Die Warenburg in Villingen — Die Martinskirche in Kirchdorf: Geschichtlicher Zusammenhang oder zufälliges Nebeneinander? (Hermann Preiser)

Villingen nach einem Merian-Stich vor 1650. Im Bild links unten die Warenburg, die damals schon Ruine war.

 

In der Marktrechtsurkunde vom Jahre 999, ausgestellt von Kaiser Otto III., wird zwar ein Graf HiIdibaId , der letztmalig 1007 urkundlich erscheint, als Verwalter der Baar, Villingen aber dem Grafen Berthold gehörig, genannt. Die Tatsache, daß die Zähringer als Nachkommen der Bertholde die Warenburg und die Stadt auf eigenem Grund erbauten, spricht dafür, daß unser Berthold in und um Villingen einen umfangreichen, zusammenhängenden Grundbesitz sein eigen nannte. Leider ist man mangels fehlender Quellen aus dem 11. Jahrhundert vielfach nur auf Vermutungen angewiesen.

Es ist anzunehmen, daß Graf Berthold seine besondere Aufmerksamkeit dem ihm verliehenen Markt schenkte, daß sich dieser gut entwickelte und Berthold oder seine Nachkommen bald erkennen mußten, daß der Platz des alten Dorfes Villingen, links der Brigach, für eine Ausdehnung des Marktes bzw. Marktortes ungünstig gelegen war und sich auf der großen ebenen Fläche auf der rechten Brigachseite, ein weit besseres Gelände anbot, wobei wohl schon bei der Marktverleihung nicht nur allein an einen Markt, sondern gleichzeitig an eine Stadtgründung gedacht war, denn Märkte hatten sowieso immer eine städtebildende Kraft.

Prof. Dr. Karl Siegfr. Bader hat wiederholt, zuletzt bei einem Festakt anläßlich des Zähringerfestes i. J. 1978, darauf hingewiesen, daß Villingen die älteste Zähringergründung ist, weil die Bertholde als sie im 11. Jahrhundert ihren Sitz von der Weilburg bei Weil heim/Teck nach dem Schwarzwald und dem Breisgau verlegten, zuerst für die Sicherung der Schwarzwaldbarriere sorgen mußten, was die Klostergründungen in St. Peter und St. Georgen beweisen. Der Platz Villingen lag dafür an günstigster Stelle.

Vermutlich in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts, als die erste Phase der Stadtplanung begann, wird man die Errichtung der Warenburg ansetzen müssen und wahrscheinlich wurde auch von dieser Burg aus der Bau der neuen Stadt überwacht und bis zu deren Fertigstellung der Markt dorthin verlegt.

Die frühen Märkte lagen immer an wichtigen Verkehrswegen und in der Nähe von befestigten Siedlungen und Burgen, wo der Fernkaufmann seine schutzbedürftige Ware stapeln und in Zeiten der Not Schutz suchen konnte. Auch bei der Warenburg könnten die umherziehenden Kaufleute ihre Waren deponiert und einen Umschlagplatz errichtet haben. Davon könnte die Warenburg ihren Namen erhalten haben, denn im mittelhochdeutschen Wörterbuch wird „ware“ als Kaufmannsgut bezeichnet. Nachdem dieses Wort seit dem 13. Jahrhundert bezeugt ist, könnte diese Vermutung zutreffen. Die früher von verschiedenen Seiten geäußerte Meinung, daß der Name von einem fränkischen Kammerboten namens Warin abzuleiten wäre, ist längst widerlegt.

Bald nach dem Ende des letzten Weltkrieges haben eine Anzahl geschichtsinteressierter Schüler der oberen Klassen auf eigene Faust an der Warenburg Grabungen durchgeführt, nachdem sie sich vorher in der gängigen Literatur über die Grabungsmethoden informiert hatten. Nach Aussage der daran Beteiligten Kurt Faller und Reinhold Tritschler, hatten sie eine ganze Kiste voll unglasierter Tonscherben gefunden, die sie freudestrahlend Professor Revellio überbrachten, welcher sich über diesen Fund freute und ihnen eine Belohnung versprach, ihnen aber am nächsten Tag die Polizei ins Haus schickte, die ihnen das Weitergraben verbot. Bei ihren Ausgrabungen haben die Schüler auch einige gemauerte Kammern teilweise freigelegt. Waren dies allgemeine Vorratsräume oder Lagerräume für Kaufmannswaren?

Zur Warenburg gehörte nicht nur das Gelände um die Burg und die 4 Mühlen vor der Stadt sondern das gesamte untere Brigachtal mit den Dörfern Rietheim, Marbach, Klengen, Beckhofen und Grüningen und wahrscheinlich auch das Dorf Villingen, das erst bei der Stadtgründung ausgeklammert und selbständig wurde. Es ist anzunehmen, daß dieser Herrschaftsbezirk schon früher unter einem anderen Namen bestand. Bei dem Verkauf der Stadt Villingen i. J. 1326 durch die Fürstenberger an Österreich war auch die Herrschaft Warenburg mit Ausnahme des höheren Gerichts mit eingeschlossen. Die immer in Geldnot befindlichen Herzöge von Österreich versetzten aber schon i. J. 1334 die Pfandschaft für geleistete Kriegsdienste dem „Johans von Tierberg“ (Stammburg bei Balingen) um 400 Mark Silber. Aus weiteren Urkunden ersehen wir, daß Johann von Tierberg und sein Sohn Hans weiterhin mit von ihnen gestellten Fußsoldaten und Lanzenreitern in österreichischem Sold standen. Aber auch diese mußten zeitweise einzelne Teile der Herrschaft weiter verpfänden. Dieses Geschlecht bürgerte sich in Villingen ein und die Schwester des Johann von Tierberg ehelichte den Villinger Bürgermeister Konrad Haimburgen. Ein Hans von Tierberg war 1428 Schultheiß und 1474 Bürgermeister zu Villingen. Später gelangte die Herrschaft Warenburg durch Heirat an Truchsaß Jörg von Ringingen, welcher kurz darnach i. J. 1466 die Herrschaft mit Genehmigung Herzogs Sigmund von Österreich an die Stadt Villingen verkaufte, wodurch auch die Dörfer im Brigachtal Villingen einverleibt wurden.

Die Stadt, die keine Burgen in nächster Nähe duldete, ließ diese verfallen. Lediglich ein Meierhof zur Bewirtschaftung der umliegenden Güter wurde nebenhin errichtet, aber im 30-jährigen Krieg, i. J. 1633, auf Befehl Oberist Äscher’s, um dem Feind keine Unterschlupfmöglichkeit zu geben, niedergebrannt. Der als Türschmuck über dem Meierhof gewesene Schlußstein mit 2 kleinen Wappen wurde gerettet und befindet sich heute über dem Eingang zur Gaststätte Ott in der Färberstraße.

In den letzten hundert Jahren wurde die Warenburg zum Tummelplatz der Villinger Buben, welche sich einen Spaß daraus machten aus dem Mauerwerk Steine auszubrechen und in den Graben hinabkollern zu lassen. Der Graben auf der Ostseite ist heute mit solchen Mauersteinen übersät. Heute ist die Ruine bzw. die Grundmauer, die immer noch von einem Wall und Graben umgeben ist, mit Pflanzen und Gebüsch überwuchert. Nur an der Westseite erhebt sich die Umfassungsmauer 1 /2 – 3/4 m in die Höhe.

Die Tatsache, daß die Herrschaft Warenburg das gesamte untere Brigachtal umfaßte und in dessen Mittelpunkt in Kirchdorf eine Martinskirche steht, deren Alter sich aufgrund der Bodenfunde bei den kürzlichen Ausgrabungen bis in die Merowingerzeit zurückdatieren läßt, taucht die Frage auf, ob diese Martins-kirche ursprünglich nicht die Mutterkirche für das gesamte Brigachtal war und die Altstadtkirche zu Villingen erst nachher, als Villingen an Bedeutung gewann, erbaut wurde. (Beide Kirchen liegen nur vier Kilometer auseinander.) Beispiele von Mutterkirchen, zu denen viele umliegende Ortschaften gehörten, gibt es genug. Z. B. gehörten zur Martinskirche in Dunningen bei Rottweil die Dörfer Sulgen, Schramberg, Seedorf und Herrenzimmern mit ihren Kapellen.

Das genaue Alter der im letzten Jahrhundert leider abgebrochenen Altstadtkirche auf deren Stelle heute die Friedhofskapelle steht, hätte nur durch Grabungen erforscht werden können, die leider beim letzten Umbau versäumt wurden und nicht mehr im Bereich des Möglichen liegen.

Auf alle Fälle sollte aber den Resten der Warenburg als erste Zähringerburg mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Durch Grabungen, die vielleicht wenigstens teilweise in freiwilliger Arbeit erfolgen müßten, könnten sicher wichtige Aufschlüsse erwartet werden.

Hermann Preiser