Da staunt der Bäcker-Hug,und Unsere Liebe Frau wundert sich !Aus der Geschichte eines alten Hauses (Werner Huger)

Heute, 1982: Brunnenstr. 3

Einst: 1371 Käsgassen 1)

1766 Käsgässl Nr. 523 2)

1900 Käsgasse Nr. 384 3)

Die Geschichte eines Hauses erhält Leben durch die Menschen, die es besaßen und die in ihm wirkten. Immer ist es der funktionale Bezug zum Menschen, der letztlich interessiert. Der Geschichts- und Heimatverein wird von Zeit zu Zeit ein Haus herausgreifen, um es vorzustellen. Eine Absicht dabei ist, das wirklich Erfahrbare, den gesicherten Zusammenhang zu berichten.

Nicht selten verbinden sich nämlich, befragt man Leute, die es zu wissen glauben, nebulose und spekulative Vorstellungen miteinander. Sie stammen aus der ungesicherten Tradition der sich verändernden mündlichen Überlieferung. Was aber sind gesicherte Quellen, und wie lassen sie sich methodisch erschließen? Zum Wesen der Methodik gehört die Systematik, und hier bleibt einem nichts anderes übrig, als die Seiten von hinten nach vorne aufzuschlagen. Als erste Seite steht das Grundbuch. Gelingt die Überbrückung zum Brand-versicherungskataster („Schaetzung derer in der kay (serlich) königl ( ichen) v( order )r Österreichisch) en Statt Villingen unter der Brand-Versicherungsgesellschaft gehörige Häuser und Gebäude „: Beschreibung und Taxierung von 593 Häusern. — Stadtarchiv
Nr. (XX2) 3193.), dann ist die zweite Seite aufgeschlagen, und die endet mit dem Jahre 1766. Die nächste Seite wäre ein “ Kontraktbuch “ über Rechtsgeschäfte bei Grundstücken, das sich im Stadtarchiv befindet, wissenschaftlich aber nicht aufbereitet ist. Es reicht zeitlich nicht vor das 17. Jahrhundert. Was dann noch folgt, bleibt dem Zufall überlassen. Denn alle anderen stadtgeschichtlichen Quellen über den Häuserbestand sind, selbst wenn man sie jemals umfassend archivalisch bearbeiten und als gesammelte Urbarien (U. = in Buchform angelegte systematische Güterverzeichnisse) übersichtlich niederlegen würde, regelmäßig zu unbestimmt, um ein Gebäude lokalisieren zu können. Das aber ist die erste Voraussetzung, um aus seiner Geschichte zu berichten. (Nichtsdestoweniger sind Einzelangaben eine Quelle vor allem für die Rechts- und Wirtschaftsgeschichte einer Gesellschaft.)

Ein Beispiel : 4)

„1530 Juni 2.

Hainrich Hug, Burger und des rats zu Villingen verkauft gegen bar . . . aus und ab seinem Haus zu Villingen am Markt, ist ein egkhus by der Korn- und Brotloben anstoßend an Cunrad Büchlers und Jacob Birks, des Scherers Häusern . . .“.

Das Beispiel wurde bewußt gewählt. Es enthält, wie ersichtlich, recht deutliche Hinweise. Zum einen ist Hug jener bekannte Stadtchronist (Chronik von 14961537), zum andern läßt sich mit etwas Fleiß die Lage des Hauses eingrenzen. („Am Markt „, „Korn- und Brotloben“) , aber wer will dann sagen, welches Haus es wirklich war: „ist ein egkhus“, und wo standen oder stehen die Häuser von Cunrad Büchler und Jacob Birk? Da beißt man sich die Zähne aus. Im Gegensatz zu öffentlichen Gebäuden ist die Lokalisierung von Bürgerhäusern des Mittelalters bei uns nur selten möglich. Es änderte sich wiederholt die Methode der systematischen Erfassung, und die Namen von einst sind Schall und Rauch.

Bevor wir in die Einzeldiskussion eintreten, sei dem Villinger Häuserforscher Walter K. F. Haas gedankt. Er hat die Einzeldaten geliefert, ohne die diese Darstellung nicht möglich gewesen wäre.

Nun zu unserem heutigen Haus Brunnenstraße 3. Wir haben es ausgewählt, weil so unterschiedliche Geschichten, nicht zuletzt pikanter und amüsanter Natur, darüber im Umlauf sind.

Das Haus vom „Bäcker – Hug „, wie es bis zum Jahre 1964 bestand. Die Eckquader verraten ein hohes Alter. Die Fenster im 1. Obergeschoß sind spätgotisch. Der Giebel besitzt Renaissanceelemente.

 

Legende Nr. 1:

Das Haus soll eine klösterliche Sammlung gewesen sein. “ Es ist das einst zum Münster gehörende und als Mittelpunkt der Stadt bezeichnete “ Frauenhaus Unserer Lieben Frau „“, heißt es in einem Artikel, der am 31.7.1964 im Südkurier erschienen ist. „Wes Nam und Art die Insassen dieses Frauenhauses waren und welche Ordensregel sie observierten, ist ebenfalls nicht überliefert . . .“; und der Schreiber vermutet, daß es sich hier „um jene Art ‚Seelenschwestern ‚ gehandelt haben könnte, die sich in freien ‚Sammlungen ‚ zusammengetan und daß es vielleicht gerade jene Adels- und Patriziertöchter waren, die 1480, als die bekannte ‚Seelenschwestersammlung am Biggenthor ‚ unter der heiligmäßigen Äbtissin Ursula Haider in ein geschlossenes Kloster umgewandelt wurde, hier als erste untergebracht wurden „.

Legende Nr. 2:

Die Motivwörter „Frauen“ und „Adel“ tauchen wieder auf, nun allerdings in der pikanten Variante. Das Haus soll im Besitze einer dubiosen adligen Dame gewesen sein. Dazu habe ein Kreis nicht ganz so feiner Damen gehört, die zu besuchen nur ledigen Männern gestattet gewesen sei. Unser Mundartdichter Hans Hauser erzählt, wenn er als Kind mit seiner Mutter an diesem Hause vorbeigegangen sei, habe sie gesagt: „Guck‘ uf d’Siite, Bue!“

Legende Nr. 3:

„Dieses Haus erhielt seine Bedeutung durch seinen Besitzer, den Ratsherren und ersten Verfasser einer bedeutenden Stadtchronik, Heinrich Hug . ..“, heißt es in einem jüngst erschienenen, autorisierten Stadtführer.

Brunnenstraße 3, nach 1965. Die alten Quader und Fensterelemente wurden wieder eingebaut. Das Haus gehört heute einer Eigentümergemeinschaft.

 

Das neuerbaute „Hug-Haus“,

Für alle drei „Legenden“ gibt es keinen Beweis, oder er konnte auf Verlangen nicht vorgelegt werden. Wir werden uns jetzt, ausgehend von dem was man gesichert weiß, über das mögliche Zustandekommen der Histörchen verständigen.

1766 nennt das Brandversicherungskataster der Stadt Villingen das Haus im Käsgässle Nr. 523 das löblich Unser Lieben Frauen Pflegschaft Haus; dreistöckig, 500 Gulden.

1825 spricht das Brandversicherungskataster vom Haus Nr. 523 als Unser Lieben Frauen Pfleg-schaftshaus — von Mauer, 2 Steingiebel samt Keller und Stall, 500 Gulden. Eigentümer: Kirchenpfleg

1843 hat die hiesige Kirchenpflege unterm 30. Oktober 1843 versteigert: Das Haus — drei Stock hoch — im Käsgässle neben Jakob Glatz und Gregor Beck an Siebmacher Jakob Bracher

1862 Maria Ummenhofer geb. Bracher Ehefrau des Lilienwirts und Bäckers Josef Ummenhofer erhält von ihren Eltern das Haus in der Käsgasse.

1872 Landwirt Josef Benner von Stetten, Oberamt Rottweil

1876 Josef Thalweiser, Bäcker

1884 Alois Hirt, Bäcker von Marbach

1893 Philipp Kreutz, Bäcker von Sand, Amt Kehl Jan.

1893 Anton Rünzi, Bäcker von Kleinlaufenburg März

1897 Albert H i ß , Bäcker von Eichstetten, Amt Emmendingen

1907 Wilhelm H u g , Bäcker und Ehefrau Rosa geb. Wehrle, von Bleibach, Amt Waldkirch

1958 Albert H u g , Bäckermeister

Durch den Totalabbruch des Schuhhauses Kleinhans stürzte 1964 die östliche Giebelmauer in sich zusammen.

Das war das Todesurteil des alten Anwesens Brunnen-str. 3.

Die Auslegung:

„Unser Lieben Frauen Haus “ bedeutet nicht “ Frauenhaus“ sondern ist das Haus Unserer Lieben Frau.

Mittelhochdeutsch: „unser lieben vrouwen (vrowen, frowen) hus „; das ist aber nichts anderes als die mittelhochdeutsche konsonantische n -Deklination, Femininum, Singular, Genetiv. Im Klartext: Im Mittelhochdeutschen erfolgt die Antwort auf die Frage: „Wessen Haus ist es?“ nicht so : “ Das Haus Unserer Lieben Frau “ sondern “ Unser Lieben Frauen Haus“. Wir verwenden also die neuhochdeutsche Schreibweise aber die mittelalterliche Deklination der Einzahl beim “ Wesfall “ (Genetiv). Es handelt sich somit nicht um “ Frauen “ sondern nur um eine einzige : Unsere Liebe Frau, nämlich Maria, die Mutter Gottes, und diese Bezeichnung verweist auf das Münster.5) „Unser Lieben Frauen “ Pflegschaft Haus gehörte, wie wir erfahren haben, der Kirchenpflege. Es ist demnach das Haus der Vermögensverwaltung der Kirche “ Unserer Lieben Frau „, des Münsters. Diese war darin untergebracht (Modern würde man sagen, hier waren die Büros.). Nun war das originale Haus, wie auf der abgebildeten Fotografie ersichtlich, ein stattliches Haus. Das erlaubt die Annahme, daß es auch die Wohnung für einen oder gar zwei Pfleger enthielt.6)

Zur Erläuterung sei ausgeführt: Pfleger ist der Kurator, d. h. ihm obliegt die Obsorge für das Vermögensgut der Lieb- Frauen -Pflegschaft. Er hat das Geschäftsführungs- und Vertretungsrecht, d. h. Vollmacht im Innen- und Außenverhältnis; insofern ist er vergleichbar mit dem Vorstand einer heutigen Juristischen Person, er ist Leitungsorgan. Seine Tätigkeit umfaßt viele Aufgaben: Leitung der, wie wir heute sagen würden, „Sozialstation „, Verwaltung der Liegenschaften, Schließung von Verträgen jeder Art, Überwachung der Jahrtage, Vergütungen für Ministranten und Mesner, Beschaffungsplanungen usw.

Als Aufsichts- oder Überwachungsorgan fungiert in der Regel der Rat der Stadt. In dem Haus könnte ferner die Wohnung eines Kaplans gewesen sein und daß ein Stall vorhanden war, wird ebenfalls gesagt. Schließlich waren alle diese Leute Ackerbürger und im gewissen Umfang Selbstversorger. Soweit die Quellen reichen, sieht die Wahrheit anders aus als sie die mündliche Überlieferung uns berichtet. Die Bezeichnung “ Unser Lieben Frauen Pflegschaft Haus “ könnte, wie ausgeführt, aus dem religiösen Blickwinkel betrachtet, zur Annahme verleiten, das Haus sei eine klösterliche Unterkunft für Frauen gewesen. Tatsächlich gibt es dafür aber keinen Beweis, zumindest ist er bisher nicht aufgetaucht. Unsere obige Darstellung ist aus der inneren Logik des Sachverhalts richtig und dürfte auch für die Zeit vor 1766 gelten.

Auch bei der Überprüfung der “ Legende Nr. 2 “ bleibt der Begriff “ Frauenhaus“ im Spiel. Allerdings wird er hier im Sinne eines Freudenhauses verstanden. Das mittelhochdeutsche Wort “ vrouwenhus “ heißt Hurenhaus. In Villingen kennt man zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Ausdruck für dieses Etablissement die Bezeichnung „gmein frowenhuß“ oder „gemain frowenhuß“ ( gemain = niedrig), wie wir aus zwei Urkunden wissen.7 ) In der in der Fußnote erstgenannten Urkunde taucht eine Anna von Stouffen auf, die vom Bürgermeister und Rat “ daz gmein frowenhuß . . gelihen “ bekommen hatte. Weil sie sich aber nicht an die Bestimmung gehalten hatte, nämlich sich nicht mit Ehemännern abzugeben, wurde sie aus der Stadt verbannt. Da haben wir die dubiose Dame der Legende und natürlich auch die bienenhaften Damen, die ihren Nektar nur aus den Geldbeuteln lediger Männer schlürfen durften. Legende muß es schon deshalb bleiben, weil es kaum vorstellbar ist, daß in einem so stattlichen und an so exponierter Stelle der Stadt stehenden Haus ein Freudenhaus hätte betrieben werden können. Dafür gibt es den stillen Winkel des Rietviertels, die heutige Turmgasse beim Romäusturm, der noch auf dem Stadtplan des Martin Blessing von 1806 “ Freudenstadt “ — im Volksmund “ Freidestädtle “ —heißt. ( In Rottweil lautet die Bennenung der entsprechenden Örtlichkeit “ siiß Löchle „.)

Es bleibt noch die dritte Legende, die über den Chronisten Hug. Wir können sie ebenfalls so schnell abtun wie die ersten. Unterstellen wir, es käme heute ein geschichtsinteressierter Bürger aus der Ferne erstmals ins Städtle, der sich, sagen wir im Laufe eines Jahres, ein wenig durch die Stadtgeschichte hindurchgelesen hat. Ihm würde man nun das große stattliche Haus zeigen, das ja dem alten ähnelt (vgl. die Abbildungen), und dazu würde man bemerken: “ Das war dem Hug sein Haus „. Wie leicht könnte man da den „Aha-Effekt “ auslösen, was besagt, daß unser Neubürger messerscharf schließen würde: Uraltes, großes, zentrales Haus — und “ Hug „: „Aha „, das war der berühmte Chronist Heinrich Hug aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. So kam diese „autorisierte“ Legende wohl auch zustande. Jedoch : April, April ! In der Generationenfolge von Bäckern war es seit 1907 das Haus des Bäckers Wilhelm Hug und ab 1958 das seines Sohnes Albert, bis es 1964 abgebrochen wurde. Es war das Haus vom “ Becke -Hug „. Vor allem Sohn Albert war ein stadtbekannter Humorist, der zusammen mit seinem Bäckerkollegen Hermann Rible viele Jahre zu den Attraktionen des Balls der Narrozunft gehörte. Er lebt heute, 75jährig, im Hause seines Freundes Hermann Rible in der Gerbergaß.

Auch so entstehen Legenden. Da schmunzelt der Bäcker Hug!

1) Erneuertes Stadtrecht von 1371, in : Oberrheinische Stadtrechte, 2. Abteilung: Schwäbische Rechte, Erstes Heft: Villingen, bearbeitet von Christian Roder, Heidelberg 1905, Seite 55, letzter Absatz.

2) Brandversicherungskataster von 1766 der Stadt Villingen

3) Adreßbuch der Großherzoglich Badischen Kreishauptstadt Villingen von 1900, Frick -Verlag Villingen. Die Hausnummern von 1766 Nr. 523 und später 384 entstanden durch eine unterschiedliche organisatorische Erfassung und sind in der Sache identisch.

4) Rodersches Repertorium über das Pfarrarchiv Villingen — (CCC 12) 3245 im Stadtarchiv — Maria Magdalena Pfründe im Münster, Lit. K. 4

5) Vgl. H. J. Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Band 1 S. 128 Nr. 614 … unser lieben frowenmunster ce Villingen. . . (1480)

S. 299 Nr. 1590 .. unnser lieben Frawen münster zu Villingen (1595)

S. 341 Nr. 1787 … ahn unser lieben frawen pflegschafft im münster (1695)

6) 1519 werden drei Pfleger genannt; vgl. Pfründarchiv Villingen, bearbeitet von Josef Fuchs, Villingen -Schwennin-gen 1982, S. 98 Nr. 42 – 243

7) H. J. Wollasch, a. a. 0., Bd. I, S. 166, Nr. (JJ 78 ) 809 Derselbe    a. a. 0., Bd. I, S. 199, Nr. (JJ 159) 1003

Auch das gibt es noch: E Holzbiig i de Brunnegass

 

… und de Maa, wo ’s Holz selber spaltet.