Die Wappentafel der Villinger Familie Werner (Werner Huger)

Die wundersame Reise einer Villinger Glasmalerei vom Museum in Villingen ins Museum nach Brixen (Italien)

Vorbemerkung: Die Abbildung der Glastafel erfolgte schwarz-weiß nach einem farbigen Dia. Bei der Wappentafel handelt es sich um die der Vorfahren der Uhrenfabrikanten Werner, deren Fabrikgebäude im Benediktiner-Ring gegenüber der Kirche noch steht.

Sie gehörten zu den Pionieren der industriellen Entwicklung in Villingen. Ihr Grabstein nebst Grab existiert noch heute an der östlichen Friedhofsmauer südlich des Kirchturms, ebenso das des Heinrich Osiander, von dem unsere Geschichte erzählt.

 

 

Heinrich Osiander war ein ehrenwerter und mächtiger Mann im kleinen Städtchen vor und nach der Jahrhundertwende. Er war Bürgermeister und später sogar Ehrenbürger der Stadt Villingen. Das Osianderhaus trägt noch heute seinen Namen. Es steht vornehm gerichtet beim Riettor und gehörte ihm. Er war, wie gesagt, ein Honoratior (lt. Duden: Standesperson, bes. in kleineren Orten). Wenn man ihm begegnete, trat man vom Gehsteig herunter auf die Straße und grüßte devot den Herrn mit dem gestrengen Gesicht. Kunstliebend war er übrigens auch, und für Geschichte hatte er was übrig. Stets pflegte er aus der Geschichte der Stadt zu zitieren, es mag dabei um sowas Wichtiges wie die Anschaffung einer neuen Feuerspritze oder sowas Unwichtiges wie die Länge der Forellen in der Brigach gegangen sein. Kunstliebend hieß unter anderem: er lieh sich so einiges aus dem städtischen Museum und nahm es mit nach Hause. Mit Geschmack hatte er sich die herrliche Glasmalerei des Wappens der Familie Werner aus dem Museum ans Morgenfenster seiner Wohnstube gehängt. Seine Mutter war eine geborene Werner. Einige abgeschnittene Siegel und ein von Prinz Eugen, dem edlen Ritter, persönlich signiertes Bild unterstrichen die Reputierlichkeit der bürgermeisterlichen privaten Residenz. Eines Tages wird man alles wieder zurückgeben. Eines Tages war er tot. —

Der heutige Platz zwischen dem Giebel der Franziska-nerkirche und der Rietstraße gehörte zum Haus und war gänzlich von einer mannshohen Mauer umschlossen. Der von ihr gesäumte alte Friedhof der Franziskaner war mit Bäumen und Büschen voll bestanden, dazwischen eine Gartenlaube. In ihr saß jetzt frühmorgens schon Witwe Osiander, zu Füßen die kleine Angestellte der Eisenhandlung Joseph Schleicher, H. Osianders Nachfolger, die sie sich zum Plaudern ausgeliehen hatte. Oben vom Fenster grüßte bunt im Sonnenlicht das Wappen der Familie Werner. Niemand traute sich. Eines Tages war sie tot. Der Sohn war Jurist, Kriegsgerichtsrat im Zweiten Weltkrieg sogar, aber sicher kannte er auch alle Bestimmungen des BGB über den gutgläubigen Eigentumserwerb. Ihn zog’s gen Süden. Er heiratete nach Sankt Ullrich, der schönen Heimat des Luis Trenker. Dort verband sich das Glaswappen aus Villingen am Fenster idyllisch mit dem Leuchte-gelb der Dolomitenkegel in der untergehenden Italiensonne. Eines Tages war Osiander junior tot. Die Witwe Osiander junior saß jetzt frühmorgens schon vor dem Haus im Garten zwischen Bäumen und Büschen und wunderte sich nicht schlecht, als in den 1960er -Jahren plötzlich drei wackere Villinger vor ihr standen. Sie war — ohne Ironie — eine ehrenwerte Frau: “ Nehmt mit was ihr findet, wenn’s sich mein Schwiegervater einst geliehen hatte.“ Sie fanden die Siegel, das Prinz Eugen -Bild mit Signatur, zahlten und nahmen die Sachen mit. Halt! , das wertvolle Glasbild — ja, leider, das hatte ihr Mann vor Jahren schon ans unweite Museum nach Brixen verkauft; für den Gegenwert hätte man ein Häuschen kaufen können — aber, so war es, leider leider. Es kann selbstverständlich besichtigt werden. Öffnungszeiten: Werktag 10 — 12 und 15 — 17 Uhr, Samstag/Sonntag 10.— 12 Uhr, montags geschlossen, ebenfalls vom 1. Oktober bis 31. Januar. Eintritt: 1200 Lire. Man findet es gleich rechts im Hausflur, eingelassen in der Wand, von hinten beleuchtet. Und es leuchtet so den ganzen Tag, viel schöner als am Fenster in der Stube an der Rietstraße, die weder Mittags -noch Abendsonne hatte — fürwahr!

Das also war die Geschichte eines ehemaligen Bürgermeisters und seines entliehenen städtischen Kulturguts.

 

Einst als Rollschuhbahn vorgesehen, bietet der Ringanlagenbereich zwischen Riettor und Kanzleigasse heute ein gemütliches Fleckchen zum Ausruhen.