Der St. Galler Klosterplan und sein architektonisches Programm (Uta Baumann)

Villinger Grundbesitz im 9. Jahrhundert an Finanzierung des Klosterneubaus beteiligt

Für Villingen ist es seine erste urkundliche Erwähnung, als 817 Kaiser Ludwig der Fromme (Sohn Karls des Großen) dem Kloster St. Gallen eine Zinsschenkung „von den Bauerngütern des Wito und Heimo in dem Amtsbezirk des Grafen Hruadhari bei Villingen“ verbrieft. Für das um 612 vom irischen Mönch Gallus gegründete Kloster ist dagegen die Schenkung willkommene zusätzliche Finanzquelle, denn nach einem unverkennbaren Niedergang der Klosterherrschaft ist jetzt Abt Gozbert (816 — 836), ein tatkräftiger Mann und politischer Kopf, an der Regierung. Um 820 wird von einem unbekannten St. Galler Mönch oder von einer Gruppe elitärer mönchischer Männer der Idealplan für eine neue Klosteranlage entworfen. Das karolingische Original ist heute verloren, aber der Plan wurde bereits zwischen 820 und 830 im nicht minder bedeutenden Benediktinerkloster Reichenau durchgepaust. Wir finden das einzigartige, auf Pergament gezeichnete Dokument in der Stiftsbibliothek zu St. Gallen. Es ist 112 x 77,5 Zentimeter groß und besteht aus fünf aneinandergenähten Pergamenthäuten. Ab 830 beginnt Abt Gozbert den karolingischen Neubau, der ein Jahr nach dem Tode des Abtes im Jahre 837 geweiht wird. Auch wenn die idealtypische Form des Plans nicht verwirklicht wurde, „wollten die benediktinischen Autoren doch erreichen, daß damit die monastische Architektur im Europa Karls des Großen vereinheitlich wurde“. Schließlich steht diese große Bauaufgabe im Dienste des karolingischen Einheitsgedankens, der für eine Klosteranlage sowohl politische, kulturelle und soziale Funktionen vorsieht. D. h., neben dem theologischen und religiösen Auftrag ist das Kloster Vorposten gegen das Heidentum, „Bildungsstätte der Nation“ — noch im 9. Jahrhundert entwickelt sich St. Gallen zur hervorragendsten Bildungsstätte in Mitteleuropa — und Zentralort infrastruktureller Versorgung für Insassen und Bevölkerung, um es pauschalierend zu sagen. Die neue gesellschaftliche Ordnung, die auf bäuerlicher Selbstversorgung beruht, ist auch für die Klöster bestimmend und ist im Plan berücksichtigt. Innerhalb einer abschließenden Umfassungsmauer ist somit alles vereinigt, was das Kloster zu einem eigenen Organismus, ja zu einem Staat für sich macht.

Vertieft man sich in den Plan, den wir hier abgebildet und mit einem Verzeichnis versehen haben, offenbart sich ein rationales, ausgeklügeltes, ein architektonisch zusammenhängendes Ganzes. „Der Plan umfaßt die Grundrisse von 37 architektonischen Elementen und von drei Gartenanlagen. 340 lateinische Legenden beschreiben ihre Bestimmung und Funktion“. Im Gegensatz zu heutigen Architekturplänen gibt das karolingische Pergament keine Informationen über das aufgehende Mauerwerk, d. h. über den Aufriß. Seit über zwanzig Jahren sind internationale Fachleute damit beschäftigt, durch die richtige Ermittlung der maßstäblichen Verhältnisse die Abstraktion des Plans in Architekturmodelle umzusetzen, die dann dreidimensionale Formen und Volumen vermitteln. Die derzeit endgültige Lösung wurde im Februar 1983 in St. Gallen (und nocheinmal im Juni auf der Insel Reichenau) in einer Ausstellung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und des University Art Museum, University of California, Berkeley, unter Mitwirkung der University of California Press in Modellen, Plänen und Erläuterungen vorgestellt. Eine fotografische Wiedergabe aller acht Einzelmodelle ist nicht möglich. Wir beschränken uns auf zwei Beispiele. Dagegen stellen wir den St. Galler Klosterplan dem maßstabsgetreuen Modell der ganzen Klosteranlage gegenüber, so daß der Betrachter über den Plan, dessen beschreibende Legende und die dreidimensionale Wiedergabe des Modells in einer Fotografie einen plastischen Eindruck dieser großartigen Schöpfung aus karolingischer Zeit gewinnt. Die heutige barocke ehemalige Klosteranlage ist im Gesamtgrundriß übrigens mit dem alten

 

Dreidimensionale Wiedergabe des Klosterplans im Modell. (Die Aufnahme ist austechnischen Gründen von der entgegengesetzten Seite, wie auf dem Plan abgebildet, aufgenommen. Sie muß also gedanklich um 900 gedreht werden.)

 

 

Klosterbereich nicht deckungsgleich und ist gegen südwest verschoben, jedoch bleibt der größte Teil der alten Anlage von der heutigen überdeckt, insbesondere der Kirchenraum. — Bevor wir nun das Studium des Plans und des Modells empfehlen, wollen wir noch kurz in diesen mönchischen Kosmos einführen: Die geistliche Mitte dieses Plans, der sich mit der Anordnung der verschiedenen Gebäude der Anlage befaßt, ist selbstverständlich die große Kirche. Bauliche Mitte ist das südlich der Kirche gelegene eigentliche Kloster mit drei je zweistöckigen Gebäudeflügeln, gruppiert um den kreuzgangumsäumten Innenhof. Äußerst sinnvoll angeordnet sind hier heizbarer Tagesraum, Schlafsaal, Waschraum und Latrinen, Speisesaal, Küche, Bäckerei, Brauerei, Kellerei und Vorratskammer.

Von dieser Mitte dehnen sich vier Bezirke in die vier Windrichtungen aus: im Norden der vornehme Bezirk mit Diensthaus, Gästehaus, Schulhaus und der Pfalz des Abtes; hier wohnen auch der Pförtner und der Armenpfleger, hier ist der Raum für die Fußwaschung der Gäste, das Sprechzimmer sowie die Unterkunft für fremde Ordensbrüder untergebracht.

Im Osten liegt der stille Bezirk mit Noviziat, Hospital, Wohnhaus des Arztes, Wachstation für Schwerkranke und Apotheke. Hier breiten sich auch die drei Gärten für Heilkräuter, Gemüse und Obstbäume aus. Im Süden vorgesehen sind Kornspeicher mit Dreschtenne, die vielen verschiedenen Werkstätten sowie Wohnungen für die Werkleute. Der große landwirtschaftliche Bezirk ist gegen Westen hin orientiert. Hier ist auch Wohnraum für die zahlreiche Dienerschaft bei Königsbesuchen bereitgestellt.

Benutzte Quellen :

Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen,

Villingen 1964, S. 62

Welt- und Kulturgeschichte, Holle-Verlag, Baden-Baden, Band 8, Spalte 3489 ff.

Lorna Price, Der St. Galler Klosterplan, Prospekt anläßlich der Ausstellung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia etc. in St. Gallen, Februar 1983

Südkurier Nr. 145 v. 28.6.83, St. Galler Klosterplan

 

Schlafsaal der Mönche im maßstabsgerechten Modell

 

 

Modell des ersten Kirchenbaues in St. Gallen. (Siehe auch Modell, Seite 27)