Das Franziskaner

Im alten Glanz: 1292 (Weihe) bis 1797

Kloster der Brüder des heiligen Franziskus. Seit 1268 Ort des Gottesdienstes und des Wirkens der Mönche für und mit der Bevölkerung. Versammlungsraum der Bürger bei wichtigen öffentlichen Anlässen.

Ohne Glanz: 19. Jahrhundert bis 1982

Pferdestall, Kaserne, Kriegsmagazin, Feldbäckerei, Scheune, Fruchtspeicher, im Dritten Reich Lager und Versteigerungsort der Möbel jener jüdischen Mitbürger, die ihre Stadt verlassen mußten, Herberge für Flüchtlingselend nach 1945, Lager für Rundfunk-und Fernsehgeräte und im Klosterbereich, außerhalb des Kirchenraums, „Spital“, d. h. Altersheim.

Neuer Glanz: 1982 Konzerthaus der Stadt, Museumserweiterung und Archiv.

Teilfertigstellung: Kirche, Kreuzgang und Erdgeschoß sowie Teile der Obergeschosse, Garderoben, Foyer.

Zur festlichen Eröffnung des Franziskaner- Konzerthauses am 17. September 1982 hatten sich auch Patres jenes Ordens eingefunden, der in diesem ehemaligen Kloster jahrhundertelang für die Menschen der Stadt wirkte.

 

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Stadtbau-direktor Karl Böhler, städt. Beauftragter für Denkmalpflege, drucken wir nachstehend zur Einführung seinen Beitrag „Zum Um- und Ausbau des ehemaligen Klosters“ ab, der in einer Sonderbeilage des Schwarzwälder Boten im September 1982 erschienen ist.

Im Januar 1978 wurde das Planungs- und Nutzungskonzept für den Ausbau des ehemaligen Franziskanerklosters endgültig verabschiedet. Mit dem Theater am Ring, der Konzerthalle mit Foyer und Ausstellungsräumen, dem Museumsbereich im ehemaligen Klostergebäude und dem Osianderhaus sowie dem Stadtarchiv sollte ein einmaliges kulturelles Zentrum geschaffen werden.

Programm und Aufgabe waren bzw. sind

1. Nutzung des ehemaligen Kirchenraumes und Chores als Konzerthalle. Ausbau, Ausstattung und Gestaltung sind auf diese Zweckbestimmung auszurichten. Für die Meisterkonzerte war ein Fassungsvermögen von 800 bis 900 Besuchern anzustreben. Es war in Abstimmung mit der Denkmalpflege zu prüfen, ob durch eine Empore die gewünschte Besucherzahl erreicht werden kann. Besonderer Wert wurde auf die Raumakustik gelegt.

2. Für die Besucher waren angemessene Frei – und Bewegungsflächen anzubieten durch Einbeziehung des Kreuzganges mit einer Verglasung oder eine Überdachung des Innenhofs.

3. Das Refektorium soll für Repräsentationszwecke zur Verfügung stehen. Die ehemaligen Wirtschaftsräume und der überdachte Wirtschaftshof sollten für Wechselausstellungen eingerichtet werden. Ein kleines Theaterbufett war mit einzuplanen.

4. Alle übrigen Räume in den oberen Geschossen des ehemaligen Klostergebäudes waren für Museumszwecke auszuweisen, mit Ausnahme der Garderobenräume für Mitwirkende.

5. Das Osianderhaus soll im Erdgeschoß ein Regionalmuseum für Vor- und Frühgeschichte, im 1. und 2. Obergeschoß das Stadtarchiv aufnehmen.

Die Sanierung des ehemaligen Franziskanerklosters verlief in 3 Hauptphasen :

1. Sicherung und Erhaltung der wertvollen Bausubstanz. Das historische Erbe, das die Stadt Villingen – Schwenningen mit der Übernahme des ehemaligen Klostergebäudes und des Osianderhauses angetreten hat, stellte hohe Ansprüche hinsichtlich der Sicherung und Erhaltung unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten. Die Überlegungen nach einer neuen Nutzung gehen bis in die 60iger Jahre zurück, in die Zeit, als der Spitalfond zu der Erkenntnis kam, nur in einem neuen Haus könne der Auftrag der Stiftung, nämlich die Pflege und Betreuung der alten Menschen, voll erfüllt werden. Im Juli 1978 verließen die letzten Heimbewohner die Räume an der Rietgasse und Rietstraße. Damit stand der gesamte Gebäudekomplex frei für bauliche Maßnahmen. Ein erster Schritt war eine Bestandsuntersuchung der tragenden Konstruktion, der Mauern, der Decken und des Dachstuhls. Es war ein Neubeginn notwendig. Vorliegende Gutachten und durchgeführte Sanierungen erwiesen sich als nicht tragfähig. Es galt ein konstruktives Konzept zu finden ohne störende Eingriffe in den früheren Sakralraum und den Chor.

Hier zeigten sich erste Schwierigkeiten. Die bisher unkontrollierbare Eigenbewegung des gewaltigen Dachstuhles sowie die bis zu einer halben Mauerstärke überhängende Traufe der Ostwand haben zu einer Verformung geführt, die eine akute Gefährdung darstellte. Das meterdicke Mauergefüge mit seiner inneren und äußeren Schale ohne statische Bindung der Füllschicht war nicht in der Lage, bei einer Länge von 40 m und einer Höhe von 11 m alle auf sie einwirkenden Kräfte aufzunehmen.

Eine statische Sicherung konnte nur durch einen Vertikalpfeiler mit einer Rückverankerung zur Westwand im Boden und über den Dachraum erreicht werden. Nachdem das Landesdenkmalamt Bedenken gegen außenliegende Pfeiler anmeldete, wurde die Hallenwand an der Rietgasse in einer Breite von ca. 6 m auf die gesamte Höhe ausgebrochen und mit einem Stahlbeton-kern gesichert. Formal wurde so die alte Mauerflucht erhalten. Weitere Schäden, fast noch schwerwiegender, zeigte die Hallenwestwand. Nach der Säkularisation waren im nordwestlichen Teil der Halle Pferdestallungen untergebracht. Die Folge war eine fortschreitende Zerstörung des Mauerwerkes.

Durch zwei Maßnahmen konnte hier eine Sicherung erreicht werden : durch das Verfahren einer Vernadelung, d. h. ein diagonal versetzes Aufbohren der schadhaften Wand, das Einführen von Bewährungsstählen und das Ausgießen der Hohlräume mit Zementmilch. Dabei mußte mit großer Vorsicht zu Werke gegangen werden, damit die Putzschicht der Halleninnenwand für die spätere Restaurierung erhalten blieb. Eine weitere Sicherung konnte durch das Einziehen einer Empore erreicht werden. In das Flächentragwerk der Stahlbetondecke wurden alle umgrenzenden Wände verankert.

Ein neues Problem brachte das Öffnen der Chorwand sowie das Ausbrechen der Mauerbrüstungen und der Geschoßdecken. Hier wurde zunächst die Tragfähigkeit der schlanken Mauerpfeiler durch endoskopische Aufnahmen überprüft. Dabei zeigte sich, daß die Pfeiler nicht homogen hochgemauert, sondern im Innern mit Bruchmaterial verfüllt waren und große Hohlräume aufweisen. Dazu kamen die Zerstörungen durch das Einziehen der Geschoßdecken und der Fensterbrüstungen. Auch hier erfolgte eine Vernadelung nach dem bewährten Verfahren.

Die gesamten Sicherungsmaßnahmen haben einen Kostenaufwand von ca. DM 2,5 Mio. erfordert, wobei allein für die Dachstuhlsanierung ein Betrag von ca. DM 250000.— und für die Unterfangung der Wände im Bereich des Foyers ein Betrag von ca. DM 350000.—aufgewendet werden mußten.

Das Franziskaner-Areal in der Neuplanung.

 

2. Erst nach Abschluß der baulichen Sicherung konnte die 2. Phase, der Ausbau nach dem vorgegebenen Raumprogramm in Angriff genommen werden.

Schwerpunkte beim weiteren Vorgehen waren Fragen der Akustik, der Bauphysik, des Raumklimas, des baulichen Brandschutzes, der Einbruchsicherung.

Eine Konzerthalle stellt hohe Ansprüche an die Raumakustik. Ein Raum muß antworten, pflegen Akustiker zu sagen. Eine Antwort ist aber nur möglich, wenn alles stimmt, wenn die Verständlichkeit auch in den Randbereichen vorhanden ist. Schon bald wurde ein Akustiker zur fachlichen Beratung hinzugezogen, der bestimmend Einfluß auf die Gestaltung der Wände, der Decken, der Empore sowie der Einrichtung und Ausstattung nehmen sollte.

Die Bauphysik und das Raumklima brachten eigene Gesetzmäßigkeiten in die Diskussion zwischen Denkmalpfleger, Architekt und Ingenieur. Vorrangig standen die Belange der Denkmalpflege : Erhaltung und Sicherung der alten Wandmalereien, der Putzschicht und Putzstrukturen vorwiegend an der Westwand, an der Chorwand sowie im Chorraum, in Bereichen, die nach der Zerstörung von 1705 noch erhalten geblieben sind und die Säkularisation und die Folgejahre schadlos überstanden hatten.

Es galt ein Raumklima zu schaffen, das einmal den Ansprüchen von Ausstellungen und der musealen Nutzung entsprach und zum anderen dem Besucher einer mehrstündigen konzertanten Aufführung kein raumklimatisches Unbehagen aufkommen ließ. Die mönchischen Tugenden der Franziskaner, die Abhärtung und die Anspruchslosigkeit werden sicher auch heute noch geachtet, aber niemand wird mehr bereit sein, sich in diesen Tugenden zu üben. Wenn man bedenkt, daß seit der Entstehung des Franziskanerklosters der Kirchenraum mit dem Chor nie beheizt worden ist, Kälte und Feuchtigkeit das Raumklima bestimmt haben, war nunmehr die Frage, wie würde das Bruchsteinmauerwerk und das alte Holzwerk auf die geänderten Einflüsse reagieren. Durch Gründungsuntersuchungen konnte nachgewiesen werden, daß im Bereich der Rietgasse der Grundwasserspiegel sehr hoch anstand, d. h. das Bruchsteinmauerwerk wird, nachdem keine horizontalen Sperrschichten eingebaut werden können, immer eine aufsteigende Durchfeuchtung haben.

Nach einem 2-Stufen-Verfahren kann in einer ersten Stufe über eine Fußbodenheizung eine Raumtemperatur von ca. 120 erreicht werden, ausreichend für alle Ausstellungen und die museale Nutzung. Für Veranstaltungen konzertanter Art kann in einer zweiten Stufe durch ein im Boden und im Dachraum geführtes Lüftungssystem bis auf 20° hochgefahren werden. Dieses Hochheizen geschieht kurzfristig, nach Ende einer Veranstaltung wird die Raumtemperatur wieder abgesenkt. Damit soll vermieden werden, daß langanhaltende, hohe und trockene Raumtemperaturen zu nachteiligen Veränderungen im Mauerwerk und im Holz führen. Zur Unterstützung dieses Vorganges wurde die Innenseite der Hallenostwand auf die gesamte Länge mit einer wärmedämmenden Schale versehen. Die Meisterkonzerte, bisher ein fester Bestandteil im kulturellen Angebot der Stadt, sollen ebenso wie andere Konzerte im ehemaligen Franziskanerkloster ein neues Zuhause haben. Zur Verbesserung der akustischen Wirkung und der Sichtverhältnisse wurde ein mehrstufiges Hubpodest eingebaut, das, ergänzt durch mobile Elemente bei einer Szenentiefe von 14 m bis zu einer Höhe von 1,75 m ausgefahren bzw. aufgebaut werden kann. Mit dieser Einrichtung können große Chorwerke mit Orchesterbesetzung, Oratorien und Sinfonien ohne räumliche Enge aufgeführt werden. Für Künstler und Mitwirkende wurden im Obergeschoß des naheliegenden Südflügels Solisten- und Aufenthaltsräume geschaffen. Ein Konzerthaus für 800 — 900 Besucher erfordert auch ausreichende Frei – und Bewegungsräume. Während die Garderobenräume mit den Toiletten, erreichbar über eine großzügige Treppenanlage, in das Untergeschoß unter den Komödiengarten gelegt werden konnten, wurde der Kreuzgang, der ehemalige Küchentrakt, der eindrucksvoll gestaltete frühere Wirtschaftshof sowie das neu gefaßte Refektorium in die Foyerfläche mit einbezogen. So entstand eine interessante Raumfolge mit Zeugnissen verschiedener Zeitepochen auf einer Fläche von ca. 680 qm.

Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei der Kreuzgang mit seinem reichen gotischen Maßwerk aus der Hälfte des 15. Jahrhunderts ein. Die Verglasung eines Kreuzganges von dieser Einmaligkeit wird immer ein Wagnis und ein Risiko sein, weil das Glas in Material und Gestaltung oft überlieferte Werte zerstören kann.

3. Denkmalpflegerische Maßnahmen

Die bei den Restaurierungsarbeiten zu Tage getretenen reichen Funde, Zeugnisse vergangener Jahrhunderte, ihre Sicherung und Erhaltung bedürfen einer eigenen Würdigung und Interpretation. Unbestritten ist der hohe Stellenwert, den das Landesdenkmalamt diesem einmaligen Kulturdenkmal einräumte und das Bemühen der Stadt durch eine hohe Förderung unterstützte.

Vor 5 Jahren, vor Beginn der Arbeiten, konnte niemand den Umfang und das Ausmaß dieser großen Aufgabe erfassen und begreifen. Es war kein Bauablauf in festen Bahnen, sondern ein fortwährender Sanierungsprozess, ein Procedere im Sinne des Wortes, eine dauernde Herausforderung mit immer neuen Fragen und Notwendigkeiten an alle Teilnehmer des Arbeitskreises “ Franziskaner “ und nicht zuletzt auch an die Entscheidungsgremien.

Mit dem 1. Bauabschnitt ist ein großer und zugleich wichtiger Schritt getan.

Der Dank dafür gebührt allen, die zum Gelingen des Werkes beigetragen haben, vor allem denen, die bereit waren, Lösungen zu erarbeiten, Risiken zu übernehmen und Entscheidungen mitzutragen.

Es bleibt zu hoffen, daß von dem großen Elan, mit dem die Stadt Villingen -Schwenningen an diese einmalige historische Aufgabe herangegangen ist, noch so viel Kraft verblieben ist, das Begonnene zu einem Ganzen zu vollenden.

 

Die ehemalige Klosteranlage und das heutige Konzerthaus. (Aufnahme des Modells)

 

 

Das Franziskaner-Konzerthaus ist fertiggestellt. Im ehemaligen Kirchensaal werden die letzten Vorbereitungen für den Festakt getroffen. Blick vom Chorbogen ins Saalinnere.

 

Festrede von Dr. Wolfgang Stopfel,

Hauptkonservator und Leiter der Außenstelle Freiburg des Landesdenkmalamtes Baden/Württemberg, Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege

Mit der Einweihung zum Konzertsaal gewinnt diese Kirchenhalle eine Bedeutung als öffentlicher Versammlungsraum zurück, die sie über 500 Jahre lang gehabt hat, von ihrer Weihe 1292 bis zur Auflösung des Franziskanerklosters im Jahre 1797.

Das mag für eine Kirche merkwürdig klingen, erklärt sich aber aus ihrer Geschichte.

Im Jahre 1267 rief Karl-Heinrich von Fürstenberg die minderen Brüder des Hl. Franziskus in die Stadt Villingen zur Gründung eines Klosters. Sie erhielten zur Ansiedlung ein Gelände nahe der Stadtmauer, auf dem vorher bereits Häuser gestanden hatten. In langer Bauzeit, verzögert durch den großen Stadtbrand von 1271, wurden Kloster und Kirche erbaut. 1292 fand die Schlußweihe der Kirche statt.

Die Lage innerhalb der Stadt, aber nahe der Mauer, ist ebenso charakteristisch für die Kirchen der Franziskaner wie die Anpassung der Gebäude an die vorgegebene städtische Topographie : so ist die Franziskanerkirche nicht geostet, sondern hat den Chor im Süden. Schon in der Lage der Kirche und des Klosters innerhalb der Stadt zeigt sich, daß das Ideal der Bettelorden nicht die mönchische Abgeschlossenheit und die Konzentration auf das Chorgebet war, sondern das Wirken unter und mit der Bevölkerung einer Stadt. Die betont schlichten Kirchen der Franziskaner waren im wesentlichen große ungeteilte Räume für Predigt und Versammlung; unsere Kirche mit ihrem Schiff von 40 auf 17 Meter ist hierfür ein besonders einprägsames Beispiel.

Dieser größte Versammlungsraum des mittelalterlichen Villingen diente neben dem Gottesdienst wichtigen öffentlichen Funktionen. So wurde jährlich in der Kirche den Bürgern das Stadtrecht verlesen, in diesem Raum fanden Wahlen und die Vereidigung des Bürgermeisters, des Schultheißen und des Rates statt. „In den Zeiten der Not, im Bauernkrieg und in den fünf Belagerungen, sammelte sich das Volk, um Trost und Ermunterung zu finden bei den Franziskanern“, schreibt Albert Fischer in seinem Buch „Aus Villingens Vergangenheit“. Neben der Größe und der Gestaltung als möglichst ungeteiltem Predigtraum muß noch eine weitere Besonderheit nahezu aller Franziskanerkirchen hier erwähnt werden, weil sie für das Konzept dieser Restaurierung wichtig war : Die betont schlicht gehaltenen Kirchen wiesen nur ganz selten eine geschlossene Ausmalung nach einem einheitlichen Programm auf, wie wir es uns für die meisten Pfarrkirchen des Mittelalters vorstellen müssen. Die Franziskaner selbst ließen ihre Kirchen nicht ausmalen. Die Bürger aber nutzten die Wände der Kirche, um dorthin Andachts- oder Gedächtnisbilder zu stiften.

 

Während des Festaktes im Konzerthaus. Die Ausführenden des musikalischen Teils sind : Kammerorchester Villingen-Schwenningen Leitung: Musikdirektor Claus Oberle, Chor aus Mitgliedern des Bachchors Schwen-ningen, Motettenchors Villingen, Kirchenchors St. Franziskus Schwenningen und der Villinger Kantorei Leitung: Bernd Boie, Rüdiger Just.

 

Blick in den Kreuzgang, dessen Fensteröffnungen aus heiztechnischen Gründen verglast werden mußten.

 

So waren die Wände der Bettelordenskirchen oft mit einer Fülle von einzelnen verschieden großen Bildern aus verschiedenen Zeiten bedeckt, wie Sie dies noch heute besonders eindrucksvoll bei den großen italienischen Franziskanerkirchen, etwa in der Kirche der Frari in Venedig oder in St. Croce in Florenz sehen können. In Villingen teilten die Brüder vom HI. Franziskus über fünf Jahrhunderte das Schicksal der Villinger Bürger in Freud und Leid, ihre Kirche und ihr Kloster das Schicksal der Stadt. Bei der Belagerung von 1633 erlitt das Kloster große Schäden. Bei der Belagerung von 1704 wurde es fast vollständig zerstört, die Kirche schwer beschädigt. Aber schon in den Jahren 1706/07 wurde das Kloster wieder aufgebaut, die halbzerstörte Kirche zwischen 1711 und 1715 nach Plänen des Jodokus Bär, eines Vorarlberger Baumeisters, instandgesetzt. Bis zur Zerstörung besaß die gotische Kirche über dem Langhaus ein flaches hölzernes Tonnengewölbe, wie es auch für das Münster nachgewiesen ist und heute noch in seinen Abdrücken auf dem Dachboden des Münsters deutlich erkennbar blieb. Der hohe Chor der Franziskanerkirche war mit Maß-werkfenstern geschmückt. Entgegen älteren Quellenangaben legt das Ergebnis der Untersuchungen nahe, daß der Chor nie ein steinernes Gewölbe besaß.

Zwischen Chor und Langhaus stand ein Lettner, der die ganze Breite des Hauses einnahm und an die Außenwände stieß. Unter dem Lettner hindurch führten einige Stufen-in den Chor. Im Norden der Kirche fand sich eine Empore; die Balkenlöcher ihrer Auflager wurden bei der letzten Restaurierung gefunden.

Beim Wiederaufbau nach der Zerstörung von 1704 wurde die Kirche barockisiert. Die Langhauswand zur Rietgasse hin mußte im oberen Teil ganz neu aufgeführt werden, dabei kamen die neuen barocken Fenster nicht mehr an die Stelle der ursprünglichen gotischen.

Die Fenster an der Seite zum Kloster hin wurden jetzt oder schon früher vermauert, weil dem Kloster ein weiteres Stockwerk aufgesetzt wurde. Auch die bis dahin erhaltenen gotischen Maßwerkfenster des Chores wurden in etwas niedrigere Barockfenster umgebaut, in den hohen gotischen Chorbogen ein neuer rundbogiger Triumphbogen eingestellt. An der Nordseite blieben die gotischen Maßwerkfenster erhalten. Das Langhaus erhielt eine flache Stuckdecke — wie etwa gleichzeitig auch das Münster — , die später mit einem Dekkengemälde geschmückt wurde; auch der Chor erhielt eine flache Stuckdecke. Ein Lettner war nicht mehr vorhanden, an seine Stelle traten barocke Seitenaltäre. Die Barockkirche mit den vielen neuen Altären, in buntem Stuckmarmor ausgeführt, von dem Sie in der Ausstellung einige Stücke sehen können, muß einen festlichen Anblick geboten haben.

Aber nur wenige Jahrzehnte konnten sich die Franziskaner ihrer restaurierten Kirche erfreuen.

Nachdem schon 1770 die jahrhundertelang im Klosterhof aufgeführten Passionspiele verboten wurden und die Franziskaner auch ihr Gymnasium schließen mußten, wurde 1797 der Konvent endgültig aufgehoben. Die nun folgenden eineinhalb Jahrzehnte ungeeigneter Nutzung vermochten es, Klostergebäude und besonders die Kirche sehr weitgehend zu ruinieren. Als Amtshaus, Kaserne, Lazarett, Knabenschule und Spital wurde das Kloster nacheinander genutzt. Die Kirche traf ein schlimmeres Schicksal. Das Schiff diente als Viehstall und Scheune, der Chor wurde in drei Stockwerken in kleine Zimmer und Nebenräume abgeteilt. Nicht nur die Raumwirkung des Gotteshauses war völlig zerstört, die ungeeignete Nutzung führte auch zu schweren baulichen Schäden.

Es ist heute schwer, sich vorzustellen, wie dieser Raum zu Beginn der Restaurierungsarbeiten aussah.

Als ich ihn zum ersten Male sah, war es ein riesiger leerer Kastenraum ohne richtigen Boden, Wände und Decke bedeckt mit den Resten eines ehemals weißen Kalkanstrichs, verfleckt von der aufsteigenden Feuchtigkeit aus bis an die Fundamente herangeführten Jau-chengruben und Mistlegen. Unzählige Flickstellen im Mauerwerk zeugten von früheren Sicherungsarbeiten und von eingebauten und wieder herausgebrochenen Zwischendecken. An der Stirnwand zeichnete sich der ehemalige Chorbogen der Barockkirche ab, darüber durch Risse im Putz auch der gotische Chorbogen. Nach dem Herausbrechen der Einbauten im Chor, das nach dem Neubau und der Verlegung des Altersheimes möglich wurde, war zwar der Gesamtraum der Kirche erstmals wieder erlebbar, aber die hohen Fenster waren noch immer durch die alten Geschoßdecken zerstückelt, die Innenwand des Chores mit dem „Flickenteppich“ der Abdrücke ehemaliger Zimmerwände bedeckt.

Und dieser Raum sollte nun restauriert werden! Die Voraussetzungen dafür schienen nicht gut.

Schon anläßlich der Aufführung des Oratoriums „Die Schöpfung“ im Jahre 1972, bei der die hervorragende Akustik des Raumes offenbar wurde, waren ernsthafte Zweifel an der statischen Sicherheit des Gebäudes lautgeworden. Die Wiederherstellung der Standsicherheit erforderte schließlich das Einziehen eines Stahlbeton-Pfeilers in die Ostwand, die Vernadelung und Verpressung der desolaten Wände gegen das Kloster und der Chorwände, eine Sicherung des Dachstuhles und die Benutzung der neuen Empore als statisches Verbindungsglied zwischen den Außenwänden. Diese Arbeiten nahmen die größtmögliche Rücksicht auf den Malereibestand, der in seinem ganzen Umfang durch eine Untersuchung des Institutes für Technologie der Malerei aus Stuttgart im Jahre 1975 festgestellt wurde. So konnte trotz der Zement-Injektionen fast der gesamte Innenputz an der Westwand des Langhauses und im Chor gehalten werden. Die Ostwand des Langhauses verlor allerdings ihren alten Putz. —Auch bei bestem Willen war es nicht zu vermeiden, daß an der Oberfläche der injizierten Wände Verkrustungen durch ausfließende Zementmilch auftraten. Zusammen mit der aus den ehemaligen Dunggruben aufgestiegenen und aus den Mauern nicht vollständig zu entfernenden Jauche an der Westwand der Kirche und den vielen Öl- und Dispersionsfarbenschichten von den ehemaligen Zimmerwänden im Chor erschwerten sie die Freilegungsarbeiten der Restauratoren ganz außerordentlich.

Noch eine weitere Voraussetzung war Grundlage der Restaurierungsarbeiten: Von allem Anfang an war auch von der Denkmalpflege akzeptierter Grundsatz, daß die Nutzung der Franziskanerkirche als Konzertsaal mit allen zugehörigen Einrichtungen allen Restaurierungsüberlegungen übergeordnet werden müßte. Wenn die äußerst umfangreichen technischen Einrichtungen für die Heizung, Belüftung und Beleuchtung des Saales, für eine optimale Akustik und eine optimale Benutzbarkeit durch komplizierte Hubpodeste für die Bühne in diesem Gebäude untergebracht werden konnten und trotzdem noch eine Restaurierung des Kirchenraumes als Kulturdenkmal möglich war, so ist dies nur der hervorragenden Zusammenarbeit zwischen den Ämtern der Stadt Villingen -Schwenningen, Herrn Architekten Fuhrer und seinen Mitarbeitern samt allen Sonderfachleuten und dem Landesdenkmalamt zu verdanken. Für diese Zusammenarbeit, die sich lange Zeit in wöchentlichen Arbeitsbesprechungen manifestierte, möchte ich an dieser Stelle sehr herzlich danken.

Es waren lange und ernsthafte gemeinsame Überlegungen, die zum heutigen Restaurierungskonzept geführt haben. Nahegelegen hätte es, die Barockfassung zum Ausgangspunkt der Restaurierung zu machen. Von ihr sind nur die Stuckprofile der Chordecke und einiger Chorfenster erhalten. Es fehlte die Decke des Langhauses mit dem großen Deckengemälde; der barocke Chorbogen wäre statisch nicht zu halten gewesen und hätte neu aufgeführt werden müssen. Aber die Kirche war im Barock im wesentlichen weiß gestrichen und erhielt ihre Gliederung und ihre farbigen Akzente durch das große Deckenbild des Langhauses und die vielen farbigen Stuckmarmoraltäre. Ohne sie oder ein entsprechendes Äquivalent dafür wäre eine Wiederherstellung des barocken Raumgefüges nicht möglich gewesen. Zwischenzustände der Kirche aus der Gotik und der Renaissancezeit wurden nur in Spuren faßbar. Dagegen konnte die unmittelbar auf dem Putz sitzende ursprüngliche Quaderbemalung der Kirche in großen Partien freigelegt werden. Diese Fassung, von deren Art es nur ganz wenige ähnlich umfangreich erhaltene Beispiele in Deutschland gibt, wurde als Leitschicht gewählt und an störenden Fehlstellen ergänzt. Deutlich ist nun wieder das System ablesbar: graue Quader mit weißen Fugen im Chor und hinter dem Lettner an der Chorwand, graue Quadermalerei auf weißem Grund um die Fenster im Langhaus, weiße Quadermalerei mit roten Fugen an den Schmalseiten des Lettners.

 

Unter den Ehrengästen des Festaktes befanden sich auch Franziskanermönche, darunter — zweiter von rechts — ein Villinger Bürgersohn, Dr. Palmatius Säger OFM aus Fulda, gebürtig aus der Brunnenstraße 26. Die Patres sind eingerahmt von zwei Mitgliedern des Geschichts- und Heimatvereins, ganz rechts: Stadtrat Heinz Härtge, links: Stadtrat Reinhard Bauer, ganz links Frau Bauer.

 

Alle darüberliegenden Reste späterer Bemalungen wurden selbstverständlich nicht zerstört, sondern blieben erhalten, so die Fragmente figürlicher Darstellungen im Chor und einer in vielen Teilen sichtbaren Ornamentierung um die Fenster. Die gotischen Fenstermaßwerke des Chores waren bei dem Umbau der Öffnungen in Barockfenster zum Teil gekippt wiederverwendet worden. Aus den im Mauerverband gefundenen Bruchstücken und einzelnen Funden unter dem Boden der Kirche konnten sie exakt in ihrer alten Form rekonstruiert werden.

Im Langhaus erhalten blieben auch die Spuren der Bemalung am Ansatz des ehemaligen Tonnengewölbes und die Spuren der vielen schon einmal erwähnten und für die öffentliche Funktion der Franziskanerkirchen so charakteristischen Andachtsbilder an den Wänden. Auf eine Ergänzung und damit Verfälschung einzelner Bilder wurde selbstverständlich verzichtet. Es sollte ja auch keine Kirche wiederhergestellt, sondern ein Konzertsaal geschaffen werden, dem man seine Geschichte noch ansieht und der gleichzeitig Teil des großen neuen Villinger Museums sein würde. Zu lesen ist an diesen Wänden noch vieles, und wer sich etwa aus den Spuren eines Heiligenscheines und des in der Hand getragenen Baumes die große Figur des heiligen Christophorus in Gedanken ergänzen kann, dessen Anblick vor einem bösen, unbußfertigen Tod bewahren sollte, der darf sich glücklich schätzen, daß er daran nicht gehindert wird, so wie — ungewohnt in diesem Zusammenhang — einmal Johann Wolfgang von Goethe schrieb: „Ist man nun oft bei Betrachtung solcher Werke genötigt, etwas hinzuzudenken, um womöglich durch Einbildungskraft sie in ihrer Vollkommenheit wiederherzustellen, so wird man durch falsche und ungeschickte Restauration, die durch ihre Gegenwart dem Sinn imponieren, nur zu oft an dieser Operation gehindert“.

Natürlich sind mit dem heutigen festlichen Tag die Arbeiten an der Franziskanerkirche oder gar am Franziskanermuseum noch nicht zu Ende. Auch die Restaurierung der Wand ist noch nicht abgeschlossen. Es werden später zum Beispiel noch die großen Ausblühungen an der Westwand zu überstreichen sein, die heute noch den Eindruck empfindlich stören. Aber um dies sinnvoll tun zu können, muß man warten, bis die chemischen Vorgänge im Wandputz unter dem Einfluß der Heizung zum Stillstand gekommen sind. Natürlich hätte man in einer Augenblickskosmetik diese Flecken für den heutigen festlichen Anlaß zu-streichen können. Aber warum eigentlich? Um die von nun an ewige Jugend dieses jahrhundertealten Gebäudes vorzutäuschen? Heute ist der letzte Tag der Vergangenheit der Franziskanerkirche in Villingen und der erste Tag der Zukunft.

Ich wünsche allen Bürgern von Villingen -Schwenningen, daß sie sich an beidem erfreuen möchten.

Abschließende Anmerkung der Redaktion :

Es soll nicht verschwiegen werden, daß Kultur auch ihren Preis hat. Worüber man heute noch stöhnt, hat für eine künftige Generation nur Erinnerungswert. Es sagt deshalb gar nichts, wenn man die geschätzten Kosten für die Fertigstellung der Gesamtanlage, einschließlich dem sogenannten Osianderhaus, mit 20 Millionen Deutsche Mark beziffert (Dr. Volker Lindner, Erster und Finanzbürgermeister der Stadt Villingen-Schwenningen I. Sagen wir es mit einem Tauschwertbegriff : Für dieses Geld hätte man sich 1982 rund 50 in dieser Zeit übliche Einfamilienhäuser bauen können.