Marschall Tallard brachte es an den Tag: Schon vor dreihundert Jahren wurde in Villingen Pfeife geraucht. (Günther Rath)

1704: Der Spanische Erbfolgekrieg geht seinem Höhepunkt entgegen. Auf dem Rand des Hubenlochs, im Westen der Stadt, kaum mehr als hundert Meter von den Ringmauern entfernt, haben sich die Batterien des französischen Marschalls Tallard unter Befehl des Generals Marquis d’Hautfort eingegraben. Als er nach tagelanger Beschießung am 21. Juli 1704 die Belagerung abbrechen muß, waren mehr als 2000 Kugeln in das den feindlichen Geschützen gegenüberliegende Franziskanerkloster gefallen. Das Kloster glich einem Trümmerhaufen. „Dreihundert Mann arbeiteten zunächst unter dem Befehl des Kommandanten drei Wochen lang, um die Schuttmassen aus dem Kloster wegzuschaffen. Vorerst fehlte es an Mitteln zum Wiederaufbau.“ 1)

 

Blick auf den ehemaligen Kräuter- und Gemüsegarten des Franziskanerklosters im Süden mit altem Wachturm, Geschützrampe von 1713 mit eingebautem Kellergeschoß; rechts Schutthügel 1982, entstanden während der mehrjährigen Umbauarbeiten im Franziskaner.

 

Was gedanklich nahe liegt, brachten Grabungen der Jahre 1981 und 1982 mehr zufällig ans Tageslicht. Seit Jahren haben die Narrozunft und Bürgerwehr zwischen Romäusturm und Franziskaner ihr Domizil. 1981 ging man daran, die Decke eines gewölbten Kellers, den man nutzen möchte, gegen eindringendes Wasser abzudichten. Der Keller befindet sich im südlichen Teil der ehemaligen Geschützrampe, die zwischen dem Elisabethen -Turm — einem früheren Wachtturm der Stadtbefestigung — und dem Südtrakt des Franziskanerklosters liegt (siehe Abbildung). Die Geschützrampe wurde 1713 gebaut. 2) 1720 wird seitens der Stadt Villingen einem „Michael Bandtle, burger undt cronenwürth allhier,“ erlaubt, „zwischen der inneren Stadtmauer und der — der städtischen Zehntscheuer gegenüberliegenden — von ihm käuflich erworbenen „Gabriel Haußerischen behaußung under die maur fülle einen gewölbten Keller“ anzulegen; . . .“. 3) Es könnte sich um unseren obigen Keller handeln. 4)

(Nach mündlicher Auskunft des 1. Zunftmeisters der Narrozunft, Christian Huonker, befindet sichaber auch ein alter gewölbter Keller unter der heutigen, zeitlich jüngeren Zunftstube beim Romäusturm, dessen Entstehung nicht abgeklärt ist.) Seine statische Konstruktion erwies sich bei einer Überprüfung dieser Tage als miserabel. Das Gewölbe ist anscheinend in seinem Nordteil statisch gar nicht verankert.

Als man daran ging, die Erdschüttung über dem Gewölbe abzutragen, machte man eine interessante Entdeckung. Das Füllmaterial erwies sich rundum als Trümmerschutt, und zwar in Massen Ziegel, Scherben von Fayence- ( Majolika-) kacheln, Bruchstücke von bearbeiteten Buntsandstein-Gewänden u. a. , vermischt mit sekundär eingebrachtem Humus. Es kann sich wohl in erster Linie nur um einen Teil der weiter vorne erwähnten Schuttmassen handeln, die seit 1704 auf dem klostereigenen Freigelände zwischen Romäusturm und Südteil des Klosters deponiert gewesen sein dürften. 5) 1982 wurden bei der Eintiefung eines Pfostenlochs bei der Grenzmauer zu den Häusergrundstücken an der Rietgasse die gleichen Fundumstände wie auf der Geschützrampe angetroffen.

 

Eines der auf der Geschützrampe gefundenen Pfeifenexemplare in Seiten- und Vorderansicht sowie im Schnitt. Größenverhältnis 1 : 1 (Originalgröße).

 

Dem Beobachter wird auch auffallen, daß das Freigelände zwischen Ringmauer und Rietgasse unterschiedlich zwischen 50 bis rund 100 Zentimeter höher liegt als das heutige Straßenniveau. Obwohl der Geschichts- und Heimatverein beim Landesdenkmalamt angeregt hatte, die Fundumstände zu beobachten, unterblieb eine Untersuchung durch den Fachmann. Soweit Funde aufbewahrt wurden, warten sie auf eine Interpretation.

Wir selbst stellen Ihnen, lieber Leser, einen einzigen Fund um seiner Originalität willen vor. Die fleißigen Ausgräber der Narrozunft fanden in der Schüttung der Geschützrampe — und in einem Falle im oben erwähnten Pfostenloch auf der Wiese unten — mehrere kleine abgebrochene Pfeifenköpfe aus Ton, die sie für Reste von Kinderpfeifen hielten. Als wir ein Exemplar zu Gesicht bekamen, war uns der historische Zusammenhang klar: Es sind keine Kinderpfeifen sondern regelrechte Tabakspfeifen aus der Zeit um 1700 aus gebranntem Ton. Die Archäologin, Frau Dr. Gretel Gallay, bekannt von der Ausgrabung des Magdalenenbergles, hat ein Exemplar für uns gezeichnet. Man betrachte außerdem einmal Bilder vom Tabakskollegium des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (1713 —1740), dann wird klar, um welchen Pfeifentyp es sich handelt. Herr Frey, archäologischer Grabungstechniker, hat die Pfeife in der abgebildeten Zeichnung ihrem ursprünglichen Aussehen nachempfunden. Es sind übrigens nicht die ersten Pfeifen aus dem alten Villingen, die man gefunden hat. 1840 wurden das Vortor beim Oberen Tor, das vor dem Tor stehende Torstüblein und die Ringmauer, die auf beiden Seiten an das Vortor (Erker) anschloß, niedergelegt. „Bei Wegräumung des Schutts fand man etliche hundert kleine Tabakspfeifchen, nach Art der Kölnischen bearbeitet, aus schwarzer und rötlicher Tonerde, die von Hafnern wahrscheinlich für die Soldaten bereitet wurden;

„Die älteste noch erhaltene deutsche Pfeife stammt aus dem Jahre 1602, Herzog Christian zu Braunschweig rauchte daraus.“ 7 )

Es scheint, auch in Villingen hinkte man nicht hinter der Entwicklung her: Schon vor dreihundert Jahren gab es in Villingen „blauen Dunst“; von wem, für wen?

Der Pfeifenraucher demonstriert das Aussehen der Gesamtpfeife.

 

1) Paul Revellio,    Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Villingen 1964, Seite 132

2) Derselbe a. a. 0. Seite 295 / I I I

3) H.-J. Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Ringverlag Villingen 1970 Band I. S. 348, Nr. 1827

4) Siehe abgebildete Fotografie

5) Vgl. auf unserer Abbildung im Vordergrund rechts den in diesen Tagen fotografierten Schutthügel, entstanden anläßlich der derzeitigen Franziskanerrenovierung. — Im übrigen kam es auch während des Dreißigjährigen Krieges, vor allem bei der Sommerbelagerung im August 1633, zu schweren Beschädigungen des Klostergebäudes. Trümmerschutt davon wie von zerstörten Bürgerhäusern könnten ebenfalls auf der heutigen Wiese und dem ehemaligen Klostergarten abgelegt worden sein.

6) Paul Revellio,    Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Villingen 1964, Seite 345 / I I I

7) Volker Ernsting, Pfeifendunst & Pfeifenkunst, Mosaik Verlag München 1979, S. 11