinen Markt.

Während der späte Manfred Merz in seinen Surhebel- und Morbili -Masken deutlicher stilisiert, ist es für Winfried Strengert typisch, daß ihn seine Erkenntnisstudien zu einem fast renaissancehaften Realismus führen, wie ihn der frühe Merz in einigen seltenen Exemplaren meisterlich gestaltet hat. Dennoch überwindet Strengert unter Beachtung der notwendigen Eigenheiten der Maske mit seinem „physiognomischen Realismus“ das Vorbild. Er hat zu seinem eigenen Stil gefunden.

Im Gegensatz zu Robert Neukum, aber wie Manfred Merz, pflegt auch er das Genre der glatten Maske. Gerade hier wird deutlich, daß andere Vorbilder auf ihn eingewirkt haben. Dieser „Typus des menschlichen Gesichts in fast abstrakter Schärfe“ (Brüstle), der ja kein individuelles Gesicht vermittelt, setzt dem Schnitzer einerseits Grenzen der Entfaltung, andererseits verlangt er sein ganzes künstlerisches Können. Die Wirkung des Gesichts geht allein von der abstrakten Schönheit und Harmonie aus. Individualität ist etwas Bestimmbares, Harmonie dagegen etwas Wesenhaftes. Letzterem Form zu verleihen ist höchster Anspruch. Strengert hat wie kaum ein zweiter sich diesem Anspruch gebeugt. Seine Schöpfungen sind am ehesten vergleichbar dem „Sieber alt“, aus der Zeit der Jahrhundertwende, der wiederum in seinen schönsten Exemplaren dem Dominikus Ackermann sehr nahe kommt.

Was wir nicht übersehen sollten : Die großen Meister der Villinger Maskenkunst waren in Wirklichkeit alle aus dem Metier, so wie auch heute der eine oder an dere Schnitzer. „Ölmüller“ Dominikus Ackermann war Bildhauer, desgleichen Ummenhofer („Bregen Josef und Sohn Emil, Robert Neukum, Manfred Merz und Sieber alt sowie sein Sohn waren Steinhauer-meister. Sie waren „Profis“, wie wir heute sagen würden. Jetzt ist in ihren Kreis ein junger Villinger Meister getreten kraft seiner Begabung und Kunst: Winfried Strengert.

Werner Huger